Graph des Begehrens

Der Schnitt: die Einschreibung des Realen in das Symbolische

Lucio Fontana - Concetto spaziale - 1959Lu­cio Fon­ta­na, Con­cet­to spa­zia­le, At­te­se. 1959. Syn­the­ti­sche Far­be auf Lein­wand, 125 x 250,8 cm So­lo­mon R. Gug­gen­heim Mu­se­um, New York

Aus­ge­ar­bei­te­te Fas­sung des ers­ten Teils von drei Tei­len ei­nes Vor­trags, den ich auf Ein­la­dung des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Kol­legs am 29. Ja­nu­ar 2016 in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Bi­blio­thek Ber­lin ge­hal­ten habe.

In der Se­kun­där­li­te­ra­tur fin­det man im­mer wie­der die Be­haup­tung, erst der spä­te La­can habe den Be­griff des Rea­len aus­ge­ar­bei­tet. Das ist ein My­thos, und da­von zeugt nicht zu­letzt der Be­griff des Schnitts (coupu­re). La­can ar­bei­tet ihn zu­erst in Se­mi­nar 6 aus (Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, 1958/59) und be­stimmt den Schnitt dort als Ma­ni­fes­ta­ti­on des Rea­len im Sym­bo­li­schen. Ab die­sem Se­mi­nar ist „Schnitt“ ei­ner sei­ner Grund­be­grif­fe.

Im Fol­gen­den gebe ich ei­nen Über­blick über die ers­te Aus­ar­bei­tung die­ses Kon­zepts in Se­mi­nar 6.1

Da es von die­sem Se­mi­nar kei­ne deut­sche Über­set­zung gibt2, über­set­ze ich die Stel­len, in de­nen der Aus­druck „Schnitt“ als theo­re­ti­scher Be­griff ver­wen­det wird. Die Pas­sa­gen sind voll­stän­dig – bis auf eine Be­mer­kung über das Ende der Sit­zung, die ich in die­sem Blog­ar­ti­kel dar­stell­te.

In der Ein­lei­tung die­ses Ar­ti­kels fin­det man ei­ni­ge ori­en­tie­ren­de Hin­wei­se. Den Ab­schluss bil­det eine sys­te­ma­ti­sie­ren­de Zu­sam­men­stel­lung von La­cans The­sen zum Schnitt in Se­mi­nar 6.

Für aus­dau­ern­de Hil­fe bei der Über­set­zung: herz­li­chen Dank (wie­der mal) an Ger­hard Herr­gott!

Einleitung

Schnitt

Das Un­be­wuss­te be­steht, La­can zu­fol­ge, aus Si­gni­fi­kan­ten. Dass die­se Ele­men­te Si­gni­fi­kan­ten sind, heißt un­ter an­de­rem, dass die Über­gän­ge zwi­schen ih­nen dis­kon­ti­nu­ier­lich statt kon­ti­nu­ier­lich sind, sprung­haft statt flie­ßend, in der Spra­che der In­for­ma­ti­ons­theo­re­ti­ker: dis­kret statt ana­log.

Zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten gibt es zwei Ar­ten von Be­zie­hun­gen, dia­chro­ne und syn­chro­ne. Das Merk­mal der Dis­kon­ti­nui­tät lässt sich auf bei­de Ach­sen be­zie­hen. Si­gni­fi­kan­ten sind im zeit­li­chen Nach­ein­an­der mit­ein­an­der ver­ket­tet (dia­chron) und sie kön­nen sich er­set­zen (syn­chron); Saus­su­re spricht von „syn­tag­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen“ (dies ist die dia­chro­ne Ach­se) und von „as­so­zia­ti­ven“ oder „pa­ra­dig­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen“ (die syn­chro­ne Ach­se)3; Ja­kobson von Kom­bi­na­ti­on (dia­chron) und Sub­sti­tu­ti­on oder Si­mi­la­ri­tät (syn­chron). Ja­kobsons Be­griffs­op­po­si­ti­on ist nicht zu­letzt des­we­gen in­ter­es­sant, weil er sie auf Freud be­zieht: dem Be­griff der Kom­bi­na­ti­on ent­spricht bei Freud – sagt Ja­kobson – die Ver­dich­tung, dem der Sub­sti­tu­ti­on die Ver­schie­bung4; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

Au­to­ren Zeit­ach­sen
  dia­chron syn­chron
Saus­su­re syn­tag­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen as­so­zia­ti­ve (pa­ra­dig­ma­ti­sche) Be­zie­hun­gen
Ja­kobson Kom­bi­na­ti­on Sub­sti­tu­ti­on, Si­mi­la­ri­tät
Freud Ver­schie­bung Ver­dich­tung
La­can Si­gni­fi­kan­ten­ket­te

Me­to­ny­mie

Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie, Si­gni­fi­kan­ten­schatz

Me­ta­pher

Si­gni­fi­kan­ten­sprün­ge – „Dis­kre­tio­nen“ könn­te man viel­leicht sa­gen – gibt es dem­nach so­wohl in der dia­chro­nen wie in der syn­chro­nen Zeit­ach­se.

Wenn man zwei Si­gni­fi­kan­ten hat, gibt es also im­mer ein drit­tes Ele­ment: den klei­nen Sprung zwi­schen ih­nen. Be­schränkt man sich auf die Dia­chro­nie, also auf das zeit­li­che Nach­ein­an­der, auf die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, und hier wie­der­um auf die ge­schrie­be­ne Spra­che, ist der dis­kre­te Cha­rak­ter der Si­gni­fi­kan­ten in ge­druck­ten Tex­ten gut er­kenn­bar: Man sieht Ab­stän­de zwi­schen den Buch­sta­ben und grö­ße­re Di­stan­zen zwi­schen den Wör­tern, und au­ßer­dem fin­det man, ge­wis­ser­ma­ßen als Pau­sen­fül­ler, Satz­zei­chen wie Punkt, Kom­ma, Se­mi­ko­lon und Ge­dan­ken­strich. In der ge­spro­che­nen Spra­che ist die syn­chro­ne Dis­kon­ti­nui­tät im Hin­ter­grund wirk­sam, sie sorgt da­für, dass wir un­ter­schei­den kön­nen, ob je­mand „backen“ oder „packen“ sagt, „dort“ oder „Docht“. Wenn je­mand die syn­chro­ne Dis­kon­ti­nui­tät un­ge­nü­gend be­rück­sich­tigt – also ge­wis­ser­ma­ßen ana­log spricht – heißt es von ihm: Er nu­schelt. In der dia­chro­nen Ach­se kann der dis­kre­te Cha­rak­ter der Si­gni­fi­kan­ten durch den zeit­li­chen Ab­stand be­tont wer­den, durch Pau­sen, etwa zwi­schen Sät­zen. Wenn die klei­nen oder grö­ße­ren Zeit­lü­cken feh­len, sagt man: „Er re­det atem­los“, oder: „Sie spricht ohne Punkt und Kom­ma“.

La­can be­zeich­net den Sprung zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten, her­vor­ge­ru­fen durch ih­ren dis­kre­ten Cha­rak­ter, als Schnitt.

Problematik

Wel­che Rol­le spielt die­ser Schnitt für die Psy­cho­ana­ly­se?

Bei sei­nen Über­le­gun­gen zu die­sem The­ma stützt La­can sich auf drei Grund­ge­dan­ken.

Die ers­te The­se lau­tet: Das Sub­jekt ist von der Spra­che de­ter­mi­niert, „vom Si­gni­fi­kan­ten“, wie er meist sagt. Die­sen Ge­dan­ken ent­wi­ckelt er ab dem so­ge­nann­ten Rom-Vor­trag von 1953.5

Der zwei­te Ge­dan­ke ist: Das Sub­jekt ist zwar von der Spra­che de­ter­mi­niert, aber es ist nicht Spra­che, es ist et­was an­de­res als Spra­che. Die Spra­che ist, wie La­can sagt, am Ort des An­de­ren, und das heißt: Die Spra­che ist nicht am Ort des Sub­jekts. Das Sub­jekt ist nicht Spra­che, son­dern der durch die Spra­che her­vor­ge­ru­fe­ne Ver­lust oder Man­gel. Bei Freud heißt die­ser Ver­lust „Trieb­un­ter­drü­ckung“, „Trieb­ver­zicht“, „Un­be­frie­di­gung“6, „Un­be­ha­gen“7. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie: Das Sub­jekt ist Be­geh­ren, d..h. es ist man­que d’être (Seins­man­gel), wie er ab 1955 zu­nächst mit Sart­re sagt8, es ist man­que-à-être, wie er es ab 1957 nennt.9 Man­que-à-être wird bis­wei­len mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt; das ist ir­re­füh­rend, es geht nicht um eine mo­ra­li­sche Ver­feh­lung und auch nicht dar­um, dass das Sub­jekt et­was ver­fehlt, son­dern dar­um, dass dem Sub­jekt et­was fehlt, um ei­nen „Man­gel-zu-sein“. Die­ser Ver­lust ist ein Ver­lust an „Ge­nie­ßen“ (jouis­sance), wie La­can spä­ter sa­gen wird, d..h. ein Ver­lust auf der Ebe­ne der kör­per­li­chen Er­re­gun­gen.10

Die drit­te The­se lau­tet: Im Rah­men der Psy­cho­ana­ly­se hat das Sub­jekt ei­nen Zu­gang zu sich selbst nur auf dem Weg über das Spre­chen.

Wenn man den zwei­ten und den drit­ten Ge­dan­ken ver­bin­det, er­gibt sich die fol­gen­de Pro­ble­ma­tik: Wie kann das Sub­jekt, das doch in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se ei­nen Zu­gang zu sich selbst sucht, er­fah­ren, dass es et­was an­de­res ist als die Spra­che, näm­lich ein Ver­lust oder Man­gel, wenn es ei­nen Zu­gang zu sich selbst nur im Spre­chen hat? Die Ant­wort, die La­can in Se­mi­nar 6 aus­ar­bei­tet, lau­tet: im Schnitt.

Dies ist nicht die ein­zi­ge Lö­sung des Pro­blems. Als Man­gel er­fährt sich das Sub­jekt, so heißt es vor Se­mi­nar 6, in Ge­stalt des Ob­jekt­man­gels oder der Me­ta­pher oder der Me­to­ny­mie.
– Der Ob­jekt­man­gel (man­que de l’objet), ein Be­griff von 1956, kann drei For­men an­neh­men: Kas­tra­ti­on, Frus­tra­ti­on und Pri­va­ti­on.11
– Un­ter Me­to­ny­mie ver­steht La­can (ab 1957) die Ver­schie­bung von An­spruch zu An­spruch; in die­ser Such­be­we­gung ist der Man­gel wirk­sam, das Be­geh­ren; La­can spricht des­halb von der „Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“12. Der Schnitt, um den es in Se­mi­nar 6 geht, knüpft an den Be­griff der Me­to­ny­mie an; der Schnitt ist das, was zwei An­sprü­che von­ein­an­der trennt und zu­gleich ver­bin­det.
– Die Va­ter­me­tapher (so heißt es ab 1958) sorgt da­für, dass es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels gibt, näm­lich des­sen, was dem An­de­ren fehlt: der Phal­lus.13

In Se­mi­nar 6 ent­wi­ckelt La­can eine wei­te­re Ant­wort auf die Fra­ge, auf wel­che Wei­se dem Sub­jekt der Man­gel zu­gäng­lich ist: im Phan­tas­ma. Als Man­gel er­fährt es sich hier auf dop­pel­te Wei­se. Auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ist es das Sub­jekt im Ver­schwin­den, in der Apha­ni­sis, im Fa­ding, es ist das Sub­jekt, das da­mit kon­fron­tiert ist, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Das heißt für La­can aber, das Sub­jekt ist im Schnitt, im Ein­schnitt zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten.

In der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on er­fährt das Sub­jekt im Phan­tas­ma sei­nen Ver­lust durch den Be­zug zu ei­nem Ob­jekt des Be­geh­rens als dem, was ihm fehlt. Die­se bei­den Grö­ßen, Sub­jekt und Ob­jekt, sind da­durch auf­ein­an­der be­zo­gen, dass das Ob­jekt des Be­geh­rens durch ei­nen Schnitt kon­sti­tu­iert wird. Der Schnitt ist also das, was die bei­den Sei­ten des Phan­tas­mas, Sub­jekt und Ob­jekt, mit­ein­an­der ver­bin­det. In der spä­te­ren Aus­ar­bei­tung der Theo­rie wird die Rau­te in der For­mel des Phan­tas­mas ($ ◊ a) des­halb von La­can als Schnitt in­ter­pre­tiert.

Intervall, Schnitt, Skandierung

Für den Sprung zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten ver­wen­det La­can ne­ben „Schnitt“ zwei wei­te­re Ter­mi­ni: In­ter­vall (in­ter­val­le) und Skan­die­rung (scan­si­on).

Mit dem Aus­druck „In­ter­vall“ be­zieht er sich meist auf ei­nen zeit­li­chen Ab­stand, manch­mal auch ei­nen auf eine räum­li­che Di­stanz; die Wen­dung dans l’intervalle meint „da­zwi­schen“, und da­mit ist bei La­can meist ge­meint: „in der Zwi­schen­zeit“, manch­mal auch: „im Zwi­schen­raum“. Wenn es um den Zwi­schen­raum geht, muss sich das nicht auf den phy­si­schen Raum be­zie­hen, es kann auch ein fik­ti­ver Ab­stand ge­meint sein, etwa wenn La­can vom „In­ter­vall“ zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat spricht.14

In Se­mi­nar 6 be­zieht La­can den Ter­mi­nus „In­ter­vall“ auf die Struk­tur der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te. Bei der Er­läu­te­rung der Li­ni­en des Gra­phen des Be­geh­rens sagt er:

Da der An­spruchs­dis­kurs aus Si­gni­fi­kan­ten be­steht, müss­te die Li­nie, die ihn re­prä­sen­tiert, hier in der frag­men­tier­ten Form er­schei­nen, wo wir sie hier fort­be­stehen se­hen, näm­lich in Form ei­ner Ab­fol­ge von dis­kre­ten, also durch In­ter­val­le ge­trenn­ten Ele­men­ten.“15

Den Aus­druck „Schnitt“ ver­wen­det La­can in Se­mi­nar 6 häu­fig syn­onym mit „In­ter­vall“, etwa hier:

Es [das Sub­jekt] ist nur in den In­ter­val­len da, in den Schnit­ten. (…) Ich habe es Ih­nen ge­sagt, am Ende sei­ner Be­fra­gung be­geg­net das Sub­jekt sich als Schnitt und als In­ter­vall.“16

Oder hier:

Die­ses Sein [des Sub­jekts] ist nir­gend­wo an­ders – dass dies recht ver­stan­den wer­de – als in den In­ter­val­len, in den Schnit­ten und da, wo es ei­gent­lich das am we­nigs­ten si­gni­fi­kan­te der Si­gni­fi­kan­ten ist, näm­lich der Schnitt.“17

In Se­mi­nar 6 ver­wen­det La­can den Be­griff „Schnitt“ in zwei Haupt­be­deu­tun­gen, die eine be­zieht sich auf das Sym­bo­li­sche, die an­de­re auf das Ima­gi­nä­re. Der Schnitt ist zum ei­nen das In­ter­vall zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten, her­vor­ge­ru­fen durch ih­ren dis­kre­ten Cha­rak­ter. Der sym­bo­li­sche Schnitt wie­der­um kann auf zwei Wei­sen auf­ge­fasst wer­den, er ist zum ei­nen ein struk­tu­rel­les Merk­mal des Sym­bo­li­schen, sei­ne letz­te Grund­la­ge; er kann aber auch ge­zielt be­tont wer­den, etwa durch eine Pau­se.

Im Ima­gi­nä­ren er­scheint der Schnitt in vie­ler­lei Ge­stal­ten, als Bei­spie­le führt La­can in Se­mi­nar 6 u.a. den Ho­sen­schlitz an, die Ge­len­ke ei­ner Rüs­tung und die Ver­stüm­me­lung des Kör­pers, etwa durch Be­schnei­dung.

Die Ak­zen­tu­ie­rung des Schnitts im zeit­li­chen Nach­ein­an­der nennt La­can meist „Skan­die­rung“. Die Skan­die­rung ist also, in La­cans Sprach­ge­brauch, die be­ton­te Un­ter­bre­chung ei­nes zeit­li­chen Kon­ti­nu­ums des Spre­chens.18

Der Aus­druck „Skan­die­rung“ kann sich bei La­can auch auf eine grö­ße­re Fol­ge von zeit­li­chen Ein­schnit­ten be­zie­hen und da­mit auf eine um­fas­sen­de­re zeit­li­che Glie­de­rung, bei­spiels­wei­se dann, wenn er über den mehr­fa­chen Wech­sel von 0 und 1 sagt: „Die­ses Os­zil­lie­ren ist die Skan­die­rung.“19 Oder wenn er da­von spricht, dass wir die Mög­lich­keit ha­ben, die­ses Al­ter­nie­ren „auf ei­nem Rhyth­mus zu ver­kör­pern, ei­ner grund­le­gen­den Skan­die­rung“20. La­can re­fe­riert den Fall ei­ner Pa­ti­en­tin von Joan Ri­vie­re, die sich je­des­mal, wenn sie den Be­weis ih­rer phal­li­schen Macht er­bracht hat­te, in Ver­füh­rungs­ak­ti­vi­tä­ten stürz­te oder sich für an­de­re auf­op­fer­te; er spricht hier­bei von ei­ner „Skan­die­rung“21 und meint da­mit ei­nen sich wie­der­ho­len­den Pha­sen­über­gang, den re­gel­mä­ßi­gen Wech­sel von Pha­se A (Macht­er­weis) zu Pha­se B (Ver­füh­rung oder Auf­op­fe­rung).

Den Aus­druck „skan­die­ren“ ver­wen­det La­can un­ter an­de­rem für die Be­en­di­gung ei­ner Se­mi­nar­sit­zung. In Se­mi­nar 4 zi­tiert er den be­rühm­ten Satz „Wenn du zum Wei­be gehst, ver­giss die Peit­sche nicht!“ und fährt dann fort:

Das ist eine ein­fa­che Wei­se, um mei­ne heu­ti­ge Vor­le­sung zu skan­die­ren, das ist ein ein­fa­cher Halt. Se­hen Sie dar­in nicht das We­sent­li­che der Vor­le­sung, das ich Ih­nen heu­te lie­fern möch­te! Se­hen Sie dar­in ein­fach ei­nen Schnitt, not­wen­dig auf­grund der vor­an­ge­schrit­te­nen Zeit, zu der die­se Rede uns ge­führt hat.“22

Als Syn­onym für das „Skan­die­ren“ der Sit­zung ver­wen­det La­can hier den Aus­druck „Schnitt“, und er be­tont, dass ihm die­ser Schnitt durch den vor­ge­ge­be­nen Zeit­rah­men auf­ge­nö­tigt wird.

Begriffsentwicklung

La­cans Kon­zept des Schnitts durch­läuft meh­re­re Pha­sen.

Graph des Begehrens - Graph mit Markierung Phantasma

Graph des Be­geh­rens (aus: Sub­ver­si­on des Sub­jekts)

(1) Eine Vor­form des Be­griffs des Schnitts ist mit dem Kon­zept der Uni­ver­sal­ma­schi­ne ver­bun­den, das La­can in Se­mi­nar 2 ent­wi­ckelt (Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, 1954/55). Dem­nach be­ruht die Sym­bo­li­sie­rung dar­auf, dass der Strom der ur­sprüng­li­chen Span­nung von ei­ner Rei­he von Al­ter­na­ti­ven er­fasst wird. In Se­mi­nar 6 ver­weist La­can aus­drück­lich auf die­se Vor­läu­fer­schaft.23 Im Poe-Auf­satz (1956) wird die­se Kon­zep­ti­on aus­ge­ar­bei­tet.24

(2) Ab Se­mi­nar 6 (1958/59), be­zieht La­can sich für den Be­griff des Schnitts auf den Gra­phen des Be­geh­rens und dar­in auf die For­meln für das Phan­tas­ma ($ ◊ a) und für den Trieb ($ ◊ D). Der Schnitt im Sym­bo­li­schen er­scheint im Phan­tas­ma als ima­gi­nä­rer Schnitt, z..B. als Spal­te, heißt es in die­sem Se­mi­nar.

Die Rau­te in den bei­den For­meln gilt La­can in Se­mi­nar 6 als Kür­zel für das so­ge­nann­te Sche­ma L. In dem Auf­satz Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (ge­schrie­ben 1960) wird die Rau­te um­ge­deu­tet:

Sie­he das ($ ◊ D) und das ($ ◊ a) in un­se­rem Gra­phen, hier wie­der auf­ge­nom­men in Sub­ver­si­on du su­jet, in: Écrits, S. 817. Das Zei­chen ◊ no­tiert die Be­zie­hun­gen: Ein­wick­lung-Ent­wick­lung-Kon­junk­ti­on-Dis­junk­ti­on. Die Ver­bin­dun­gen, die es in die­sen bei­den Par­en­the­sen be­deu­tet, er­lau­ben, das schräg­ge­stri­che­ne S zu le­sen: S im fa­ding im Schnitt des An­spruchs; S im fa­ding vor dem Ob­jekt des Be­geh­rens. Eben na­ment­lich der Trieb und das Phan­tas­ma.“25

In der For­mel für den Trieb ($ ◊ D)  sym­bo­li­siert die Rau­te den Schnitt – ob das auch für die For­mel des Phan­tas­mas gel­ten soll, bleibt of­fen. Eine Be­grün­dung für die Zu­ord­nung der Rau­te zum Schnitt, be­zo­gen auf die For­mel des Triebs, ent­hält der Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten (ge­schrie­ben 1962).26 Un­ter dem Schnitt ver­steht La­can hier den Rand der ero­ge­nen Zo­nen. Eine Er­läu­te­rung die­ser Pas­sa­ge fin­det man in die­sem Blog hier.

In Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, wird die Zu­ord­nung von Rau­te und Schnitt dann auch für die For­mel des Phan­tas­mas ($ ◊ a) vor­ge­nom­men. Dort heißt es:

Wenn ich nie­mals die wahr­haf­te Ver­ba­li­sie­rung die­ser Form ◊ ein­ge­führt habe, Pun­ze, Be­geh­ren, wo­durch das $ mit dem a zum $ ◊ a ver­eint wird, die­ser klei­ne Vier­sei­ter muss so ge­le­sen wer­den: Das Sub­jekt, in­so­fern es vom Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert ist, ist im Phan­tas­ma spe­zi­ell Schnitt von a.“27

Der Schnitt – das, was zu­gleich trennt und ver­bin­det – hat dem­nach drei Exis­ten­zwei­sen: es gibt ihn auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen (die Dis­kon­ti­nui­tät zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten), auf der des Ima­gi­nä­ren (ein Spalt, ein Schlitz, eine Rit­ze usw.) und auf der des Kör­pers (der Rand der ero­ge­nen Zo­nen) – des Rea­len, könn­te man (et­was un­vor­sich­tig) sa­gen.

(3) In ei­ner drit­ten Pha­se wird der Be­griff des Schnitts von La­can vor al­lem auf to­po­lo­gi­sche Flä­chen be­zo­gen; die­se Deu­tung be­ginnt mit Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung. Mit die­ser Wen­dung knüpft La­can an den Be­griff des Schnitts in der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie an – Flä­chen wer­den hier da­nach klas­si­fi­ziert, wel­che Ar­ten von Schnit­ten bei ih­nen mög­lich sind.

Die für La­can ent­schei­den­de Form des to­po­lo­gi­schen Schnitts ist die so­ge­nann­te In­ne­n­acht – die Rau­te ver­wan­delt sich ge­wis­ser­ma­ßen in die In­ne­n­acht. Die In­ne­n­acht ist eine Li­nie, die sich selbst über­kreuzt und da­mit ein Schnitt.28 

(4) In Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, kün­digt La­can an, dass er statt vom „Schnitt“ in Zu­kunft vom „Rand“ spre­chen wer­de.29 Wie sich nach die­sem Zeit­punkt die Be­grif­fe „Schnitt“ und „Rand“ zu­ein­an­der ver­hal­ten, habe ich nicht auf­ge­ar­bei­tet.

(5) In Se­mi­nar 24 be­schreibt La­can eine Be­zie­hung zwi­schen dem Rea­len, dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren, bei dem das Sym­bo­li­sche die an­de­ren bei­den Re­gis­ter voll­stän­dig ein­hüllt, und fährt dann fort:

Und dar­in stellt die Ver­wen­dung des Schnitts, im Ver­hält­nis zu dem, wor­um es beim Sym­bo­li­schen geht, et­was dar, was ins­ge­samt Ge­fahr läuft, am Ende ei­ner Psy­cho­ana­ly­se et­was her­vor­zu­ru­fen, was durch eine Prä­fe­renz für das Un­be­wuss­te, ge­gen­über al­lem an­de­ren, cha­rak­te­ri­siert wäre.“30

*

*

Ein­mal, in Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, be­zieht La­can den Aus­druck „Schnitt“ auf das Ge­bil­de, das man im Deut­schen als Schnitt­men­ge be­zeich­net, dar­ge­stellt als Über­schnei­dungs­be­reich ei­nes Venn-Dia­gramms.31 Das ist eine Aus­nah­me, für ge­wöhn­lich be­zeich­net La­can die Schnitt­men­ge mit dem Ter­mi­nus, der im Fran­zö­si­schen hier­für üb­lich ist: als in­ter­sec­tion.32

Sekundärliteratur

In den deutsch­spra­chi­gen La­can-Le­xi­ka und La­can-Ein­füh­run­gen fehlt der Be­griff „Schnitt“ – falls ich nichts über­se­hen habe. Wer Fran­zö­sisch liest, ist bes­ser dran, er oder sie fin­det ei­nen gu­ten Über­blick in der La­can-Ein­füh­rung von Erik Por­ge.33 Auch das La­can-Le­xi­kon von Che­ma­ma und Van­derm­ersch ent­hält ei­nen Ar­ti­kel zu coupu­re, eben­falls von ho­her Qua­li­tät, der sich al­ler­dings, an­ders als die Ar­beit von Por­ge, auf die to­po­lo­gi­sche Ver­wen­dung des Be­griffs ab Se­mi­nar 9 be­schränkt.34

Der Begriff des Schnitts in Seminar 6: Übersetzung

Die Über­set­zung be­ruht auf der Ver­si­on des Se­mi­nars, die man auf der Web­site staferla.free.fr fin­det, Ver­si­on vom 6.1.2012. Ich habe die­se Fas­sung mit der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen (stark über­ar­bei­te­ten) Aus­ga­be des Se­mi­nars ver­gli­chen und grö­ße­re Ab­wei­chun­gen in den Fuß­no­ten an­ge­merkt.

Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten­zah­len der von Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen Aus­ga­be.

Alle Fuß­no­ten sind von mir. Au­ßer Hin­wei­sen zu Tran­skrip­ti­ons­pro­ble­men fin­det man hier Li­te­ra­tur­hin­wei­se, Quer­ver­wei­se und Er­läu­te­run­gen schwie­ri­ger Pas­sa­gen. Au­ßer­dem habe ich hier ver­sucht, ei­nen Con­tre­rime von Tou­let, auf den La­can sich be­zieht, ins Deut­sche zu über­tra­gen.

For­mu­lie­run­gen in spit­zen Klam­mern sind mei­ne Er­gän­zun­gen; sie sol­len den Sinn ei­nes ver­kürz­ten Sat­zes ver­ständ­lich zu ma­chen. For­mu­lie­run­gen in ecki­gen Klam­mern sind mei­ne Er­läu­te­run­gen.

Die Glie­de­rung in Ab­sät­ze ist von mir, die Fett­schrei­bung von „Schnitt“ eben­so.

Der Schnitt ist das Reale, das sich in das Symbolische einschreibt (20.5.1959)

Nach Be­mer­kun­gen über die an den Na­tur­wis­sen­schaf­ten ori­en­tier­te Psy­cho­lo­gie heißt es:

[450] Ge­wiss, es gibt hier et­was wirk­lich Ex­em­pla­ri­sches, et­was, das uns ver­an­las­sen kann, dar­über nach­zu­den­ken, was ge­schieht, wenn auf der an­de­ren Sei­te eine Psy­cho­lo­gie – die si­cher­lich, auch wenn wir sie nicht als Wis­sen­schaft hin­stel­len und ar­ti­ku­lie­ren, den­noch et­was ist, was sich auf pa­ra­do­xe Wei­se zu der Me­tho­de ins Ver­hält­nis setzt, die bis­lang über die wis­sen­schaft­li­che Vor­ge­hens­wei­se de­fi­niert wor­den ist, die Freud­sche Psy­cho­lo­gie –, wenn die­se Psy­cho­lo­gie uns sagt, dass das Rea­le des Sub­jekts nicht als Kor­re­lat ei­ner Er­kennt­nis auf­zu­fas­sen ist. Der ers­te Schritt, in dem das Rea­le als Rea­les ver­or­tet wird, als Ter­mi­nus für et­was, wor­in das Sub­jekt ver­wi­ckelt ist, hat sei­nen Ort nicht im Ver­hält­nis zum Sub­jekt der Er­kennt­nis, denn im Sub­jekt ar­ti­ku­liert sich et­was, das au­ßer­halb sei­ner mög­li­chen Er­kennt­nis liegt, das aber gleich­wohl be­reits das Sub­jekt ist und das dar­über hin­aus das­je­ni­ge Sub­jekt ist, das sich dar­an er­kennt, dass es Sub­jekt ei­ner ar­ti­ku­lier­ten Ket­te ist.

Dass et­was, das von Be­ginn an zur Ord­nung ei­nes Dis­kur­ses ge­hört, das also von ei­ner Stüt­ze ge­tra­gen wird, ei­ner Stüt­ze, bei der es nicht ver­fehlt ist, sie mit dem Aus­druck ‚Sein‘ zu kenn­zeich­nen, wenn wir dem Aus­druck ‚Sein‘ letzt­lich sei­ne Mi­nimalde­fi­ni­ti­on ge­ben. Wenn der Aus­druck ‚Sein‘ et­was be­deu­tet, dann ist es das Rea­le, in­so­fern es sich in das Sym­bo­li­sche ein­schreibt, das Rea­le, das in die­se Ket­te ver­wi­ckelt ist, von der Freud uns sagt, dass sie ko­hä­rent ist und dass sie das Ver­hal­ten des Sub­jekts be­stimmt, jen­seits al­ler Mo­ti­va­tio­nen, die | [451] dem Spiel der Er­kennt­nis zu­gäng­lich sind. Das ist ja et­was, das es ver­dient, als et­was be­zeich­net zu wer­den, das im vol­len Sin­ne zur Ord­nung des Seins ge­hört, weil es be­reits et­was ist, das als ein Rea­les auf­tritt, wel­ches im Sym­bo­li­schen ar­ti­ku­liert ist, als ein Rea­les, das im Sym­bo­li­schen sei­nen Platz ein­ge­nom­men hat und das die­sen Platz jen­seits des Sub­jekts der Er­kennt­nis ein­ge­nom­men hat. Das ist in dem Mo­ment, möch­te ich sa­gen – und da­mit schließt sich die Klam­mer, die ich vor­hin ge­öff­net habe –, das ist in dem Mo­ment, in dem sich uns in un­se­rer Er­fah­rung der Er­kennt­nis et­was ent­zieht, in dem, was sich auf dem Baum der Er­kennt­nis ent­wi­ckelt hat, in dem et­was in die­sem Zweig, der Wis­sen­schaft ge­nannt wird, sich für uns als et­was er­weist, als et­was ma­ni­fes­tiert, das die Hoff­nung der Er­kennt­nis ge­täuscht hat.

