Vier Diskurse

Die Diskurselemente S1, S2, a, $: am Beispiel von Freuds Vergessen des Namens „Signorelli“

Signorelli - Fresko ganzLuca Si­gno­rel­li: Pre­digt und Ta­ten des An­ti­chris­ten. Fres­ko, 1500, Dom von Or­vie­to, Ita­li­en
In grö­ße­rem For­mat hier

In Se­mi­nar 17, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se (1969/70), ent­wi­ckelt La­can das Sche­ma der vier Dis­kur­se. Ein Dis­kurs be­steht aus vier Plät­zen mit vier Ele­men­ten; die Vier­zahl der Dis­kur­se er­gibt sich da­durch, dass die Ele­men­te auf den Plät­zen ro­tie­ren.1Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleiner

Die vier Ele­men­te sind:

S1: Her­ren­si­gni­fi­kant
S2: Wis­sen
a: Ob­jekt a bzw. Mehr­lust
$: Sub­jekt

Im Fol­gen­den skiz­zie­re ich zu­nächst, was mit die­sen Ter­mi­ni ge­meint ist. Es folgt eine Er­läu­te­rung an ei­nem Bei­spiel, an Freuds Ver­ges­sen des Ei­gen­na­mens „Si­gno­rel­li“, ge­nau­er: an La­cans Deu­tung von Freuds Ver­ges­sen.

Die Elemente

Ich än­de­re die von La­can ver­wen­de­te Rei­hen­fol­ge der Dis­kurs­ele­men­te, da­mit die Be­zie­hun­gen zwi­schen ih­nen leich­ter nach­zu­voll­zie­hen sind, und stel­le Be­zie­hun­gen zu Freud her so­wie zu ei­nem äl­te­ren Sche­ma von La­can, dem Gra­phen des Be­geh­rens.2

S2: Wis­sen

In dem Kür­zel S2 – also S In­dex 2 – steht der Buch­sta­be S für „Si­gni­fi­kant“. Das Sym­bol S2 re­prä­sen­tiert das „Wis­sen“ (sa­voir). Un­ter „Wis­sen“ ver­steht La­can die Be­zie­hun­gen zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten; im ein­fachs­ten Fall ist dies ein Si­gni­fi­kan­ten­paar. S2 kann des­halb auch so ge­le­sen wer­den: das Si­gni­fi­kan­ten­paar. Die Be­zie­hung zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten ist gleich­zei­tig, also syn­chron („Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie“) oder zeit­lich nach­ein­an­der, also dia­chron („Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“).

Be­zo­gen auf das Feld der Psy­cho­ana­ly­se steht S2 für das Un­be­wuss­te. Das Un­be­wuss­te „ist ein Wis­sen, von dem das Sub­jekt nichts weiß„3, sagt La­can. Es ist eine Ver­bin­dung von Si­gni­fi­kan­ten – in Freuds Be­griff­lich­keit: eine  Ver­knüp­fung von un­be­wuss­ten Vor­stel­lun­gen –, wo­bei die Ver­bin­dung auf pho­ne­ti­scher Ähn­lich­keit be­ruht (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).4

Fasst man S2 als syn­chro­ne Men­ge von Si­gni­fi­kan­ten auf, wird S2 im Gra­phen des Be­geh­rens durch die Bat­te­rie der Si­gni­fi­kan­ten an den bei­den rech­ten Schnitt­punk­ten re­prä­sen­tiert; der Schnitt­punkt un­ten rechts (A) re­prä­sen­tiert das Vo­ka­bu­lar des be­wuss­ten Spre­chens, der Schnitt­punkt oben rechts ($ ◊ D) das Vo­ka­bu­lar des Un­be­wuss­ten.5

Graph des Begehrens - MATRIX - Graph 4 - vollständiger GraphVer­steht man S2 als dia­chro­ne Ket­te,  ent­spre­chen dem Wis­sen die Pfeil­li­ni­en, die von links nach rechts durch die bei­den Kreu­zungs­punk­te ver­lau­fen; in der un­te­ren Eta­ge des Gra­phen führt die­se Li­nie, für den be­wuss­ten An­spruch, von „Si­gni­fi­kant“ bis „Stim­me“, in der obe­ren Eta­ge, für den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch, von „Ge­nie­ßen“ bis „Kas­tra­ti­on“.

In der syn­chro­nen Ach­se voll­zieht sich im un­be­wuss­ten Wis­sen die Er­set­zung von Si­gni­fi­kan­ten, von La­can „Me­ta­pher“ ge­nannt,  sie er­zeugt eine neue Be­deu­tung. In der dia­chro­nen Ket­te wird die Be­deu­tung be­stän­dig ver­scho­ben; La­can spricht von „Me­to­ny­mie“.6

S2 oder „Wis­sen“ meint also: Si­gni­fi­kan­ten be­zie­hen sich auf Si­gni­fi­kan­ten. Da je­der Si­gni­fi­kant sich auf wei­te­re Si­gni­fi­kan­ten be­zieht, hat dies zur Fol­ge, dass es kei­ne sta­bi­le Be­deu­tung gibt, kein be­stimm­tes Si­gni­fi­kat. Man den­ke an die frus­trie­ren­de Er­fah­rung, die man ma­chen kann, wenn man in ei­nem Le­xi­kon et­was nach­schlägt. Man be­ginnt mit ei­nem Be­griff, den man nicht ver­steht, d..h. mit ei­nem Si­gni­fi­kan­ten. Von hier aus wird man von Ein­trag zu Ein­trag wei­ter­ge­schickt, von Si­gni­fi­kant zu Si­gni­fi­kant. Ohne Ende. Das heißt prak­tisch: Zur Psy­cho­ana­ly­se geht man, um sich dar­über klar zu wer­den, was man ei­nen ei­gent­lich um­treibt. Hier­zu er­kun­den man das Feld des Un­be­wuss­ten – und wird von Si­gni­fi­kant zu Si­gni­fi­kant zu Si­gni­fi­kant ver­wie­sen. Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, sich  dar­über klar zu wer­den, was man letzt­lich will.

S1: Her­ren­si­gni­fi­kant

Auch in dem Sym­bol S1 steht das S für „Si­gni­fi­kant“. Ein S1 oder Her­ren­si­gni­fi­kant (si­gni­fi­ant maît­re) ist ein Si­gni­fi­kant, die die Funk­ti­on hat, die Ver­wei­sung von Si­gni­fi­kant auf Si­gni­fi­kant auf Si­gni­fi­kant zu ei­nem Halt zu brin­gen. Ein Bei­spiel für Her­ren­si­gni­fi­kan­ten in der po­li­ti­schen Sphä­re sind Ter­mi­ni wie „Frei­heit“, „Volk“ oder „Ter­ro­ris­mus“. Sie die­nen als letz­te Be­zugs­punk­te, und sie er­fül­len die­se Funk­ti­on als Si­gni­fi­kan­ten, nicht als Si­gni­fi­ka­te – die Be­deu­tung die­ser Be­grif­fe ist be­kannt­lich of­fen und um­strit­ten.

Ge­nau­er ge­sagt: Si­gni­fi­kan­ten wie „Frei­heit“ usw. ha­ben durch­aus Si­gni­fi­ka­te, wir ver­bin­den sie mit ei­nem Sinn. In dem Maße je­doch, in­dem sie die Funk­ti­on von Her­ren­si­gni­fi­kan­ten er­fül­len, ent­leert sich ihre Be­deu­tung; in dem Maße, in dem sie an Be­deu­tung ge­win­nen, miss­lingt es ih­nen, die Ver­wei­sungs­be­we­gung zu ei­nem Halt zu brin­gen.

Im Feld der Psy­cho­ana­ly­se geht es beim Her­ren­si­gni­fi­kan­ten um das Ichi­de­al (idéal du moi), das als Er­geb­nis ei­ner be­stimm­ten Form der Iden­ti­fi­zie­rung auf­ge­fasst wird, der sym­bo­li­schen Iden­ti­fi­zie­rung. Den Be­griff des Ichi­de­als über­nimmt La­can von Freud; an­ders als die­ser un­ter­schei­det er es vom Ide­al-Ich (moi idéal) und vom Über-Ich (sur­moi).7 In frü­he­ren Ar­bei­ten hat­te La­can für das Ichi­de­al die Zei­chen­fol­ge I(A) ver­wen­det.8 Eine ers­te Ver­si­on des Kon­zepts des Her­ren­si­gni­fi­kan­ten ist der Be­griff des Pols­ter­stichs oder Stepp­punkts, den La­can in Se­mi­nar 3 ein­ge­führt hat­te (Die Psy­cho­sen, 1955/56).9

Der Her­ren­si­gni­fi­kant, um den es im Feld der Psy­cho­ana­ly­se letzt­lich geht, ist der Name-des-Va­ters10, die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter qua Re­prä­sen­tant des In­zest­ver­bots.