Wenn man an­de­rer­seits sa­gen kann, dass dies viel­leicht eine viel grö­ße­re Trag­wei­te ge­habt hat als jede Art Wir­kung, die man von der Er­kennt­nis er­war­tet hat, so wird uns zu­gleich und in die­sem Mo­ment in der Er­fah­rung der Sub­jek­ti­vi­tät – in der­je­ni­gen, die sich im ana­ly­ti­schen Ver­trau­en, im ana­ly­ti­schen An­ver­trau­en her­stellt – von Freud die­se Ket­te be­zeich­net, in der die Din­ge sich in ei­ner Art ar­ti­ku­lie­ren, die auf eine Wei­se struk­tu­riert ist, die mit je­der an­de­ren sym­bo­li­schen Ket­te ho­mo­gen ist, mit dem, was wir als Rede ken­nen, die dem Sub­jekt je­doch nicht wie in der An­schau­ung zu­gäng­lich ist, die dem Sub­jekt nicht in dem Sin­ne zu­gäng­lich ist, dass es sich hier als das Ob­jekt er­fas­sen könn­te, in dem es sich wie­der­erkennt. Im Ge­gen­teil, es ver­kennt sich grund­le­gend.

Und ge­ra­de in dem Maße, wie es ver­sucht, zu die­ser Ket­te Zu­gang zu ge­win­nen, wie es ver­sucht, sich da zu be­nen­nen, sich da zu ver­or­ten, ge­nau da fin­det es sich nicht.

Nur in den In­ter­val­len ist es da, in den Schnit­ten. Je­des­mal, wenn es sich er­fas­sen will, ist es im­mer nur in ei­nem In­ter­vall.

Und eben des­halb ist das ima­gi­nä­re Ob­jekt des Phan­tas­mas, auf das es sich zu stüt­zen ver­su­chen wird, ge­nau so struk­tu­riert, wie es ist. Das ist das, was ich Ih­nen jetzt zei­gen will. Es gibt auch an­de­re Din­ge, die an der For­ma­li­sie­rung ($ ◊ a) zu zei­gen sind, aber ich will Ih­nen zei­gen, wie a be­schaf­fen ist. Ich habe es Ih­nen ge­sagt, am End­punkt sei­ner Be­fra­gung be­geg­net das Sub­jekt sich als Schnitt und als In­ter­vall. Und | [452] das a zeigt uns, in sei­ner gan­zen All­ge­mein­heit, sei­ne Form auch we­sent­lich als eine Form des Schnitts.

Hier wer­de ich ein­fach eine ge­wis­se An­zahl von ge­mein­sa­men Merk­ma­len neu an­ord­nen, Merk­ma­le, die Sie be­reits ken­nen, be­zo­gen auf die un­ter­schied­li­chen For­men die­ses Ob­jekts. Für die­je­ni­gen, die hier Ana­ly­ti­ker sind, kann ich schnell vor­an­schrei­ten; spä­ter wer­de ich dann ins De­tail ge­hen, es neu kom­men­tie­ren. Wenn es dar­um geht, dass das Ob­jekt im Phan­tas­ma et­was ist, das die Form des Schnitts hat, wor­an wer­den wir es er­ken­nen kön­nen? Of­fen ge­stan­den, ich möch­te sa­gen, dass Sie mir auf der Ebe­ne des Re­sul­tats, so den­ke ich, be­reits zu­vor­kom­men wer­den, zu­min­dest wage ich, das zu hof­fen.

In der Be­zie­hung, die dazu führt, dass das S35 – an dem Punkt, an dem es sich als S be­fragt – sich nur auf eine Rei­he von Ter­mi­ni stüt­zen kann, näm­lich jene, die wir hier mit a be­zeich­nen, als den Ob­jek­ten im Phan­tas­ma, kön­nen wir in ers­ter An­nä­he­rung drei Bei­spie­le da­für ge­ben. Da­mit ist nicht ge­sagt, dass das völ­lig er­schöp­fend wäre, das ist es nur bei­na­he. Ich sage, dass das nicht völ­lig er­schöp­fend ist, in­so­fern näm­lich, als das Vor­ge­hen, die Din­ge auf der Ebe­ne an­zu­ge­hen, die ich als die des Re­sul­tats be­zeich­nen wer­de, das heißt des kon­sti­tu­ier­ten a, kein ganz le­gi­ti­mer Zu­gang ist. Ich will sa­gen, wenn ich da­mit an­fan­ge, dann ein­fach des­halb, da­mit Sie von ei­nem be­reits be­kann­ten Ter­rain aus­ge­hen, ei­nem Ter­rain, in dem Sie sich aus­ken­nen, um den Weg für Sie ein­fa­cher zu ma­chen.

Das ist nicht der strengs­te Weg, wie Sie dann se­hen wer­den, wenn wir auf dem stren­ge­ren Weg der Struk­tur auf die­sen Term zu­rück­kom­men müs­sen, das heißt auf dem Weg, der vom Sub­jekt aus­geht, in­so­fern es aus­ge­stri­chen [bar­ré] ist, in­so­fern es das ist, was den Term des Ob­jekts her­vor­ruft, das, was ihn ins Spiel bringt.36 Wir wer­den je­doch vom Ob­jekt aus­ge­hen, weil sie sich da­mit am bes­ten aus­ken­nen.

Es gibt da­von drei Ar­ten, die in der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung aus­ge­macht wor­den sind, die tat­säch­lich bis heu­te als sol­che iden­ti­fi­ziert wor­den sind. Die ers­te Art ist die, die wir ge­wöhn­lich, zu Recht oder zu Un­recht, als prä­ge­ni­ta­les Ob­jekt be­zeich­nen. Die zwei­te ist die Ob­jekt­art, die an dem be­tei­ligt ist, was man den Kas­tra­ti­ons­kom­plex nennt, und Sie wis­sen, dass dies in sei­ner all­ge­meins­ten Form der Phal­lus ist. Die drit­te Art, das ist viel­leicht der ein­zi­ge Term, der Sie als et­was Neu­es über­ra­schen wird, aber in Wahr­heit glau­be ich, dass die­je­ni­gen un­ter Ih­nen, die das, was ich über die Psy­cho­sen habe schrei­ben kön­nen37, gründ­lich ge­nug stu­die­ren konn­ten, hier­durch den­noch nicht we­sent­lich ver­un­si­chert wer­den, die drit­te Ob­jekt­art – die ge­nau die­sel­be Funk­ti­on er­füllt, im Ver­hält­nis zum Sub­jekt am Punkt sei­nes Aus­fal­lens, sei­nes | [453] Fa­ding –, das ist nichts an­de­res und nicht mehr und nicht we­ni­ger als das, was man für ge­wöhn­lich als Wahn be­zeich­net. Und das ist sehr ge­nau der Grund da­für, dass Freud fast zu Be­ginn sei­ner ers­ten Ein­sich­ten hat schrei­ben kön­nen: ‚Sie lie­ben also den Wahn wie sich selbst.‘38 Wir wer­den die­se drei For­men des Ob­jekts wie­der­auf­grei­fen, in­so­weit sie es uns ge­stat­ten, in ih­rer Form das zu er­fas­sen, was ih­nen er­mög­licht, die Funk­ti­on zu er­fül­len, zu den Si­gni­fi­kan­ten zu wer­den, die das Sub­jekt aus sei­ner ei­ge­nen Sub­stanz her­aus­zieht, und dies des­halb, um dem Loch vor sich stand­zu­hal­ten: der Ab­we­sen­heit des Si­gni­fi­kan­ten auf der Ebe­ne der un­be­wuss­ten Ket­te.

Als prä­ge­ni­ta­les Ob­jekt ge­nom­men, was be­deu­tet das a? Bei der tie­ri­schen Er­fah­rung, in­so­fern sie durch Bil­der struk­tu­riert ist, müs­sen wir da nicht eben den Aus­druck evo­zie­ren, mit dem mehr als eine ma­te­ria­lis­ti­sche Re­fle­xi­on dazu ge­langt, das zu­sam­men­zu­fas­sen, was auf der Ebe­ne des ma­te­ri­el­len Aus­tauschs letzt­lich das Funk­tio­nie­ren ei­nes Or­ga­nis­mus aus­macht, so mensch­lich er auch sein mag? Ge­nau dies näm­lich – die­se For­mel habe nicht ich er­fun­den –, die­ses Tier, so mensch­lich es auch sein mag, ist letzt­lich nur ein Schlauch mit zwei Öff­nun­gen: eine, durch die et­was rein­geht, und eine an­de­re, durch die et­was raus­kommt. Und das ist auch das, wo­durch das so­ge­nann­te prä­ge­ni­ta­le Ob­jekt kon­sti­tu­iert wird, in­so­fern es ihm ge­lingt, im Phan­tas­ma sei­ne si­gni­fi­kan­te Funk­ti­on zu er­fül­len. In­so­fern das, wo­von das Sub­jekt sich er­nährt, in ei­nem be­stimm­ten Mo­ment von ihm ab­ge­schnit­ten wird, dass es das hier­bei so­gar selbst ab­schnei­det – das ist die Um­keh­rung der Po­si­ti­on, das oral-sa­dis­ti­sche Sta­di­um –, oder sich zu­min­dest be­müht, es ab­zu­schnei­den und zu bei­ßen.

Es ist also ei­ner­seits das Ob­jekt als Ob­jekt der Ent­wöh­nung, was ge­nau ge­sagt be­deu­tet, das Ob­jekt des Schnitts, und an­de­rer­seits, am an­de­ren Ende des Roh­res, in­so­fern das, was es aus­stößt, sich von ihm ab­schnei­det, und auch, dass die ge­sam­te Un­ter­wei­sung aus Ri­tua­len und For­men der Sau­ber­keit be­steht, da­mit es lernt, das, was es aus­stößt, von sich selbst ab­zu­schnei­den. We­sent­lich ist hier­bei dies: In­so­fern das, wor­aus wir in der üb­li­chen ana­ly­ti­schen Er­fah­rung die grund­le­gen­den For­men des Ob­jekts der so­ge­nann­ten ora­len oder ana­len Pha­se ma­chen – näm­lich die Brust­war­ze, der Teil der Brust also, den das Sub­jekt in sei­ner Mund­öff­nung hal­ten kann und zu­gleich der, von dem es ge­trennt ist, und dann die­ses Ex­kre­ment, das für das Sub­jekt zu ei­nem an­de­ren Zeit­punkt eben­falls zur be­deut­sams­ten Form sei­ner Ob­jekt­be­zie­hun­gen wird –, in­so­fern sie ge­nau des­halb ge­nom­men und aus­ge­wählt wer­den, weil sie be­son­ders ex­em­pla­risch sind, da sie in ih­rer Form die Struk­tur des Schnitts auf­wei­sen | [454] und dar­an be­tei­ligt sind, die­se Stüt­zungs­funk­ti­on zu über­neh­men, auf der Ebe­ne, auf der sich her­aus­stellt, dass das Sub­jekt selbst als sol­ches im Si­gni­fi­kan­ten ver­or­tet ist, in­so­fern es durch den Schnitt struk­tu­riert ist. Und eben dies er­klärt uns, war­um die­se Ob­jek­te aus­ge­wählt und an­de­ren Ob­jek­ten ge­gen­über be­vor­zugt wer­den.

Denn man konn­te nicht über­se­hen, dass, wenn es dar­um gin­ge, dass das Sub­jekt die­se oder jene sei­ner Funk­tio­nen ein­fach des­halb ero­ti­siert, weil es sich um Vi­tal­funk­tio­nen han­delt, war­um gibt es dann nicht eine wei­te­re Pha­se, die noch ur­sprüng­li­cher wäre als die an­de­ren und, so scheint es, noch grund­le­gen­der, die­je­ni­ge, die an eine Funk­ti­on ge­bun­den wäre, die vom Stand­punkt der Er­näh­rung aus eben­so vi­tal ist wie die­je­ni­ge, die durch den Mund hin­durch­geht und mit der Aus­schei­dung durch die In­tes­ti­nal­öff­nung en­det, näm­lich die At­mung?39 Ja, aber die At­mung kennt nir­gend­wo die­ses Ele­ment des Schnitts, die At­mung wird nicht ab­ge­schnit­ten, oder wenn sie ab­ge­schnit­ten wird, dann auf eine Wei­se, die nicht ohne Dra­ma ab­läuft. Nichts wird in ei­nen Schnitt der At­mung ein­ge­schrie­ben, es sei denn auf au­ßer­ge­wöhn­li­che Wei­se. Die At­mung, das ist Rhyth­mus, die At­mung ist ein Pul­sie­ren, die At­mung ist ein vi­ta­les Al­ter­nie­ren, sie ist nichts, was es er­mög­licht, auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne ge­nau das zu sym­bo­li­sie­ren, wor­um es geht, näm­lich das In­ter­vall, den Schnitt.40

Das heißt je­doch nicht, dass nichts von dem, was durch die Atem­öff­nung geht, als sol­ches skan­diert wer­den könn­te, denn ge­nau durch eben die­se Öff­nung voll­zieht sich die Emis­si­on der Stim­me, und die Emis­si­on der Stim­me ist et­was, das zer­schnit­ten wird, das skan­diert wird. Und eben des­halb wer­den wir sie nach­her wie­der­fin­den, und dies ge­nau auf der Ebe­ne des drit­ten Typs von a, den wir als Wahn des Sub­jekts be­zeich­net ha­ben.

In­so­fern die­se Emis­si­on ge­ra­de nicht skan­diert ist, in­so­fern sie ein­fach pneu­ma ist, fla­tus41, ist of­fen­kun­dig sehr be­mer­kens­wert – und hier bit­te ich Sie, sich auf die Un­ter­su­chun­gen von Jo­nes zu be­zie­hen42 – zu se­hen, dass sie, vom Stand­punkt des Un­be­wuss­ten aus, am ra­di­kals­ten Punkt nicht als et­was in­di­vi­dua­li­siert ist, das zur Ord­nung der At­mung ge­hört, son­dern sich auf Grund eben die­ser Auf­nö­ti­gung der Form des Schnitts ge­nau auf die tiefs­te Ebe­ne der Er­fah­rung be­zieht, die wir im Un­be­wuss­ten da­von ha­ben – und es ist das Ver­dienst von Jo­nes, das ge­se­hen zu ha­ben –, auf den ana­len fla­tus, der tat­säch­lich – pa­ra­do­xer­wei­se und durch die­se Art von un­er­freu­li­cher Über­ra­schung, die uns die ana­ly­ti­schen Ent­de­ckun­gen be­schert ha­ben –, der tat­säch­lich am tiefs­ten das sym­bo­li­siert, wor­um es je­des Mal geht, wenn es auf der Ebe­ne des Un­be­wuss­ten der Phal­lus ist, von dem sich her­aus­stellt, dass er das Sub­jekt sym­bo­li­siert.

[455] Auf der zwei­ten Ebe­ne –, und es han­delt sich hier wohl­ge­merkt nur um ei­nen Kunst­griff der Dar­stel­lung, denn es gibt we­der eine ers­te noch eine zwei­te Ebe­ne. An dem Punkt, an dem wir jetzt an­ge­kom­men sind, ha­ben alle a die­sel­be Funk­ti­on. Sie ha­ben die­sel­be Funk­ti­on, und die Fra­ge ist, war­um sie die eine oder die an­de­re Form an­neh­men; in der Form je­doch, die wir in der Syn­chro­nie be­schrei­ben, ver­su­chen wir, die ge­mein­sa­men Züge, die ge­mein­sa­men Merk­ma­le her­aus­zu­ar­bei­ten. Hier, auf der Ebe­ne des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes, fin­den wir da­für eine an­de­re Form, näm­lich die der Ver­stüm­me­lung. Wenn es um den Schnitt geht, ist es tat­säch­lich not­wen­dig und hin­rei­chend, dass das Sub­jekt sich von ei­nem Teil von sich trennt, dass es in der Lage ist, sich zu ver­stüm­meln.

Und die Sa­che – die psy­cho­ana­ly­ti­schen Au­to­ren ha­ben das er­fasst – im­pli­ziert schließ­lich nicht ein­mal eine Mo­da­li­tät, die beim ers­ten Hin­schau­en ganz neu wäre, denn be­zo­gen auf die Ver­stüm­me­lung ha­ben sie dar­an er­in­nert, in­so­fern die­se eine so be­deut­sa­me Rol­le spielt bei al­len For­men, bei al­len Ma­ni­fes­ta­tio­nen des Zu­gangs des Men­schen zu sei­ner ei­ge­nen Rea­li­tät, bei der Wei­hung sei­ner Fül­le des Mensch­seins. Durch die Ge­schich­te, durch die Eth­no­gra­phie, durch das Fest­hal­ten al­ler mög­li­chen In­itia­ti­ons­ver­fah­ren, bei de­nen der Mensch ver­sucht, mit­hil­fe ei­ner ge­wis­sen An­zahl von For­men der Stig­ma­ti­sie­rung sei­nen Zu­gang zu ei­ner hö­he­ren Ebe­ne der Ver­wirk­li­chung sei­ner selbst zu de­fi­nie­ren, ken­nen wir die­se Funk­ti­on der Ver­stüm­me­lung als sol­che. Und hier ist nicht der Ort, an dem ich Sie an de­ren Ka­ta­log und Spek­trum zu er­in­nern hät­te.

Es ist ein­fach not­wen­dig und es ist hin­rei­chend, dass ich Sie hier dar­an er­in­ne­re, ein­fach um es für Sie hand­greif­lich wer­den zu las­sen, dass es hier in an­de­rer Form wie­der um et­was geht, was wir als Schnitt be­zeich­nen kön­nen, und dies ge­nau in­so­fern, als er den Über­gang zu ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­funk­ti­on her­stellt, denn das, was von die­ser Ver­stüm­me­lung zu­rück­bleibt, ist eine Mar­kie­rung. Das sorgt da­für, dass das Sub­jekt, das als ein be­stimm­tes In­di­vi­du­um in der Her­de die Ver­stüm­me­lung er­lit­ten hat, von da an die Mar­kie­rung ei­nes Si­gni­fi­kan­ten an sich trägt, der es aus ei­nem ers­ten Zu­stand her­aus­holt, um es in eine an­de­re, hö­he­re Po­tenz des Seins zu über­füh­ren und da­mit zu iden­ti­fi­zie­ren. Das ist der Sinn je­der Art von Er­fah­rung des in­itia­to­ri­schen Über­gangs, in­so­fern wir sei­ne Be­deu­tung auf der Ebe­ne des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes wie­der­fin­den.

Das heißt aber nicht, dar­auf möch­te ich Sie am Ran­de hin­wei­sen, die Fra­ge zu er­schöp­fen, denn seit der Zeit, in der ich ver­su­che, mich mit Ih­nen dem zu nä­hern, wor­um es auf der Ebe­ne des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes geht, ha­ben Sie durch­aus ge­wis­se Mehr­deu­tig­kei­ten wahr­neh­men müs­sen, die hin­sicht­lich der Funk­ti­on die­ses Phal­lus herr­schen. | [456] An­ders ge­sagt, wenn das Er­geb­nis ein­fach dies ist, dass man sieht, dass un­ter be­stimm­tem As­pekt er es ist, der mar­kiert wird, dass er es ist, der in die Funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten ge­bracht wird, dann bleibt, dass die Form der Kas­tra­ti­on nicht voll­stän­dig in dem ent­hal­ten ist, was wir äu­ßer­lich ha­ben kön­nen, in den Er­geb­nis­sen der Ze­re­mo­ni­en, die zu die­ser oder je­ner De­for­ma­ti­on oder Be­schnei­dung füh­ren. Die Mar­kie­rung, die auf dem Phal­lus an­ge­bracht wird, ist nicht die Art von Ver­nich­tung, von spe­zi­el­ler Ne­ga­ti­vie­rungs­funk­ti­on, die im Kas­tra­ti­ons­kom­plex dem Phal­lus zu­ge­fügt wird. Auf die­ser Ebe­ne der Dar­stel­lung kön­nen wir das nicht er­fas­sen.

Das nächs­te Mal, den­ke ich, wer­den wir dar­auf zu­rück­kom­men, wenn wir zu er­klä­ren ha­ben – heu­te wei­se ich Sie ein­fach nur dar­auf hin –, was das Pro­blem ist, das sich jetzt stellt, näm­lich dann, wenn wir die­se Din­ge wie­der an­ge­hen, wenn wir da­von wie­der das In­ven­tar auf­stel­len. Das heißt, in­wie­fern und war­um konn­te Freud zu Be­ginn die­se enor­me Sa­che ma­chen, den Kas­tra­ti­ons­kom­plex mit et­was zu ver­bin­den, von dem eine auf­merk­sa­me Prü­fung uns zeigt, dass es gar nicht so eng da­mit ver­knüpft ist, näm­lich mit der be­herr­schen­den, grau­sa­men, ty­ran­ni­schen Funk­ti­on ei­nes Va­ters, der eine Art ab­so­lu­ter Va­ter ist. Das ist si­cher­lich ein My­thos. Und wie al­les, was Freud ge­lie­fert hat – das ist eine ganz ver­wun­der­li­che Tat­sa­che –, ist das ein My­thos, der hält. Wir wer­den zu er­klä­ren ver­su­chen, war­um.

Es bleibt nicht we­ni­ger, dass ih­rer grund­le­gen­den Funk­ti­on nach die In­itia­ti­ons­ri­tua­le, die ein­ge­prägt wer­den, die ein­ge­schrie­ben wer­den in ei­ner be­stimm­ten An­zahl von For­men, von Stig­ma­ti­sie­run­gen, von Ver­stüm­me­lun­gen, dass sie hier, an dem Punkt, an dem wir sie heu­te an­ge­hen, näm­lich in­so­fern sie die Rol­le von a spie­len, in­so­fern sie von den Sub­jek­ten selbst, die sie er­fah­ren, dazu be­stimmt sind, die Na­tur des­sen zu ver­än­dern, was beim Sub­jekt bis da­hin, in der Frei­heit der prä-in­itia­to­ri­schen Sta­di­en, die die pri­mi­ti­ven Ge­sell­schaf­ten kenn­zeich­nen, ei­ner Art gleich­gül­ti­gem Spiel der na­tür­li­chen Be­gier­den über­las­sen ge­blie­ben war. Die In­itia­ti­ons­ri­tua­le neh­men die Form an, den Sinn / die Rich­tung die­ser Be­gier­den zu ver­än­dern, ih­nen ge­nau von da an eine Funk­ti­on zu ge­ben, in der das Sein des Sub­jekts als sol­ches iden­ti­fi­ziert wird, be­zeich­net wird, in der es, wenn man so sa­gen kann, im vol­len Sin­ne Mann wird, aber auch Frau, wo die Ver­stüm­me­lung dazu dient, das Be­geh­ren zu ori­en­tie­ren, es dazu zu brin­gen, ge­nau die­se Funk­ti­on des In­dex an­zu­neh­men, von et­was, was rea­li­siert wird und sich nur ar­ti­ku­lie­ren kann, sich nur aus­drü­cken kann in ei­nem sym­bo­li­schen Jen­seits, in | [457] ei­nem Jen­seits, wel­ches das ist, was wir heu­te das Sein nen­nen, eine Rea­li­sie­rung des Seins im Sub­jekt.

Bei die­ser Ge­le­gen­heit könn­te man ei­ni­ge Rand­be­mer­kun­gen ma­chen, und wir könn­ten uns klar­ma­chen, dass, wenn et­was sich dem Ein­griff an­bie­tet, der Si­gni­fi­kan­ten­mar­kie­rung des In­itia­ti­ons­ri­tu­als, dass es dann na­tür­lich kein Zu­fall ist, dass dies all das ist, was sich als An­häng­sel dar­bie­ten kann. Sie wis­sen auch, dass das phal­li­sche An­häng­sel nicht das ein­zi­ge ist, das hier­bei ver­wen­det wird, dass zwei­fel­los auch das Ver­hält­nis, das das Sub­jekt in je­dem Be­zug zu sich selbst her­stel­len kann, und das das­je­ni­ge ist, bei dem wir be­grei­fen kön­nen, dass die Furcht, die hier­bei er­lebt wer­den kann, ganz be­mer­kens­wert sein kann, näm­lich die Be­zie­hung der Tu­me­s­zenz, dass sie den Phal­lus na­tür­lich in ers­ter Li­nie als et­was be­zeich­net, was sich auf güns­ti­ge Wei­se für die­se Funk­ti­on an­bie­tet, sich dem Schnitt an­bie­ten zu kön­nen, und au­ßer­dem auf eine Wei­se, die si­cher­lich mehr als bei je­dem an­de­ren Ob­jekt ge­fürch­tet und hei­kel sein wird.

Das heißt hier, dass die Funk­ti­on des Nar­ziss­mus – in­so­fern sie eine ima­gi­nä­re Be­zie­hung des Sub­jekts zu sich selbst ist – als der Stütz­punkt auf­ge­fasst wer­den muss, in des­sen Zen­trum sich die­se Bil­dung des be­deut­sa­men Ob­jekts ein­schreibt. Und da kön­nen wir viel­leicht auch er­fas­sen, wie das, was hier in der Er­fah­rung wich­tig ist, die wir von al­lem ha­ben, was auf der Ebe­ne des Spie­gel­sta­di­ums ge­schieht, näm­lich die Ein­schrei­bung, die Si­tua­ti­on, in der das Sub­jekt sei­ne ei­ge­ne Stre­bung, sei­ne ei­ge­ne Erek­ti­on im Ver­hält­nis zu dem Bild jen­seits von ihm selbst ver­or­ten kann, in dem Bild, das es im an­de­ren hat, wie dies es uns er­mög­licht, zu er­fas­sen, wie be­rech­tigt ei­ni­ges an den An­sät­zen sein kann, die die Tra­di­ti­on der phi­lo­so­phi­schen Psy­cho­lo­gen von die­ser Auf­fas­sung der Funk­ti­on des Ichs [moi] be­reits ent­wi­ckelt hat­te.

Ich spie­le hier auf das an, was Mai­ne de Bi­ran hier­zu bei­ge­tra­gen hat, in sei­ner sehr fei­nen Ana­ly­se der Rol­le des Ge­fühls der An­stren­gung.43 Das Ge­fühl der An­stren­gung, in­so­fern es vom Sub­jekt von zwei Sei­ten gleich­zei­tig ‚ge­drängt‘ wird, er­fasst wird: in­so­fern es der Ur­he­ber des Drän­gens ist, zu­gleich aber der Ur­he­ber des­sen, was die­sen Drang ent­hält, in­so­fern er die­sen sei­nen Drang als sol­chen in sich selbst er­fährt. Das ist et­was, was uns, wenn man es an die Er­fah­rung der Tu­me­s­zenz an­nä­hert, gut er­fas­sen lässt, wie sehr da auf der­sel­ben Ebe­ne der Er­fah­rung et­was ver­or­tet wer­den kann und in Funk­ti­on tre­ten kann – als et­was, wo­durch das Sub­jekt sich spürt, ohne sich je­doch je­mals er­fas­sen zu kön­nen, da es auch hier kei­ne mög­li­che Mar­kie­rung, kei­nen mög­li­chen Schnitt im ei­gent­li­chen Sin­ne gibt –, et­was, wo­von ich glau­be, dass die Ver­bin­dung, in­so­fern sie ei­nen sym­bo­li­schen, sym­pto­ma­ti­schen Wert an­nimmt, auf der­sel­ben Ebe­ne der Er­fah­rung ver­or­tet wer­den muss, also auf der­je­ni­gen, die wir hier zu ana­ly­sie­ren ver­su­chen, näm­lich in der Er­fah­rung, die so pa­ra­dox ist, der Er­fah­rung der Mü­dig­keit.

Wenn die An­stren­gung dem Sub­jekt auf kei­ne Wei­se dien­lich ist, aus dem Grun­de, dass nichts es ge­stat­tet, | [458] ihr den Si­gni­fi­kan­tenschnitt ein­zu­prä­gen, so scheint es um­ge­kehrt so zu sein, dass et­was, des­sen Trug­bild­cha­rak­ter Sie ken­nen, des­sen nicht-ob­jek­ti­vier­ba­ren Cha­rak­ter, auf der Ebe­ne je­ner ero­ti­schen Er­fah­rung, die als Mü­dig­keit des Neu­ro­ti­kers be­zeich­net wird, die­se pa­ra­do­xe Mü­dig­keit, die nichts mit ir­gend­wel­chen Mus­kel­er­mü­dun­gen zu tun hat, die wir auf der Ebe­ne der Tat­sa­chen er­fas­sen kön­nen, die­se Mü­dig­keit, in­so­fern sie ant­wor­tet, ist sie in ge­wis­ser Wei­se das Ge­gen­teil, näm­lich die Fol­ge­er­schei­nung, die Spur ei­ner An­stren­gung, die ich als ‚Si­gni­fi­quan­ti­tät‘ be­zeich­nen wer­de. Da könn­ten wir et­was fin­den, und ich glau­be, dass es wich­tig war, das am Ran­de fest­zu­hal­ten, was in sei­ner all­ge­meins­ten Form das ist, was uns auf der Ebe­ne der Tu­me­s­zenz, des Drangs als sol­chem des Sub­jekts, die Gren­zen gibt, an de­nen es dazu kommt, dass die mög­li­che Wei­hung in der Si­gni­fi­kan­ten­mar­kie­rung ver­schwin­det.

Wir kom­men zur drit­ten Form die­ses klein a, in­so­fern es hier als Ob­jekt die­nen kann. Ich hät­te gern, dass man mich hier nicht miss­ver­steht, und si­cher­lich habe ich nicht ge­nü­gend Zeit vor mir, um den Ak­zent auf das set­zen zu kön­nen, was ich hier in all sei­nen Ein­zel­hei­ten zu iso­lie­ren ver­su­chen wer­de. Was ich für das Güns­tigs­te hal­te, um Ih­nen zu zei­gen, wor­um es geht und wie ich es ver­ste­he – ne­ben ei­ner auf­merk­sa­men Relek­tü­re, die ich Sie vor­zu­neh­men bit­te, des­sen, was ich zum The­ma Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht ge­schrie­ben habe44, näm­lich das, was ich über das ar­ti­ku­liert habe, was es uns ge­stat­tet, auf so weit vor­an­ge­trie­be­ne, so weit aus­ge­ar­bei­te­te Wei­se den Wahn von Schre­ber zu ar­ti­ku­lie­ren –, das ist das, was es uns er­lau­ben wird, im Wahn als sol­chem die Funk­ti­on der Stim­me zu er­fas­sen. Ich glau­be, dass wir, wenn wir ver­sucht ha­ben zu se­hen, in­wie­fern die Stim­me im Wahn ganz spe­zi­ell auf die for­ma­len An­for­de­run­gen die­ses a ant­wor­tet, in­so­fern es zur Si­gni­fi­kan­ten­funk­ti­on des Schnitts er­ho­ben wer­den kann, des In­ter­valls als sol­chem, dass wir die phä­no­me­no­lo­gi­schen Merk­ma­le die­ser Stim­me ver­ste­hen wer­den.

Das Sub­jekt er­zeugt die Stim­me, und, so möch­te ich hin­zu­fü­gen, wir wer­den die­se Funk­ti­on der Stim­me in­ter­ve­nie­ren las­sen müs­sen, in­so­fern als – weil sie das Ge­wicht des Sub­jekts in­ter­ve­nie­ren lässt, das rea­le Ge­wicht des Sub­jekts in der Rede, bei der Bil­dung der Über-Ich-In­stanz –, die star­ke Stim­me ins Spiel ge­bracht wer­den muss, als et­was, was die In­stanz ei­nes An­de­ren re­prä­sen­tiert, der sich als real ma­ni­fes­tiert.