Mehr über S1 als Sym­bol für das Ichi­de­al bzw. die sym­bo­li­sche Iden­ti­fi­zie­rung fin­det man in die­sem Blog­ar­ti­kel.

Im Gra­phen des Be­geh­rens wird das Ichi­de­al durch I(A) am End­punkt un­ten links re­prä­sen­tiert:Graph des Begehrens - MATRIX - Graph 4 - vollständiger Graph - IA 2La­can un­ter­schei­det also zwei Funk­ti­ons­wei­sen von Si­gni­fi­kan­ten: Wis­sen und Her­ren­si­gni­fi­kant. Als Wis­sen funk­tio­nie­ren Si­gni­fi­kan­ten, wenn sie sich mit an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten ver­net­zen. Die­se Ver­wei­sungs­be­we­gung führt zur In­sta­bi­li­tät der Be­deu­tung. Her­ren­si­gni­fi­kan­ten sind Si­gni­fi­kan­ten dann, wenn sie die­se Dy­na­mik zu ei­nem Halt brin­gen.

$: Sub­jekt

Das Sym­bol $ re­prä­sen­tiert das Sub­jekt, auf das sich die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht, d..h. das Sub­jekt, das sich da­durch aus­zeich­net, dass es ein Un­be­wuss­tes hat. Der Grund­ge­dan­ke ist dop­pelt: Die Tat­sa­che, dass das Sub­jekt ein Un­be­wuss­tes hat, be­ruht auf der Ein­wir­kung der Spra­che, „des Si­gni­fi­kan­ten“, wie La­can häu­fig sagt.  Je­doch: Das Sub­jekt kann von Si­gni­fi­kan­ten nicht er­fasst wer­den.

Das Sym­bol $ hat meh­re­re Be­deu­tun­gen:
– das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt;
– das aus­ge­sperr­te Sub­jekt;
– das ge­spal­te­ne Sub­jekt;
– der Seins­man­gel;
– das Sub­jekt im Ver­schwin­den.
Wenn man den Zu­sam­men­hang die­ser Be­stim­mun­gen ver­folgt, er­schließt sich der Ge­dan­ke, dass das Sub­jekt von der Spra­che de­ter­mi­niert ist, dass es aber kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt.

Das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt

Die Tat­sa­che, dass es Sub­jek­te gibt, die ein Un­be­wuss­tes ha­ben, ist auf die Ein­wir­kung der Spra­che zu­rück­zu­füh­ren, auf der De­ter­mi­na­ti­on durch „den Si­gni­fi­kan­ten“. Die­se De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che – die­se „Mar­kie­rung“, wie La­can auch sagt – ist nichts Hin­zu­kom­men­des. Gäbe es nicht die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che, gäbe es auch kein Sub­jekt im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se, kein Sub­jekt mit ei­nem Un­be­wuss­ten. Die­ses Sub­jekt wird durch die Spra­che nicht ein­fach de­ter­mi­niert, es wird durch die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che über­haupt erst ge­bil­det, her­vor­ge­bracht, kon­sti­tu­iert.

Die­se The­se wird durch das Sym­bol $ ver­an­schau­licht, zu le­sen als S bar­ré, „durch­ge­stri­che­nes S“.11 Der Buch­sta­be S steht hier für su­jet, „Sub­jekt“ im Sin­ne des vor­sprach­li­chen oder au­ßer­sprach­li­chen Sub­jekts. Der Schräg­strich (der hier aus tech­ni­schen Grün­den als senk­rech­ter Strich dar­ge­stellt wird) sym­bo­li­siert den Si­gni­fi­kan­ten. Die Durch­strei­chung des S ver­an­schau­licht die Ein­wir­kung der Spra­che auf das vor­sprach­li­che Sub­jekt, die Mar­kie­rung.

Das aus­ge­sperr­te Sub­jekt

Meist liest La­can das Sym­bol $ als su­jet bar­ré.12 Das Verb bar­rer meint „sper­ren“, „ab­sper­ren“, „aus­sper­ren“ so­wie „strei­chen“, „aus­strei­chen“, „durch­strei­chen“. In Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, er­läu­tert La­can den Aus­druck so:

Ich er­in­ne­re dar­an, was das $ be­deu­tet: das durch­ge­stri­che­ne S [le S bar­ré] re­prä­sen­tiert, ver­tritt in die­ser For­mel das, wor­um es sich bei der Spal­tung des Sub­jekts dreht, die sich am Ur­sprung der ge­sam­ten Freud’schen Ent­de­ckung fin­det und die dar­in be­steht, dass das Sub­jekt von dem, wo­durch es als Funk­ti­on des Un­be­wuss­ten ei­gent­lich kon­sti­tu­iert wird, zum Teil aus­ge­sperrt [bar­ré] ist.“13

La­can spielt mit dem Dop­pel­sinn von bar­ré als „durch­ge­stri­chen“ und als „aus­ge­sperrt“. Der Buch­sta­be S ist bar­ré im Sin­ne von „durch­ge­stri­chen“. Die­ses Sym­bol steht für das Sub­jekt, in­so­fern es bar­ré ist, im Sin­ne von „aus­ge­sperrt“ – von dem, wo­durch es, in Ab­hän­gig­keit vom Un­be­wuss­ten, kon­sti­tu­iert wird. Die­ser Dop­pel­sinn lässt sich, so­weit ich sehe, im Deut­schen nicht nach­bil­den; die bes­te Über­set­zung für su­jet bar­ré ist des­halb wohl „aus­ge­sperr­tes Sub­jekt“.

Freud schreibt in Er­in­nern, Wie­der­ho­len und Durch­ar­bei­ten:

Das Ver­ges­sen von Ein­drü­cken, Sze­nen, Er­leb­nis­sen re­du­ziert sich zu­meist auf eine ‚Ab­sper­rung‘ der­sel­ben. Wenn der Pa­ti­ent von die­sem ‚Ver­ges­se­nen‘ spricht, ver­säumt er sel­ten, hin­zu­zu­fü­gen: das habe ich ei­gent­lich im­mer ge­wußt, nur nicht dar­an ge­dacht.“22

Das su­jet bar­ré ist, so könn­te man mit Freud auch über­set­zen, das „ab­ge­sperr­te Sub­jekt“.

Das ge­spal­te­ne Sub­jekt

Da­durch, dass das Sub­jekt von ei­nem kon­sti­tu­ie­ren­den Teil von sich aus­ge­sperrt ist, ist es ein ge­spal­te­nes Sub­jekt – ge­spal­ten zwi­schen dem Teil von ihm, zu dem es, auf­grund der Wirk­sam­keit des Un­be­wuss­ten, kei­nen Zu­gang hat, und dem Teil, der ihm zu­gäng­lich ist. Das Sym­bol $ meint des­halb auch die „Sub­jekt­spal­tung“ (ref­en­te du su­jet, di­vi­si­on du su­jet) bzw. das „ge­spal­te­ne Sub­jekt“ (su­jet di­vi­sé).14

La­can be­greift die Spal­tung des Sub­jekts häu­fig als die zwi­schen Aus­ge­sag­tem (énon­cé) und der Äu­ße­rung (énon­cia­ti­on). Das Aus­ge­sag­te (énon­cé) ist das am Sinn ori­en­tier­ten Spre­chen, das der Spre­cher zu kon­trol­lie­ren glaubt und das un­ter der Herr­schaft des Ichi­de­als steht. Un­ter der Äu­ße­rung (énon­cia­ti­on)  ver­steht La­can das „Spre­chen“ des Un­be­wuss­ten in Sym­pto­men, Träu­men, Ver­spre­chern, Fehl­leis­tun­gen, wor­in das Sub­jekt ver­sucht, das wie­der­zu­fin­den, was es durch die Ein­wir­kung der Spra­che ver­lo­ren hat. Die Äu­ße­rung ist den Me­cha­nis­men von Ver­dich­tung und Ver­schie­bung un­ter­wor­fen, in La­cans Be­griff­lich­keit: von Me­ta­pher und Me­to­ny­mie.

Die Un­ter­schei­dung von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung wird von La­can in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, ein­ge­führt und dort auf die bei­den Li­ni­en des An­spruchs im Gra­fen des Be­geh­rens be­zo­gen; die un­te­re steht für das Aus­ge­sag­te, die obe­re für die Äu­ße­rung.15 In Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, be­zieht La­can die Op­po­si­ti­on von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung aus­drück­lich auf die Sub­jekt­spal­tung.16 In den Écrits be­zieht La­can sich auf die Op­po­si­ti­on Aussage/Äußerung zu­erst im Lag­a­che-Auf­satz, der 1960 ge­schrie­ben wur­de.17

Für die Un­ter­schei­dung von énon­cé und énon­cia­ti­on hat La­can sich von Ro­man Ja­kobson und Émi­le Ben­ve­nis­te an­re­gen las­sen: In Se­mi­nar 6 re­fe­riert er bei der Er­läu­te­rung des Un­ter­schieds von énon­cé und énon­cia­ti­on, ohne Ja­kobson zu er­wäh­nen, des­sen Ana­ly­se der in­di­rek­ten Rede, die sich wie­der­um auf eine Ar­beit von Ben­ve­nis­te be­zieht.18

Der Seins­man­gel

Das Sub­jekt ist we­der Ichi­de­al noch Un­be­wuss­tes, we­der S1 noch S2. Es ist auch nicht der Ort, an dem das syn­chro­ne Sys­tem der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt ist, an­ders ge­sagt, das Sub­jekt ist nicht das „su­jet-sup­po­sé-sa­voir“, nicht das dem Wis­sen un­ter­stell­te Sub­jekt19; der Ort, an dem die Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt sind, ist für La­can nicht das Sub­jekt, son­dern „der An­de­re“. Es ist ge­nau­so­we­nig der Agent, der die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt. Und es ist auch nicht das, was von die­sen Ge­dan­ken ge­dacht wird.

Das Sub­jekt ist viel­mehr der durch die Si­gni­fi­kan­ten­ein­wir­kung her­vor­ge­ru­fe­ne Ver­lust, ein Be­geh­ren, ein Man­gel: man­que d’être (Seins­man­gel), wie La­can ab 1955 zu­nächst mit Sart­re sagt20, man­que-à-être, wie er es ab 1957 nennt.21 „Man­que-à-être“ wird oft mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt; das ist ir­re­füh­rend, es geht nicht um eine mo­ra­li­sche Ver­feh­lung und auch nicht dar­um, dass das Sub­jekt et­was ver­fehlt, son­dern dar­um, dass dem Sub­jekt et­was fehlt, um ei­nen „Man­gel-zu-sein“ (in man­que d’être ist „être“ ein Sub­stan­tiv, in man­que-à-être ein Verb). In Freuds Ter­mi­no­lo­gie: das Sub­jekt ist ein „Ob­jekt­ver­lust“, der letzt­lich eine „Un­be­frie­di­gung“ ist, ein „An­wach­sen der Be­dürf­nis­span­nung“.22 Die­ser Ver­lust ist ein Ver­lust auf der Ebe­ne der „Be­dürf­nis­se“, wie La­can zu­nächst sagt23, auf der Ebe­ne des „Ge­nie­ßens“ (jouis­sance), wie er es spä­ter nennt, d..h. ein Ver­lust auf der Ebe­ne der kör­per­li­chen Er­re­gun­gen jen­seits des Lust­prin­zips.

Den ent­schei­den­den Ver­lust hat das Sub­jekt auf der Ebe­ne der Se­xua­li­tät er­lit­ten; hier­auf be­zieht sich, in La­cans Deu­tung, der Be­griff der Kas­tra­ti­on.

Das ver­schwin­den­de Sub­jekt

Wenn das Sub­jekt letzt­lich ein durch die Spra­che her­bei­ge­führ­ter Ver­lust ist, und wenn der psy­cho­ana­ly­ti­sche Zu­gang des Sub­jekts zu sich selbst auf dem Weg über die Spra­che er­folgt, wie kann das Sub­jekt sich dann auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne als Ver­lust er­fah­ren? La­cans Ant­wor­tet lau­tet: in­dem es die Er­fah­rung macht, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt. Er nennt dies das „Ver­schwin­den des Sub­jekts“ oder „die Apha­ni­sis des Sub­jekts“ oder „das Fa­ding des Sub­jekts“ (apha­ni­sis ist der grie­chi­sche Aus­druck für „Ver­schwin­den“, das eng­li­sche Wort fa­ding meint eben­falls „Ver­schwin­den“). Das Sub­jekt ist auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne zwar re­prä­sen­tiert, vor al­lem durch Iden­ti­fi­ka­tio­nen (S1), aber in all die­sen Re­prä­sen­ta­tio­nen ist es ent­frem­det. Die­se Ent­frem­dung ist nor­ma­ler­wei­se durch eine Täu­schung un­zu­gäng­lich; sie ist je­doch er­fahr­bar; die­se Er­fah­rung ist, falls ich La­can rich­tig ver­stan­den habe, trau­ma­tisch; und die­se trau­ma­ti­sche Er­fah­rung des Ver­schwin­dens auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ist die „Apha­ni­sis“ des Sub­jekts, das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts.24 Das Sub­jekt ist das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten (vgl. die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel).

+

Ins­ge­samt kann man das Sym­bol $ so le­sen: Die Durch­strei­chung des S sym­bo­li­siert, dass das Sub­jekt vom Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert ist – das S steht für das Sub­jekt, der Strich für den Si­gni­fi­kan­ten und die Durch­strei­chung des S für die Mar­kie­rung des Sub­jekts durch den Si­gni­fi­kan­ten. Die Mar­kie­rung durch den Si­gni­fi­kan­ten hat zur Fol­ge, dass das Sub­jekt ein su­jet bar­ré ist, ein aus­ge­sperr­tes oder ab­ge­sperr­tes Sub­jekt, ein Sub­jekt, das zu ei­nem Teil von sich kei­nen Zu­gang hat, zu dem Teil, durch den es kon­sti­tu­iert wird, „Un­be­wuss­tes“ ge­nannt. Und dies heißt nichts an­de­res, als dass es ein ge­spal­te­nes Sub­jekt ist, ge­spal­ten zwi­schen dem Teil, zu dem es ei­nen Zu­gang hat, und dem, von dem es aus­ge­sperrt ist. Die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che führt zu ei­nem Ver­lust, ei­nem Seins­man­gel. Das Sub­jekt er­fährt die­sen Ver­lust als Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, als „Ver­schwin­den (Apha­ni­sis, Fa­ding) des Sub­jekts“.

Im Gra­phen des Be­geh­rens fin­det man das Sym­bol $ an drei Po­si­tio­nen: un­ten rechts am Be­ginn der gro­ßen huf­ei­sen­för­mi­gen Li­nie, am Schnitt­punkt oben rechts als Be­stand­teil der For­mel ($◊D) und oben links in der For­mel ($◊a).

Graph des Begehrens - $ 2Das $ un­ten rechts be­sagt: Er­geb­nis der Ein­prä­gung der Spra­che (dar­ge­stellt von der un­te­ren Eta­ge des Gra­phen) ist das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt. Die obe­re Eta­ge stellt dar, dass das Sub­jekt zwei Mög­lich­kei­ten hat, sich jen­seits der Un­ter­ord­nung un­ter die Spra­che in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit wie­der­zu­fin­den: die Re­gres­si­on auf be­stimm­te Trieb­an­sprü­che ($◊D) und das Phan­tas­ma ($◊a). In bei­den For­meln steht das Sym­bol $ für „das Sub­jekt im Ver­schwin­den“.

a: Ob­jekt a bzw. Mehr­lust

Das Sub­jekt ist also ein We­sen, dem etwa fehlt. Wie kann es sich als ein sol­ches er­fas­sen? Dazu be­nö­tigt es ei­nen Re­prä­sen­tan­ten für das, was ihm fehlt. Die­ser Re­prä­sen­tant des Feh­len­den heißt bei La­can Ob­jekt a.

Un­ter dem Ob­jekt a ver­steht er das Par­ti­al­ob­jekt, ein Kon­zept, das auf Karl Abra­ham und Me­la­nie Klein zu­rück­geht. Abra­ham spricht 1924 von der „Par­ti­al­lie­be“, die sich auf ei­nen „Teil des Ob­jek­tes“ rich­tet, auf ei­nen „ein­zel­nen Kör­per­teil“, auf die Brust, den Kot oder den Pe­nis.25 Für die­sen Kör­per­teil, so­fern er li­bi­di­nös oder ag­gres­siv be­setzt ist, prägt Klein 1935 den Ter­mi­nus „par­ti­al ob­ject“, also „Teil­ob­jekt“, wie der Aus­druck meist über­setzt wird, oder „Par­ti­al­ob­jekt“.26 Ein An­knüp­fungs­punkt bei Freud ist des­sen Kon­zept der „sym­bo­li­schen Glei­chung“ zwi­schen Kind, Kot und Pe­nis.27

La­can deu­tet die Par­ti­al­ob­jek­te als Sym­bo­le für das durch die Spra­che ver­lo­re­ne Ge­nie­ßen, letzt­lich als Kas­tra­ti­ons­me­ta­phern, und er er­wei­tert die Lis­te der klas­si­schen Par­ti­al­ob­jek­te um den Blick und die Stim­me.28 Ent­schei­dend an die­sen Ob­jek­ten ist für ihn nicht ihre Par­tia­li­tät, son­dern dass es sich um Ob­jek­te han­delt, von de­nen das Sub­jekt sich ge­trennt hat, die also ver­lo­ren sind und die aus die­sem Grun­de als Sym­bo­le für die Kas­tra­ti­on die­nen kön­nen. Sie er­mög­li­chen es dem Sub­jekt, sich in dem zu er­fas­sen, was es durch die Un­ter­ord­nung un­ter die Sprach­ord­nung un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren hat. Sie stif­ten dazu an, das Ver­lo­re­ne wie­der­zu­ge­win­nen und fun­gie­ren da­mit als Ur­sa­chen des Be­geh­rens.