Ist das die­sel­be Stim­me wie die, um die es bei der Stim­me des De­li­rie­ren­den geht? Ist die Stim­me des De­li­rie­ren­den das, des­sen dra­ma­ti­sche Funk­ti­on Mon­sieur Coc­teau un­ter dem Ti­tel Die mensch­li­che Stim­me zu iso­lie­ren ver­sucht hat?45 Es ge­nügt, dass wir uns auf die Er­fah­rung be­zie­hen, die wir tat­säch­lich da­von ha­ben kön­nen, in iso­lier­ter Form, dort, wo Coc­teau selbst, mit viel Stich­hal­tig­keit und Ge­spür, uns de­ren rei­ne Ein­wir­kung zei­gen konn­te, näm­lich am Te­le­fon. Was lehrt uns die Stim­me als sol­che, jen­seits der | [459] Rede, die sie am Te­le­fon hält? Es geht hier ge­wiss nicht dar­um, Va­ria­tio­nen vor­zu­neh­men und ein klei­nes Ka­lei­do­skop der Er­fah­run­gen vor­zu­füh­ren, die man da­von ha­ben kann. Es möge ge­nü­gen, Ih­nen in Er­in­ne­rung zu ru­fen, dass, wenn Sie ver­su­chen, bei ir­gend­ei­nem Han­dels­un­ter­neh­men oder wo auch im­mer um eine Dienst­leis­tung zu bit­ten, dass es dazu kommt, dass Sie am Ende der Lei­tung eine die­ser Stim­men ha­ben, von de­nen Sie hin­rei­chend über den Cha­rak­ter der Gleich­gül­tig­keit be­lehrt wer­den, der Bös­wil­lig­keit, des ent­schie­de­nen Wil­lens, dem aus­zu­wei­chen, was es in Ih­rer Bit­te an Ge­gen­wart46 ge­ben kann, an Per­sön­li­chem, und die ganz we­sent­lich die Art Stim­me ist, die sie be­reits hin­rei­chend dar­über un­ter­rich­tet, dass Sie von dem­je­ni­gen, den Sie an­ru­fen, nichts zu er­war­ten ha­ben, eine die­ser Stim­men, die wir als Stim­me des con­tre­maît­re be­zeich­nen wer­den, des Auf­pas­sers [wört­lich: des ‚Ge­gen-Meis­ters‘]. Die­ser Aus­druck, den das Ge­nie47 der Spra­che wirk­lich ganz groß­ar­tig ge­bil­det hat – nicht, dass er ge­gen den Herrn wäre [cont­re le maît­re], son­dern er ist wirk­lich das Ge­gen­teil des Herrn. Die­se Stim­me, die­se Art von Ver­ge­gen­wär­ti­gung der Ei­tel­keit, der In­exis­tenz, der bü­ro­kra­ti­schen Lee­re, die Ih­nen ge­wis­se Stim­men bis­wei­len ge­ben kön­nen – ist es das, wor­auf wir uns be­zie­hen, wenn wir von der Stim­me in der Funk­ti­on spre­chen, in der wir sie auf der Ebe­ne des a in­ter­ve­nie­ren las­sen müs­sen? Nein, ab­so­lut nicht.

Wenn die Stim­me sich hier tat­säch­lich als sol­che prä­sen­tiert, als rei­ne Ar­ti­ku­la­ti­on – und das ist eben das, was die Pa­ra­do­xie des­sen aus­macht, was der De­li­rie­ren­de uns mit­teilt, wenn wir ihn be­fra­gen, und dass et­was, was er über die Na­tur der Stim­men mit­zu­tei­len hat, sich im­mer zu ent­zie­hen scheint, auf eine so ein­zig­ar­ti­ge Wei­se, nichts ist für ihn fes­ter als die Kon­sis­tenz und die Exis­tenz der Stim­me als sol­cher. Und na­tür­lich ist das ge­nau des­halb so, weil sie in ih­rer schärfs­ten Form auf den rei­nen Punkt re­du­ziert ist, an dem das Sub­jekt sie nur als et­was er­fas­sen kann, was sich ihm auf­nö­tigt.

Und als wir den Wahn des Prä­si­den­ten Schre­ber ana­ly­siert ha­ben, habe ich den Ak­zent auch auf die­sen Cha­rak­ter des Schnitts ge­setzt, der so deut­lich her­aus­ge­stellt wird, dass die von Schre­ber ge­hör­ten Stim­men ge­nau die An­fän­ge von Sät­zen sind: ‚Sie sol­len wer­den* usw., und ge­nau Wör­ter, be­deut­sa­me Wör­ter, die un­ter­bro­chen wer­den, die Platz ma­chen und die hin­ter ih­rem Schnitt den Ap­pell an die Be­deu­tung auf­tau­chen las­sen.48 Das Sub­jekt ist dar­in tat­säch­lich ver­wi­ckelt, aber ge­nau ge­sagt in­so­fern, als es selbst ver­schwin­det, da­hin­stirbt, sich ganz in die­se Be­deu­tung stürzt, die sich nur auf glo­ba­le Wei­se auf es rich­tet.

[460] Und mit eben die­sem Wort ‚es ist dar­in ver­wi­ckelt‘ möch­te ich heu­te, in dem Au­gen­blick, in dem ich Sie ver­las­se, das zu­sam­men­fas­sen, was ich heu­te für Sie zu er­fas­sen und zu er­grei­fen ver­sucht habe. Ich stim­me Ih­nen zu, dass die­se Sit­zung un­ter al­len, die ich für Sie ge­hal­ten habe, viel­leicht eine der schwie­rigs­ten ge­we­sen ist. Sie wer­den da­für, so hof­fe ich, beim nächs­ten Mal ent­schä­digt wer­den. Wir wer­den auf We­gen vor­an­zu­ge­hen ha­ben, die we­ni­ger tro­cken sind. Heu­te je­doch habe ich Sie ge­be­ten, im Um­kreis die­ses Be­griffs des Verwickeltseins/Dazwischenseins [in­té­rêt] zu ver­blei­ben.

Das ist das Sub­jekt, als das, was im In­ter­vall ist, als das, was im In­ter­vall des Dis­kur­ses des Un­be­wuss­ten ist, als das, was ei­gent­lich die Me­to­ny­mie die­ses Seins ist, das sich in der un­be­wuss­ten Ket­te aus­drückt.

Wenn das Sub­jekt sich von die­sen Stim­men au­ßer­or­dent­lich be­trof­fen (in­téres­sé) fühlt, von die­sen Sät­zen des Wahns, Sät­zen ohne Schwanz und Kopf, dann hat das den­sel­ben Grund wie bei al­len an­de­ren For­men die­ses Ob­jekts, die ich Ih­nen heu­te auf­ge­zählt habe. Es ist die Ebe­ne des Schnitts, die Ebe­ne des In­ter­valls, auf der es fas­zi­niert ist, auf der es fi­xiert ist, um sich in eben die­sem Mo­ment auf­recht­zu­hal­ten, in dem es ei­gent­lich sich selbst an­zielt und sich als Sein be­fragt, als Sein sei­nes Un­be­wuss­ten. In Be­zug hier­auf stel­len wir hier die Fra­ge.

Und den­noch will ich nicht en­den, zu­min­dest für die­je­ni­gen, die zum ers­ten Mal hier­her­kom­men, ohne sie spü­ren zu las­sen, was die Trag­wei­te ei­ner sol­chen Ana­ly­se ist, die­ses klei­nen Ket­ten­glieds, das mei­ne heu­ti­ge Rede dar­stellt, im Ver­hält­nis zu den­je­ni­gen, die seit lan­gem auf­ein­an­der fol­gen. Das heißt, dass es auch dar­um geht, zu se­hen, was wir be­zo­gen auf die­ses Phan­tas­ma tun soll­ten. Denn von die­sem Phan­tas­ma habe ich Ih­nen hier die ra­di­kals­ten For­men ge­zeigt, die ein­fachs­ten, die­je­ni­gen, bei de­nen wir wis­sen, dass sie die be­vor­zug­ten Ob­jek­te des un­be­wuss­ten Be­geh­rens des Sub­jekts bil­den. Die­ses Phan­tas­ma ist je­doch be­weg­lich, wenn man es är­gert, darf man nicht glau­ben, es könn­te ei­nes sei­ner Glie­der ein­fach so fal­len las­sen. Es gibt kein Bei­spiel da­für, dass ein Phan­tas­ma, ge­hö­rig at­ta­ckiert, nicht da­mit re­agiert, dass es sei­ne Form des Phan­tas­mas wie­der­holt.

Wir wis­sen au­ßer­dem, wel­che Kom­pli­ka­tio­nen die­ses Phan­tas­ma ent­wi­ckeln kann, in­so­fern näm­lich, als es, un­ter sei­ner so­ge­nann­ten per­ver­sen Form, ge­ra­de in­sis­tiert. Es hält sei­ne Struk­tur auf­recht, es ver­kom­pli­ziert sie, es ver­sucht, sei­ne Funk­ti­on im­mer bes­ser zu er­fül­len.

Das Phan­tas­ma zu deu­ten, wie man sagt, muss das schlicht und ein­fach dar­in be­stehen, das Sub­jekt nach un­se­rem Maße zu et­was Ak­tu­el­lem | [461] zu­rück­zu­füh­ren, zum Ak­tu­el­len der Rea­li­tät, die wir als Men­schen der Wis­sen­schaft de­fi­nie­ren kön­nen oder als Men­schen, die sich vor­stel­len, dass sich letzt­lich al­les auf Ka­te­go­ri­en der Er­kennt­nis zu­rück­füh­ren lässt? Es scheint ja, dass das et­was ist, wozu eine gan­ze Rich­tung der ana­ly­ti­schen Tech­nik hin­neigt, das Sub­jekt auf Funk­tio­nen der Rea­li­tät zu re­du­zie­ren, die­ser Rea­li­tät, an die ich Sie das letz­te Mal er­in­nert habe, die­ser Rea­li­tät, die sich of­fen­bar für man­che Ana­ly­ti­ker nicht an­ders ar­ti­ku­lie­ren kann denn als das, was ich ‚eine Welt von ame­ri­ka­ni­schen An­wäl­ten‘ ge­nannt habe.49 Ist denn nicht das Un­ter­neh­men, ganz ohne Zwei­fel, au­ßer­halb der Reich­wei­te der Mit­tel ei­ner be­stimm­ten Über­re­dung?

For­dert der Platz, den das Phan­tas­ma be­setzt, nicht von uns, dass wir se­hen, dass es eine an­de­re Di­men­si­on gibt, in der wir das zu be­rück­sich­ti­gen ha­ben, was man die wah­ren For­de­run­gen des Sub­jekts nen­nen kann? Ge­nau die­se Di­men­si­on, kei­nes­wegs der Rea­li­tät, der Re­duk­ti­on auf die ge­mein­sa­me Welt, son­dern ei­ner Di­men­si­on des Seins, ei­ner Di­men­si­on, in der das Sub­jekt et­was in sich trägt – mein Gott! –, was zu tra­gen viel­leicht ge­nau­so un­be­quem ist wie die Bot­schaft von Ham­let, was aber auch, selbst wenn es ihm viel­leicht ein fa­ta­les Schick­sal ver­hei­ßen muss, nichts ist, wo­von wir Ana­ly­ti­ker –.

Wenn es so ist, dass wir, wir Ana­ly­ti­ker, in der Er­fah­rung des Be­geh­rens mehr fin­den kön­nen als ei­nen ein­fa­chen Un­fall – mehr als et­was, was letzt­lich ziem­lich pein­lich ist, wo­von aber ins­ge­samt nur zu er­war­ten ist, dass es vor­bei­geht und dass das Al­ter kommt, da­mit das Sub­jekt auf ganz na­tür­li­che Wei­se die Wege des Frie­dens und der Weis­heit wie­der­fin­det –, dann be­zeich­net die­ses Be­geh­ren für uns, für uns Ana­ly­ti­ker, et­was an­de­res.

Die­ses an­de­re, was es für uns be­zeich­net, wie müs­sen wir da­mit um­ge­hen? Was ist un­ser Auf­trag? Wor­in be­steht letzt­end­lich un­se­re Pflicht?50 Das ist die Fra­ge, die ich stel­le, wenn ich von der Deu­tung des Be­geh­rens spre­che.“51

Hier­mit en­det die Sit­zung

Drei Arten des Objekts a und der Schnitt (27.5.1959)

La­can be­zieht sich auf den Gra­phen des Be­geh­rens und dar­in auf die Po­si­ti­on des Phan­tas­mas ($ ◊ a). Er fährt dann fort:

Graph des Begehrens - Ich und Begehren[468] Ich er­in­ne­re Sie an das, was ich Ih­nen letz­tes Mal zum Ob­jekt ge­sagt habe: Es ist, als spiel­te das Ob­jekt dort [in der obe­ren Eta­ge des Gra­phen] die­sel­be Rol­le ei­nes Trug­bil­des, wie sie auf der un­te­ren Eta­ge [des Gra­phen] vom Bild des spie­gel­haf­ten an­de­ren, i(a), im Ver­hält­nis zum Ich [m für moi] ge­spielt wird. Des­halb plat­zie­re | [469] ich [im Gra­phen] das Phan­tas­ma, $ ◊ a, hier, ge­gen­über dem Punkt, an dem das Sub­jekt sich ver­or­ten wird, [d], um ei­nen Zu­gang zur Ebe­ne der un­be­wuss­ten Ket­te zu ha­ben. Die­se Be­zie­hung zum Ob­jekt, wie es im Phan­tas­ma ist, wo­hin führt uns das? Zu ei­ner Phä­no­me­no­lo­gie des Schnitts, zum Ob­jekt, in­so­fern es auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne die Be­zie­hung des Schnitts stüt­zen kann, jene, wo das Sub­jekt sich auf die­ser Ebe­ne zu stüt­zen hat.

Wir ha­ben die­ses Ob­jekt als ima­gi­nä­re Stüt­ze der Be­zie­hung zum Schnitt auf drei Ebe­nen ge­se­hen: auf der­je­ni­gen des prä­ge­ni­ta­len Ob­jekts, auf der­je­ni­gen der kas­tra­ti­ven Ver­stüm­me­lung und schließ­lich auf der­je­ni­gen der hal­lu­zi­na­to­ri­schen Stim­me als sol­cher, das heißt, in­so­fern sie ver­kör­per­te Stim­me ist, we­ni­ger als un­ter­bro­che­ne Rede als viel­mehr in­so­fern, als sie vom in­ne­ren Mo­no­log ab­ge­schnit­ten ist, als sie im Text des in­ne­ren Mo­no­logs ab­ge­schnit­ten ist.

Las­sen Sie uns heu­te se­hen, ob hier­über nicht weit­aus mehr zu sa­gen bleibt, wenn wir auf den Sinn des­sen zu­rück­ge­hen, was da zum Aus­druck kommt. Denn au­ßer­dem, wor­um geht es im Ver­hält­nis zu et­was, was ich be­reits das letz­te Mal ein­ge­führt habe, näm­lich über den Ge­sichts­punkt des Rea­len und den Ge­sichts­punkt der Er­kennt­nis – ? Auf wel­cher Ebe­ne sind wir hier, da wir ja auf der Ebe­ne ei­nes S52 ein­ge­führt sind –? Ist die­ses S / Es / Est-ce53 et­was an­de­res als eine Mehr­deu­tig­keit, die mit je­dem be­lie­bi­gen Sinn an­ge­füllt wer­den kann? Oder wer­den wir bei sei­ner ver­ba­len Zu­ge­hö­rig­keit, von der Kon­ju­ga­ti­on her, zum Verb ‚sein‘ in­ne­hal­ten?54 Hier­zu ist das letz­te Mal be­reits et­was bei­ge­tra­gen wor­den.

Es geht tat­säch­lich dar­um, zu wis­sen, auf wel­cher Ebe­ne wir hier sind, be­zo­gen auf das Sub­jekt, in­so­fern das Sub­jekt sich nicht ein­fach nur auf die Rede be­zieht, son­dern eben­so auf be­stimm­te Rea­li­tä­ten. Ich sage Fol­gen­des: Wenn et­was sich dar­stellt, sich ar­ti­ku­liert, was wir auf ko­hä­ren­te Wei­se als Rea­li­tät be­zeich­nen kön­nen, ich mei­ne die Rea­li­tät, auf die wir uns in un­se­rem ana­ly­ti­schen Dis­kurs be­zie­hen, dann wer­de ich des­sen Feld auf dem Sche­ma hier [dem Gra­phen] in dem Feld ver­or­ten, das un­ter dem kon­kre­ten Dis­kurs55 liegt, in­so­fern die­ser Dis­kurs es um­fasst und es ein­schließt und es die Re­ser­ve ei­nes Wis­sens ist, ei­nes Wis­sens, dass wir so weit aus­deh­nen kön­nen wie al­les, was für den Men­schen spre­chen kann.56 Ich mei­ne, dass er des­halb nicht in je­dem Mo­ment ver­pflich­tet ist, das zu er­ken­nen, was er be­reits, in sei­ner Rea­li­tät, in sei­ner Ge­schich­te, in sei­nen Dis­kurs ein­be­zo­gen hat, dass all das, was sich bei­spiels­wei­se in der mar­xis­ti­schen Dia­lek­tik als Ent­frem­dung dar­stellt, hier auf ko­hä­ren­te Wei­se er­fasst und ar­ti­ku­liert wer­den kann.

Ich möch­te noch mehr sa­gen: Der Schnitt, ver­ges­sen wir das nicht, und das wird uns be­reits im Typ des ers­ten Ob­jekts des Phan­tas­mas an­ge­zeigt, des prä­ge­ni­ta­len Ob­jekts –. Wor­auf spie­le ich an, als Ob­jek­te, die hier die Phan­tas­men stüt­zen kön­nen, wenn nicht auf rea­le Ob­jek­te, die in­so­fern in ei­ner en­gen Be­zie­hung zum vi­ta­len Trieb des Sub­jekts ste­hen, als sie von ihm, dem Sub­jekt, ge­trennt sind – ? Es ist nur zu of­fen­kun­dig, dass das Rea­le kein kom­pak­tes | [470] Kon­ti­nu­um ist, dass das Rea­le selbst­ver­ständ­lich aus Schnit­ten be­steht, eben­so, und durch­aus jen­seits der Schnit­te der Spra­che. Und nicht erst ges­tern hat der Phi­lo­soph Aris­to­te­les zu uns über den gu­ten Phi­lo­so­phen ge­spro­chen, was mei­nes Er­ach­tens eben­so dies be­deu­tet: Der­je­ni­ge, der et­was weiß, ganz all­ge­mein ge­se­hen, ist mit ei­nem gu­ten Koch ver­gleich­bar, er ver­steht es, das Mes­ser an dem Punkt an­zu­set­zen, der ge­nau vom Schnitt der Ge­len­ke her­kommt; er ist in der Lage, sie zu durch­drin­gen, ohne sie zu ver­let­zen.57 Die Be­zie­hung zwi­schen dem Schnitt des Rea­len und dem Schnitt der Spra­che ist also et­was, was bis zu ei­nem be­stimm­ten Punkt das zu er­fül­len scheint, wor­in die phi­lo­so­phi­sche Tra­di­ti­on sich ins­ge­samt im­mer ein­ge­rich­tet hat, näm­lich dass es nur dar­um geht, ein Sys­tem von Schnit­ten mit ei­nem an­de­ren Sys­tem von Schnit­ten ab­zu­de­cken

Wenn ich sage, dass die Freud’sche Fra­ge zum rech­ten Zeit­punkt kommt, dann be­zieht sich das dar­auf, dass die von der Wis­sen­schaft bis­lang durch­lau­fe­ne Bahn uns zu for­mu­lie­ren er­laubt, dass es im Aben­teu­er der Wis­sen­schaft et­was gibt, was über die­se Iden­ti­fi­zie­rung hin­aus­geht, über die­se Ab­de­ckung der na­tür­li­chen Schnit­te durch die Schnit­te ir­gend­ei­nes Dis­kur­ses.

Was durch eine Be­mü­hung, die we­sent­lich dar­in be­stan­den hat, die ge­sam­te wis­sen­schaft­li­che Ar­ti­ku­la­ti­on von ih­ren my­tho­lo­gi­schen Ver­wur­ze­lun­gen zu be­frei­en, das ist, wie wir gleich se­hen wer­den, et­was, was uns von dort zu dem Punkt ge­führt hat, an dem wir jetzt sind und der mir hin­rei­chend cha­rak­te­ri­siert zu sein scheint, ohne ein Dra­ma dar­aus zu ma­chen, durch den Ter­mi­nus der Des­in­te­gra­ti­on der Ma­te­rie.58 Das ist wohl et­was, was uns na­he­le­gen kann, in die­sem Aben­teu­er nicht ein­fach nur rei­ne und ein­fa­che Er­kennt­nis­se zu se­hen.

Es ist so, dass, um uns auf der Ebe­ne des Rea­len zu ver­or­ten, oder, wenn sie so wol­len, pro­vi­so­risch auf der Ebe­ne von et­was, was ich hier­bei das Gro­ße Gan­ze nen­nen wer­de – mit der gan­zen Be­to­nung auf der hier not­wen­di­gen Iro­nie, denn es ist si­cher­lich nicht mei­ne Nei­gung, es so zu nen­nen –, von die­sem Ge­sichts­punkt aus stel­len sich die Wis­sen­schaft und ihr Aben­teu­er nicht als das Rea­le dar, das sich sei­ne ei­ge­nen Schnit­te selbst zu­weist, son­dern als Ele­men­te, die et­was Neu­es er­schaf­fen59, was die Wen­dung nimmt, auf eine Wei­se zu wu­chern, dass wir hier als Men­schen uns selbst ge­gen­über ge­wiss nicht ver­leug­nen kön­nen, dass un­se­re ver­mit­teln­de Funk­ti­on, un­se­re Funk­ti­on als Agen­ten, es nicht un­ter­lässt, 60 die Fra­ge zu stel­len, ob die Kon­se­quen­zen des­sen, was sich hier ma­ni­fes­tiert, nicht ein biss­chen über uns hin­aus­ge­hen. Um es deut­lich zu sa­gen: Der Mensch lässt sich auf sei­ne Kos­ten auf die­ses Spiel ein. Viel­leicht ist hier für uns nicht der Ort, noch wei­ter­zu­ge­hen.

Was ich mit die­ser Rede, die ich ab­sicht­lich nüch­tern und knapp hal­te, von der ich gleich­wohl an­neh­me, dass der dra­ma­ti­sche und ak­tu­el­le Ak­zent Ih­nen nicht ent­geht, was ich hier da­mit sa­gen will, ist, dass die­se Fra­ge zum Aben­teu­er der Wis­sen­schaft et­was an­de­res ist als all das, was sich hat ar­ti­ku­lie­ren kön­nen, selbst mit den ex­tre­men Kon­se­quen­zen der Wis­sen­schaft, mit al­len Kon­se­quen­zen, die jene | [471] der mensch­li­chen Dra­ma­tik ge­we­sen sind, in­so­fern sie in die ge­sam­te Ge­schich­te ein­ge­schrie­ben ist.61

Hier, in die­sem Fall, steht das je­weils be­son­de­re Sub­jekt in Be­zie­hung zu die­ser Art von Schnitt, der da­durch ge­bil­det wird, dass es nicht auf­grund sei­ner Be­zie­hung zu ei­nem be­stimm­ten be­wuss­ten Dis­kurs so ist, dass es nicht weiß, was es ist. Das ist es, wor­um es geht, es geht um das Ver­hält­nis des Rea­len des Sub­jekts als in den Schnitt ein­tre­tend und um die­se An­kunft des Sub­jekts, auf der Ebe­ne des Schnitts, bei et­was, was man durch­aus ein Rea­les nen­nen muss, was aber durch nichts sym­bo­li­siert wird.

Es er­scheint Ih­nen viel­leicht ex­zes­siv, zu se­hen, dass hier – auf der Ebe­ne des­sen, was wir ge­ra­de als eine rei­ne Ma­ni­fes­ta­ti­on die­ses Seins be­zeich­net ha­ben – die­ser spe­zi­el­le Punkt be­zeich­net wird, der Punkt der Be­zie­hung des Sub­jekts zu dem, was wir hier sein rei­nes Sein als Sub­jekt nen­nen kön­nen, das, von wo­her das Phan­tas­ma des Be­geh­rens des­halb die Funk­ti­on er­hält, die­sen Punkt zu be­zeich­nen.62 Des­halb habe ich zu ei­nem an­de­ren Zeit­punkt die Funk­ti­on, die das Phan­tas­ma er­füllt, als eine Me­to­ny­mie des Seins de­fi­nie­ren kön­nen und auf die­ser Ebe­ne das Be­geh­ren als sol­ches iden­ti­fi­zie­ren kön­nen.

Dass wir uns recht ver­ste­hen, auf die­ser Ebe­ne bleibt die Fra­ge völ­lig of­fen, ob wir das, was sich auf die­se Wei­se an­zeigt, ‚Mensch‘ nen­nen kön­nen, denn was kön­nen wir ‚Mensch‘ nen­nen, es sei denn das, was sich be­reits als sol­ches sym­bo­li­siert hat und was sich auch je­des Mal, wenn man da­von spricht, als be­las­tet her­aus­stellt, be­las­tet mit al­len Er­kennt­nis­sen, sa­gen wir, der his­to­ri­schen Art – ? Das Wort ‚Hu­ma­nis­mus‘ be­zeich­net auf die­ser Ebe­ne für ge­wöhn­lich nichts.

Aber si­cher­lich gibt es in ihm et­was Rea­les, et­was Rea­les, das not­wen­dig ist und das hin­reicht, um die­se Di­men­si­on in der Er­fah­rung zu si­chern, die wir für ge­wöhn­lich, ich glau­be ziem­lich zu Un­recht, Tie­fe nen­nen, sa­gen wir, ei­nes Jen­seits, das be­wirkt, dass das [mensch­li­che] Sein/Wesen nicht iden­ti­fi­zier­bar ist mit ir­gend­ei­ner der Rol­len – um den Aus­druck zu ver­wen­den, der jetzt in Ge­brauch ist –, die es über­nimmt.

Hier wird also die Wür­de, wenn ich so sa­gen kann, die­ses Seins / die­ses We­sens in ei­nem Ver­hält­nis de­fi­niert, das in kei­ner Wei­se dar­in be­steht, dass es ab­ge­schnit­ten [cou­pé] ist, wenn ich mich so aus­drü­cken kann, mit sämt­li­chen Hin­ter­grün­den, ins­be­son­de­re mit den Be­zü­gen auf die Kas­tra­ti­on – wenn Sie hier, mit an­de­ren Er­fah­run­gen, um mir ein Wort­spiel zu ge­stat­ten, nicht ei­nen Schul­di­gen [cou­pa­ble] an­brin­gen kön­nen, son­dern den Schnitt [coupu­re] als sol­chen, näm­lich letzt­lich das, was sich für uns als das letz­te struk­tu­rel­le Cha­rak­te­ris­ti­kum des Sym­bo­li­schen dar­stellt.

Wozu ich ein­fach nur am Ran­de dar­auf hin­wei­sen möch­te, dass das, was wir da fin­den, die Rich­tung ist, in der ich Sie be­reits das zu su­chen ge­lehrt habe, was Freud den To­des­trieb ge­nannt hat, das, wo­durch sich her­aus­stel­len kann, dass die­ser To­des­trieb mit dem Sein/Wesen kon­ver­giert.“63

Hier­nach be­ginnt La­can, den fol­gen­den Auf­satz zu kom­men­tie­ren: Kurt Eissler: The func­tion of de­tails in the in­ter­pre­ta­ti­on of works of li­te­ra­tu­re.64 Ein Schlüs­sel­be­griff von Eissler sind die „ir­rele­van­ten Ein­zel­hei­ten“. La­can ver­gleicht Eisslers Vor­ge­hen mit sei­ner ei­ge­nen Ar­beits­wei­se in die­sem Se­mi­nar 6, be­zo­gen auf Ham­let.

[474] Das Kunst­werk – das kei­nes­wegs et­was ist, was die Rea­li­tät ver­klärt, wie weit auch im­mer man sie fas­sen mö­gen – führt in sei­ner Struk­tur selbst die­se Tat­sa­che der An­kunft des Schnitts ein, in­so­fern sich hier das Rea­le des Sub­jekts ma­ni­fes­tiert, in­so­fern es jen­seits des­sen, was es sagt, das un­be­wuss­te Sub­jekt ist.

Denn wenn die­ses Ver­hält­nis des Sub­jekts zur An­kunft des Schnitts ihm un­ter­sagt ist, in­so­fern ge­nau da sein Un­be­wuss­tes ist, ist es ihm [an­de­rer­seits] nicht un­ter­sagt, in­so­fern das Sub­jekt näm­lich die Er­fah­rung des Phan­tas­mas hat, das heißt, dass es durch das er­wähn­te Ver­hält­nis des Be­geh­rens ani­miert wird; und in­so­fern et­was mög­lich wird – al­lein schon durch den Be­zug auf die­se Er­fah­rung und in­so­fern sie in­tim mit dem [Kunst-]Werk ver­wo­ben ist –, wo­durch das Werk die­se Di­men­si­on aus­drü­cken wird, die­ses Rea­le des Sub­jekts, in­so­fern wir es eben ge­nannt ha­ben: An­kunft des Seins, jen­seits je­der mög­li­chen sub­jek­ti­ven Rea­li­sie­rung; und in­so­fern dies die Tu­gend und die Form des Kunst­werks ist – die­je­ni­ge, die Er­folg hat und auch die­je­ni­ge, die schei­tert –, dass es in die­se Di­men­si­on ver­wi­ckelt ist [in­téres­se], in die­se Di­men­si­on, wenn ich so sa­gen kann, wenn ich mich der To­po­lo­gie mei­nes Sche­mas [des Gra­phen] be­die­nen kann, um es spür­bar zu ma­chen, in die­se quer ver­lau­fen­de Di­men­si­on, die nicht par­al­lel zu dem Feld ver­läuft, das von der mensch­li­chen Sym­bo­li­sie­rung im Rea­len ge­schaf­fen wur­de und das Rea­li­tät ge­nannt wird, son­dern die hier­zu quer ver­läuft; in­so­fern näm­lich, als das engs­te Ver­hält­nis des Men­schen zum Schnitt – in­so­fern es über alle na­tür­li­chen Schnit­te hin­aus­geht und es die­sen we­sent­li­chen Schnitt sei­ner Exis­tenz gibt, näm­lich dass er, der Mensch, da ist und er sich in eben die­ser Tat­sa­che der An­kunft des Schnitts ver­or­ten muss –, in­so­fern die­ses engs­te Ver­hält­nis des Men­schen zum Schnitt das ist, wor­um es beim Kunst­werk geht, und ins­be­son­de­re in dem­je­ni­gen, über das wir erst vor kur­zem ge­spro­chen ha­ben, da es in die­ser Hin­sicht das pro­ble­ma­tischs­te ist, näm­lich Ham­let.

[475] In Ham­let gibt es auch alle mög­li­chen ir­rele­van­ten Din­ge.65 Ich möch­te so­gar sa­gen, dass wir hier­durch vor­an­ge­schrit­ten sind, aber auf eine Wei­se, die völ­lig rät­sel­haft ist. In je­dem Mo­ment kön­nen wir uns nur fra­gen, was die­se Ir­rele­vanz be­deu­tet. Denn eine Sa­che ist klar, dass nie­mals aus­ge­schlos­sen ist, dass Shake­speare das be­ab­sich­tigt hat.

Wenn Kurt Eissler – ob zu Recht oder zu Un­recht, ist nicht so wich­tig – es im Werk von Fer­di­nand Rai­mund bi­zarr fin­den kann, dass man in ei­nem be­stimm­ten Mo­ment eine Pe­ri­ode von fünf Jah­ren ein­führt, von der zu­vor nie je­mand ge­spro­chen hat­te, das ist die ir­rele­van­te Ein­zel­heit, die ihn auf den Weg ei­ner be­stimm­ten Su­che bringt, dann ist klar, dass wir, in Be­zug auf das, was in Ham­let ge­schieht, kei­nes­wegs so vor­ge­gan­gen sind, denn wir sind uns je­den­falls si­cher, dass die­ses Ge­we­be von ir­rele­van­ten Ein­zel­hei­ten auf kei­nen Fall schlicht und ein­fach da­durch von uns auf­ge­löst wer­den kann, dass Shake­speare sich hier von sei­nem Ge­nie füh­ren ließ.

Wir ha­ben das Ge­fühl, dass es, die­ses Ge­we­be, aus ei­nem be­stimm­ten Grund da ist, und sei aus kei­nem an­de­ren als zur Ma­ni­fes­ta­ti­on sei­nes tiefs­ten Un­be­wuss­ten. Es ist hier je­den­falls die Ar­chi­tek­tur die­ser ir­rele­van­ten Ein­zel­hei­ten, die uns zeigt, dass ihm we­sent­lich dies ge­lingt, sich in der ent­schei­den­den Af­fir­ma­ti­on zu ent­fal­ten, die wir eben her­aus­ge­stellt ha­ben, näm­lich in die­sem Typ von Be­zie­hung des Sub­jekts zu sei­ner tiefs­ten Ebe­ne, als spre­chen­des Sub­jekt, d..h. in­so­fern es sei­ne Be­zie­hung zum Schnitt als sol­chem zum Vor­schein kom­men lässt.“66

An­schlie­ßend spricht La­can über Shake­speares Ham­let.

Schnitt im Exhibitionismus und im Voyeurismus (3.6.1959)

La­can be­ginnt die Sit­zung so:

[481] Ich set­ze mei­nen Ver­such fort, für Sie zu ar­ti­ku­lie­ren, was in der Ana­ly­se un­ser Han­deln re­gu­lie­ren soll­te, in­so­fern wir es im Sub­jekt mit dem Un­be­wuss­ten zu tun ha­ben.

Ich weiß, dass das nichts Leich­tes ist. Und ich er­lau­be mir nicht al­les, in der Art der For­mu­lie­rung, zu der ich sie gern hin­füh­ren möch­te. Bis­wei­len kommt es vor, dass mei­ne Um­we­ge mit mei­nem Ge­fühl zu­sam­men­hän­gen, dass es nö­tig ist, dass ich für Sie die Vor­ge­hens­wei­se spür­bar ma­chen muss, um die es geht. Es ge­lingt mir gleich­wohl nicht zwangs­läu­fig im­mer, dass Sie nicht die Ori­en­tie­rung ver­lie­ren. Trotz­dem bit­te ich Sie, mir zu fol­gen, mir Ver­trau­en zu schen­ken.

Und um wie­der von dem Punkt aus­zu­ge­hen, an dem wir das letz­te Mal wa­ren, ar­ti­ku­lie­re ich auf ein­fa­che­re Wei­se das, was ich for­mu­liert habe – of­fen­kun­dig nicht ohne Vor­sichts­maß­nah­men, nicht ohne dass ich mich be­mü­he, Mehr­deu­tig­kei­ten zu ver­mei­den –, als ich den Ter­mi­nus des Seins in den Vor­der­grund rück­te.

Und um mit Ham­mer­schlä­gen vor­an­zu­ge­hen, for­de­re ich – so ge­wagt Ih­nen eine sol­che For­mel auch er­schei­nen mag – die Wie­der­ver­wen­dung, die Wie­der­ein­glie­de­rung be­stimm­ter Ter­mi­ni in un­se­re täg­li­chen Be­grif­fe, von Ter­mi­ni, die so mas­siv sind, dass man seit Jahr­hun­der­ten nur mit ei­ner Art re­spekt­vol­lem Zit­tern wagt, dar­an zu rüh­ren.67 Ich möch­te vom Sein und vom Ei­nen spre­chen.68

Sa­gen wir – selbst­ver­ständ­lich kann nur ihre Ver­wen­dung den Be­weis für ihre Kohä–| [482] renz lie­fern –, dass das, was ich das Sein nen­ne, wo­bei ich bis zu ei­nem be­stim­men Punkt das letz­te Mal so weit ge­gan­gen bin, es auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne sei­ner Emer­genz als ‚rei­nes Sein‘ zu qua­li­fi­zie­ren, dass dies et­was ist, was den Ter­mi­ni ent­spricht, mit de­ren Hil­fe wir uns ori­en­tie­ren, näm­lich de­nen des Rea­len und des Sym­bo­li­schen.

Und dass hier das Sein ganz ein­fach dies ist, dass wir kei­ne Idea­lis­ten sind, dass für uns gilt, wie man in den Phi­lo­so­phie­bü­chern sagt, dass wir zu je­nen ge­hö­ren, die den­ken, dass das Sein dem Den­ken vor­aus­geht69, dass wir aber, um uns hier in un­se­rer Ar­beit als Ana­ly­ti­ker zu ori­en­tie­ren, nichts we­ni­ger be­nö­ti­gen als das. Ich be­dau­re es, dass ich für Sie den Him­mel der Phi­lo­so­phie in Be­we­gung ver­set­zen muss, ich muss aber sa­gen, dass ich es nur not­ge­drun­gen und zwangs­wei­se tue, und schließ­lich, weil ich nichts Bes­se­res fin­de, um vor­zu­ge­hen.

Das Sein, wir wer­den also sa­gen, dass es streng­ge­nom­men das Rea­le ist, in­so­fern es sich auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen ma­ni­fes­tiert, aber dass wir es recht ver­ste­hen, dass dies auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen ist. Auf je­den Fall, was uns an­geht, so müs­sen wir sie nicht an­ders­wo be­den­ken, die­se Sa­che, die ganz ein­fach zu sein scheint, dies, dass es et­was Hin­zu­ge­füg­tes gibt, wenn wir sa­gen, es ist das, und dass dies auf das Rea­le ab­zielt, in­so­fern, als im Sym­bo­li­schen das Rea­le af­fir­miert oder zu­rück­ge­wie­sen oder ver­leug­net wird.

Die­ses Sein, es ist nir­gend­wo an­ders – dass dies recht ver­stan­den wer­de – als in den In­ter­val­len, in den Schnit­ten und dort, wo es im ei­gent­li­chen Sin­ne des Wor­tes das am we­nigs­ten Si­gni­fi­kan­te der Si­gni­fi­kan­ten ist, näm­lich der Schnitt. Dass es das­sel­be ist wie der Schnitt, ver­ge­gen­wär­tigt es im Sym­bo­li­schen.

Und wir spre­chen vom ‚rei­nen Sein‘. Ich wer­de es bru­ta­ler sa­gen, weil es scheint, dass ei­ni­gen beim letz­ten Mal – und das gebe ich gern zu – ei­ni­ge der For­meln, die ich vor­ge­bracht habe, als um die Sa­che her­um­re­dend er­schie­nen sind, ja als ver­wor­ren. Das rei­ne Sein, um das es geht, das ist eben das Sein, von dem ich eben die all­ge­mei­ne De­fi­ni­ti­on ge­ge­ben habe, und dies in­so­fern, als un­ter dem Na­men des Un­be­wuss­ten das Sym­bo­li­sche sub­sis­tiert, eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, ge­mäß ei­ner For­mel, die ich mit Ih­rer Er­laub­nis hier vor­brin­ge: Je­des Sub­jekt ist ei­nes.70

Hier muss ich Sie um Nach­sicht bit­ten, das heißt dar­um, mir zu fol­gen. Das be­deu­tet ein­fach, dass Sie sich nicht vor­stel­len, das, was ich hier vor­brin­ge, sei et­was, was ich mit we­ni­ger Vor­sichts­maß­nah­men vor­brin­ge als eben, als ich das Sein vor­ge­bracht habe. Ich bit­te Sie, mir zu glau­ben, dass ich mir, be­vor ich zu Ih­nen spre­che, be­reits klar­ge­macht habe, dass das, was ich jetzt vor­brin­gen wer­de, näm­lich das Ein, kein ein­deu­ti­ger Be­griff ist und dass die phi­lo­so­phi­schen Wör­ter­bü­cher Ih­nen sa­gen wer­den, dass die­ser Aus­druck auf mehr | [483] als eine Wei­se ver­wen­det wird. Näm­lich dass das Ein, wel­ches das Gan­ze ist, in all sei­nen Ver­wen­dun­gen, in all sei­nen Ge­brauchs­wei­sen nicht zu­sam­men­fällt mit dem Ein als Zahl, d..h. mit der 1, die die Auf­ein­an­der­fol­ge und die Ord­nung der Zah­len vor­aus­setzt und hier­aus her­vor­geht.

Denn al­lem An­schein nach scheint es ja tat­säch­lich so zu sein, dass die­ses Ein se­kun­där ist im Ver­hält­nis zur Ein­füh­rung der Zahl als sol­cher, und dass für eine kor­rek­te Ab­lei­tung – zu­min­dest die em­pi­ri­schen An­sät­ze las­sen dar­an kei­nen Zwei­fel, die eng­li­sche Psy­cho­lo­gie ver­sucht, den em­pi­ri­schen Ein­tritt der Zahl in un­se­re Er­fah­rung zu be­grün­den, und es ist nicht ohne Be­deu­tung, dass ich mich hier auf den Ar­gu­men­ta­ti­ons­ver­such be­zie­he, der am meis­ten bo­den­stän­dig ist. Ich habe Sie be­reits dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass es un­mög­lich ist, die mensch­li­che Er­fah­rung zu struk­tu­rie­ren, ich mei­ne die all­ge­meins­te af­fek­ti­ve71 Er­fah­rung, ohne von der Tat­sa­che aus­zu­ge­hen, dass das Men­schen­we­sen zählt, und dass es sich selbst zählt.

Ich möch­te sa­gen – auf ab­ge­kürz­te Wei­se, denn um wei­ter zu ge­hen, muss ich vor­aus­set­zen, dass Sie sich durch eine ge­wis­se Zeit der Re­fle­xi­on das an­ge­eig­net ha­ben, was ich be­reits ge­sagt habe –, dass das Be­geh­ren eng mit dem ver­bun­den ist, was sich in­so­fern er­eig­net, als das Men­schen­we­sen / das mensch­li­che Sein [l’être hu­main] sich im Si­gni­fi­kan­ten ar­ti­ku­lie­ren muss, und in­so­fern es in den In­ter­val­len als Sein er­scheint,72 auf ei­ner Ebe­ne, die wir et­was spä­ter viel­leicht zu ar­ti­ku­lie­ren ver­su­chen wer­den, auf eine Wei­se, die ich ab­sicht­lich mehr­deu­ti­ger for­mu­lie­ren wer­de als beim Ein, wie ich es ge­ra­de ein­ge­führt habe, denn ich glau­be nicht, dass man je ver­sucht hat, es als sol­ches in eben sei­ner Mehr­deu­tig­keit rich­tig zu ar­ti­ku­lie­ren. Das ist der Be­griff des nicht ein. In­so­fern die­ses S73 hier als die­ses nicht ein er­scheint, wer­den wir es heu­te wie­der­auf­neh­men und neu be­trach­ten, wer­den wir heu­te mit ihm zu tun ha­ben.“ 74

La­can fährt fort mit Aus­füh­run­gen über das Zäh­len.

Spä­ter in die­ser Sit­zung be­zieht er sich auf ei­nen Auf­satz von Ruth Le­bo­vici zum The­ma der Über­gangs-Per­ver­si­on.75 Der Pa­ti­ent ist we­gen ei­ner Pho­bie in Ana­ly­se; die Über­gangs­per­ver­si­on – also die Per­ver­si­on, die im Ver­lauf der Be­hand­lung ent­steht und die spä­ter ab­rupt ver­schwin­det – be­steht in ei­ner be­stimm­ten voy­eu­ris­ti­schen Prak­tik: der Pa­ti­ent be­ob­ach­tet Frau­en auf dem WC. Der Pa­ti­ent phan­ta­siert, dass sei­ne Hei­lung da­mit zu­sam­men­fällt, dass er mit der Ana­ly­ti­ke­rin schläft. La­can macht eine kri­ti­sche Be­mer­kung zu der Art und Wei­se, wie Le­bo­vici da­mit um­ging so­wie zur all­ge­mei­nen Ori­en­tie­rung die­ser Kur am Rea­li­täts­prin­zip. Er fährt dann fort:

[489] Das ist eine Kon­se­quenz der all­ge­mei­nen Ori­en­tie­rung, die der Be­hand­lung ge­ge­ben wird, und von et­was, was von der Au­to­rin selbst sehr deut­lich als der ent­schei­den­de Punkt an­ge­se­hen wird, näm­lich der Mo­ment, in dem es dar­um geht, ein Phan­tas­ma zu deu­ten und ein Ele­ment die­ses Phan­tas­mas zu iden­ti­fi­zie­ren oder nicht zu iden­ti­fi­zie­ren.

Dies ist glück­li­cher­wei­se und ganz groß­ar­tig in die­sem Mo­ment, ich sage nicht: ein Mann in ei­ner Rüs­tung76, son­dern: eine Rüs­tung, die hin­ter dem Sub­jekt vor­an­schrei­tet, eine Rüs­tung, die mit et­was ziem­lich leicht Er­kenn­ba­rem be­waff­net ist, denn es han­delt sich um die Sprit­ze ei­nes In­sek­ten­ver­til­gungs­mit­tels, das heißt um et­was, was man als be­son­ders ko­mi­sche und auch be­son­ders ty­pi­sche Re­prä­sen­ta­ti­on des phal­li­schen Ap­pa­rats her­vor­brin­gen kann, in­so­fern er zer­stö­re­risch ist.

Und dies, im Rück­blick, zur größ­ten Ver­le­gen­heit der Au­to­rin.77 Da­von wa­ren tat­säch­lich vie­le Din­ge ab­hän­gig, und sie ahnt, dass sich die Aus­lö­sung der künst­li­chen Per­ver­si­on in der Fol­ge ganz und gar dar­an auf­ge­hängt hat. | [490] Al­les hängt da­von ab, dass dies in Ka­te­go­ri­en der Rea­li­tät ge­deu­tet wur­de, un­be­streit­bar der rea­len Er­fah­rung der phal­li­schen Mut­ter, und bei die­sem Sub­jekt nicht von dem her – was aus ei­ner be­stimm­ten Sicht auf die­se Fall­be­ob­ach­tung völ­lig klar her­vor­geht, von dem Mo­ment an, in dem man sie über­neh­men will –, dass das Sub­jekt da das not­wen­di­ge und feh­len­de Bild des Va­ters als sol­chem auf­tau­chen lässt, in­so­fern er für die Sta­bi­li­sie­rung des Be­geh­rens des Sub­jekts er­for­der­lich ist.

Und den­noch könn­te uns nichts mehr zu­frie­den­stel­len als die Tat­sa­che, dass die­se feh­len­de Per­son dann in Ge­stalt ei­ner Mon­ta­ge er­scheint, als et­was, was das le­ben­de Bild des Sub­jekts ab­gibt, in­so­fern es mit­hil­fe ei­ner ge­wis­sen An­zahl von Schnit­ten wie­der­her­ge­stellt ist, von Ver­bin­dungs­stel­len ei­ner Rüs­tung, in­so­fern sie Ge­len­ke sind, rei­ne Ge­len­ke.

In die­sem Sin­ne und auf ganz kon­kre­te Wei­se könn­te man noch ein­mal den Typ der In­ter­ven­ti­on voll­zie­hen, der not­wen­dig ge­we­sen wäre, da­mit viel­leicht das, was man hier­bei Hei­lung nennt, mit ge­rin­ge­ren Kos­ten hät­te ge­fun­den wer­den kön­nen als auf dem Um­weg ei­ner Über­gangs-Per­ver­si­on, die sich si­cher­lich im Rea­len ab­ge­spielt hat und die es uns un­be­streit­bar ge­stat­tet, in ei­ner be­stimm­ten Pra­xis dar­an zu rüh­ren, in­wie­fern der Be­zug auf die Rea­li­tät in der Be­hand­lung eine Re­gres­si­on dar­stellt.“78

An­schlie­ßend er­läu­tert La­can die Be­zie­hung zwi­schen $ und a im Phan­tas­ma mit dem Mo­dell des Fort-Da-Spiels.

Da­nach wen­det er sich der Fra­ge des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes zu und kom­men­tiert die The­se von Er­nest Jo­nes, dass die­sem Kom­plex die Angst vor dem Ver­schwin­den des Be­geh­rens zu­grun­de liegt, die Angst vor „Apha­ni­sis“.79 Das im­pli­ziert, sagt La­can, dass das Sub­jekt sich als be­geh­rend be­gehrt. Dies ist für La­can, an­ders als für Jo­nes, spe­zi­ell die Struk­tur des Neu­ro­ti­kers. Er fährt so fort:

[491] Dar­um wer­de ich mich nicht als ers­tes dem Neu­ro­ti­ker zu­wen­den, weil Ih­nen das zu leicht als eine ein­fa­che Ver­dopp­lung er­scheint: ich be­geh­re, be­geh­rend zu sein, und be­geh­re, be­geh­rend be­gehrt zu sein, usw. Dar­um geht es über­haupt nicht, und dar­um ist es nütz­lich, das per­ver­se Phan­tas­ma noch ein­mal durch­zu­buch­sta­bie­ren.

[492] Und wenn ich heu­te nicht wei­ter ge­hen kann, dann wer­de ich ver­su­chen, es in der Wei­se zu tun, dass ich ei­nes die­ser am leich­tes­ten zu­gäng­li­chen Phan­tas­men neh­me – das üb­ri­gens eng mit dem ver­wandt ist, auf das ich eben an­spie­len muss­te, in der Fall­stu­die, auf die ich mich be­zo­gen habe –, näm­lich das Phan­tas­ma des Ex­hi­bi­tio­nis­ten und glei­cher­ma­ßen das des Voy­eu­ris­ten. Denn, Sie wer­den es se­hen, viel­leicht wäre es gut, wenn man sich nicht zu­frie­den gäbe mit der Art und Wei­se, wie die Struk­tur, um die es geht, ge­mein­hin dar­ge­stellt wird. Man hat die Ge­wohn­heit, uns zu sa­gen: ‚Das ist sehr ein­fach, das ist sehr schön, die­ses per­ver­se Phan­tas­ma: der Schau­t­rieb! Selbst­ver­ständ­lich ge­fällt es ei­nem, zu schau­en, es ge­fällt ei­nem, be­schaut zu wer­den.‘ Die­se ‚char­man­ten vi­ta­len Trie­be‘, wie Paul Éluard ir­gend­wo sagt.80 Kurz, es gibt da et­was, den Trieb, der Ver­gnü­gen an dem hat, was das Ge­dicht von Éluard sehr schön mit der For­mel ‚Zu se­hen ge­ben‘ aus­ge­drückt hat, eine Ma­ni­fes­ta­ti­on der Ge­stalt, die sich von sich aus dem an­de­ren an­bie­tet.

Al­les in al­lem, ich wei­se Sie dar­auf hin, das ist be­reits nicht nichts, das zu sa­gen.

Das er­scheint uns nicht mehr so ein­fach.“ 81

Nach ei­nem knap­pen Ex­kurs über Zu-se­hen-Ge­ben und Er­war­tungs­ent­täu­schung bei nicht-mensch­li­chen Tie­ren heißt es:

[493] Keh­ren wir jetzt zu un­se­rem Ex­hi­bi­tio­nis­ten zu­rück. Schreibt er sich auf ir­gend­ei­ne Wei­se in die­se Dia­lek­tik des Ge­zeig­ten ein, selbst in­so­fern die­ses Ge­zeig­te mit den We­gen des an­de­ren ver­bun­den ist – ?82

Ich kann Sie hier ein­fach auf das Fol­gen­de in der ex­hi­bi­tio­nis­ti­schen Be­zie­hung zum an­de­ren hin­wei­sen – um mich ver­ständ­lich zu ma­chen, wer­de ich Ter­mi­ni ver­wen­den, die ein biss­chen pro­vi­so­risch sind, das sind si­cher­lich nicht die bes­ten, nicht die li­te­ra­rischs­ten –, dass der an­de­re in sei­nem kom­pli­zen­haf­ten Be­geh­ren über­rascht wur­de – und Gott weiß, dass der an­de­re es ge­le­gent­lich wirk­lich ist – von dem, was sich da er­eig­net, und von dem, was sich als was er­eig­net? als Bruch.

Be­ach­ten Sie, dass die­ser Bruch nicht ir­gend­ei­ner ist. Es ist we­sent­lich, dass die­ser Bruch auf die­se Wei­se die Fal­le für das Be­geh­ren ist. Das heißt, dass das ein Bruch ist, der sich so voll­zieht, dass er von den­je­ni­gen, die wir hier­bei ‚die Mehr­heit‘ nen­nen wol­len, nicht wahr­ge­nom­men wird, und das er von dem­je­ni­gen, an den er sich wen­det, als ei­ner wahr­ge­nom­men wird, der an­ders­wo nicht wahr­ge­nom­men wird.

Je­der weiß auch, dass es in der Pri­vat­sphä­re – au­ßer na­tür­lich mit zu­sätz­li­chen Raf­fi­ne­ments – kei­nen ech­ten Ex­hi­bi­tio­nis­ten gibt. Ge­nau da­für, dass es was da­von hat, dass es Lust da­bei gibt, muss sich das an ei­nem öf­fent­li­chen Ort er­eig­nen. Und dann kom­men wir in un­se­ren schlich­ten Holz­schu­hen zu die­ser Struk­tur, und wir sa­gen ihm: ‚Mein klei­ner Freund, wenn Sie sich aus sol­cher Fer­ne zei­gen, liegt das dar­an, dass Sie sie fürch­ten, sich Ih­rem Ob­jekt zu nä­hern. Nä­her ran, nä­her ran!‘83

Ich fra­ge, was die­ser Scherz be­deu­tet. Glau­ben Sie, dass Ex­hi­bi­tio­nis­ten nicht vö­geln? Die Kli­nik zeigt hier das glat­te Ge­gen­teil. Ge­le­gent­lich sind sie mit ih­ren Frau­en sehr gute Ehe­män­ner, nur ist das Be­geh­ren, um das es geht, an­ders­wo. Es er­for­dert selbst­ver­ständ­lich an­de­re Be­din­gun­gen, und es sind die­se Be­din­gun­gen, bei de­nen man hier in­ne­hal­ten soll­te.

Man sieht deut­lich, dass die­se Ma­ni­fes­ta­ti­on, die­se aus­ge­wähl­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, die hier mit dem An­de­ren her­ge­stellt wird, ein be­stimm­tes Be­geh­ren nur in­so­fern be­frie­digt, als eine be­stimm­te Ma­ni­fes­ta­ti­on des Seins und des Rea­len in ein be­stimm­tes Ver­hält­nis ge­bracht sind, in­so­fern näm­lich, als es in den sym­bo­li­schen Rah­men als sol­chen ver­wi­ckelt ist. Des­halb ist üb­ri­gens ein öf­fent­li­cher Ort not­wen­dig: da­mit man sich ganz si­cher ist, dass man in ei­nem sym­bo­li­schen Rah­men ist.

[494] Das heißt – ich wei­se Sie dar­auf hin, we­gen der Leu­te, die ihm vor­wer­fen, dass er es nicht wagt, sich dem Ob­jekt zu nä­hern, dass er ir­gend­ei­ner Furcht nach­gibt –, dass ich als Be­din­gung für die Be­frie­di­gung ih­res Be­geh­rens ge­ra­de das Ma­xi­mum an Ge­fahr an­ge­ge­ben habe. Hier wird man dann wie­der in die an­de­re Rich­tung ge­hen, ohne sich um den Wi­der­spruch zu küm­mern, und man wird sa­gen, dass es die Ge­fahr, die sie su­chen. Das ist nicht un­mög­lich.

Ver­su­chen wir je­doch, be­vor wir so weit ge­hen, eine Struk­tur fest­zu­stel­len. Näm­lich, dass es auf der Sei­te des­je­ni­gen, der hier als Ob­jekt fi­gu­riert, das heißt des oder der Be­trof­fe­nen [in­téres­sés], des klei­nen Mäd­chens oder der klei­nen Mäd­chen – ver­gie­ßen wir ne­ben­bei die Trä­ne der gu­ten See­len über sie –, dass es vor­kommt, die­se die klei­nen Mäd­chen, vor al­lem wenn sie zu meh­re­ren sind, sich wäh­rend die­ser Zeit da sehr amü­sie­ren. Das macht so­gar ei­nen Teil der Lust des Ex­hi­bi­tio­nis­ten aus, das ist eine Va­ri­an­te. Das Be­geh­ren des An­de­ren ist also da als we­sent­li­ches Ele­ment, in­so­fern es über­rascht wird, in­so­fern es, jen­seits der Scham, dar­in ver­wi­ckelt ist, in­so­fern es ge­le­gent­lich dar­an be­tei­ligt ist – alle Va­ri­an­ten sind mög­lich.

Auf der an­de­ren Sei­te, was gibt es da? Da gibt es et­was, auf des­sen Struk­tur ich Sie be­reits auf­merk­sam ge­macht habe und wor­auf ich eben wie­der, so scheint mir, hin­rei­chend ver­wie­sen habe. Es gibt zwei­fel­los das, was er zeigt, wer­den Sie mir sa­gen. Aber ich wer­de Ih­nen sa­gen, dass das, was er hier­bei zeigt, ziem­lich va­ria­bel ist; das, was er zeigt, ist mehr oder we­ni­ger ruhm­reich, aber das, was er zeigt, ist et­was Red­un­dan­tes, das eher et­was ver­birgt als dass es das ent­hüllt, wor­um es geht. Man darf sich nicht täu­schen bei dem, was er als Be­weis für die Erek­ti­on sei­nes Be­geh­rens zeigt, über den Un­ter­schied zwi­schen die­sem und dem Ap­pa­rat sei­nes Be­geh­rens.

Die­ser Ap­pa­rat wird we­sent­lich durch et­was ge­bil­det, was ich be­reits her­vor­ge­ho­ben habe, durch das Wahr­ge­nom­me­ne im Nicht-Wahr­ge­nom­me­nen, was ich ganz plump so ge­nannt habe: eine Hose, die sich in dem öff­net und schließt – um es deut­lich zu sa­gen –, was wir den Schlitz [fen­te] im Be­geh­ren nen­nen kön­nen. Das ist das We­sent­li­che. Und kei­ne Erek­ti­on – so ge­lun­gen man sie auch an­neh­men mag – lie­fert hier ei­nen Er­satz für das, was das we­sent­li­che Ele­ment in der Struk­tur der Si­tua­ti­on ist, näm­lich für die­sen Schlitz als sol­chen.

Da ist auch das, wo das Sub­jekt als sol­ches sich be­zeich­net. Da ist das, was man fest­hal­ten muss, um zu be­mer­ken, wor­um es geht, und – mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ge­sagt –was aus­ge­füllt wer­den soll.

Wir wer­den spä­ter dar­auf zu­rück­kom­men, denn ich möch­te dies <zu­nächst> durch die kor­re­spon­die­ren­de Phä­no­me­no­lo­gie des Voy­eurs kon­trol­lie­ren. Ich glau­be, ich kann jetzt schnel­ler vor­an­ge­hen. Zu schnell vor­an­zu­ge­hen, heißt je­doch wie im­mer, uns zu ge­stat­ten, zum Ver­schwin­den brin­gen, wor­um es geht. Und dar­um nä­he­re ich mich dem hier mit der­sel­ben Um­sicht.

[495] Denn das, was we­sent­lich ist, und das, was beim Schau­t­rieb aus­ge­las­sen wird, das ist, auch hier mit dem Schlitz zu be­gin­nen, mit der Spal­te [fen­te]. Denn für den Voy­eur ist die­se Spal­te, so stellt sich her­aus, ein Ele­ment der Struk­tur, das ab­so­lut un­ent­behr­lich ist.

Und das Ver­hält­nis des Wahr­ge­nom­me­nen zum Nicht-Wahr­ge­nom­me­nen ist hier nicht we­ni­ger deut­lich, auch wenn es hier an­ders auf­ge­teilt ist. Mehr noch; ich will ins De­tail ge­hen.

Da es um die Stüt­ze geht, die im Ob­jekt ge­fun­den wird, das heißt im An­de­ren, ist das Wich­ti­ge an der Be­frie­di­gung, hier spe­zi­ell an der voy­eu­ris­ti­schen, eben dies, dass das, was ge­se­hen wird, in die An­ge­le­gen­heit ver­wi­ckelt ist. Das macht ei­nen Teil des Phan­tas­mas aus. Denn ganz ge­wiss ist es sehr oft mög­lich, dass das, was ge­se­hen wird, ge­se­hen wird, ohne dass es das weiß. Das Ob­jekt, sa­gen wir: das weib­li­che Ob­jekt, weil es of­fen­bar nicht ohne Be­deu­tung ist, dass die For­schung in die­ser Rich­tung be­trie­ben wird, das weib­li­che Ob­jekt weiß si­cher­lich nicht, dass es ge­se­hen wird.

In der Be­frie­di­gung des Voy­eurs je­doch, ich mei­ne in dem, wo­von sein Be­geh­ren ge­stützt wird, gibt es dies, dass, auch wenn es, wenn man so sa­gen, hier­an auf un­schul­di­ge Wei­se be­tei­ligt ist, dass et­was im Ob­jekt an die­ser Funk­ti­on des Schau­spiels mit­macht, es ist hier of­fen, es ist an die­ser Di­men­si­on der In­dis­kre­ti­on po­ten­ti­ell be­tei­ligt. Und in dem Maße, in dem et­was in ih­ren Ges­ten ver­mu­ten las­sen kann, dass sie un­ter ir­gend­ei­nem Ge­sichts­punkt in der Lage ist, sich hier an­zu­bie­ten, er­reicht das Ge­nie­ßen des Voy­eurs ge­nau sein rich­ti­ges und ei­gent­li­ches Ni­veau.

Die über­rasch­te Krea­tur wird umso stär­ker ero­ti­sier­bar sein, möch­te ich sa­gen, als et­was in ih­ren Ges­ten sie uns als eine sol­che ent­hül­len kann, die sich dem an­bie­tet, was ich ‚die un­sicht­ba­ren Gäs­te der Lüf­te‘ nen­nen wer­de. Es ist nicht ohne Be­deu­tung, dass ich sie hier in Er­in­ne­rung rufe. Sie hei­ßen ‚En­gel der Chris­ten­heit‘, die­je­ni­gen, die Mon­sieur Ana­to­le Fran­ce die Frech­heit hat­te, in die­se An­ge­le­gen­heit ein­zu­be­zie­hen. Le­sen Sie Auf­ruhr der En­gel84, Sie wer­den hier zu­min­dest das sehr ge­naue Band se­hen, das die Dia­lek­tik des Be­geh­rens mit die­ser Art Vir­tua­li­tät ei­nes Au­ges ver­bin­det, das un­greif­bar, aber im­mer vor­stell­bar ist. Und da­mit hat zu tun, dass die Be­zü­ge, die zum Buch des Comte de Ga­ba­lis her­ge­stellt wer­den85, hin­sicht­lich der mys­ti­schen Hoch­zei­ten von Män­nern mit Syl­phen und Un­di­nen, nicht um­sonst in den Text ge­langt sind, den, sehr kon­zen­triert in sei­nen Ziel­set­zun­gen, ir­gend­ei­nes der Bü­cher von Ana­tol Fran­ce bil­det.86

Des­halb ist bei die­ser Ak­ti­vi­tät, in der die Krea­tur in die­sem ge­hei­men Ver­hält­nis sich selbst ge­gen­über er­scheint, bei die­sen Ges­ten, in de­nen sich die Per­ma­nenz ei­nes Zeu­gen ver­rät, vor dem man es sich nicht ein­ge­steht, die Lust des Voy­eurs auf ih­rem Hö­he­punkt. Se­hen Sie nicht, dass hier, in bei­den Fäl­len, das Sub­jekt sich selbst auf das künst­li­che Ge­bil­de [ar­ti­fice] des Spalts [fen­te] re­du­ziert?

Die­ses künst­li­che Ge­bil­de nimmt sei­nen Platz ein, den des Sub­jekts, | [496] und zeigt es tat­säch­lich als et­was, was auf eine mi­se­ra­ble Funk­ti­on re­du­ziert ist, näm­lich auf die sei­ne. Aber es ist durch­aus das Sub­jekt, um das es geht – in­so­weit es im Phan­tas­ma ist, ist es der Spalt.

Die Fra­ge nach der Be­zie­hung die­ser Spal­te zu dem, was, un­se­rer Er­fah­rung nach, das sym­bo­lisch Un­er­träg­lichs­te ist, näm­lich die Ge­stalt, die hier­auf am Platz des weib­li­chen Ge­schlechts­or­gans ant­wor­tet, ist eine an­de­re Fra­ge, die wir hier of­fen las­sen, für die Zu­kunft.