Ab Se­mi­nar 16 be­zeich­net La­can das Ob­jekt a auch als „Mehr­lust“, und zwar mit die­sem deut­schen Wort.29 Un­ter „Mehr­lust“ ver­steht er den durch die Ein­wir­kung der Spra­che her­vor­ge­ru­fe­nen Ge­nuss­ver­lust.

Mit „Mehr­lust“ über­setzt er Freuds Aus­druck „Lust­ge­winn“. 30 Der mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Lust­ge­winn ist, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie, eine „Er­satz­be­frie­di­gung“ 31 für den ver­dräng­ten Trieb; der klei­ne Ge­winn re­prä­sen­tiert den gro­ßen Ver­lust. Marx be­greift den „Ge­winn“ als Er­schei­nungs­form des „Mehr­werts“, und den Mehr­wert (in La­cans Re­kon­struk­ti­on) als dop­pel­ten Ver­lust: als den Wert, den der Ar­bei­ter ver­liert und der vom Ka­pi­ta­lis­ten an­ge­eig­net wird (da er den Wert der Ar­beits­kraft be­zahlt, nicht den vom Ar­bei­ter ge­schaf­fe­ne Wert), aber auch als Wert, der dem Ka­pi­ta­lis­ten zum größ­ten Teil ver­lo­ren geht, da er ihn re­inves­tie­ren muss. Also re­prä­sen­tiert der Mehr­wert (sagt La­can) den Ver­zicht auf das vol­le Ge­nie­ßen, den Ge­nuss­ver­lust. Der Ge­winn ist Ver­lust.

Mehr­wert“ heißt auf fran­zö­sisch plus-va­lue; La­can über­setzt des­halb den von ihm selbst er­fun­de­nen deut­schen Ter­mi­nus „Mehr­lust“ mit plus-de-jouir.32

Im Gra­phen er­scheint das Ob­jekt a an zwei Stel­len: in der un­te­ren Eta­ge als „Stim­me“ am Ende der un­te­ren Si­gni­fi­kan­ten-Quer­li­nie, in der obe­ren als Be­stand­teil der For­mel des Phan­tas­mas ($ ◊ a).

Graph des Begehrens - Stimme und Objekt a

Das Be­geh­ren ist die Stre­bung, die dar­auf aus ist, das ver­lo­re­ne Ge­nie­ßen wie­der­zu­ge­win­nen. Als ich klein war, schrieb man sich die­sen Spruch von Chris­ti­an Fürch­te­gott Gel­lert ins Poe­sie­al­bum: „Ge­nie­ße, was dir Gott be­schie­den, / ent­beh­re gern, was du nicht hast. / Ein je­der Stand hat sei­nen Frie­den, / ein je­der Stand hat sei­ne Last.“ An­ders ge­sagt: Nur nicht be­geh­ren!

Be­zie­hun­gen

Be­greift man S1 als Sym­bol für die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem „ein­zi­gen Zug„und a als Sym­bol für das ver­lo­re­ne Ob­jekt, ist die Be­zie­hung zwi­schen S1 und a die zwi­schen Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zi­gen Zug und ver­lo­re­nem Ob­jekt. Freud zu­fol­ge be­ruht das neu­ro­ti­sche Sym­ptom dar­auf, dass die Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem ein­zi­gen Zug an die Stel­le der Ob­jekt­wahl tritt33, sie ist also die Kehr­sei­te des Ob­jekt­ver­lusts, der Kon­sti­tu­ie­rung des ver­lo­re­nen Ob­jekts (mit dem sich das Sub­jekt dann wie­der­um iden­ti­fi­zie­ren kann). Die Ver­bin­dung zwi­schen den vier Ter­men kann des­halb un­ter an­de­rem so ge­le­sen wer­den, dass die Sub­jekt­spal­tung ($) dar­in be­steht, dass die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zi­gen Zug (S1) ein­her­geht mit der Her­aus­bil­dung des Un­be­wuss­ten (S2) und mit der phan­tas­ma­ti­schen Bin­dung an ein ver­lo­re­nes Ob­jekt (a), mit dem das Sub­jekt sich wie­der­um iden­ti­fi­zie­ren kann. 

Zu­sam­men

Um es als Ge­schich­te zu er­zäh­len: Die Spra­che wirkt auf das klei­ne Men­schen­we­sen ein, das noch nicht spre­chen kann. Da­bei prägt sie sich pri­mär von der Laut­sei­te her ein, als Si­gni­fi­kan­ten, aus de­nen se­kun­där Be­deu­tun­gen ge­bil­det wer­den, Si­gni­fi­ka­te. Die Spra­che wirkt auf zwei Wei­sen ein: in Ge­stalt pho­ne­tisch mit­ein­an­der ver­netz­ter Si­gni­fi­kan­ten (S2), das führt zur Her­aus­bil­dung des Un­be­wuss­ten als Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat, und au­ßer­dem in Ge­stalt von Si­gni­fi­kan­ten, die eine Stopp-Funk­ti­on ha­ben (S1), das ent­spricht der sym­bo­li­schen Iden­ti­fi­zie­rung und da­mit der Her­aus­bil­dung des Ichi­de­als. Die Si­gni­fi­kan­ten wir­ken auf den Kör­per ein: nicht auf den bio­lo­gi­schen Kör­per, son­dern auf den Kör­per als Sitz von „Er­re­gun­gen“, wie Freud sich aus­drückt, des „Ge­nie­ßens“, wie es bei La­can heißt. Die Ein­wir­kung der Si­gni­fi­kan­ten auf den Kör­per führt zu ei­nem Ge­nuss-Ver­lust; das Sub­jekt ($) ist nichts an­de­res als die­ser Ver­lust. Der ent­schei­den­de Ver­lust be­trifft die Se­xua­li­tät; hier­auf be­zieht sich der Be­griff der Kas­tra­ti­on. In den Ob­jek­ten a fin­det das Sub­jekt il­lu­sio­nä­re Re­prä­sen­tan­ten des (un­wie­der­bring­li­chen) Ver­lusts; dies er­mög­licht es ihm, zu be­geh­ren und dar­über hin­aus ei­nen be­schei­de­nen Er­satz für das ver­lo­re­ne Ge­nie­ßen zu rea­li­sie­ren, die „Er­satz­be­frie­di­gun­gen“, wie Freud sagt (vgl. etwa: S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag Frank­furt am Main 2000, S. 191270, hier: 237)

Die Kon­struk­ti­on lässt sich durch Be­zug auf Sart­re ver­deut­li­chen. Sart­re schreibt:

Ein Man­gel setzt eine Drei­heit vor­aus: das, was man­gelt, oder das Man­geln­de [ce qui man­que ou man­quant], das, dem das Man­geln­de man­gelt, oder das Exis­tie­ren­de, und eine To­ta­li­tät, die durch den Man­gel auf­ge­löst wur­de und durch die Syn­the­se des Man­geln­den und der Exis­tie­ren­den wie­der her­ge­stellt wür­de: das Ver­fehl­te.„34

Man muss Sar­tres Sche­ma durch eine wei­te­re In­stanz er­gän­zen: das, was den Man­gel her­vor­ruft. Bei La­can ist dies die Spra­che, S1 und S2.

Das, was man­gelt – das Man­geln­de also – ist bei La­can das Ge­nie­ßen. Im Ob­jekt a fin­det das Man­geln­de ei­nen (il­lu­sio­nä­ren) Re­prä­sen­tan­ten. Das Man­geln­de wird von La­can also auf­ge­spal­ten in das Man­geln­de (das Ge­nie­ßen) und in des­sen Sym­bol (das Par­ti­al­ob­jekt).

Das, dem das Man­geln­de man­gelt oder das Exis­tie­ren­de ist bei La­can das Sub­jekt – das Sub­jekt als Seins­man­gel.

Dies setzt eine To­ta­li­tät vor­aus, die durch den Man­gel auf­ge­löst wur­de, bei La­can ist dies die Ko­or­di­na­ti­on der Ge­schlech­ter durch das Ima­gi­nä­re bei den nicht-spre­chen­den Tie­ren.

Die Vor­stel­lung, dass die To­ta­li­tät durch Syn­the­se des Man­geln­den und der Exis­tie­ren­den wie­der her­ge­stellt wer­den wür­de, ist bei La­can das Phan­tas­ma.

Auch die To­ta­li­tät wird von La­can also auf­ge­spal­ten: in die tat­säch­lich ur­sprüng­lich exis­tie­ren­de To­ta­li­tät und in das il­lu­sio­nä­re Phan­tas­ma der Wie­der­her­stel­lung der Ein­heit. (Wo­mit sich die Fra­ge auf­drängt, ob La­cans Auf­fas­sung von der Se­xua­li­tät un­ter den nicht-mensch­li­chen Tie­ren mög­li­cher­wei­se ein Phan­tas­ma ist.)

Freuds Vergessen des Eigennamens „Signorelli“

Zu den Grün­dungs­er­eig­nis­sen der Psy­cho­ana­ly­se ge­hört Freuds Ver­ges­sen des Ei­gen­na­mens „Si­gno­rel­li“. 1898 hat­te er hier­über ei­nen Ar­ti­kel ver­öf­fent­licht, Zum psy­chi­schen Me­cha­nis­mus der Ver­gess­lich­keit35, den er 1904, in über­ar­bei­te­ter Form, in die Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens auf­nahm.36 Be­vor ich La­cans Re­kon­struk­ti­on die­ser Deu­tung dar­le­ge, muss ich die hier­für ent­schei­den­den Punk­te von Freuds Ei­gen­ana­ly­se re­fe­rie­ren.

Aus­ge­hend von Ra­gu­sa – dem heu­ti­gen Du­brov­nik – un­ter­nimmt Freud eine Wa­gen­fahrt nach ei­ner be­nach­bar­ten Stadt in der Her­ze­go­wi­na. Mit sei­nem Be­glei­ter (ei­nem Ju­ris­ten, wie Freud-His­to­ri­ker her­aus­ge­fun­den ha­ben) spricht er über den Zu­stand von Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na und über den Cha­rak­ter ih­rer Ein­woh­ner. Freud er­zählt von den Ei­gen­tüm­lich­kei­ten der dort le­ben­den „Tür­ken“ – der Mus­li­me –, wie sie ihm von ei­nem Kol­le­gen ge­schil­dert wor­den wa­ren. An­schlie­ßend kommt das Ge­spräch auf Ita­li­en und auf Bil­der, und Freud emp­fiehlt sei­nem Rei­se­ge­fähr­ten, drin­gend nach Or­vie­to zu ge­hen, um sich dort im Dom die Fres­ken vom Welt­un­ter­gang und vom jüngs­ten Ge­richt an­zu­schau­en. An den Na­men des Ma­lers kann er sich je­doch nicht er­in­nern. Da­bei sieht er die Bil­der deut­lich vor sich; be­son­ders scharf steht vor sei­nen Au­gen das Selbst­bild­nis des Ma­lers, das die­ser auf ei­nem der Fres­ken in ei­ner Ecke un­ter­ge­bracht hat­te, mit erns­tem Ge­sicht und ver­schränk­ten Hän­den. Statt des rich­ti­gen Na­mens fal­len Freud Er­satz­na­men ein: Bot­ti­cel­li, Bol­traf­fio. Auch spä­ter kommt ihm der Name nicht in den Sinn, je­mand muss ihm den Ma­ler nen­nen: Si­gno­rel­li.

Freud fragt sich, wie die­ses Ver­ges­sen funk­tio­niert. Zu­vor hat­te er sei­nem Rei­se­ge­fähr­ten er­zählt, was er von dem er­wähn­ten Kol­le­gen über die bos­ni­schen Mus­li­me ge­hört hat­te: Sie be­han­deln den Arzt mit be­son­de­rer Ach­tung, so hat­te die­ser be­rich­tet, und sie fü­gen sich er­ge­ben in den Tod. Wenn ein Arzt nicht hel­fen kann und ein An­ge­hö­ri­ger stirbt, sa­gen sie: „Herr, was ist da zu sa­gen? Ich weiß, wenn er zu ret­ten wäre, wür­dest du ihm hel­fen.“ Wäh­rend die­ses Ge­sprä­ches war Freud durch den Kopf ge­gan­gen, dass der Kol­le­ge ihm au­ßer­dem be­rich­tet hat­te, welch über­ra­gen­de Be­deu­tung für die Bos­ni­er der Se­xu­al­ge­nuss habe; die Mit­tei­lung dar­über hat­te Freud je­doch be­wusst un­ter­drückt.

Das Ver­ges­sen, so ver­mu­tet Freud, muss mit die­ser Wert­schät­zung von Se­xua­li­tät und Tod zu tun ha­ben, denn die­se bei­den The­men hat­ten ihn kurz zu­vor, als er sich an ei­nem Ort na­mens Tra­foi auf­hielt und eine be­stimm­te Nach­richt er­hielt, stark be­schäf­tigt. Der Ei­gen­na­me ist ver­drängt wor­den, so nimmt Freud an, und er re­kon­stru­iert die Vor­stel­lun­gen, die bei die­ser Ver­drän­gung im Spiel sind, so­wie die Ver­bin­dun­gen zwi­schen ih­nen. Er zeich­net dazu ein Dia­gramm, in dem er die laut­li­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen den be­tei­lig­ten Vor­stel­lun­gen her­vor­hebt.

Signorelli - Vergessen des Eigennamens - Version 1898 Kopie

Freuds Dia­gramm zum Ver­ges­sen des Ei­gen­na­mens „Si­gno­rel­li“ (Ver­si­on von 1898)

Lacans Rekonstruktion von Freuds Vergessen

La­can hat sich im­mer wie­der zu Freuds Ver­ges­sen des Na­mens „Si­gno­rel­li“ ge­äu­ßert.37 Be­son­ders aus­führ­lich be­fasst er sich da­mit in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se; der Kon­text ist hier die Fra­ge nach der Funk­ti­ons­wei­se von Ei­gen­na­men. Ich über­set­ze im Fol­gen­den La­cans Re-Ana­ly­se aus Se­mi­nar 12 und ord­ne sie den vier Ele­men­ten zu, die spä­ter in Se­mi­nar 17 auf den Dis­kurs­plät­zen ro­tie­ren wer­den.38

Wör­ter mit Stern­chen sind im Ori­gi­nal deutsch, Ein­schü­be in spit­zen Klam­mern sind mei­ne Er­gän­zun­gen.

S2: Wis­sen

Der Ei­gen­na­me „Si­gno­rel­li“ ver­schwin­det in ei­nem Loch, sagt La­can.

Was ver­schwin­det bei die­sem Ver­ges­sen, dass man ‚Ver­ges­sen‘ nennt, Sie se­hen hier gut, dass man von den ers­ten Schrit­ten an sei­ne Auf­merk­sam­keit im­mer auf die Be­deu­tung rich­ten muss, denn si­cher­lich ist das kein Ver­ges­sen, viel­mehr ist das Freud­sche Ver­ges­sen eine Form der Er­in­ne­rung, so­gar ihre ge­nau­es­te Form, und da wäre es bes­ser, Wor­ten wie Ver­ges­sen* zu miss­trau­en. Sa­gen wir: ein Loch.

Was ist in die­sem Loch ver­schwun­den? Das sind Pho­neme.“39

Das, was ver­schwun­den ist, sind Pho­neme, also nicht Si­gni­fi­ka­te, son­dern Si­gni­fi­kan­ten.

Et­was spä­ter heißt es zur Er­set­zung von „Si­gno­rel­li“ durch „Bot­ti­cel­li“ und „Bol­traf­fio“:

Es stellt sich eine Me­ta­pher her, es stel­len sich Er­set­zun­gen her. Aber das ist eine ziem­lich ein­zig­ar­ti­ge Me­ta­pher, denn die­se Me­ta­pher ist ge­ra­de das Ge­gen­teil von der­je­ni­gen, de­ren Funk­ti­on ich für Sie ar­ti­ku­liert habe, die Funk­ti­on der Schöp­fung von Sinn, von Be­deu­tung, <hier hin­ge­gen:> Er­set­zun­gen von Lau­ten, von rei­nen Lau­ten, die sich ein­stel­len.

Und war­um bi­zar­rer­wei­se die­ses Bo von Bot­ti­cel­li, ein Aus­druck, der so nahe bei Si­gno­rel­li ist, so nahe, dass es so­gar noch mehr da­von gibt, als Freud ge­sagt hat. Es ist nicht nur das elli, das an der Ober­flä­che schwimmt, es ist auch das o von Si­gno­rel­li-Bol­traf­fio. Si­cher­lich wird hier der an­de­re Teil durch Tra­foi ge­lie­fert, aber es gibt auch die­ses Bo, und Freud fin­det die­ses Bo so­fort, er weiß sehr gut, wo es her­kommt, es kommt von ei­nem an­de­ren Paar von Ei­gen­na­men, näm­lich von Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na.“40

Dies ist, so den­ke ich, das un­be­wuss­te Wis­sen: die in Freuds Dia­gramm dar­ge­stell­ten Wör­ter „Bot­ti­cel­li“, „Bos­ni­en“ usw., in­so­fern sie Be­zie­hun­gen der Ver­ket­tung und der Er­set­zung ein­ge­hen, die auf pho­ne­ti­schen Ähn­lich­kei­ten be­ru­hen, in­so­fern es sich also um Be­zie­hun­gen zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten han­delt, S2.