Aber jetzt wol­len wir das in sei­ner Ge­samt­heit wie­der auf­grei­fen und von ei­ner poe­ti­schen Me­ta­pher aus­ge­hen, von dem be­rühm­ten ‚Ich sah mich mich se­hen‘ aus der Jun­gen Par­ze.87

Es ist ganz klar, dass die­ser Traum von voll­kom­me­ner Schlie­ßung, von er­reich­ter Ge­nüg­sam­keit, in kei­nem Be­geh­ren ver­wirk­licht wird, au­ßer im über­mensch­li­chen Be­geh­ren der poe­ti­schen Jung­frau.

In­dem sich der Voy­eur und der Ex­hi­bi­tio­nist am Platz des ‚Ich sah mich mich se­hen‘ ver­or­ten, ver­schaf­fen sie sich Zu­tritt zu ei­ner Si­tua­ti­on, die was ist? Ge­nau eine Si­tua­ti­on, in der der An­de­re nicht das ‚Ich sah mich‘ sieht, eine Si­tua­ti­on des un­be­wuss­ten Ge­nie­ßens des An­de­ren.88 Der An­de­re ist hier ge­wis­ser­ma­ßen zu ei­nem Drit­tel ent­haup­tet. Er weiß nicht, dass die Mög­lich­keit be­steht, dass er ge­se­hen wird. Er weiß nicht, was durch die Tat­sa­che re­prä­sen­tiert wird, dass er von dem er­schüt­tert wird, was er sieht, näm­lich von dem un­ge­wöhn­li­chen Ob­jekt, das der Ex­hi­bi­tio­nist ihm prä­sen­tiert, und das auf den An­de­ren sei­ne Wir­kung nur in­so­fern aus­übt, als es tat­säch­lich das Ob­jekt sei­nes Be­geh­rens ist89, was er in die­sem Au­gen­blick aber nicht er­kennt.

Es stellt sich also die Auf­tei­lung ei­ner dop­pel­ten Un­wis­sen­heit her. Denn wenn der An­de­re auf die­ser Ebe­ne als An­de­rer nicht das rea­li­siert, wo­von an­ge­nom­men wird, das es sich im Geis­te des­je­ni­gen rea­li­siert, der sich ent­blößt oder des­je­ni­gen, der sich sieht, als mög­li­che Ma­ni­fes­ta­ti­on des Be­geh­rens, so rea­li­siert um­ge­kehrt der­je­ni­ge, der sich ent­blößt oder der sich sieht, in sei­nem Be­geh­ren nicht die Funk­ti­on des Schnitts, die ihn in ei­nem heim­li­chen Au­to­ma­tis­mus ab­schafft, ihn in ei­nem Au­gen­blick ver­nich­tet, des­sen Spon­ta­nei­tät er ab­so­lut nicht er­kennt, in­so­fern sie das be­zeich­net, was sich da als sol­ches sagt, und was da auf sei­nem Hö­he­punkt ist, be­kannt90, wenn auch ge­gen­wär­tig, aber auf­ge­ho­ben.91 Er selbst er­kennt nur die­ses Ma­nö­ver des scham­haf­ten Tie­res, die­ses Aus­weich­ma­nö­ver, die­ses Ma­nö­ver, durch das er sich Schlä­gen aus­setzt. Die­se Spal­te je­doch, in wel­cher Form auch im­mer sie sich dar­stellt, als Vor­hang oder als Fern­rohr oder als ir­gend­ein Schirm, die­ser Spalt ist hier das, was ihn in das Be­geh­ren des An­de­ren ein­tre­ten lässt.

Die­ser Spalt ist der sym­bo­li­sche Spalt ei­nes tie­fe­ren Mys­te­ri­ums, des­je­ni­gen, das auf­zu­hel­len ist, näm­lich sein Platz auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne des Un­be­wuss­ten, der es uns ge­stat­tet, den Per­ver­sen, als hier­zu in ei­ner be­stimm­ten | [497] Be­zie­hung <ste­hend>, auf die­ser Ebe­ne zu ver­or­ten. Das ist tat­säch­lich die Struk­tur des Be­geh­rens als sol­che. Denn das, wor­auf er ab­zielt, ist das Be­geh­ren des An­de­ren als sol­ches, das die Struk­tur sei­nes ei­ge­nen Be­geh­rens re­pro­du­ziert.

Die per­ver­se Lö­sung die­ses Pro­blems der Si­tua­ti­on des Sub­jekts im Phan­tas­ma ist ge­nau die fol­gen­de, näm­lich das Be­geh­ren des an­de­ren an­zu­zie­len und zu glau­ben, hier ein Ob­jekt zu se­hen.92

Die Zeit ist ziem­lich weit vor­an­ge­schrit­ten, so dass ich hier in­ne­hal­te. Auch das ist ein Schnitt. Er hat ein­fach den Feh­ler, will­kür­lich zu sein.

Ich mei­ne, das er­laubt es mir nicht, Ih­nen die Ori­gi­na­li­tät die­ser Lö­sung93 zu zei­gen, ver­gli­chen mit der neu­ro­ti­schen Lö­sung. Sie soll­ten ein­fach wis­sen, dass es aus die­sem Grun­de von In­ter­es­se ist, sie ne­ben­ein­an­der zu stel­len und Sie, aus­ge­hend von die­sem Grund­phan­tas­ma des Per­ver­sen, die Funk­ti­on se­hen zu las­sen, die das Sub­jekt des Neu­ro­ti­kers in dem Phan­tas­ma spielt, das für es kenn­zeich­nend ist. Glück­li­cher­wei­se habe ich Sie vor­hin be­reits dar­auf hin­ge­wie­sen – er be­gehrt sich be­geh­rend, habe ich Ih­nen ge­sagt.

Und war­um also <ist es so>, dass er nicht be­geh­ren kann, dass es der­ma­ßen not­wen­dig ist, dass er be­gehrt? Je­der weiß, dass es et­was gibt, was dar­in ver­wi­ckelt ist, näm­lich der Phal­lus im ei­gent­li­chen Sin­ne des Wor­tes. Denn Sie ha­ben ja schließ­lich se­hen kön­nen, dass ich in die­ser Öko­no­mie bis jetzt die In­ter­ven­ti­on des Phal­lus auf­ge­spart habe, die­sen gu­ten al­ten Phal­lus von frü­her. Bei zwei Wie­der­auf­nah­men, bei der Wie­der­auf­nah­me des Ödi­pus­kom­ple­xes im letz­ten Jahr94 und in mei­nem Ar­ti­kel über die Psy­cho­sen95, habe ich Ih­nen den Phal­lus als et­was ge­zeigt, was mit der Va­ter­me­tapher ver­bun­den ist, das heißt als et­was, was ins Spiel kommt, um dem Sub­jekt ein Si­gni­fi­kat zu ge­ben. Aber es war un­mög­lich, ihn in die Dia­lek­tik, um die es geht, wie­der ein­zu­füh­ren, be­vor ich Ih­nen nicht zu­nächst die­ses Ele­ment der Struk­tur ge­lie­fert habe, durch wel­ches das Phan­tas­ma kon­sti­tu­iert ist, wo­von ich Sie bit­ten möch­te – in ei­ner letz­ten An­stren­gung, in dem Mo­ment, in dem wir heu­te aus­ein­an­der­ge­hen – von nun an die Sym­bo­lik zu ak­zep­tie­ren.

Ich will sa­gen, dass von nun an das $ im Phan­tas­ma, in­so­fern es die­sem a ge­gen­über­steht und im Ge­gen­satz zu ihm steht, in Be­zug auf das Sie si­cher­lich be­grif­fen habe, dass ich Ih­nen heu­te ge­zeigt habe, dass es durch­aus kom­pli­zier­ter war als die drei For­men, die ich Ih­nen zu­nächst als Zu­gang ge­ge­ben hat­te, weil das a hier das Be­geh­ren des An­de­ren ist, in dem Fall, den ich dar­stel­le –.

Sie se­hen also, dass alle For­men des Schnitts, ein­schließ­lich ge­nau der­je­ni­gen, die den Schnitt des Sub­jekts re­flek­tie­ren, si­gna­li­siert wer­den.96

Ich bit­te Sie, den fol­gen­den Be­griff zu ak­zep­tie­ren, ich ge­stat­te mir so­gar die Lä­cher­lich­keit, mich auf eine No­ta­ti­on von zu be­zie­hen, wel­che die ima­gi­nä­ren Zah­len be­trifft.

Ich habe Sie am Ran­de des nicht ein ge­las­sen, bei die­sem Ver­schwin­den des Sub­jekts.97

Die­ses nicht ein und so­gar die­ses wie nicht ein – in­so­fern es das ist, was uns die Öff­nung hin zur Ein­zig­ar­tig­keit des Sub­jekt gibt98 –, das ist das, was ich das nächs­te Mal wie­der­auf­neh­men wer­de.

Wenn ich Sie aber bit­te, es auf die­se Wei­se zu no­tie­ren, dann ge­nau des­halb, da­mit Sie dar­in | [498] nicht die all­ge­meins­te und zu­gleich die ver­wor­rens­te Form der Ne­ga­ti­on se­hen. Wenn es so schwie­rig ist, über die Ne­ga­ti­on zu spre­chen, dann liegt das dar­an, dass nie­mand weiß, was das ist. Ich habe Ih­nen je­doch be­reits zu An­fang die­ses Jah­res die Öff­nung an­ge­zeigt, von der Dif­fe­renz her, die es zwi­schen Ver­wer­fung und Dis­kor­danz gibt.99 Im Au­gen­blick ver­wei­se ich Sie – in ei­ner ge­schlos­se­nen, ab­ge­schlos­se­nen, sym­bo­li­schen Form, aber ge­nau des­halb ent­schei­den­den Form – auf eine an­de­re Form die­ser Ne­ga­ti­on.100 Das ist et­was, wo­durch das Sub­jekt in ei­ner an­de­ren Grö­ßen­ord­nung lo­ka­li­siert wird.“101

Da­mit en­det die Sit­zung.

Jenseits des Kastrationskomplexes: der Schnitt (10.6.1959)

La­can spricht wei­ter über das Kon­zept der Apha­ni­sis (des Ver­schwin­dens des Be­geh­rens) von Er­nest Jo­nes.

[501] Wir se­hen im Phan­tas­ma, dass die Apha­ni­sis –; zu­min­dest da, wo das Wort Ver­schwin­den – Fa­ding habe ich auch ge­sagt – für uns brauch­bar ist, ist es nicht als Apha­ni­sis des Be­geh­rens, son­dern in­so­fern es, auf der Spit­ze des Be­geh­rens, Apha­ni­sis des Sub­jekts gibt. Das Sub­jekt, in­so­fern es sich an sei­nem Platz ver­or­ten wür­de, es sich da, wo in der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ‚es spricht‘, als ‚ich [je] ‘ar­ti­ku­lie­ren wür­de, in­so­fern es da auf sich nur ver­wei­sen kann, als et­was von sei­ner Po­si­ti­on als Sub­jekt Ver­schwin­den­des.

Von da aus se­hen wir, wor­um es sich han­deln wird.

Wenn wir die­sen Ex­trem­punkt de­fi­niert ha­ben, die­sen ima­gi­nä­ren Punkt102, an dem das Sein des Sub­jekts in sei­ner ma­xi­ma­len Dich­te be­steht – das sind nur Bil­der, da­mit Ihr Geist sich an eine Me­ta­pher klam­mert –, aus­ge­hend von dem Mo­ment, an dem wir se­hen, an dem wir die­sen ima­gi­nä­ren Punkt de­fi­nie­ren, wo das Sein des Sub­jekts – in­so­fern es das ist, was im Un­be­wuss­ten zu ar­ti­ku­lie­ren, zu be­nen­nen ist – letzt­lich in kei­nem Fall im Un­be­wuss­ten be­nannt wer­den, son­dern nur an­ge­zeigt wer­den kann durch et­was, was sich selbst als Schnitt of­fen­bart, als Spal­te, als Struk­tur des Schnitts im Phan­tas­ma.

Um die­sen ima­gi­nä­ren Punkt her­um – und das ist in je­dem Be­reich le­gi­tim, wenn wir sei­ne Struk­tur ar­ti­ku­lie­ren kön­nen, durch das, was da­von aus­geht – wer­den wir ver­su­chen, das zu ver­or­ten, was tat­säch­lich bei den ver­schie­de­nen For­men des Sub­jekts vor sich geht, For­men, die kei­nes­wegs zwin­gend ho­mo­gen sind, For­men, die von ei­ner Sei­te her ver­ständ­lich sind, näm­lich für den­je­ni­gen, der auf der an­de­ren Sei­te ist.“103

La­can fährt fort mit Be­mer­kun­gen über das Ver­schwin­den des Sub­jekts im Un­ter­schied zum Ver­schwin­den des Be­geh­rens.

Spä­ter in die­ser Sit­zung geht es um die Al­ter­na­ti­ve „der Phal­lus sein oder nicht sein“ ver­sus „den Phal­lus ha­ben oder nicht ha­ben“, beim klei­nen Hans und bei Ham­let.

[509] Wenn Sie mir ge­stat­ten, mich ei­nes so­ge­nann­ten lo­gi­schen Zei­chens zu be­die­nen, näm­lich des v104, des­sen man sich be­dient, um das Ent­we­der-Oder der Un­ter­schei­dung zu be­zeich­nen:

Das Sub­jekt sieht, wie sich für es die Wahl auf­tut zwi­schen dem ‚nicht er sein‘, nicht der Phal­lus sein105, oder aber, wenn er es ist, ‚ihn nicht zu ha­ben‘, d..h. der Phal­lus für den an­de­ren sein, der Phal­lus in der in­ter­sub­jek­ti­ven Dia­lek­tik. Das ist es, wor­um es geht.

Und in die­sem Spiel ver­spürt der Neu­ro­ti­ker das Na­hen, die In­te­gra­ti­on sei­nes Be­geh­rens als Dro­hung mit ei­nem Ver­lust. Das ‚nicht Ein‘, wo­mit sich das $106 in der grund­le­gen­den Struk­tur des Be­geh­rens be­zeich­net, ver­wan­delt sich in ein ‚eins zu­viel‘ oder ‚et­was zu viel‘ oder in ein ‚et­was zu we­nig‘, in die Kas­tra­ti­ons­dro­hung für den Mann oder in den als Ab­we­sen­heit ver­spür­ten Phal­lus für die Frau.

Dar­um kann man sa­gen, dass im Aus­gang der ana­ly­ti­schen Ent­mys­ti­fi­zie­rung der Po­si­ti­on des Neu­ro­ti­kers et­was in sei­ner Struk­tur be­stehen zu blei­ben scheint, zu­min­dest das, was Freud uns mit sei­ner ei­ge­nen Er­fah­rung be­zeugt, das sich als ein Rest dar­stellt, als et­was, was da­für sorgt, dass das Sub­jekt in je­dem Fall in ei­ner in­ad­äqua­ten Po­si­ti­on bleibt, der­je­ni­gen der Phal­lus­ge­fahr beim Mann, der­je­ni­gen der Phal­lus­ab­we­sen­heit bei der Frau.

Aber das ist viel­leicht auch in­so­fern so, als in der Be­trach­tungs­wei­se, die für die Lö­sung des Pro­blems der Neu­ro­se zu­nächst an­ge­nom­men wur­de, die trans­ver­sa­le Di­men­si­on – das, wor­in das Sub­jekt es in sei­nem Be­geh­ren mit der Ma­ni­fes­ta­ti­on sei­nes Seins als sol­chem zu tun hat, mit ihm als mög­li­chem Ur­he­ber der Schnitts –, in­so­fern als die­se trans­ver­sa­le Di­men­si­on ver­nach­läs­sigt wird, an­ders aus­ge­drückt, dass der Ana­ly­ti­kers auf die Re­duk­ti­on der neu­ro­ti­schen Po­si­ti­on des Be­geh­rens ab­zielt und nicht auf das Her­aus­ar­bei­ten der Po­si­ti­on des Be­geh­rens als sol­cher, au­ßer­halb des Ver­klebt­seins in die­se spe­zi­el­le Dia­lek­tik, die des Neu­ro­ti­kers.“107

Hier­nach geht es um die Be­zie­hung von Phal­lus und Nar­ziss­mus, be­zo­gen auf die Angst, den Phal­lus zu ver­lie­ren.

Der Schnitt und das Nichtsein (24.6.1959)

Zu Be­ginn der Sit­zung spricht La­can über die Par­ti­al­trie­be. Er fährt dann fort:

[536] Des­halb könn­ten Sie in ge­wis­ser Wei­se den­ken, dass wenn man mit dem ($ ◊ a) de­fi­niert – das hier im Sche­ma oder Gra­phen ver­or­tet ist, des­sen wir uns be­die­nen, um die Po­si­ti­on des Be­geh­rens bei ei­nem spre­chen­den Sub­jekt zu er­klä­ren, zu ex­po­nie­ren –, dass es da letzt­lich nichts an­de­res gibt als eine sehr ein­fa­che No­ta­ti­on: Beim Be­geh­ren ist Fol­gen­des for­der­bar, näm­lich die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Ob­jekt, dass a das Ob­jekt ist, das gro­ße S das Sub­jekt ist und mehr nicht. Das Ori­gi­nells­te an die­ser No­ta­ti­on ist die­ser klei­ne Strich [bar­re], der dar­an er­in­nert, dass das Sub­jekt, auf die­sem Hö­he­punkt der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Be­geh­rens, selbst vom Spre­chen ge­kenn­zeich­net ist. Und das ist schließ­lich nichts an­de­res als das, was dar­an er­in­nert, dass die Trie­be frag­men­tiert sind.

Man soll­te gut fest­hal­ten, dass sich die Trag­wei­te die­ser No­ta­ti­on kei­nes­wegs dar­auf be­schränkt.

Die­se No­ta­ti­on be­zeich­net nicht ein Ver­hält­nis des Sub­jekts zum Ob­jekts, son­dern das Phan­tas­ma, das Phan­tas­ma, von dem die­ses Sub­jekt als Be­geh­ren­des ge­stützt wird, das heißt an die­sem Punkt jen­seits sei­nes Dis­kur­ses, wo es um das Rea­le geht.108

Die­se No­ta­ti­on be­deu­tet, dass im Phan­tas­ma das Sub­jekt als Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses ge­gen­wär­tig ist. Das Sub­jekt ist hier ge­gen­wär­tig, in­so­fern es im Phan­tas­ma durch die Funk­ti­on des we­sent­li­chen Schnitts re­prä­sen­tiert wird, der der sei­ne ist, des Schnitts in ei­ner Rede, die nicht ir­gend­ei­ne Rede ist, die eine Rede ist, die ihm ent­geht, die Rede des Un­be­wuss­ten.“109

La­can fährt fort mit Be­mer­kun­gen über die per­ver­sen Phan­tas­men.

Nach Hin­wei­sen zum Ma­so­chis­mus heißt es:

[539] Kurz ge­sagt, hier ist also et­was, wo et­was er­fasst wird, wo et­was er­scheint, das man mit Hän­den grei­fen kann, näm­lich dass es in der Kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jekts als Sub­jekt so ist – und in­so­fern die­se Kon­sti­tu­ie­rung der Rede in­ne­wohnt, und in­so­fern die Mög­lich­keit bis zum Äu­ßers­ten ge­trie­ben ist –, dass die­se Rede als sol­che, die hier im Phan­tas­ma ent­hüllt wird, ent­fal­tet ist, dass die­se Rede es, das Sub­jekt, für ein Nichts hält, dass wir ei­nen der ers­ten Zu­gän­ge fin­den. Ei­nen, mein Gott, ziem­lich wich­ti­gen Zu­gang, weil dar­auf, weil sich da­von aus­ge­hend eine ge­wis­se An­zahl von sym­pto­ma­ti­schen Ma­ni­fes­ta­tio­nen ent­wi­ckelt. Ein Zu­gang, der es uns ge­stat­ten wird, am Ho­ri­zont das Ver­hält­nis zu se­hen, dass es hier ge­ben kann, zwi­schen dem To­des­trieb, be­grif­fen als eine der ra­di­kals­ten In­stan­zen, und et­was in der Rede, das die­se Stüt­ze lie­fert, ohne die wir nir­gend­wo Zu­gang zu ihm fin­den könn­ten, die Stüt­ze die­ses Nichtseins, die eine der ur­sprüng­li­chen, kon­sti­tu­ti­ven, im­pli­zi­ten Di­men­sio­nen ist, an den Wur­zeln je­der Sym­bo­li­sie­rung.

Denn wir ha­ben be­reits ein gan­zes Jahr lang, das Jahr, das wir dem Jen­seits des Lust­prin­zips ge­wid­met ha­ben, die­se Funk­ti­on ar­ti­ku­liert, die der Sym­bo­li­sie­rung ei­gen ist, die we­sent­lich in der Fun­die­rung des Schnitts be­steht, also das, wo­durch der Strom der ur­sprüng­li­chen Span­nung, wel­cher auch im­mer, von ei­ner Rei­he von Al­ter­na­ti­ven er­fasst wird, die das ein­füh­ren, was man die Fun­da­men­tal­ma­schi­ne | [540] nen­nen kann, die ei­gent­lich das ist, was wir als ab­ge­löst, als frei­ge­stellt am Ur­sprung der Schi­zo­phre­nie des Sub­jekts wie­der­fin­den, wo das Sub­jekt sich, ver­gli­chen mit dem vi­ta­len Strom, mit der Dis­kor­danz die­ser Ma­schi­ne iden­ti­fi­ziert, mit die­ser Dis­kor­danz als sol­cher.110

In die­sem Sin­ne, ich ma­che Sie am Ran­de dar­auf auf­merk­sam, rüh­ren Sie, auf eine ex­em­pla­ri­sche Wei­se, auf eine Wei­se, die zu­gleich ra­di­kal und völ­lig zu­gäng­lich ist, an eine der her­vor­ste­chends­ten Funk­tio­nen die­ser Ver­wer­fung*. In­so­fern der Schnitt für die Rede zu­gleich kon­sti­tu­tiv ist und ihr gleich­zei­tig un­heil­bar äu­ßer­lich ist, in­so­fern er sie kon­sti­tu­iert, kann man sa­gen, dass das Sub­jekt, in­so­fern es sich mit dem Schnitt iden­ti­fi­ziert, ver­wor­fen* ist.

Eben dar­in er­fasst es sich als real, nimmt es sich als real wahr.

Ich will Sie hier nur auf eine an­de­re Form des ‚Ich den­ke, also bin ich‘ hin­wei­sen, auf eine Form, die sich, so glau­be ich, nicht grund­le­gend un­ter­schei­det, die aber si­cher­lich ganz an­ders ar­ti­ku­liert und ver­tieft ist. Ich mei­ne, in­so­fern das Sub­jekt an die­ser Rede teil­hat – und es gibt zu­sätz­lich zur kar­te­si­schen Di­men­si­on nur dies, dass die­se Rede eine ist, die ihm ent­geht, und dass er zwei ist, ohne es zu wis­sen –, in­so­fern es der Schnitt die­ser Rede ist, ist es auf dem höchs­ten Gra­de des ‚ich bin‘, das die­se sin­gu­lä­re Ei­gen­schaft hat – in die­ser Rea­li­tät, die wirk­lich die letz­te ist, in der ein Sub­jekt sich er­fasst –, näm­lich die Mög­lich­keit, die Rede ir­gend­wo ab­zu­schnei­den, eine In­ter­punk­ti­on vor­zu­neh­men.

Die­se Ei­gen­schaft, in der sein we­sent­li­ches Sein lieg, sein Sein, in dem es sich er­fasst, in­so­fern es durch das ein­zi­ge rea­le Ein­drin­gen, das es als Sub­jekt ra­di­kal in die Welt ein­bringt, den­noch aus­ge­schlos­sen ist, aus al­len an­de­ren le­ben­di­gen Be­zie­hun­gen, bis zu dem Punkt, dass all die Um­we­ge – die wir an­de­ren, wir Ana­ly­ti­ker, ken­nen – not­wen­dig sind, da­mit Ich [Je] es hier re­inte­griert.“111

La­can wech­selt dann von der Per­ver­si­on zur Neu­ro­se.

Nach ei­ner Be­mer­kung zum Kon­trast zwi­schen Neu­ro­se und Per­ver­si­on heißt es:

[542] Beim Per­ver­sen geht es na­tür­lich eben­falls um ein Auf­klaf­fen [béan­ce]. Auch hier kann es nur – weil eben das die grund­le­gen­de Be­zie­hung ist – um das Sub­jekt ge­hen, das sein Sein im Schnitt [ …]112 Es geht dar­um zu wis­sen, wie die­ser Schnitt vom Per­ver­sen er­lebt wird, er­tra­gen wird.

Und eben hier ist si­cher­lich die jah­re­lan­ge Ar­beit von Ana­ly­ti­kern – in­so­fern es Ih­nen ihre Er­fah­run­gen mit per­ver­sen Kran­ken ge­stat­tet ha­ben, Theo­ri­en zu ar­ti­ku­lie­ren, die bis­wei­len wi­der­sprüch­lich sind und schlecht mit­ein­an­der ver­bun­den, aber auf­schluss­reich hin­sicht­lich der Art der Schwie­rig­keit, mit der sie es zu tun ha­ben –, hier ist die­se Ar­beit et­was, das wir in ge­wis­ser Wei­se zu Kennt­nis neh­men kön­nen, ich mei­ne et­was, wor­über wir spre­chen kön­nen, als Ma­te­ri­al, das selbst be­stimm­te struk­tu­ra­le Not­wen­dig­kei­ten ver­rät, näm­lich ge­nau die­je­ni­gen, die wir hier zu for­mu­lie­ren ver­su­chen.

Ich wer­de also sa­gen, dass wir in den Ver­such, den wir hier ma­chen, die rea­le Funk­ti­on des Be­geh­rens ein­zu­füh­ren, selbst noch den dis­kre­ten Wahn ein­schlie­ßen kön­nen, selbst noch den gut or­ga­ni­sier­ten Wahn, zu dem die­je­ni­gen ge­bracht wor­den sind, die sich die­sem The­ma auf dem Wege die­ser Ver­hal­tens­wei­sen ge­nä­hert ha­ben, ich mei­ne Psy­cho­ana­ly­ti­ker.

Ich wer­de ein Bei­spiel da­für ge­ben. Ich glau­be, dass ge­gen­wär­tig, al­les zu­sam­men­ge­nom­men, nie­mand bes­ser, glau­be ich, über die Per­ver­si­on ge­spro­chen hat als ein Mann, der sehr dis­kret ist und der von sei­ner Per­son her vol­ler Hu­mor ist, ich | [543] mei­ne Mon­sieur Gil­le­spie. Den­je­ni­gen, die Eng­lisch le­sen, emp­feh­le ich – sie wer­den den größ­ten Nut­zen dar­aus zie­hen –, die ers­te Stu­die von Gil­le­spie, die die­ses The­ma in Be­zug auf den Fe­ti­schis­mus an­geht, in Ge­stalt ei­nes Ar­ti­kels Bei­trag zum Fe­ti­schis­mus, Ok­to­ber 1940, I.J.P., und dann An­mer­kun­gen, die er der Ana­ly­sis of se­xu­al per­ver­si­ons ge­wid­met hat, im 33. Jahr­gang, 1952, Teil 4, und schließ­lich das letz­te, was er ge­lie­fert hat, im Juli-Ok­to­ber-Heft 1956, 37. Jahr­gang, Tei­le 4 und 5: Die all­ge­mei­ne Theo­rie der Per­ver­sio­nen.113

Dar­aus wird für Sie et­was zu­ta­ge tre­ten, näm­lich dass <dies> je­mand <ist>, der ins­ge­samt sehr frei ist und der recht gut die un­ter­schied­li­chen Wege ge­gen­ein­an­der ab­wägt, auf de­nen man ver­sucht hat, die Fra­ge an­zu­ge­hen, die na­tür­lich deut­lich kom­ple­xer ist, als man es sich in ei­ner sum­ma­ri­schen Sicht vor­stel­len mag, wo­nach die Per­ver­si­on schlicht und ein­fach der Trieb wäre, der sich mit un­ver­hüll­tem Ge­sicht zei­gen wür­de.114 Das heißt je­doch auch nicht, wie man ge­sagt hat, dass die Per­ver­si­on durch eine Art An­satz zu­sam­men­ge­fasst wer­den könn­te, der letzt­lich be­strebt ist, sie mit der Neu­ro­se zu ho­mo­ge­ni­sie­ren.

Ich gehe di­rekt zu dem, was zum Aus­druck ge­bracht wer­den muss, zu dem, was uns von nun an als Be­zugs­punkt die­nen wird, um die Per­ver­si­on un­ter ver­schie­de­nen As­pek­ten zu be­fra­gen. Der Be­griff split­ting ist hier [bei Gil­le­spie] we­sent­lich. Er zeigt be­reits et­was, dem wir ap­plau­die­ren könn­ten – und glau­ben Sie nicht, dass ich mich hier hin­ein­stür­zen wer­de –, als et­was, was in ge­wis­ser Wei­se die Funk­ti­on ab­deckt, die Iden­ti­fi­zie­rung des Sub­jekts mit der Spal­te oder dem Schnitt der Rede, also mit dem, was ich Ih­nen bei­brin­ge, als die sub­jek­ti­ve Kom­po­nen­te des Phan­tas­mas zu iden­ti­fi­zie­ren.

Das heißt ge­ra­de nicht, dass die Art von Her­aus­kris­tal­li­sie­rung, die mit die­ser Er­kennt­nis ein­her­geht, sich nicht be­reits an­ge­bo­ten hät­te und nicht die Ge­le­gen­heit zu ei­ner Art Ein­blick ge­bo­ten hät­te, von sich aus ein we­nig scham­haft, bei ei­nem der Au­to­ren, die sich mit der Per­ver­si­on be­fasst ha­ben.

Um das zu be­le­gen, muss ich mich nur auf den drit­ten Fall be­zie­hen, auf den Mon­sieur Gil­le­spie sich im zwei­ten Ar­ti­kel be­zieht. Das ist der Fall ei­nes Fe­ti­schis­ten.

Ich wer­de Ih­nen die­sen Fall knapp skiz­zie­ren. Es han­delt sich um ei­nen drei­ßig­jäh­ri­gen Fe­ti­schis­ten, des­sen Phan­tas­ma der Ana­ly­se zu­fol­ge aus­drück­lich dar­in be­steht, von den Zäh­nen der Mut­ter in zwei Tei­le ge­spal­ten zu wer­den, de­ren pe­ne­trie­ren­der Bug, wenn ich das so sa­gen kann, hier durch sei­ne an­ge­bis­se­nen Brüs­te re­prä­sen­tiert wird, au­ßer­dem durch die Spal­te, die er ge­ra­de pe­ne­triert hat und die sich plötz­lich in eine Krea­tur ver­wan­delt, die ei­nem be­haar­ten Go­ril­la äh­nelt.115 Kurz, ins­ge­samt eine Rück­kehr zu ei­ner Auf­lö­sung-Neu­zu­sam­men­set­zung. Was | [544] Mon­sieur Gil­le­spie als Kas­tra­ti­ons­angst be­zeich­net, wird auf eine Rei­he von Ab­läu­fen be­zo­gen, in die auch die ur­sprüng­li­che For­de­rung an die Mut­ter in­ter­ve­niert116 oder die ur­sprüng­li­che Trau­er der Mut­ter117, und an­de­rer­seits eine Kon­zep­ti­on, die, wie ich sa­gen muss, un­be­wie­sen ist, die aber am Ende der Ana­ly­se schließ­lich vom Ana­ly­ti­ker ver­mu­tet wird: eine klei­nia­ni­sche Kon­zep­ti­on mit ei­ner Iden­ti­fi­zie­rung mit der Spal­te.

Sa­gen wir, dass Mon­sieur Gil­le­spie am Ende des Ar­ti­kel über die­se Art Ein­sicht oder In­tui­ti­on schreibt – halb an­ge­nom­men, fra­gend, über­le­gend –, die aber mei­nes Er­ach­tens wirk­lich be­deut­sam ist für den Ex­trem­punkt, zu dem je­mand ge­führt wird, der auf­merk­sam ver­folgt, ich mei­ne nach der zeit­li­chen Ent­wick­lung, nach die­ser Er­klä­rung, die nur die Ana­ly­se uns von dem gibt, was sich am letz­ten Grun­de der per­ver­sen Struk­tur fin­det:

Die Kon­fi­gu­ra­ti­on des Ma­te­ri­als hat uns in die­sem Mo­ment zu ei­ner Spe­ku­la­ti­on über das Phan­tas­ma in Ver­knüp­fung mit dem split ego ge­führt.‘118

Das ego re­fen­du [ge­spal­te­ne Ich], wenn wir die­sen Aus­druck re­fen­du ak­zep­tie­ren, des­sen man sich gern be­dient, um von die­sem split­ting zu spre­chen, mit dem Freud in ge­wis­ser Wei­se sein Werk be­en­det hat. Denn, ich glau­be, Sie wis­sen es, der un­voll­ende­te Ar­ti­kel von Freud über die Ich­spal­tung, die Fe­der ist ihm aus der Hand ge­fal­len, wenn man so sa­gen kann, und er hat ihn un­voll­endet ge­las­sen; die­ser Ar­ti­kel ist nach sei­nem Tod ge­fun­den wor­den.119

Die­se Ich­spal­tung hat Mon­sieur Gil­le­spie

zu ei­ner Spe­ku­la­ti­on über das Phan­tas­ma ge­führt, ver­knüpft mit der Ich­spal­tung und dem ge­spal­te­nen Ob­jekt.‘

Wenn wir die­sen Aus­druck ver­wen­den, kön­nen wir das­sel­be Wort ver­wen­den, es ist das ‚split ego‘ und das ‚split ob­ject‘.

Ist das weib­li­che Ge­ni­tal­or­gan‘,

fragt sich Gil­le­spie,

nicht das ge­spal­te­ne Ob­jekt, das split ob­ject, par ex­cel­lence, und kann das Phan­tas­ma ei­nes split ego nicht von ei­ner Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ge­ni­tal­or­gan her­rüh­ren, das eine Spal­te ist, mit dem split fe­ma­le ge­ni­tal? Mir ist be­wusst‘,

sagt er,

dass wir uns, wenn wir vom split­ting des ego spre­chen, von der Ich­spal­tung, und vom ent­spre­chen­den Ob­jekt, auf men­ta­le Me­cha­nis­men be­zie­hen, von de­nen wir an­neh­men, dass sie den Phä­no­me­nen zu­grun­de­lie­gen …‘

Ich mei­ne da­mit [will Gil­le­spie hier sa­gen], dass wir Wis­sen­schaft be­trei­ben, dass wir uns in wis­sen­schaft­li­chen Be­grif­fen be­we­gen,

… und dass das Phan­tas­ma zu ei­ner an­de­ren Ebe­ne des Dis­kur­ses ge­hört.‘

Die Art der Fra­gen, die Mon­sieur Gil­le­spie sich stellt, ist in­ter­es­sant,

Den­noch müs­sen die Phan­tas­men, un­se­re ei­ge­nen und nicht we­ni­ger die­je­ni­gen un­se­rer Pa­ti­en­ten, im­mer eine Rol­le spie­len in der Art und Wei­se, wie wir die­se zu­grun­de­lie­gen­den Pro­zes­se kon­zep­tua­li­sie­ren.

Es scheint uns des­halb, dass das Phan­tas­ma, | [545] selbst in zwei Stü­cke ge­spal­ten zu sein, ganz wie die Vul­va ge­spal­ten ist, viel­leicht völ­lig an­ge­mes­sen sein kann für den men­ta­len Me­cha­nis­mus der Ob­jekt­spal­tung und der In­tro­jek­ti­on des ge­spal­te­nen Ob­jekts, die zur Spal­tung des Ichs führt.

In ei­nem sol­chen Phan­tas­ma von der Vul­va als ei­nem ge­spal­te­nen Ob­jekt, ist na­tür­lich im­pli­ziert, dass es ein­mal in­takt war, und dass die Spal­tung, das split­ting, das Er­geb­nis ei­nes sa­dis­ti­schen An­griffs ist, sei es durch den Va­ter oder durch ei­nen selbst.‘

Es ist wohl klar, dass wir hier mit et­was kon­fron­tiert sind, was uns bei ei­nem so vor­sich­ti­gen und maß­vol­len Geist wie Mon­sieur Gil­le­spie nicht an­ders als ver­blüf­fen kann, als et­was, wo er selbst spielt, um ei­nen Ge­dan­ken bis zum Äu­ßers­ten zu füh­ren, in­dem er ge­wis­ser­ma­ßen auf eine Art von ganz ur­sprüng­li­chem Iden­ti­fi­zie­rungs-Sche­ma das re­du­ziert, was uns dann zur Er­klä­rung für et­was die­nen kann, was hier­bei nicht we­ni­ger ist als die Per­sön­lich­keits­struk­tur des Sub­jekts. Denn das, wor­um es in die­sem ge­sam­ten Ar­ti­kel geht – nicht nur die­ser Fall wäre zu zi­tie­ren – , das ist et­was, was so spür­bar ist und was sich in der Über­tra­gung mit den Per­ver­sen zer­setzt, näm­lich be­stimm­te For­men des split­ting, sol­che, die man in ei­nem der­ar­ti­gen Fall häu­fig als ve­ri­ta­ble Per­sön­lich­keits­spal­tun­gen be­zeich­nen wür­de.

Die Per­sön­lich­keits­spal­tung des Per­ver­sen ge­wis­ser­ma­ßen auf die bei­den Klap­pen des ur­sprüng­li­chen Or­gans der Phan­tas­ma­ti­sie­rung auf­zu­tra­gen, das ist et­was, was hier­bei wohl dazu ge­eig­net ist, uns zum Lä­cheln zu brin­gen, ja, uns zu ver­blüf­fen.“120

Da­nach spricht La­can über das Buch von Jean De­lay über An­dré Gi­des Ju­gend.121 Er ver­weist auf sei­nen, La­cans, ei­ge­nen Auf­satz zu Gide122 und zi­tiert da­nach eine Pas­sa­ge aus Gi­des Au­to­bio­gra­phie.123, in der Gide schil­dert, wel­che Sze­nen ihn als Kind in se­xu­el­le Er­re­gung ver­setzt ha­ben.

[546] Ich kann mich nicht mit ei­ner lan­gen Er­läu­te­rung auf­hal­ten, die klein-klein, Punkt für Punkt, die ge­sam­te Ge­schich­te | [547] von An­dré Gide wie­der auf­nimmt, wie sein Werk [näm­lich das von De­lay] sich be­müht hat, es in sei­nen ver­schie­de­nen Etap­pen her­aus­zu­ar­bei­ten.

[Gide:] ‚Aber um zu sa­gen, wie weit der In­stinkt ei­nes Kin­des in die Irre ge­hen kann, möch­te ich ge­nau­er auf zwei The­men mei­nes Ge­nie­ßens [jouis­sance] hin­wei­sen: Das eine wur­de mir in die­ser be­zau­bern­den Er­zäh­lung über Gri­bouil­le124 ge­lie­fert, der sich ins Was­ser stürzt, an ei­nem Tag, an dem es stark reg­net, kei­nes­wegs, um sich vor dem Re­gen zu schüt­zen, wie sei­ne un­ar­ti­gen Brü­der ihn glau­ben ma­chen woll­ten, son­dern um sich vor sei­nen Brü­dern zu schüt­zen, die sich über ihn lus­tig mach­ten. Im Fluss strengt er sich an und schwimmt eine Zeit lang, dann gibt er sich hin; und von dem Mo­ment an, in dem er sich hin­gibt, treibt er da­hin; dann spürt er, wie er ganz klein wird, leicht, selt­sam, pflanz­lich; Blät­ter sprie­ßen ihm am gan­zen Kör­per; und bald kann das Was­ser des Flus­ses am Ufer den zar­ten Ei­chen­zweig ab­le­gen, zu dem un­ser Freund Gri­bouil­le ge­wor­den war.– Ab­surd!‘

lässt der Schrift­stel­ler sei­nen Ge­sprächs­part­ner aus­ru­fen.125

Aber ge­nau des­halb er­zäh­le ich es; es ist die Wahr­heit, was ich sage, und kei­nes­wegs das, was mir zur Ehre ge­reicht. Und si­cher­lich dach­te die Groß­mut­ter von No­hant126 über­haupt nicht dar­an, da­mit et­was Aus­schwei­fen­des zu schrei­ben; aber ich be­zeu­ge, dass kei­ne Sei­te mit Aphro­di­te ei­nen Schü­ler so sehr be­tö­ren konn­te wie den klei­nen Un­wis­sen­den, der ich war, die­se Me­ta­mor­pho­se von Gri­bouil­le in eine Pflan­ze.‘

Ich füge – um spä­ter dar­auf zu­rück­zu­kom­men, da man des­sen Di­men­si­on nicht ver­ken­nen darf – das an­de­re Bei­spiel hin­zu, das er uns für die­ses Phan­tas­ma gibt, und das sei­ne pri­mä­ren Or­gas­men her­vor­ge­ru­fen hat­te:

Es gab auch in ei­nem dum­men klei­nen Thea­ter­stück von Ma­dame de Sé­gur127, Das Abend­essen von Fräu­lein Jus­ti­ne128 eine Pas­sa­ge, in der die Dienst­bo­ten die Ab­we­sen­heit der Herr­schaft aus­nut­zen, um zu schlem­men; sie durch­wüh­len alle Schrän­ke; sie las­sen es sich gut ge­hen; dann aber, als Jus­ti­ne sich nach vorn beugt und ei­nen Sta­pel Tel­ler aus dem Schrank holt, kneift der Kut­scher ihr ver­stoh­len in die Tail­le; Jus­ti­ne, die kitz­lig ist, lässt den Sta­pel fal­len; bums! das gan­ze Ge­schirr zer­bricht. Die Ver­wüs­tung ließ mich in Ohn­macht fal­len.‘129

Wenn Sie mehr da­von brau­chen, um das Ver­hält­nis zu er­fas­sen, das Phan­tas­ma des zwei­ten zu et­was gänz­lich ur­sprüng­li­chem, das es in der Be­zie­hung des Sub­jekts zum Schnitt zu ar­ti­ku­lie­ren gilt, dann wer­de ich Ih­nen zi­tie­ren – das ist bei sol­chen Sub­jek­ten ganz üb­lich –, dass ei­nes der Fun­da­men­tal­phan­tas­men bei der mas­tur­ba­to­ri­schen | [548] In­itia­ti­on bei­spiels­wei­se auch das Phan­tas­ma ei­ner ver­ba­len Of­fen­ba­rung war, die sich ge­nau­er auf et­was be­zog, was die im Phan­tas­ma vor­ge­stell­te Sa­che ist, näm­lich bei­spiels­wei­se eine se­xu­el­le In­itia­ti­on, als The­ma des Phan­tas­mas ge­nom­men, so­weit es ein sol­ches gibt.

Das im ers­ten die­ser Phan­tas­men des Sub­jekts [also von Gide] ent­deck­te Ver­hält­nis zu et­was Ab­ge­lös­tem, das zu­neh­mend er­blüht, hat et­was Be­mer­kens­wer­tes, in­so­fern es uns et­was ver­ge­gen­wär­tigt, was durch hun­dert ana­ly­ti­sche Be­ob­ach­tun­gen be­wie­sen ist, näm­lich das The­ma, das jetzt völ­lig ak­zep­tiert und gän­gig ist, die Art der Iden­ti­fi­zie­rung des Sub­jekts mit dem Phal­lus, in­so­fern er aus der Phan­tas­ma­ti­sie­rung ei­nes in­ne­ren Ob­jekts der Mut­ter her­vor­geht. Dies ist die Struk­tur, die ei­nem üb­li­cher­wei­se be­geg­net, und bei der es im Au­gen­blick kei­ne Schwie­rig­keit ge­ben wird, von ir­gend­ei­nem Ana­ly­ti­ker als sol­che ak­zep­tiert und er­kannt zu wer­den.

Das Wich­ti­ge – hier se­hen wir es – ist als sol­ches im Phan­tas­ma ma­ni­fes­tiert, im Phan­tas­ma als Stüt­ze von et­was er­fasst, was für das Sub­jekt eine der Er­fah­run­gen sei­nes an­fäng­li­chen ero­ti­schen Le­bens re­prä­sen­tiert, ei­nes […]130, und für uns ist es wich­tig, ge­nau­er zu wis­sen, um wel­che Art von Iden­ti­fi­zie­rung es sich han­delt.

Wir ha­ben ge­sagt, dass die Me­to­ny­mie des Neu­ro­ti­kers we­sent­lich dar­in be­steht, dass er er nur ist [dass er, der Neu­ro­ti­ker, der Phal­lus nur ist] – im Grenz­fall, das heißt an ei­nem Punkt, den er in der flüch­ti­gen Per­spek­ti­ve sei­ner Sym­pto­me er­rei­chen wird –, in­so­fern er ihn nicht hat, den Phal­lus, und es geht dar­um, das nicht zu ent­hül­len. Das heißt, dass wir bei ihm, in dem Maße, in dem die Ana­ly­se vor­an­schrei­tet, ei­ner wach­sen­den Kas­tra­ti­ons­angst be­geg­nen.

Bei der Per­ver­si­on gibt es et­was, was wir als Um­keh­rung der Be­weis­last be­zeich­nen kön­nen. Das, was vom Neu­ro­ti­ker be­wie­sen wer­den muss, näm­lich das Fort­be­stehen sei­nes Be­geh­rens, wird hier, in der Per­ver­si­on, zur Grund­la­ge des Be­wei­ses. Se­hen sie hier­in, im Rah­men der Ana­ly­se, so et­was wie eine Art eh­ren­haf­te Wie­der­kehr des­sen, was wir ‚Be­grün­dung durch das Ab­sur­de‘ nen­nen. Für den Per­ver­sen stellt sich die Ver­bin­dung her, die in ei­nem ein­zi­gen Ter­mi­nus ver­ei­nigt, in­dem sie die­se leich­te Öff­nung ein­führt, die eine ganz spe­zi­el­le Iden­ti­fi­zie­rung mit dem An­de­ren er­mög­licht, die in ei­nem ein­zi­gen Ter­mi­nus das ‚es ist er‘ [es, das Sub­jekt, ist der Phal­lus] und ‚es hat ihn‘ [es, das Sub­jekt, hat den Phal­lus] ver­eint. Da­für ge­nügt es, dass die­ses ‚es hat ihn’ ge­ge­be­nen­falls dies ist: ein ‚sie wird ihn ha­ben‘, das heißt das Ob­jekt der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung. Es wird ihn ha­ben, den Phal­lus, das Ob­jekt der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung, ob die­ses Ob­jekt sich nun, in dem ei­nen Fall, in ei­nen Fe­tisch ver­wan­delt hat oder, im an­de­ren Fall, in ein Idol.

Die gan­ze Spann­wei­te, zwi­schen der fe­ti­schis­ti­schen Form die­ser ho­mo­se­xu­el­len Lie­bes­be­zie­hun­gen und der ido­la­tri­schen Form, wird uns von Gide il­lus­triert.

Die Ver­bin­dung wird, wenn man sich so aus­drü­cken kann, in der na­tür­li­chen Stüt­ze ein­ge­rich­tet. Wir wer­den sa­gen, dass die Per­ver­si­on sich als eine Art na­tür­li­che Si­mu­la­ti­on des Schnitts dar­stellt. In­so­fern ist die In­tui­ti­on von Gil­le­spie wie ein Fin­ger­zeig: Das was das Sub­jekt nicht | [549] hat, hat es im Ob­jekt. Das was das Sub­jekt nicht ist, sein idea­les Ob­jekt ist es. Kurz, ein be­stimm­tes na­tür­li­ches Ver­hält­nis wird als Ma­te­ri­al für die­sen sub­jek­ti­ven Spalt ge­nom­men, der das ist, was in der Per­ver­si­on wie in der Neu­ro­se zu sym­bo­li­sie­ren ist.

Es ist der Phal­lus als in­ne­res Ob­jekt der Mut­ter, und es hat ihn in sei­nem Ob­jekt des Be­geh­rens. Das ist mehr oder we­ni­ger das, was wir beim männ­li­chen Ho­mo­se­xu­el­len se­hen.“131

La­can fährt fort mit Be­mer­kun­gen über weib­li­che Ho­mo­se­xu­el­le.

Die Unterbrechung der Verbindung (1.7.1959)

La­can spricht über den Phal­lus und dar­über, ob sei­ne Kon­zep­ti­on der Psy­cho­ana­ly­se phal­lo­zen­trisch ist. Dann heißt es:

[564] Den Cha­rak­ter des Ob­jekts in­so­fern es das Ob­jekt des Be­geh­rens ist, müs­sen wir also dort su­chen, wo die mensch­li­che Er­fah­rung ihn uns be­zeich­net, ihn uns be­zeich­net in der pa­ra­do­xes­ten Form, so habe ich ge­nannt, was wir üb­li­cher­wei­se als Fe­tisch be­zeich­nen […]. […]

Ich sah den Teu­fel letz­te Nacht‘,

sagt ir­gend­wo Paul-Jean Tou­let,

und un­ter sei­nem Man­tel
rag­ten her­vor sei­ne bei­den …‘.

Das en­det mit

Sie fal­len nicht alle, wie du siehst,
Die Früch­te der Wis­sen­schaft!‘132

Nun ja, dass sie hier­bei auch für uns nicht alle fal­len und dass wir uns klar­ma­chen, dass das, was wich­tig ist, nicht so sehr die­se ver­bor­ge­nen Früch­te sind, als viel­mehr das Trug­bild, das dem Be­geh­ren ge­gen­wär­tig ist, als viel­mehr ge­nau der Man­tel.

Der Fe­tisch ist da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass er der Man­tel ist, der Rand, die Fran­se, der Flit­ter­kram, die Sa­che, die be­deckt, die Sa­che, die ge­nau dar­in be­steht, dass nichts ge­eig­ne­ter wäre für die Funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten des­sen, wor­um es geht, näm­lich des Be­geh­rens des An­de­ren.

Das heißt, das, wo­mit das Kind in sei­ner Be­zie­hung zum Sub­jekt des An­spruchs es ur­sprüng­lich zu tun hat, näm­lich da­mit, was es au­ßer­halb des An­spruchs ist, die­ses Be­geh­ren der Mut­ter, das es nicht ent­zif­fern kann, es sei denn auf höchst vir­tu­el­le Wei­se, näm­lich mit­hil­fe die­ses Si­gni­fi­kan­ten, den wir Ana­ly­ti­ker, was auch im­mer wir in un­se­rem Dis­kurs tun mö­gen, auf die­ses ge­mein­sa­me Maß be­zie­hen wer­den, auf die­sen Zen­tral­punkt der Si­gni­fi­kan­ten­par­tie, der hier­bei der Phal­lus ist, denn er ist nichts an­de­res als die­ser Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens des Be­geh­rens. Das Be­geh­ren hat kein an­de­res Ob­jekt als den Si­gni­fi­kan­ten sei­ner An­er­ken­nung.

Und in die­sem Sin­ne ge­stat­tet er uns, das zu er­fas­sen, was ge­schieht und in Be­zug wor­auf wir selbst die Be­tro­ge­nen sind133, wenn wir uns klar­ma­chen, dass in die­ser Sub­jekt-Ob­jekt-Be­zie­hung, auf der Ebe­ne des Be­geh­rens, das Sub­jekt auf die an­de­re Sei­te über­ge­gan­gen ist. Es ist ge­nau in­so­fern auf die Ebe­ne des a über­ge­gan­gen, als es selbst bei die­sem letz­ten Ter­mi­nus nichts an­de­res mehr ist als der Si­gni­fi­kant die­ser An­er­ken­nung, es nichts an­de­res mehr ist als der Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens des Be­geh­rens.

Es ist je­doch ge­ra­de wich­tig, an dem Ge­gen­satz fest­zu­hal­ten, von dem aus die­ser Aus­tausch sich voll­zieht, näm­lich die Grup­pie­rung von $ ge­gen­über von a, von ei­nem Sub­jekt, das si­cher­lich ima­gi­när ist, aber im ra­di­kals­ten Sin­ne, in dem Sin­ne, dass es das rei­ne Sub­jekt der Un­ter­bre­chung der Ver­bin­dung ist, des ge­spro­che­nen Schnitts, in­so­fern der Schnitt die we­sent­li­che Skan­die­rung ist, | [565] wo das Spre­chen sich auf­baut.

Die Grup­pie­rung, sage ich, die­ses Sub­jekts mit ei­nem Si­gni­fi­kan­ten, der was ist? Der nichts an­de­res ist als der Si­gni­fi­kant des Seins, mit dem das Sub­jekt kon­fron­tiert ist, in­so­fern die­ses Sein selbst vom Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert ist.

Das heißt, dass das a, das Ob­jekt des Be­geh­rens, sei­ner Na­tur nach ein Re­si­du­um ist, ein Rest. Es ist das Re­si­du­um, das bei je­dem mög­li­chen An­spruch zu­rück­ge­las­sen wird von dem Sein / von dem We­sen, mit dem das spre­chen­de Sub­jekt kon­fron­tiert ist.

Und auf die­se Wei­se be­kommt das Ob­jekt et­was Rea­les. Auf die­se Wei­se hat es dar­an teil. Ich sage ‚das Rea­le‘ und nicht ‚die Rea­li­tät‘, denn die Rea­li­tät wird durch all die Half­ter ge­bil­det, die die mensch­li­che Sym­bo­lik auf mehr oder we­ni­ger scharf­sin­ni­ge Wei­se um den Hals des Rea­len wirft, in­so­fern sie dar­aus die Ob­jek­te ih­rer Er­fah­rung macht.“134

La­can fährt fort mit Be­mer­kun­gen über die Er­fah­rung.

Es fol­gen in die­ser Sit­zung – der letz­ten des Se­mi­nars – noch ei­ni­ge Be­mer­kun­gen über den Schnitt, die ich in ei­nem an­de­ren Blog­bei­trag dar­stel­len wer­de.

Systematisierende Zusammenstellung

Zu­sam­men­fas­sun­gen in ei­ge­nen Wor­ten, kon­zen­triert auf den Ge­sichts­punkt des Schnitts.
For­mu­lie­run­gen in ecki­gen Klam­mern: mei­ne Er­gän­zun­gen.

Das Sein des Subjekts ist das Reale, das sich im Symbolischen manifestiert: als Schnitt

1. Das Rea­le und die Rea­li­tät

Das Rea­le ist das Un­sym­bo­li­sier­ba­re.– Im Men­schen gibt es et­was Rea­les. Die­ses Rea­le ist not­wen­dig und hin­rei­chend da­für, dass das [Menschen-]Wesen / das mensch­li­che Sein nicht mit ei­ner der Rol­len gleich­ge­setzt wer­den kann, die es an­nimmt.135 Das Rea­le wird durch nichts sym­bo­li­siert.136 Das Rea­le des Sub­jekts ist nicht das Kor­re­lat ei­ner Er­kennt­nis, es liegt au­ßer­halb der mög­li­chen Er­kennt­nis des Sub­jekts.137

Die Rea­li­tät ist die Trans­for­ma­ti­on des Rea­len durch die Sym­bo­li­sie­rung.– Die Rea­li­tät – im Sin­ne des Rea­li­täts­be­griffs des psy­cho­ana­ly­ti­schen Dis­kur­ses – ist im Gra­phen in dem Feld ver­or­tet, das un­ter dem kon­kre­ten Dis­kurs liegt.138 [Der kon­kre­te Dis­kurs wird vom un­te­ren Stock­werk re­prä­sen­tiert, dar­in v.a. durch die von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“ ver­lau­fen­de Li­nie.] Die Rea­li­tät ist das, was im Rea­len durch die mensch­li­che Sym­bo­li­sie­rung ge­schaf­fen wur­de.139

2. Das Sein des Sub­jekts ist das Rea­le, in­so­fern es sich im Sym­bo­li­schen ma­ni­fes­tiert

Sein nicht das, was dem Den­ken vor­aus­geht.– Sein meint: dass wir kei­ne Idea­lis­ten sind, dass wir zu je­nen ge­hö­ren, die den­ken, dass das Sein dem Den­ken vor­aus­geht; für die Ar­beit des Ana­ly­ti­kers ist das nicht brauch­bar.140

Sein, Rea­les, Sym­bo­li­sches.– Der Be­griff des Seins ist auf das Ver­hält­nis des Rea­len und des Sym­bo­li­schen zu be­zie­hen.141 Wenn wir sa­gen „das und das ist“ fü­gen wir et­was hin­zu. Eine sol­che Aus­sa­ge zielt auf das Rea­le ab, mit ihr wird im Sym­bo­li­schen das Rea­le af­fir­miert oder zu­rück­ge­wie­sen oder ver­leug­net.142 Das Rea­le des Sub­jekts ist die An­kunft des Seins, jen­seits je­der mög­li­chen sub­jek­ti­ven Rea­li­sie­rung.143 Das Sein ist das Rea­le, in­so­fern es sich auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen ma­ni­fes­tiert.144 Das „Sein“ [des Sub­jekts] ist das Rea­le, in­so­fern es sich in das Sym­bo­li­sche ein­schreibt, in­so­fern es an in die ar­ti­ku­lier­te Ket­te des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses, die das Ver­hal­ten des Sub­jekts be­stimmt, ein­geht; die­se Ket­te ist nicht der Er­kennt­nis zu­gäng­lich, das Sub­jekt kann sich hier nicht als Ob­jekt er­fas­sen, in wel­chem es sich wie­der­erkennt; im Ge­gen­teil, es ver­kennt sich hier grund­le­gend.145

3. Das Rea­le des Sub­jekts tritt in den Schnitt ein

Es geht um das Rea­le des Sub­jekts als das, was in den Schnitt ein­tritt, um die An­kunft des Sub­jekts beim Rea­len auf der Ebe­ne des Schnitts.146

4. Auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen er­fasst sich das Sub­jekt im Schnitt 

Sein: ein hand­lungs­lei­ten­der Be­griff.– Die Be­grif­fe des Sein und des Ei­nen sol­len in die täg­li­chen Be­grif­fe [der Psy­cho­ana­ly­se] auf­ge­nom­men wer­den.147 Bei der Auf­nah­me der Be­grif­fe des Seins und des Ei­nen geht es um das, was in der Ana­ly­se das Han­deln re­gu­lie­ren soll.148

Sein im Schnitt. Das Sein ist in den In­ter­val­len, in den Schnit­ten, also dort, wo die Si­gni­fi­kan­ten am we­nigs­ten si­gni­fi­kant sind; das Sein ist das­sel­be wie der Schnitt.149 Das Men­schen­we­sen / das mensch­li­che Sein (l’être hu­main) muss sich in Si­gni­fi­kan­ten ar­ti­ku­lie­ren, und es er­scheint hier in den In­ter­val­len.150

Schnitt und Nicht­sein.–In die­sem Fall [in wel­chem?] steht das be­stimm­te Sub­jekt in Be­zie­hung zu dem Schnitt, der da­durch ge­bil­det wird, dass das Sub­jekt, im Ver­hält­nis zu ei­nem be­stimm­ten be­wuss­ten Dis­kurs, nicht ist [dass es sich durch Nicht­sein aus­zeich­net], dass es nicht weiß, was es ist.151

Schnitt und Sym­bo­li­sches.– Der Schnitt ist das letz­te struk­tu­rel­le Cha­rak­te­ris­ti­kum des Sym­bo­li­schen.152 Zur Sym­bo­li­sie­rung ge­hört we­sent­lich die Funk­ti­on des Schnitts. 153

Ma­schi­ne.– La­can er­in­nert dar­an, dass er hier­über be­reits in Se­mi­nar 2 ge­spro­chen hat­te: der Strom der ur­sprüng­li­chen Span­nung wird von eine Rei­he von Al­ter­na­ti­ven er­fasst wird, wo­durch die Fun­da­men­tal­ma­schi­ne ein­ge­führt wird. Dies ent­spricht dem Schnitt.154

Sub­jekt im Schnitt der un­be­wuss­ten Ket­te.– In der un­be­wuss­ten Ket­te ist das Sub­jekt nur in den In­ter­val­len da, in den Schnit­ten; wenn das Sub­jekt sich er­fas­sen will, ist es im­mer nur in ei­nem Schnitt. Am End­punkt sei­ner Be­fra­gung be­geg­net das Sub­jekt sich als Schnitt und als In­ter­vall.155

Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Schnitt.– Am Ur­sprung der Schi­zo­phre­nie des Sub­jekts liegt dies, dass das Sub­jekt sich, statt mit dem vi­ta­len Strom, mit den Dis­kor­d­an­zen die­ser Ma­schi­ne iden­ti­fi­ziert, mit der Dis­kor­danz als sol­cher.156

Ver­wer­fung des Sub­jekts.– Der Schnitt ist für die Rede zu­gleich kon­sti­tu­tiv und un­heil­bar äu­ßer­lich; in­so­fern das Sub­jekt sich mit dem Schnitt iden­ti­fi­ziert, ist es ver­wor­fen. Man rührt hier also an eine der Funk­tio­nen der Ver­wer­fung.157

Zu­gang zum Rea­len.– Und eben dar­in, dass das Sub­jekt, in­so­fern es sich mit dem Schnitt iden­ti­fi­ziert, ver­wor­fen ist, er­fasst es sich als real.158

Ab­schnei­den der Rede als letz­te Rea­li­tät, in der ein Sub­jekt sich er­fas­sen kann.– Zu Des­car­tes’ „Ich den­ke, also bin ich“ ist an­zu­mer­ken: Das Sub­jekt hat an die­ser Rede teil, in­so­fern es der Schnitt die­ser Rede ist, und da­mit ist es ein „ich bin“, des­sen sin­gu­lä­re Ei­gen­schaft dar­in be­steht, dass es die Mög­lich­keit gibt, die Rede ir­gend­wo ab­zu­schnei­den, eine In­ter­punk­ti­on vor­zu­neh­men. Dies ist die letz­te Rea­li­tät, in der ein Sub­jekt sich er­fasst. In die­ser Ei­gen­schaft liegt sein we­sent­li­ches Sein.159

5. Auch das Ende ei­ner Sit­zung ist ein Schnitt

Auch das Ende die­ser Vor­le­sung, die­ser Sit­zung, ist ein Schnitt, Er hat den Feh­ler, will­kür­lich zu sein.160

6. Der Schnitt ist jen­seits der Ab­de­ckung der Schnit­te im Rea­len durch die Schnit­te des Dis­kur­ses

Ein über­hol­tes Kon­zept.– Das Rea­le ist kein kom­pak­tes Kon­ti­nu­um, es hat Schnit­te, die sich von den Schnit­ten der Spra­che un­ter­schei­den. In der Phi­lo­so­phie wur­de die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Ar­ten von Schnit­ten so dar­ge­stellt, dass es dar­um geht, das eine Sys­tem von Schnit­ten mit dem an­de­ren Sys­tem von Schnit­ten ab­zu­de­cken, so wie ein gu­ter Koch den Schnitt dort an­bringt, wo der (Ein-)Schnitt des Ge­lenks ist. Freud zeigt uns je­doch, dass es et­was gibt, was über die­se Ab­de­ckung der na­tür­li­chen Schnit­te durch die Schnit­te des Dis­kur­ses hin­aus­geht.161

Des­in­te­gra­ti­on der Ma­te­rie durch die Wis­sen­schaft.– Die Ent­wick­lung der Wis­sen­schaft hat zur Des­in­te­gra­ti­on der Ma­te­rie ge­führt.162 [Es gibt hier also kei­ne Ma­te­rie mehr, die na­tür­li­che Schnit­te auf­weist, da­mit wird das Kon­zept der Schnitt­ab­de­ckung ob­so­let.] Es geht in der Wis­sen­schaft nicht ein­fach um Er­kennt­nis­se.163 [Of­fen­bar ver­steht La­can hier un­ter „Er­kennt­nis“ die Ab­de­ckung der na­tür­li­chen Schnit­te durch die Schnit­te der Spra­che.] Viel­mehr stel­len sich [die Schnit­te in der Wis­sen­schaft] als Ele­men­te dar, die et­was Neu­es er­schaf­fen [näm­lich die Des­in­te­gra­ti­on der Ma­te­rie]. Sie wu­chern auf eine Wei­se, die Kon­se­quen­zen hat, die über uns hin­aus­ge­hen. [Über wen?] Der Mensch be­tei­ligt sich auf sei­ne Kos­ten an die­sem Spiel.164

7. To­des­trieb: Das Nicht­sein des Sub­jekts des Sub­jekts ist kon­sti­tu­tiv für die Sym­bo­li­sie­rung.

To­des­trieb.– In der Rich­tung des­sen, was La­can über den Schnitt sagt, geht es um das, was Freud den To­des­trieb ge­nannt hat. Der To­des­trieb kon­ver­giert mit dem Sein / dem We­sen des Men­schen.165

Nicht­sein.– Am Ho­ri­zont geht es hier [bei der The­ma­tik „Ein­schrei­ben des Rea­len des Sub­jekts im Sym­bo­li­schen durch den Schnitt“] um den To­des­trieb und um das, was in der Rede eine Stüt­ze für das Nicht­sein lie­fert [näm­lich der Schnitt].166 Wenn das Sub­jekt ver­sucht, sich in der un­be­wuss­ten Ket­te [durch die es be­stimmt wird] zu be­nen­nen, zu ver­or­ten, fin­det es sich nicht.167 [Dies ist das „Ver­schwin­den des Sub­jekts, die Apha­ni­sis des Sub­jekts, das Fa­ding des Sub­jekts.] Die Kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jekts als Sub­jekt wohnt der Rede inne, und zwar in­so­fern, als die Rede das Sub­jekt für nichts hält. Das Nicht­sein ist eine der kon­sti­tu­ti­ven Di­men­sio­nen der Sym­bo­li­sie­rung.168 In die­sem Sein er­fasst es sich dar­in, dass es durch das rea­le Ein­drin­gen in die Welt den­noch aus­ge­schlos­sen ist.169

8. Das rei­ne Sein und das Eine

Rei­nes Sein und Ei­nes.– Das „rei­ne Sein“ ist das Sein, von dem La­can die De­fi­ni­ti­on ge­ge­ben hat, in­so­fern als un­ter dem Na­men des Un­be­wuss­ten das Sym­bo­li­sche sub­sis­tiert, eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, und zwar ge­mäß der fol­gen­den For­mel: „Je­des Sub­jekt ist ei­nes.“170

Ein.– Man muss zwei Haupt­be­deu­tun­gen von „Ein“ un­ter­schei­den: die Ganz­heit und die Zahl 1.171 Die Zahl 1 setzt die Zah­len vor­aus.172 Zur all­ge­meins­ten af­fek­ti­ven Er­fah­rung ge­hört, dass das Men­schen­we­sen zählt und dass es sich selbst zählt.173

Drei Arten des Objekts a im Phantasma: erzeugt durch den Schnitt

1. Der Schnitt ist un­be­wusst, aber durch das Phan­tas­ma zu­gäng­lich

Graph des Begehrens - Graph mit Markierung Phantasma

Graph des Be­ge­hens

Dem Sub­jekt ist das Ver­hält­nis zur An­kunft des Schnitts ei­ner­seits un­ter­sagt, in­so­fern ge­nau da sein Un­be­wuss­tes ist [Apha­ni­sis]. Das Ver­hält­nis zum Schnitt ist ihm aber auch nicht un­ter­sagt, und zwar in­so­fern nicht, als das Sub­jekt die Er­fah­rung des Phan­tas­mas hat, was heißt, dass es durch das Be­geh­ren ani­miert wird [wel­ches sich auf das Phan­tas­ma stützt].174

Wenn La­can in Se­mi­nar 6 vom Phan­tas­ma spricht, be­zieht er sich da­bei im­mer wie­der auf die For­mel des Phan­tas­mas im Gra­phen des Be­geh­rens.