S1: Her­ren­si­gni­fi­kant

La­can fährt so fort:

Und das Her von Her­ze­go­wi­na, was ist in die­ser Ge­schich­te die­ses Herr*, die­ses Herr*, um das sich also et­was dreht? Ist es nicht da, hier ver­las­se ich den Text, den Text von Freud, denn was ich Ih­nen zei­gen will, ist, dass sich hier al­les so ab­spielt, als ob auf­grund der Ak­ko­mo­da­ti­on des Sub­jekts an das Herr* – das durch das Ge­spräch eine star­ke Er­klä­rung fin­det und das das größ­te Ge­wicht er­hält, in­dem dar­aus eine ver­trau­li­che Mit­tei­lung des ei­nen Sub­jekts ge­gen­über dem an­de­ren ge­macht wird –, als ob das Bo ir­gend­wo da sei­nen Platz ge­fun­den hät­te, an ei­ner Rand­stel­le.

Und was be­zeich­net es, wenn nicht den Platz, wo das Herr*, sagt Freud (…).

Was Freud bei die­sem ers­ten Tas­ten nicht sagt, weil er es noch nicht se­hen, noch nicht ar­ti­ku­lie­ren kann, weil der Be­griff noch gar nicht ans Licht ge­kom­men ist, weil er in der ana­ly­ti­schen Theo­rie noch nicht voll auf­ge­taucht ist, was er nicht sieht, ist, dass die Ver­wir­rung, um die es hier geht, we­sent­lich an die Iden­ti­fi­zie­rung ge­bun­den ist.

Die­ser Herr*, um den es geht, und die­ser Herr*, der hier­bei sein gan­zes Ge­wicht und sei­ne gan­ze Schär­fe be­wahrt hat, der sich bei die­sem ein­fa­chen klei­nen Mann des Ge­set­zes nicht so weit ge­hen las­sen will, es mit ärzt­li­chen Ver­trau­lich­kei­ten all­zu weit zu trei­ben, das ist hier der Arzt. Der Herr*, das ist also Freud, der sich hier mit der Fi­gur ei­nes Arz­tes iden­ti­fi­ziert, der ei­nem an­de­ren ge­gen­über vor­sich­tig ist.“41

Freud iden­ti­fi­ziert sich mit der Fi­gur des Arz­tes. Die­se Iden­ti­fi­zie­rung hat die Funk­ti­on, be­stimm­te Mit­tei­lun­gen zu „un­ter­drü­cken“, wie Freud sagt, den Si­gni­fi­kan­ten­fluss un­ter Kon­trol­le zu brin­gen. Der Si­gni­fi­kant „Her“ bzw. „Herr“ fun­giert als Her­ren­si­gni­fi­kant, als S1.

$: Sub­jekt

Da­nach:

Aber was ver­liert er hier? Er ver­liert hier als sei­nen Schat­ten, als sein Dou­ble das, was viel­leicht nicht so sehr, wie der Text <von Freud> sagt, der Si­gnor ist. Es heißt viel­leicht, zu weit ge­hen, wie es in der Über­set­zung im­mer ge­schieht, in der Rich­tung, zu ge­ben (…). Was mich an­geht, so käme ich viel­leicht dar­auf, zu se­hen, dass das o von Si­gnor kei­nes­wegs ver­lo­ren ist und in Bol­traf­fio so­gar ver­dop­pelt wird und in die­sem Bot­ti­cel­li, und ich käme dar­auf, zu den­ken, dass das Sig so­wohl si­gn­ans ist wie Sig­mund Freud. Es ist der Platz sei­nes Be­geh­rens im ei­gent­li­chen Sin­ne, in­so­fern er der wah­re Platz sei­ner Iden­ti­fi­zie­rung ist, die hier am Punkt des Sko­toms ver­or­tet ist, dort, wo das Auge ge­wis­ser­ma­ßen ei­nen blin­den Fleck hat.“42

Der Si­gni­fi­kant, der ver­lo­ren geht, ist nicht „Si­gno­rel­li“, son­dern „Sig“, und „Sig“ ist so­wohl der An­fang des la­tei­ni­schen Wor­tes „si­gn­ans“ (Si­gni­fi­kant) als auch der An­fang von Freuds Vor­na­me „Sig­mund“. Das, was ver­lo­ren geht, ist Freuds Ei­gen­na­me.

In Se­mi­nar 12 ent­wi­ckelt La­can die fol­gen­de The­se über den Ei­gen­na­men: Der Ei­gen­na­me ist eine spe­zi­el­le Form der Iden­ti­fi­zie­rung. Der Ei­gen­na­me hat die Funk­ti­on, das Loch zu ver­nä­hen, wel­ches dar­in be­steht, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt. Als Naht ver­weist der Ei­gen­na­me aber auf das Loch, das er ver­nä­hen soll, auf das Sub­jekt als Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Das Ver­ges­sen von „Si­gno­rel­li“ ist die Apha­ni­sis des Sub­jekts, das Sub­jekt als feh­len­der Si­gni­fi­kant, $.

a: Ob­jekt a

La­can fährt so fort:

Signorelli Selbstporträt

Luca Si­gno­rel­li, Selbst­por­trät (im zu Be­ginn des Ar­ti­kels wie­der­ge­ge­be­nen Fres­ko un­ten links)

Und weil all das sehr viel mit dem zu tun hat, was ich Ih­nen letz­tes Jahr hin­sicht­lich der Funk­ti­on des Blicks bei der Iden­ti­fi­zie­rung in Er­in­ne­rung ge­ru­fen habe, über­ge­hen Sie bit­te nicht das, was im Text steht und was auch kraft­voll ar­ti­ku­liert wird und was nicht auf­ge­löst wird, näm­lich dass Freud be­merkt, dass sich in meh­re­ren Fäl­len, die er so auf­ge­zeigt hat, et­was ein­stellt, was ganz und gar ein­zig­ar­tig ist.

So­gar in dem Au­gen­blick, in dem es ihm nicht ge­lingt, den Na­men die­ses von ihm so be­wun­der­ten Si­gno­rel­li wie­der­zu­fin­den, was hört da nicht auf, las­sen Sie mich mei­ner ei­ge­nen Rede vor­grei­fen, was hört da nicht auf, ihn ohne Un­ter­lass an­zu­schau­en? Ich sage ‚ich neh­me vor­weg‘, weil es nicht das ist, was Freud uns sagt. Er sagt uns, dass in die­sem Mo­ment, wäh­rend der gan­zen Zeit, in der er den Na­men von Si­gno­rel­li ge­sucht hat, bis er ihn schließ­lich wie­der­ge­fun­den hat – je­mand hat ihm die­sen Na­men ge­ge­ben, er hat ihn nicht selbst wie­der­ge­fun­den –, dass also wäh­rend die­ser gan­zen Zeit das Ge­sicht von Si­gno­rel­li, der auf den Fres­ken von Or­vie­to dar­ge­stellt ist, ir­gend­wo un­ten links und mit ver­schränk­ten Hän­den, dass das Ge­sicht von Si­gno­rel­li nicht auf­ge­hört hat, ihm ge­gen­wär­tig zu sein, mit be­son­de­rer Bril­lanz aus­ge­stat­tet.“43

Als Kom­pen­sa­ti­on für den feh­len­den Na­men von Si­gno­rel­li fun­giert der Blick von Si­gno­rel­li. Als Ob­jekt a fun­giert hier der Blick.

Das ent­spricht der Struk­tur des Phan­tas­mas, $ ◊ a.
– $, das Sub­jekt im Fa­ding, im Ver­schwin­den: das „Ver­ges­sen“ des Ei­gen­na­mens Si­gno­rel­li.
– a, der Blick als Ob­jekt a: der Blick von Si­gno­rel­li.