 2. Im Phan­tas­ma ist das Sub­jekt im Ver­schwin­den, in der Apha­ni­sis

Ver­schwin­den des Sub­jekts.– Im Phan­tas­ma gibt es, auf der Spit­ze des Be­geh­rens, die Apha­ni­sis des Sub­jekts, das Ver­schwin­den des Sub­jekts. Das Ver­schwin­den des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es von dem Platz, wo es sich in der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­ket­te als „ich“ (je) ar­ti­ku­lie­ren wür­de, von sei­ner Po­si­ti­on als Sub­jekt ver­schwin­det. Das heißt: Das Sein des Sub­jekts soll im Un­be­wuss­ten ar­ti­ku­liert wer­den, be­nannt wer­den, das ist je­doch nicht mög­lich.175

3. Im Phan­tas­ma wird das ver­schwin­den­de Sub­jekts durch den Schnitt re­prä­sen­tiert

Sein des Sub­jekts: Schnitt im Phan­tas­ma.– Das Sein des Sub­jekts kann im Un­be­wuss­ten nicht be­nannt wer­den, aber es kann an­ge­zeigt wer­den durch den Schnitt, durch die Spal­te, durch die Struk­tur des Schnitts im Phan­tas­ma.176 Die No­ta­ti­on des Phan­tas­mas als ($ ◊ a) be­deu­tet, dass hier das Sub­jekt als Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses ge­gen­wär­tig ist. Im Phan­tas­ma wird das Sub­jekt durch die Funk­ti­on des Schnitts re­prä­sen­tiert – des we­sent­li­chen Schnitts, des Schnitts in ei­ner Rede, des Schnitts in der Rede des Un­be­wuss­ten.177 In der Be­zie­hung von $ zu a geht es bei $ um ein Sub­jekt, das si­cher­lich ima­gi­när ist, aber in dem ra­di­ka­len Sin­ne, dass es das rei­ne Sub­jekt der Un­ter­bre­chung der Ver­bin­dung ist, des ge­spro­che­nen Schnitts, in­so­fern der Schnitt die we­sent­li­che Skan­die­rung ist, auf der das Spre­chen sich auf­baut.178

Sub­jekt als $la­tex \sqrt {1}$.– Das Sub­jekt im Phan­tas­ma, $, soll in Zu­kunft durch $la­tex \sqrt {1}$ be­zeich­net wer­den, durch eine ima­gi­nä­re Zahl.179 [Es gibt also eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Sub­jekt als Schnitt und dem Sub­jekt als $la­tex \sqrt {1}$. Wel­che?]

4. Im Phan­tas­ma wird das Ob­jekt a durch den Schnitt be­stimmt

Da sich das Sub­jekt nur als Schnitt er­fasst, ist das ima­gi­nä­re Ob­jekt des Phan­tas­mas, a in ($ ◊ a), auf be­stimm­te Wei­se struk­tu­riert.180 Das ima­gi­nä­re Ob­jekt des Phan­tas­mas, a, ist we­sent­lich durch die Form des Schnitts be­stimmt.181

5. Bei­spie­le für den Schnitt im Phan­tas­ma

Schnitt als Ge­lenk.– Im Traum ei­nes Pa­ti­en­ten von Ruth Le­bo­vici er­scheint eine Rüs­tung mit der Sprit­ze ei­nes In­sek­ten­ver­til­gungs­mit­tels. Die Sprit­ze ist eine ko­mi­sche und ein­deu­ti­ge Re­prä­sen­ta­ti­on des phal­li­schen Ap­pa­rats, in­so­fern der Phal­lus als zer­stö­re­risch auf­ge­fasst wird. In der Rüs­tung er­scheint der feh­len­de Va­ter, in Ge­stalt ei­ner Mon­ta­ge, die das le­ben­de Bild des Sub­jekts ab­gibt, in­so­fern es durch eine Rei­he von Schnit­ten wie­der­her­ge­stellt wird: durch die Ver­bin­dungs­stel­len, durch die Ge­len­ke der Rüs­tung, durch Ge­len­ke als sol­che. Bei der Deu­tung die­ses Phan­tas­mas wäre es ent­schei­dend ge­we­sen, sich hier­auf zu be­zie­hen.182

Schnitt als Fal­len­las­sen.– Gide er­zählt in sei­ner Au­to­bio­gra­phie, was als Kind sei­ne ers­ten se­xu­el­len Er­re­gun­gen her­vor­rief, sein ers­tes Ge­nie­ßen / sei­ne ers­ten Or­gas­men. Dazu ge­hör­te eine Sze­ne in ei­nem Thea­ter­stück, in dem eine Dienst­bo­tin, die Tel­ler in der Hand hält, ge­kit­zelt wird, wor­auf hin sie den Sta­pel fal­len lässt und das Ge­schirr mit Ge­tö­se zer­bricht. La­can sieht hier­in die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Schnitt. Die Dar­stel­lung die­ser Sze­ne im Gide-Auf­satz macht klar, wor­in hier für La­can der Schnitt be­steht: in der Be­zie­hung zwi­schen dem Ar­men der Dienst­bo­tin und dem Ge­schirr und in der Tren­nung die­ser Ver­bin­dung.183

6. Drei For­men des Ob­jekts a im Phan­tas­ma sind durch den Schnitt be­stimmt: prä­ge­ni­ta­les Ob­jekt, Phal­lus, Wahn

Ima­gi­nä­re Form des Schnitts.– Das Ob­jekt im Phan­tas­ma, a in ($ ◊ a), führt uns zur Phä­no­me­no­lo­gie des Schnitts. Das Ob­jekt stützt auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne die Be­zie­hung [des Sub­jekts] zum Schnitt.184

Prä­ge­ni­ta­les Ob­jekt, Kas­tra­ti­on, Wahn.– In ers­ter An­nä­he­rung gibt es drei For­men des Ob­jekts a im Phan­tas­ma: das prä­ge­ni­ta­le Ob­jekt, dann der Phal­lus bzw. der Kas­tra­ti­ons­kom­plex und schließ­lich der Wahn. Be­zo­gen auf das Fa­ding des Sub­jekts, das Ver­schwin­den des Sub­jekts, er­fül­len die­se drei Ob­jek­te die­sel­be Funk­ti­on.185 [Die Ob­jek­te a er­mög­li­chen es dem Sub­jekt, das in der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ver­schwin­det, dass dar­in kei­nen Re­prä­sen­tan­ten hat, sich zu er­fas­sen näm­lich als Schnitt; vgl. den Blog­ar­ti­kel Das Ver­schwin­den des Sub­jekts: Fa­ding, Apha­ni­sis.]

Kom­pen­sa­ti­on für Apha­ni­sis.– In al­len drei For­men han­delt es sich um Ob­jek­te, die das Sub­jekt aus sei­ner ei­ge­nen Sub­stanz her­aus­zieht, um so der Ab­we­sen­heit des Si­gni­fi­kan­ten auf der Ebe­ne der un­be­wuss­ten Ket­te stand­zu­hal­ten [um also das Ver­schwin­den des Sub­jekts, das Fa­ding, die Apha­ni­sis zu kom­pen­sie­ren]. Hier­durch wer­den die­se Ob­jek­te zu Si­gni­fi­kan­ten. [!]186 Die drei For­men des Ob­jekts a ha­ben alle die­sel­be Funk­ti­on.187

Ima­gi­nä­re Stüt­ze der Be­zie­hung zum Schnitt.– Das Ob­jekt ist die ima­gi­nä­re Stüt­ze der Be­zie­hung des Sub­jekts zum Schnitt auf drei Ebe­nen: als prä­ge­ni­ta­les Ob­jekts, auf der Ebe­ne der Ver­stüm­me­lung in der Kas­tra­ti­on und auf der Ebe­ne der hal­lu­zi­nier­ten Stim­me.188 Da­durch, dass die­se Ob­jek­te die Struk­tur des Schnitts auf­wei­sen, kön­nen sie für das Sub­jekt die Stüt­zungs­funk­ti­on über­neh­men, auf der Ebe­ne, auf der sich her­aus­stellt, dass das Sub­jekt in­so­fern im Si­gni­fi­kan­ten ver­or­tet ist, als es durch den Schnitt struk­tu­riert ist.189

7. Der Schnitt beim prä­ge­ni­ta­len Ob­jekt: Ab­tren­nung

Ab­tren­nung.– Der Schnitt wird be­reits von den prä­ge­ni­ta­len Ob­jek­ten an­ge­zeigt. Die [prä­ge­ni­ta­len] Ob­jek­te, die die Phan­tas­men stüt­zen kön­nen, sind rea­le Ob­jek­te. Sie ste­hen in ei­ner en­gen Be­zie­hung zum vi­ta­len Trieb des Sub­jekts, in­so­fern sie von ihm, dem Sub­jekt, ge­trennt sind.190 Be­zo­gen auf die prä­ge­ni­ta­len Ob­jek­te, Brust und Kot, ist ent­schei­dend, dass die­se Ob­jek­te ab­ge­schnit­ten wer­den: die Brust an der Mund­öff­nung, der Kot an der Darm­öff­nung. Durch die­se Ab­tren­nung kön­nen sie im Phan­tas­ma ihre si­gni­fi­kan­te Funk­ti­on er­fül­len. Die oral-sa­dis­ti­sche Pha­se be­steht dar­in, dass das Sub­jekt sich be­müht, die Brust bzw. die Brust­war­ze ab­zu­schnei­den, ab­zu­bei­ßen. Für das ana­le Ob­jekt gilt, dass die Sau­ber­keits­er­zie­hung dar­auf ab­zielt, dass das Sub­jekt lernt, das, was es aus­schei­det, von sich aus ab­zu­schnei­den.191

At­mung.– Dies er­klärt, war­um die At­mung nur in Aus­nah­me­fäl­len zu ei­nem ero­ti­schen Ob­jekt wird, ob­wohl sie doch für das Über­le­ben min­des­tens ge­nau­so grund­le­gend ist wie Er­näh­rung und Aus­schei­dung. Der Grund ist: Bei der At­mung gibt es nicht das Ele­ment des Schnitts. Die At­mung ist ein Pul­sie­ren, aber es gibt hier kei­nen Schnitt, kein In­ter­vall. Der Atem wird nicht ab­ge­schnit­ten oder wenn, dann nur in ei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Dra­ma.192 [An­ders gagt: die Un­ter­schie­de der At­mung sind ana­log (kon­ti­nu­ier­lich), nicht dis­kret (nicht dis­kon­ti­nu­ier­lich.] Al­ler­dings gibt es durch­aus et­was, das durch die At­mungs­öff­nung hin­durch­geht und skan­diert wer­den kann, näm­lich die Stim­me im Wahn.193

8. Der Schnitt beim Kas­tra­ti­ons­kom­plex: Ver­stüm­me­lung und Be­schnei­dung

Kas­tra­ti­ons­kom­plex und Ver­stüm­me­lung.– Die zwei­te Form des Ob­jekts a ist der Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Der Schnitt hat hier die Form der Ver­stüm­me­lung. Auch bei der Ver­stüm­me­lung geht es dar­um, dass das Sub­jekt sich von ei­nem Teil von sich trennt.194

In­itia­ti­on.– Um Ver­stüm­me­lung geht es in zahl­rei­chen In­itia­ti­ons­ri­tua­len. Die­se Ri­tua­le ha­ben die Funk­ti­on, Men­schen zu ei­ner hö­he­ren Ebe­ne der Ver­wirk­li­chung ih­rer selbst zu ver­hel­fen, und das Mit­tel hier­für ist die Stig­ma­ti­sie­rung, die Ver­stüm­me­lung. Die Ver­stüm­me­lung, der Schnitt be­wir­ken den Über­gang [ei­nes Men­schen] in eine Si­gni­fi­kan­ten­funk­ti­on, denn das, was von der Ver­stüm­me­lung zu­rück­bleibt, ist eine Mar­kie­rung [eine Nar­be]; nach der Ver­stüm­me­lung trägt das Sub­jekt die Mar­kie­rung ei­nes Si­gni­fi­kan­ten an sich, und hier­durch wird es in eine hö­he­re Po­tenz des Seins über­führt und mit die­ser iden­ti­fi­ziert.195

Ver­wand­lung in Mann und Frau.– Die In­itia­ti­ons­ri­tua­le ha­ben die Funk­ti­on, das Sub­jekt in sei­ner Na­tur zu ver­än­dern, den Sinn / die Rich­tung sei­ner Be­gier­den zu ver­än­dern, und ih­nen eine Funk­ti­on zu ge­ben, in der das Sein des Sub­jekts iden­ti­fi­ziert wird, näm­lich da­durch, dass es im vol­len Sin­ne Mann oder Frau wird; eben hier­zu dient die Ver­stüm­me­lung.196

Be­geh­ren im sym­bo­li­sches Jen­seits.– Durch die Ver­stüm­me­lung kann sich das Be­geh­ren in ei­nem sym­bo­li­schen Jen­seits aus­drü­cken [im Sym­bo­li­schen als et­was, was jen­seits der na­tür­li­chen Be­gier­den ist], als Sein des Sub­jekts.197

Be­schnei­dung und Kas­tra­ti­on.– Der Pe­nis [La­can nennt ihn hier „Phal­lus“] bie­tet sich für die Mar­kie­rung an [für die Be­schnei­dung].198 Das heißt je­doch nicht, dass die Mar­kie­rung des Pe­nis mit der Kas­tra­ti­on zu­sam­men­fällt. Bei der Kas­tra­ti­on geht es um eine spe­zi­el­le Art von Ver­nich­tung, von Ne­ga­ti­vie­rung, und die­se Art der Ver­nich­tung un­ter­schei­det sich von der Be­schnei­dung.199

Tu­me­s­zenz.– Die Tu­me­s­zenz [das An­schwel­len], d..h. der Drang als sol­cher, macht den Phal­lus [den Pe­nis] zu et­was, was sich dem Schnitt an­bie­tet, auf eine Wei­se, die be­son­ders ge­fürch­tet ist. Das be­ruht auf dem Nar­ziss­mus, also auf der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung des Sub­jekts zu sich selbst. Der Phal­lus bil­det das Zen­trum des Nar­ziss­mus; da­mit steht er in Be­zie­hung zu dem Bild, dass das Sub­jekt von sich im an­de­ren hat.200 Be­zo­gen auf die Er­fah­rung der Tu­me­s­zenz gilt, dass das Sub­jekt sich spürt, ohne dass es hier eine mög­li­che Mar­kie­rung gibt, ei­nen mög­li­chen Schnitt.201 [Das könn­te hei­ßen: Das eri­gier­te Or­gan bie­tet sich dem Schnitt an, das ist je­doch zu un­ter­schei­den von der Zu­nah­me der Er­re­gung, die kon­ti­nu­ier­lich er­folgt.]

An­stren­gung und Mü­dig­keit.– Ähn­lich wie bei der Tu­me­s­zenz ist es auch bei der An­stren­gung nicht mög­lich, ei­nen Si­gni­fi­kan­ten­schnitt in sie ein­zu­prä­gen.202 [Da­mit ist ver­mut­lich ge­meint: Die Ver­än­de­rung der An­stren­gung er­folgt kon­ti­nu­ier­lich.] Die so­ge­nann­te Mü­dig­keit des Neu­ro­ti­kers ist die Spur ei­ner An­stren­gung, die La­can als „Si­gni­fi­quan­ti­tät“ be­zeich­net.“203 [Mir ist nicht klar, wor­auf La­can sich hier be­zieht. Will er sa­gen: Bei man­chen Neu­ro­ti­kern gibt es eine plötz­li­che Mü­dig­keit, und die­ser ab­rup­te Cha­rak­ter ist Ver­such, in die Mü­dig­keit ei­nen Schnitt ein­zu­füh­ren, eine Dis­kon­ti­nui­tät – ? ]

9. Der Schnitt beim Wahn: die ab­ge­trenn­te Stim­me

Wahn als Ob­jekt.– Über die Psy­cho­ti­ker schreibt Freud: „Sie lie­ben also den Wahn wie sich selbst.“, und das ver­weist auf die Funk­ti­on des Wahns als Ob­jekt a im Phan­tas­ma.204 [Das Ob­jekt ist im­mer et­was, was vom Sub­jekt so ge­liebt wird, wie es sich selbst liebt; an­ge­sichts des­sen, dass das Sub­jekt im Sym­bo­li­schen kei­nen Si­gni­fi­kan­ten hat, son­dern nur den Schnitt (Apha­ni­sis, Fa­ding), liebt es, kom­pen­sie­rend, das Ob­jekt a.]

Ab­ge­schnit­te­ne Sät­ze.– Im Wahn ist die Stim­me ist nicht die des Über-Ichs, wo die lau­te Stim­me die ei­nes An­de­ren ist, der sich als real ma­ni­fes­tiert. Die Stim­me des Wahns ist auch nicht die gleich­gül­ti­ge, bös­wil­li­ge Stim­me, wie man sie am Te­le­fon er­fährt, wenn man bei ei­nem Un­ter­neh­men an­ruft und eine Bit­te äu­ßert. Im Wahn von Schre­ber hat die Stim­me eine spe­zi­el­le Funk­ti­on, sie ant­wor­tet auf die for­ma­le An­for­de­rung, dass es ei­nen Schnitt ge­ben muss. La­can hat­te das in in dem Auf­satz Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht ana­ly­siert.205 Ent­schei­dend an der Stim­me, die Schre­ber in sei­nem Wahn hal­lu­zi­niert, ist der Cha­rak­ter des Schnitts. Er hört Sät­ze, die ab­ge­bro­chen wer­den, etwa [„Nun will ich mich …“, „Sie sol­len näm­lich …“, „Das will ich mir …“]. Die­se Sät­ze be­stehen aus ver­ket­te­ten Wör­tern, die eine Be­deu­tung ha­ben [also z..B. „Nun will ich mich“], wo­bei die Ket­te je­doch un­ter­bro­chen wird. Die­ser Schnitt er­zeugt ei­nen Ap­pell an die Be­deu­tung, nicht an eine be­stimm­te Be­deu­tung, son­dern an eine glo­ba­le Be­deu­tung [an Be­deu­tung schlecht­hin; etwa in­dem man sich fragt „Was will ich mich denn?“, „Was sol­len sie näm­lich?“, „Was will ich mir?“].

Das ver­schwin­den­de Sub­jekt.– Das Sub­jekt ist hier be­tei­ligt, aber in­so­fern es ver­schwin­det. [Das Ver­schwin­den des Sub­jekts, die Apha­ni­sis, $, be­steht hier dar­in, dass der Satz ab­ge­bro­chen wird, das Si­gni­fi­kan­ten feh­len.] Das Ver­schwin­den des Sub­jekts [im Ab­bre­chen des Sat­zes] ist eins mit ei­nem Ap­pell an eine Be­deu­tung, die sich auf das Sub­jekt rich­tet.206 Der De­li­rie­ren­de kann über den Cha­rak­ter der Stim­me, die er hört, nichts sa­gen.207 [In die­sem Nichts-sa­gen-Kön­nen be­steht, so neh­me ich an, das Ver­schwin­den des Sub­jekts.]

Sub­jekt und Schnitt.– Das Sub­jekt ist dar­an be­tei­ligt (il l’intéresse). Das Sub­jekt ist im In­ter­vall des Dis­kur­ses des Un­be­wuss­ten, als Me­to­ny­mie des Seins, das sich in der un­be­wuss­ten Ket­te aus­drückt. Das Sub­jekt fühlt sich von die­sen Stim­men, von die­sen Sät­zen des Wahns, des­halb be­trof­fen, weil es hier den Schnitt gibt, das In­ter­vall. Auf die­ser Ebe­ne des Schnitts der Stim­me ist das Sub­jekt fas­zi­niert, durch die­sen Schnitt kann das Sub­jekt sich auf­recht­erhal­ten in dem Mo­ment, in dem es ei­gent­lich sich selbst an­zielt und sich als Sein be­fragt, als Sein sei­nes Un­be­wuss­ten.208

Ab­ge­schnit­ten vom in­ne­ren Mo­no­log.– Die hal­lu­zi­nier­te Stim­me ist we­ni­ger in­so­fern ab­ge­schnit­ten, als die Rede un­ter­bro­chen ist, als viel­mehr in­so­fern, als sie vom Text des in­ne­ren Mo­no­logs ab­ge­schnit­ten ist.209 [Ist das eine grö­ße­re Re­vi­si­on ge­gen­über der vor­an­ge­hen­den Sit­zung? Ist die Tran­skrip­ti­on hier kor­rekt?]

Perversion: Beziehung auf das Begehren des Anderen durch Identifizierung mit dem  Schnitt

1. Be­zug auf das Be­geh­ren des An­de­ren

Ex­hi­bi­tio­nis­mus: Be­geh­ren des An­de­ren.Das Be­geh­ren des Ex­hi­bi­tio­nis­ten kann nur un­ter der Be­din­gung be­frie­digt wer­den, dass eine be­stimm­te Ma­ni­fes­ta­ti­on des Be­geh­rens und des Rea­len in ein be­stimm­tes Ver­hält­nis ge­bracht sind, näm­lich in­so­fern, als es in den sym­bo­li­schen Rah­men als sol­chen ver­wi­ckelt ist. Des­halb ist ein öf­fent­li­cher Ort not­wen­dig: da­mit man sich ganz si­cher ist, in ei­nem sym­bo­li­schen Rah­men zu sein.210 Dem Ex­hi­bi­tio­nis­ten geht es im Ver­hält­nis zum An­de­ren dar­um, das Be­geh­ren des An­de­ren zu über­ra­schen, jen­seits der Scham.211 [Im Phan­tas­ma des Ex­hi­bi­tio­nis­ten wird der Platz des Ob­jekts a vom Be­geh­ren des An­de­ren ein­ge­nom­men.]

Voy­eu­ris­mus: Be­geh­ren des An­de­ren.In der Be­zie­hung des Voy­eurs zum An­de­ren geht es dar­um, dass der An­de­re be­tei­ligt ist. Der An­de­re weiß zwar in der Re­gel nichts da­von, dass er be­ob­ach­tet wird. Für den Voy­eur kommt es je­doch dar­auf an, dass der An­de­re be­stimm­te Hin­wei­se gibt, be­stimm­te Ges­ten voll­zieht, die es dem Voy­eur er­mög­li­chen, an­zu­neh­men, dass der An­de­re an der Si­tua­ti­on be­tei­ligt, dass er sich dem Be­trach­tet­wer­den an­bie­tet, dem Blick. Hier­durch kommt die Lust des Voy­eurs auf ih­ren Hö­he­punkt.212 [Auch im Phan­tas­ma des Voy­eurs wird die Po­si­ti­on des Ob­jekts a vom Be­geh­ren des An­de­ren be­setzt.]

2. Be­zug auf das Be­geh­ren des An­de­ren durch den Schnitt

Ex­hi­bi­tio­nis­mus: Schlitz, Spal­te.Auf der Sei­te des ex­hi­bi­tio­nis­ti­schen Sub­jekts gibt es si­cher­lich die Erek­ti­on, die ge­zeigt wird, aber das ist nicht das Ent­schei­den­de. Die Erek­ti­on ver­birgt eher et­was; sie ist für den Ex­hi­bi­tio­nis­ten nicht der Ap­pa­rat des Be­geh­rens. Der Ap­pa­rat des Be­geh­rens wird viel­mehr da­durch ge­bil­det, dass eine Hose sich öff­net und schließt, d..h. durch den Schlitz, den Spalt, die Spal­te (fen­te). Die­se Spal­te ist das We­sent­li­che. Mit die­sem Schlitz, die­sem Spalt be­zeich­net das Sub­jekt sich selbst. Es ist die­se Spal­te, die mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit aus­ge­füllt wer­den soll.213

Voy­eu­ris­mus: Spal­te. Was im Voy­eu­ris­mus die Sei­te des Sub­jekts an­geht, geht es eben­falls um die Spal­te, sie ist ein un­ent­behr­li­ches Ele­ment der Struk­tur des Voy­eu­ris­mus.214 Das Sub­jekt re­du­ziert sich auf das künst­li­che Ge­bil­de (ar­ti­fice) des Spalts; die­ses künst­li­che Ge­bil­de nimmt den Platz des Sub­jekts ein, das Sub­jekt ist auf die Funk­ti­on des Spalts re­du­ziert – in­so­fern das Sub­jekt im Phan­tas­ma ist, ist es der Spalt.215

Spal­te und Be­geh­ren des An­de­ren. Die Spal­te ist beim Ex­hi­bi­tio­nis­ten und bei Voy­eur das, wo­durch bei­de sich auf das Be­geh­ren des An­de­ren be­zie­hen.216 Die Spal­te kann beim Ex­hi­bi­tio­nis­ten und beim Voy­eur die Ge­stalt des Vor­hangs an­neh­men, des Fern­rohrs oder ir­gend­ei­nes Schirms.217 Bei der Spal­te geht es um den Platz von Voy­eur und Ex­hi­bi­tio­nist auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne des Un­be­wuss­ten, in der Struk­tur des Be­geh­rens.218

Un­be­wusst­heit des Schnitts = Ver­schwin­den des Sub­jekts. Der Voy­eur und der Ex­hi­bi­tio­nist rea­li­sie­ren in ih­rem Be­geh­ren nicht die Funk­ti­on des Schnitts. Durch die Funk­ti­on des Schnitts wer­den bei­de in ei­nem heim­li­chen Au­to­ma­tis­mus ab­ge­schafft.219 [Dass der Schnitt ent­schei­dend ist, ist ih­nen nicht be­wusst, und in­so­fern wer­den sie als Sub­jekt ab­ge­schafft – Ver­schwin­den, Fa­ding, Apha­ni­sis des Sub­jekts.]

3. Das weib­li­che Ge­schlechts­or­gan als Spal­te und der Schnitt

Das weib­li­che Ge­schlechts­or­gan als Spal­te.Wie ver­hält sich die Be­zie­hung zur Spal­te zu dem, was der Er­fah­rung der Psy­cho­ana­ly­ti­ker nach das sym­bo­lisch Un­er­träg­lichs­te ist, näm­lich zur Ge­stalt des weib­li­chen Ge­schlechts­or­gans? Die­se Fra­ge soll spä­ter be­ant­wor­tet wer­den.220 Gil­le­spie ver­mu­tet, dass bei der Per­ver­si­on das Phan­tas­ma von der Spal­tung des Sub­jekts dar­auf be­ruht, dass sich das Sub­jekt mit dem weib­li­chen Ge­schlechts­or­gan iden­ti­fi­ziert, als dem ge­spal­te­nen Ob­jekt schlecht­hin.221 Die Per­ver­si­on ist eine Art na­tür­li­che Si­mu­la­ti­on des Schnitts. In­so­fern ist die In­tui­ti­on von Gil­le­spie eine Art Fin­ger­zeig. Das, was das Sub­jekt nicht hat, hat es im Ob­jekt. Das, was das Sub­jekt nicht ist, sein ide­als Ob­jekt ist es. Und da­mit wird ein be­stimm­tes na­tür­li­ches Ver­hält­nis als Ma­te­ri­al für den sub­jek­ti­ven Spalt ge­nom­men, der in der Per­ver­si­on wie in der Neu­ro­se zu sym­bo­li­sie­ren ist.222

Die Ankunft des Schnitts im Kunstwerk

Schnitt im Kunst­werk. Das engs­te Ver­hält­nis des Men­schen zum Schnitt geht über die na­tür­li­chen Schnit­te hin­aus. Es gibt den we­sent­li­chen Schnitt der Exis­tenz, und der Mensch muss sich im Ver­hält­nis zur An­kunft des Schnitts ver­or­ten. Dar­um geht es im Kunst­werk, ins­be­son­de­re in Ham­let.223 Das Kunst­werk führt in sei­ne Struk­tur die An­kunft des Schnitts ein, in­so­fern sich hier [im Schnitt] das Rea­le des Sub­jekts jen­seits des­sen, was es sagt, ma­ni­fes­tiert, das Rea­le des un­be­wuss­ten Sub­jekts.224 Die Ar­chi­tek­tur der „ir­rele­van­ten Ein­zel­hei­ten“ (Eissler) in Ham­let ver­weist auf die Be­zie­hung des Sub­jekts zu sei­ner tiefs­ten Ebe­ne als spre­chen­des Sub­jekts: sie lässt die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Schnitt als sol­chem zum Vor­schein kom­men.225

Das Rea­le des Sub­jekts.Hier­durch [durch die Be­zie­hung zum Phan­tas­ma?] drückt das Kunst­werk das Rea­le des Sub­jekts aus.226

Jenseits des Kastrationskomplexes: der Schnitt

Sein ver­sus Rea­li­tät.Im Ver­hält­nis zum Phan­tas­ma geht es nicht dar­um, das Sub­jekt dazu zu brin­gen, die Rea­li­tät an­zu­er­ken­nen [die letzt­lich im­mer die Rea­li­tät des Ana­ly­ti­kers wäre]. Viel­mehr geht es um die wah­ren For­de­run­gen des Sub­jekts, um die Di­men­si­on des Seins.227 Das Sub­jekt trägt hier et­was in sich, was zu tra­gen un­be­quem ist und was ihm viel­leicht ein fa­ta­les Schick­sal ver­heißt.228

Jen­seits der Kas­tra­ti­on und des Über-Ichs: der Schnitt.Die Wür­de des Seins / des We­sens be­steht nicht dar­in, dass es ab­ge­schnit­ten (cou­pé) ist, mit An­spie­lung auf die Kas­tra­ti­on, und nicht dar­in, es ein Schul­di­ger (cou­pa­ble) ist, son­dern im Be­zug auf den Schnitt.229 Bei der ana­ly­ti­schen Ent­mys­ti­fi­zie­rung der Po­si­ti­on des Neu­ro­ti­kers bleibt, Freud zu­fol­ge, ein Rest: die Ge­fahr für den Phal­lus beim Mann, die Ab­we­sen­heit des Phal­lus bei der Frau. Das liegt viel­leicht auch dar­an, als beim Ver­such, das Pro­blem der Neu­ro­se zu lö­sen, die Di­men­si­on ver­nach­läs­sigt wird, in der das Sub­jekt es in sei­nem Be­geh­ren mit der Ma­ni­fes­ta­ti­on sei­nes Seins als sol­chem zu tun hat, mit ihm als mög­li­chen Ur­he­ber des Schnitts.230

Anhang: Antigone als Inkarnation des Schnitts

Im Se­mi­nar Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se (Se­mi­nar 7 von 1959/60) deu­tet La­can An­ti­go­ne als Ver­kör­pe­rung des Schnitts.