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Anmerkungen

  1. Dia­gramm nach Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 79.
  2. Den Gra­phen des Be­geh­rens hat­te La­can ent­wi­ckelt in: Se­mi­nar 5 von 1957/58 (Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten), Se­mi­nar 6 von 1958/59 (Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung), Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens (Vor­trag von 1960, ge­schrie­ben 1962, ver­öf­fent­licht 1966; zur Da­tie­rung vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 602.).
  3. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 25. Juni 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 400.
  4. Die Be­zeich­nung des Un­be­wuss­ten als „Wis­sen“ fin­det man erst­mals in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se (Sit­zung vom 19. Mai 1965), die Zu­ord­nung von S2 zu „Wis­sen“ zu­erst in Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren. In Se­mi­nar 16 spricht La­can vom „Wis­sen“ zu­erst in der Sit­zung vom 20. No­vem­ber 1968 (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 39 ff.). Die Zei­chen­fol­ge S2 als Sym­bol für das Wis­sen wird von ihm erst­mals in der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1968 ver­wen­det (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 55).
  5. Ab­bil­dung des Gra­phen aus: J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud’schen Un­be­wuss­ten. In: J. La­can: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 325368, hier: S. 355.
  6. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuß­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J.L.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 1555.
  7. Vgl. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273330, v.a. Teil III „Das Ich und das Über-Ich (Ichi­de­al)“, S. 296306.
  8. Das Sym­bol S1 wird von La­can erst­mals in Se­mi­nar 17 als Kür­zel für den Her­ren­si­gni­fi­kan­ten be­nutzt, in der Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1970 (vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 101).
    Das Kür­zel I(A) fin­det man ab Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten.
  9. Vgl. den Hin­weis auf die­se Vor­läu­fer­schaft in Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 17. Juni 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 219.
  10. Vgl. Se­mi­nar 18, Über ei­nen Dis­kurs der nicht vom Schein wäre, 1971, Sit­zung vom 16. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 172 f.
  11. Die­se Zu­ord­nung fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten. In der Sit­zung vom 26. März 1958 wird das Zei­chen $ vor­ge­stellt und auf das Sub­jekt be­zo­gen (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 359, 369).
  12. Vom su­jet bar­ré spricht La­can eben­falls zu­erst in Se­mi­nar 5, in der Sit­zung vom 11. Juni 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 518, dort mit „ver­sperrt“ über­setzt). Die aus­drück­li­che Zu­ord­nung zwi­schen dem Sym­bol $ und dem su­jet bar­ré fin­det man zu­erst, im sel­ben Se­mi­nar, in der Sit­zung vom 25. Juni 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 560, hier wird bar­ré mit „ge­sperrt“ über­setzt.
  13. Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 16. No­vem­ber 1966, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  14. In den Écrits fin­det man die Rede von der ref­en­te des Sub­jekts in fast al­len klas­si­schen La­can-Auf­sät­zen: Die Aus­rich­tung der Kur, Die Be­deu­tung des Phal­lus, Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, Die Po­si­ti­on des Un­be­wuss­ten, Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit. Auf die Wen­dung di­vi­si­on du su­jet stößt man in den Écrits etwa in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens (Écrits, S. 825; Schrif­ten II, S. 202, dort mit „Tei­lung des Sub­jekts“ über­setzt) so­wie in Die Stel­lung des Un­be­wuss­ten (Écrits, S. 840; Schrif­ten II, S. 219, auch hier „Tei­lung des Sub­jekts“). Die For­mu­lie­rung su­jet di­vi­sé fin­det man in Die Be­deu­tung des Phal­luscrits, S. 693; Schrif­ten II, S. 129), in den Se­mi­na­ren ver­wen­det La­can die  Wort­fol­ge su­jet di­vi­sé erst­mals in Se­mi­nar 12.
  15. Die Op­po­si­ti­on von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung wird ein­ge­führt in Se­mi­nar 6, in der Sit­zung vom 3. De­zem­ber 1958.
  16. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 364.
  17. Vgl. An­mer­kung zum Be­richt von Da­ni­el Lag­a­che „Psy­cho­ana­ly­se und Struk­tur der Per­sön­lich­keit“, in: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 146191, hier: S. 166; énoncé/énonciation wird hier mit „Ausgesagtes“/„Aussagen“ über­setzt.
  18. Vgl. J. La­can, Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 165.
    La­can stützt sich hier auf Ro­man Ja­kobson: Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­si­an verb (1957). In: Ders.: Selec­ted Wri­tings, Vol. II: Word and Lan­guage. Den Haag: Mou­ton 1972. S. 130–147, in In­ter­net hier; zur in­di­rek­ten Rede vgl. S. 130 f.– Ja­kobson spricht von ut­ter­an­ces (was bei La­can den énon­cia­ti­ons ent­spricht). Deut­sche Über­set­zung: R. Ja­kobson: Ver­schie­ber, Verb­ka­te­go­ri­en und das rus­si­sche Verb. In: Ders.: Form und Sinn: Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 3554; ut­ter­an­ce wird hier mit “Äu­ße­rung” über­setzt.
    Ja­kobson be­zieht er sich auf ei­nen Auf­satz von Émi­le Ben­ve­nis­te, in dem Ben­ve­nis­te die Ter­mi­ni énon­cé und énon­cia­ti­on ver­wen­det (vgl. É. Ben­ve­nis­te: La na­tu­re des pro­noms (1956). In: Ders.: Pro­blè­mes de lin­gu­is­tique gé­né­ra­le. Tome 1. Gal­li­mard, Pa­ris 1966, S. 251257); énon­cé und énon­cia­ti­on fin­det man in Ben­ve­nis­tes Auf­satz auf S. 252.
  19. La­can ver­wen­det den Ter­mi­nus su­jet-sup­po­sé-sa­voir erst­mals in Se­mi­nar 9, in der Sit­zung vom 15. No­vem­ber 1961.
  20. Den Ter­mi­nus man­que d’être ver­wen­det La­can zu­erst in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, in der Sit­zung vom 19. Mai 1955; Ver­si­on Miller/Metzger S. 283 f. In den Schrif­ten wird die­ser Aus­druck von La­can nicht ver­wen­det.
    Die Quel­le für man­que d’être ist: Jean-Paul Sart­re: Das Sein und das Nichts. Ver­such ei­ner phä­no­me­no­lo­gi­schen On­to­lo­gie (1943). Über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, dar­in v.a. Teil 2, Ka­pi­tel 1, Teil 2: „Die Fak­ti­zi­tät des Für-sich“.
  21. In den Schrif­ten ver­wen­det La­can man­que-à-être zu­erst in Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuß­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J.L.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S.  1555, hier: S. 48. In den Se­mi­na­ren fin­det man den Ter­mi­nus zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Sit­zung vom 18. Juni 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 546 (an bei­den Stel­len mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt).
  22. Vgl. S. Freud: Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 227310, hier: S. 277 f.
  23. Von der „Mo­di­fi­ka­ti­on“ der „Be­dürf­nis­se“ durch die Spra­che spricht La­can in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, und im Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus (Vor­trag von 1958, ver­öf­fent­licht 1966).
  24. Zu­erst in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung und in Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (ge­schrie­ben 1960).
  25. Karl Abra­ham: Ver­such ei­ner Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Li­bi­do, auf Grund der Psy­cho­ana­ly­se see­li­scher Stö­run­gen (1924). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Schrif­ten in zwei Bän­den. Hg. v. J. Creme­ri­us. Bd. II. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 1982, S. 32102, dar­in vor al­lem der zwei­te Teil, An­fän­ge und Ent­wick­lung der Ob­jekt­lie­be, S. 83102.
  26. Me­la­nie Klein: A con­tri­bu­ti­on to the psy­cho­ge­ne­sis of ma­nic-de­pres­siv sta­tes. In: In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 16. Jg. (1935), S. 145174.– Dt.: Zur Psy­cho­ge­ne­se der ma­nisch-de­pres­si­ven Zu­stän­de. Über­setzt von Hans A. Thor­ner. In: Dies.: Das See­len­le­ben des Klein­kin­des und an­de­re Bei­trä­ge zur Psy­cho­ana­ly­se. Hg. von Hans A. Thor­ner. Klett-Cot­ta, Stutt­gart 2. Aufl. 1983, S. 5594. Den Aus­druck „Teil­ob­jekt“ fin­det man auf hier den Sei­ten 58, 59, 63, 69, 88, 90, 91 und 92.
  27. Freud: „Aus­gangs­punkt die­ser Er­ör­te­run­gen kann der An­schein wer­den, daß in den Pro­duk­tio­nen des Un­be­wuß­ten – Ein­fäl­len, Phan­ta­si­en und Sym­pto­men – die Be­grif­fe Kot (Geld, Ge­schenk), Kind und Pe­nis schlecht aus­ein­an­der­ge­hal­ten und leicht mit­ein­an­der ver­tauscht wer­den.“ (S. Freud: Über Trie­bum­set­zun­gen, ins­be­son­de­re der Ana­lero­tik (1917). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 123131, hier: 126) In ei­nem spä­te­ren Auf­satz schreibt Freud: „Das Mäd­chen glei­tet – man möch­te sa­gen: längs ei­ner sym­bo­li­schen Glei­chung – vom Pe­nis auf das Kind hin­über, sein Ödi­pus­kom­plex gip­felt in dem lan­ge fest­ge­hal­te­nen Wunsch, vom Va­ter ein Kind als Ge­schenk zu er­hal­ten, ihm ein Kind zu ge­bä­ren.“ (S. Freud: Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 243252, hier: 250)
  28. Ein­ge­führt wird das Ob­jekt a in die­ser spe­zi­el­len Be­deu­tung aus­führ­lich in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst. Eine ers­te Skiz­ze fin­det man in den letz­ten Sit­zun­gen von Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung.
  29. Zur Gleich­set­zung von a mit „Mehr­lust“ vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1970, Ver­si­on Mil­ler S. 91, und öf­ter. –  J.L.: Ra­dio­pho­nie (1970). Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger. In: J.L.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Ber­lin 1988, S. 5–54, hier: S 49.–  J.L.: Se­mi­nar 20, En­core (1972/73). Über­setzt von Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger. Qua­dri­ga, Ber­lin 1986, Sit­zung vom 19. De­zem­ber 1972, S. 21.
  30. Bei­spiels­wei­se sagt Freud, das Wert­vol­le des Wit­zes sei der „Lust­ge­winn“, den er brin­ge (S. Freud: Der Witz und sei­ne Be­zie­hung zum Un­be­wuss­ten (1905). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Bd. 6. Ima­go, Lon­don 1940, S. 27).
  31. Vgl. etwa S. Freud: Die „kul­tu­rel­le“ Se­xu­al­mo­ral und die mo­der­ne Ner­vo­si­tät (1908). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 9–32, hier:  S.17.
  32. Den Ter­mi­nus plus-de-jouir ge­braucht La­can erst­mals in Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1968; Ver­si­on Mil­ler, S. 17. Das deut­sche Wort „Mehr­lust“ ver­wen­det er in der Sit­zung vom 20. No­vem­ber 1968; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 29.
  33. Vgl. S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61–134, hier: S. 99.
  34. Sart­re, Das Sein und das Nichts, a.a.O., S. 184.
  35. In: S. Freud: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Ers­ter Band. Wer­ke aus den Jah­ren 18921899. Ima­go, Lon­don 1952, S. 517527.
  36. In: S. Freud: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Vier­ter Band. Ima­go, Lon­don 1941, „I. Ver­ges­sen von Ei­gen­na­men“, S. 512.
  37. Vgl. etwa:
    Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 6366, 71 f., 337;
    Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 283;
    Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 4047, 59 f., 6469;
    Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 33;
    Ein­füh­rung zum Kom­men­tar von Jean Hyp­po­li­te über die „Ver­nei­nung“ von Freud (1956), Schrif­ten III, S. 189;
    La psy­chana­ly­se et son ens­eig­ne­ment (1957), Écrits, S. 447.
  38. Eine Über­set­zung al­ler Pas­sa­gen über den Ei­gen­na­men in Se­mi­nar 12 fin­det man in die­sem Blog­ar­ti­kel.
  39. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 6. Ja­nu­ar 1965; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  40. 6. Ja­nu­ar 1965.
  41. 6. Ja­nu­ar 1965.
  42. 6. Ja­nu­ar 1965.
  43. 6. Ja­nu­ar 1965.

Kommentare

Die Diskurselemente S1, S2, a, $: am Beispiel von Freuds Vergessen des Namens „Signorelli“ — 4 Kommentare

  1. ver­zei­hen sie mei­ne kri­tik wo bit­te ist hier et­was über die vier dis­kur­se ge­sagt wor­den? ein lai­en­pu­bli­kum wird sich wohl im vor­ur­teil, die la­can­sche theo­rie be­tref­fend, die­se sei her­me­tisch, un­ver­ständ­lich, ab­ge­ho­ben ect, be­stä­tigt se­hen. la­can ohne kli­nik ist wie schwim­men ohne was­ser.

    herz­lich,
    chris­ti­an koh­ner-kah­ler aus wien

    • Lie­ber Herr Koh­ner-Kah­ler,

      am bes­ten ant­wor­te ich wohl Satz für Satz.

      Zu Ih­rem ers­ten Satz: The­ma mei­nes Bei­trags sind nicht die vier Dis­kur­se, son­dern de­ren Ele­men­te. Wo ist nicht von die­sen Ele­men­ten die Rede? 

      Zu Ih­rem zwei­ten Satz: Sie spre­chen als Nicht-Laie (als Psy­cho­ana­ly­ti­ker) dar­über, wie, ih­rer An­sicht nach, Lai­en den Ar­ti­kel be­ur­tei­len. Wie wol­len Sie das wis­sen?

      Ich tei­le üb­ri­gens die Auf­fas­sung, dass La­cans Theo­rie „her­me­tisch“ ist, im Sin­ne von: dass die Tex­te meist schwer ver­ständ­lich sind, und dass der Stil der meis­ten Schrif­ten und der spä­ten Se­mi­na­re dar­auf ab­zielt, den Zu­gang zu er­schwe­ren. Das heißt nicht, dass die­se Theo­rie „un­ver­ständ­lich“ ist, man kann sie durch­aus ver­ste­hen, muss je­doch viel Ar­beit in­ves­tie­ren. Ist sie „ab­ge­ho­ben“? Ich den­ke schon, im Sin­ne von: sie macht vie­le Vor­aus­set­zun­gen.

      Zu Ih­rem drit­ten Satz: Es fehlt Ih­nen in die­sem Ar­ti­kel die „Kli­nik“ (wie die La­ca­nia­ner sa­gen), also der Be­zug auf die Er­fah­run­gen, die in ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur ge­macht wer­den. Freuds Selbst­ana­ly­se des Ver­ges­sens ei­nes Ei­gen­na­mens ist für Sie dem­nach kei­ne „Kli­nik“. War­um nicht? In La­cans Tex­ten ist der Be­zug auf die „Kli­nik“ sel­ten – ist für sie La­can zu le­sen wie Schwim­men ohne Was­ser?

      Herz­lich, Rolf Nemitz

      P.S.: Ihr Bild „schwim­men ohne Was­ser“ ge­fällt mir. Mein Blog ist al­les in al­lem, so möch­te ich sa­gen, eine Tro­cken­übung.

  2. Wie­der ein­mal ein sehr le­sens­wer­ter Bei­trag, Herr Nemitz. Bei der Lek­tü­re kam mir zu fol­gen­der Pas­sa­ge ein Ge­dan­ke:

    Das Sub­jekt ist auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne zwar re­prä­sen­tiert, vor al­lem durch Iden­ti­fi­ka­tio­nen (S1), aber in all die­sen Re­prä­sen­ta­tio­nen ist es ent­frem­det. Die­se Ent­frem­dung ist nor­ma­ler­wei­se durch eine Täu­schung un­zu­gäng­lich; sie ist je­doch er­fahr­bar; die­se Er­fah­rung ist, falls ich La­can rich­tig ver­stan­den habe, trau­ma­tisch; und die­se trau­ma­ti­sche Er­fah­rung des Ver­schwin­dens auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ist die „Apha­ni­sis“ des Sub­jekts, das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts.“

    Ich den­ke, man kann das trau­ma­ti­sche Ver­schwin­den des S1 durch das Auf­tau­chen von un­be­wuss­tem Wis­sen S2 ver­ständ­lich ma­chen. Das Un­be­wuss­te ist sei­nem We­sen nach ja „Frem­des im Ei­ge­nen“, wenn man so will, aber es stellt re­gel­mä­ßig die Iden­ti­fi­fi­ka­tio­nen des Sub­jekts (also sein Ich) in­fra­ge.

    Ein Bei­spiel von Freud fin­det sich schon in den Stu­di­en über Hys­te­rie im Fall der Eli­sa­beth von R.. So­wie Freud sei­ner Pa­ti­en­tin deu­tet: „Sie wa­ren also seit lan­ger Zeit in Ih­ren Schwa­ger ver­liebt.“ ist die­sel­be tat­säch­lich trau­ma­tisch er­schüt­tert, sie fühlt sich als Per­son fun­da­men­tal in Fra­ge ge­stellt, sei „ei­ner sol­chen Schlech­tig­keit nicht fä­hig“ und dgl.. Freud schreibt nun, dass Eli­sa­beth der Deu­tung letzt­lich zwar Recht gibt, dass sie die­ses Wis­sen über sich aber nicht als Teil ih­rer Selbst an­zu­er­ken­nen in der Lage ist, ob­wohl der the­ra­peu­ti­sche Ef­fekt of­fen­sicht­lich ist usw. Das un­be­wuss­te Wis­sen bleibt „ein Fremd­kör­per“, wie Freud sich aus­drückt. Über die we­ni­gen Mo­men­te, in de­nen Eli­sa­beth durch­aus ein Be­wusst­sein über die Lie­be für ih­ren Schwa­ger hat­te schreibt Freud: „Ge­ra­de die­se Mo­men­te sind also als die „trau­ma­ti­schen“ zu be­zeich­nen; in ih­nen hat die Kon­ver­si­on statt­ge­fun­den, de­ren Er­geb­nis­se die Be­wusst­seins­spal­tung und das hys­te­ri­sche Sym­ptom sind.“. Es trifft sich ja so, dass die­se Mo­men­te, in de­nen Eli­sa­beth dem S2 be­ge­ge­n­et, eben auch die Mo­men­te sind, die Eli­sa­beths S1 (Iden­ti­fi­ka­ti­on als mo­ra­lisch an­stän­ge Toch­ter usw.) in­fra­ge stel­len, viel­leicht so­gar mo­men­tan ver­schwin­den las­sen.

    Zu­ge­ge­ben, das ist jetzt nicht an La­can ent­wi­ckelt und des­we­gen nicht so rich­tig schön, aber es scheint mir mit Freud und La­can ver­ein­bar zu sein. Das wür­de na­tür­lich auch die Fra­ge in den Raum stel­len, ob das Auf­tau­chen ei­nes S2 prin­zi­pi­ell mit dem Ver­schwin­den des S1 ein­her­geht.

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