.„Meta ist ei­gent­lich das, was den Schnitt an­vi­siert. (…) Die­ser Zug be­zeich­net uns in si­gni­fi­kan­ter Wei­se, von welch ein­schnei­den­der Art die Ge­gen­wart un­se­rer An­ti­go­ne ist.“231

An­ti­go­ne ver­ge­gen­wär­tigt den Schnitt, und das zeigt sich in ei­ner Ei­gen­tüm­lich­keit ih­res Spre­chens. Sie ex­po­niert ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der sich auf den Schnitt be­zieht, auf die Verbindung/Trennung von Si­gni­fi­kan­ten, näm­lich das grie­chi­sche Wort meta („mit“, „bei“).

An­ti­go­ne hält an ih­rem Bru­der Po­lyn­ei­kes fest, un­ab­hän­gig von des­sen Ge­schich­te.

Die­se Rein­heit, die­se Tren­nung des Seins [von Po­lyn­ei­kes] von al­len Cha­rak­te­ris­ti­ka des his­to­ri­schen Dra­mas, das er durch­lau­fen hat, das ge­nau ist die Gren­ze, das ex ni­hi­lo, um das her­um An­ti­go­ne sich be­haup­tet. Es ist nichts an­de­res als eben der Schnitt, den die Ge­gen­wart der Spra­che in das Le­ben des Men­schen ein­führt. Die­ser Schnitt ist in je­dem Au­gen­blick da­durch ma­ni­fest, dass die Spra­che al­les skan­diert und zer­schnei­det, was in der Be­we­gung des Le­bens ge­schieht.“232

Der Schnitt, um den es geht, ist der­je­ni­ge Schnitt, den die Spra­che in das Le­ben ein­schnei­det. Die­ser Schnitt ist ahis­to­risch, er liegt den Si­gni­fi­kan­ten zu­grun­de und da­mit den Ge­schich­ten, die man er­zäh­len kann, aber er hat kei­ne Ge­schich­te. Er ist das ex ni­hi­lo, um das her­um An­ti­go­ne sich be­haup­tet. Wenn sie sich auf Po­lyn­ei­kes jen­seits der Ge­schich­te be­zieht, als rei­nes ahis­to­ri­sches Sein, stützt sie sich auf den Schnitt. Das Sein ist, wie man sich aus Se­mi­nar 6 er­in­nern wird, die Ma­ni­fes­ta­ti­on des Rea­len im Sym­bo­li­schen, und die­se Ma­ni­fes­ta­ti­on er­folgt im Schnitt.

 „An­ti­go­ne zeigt sich als αὐτόνομος [au­to­no­mos], rei­nes und ein­fa­ches Ver­hält­nis des mensch­li­chen We­sens zu dem, als des­sen Trä­ger die­ses sich wun­der­ba­rer­wei­se vor­fin­det. näm­lich der Si­gni­fi­kan­ten­schnitt, die­se un­über­steig­ba­re Macht, al­lem ent­ge­gen das zu sein, was es ist.“233

An­ti­go­nes Au­to­no­mie be­steht in ih­rem Ver­hält­nis zum Schnitt und da­mit in ih­rer Be­zie­hung zum Sein.

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Anmerkungen

  1. Von die­sem Se­mi­nar gibt es eine of­fi­zi­el­le Aus­ga­be: Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re VI. Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­ti­on. 1958–1959. Tex­ter­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler. Édi­ti­ons de La Mar­ti­niè­re, Pa­ris 2013.
    Eine PDF-Da­tei der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie die­ses Se­mi­nars (Ver­si­on J.L.) fin­det man im In­ter­net auf der Sei­te école-lacanienne.net, eine Ab­schrift die­ser Ste­no­ty­pie im HTML-For­mat (Ver­si­on rue CB) auf der Sei­te gaogoa.free.fr, eine Kom­pi­la­ti­on meh­re­rer Tran­skrip­tio­nen (Ver­si­on Sta­fer­la) auf der Sei­te staferla.free.fr, eine von Cor­mac Gal­lag­her ver­fass­te Über­set­zung ins Eng­li­sche auf der Sei­te lacaninireland.de.
  2. Eine Aus­nah­me sind die Ham­let-Vor­le­sun­gen. Eine Über­set­zung von sie­ben der acht Ham­let-Vor­le­sun­gen aus Se­mi­nar 6 fin­det man im In­ter­net hier. Das Kon­zept des Schnitts wird in Se­mi­nar 6 erst nach die­sen sie­ben Vor­le­sun­gen ent­wi­ckelt.
  3. Vgl. Fer­di­nand de Saus­sure: Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Hg. von Charles Bal­ly und Al­bert Se­che­haye. Über­setzt von Her­man Lom­mel. De Gruy­ter, Ber­lin 1967, Zwei­ter Teil, Ka­pi­tel V, „Syn­tag­ma­ti­sche und as­so­zia­ti­ve Be­zie­hun­gen“, S. 147152.
  4. Vgl. Ro­man Ja­kobson: Zwei Sei­ten der Spra­che und zwei Ty­pen apha­ti­scher Stö­run­gen (1956). Über­setzt von Ge­org Fried­rich Mei­er, Über­ar­bei­tung der Über­set­zung durch Wolf­gang Raible. In: R. Ja­kobson: Auf­sät­ze zur Lin­gu­is­tik und Poe­tik. Hg. v. Wolf­gang Raible. Ull­stein, Frank­furt am Main u.a. 1979, S.117141, im In­ter­net hier; der Hin­weis auf Freud fin­det sich auf S. 137 f.
  5. J. La­can: Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J.L.: Schrif­ten I. Hg. v. Nor­bert Haas. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 71169, Vor­trag von 1953, zu­erst ver­öf­fent­licht 1956.
  6. S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9, S. 191270, hier: S. 211.
  7. Vgl. den Ti­tel von Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur.
  8. Den Aus­druck man­que d’être ver­wen­det La­can zu­erst in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, in der Sit­zung vom 19. Mai 1955; Ver­si­on Miller/Metzger S. 283 f. In den Schrif­ten wird die­ser Ter­mi­nus nicht ver­wen­det.
    Die Quel­le für man­que d’être ist: Jean-Paul Sart­re: Das Sein und das Nichts. Ver­such ei­ner phä­no­me­no­lo­gi­schen On­to­lo­gie (1943). Über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, dar­in v.a. Teil 2, Ka­pi­tel 1, Teil 2: „Die Fak­ti­zi­tät des Für-sich“.
  9. In den Schrif­ten ver­wen­det La­can man­que-à-être zu­erst in Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuß­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J.L.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 1555, hier: S. 48. In den Se­mi­na­ren fin­det man den Ter­mi­nus zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Sit­zung vom 18. Juni 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 546 (an bei­den Stel­len mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt).
  10. Das Kon­zept des Sub­jekts als Ge­nuss­ver­lust ent­wi­ckelt La­can zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, und in dem Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus von 1958. Dort ver­wen­det er noch nicht den Be­griff des Ge­nie­ßens, statt­des­sen spricht er hier von der Mo­di­fi­ka­ti­on des Be­dürf­nis­ses durch den An­spruch.
  11. Das Kon­zept des Ob­jekt­man­gels (man­que de l’objet) wird zu­erst in Se­mi­nar 4 von 1956/57 ent­wi­ckelt, Die Ob­jekt­be­zie­hung. Vgl. die Ein­füh­rung des Ter­mi­nus „Ob­jekt­man­gel“ in der Sit­zung vom 28. No­vem­ber 1956 (Ver­si­on Miller/Gondek, S. 59) und die Un­ter­schei­dung von drei For­men des Ob­jekt­s­man­gels: Frus­tra­ti­on, Kas­tra­ti­on und Pri­va­ti­on, die im ge­sam­ten Se­mi­nar schritt­wei­se aus­ge­ar­bei­tet wird (vgl. die ent­spre­chen­de Ta­bel­le in Ver­si­on Miller/Gondek, S. 67, 235 und 317).
  12. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­bens, a.a.O.
  13. Vgl. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: J. La­can: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. S. 971.
  14. Vgl. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 21. Mai 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 479.
  15. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 19. No­vem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 42.
  16. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 20. Mai 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 451.
  17. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler S. 482.– In der Sit­zung vom 20. Mai 1959 fin­det man noch wei­te­re Ne­ben­ein­an­der­stel­lun­gen von „In­ter­vall“ und „Schnitt“; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 454 und 460.
  18. Etwa in die­sem Satz: „Es gibt im stren­gen Sinn sym­bo­li­sche Ge­set­ze des In­ter­valls, es gibt Aus­set­zen, Skan­die­run­gen, wel­che die Struk­tur jeg­li­chen Kal­küls kenn­zeich­nen, die be­wir­ken, daß sich die­ser so­ge­nann­te in­ne­re Satz eben nicht in kon­ti­nu­ier­li­cher Wei­se ein­schreibt.“ (Se­mi­nar 3, Sit­zung vom 25. Ja­nu­ar 1956; Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 135)
  19. Se­mi­nar 2, Sit­zung vom 22. Juni 1955; Ver­si­on Miller/Metzger, S. 383, Über­set­zung ge­än­dert.
  20. Se­mi­nar 2, Sit­zung vom 22. Juni 1952; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 385.
  21. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 5. März 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 302.
  22. Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 5. Juni 1957; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 435.
  23. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539 f.
  24. Vgl. J.L.: Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“. Über­setzt von Ro­dol­phe Gas­ché. In: J.L.: Schrif­ten I. Hg. v. Nor­bert Haas. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 760, v.a. „Ein­füh­rung“ (1956 ge­schrie­ben, 1957 ver­öf­fent­licht) und „Par­en­the­se der Par­en­the­sen (1966)“.
  25. J.L.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 72145, hier: S. 132 Fn. 16.
  26. In: Schrif­ten. Band II, Gon­dek-Über­set­zung, a.a.O., 325368, hier: S. 355 f. (zur Da­tie­rung auf das Jahr 1962 vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 602).
  27. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 16. Mai 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  28. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 30. Mai 1962.
  29. Vgl. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 27. Mai 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 217.
  30. Se­mi­nar 24 von 1976/77, L’insu que sait de l’une bé­vue s’aile à mour­re, Sit­zung vom 14. De­zem­ber 1976, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  31. Das Venn-Dia­gramm dient La­can dazu, die Struk­tur der Ent­frem­dung zu ver­an­schau­li­chen, ab Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se.
    Die Stel­le, in der er sich in Se­mi­nar 14 mit coupu­re auf den Über­schnei­dungs­be­reich ei­nes Venn-Dia­gramms be­zieht, lau­tet: „Das ist si­cher­lich des­halb so, weil uns die an­de­re Mög­lich­keit des Schnitts [coupu­re] in dem Teil ge­ge­ben ist, der bei der Ent­frem­dung un­mög­lich ge­wählt wer­den kann, der vom Stand­punkt der Ana­ly­se aus je­doch in un­se­re Reich­wei­te ge­bracht wird, der­sel­be Schnitt wie der, der an der an­de­ren Ecke [des Sche­mas der vier Venn-Dia­gram­me] ein­greift, der­je­ni­gen, die hier an­ge­zeich­net ist, und die der Kon­junk­ti­on von ‚Un­be­wuss­tes‘ und ‚Ich bin nicht‘ ent­spricht.“ (Sit­zung vom 15. Fe­bru­ar 1967; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)
  32. Vgl. etwa Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 27. Mai 1964; Ver­si­on Mil­ler, S. 194; Se­mi­nar 14, Sit­zun­gen vom 16. No­vem­ber 1966, 21. De­zem­ber 1966, 12. April 1966.– Der Be­griff coupu­re wird im Fran­zö­si­schen im Be­reich der Ma­the­ma­tik meist auf den De­de­kind­schen Schnitt be­zo­gen.
  33. Vgl. Erik Por­ge: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Par­cours d’un ens­eig­ne­ment. Érès, Ra­mon­vil­le Saint-Ange 2000, In­dex un­ter „coupu­re“.
  34. Vgl. Ber­nard Van­derm­ersch: Coupu­re. In: Ro­land Che­ma­ma, Ber­nard Van­derm­ersch (Hg.): Dic­tionn­aire de la psy­chana­ly­se. Larous­se, Pa­ris 2009, S. 121129.
  35. Ver­si­on J.L. (die von La­can in Auf­trag ge­ge­be­ne Ste­no­ty­pie) hat hier: „S“ (S. 14), in Ver­si­on rue CB (der Ab­schrift der Ste­no­ty­pie) fin­det man das­sel­be: „S“; Sta­fer­la: schreibt „$“, Mil­ler: „su­jet bar­ré“.
  36. Ge­stützt auf die For­mel des Phan­tas­mas ($ ◊ a), kann der Be­griff des Schnitts dem­nach auf zwei Wei­sen an­ge­gan­gen wer­den: aus­ge­hend von $ und da­mit be­zo­gen auf die Struk­tur, und aus­ge­hend von a und da­mit vom er­fahr­ba­ren Re­sul­tat.
  37. Vgl. J. La­can: Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: Ders.: Schrif­ten, Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 971.
  38. Vgl. S. Freud: Ma­nu­skript H, Bei­la­ge zum Brief an Wil­helm Fließ vom 24.1.1895, in: S. Freud: Brie­fe an Wil­helm Fließ 18871904. Un­ge­kürz­te Aus­ga­be, hg. v. Jef­frey Mous­sai­eff Mas­son. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1986. Der Satz fin­det sich hier auf S. 110.
  39. La­can ar­gu­men­tiert also, dass es kein Sta­di­um der At­mung gibt; Mil­ler ver­weist in sei­ner Ver­si­on des Se­mi­nars auf eine Ar­beit, die sich – aus­ge­hend von La­cans Be­mer­kung – dar­um be­müht, das Ge­gen­teil zu be­wei­sen: Jean-Lou­is Tris­ta­ni: Le sta­de de re­spir. Mi­nuit, Pa­ris 1978 (Ver­si­on Mil­ler, S. 599).
  40. In dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud’schen Un­be­wuss­ten äu­ßert sich La­can vor­sich­ti­ger zum Ver­hält­nis von At­mung und Schnitt. Nach Be­mer­kun­gen zum Ver­hält­nis von Trieb und Schnitt heißt es dort: „Die re­spi­ra­to­ri­sche Ero­ge­ni­tät ist un­zu­rei­chend er­forscht, aber of­fen­sicht­lich kommt sie durch den Spas­mus ins Spiel.“ (In: Ders.: Schrif­ten, Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 325368, hier: S. 356) Der Auf­satz wur­de zwi­schen 1962 ge­schrie­ben; vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 611.
  41. Grie­chisch pneu­ma, la­tei­nisch fla­tus: „Hauch“, „Luft“, „Wind“, auch „Blä­hung“.
  42. Vgl. Er­nest Jo­nes: Die Emp­fäng­nis der Jung­frau Ma­ria durch das Ohr (1914). In: Ders.: Zur Psy­cho­ana­ly­se der christ­li­chen Re­li­gi­on. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1970, S. 37128; E.J.: Eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Stu­die über den Hei­li­gen Geist (1922). In: Ders., Zur Psy­cho­ana­ly­se der christ­li­chen Re­li­gi­on, a.a.O., S. 129143.
  43. La­can be­zieht sich auf eine Pas­sa­ge aus: Mai­ne de Bi­ran: In­flu­ence de lha­bitu­de sur la fa­cul­té de pen­ser (1799, Ein­fluss der Ge­wohn­heit auf das Denk­ver­mö­gen). An­no­tier­te Aus­ga­be v. Pierre Tis­se­rand im In­ter­net hier.
  44. In: J.L.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 971.
  45. La voix hu­mai­ne, Thea­ter­stück von Jean Coc­teau (1930)
  46. In Ver­si­on Mil­ler fin­det man statt „pré­sent“ (Ge­gen­wart) „pres­sant“ (Drän­gen­des).
  47. Im Fran­zö­si­schen bon ge­nie, was auch mit „gu­ter Geist“ über­setzt wer­den kann.
  48. Im Auf­satz Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht, zi­tiert La­can die fol­gen­den ab­ge­bro­che­nen Sät­ze: „Nun will ich mich …“, „Sie sol­len näm­lich …“, „Das will ich mir …“; a.a.O., S. 20.
  49. La­can be­zieht sich auf eine Be­mer­kung, die er in der vor­an­ge­hen­den Sit­zung ge­macht hat­te, am 13. Mai 1959 (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 431).
  50. Das nächs­te Se­mi­nar von La­can, Se­mi­nar 7 von 1959/60, wird den Ti­tel ha­ben Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se.
  51. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 20. Mai 1959, zwei­te Hälf­te; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 450461.
  52. Ver­si­on J.L. hat hier (statt S) „ss“ (S. 11), Ver­si­on rue CB schreibt „(Es ?, / $)“, Ver­si­on Sta­fer­la hat „$“, bei Mil­ler fin­det man „S bar­ré“.
  53. Ver­si­on J.L. hat auch hier (statt S) „ss“ (S. 11), Ver­si­on rue CB no­tiert an die­ser Stel­le „(Es / Est-ce?)“, in Ver­si­on Sta­fer­la fin­det man „‚S?‘“, Mil­ler schreibt „Est-ce?“ „Est-ce“ meint „ist das“, lei­tet also eine Fra­ge ein.
  54. Das „S“ kann auch als das la­tei­ni­sche Wort „esse“ auf­ge­fasst wer­den, „sein“.
  55. Un­ter „kon­kre­tem Dis­kurs“ ver­steht La­can das all­täg­li­che ge­wöhn­li­che Spre­chen.
  56. Im Gra­phen des Be­geh­rens wird der kon­kre­te Dis­kurs vom un­te­ren Stock­werk dar­ge­stellt.
  57. Das fin­det man nicht bei Aris­to­te­les, son­dern bei Pla­ton im Phaid­ros. So­kra­tes spricht über zwei Merk­ma­le der gu­ten Rede, das zwei­te ist: „Eben­so auch wie­der nach Be­grif­fen zer­tei­len zu kön­nen, glie­der­mä­ßig, wie je­des ge­wach­sen ist, ohne etwa, wie ein schlech­ter Koch ver­fah­rend, ir­gend­ei­nen Teil zu zer­bre­chen.“ (265e, Schlei­er­ma­cher-Über­set­zung)
  58. Dem ent­spricht in der Lin­gu­is­tik, so neh­me ich an, Saus­su­res Leh­re von der Dif­fe­ren­tia­li­tät des Zei­chens: „die Spra­che ist eine Form und nicht eine Sub­stanz“ (a.a.O., S. 146).
  59. Da­mit könn­te La­can auf Saus­su­re an­spie­len: Die Spra­che über­trägt nicht eine be­reits vor­han­de­ne Glie­de­rung der Welt ins Sym­bo­li­sche, viel­mehr er­zeugt die Spra­che eine Ord­nung durch dif­fe­ren­ti­el­le Ar­ti­ku­la­ti­on, durch Be­zug ei­nes Ele­ments auf das, was es nicht ist. Vgl. Saus­su­re, a.a.O., Ka­pi­tel IV, „Der sprach­li­che Wert“.
  60. Ver­si­on Sta­fer­la: ne lais­se pas de po­ser, „nicht lässt, um zu stel­len“; in Ver­si­on Mil­ler ge­stri­chen.
  61. Der Hin­ter­grund die­ser Be­mer­kung könn­te sein, dass 1958 die po­li­ti­sche Op­po­si­ti­on ge­gen Atom­waf­fen­tests be­ginnt; vgl. hier.
  62. Da­mit könn­te der Punkt d im Gra­phen des Be­geh­rens ge­meint sein.
  63. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 468471.
  64. In: The Psy­cho­ana­ly­tic Quar­ter­ly, 28. Jg. (1959), S. 120.
  65. La­can be­zieht sich auf Eisslers Be­griff der „ir­rele­vant de­tails“ als Schlüs­sel zur Deu­tung ei­nes Kunst­werks. In Mil­lers Ver­si­on fin­det man hier und im Fol­gen­den „re­le­vant“ statt „ir­rele­vant“ bzw. „re­le­van­ce“ statt „ir­rele­van­ce“.
  66. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 474 f.
  67. Viel­leicht eine An­spie­lung auf Fried­rich Nietz­sche: Göt­zen­däm­me­rung oder Wie man mit dem Ham­mer phi­lo­so­phiert (1889).
  68. Das Ver­hält­nis von Sein und ei­nem Ei­nem ist das The­ma von Pla­tons Par­men­ides.
  69. Ste­no­ty­pie J.L.: „nous som­mes de ceux qui pen­sons que l’être est an­té­ri­eur à la pen­sée“ (S. 2), eben­so Ver­si­on rue CB; Mil­ler än­dert ins Ge­gen­teil: „nous ne som­mes pas de ceux qui pen­sons …“, „wir ge­hö­ren nicht zu je­nen, die den­ken …“.
  70. Ste­no­ty­pie J.L.: „tout su­jet est un“ (S. 2), eben­so Ver­si­on rue CB. Mil­ler än­dert ins Ge­gen­teil: „tout su­jet est pas un“, „je­des Sub­jekt ist nicht ei­nes“.
  71. Ste­no­ty­pie J.L.: „af­fec­tive“ (S. 3), eben­so Ver­si­on rue CB. Mil­ler än­dert zu „ef­fec­tive“ („wirk­sam“, „fak­tisch“, „ef­fek­tiv“).
  72. Mil­ler fügt ein: „com­me su­jet bar­ré“ („als aus­ge­stri­che­nes Sub­jekt“), nicht in Ste­no­ty­pie J.L. (vgl. S. 4), nicht in Ver­si­on rue CB.
  73. Ste­no­ty­pie J.L.: „S“ (S. 4), Ver­si­on rue CB „S ($)“; Ver­si­on Sta­fer­la: „$“; Mil­ler: „su­jet bar­ré“ („aus­ge­stri­che­nes Sub­jekt“).
  74. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 481483
  75. Ruth Le­bo­vici: Per­ver­si­on tran­si­toire au cours d’un trai­te­ment psy­chana­ly­tique. In: Bul­le­tin d’activités de l’Association des psy­chana­lys­tes de Bel­gi­que, No. 25, 1956, S.117, 118 rue Froissart, Brüs­sel.
    La­can be­zieht sich aus­führ­lich auf die­sen Ar­ti­kel in Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung, in der Sit­zung vom 19. De­zem­ber 1956; Ver­si­on Mil­ler, S. 100105. Er ver­weist hier­auf auch in Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht. In: Ders.: Schrif­ten, Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 72145, hier: S. 102 und 105 (Vor­trag von 1958, re­di­giert 1960, ver­öf­fent­lich 1961).
  76. So hat­te La­can die­se Ge­stalt in Se­mi­nar 4 be­schrie­ben.
  77. Die Ver­le­gen­heit der Au­to­rin be­zieht sich dar­auf, dass sie die­se Ge­stalt als phal­li­sche Mut­ter ge­deu­tet hat­te.
  78. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S.490.
  79. Vgl. Er­nest Jo­nes: Die ers­te Ent­wick­lung der weib­li­chen Se­xua­li­tät. In: In­ter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Psy­cho­ana­ly­se, 14. Jg. (1928), S. 1125.
  80. La­can be­zieht sich mög­li­cher­wei­se auf Éluards Ge­dicht­band Don­ner à voir (1939), „Zu se­hen ge­ben“.
  81. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S.491492.
  82. Mil­ler fügt hier ein: „En au­cu­ne ma­niè­re“. Nicht in Ste­no­ty­pie J.L. (vgl. S. 19), nicht in Ver­si­on CB. 
  83. La­can spielt hier auf Mau­rice Bou­vet an und auf des­sen Be­griff der Ob­jekt­di­stanz; La­can be­zieht sich hier­auf aus­führ­lich in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, ab der Sit­zung vom 21. Mai 1958.
  84. Ana­to­le Fran­ce: La Ré­vol­te des an­ges. Ro­man. Cal­man-Lévy, Pa­ris 1914; dt. Auf­ruhr der En­gel. Über­setzt von Ru­dolf Le­on­hard. Wolff, Leip­zig 1917.
  85. In der Ste­no­ty­pie J.L. fin­det man hier „Comte de Ca­ba­nis“; Mil­ler kor­ri­giert mit ein­leuch­ten Ar­gu­men­ten zu „Comte de Ga­ba­lis“; vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 602 f. La­can be­zieht sich dem­zu­fol­ge hier auf: Ni­co­las-Pierre-Hen­ri de Mont­fau­con, Abbé de Vil­lars: Le Comte de Ga­ba­lis, ou Ent­re­ti­ens sur les sci­en­ces se­crè­tes (1670).
  86. Von Mil­ler (S. 603) er­fährt man auch, wo Ana­to­le Fran­ce sich auf die­ses Werk be­zieht, in: La Rô­tis­se­rie de la rei­ne Pédau­que. Cal­mann-Lévy, Pa­ris 1893, dt.: Die Brat­kü­che zur Kö­ni­gin Pe­dau­que. Über­setzt von Paul Wieg­ler. Pie­per, Mün­chen 1912.
  87. Paul Valé­ry: La jeu­ne Par­que [Ge­dicht­zy­klus]. Nou­vel­le Re­vue Français, Pa­ris 1917 (dt.: Die jun­ge Par­ze. Französisch/deutsch. Über­setzt von Paul Ce­lan. In­sel-Ver­lag Wies­ba­den 1960).
    Dar­in:

    Et dans mes doux li­ens, à mon sang sus­pen­due,
    Je me voy­ais me voir, si­nu­eu­se, et do­rais
    De re­gards en re­gards, mes pro­fon­des forêts.“

    Mei­ne wört­li­che Über­set­zung:

    Und in mei­nen sanf­ten Fes­seln, auf­ge­hängt an mei­nem Blut,
    Sah ich mich mich se­hen, ver­schlun­gen, und ver­gol­de­te,
    Von Bli­cken in Bli­cken, mei­ne tie­fen Wäl­der.“

    Die Struk­tur von „Ich sah mich mich se­hen“ ist drei­stu­fig. Ers­te Ebe­ne: „Ich sah.“ Zwei­te Ebe­ne: „Ich sah mich“ (etwa: ich be­trach­te­te mich in ei­nem Spie­gel), Re­fle­xi­vi­tät des Se­hens. Drit­te Ebe­ne: Ver­dop­pe­lung des Sich-Se­hens. „Ich sah, dass ich mich sah“; „ich sah mich, wie ich mich sah“ (etwa: ich be­trach­te­te ein Foto, das zeig­te, wie ich mich im Spie­gel be­trach­te­te – wenn ich mich in ei­nem Spie­gel an­schaue, ist die drit­te Stu­fe in der zwei­ten al­ler­dings meist ent­hal­ten, da ich, wenn ich mich im Spie­gel be­trach­te, oft zu­gleich sehe, dass ich mich dar­in be­trach­te).

  88. Ste­no­ty­pie J.L.: „jus­tement une si­tua­ti­on où l’autre ne voit pas le je me voy­ais, une si­tua­ti­on in­con­sci­en­te de l’autre“ (S. 24), eben­so in Ver­si­on CB. Mil­ler än­dert zu: „À quel tit­re le voy­eur et l’exhibitionniste s’introduisent-ils dans la si­tua­ti­on? En tant qu’ils se met­tent à la place du Je me voy­ais. En re­van­che, l’Autre ne voit pas son Je me voy­ais, sa jouis­sance est in­con­sci­en­te.“ („Auf wel­cher Grund­la­ge füh­ren sich der Voy­eur und der Ex­hi­bi­tio­nist in die Si­tua­ti­on ein? In­so­fern sie sich an den Platz des Ich sah mich stel­len. Der An­de­re hin­ge­gen sieht nicht sein Ich sah mich, sein Ge­nie­ßen ist un­be­wusst.“
  89. Ste­no­ty­pie J.L.: „pour au­tant qu’il est ef­fec­tive­ment l’objet de son dé­sir“ (S. 24), eben­so Ver­si­on CB. Mil­ler än­dert zu: „pour au­tant que ce­lui-ci est ef­fec­tive­ment l’objet du dé­sir de l’exhibitionniste“ („in­so­fern es tat­säch­lich das Ob­jekt des Be­geh­rens des Ex­hi­bi­tio­nis­ten ist“.
  90. Ste­no­ty­pie J.L.: „con­nu“ (S. 25), eben­so Ver­si­on CB. Mil­ler än­dert ins Ge­gen­teil: „in­con­nu“ („un­be­kannt“).
  91. Mit „was sich da als sol­ches sagt“ könn­te das „Spre­chen“ des Un­be­wuss­ten ge­meint sein; der Sinn von „be­kannt, wenn auch ge­gen­wär­tig, aber auf­ge­ho­ben“ ist mir ver­schlos­sen.
  92. Das könn­te sich auf den Fe­ti­schis­mus be­zie­hen.
  93. Ge­meint ist die per­ver­se Lö­sung.
  94. Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten.
  95. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: Ders.: Schrif­ten, Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 971.
  96. La­can be­zieht sich of­fen­bar auf ein Sche­ma an der Ta­fel, das nicht er­hal­ten ist.
  97. Vgl. wei­ter oben in die­ser Sit­zung. In Mil­lers Ve­ri­on ist dies S. 483.
  98. Wie nicht ein“ im Sin­ne von „wie kein an­de­res“.
  99. La­can be­zieht sich auf die Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1958 von Se­mi­nar 6. Er hat­te hier die Un­ter­schei­dung von Da­mouret­te und Pi­chon zwi­schen zwei Ar­ten der Ne­ga­ti­on er­läu­tert, zwi­schen der ver­wer­fen­den Ne­ga­ti­on (né­ga­ti­on for­clu­si­ve) und der dis­kord­an­zi­el­len Ne­ga­ti­on (né­ga­ti­on dis­cordan­ti­el­le) (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 104106). Eine ver­wer­fen­de Ne­ga­ti­on ist „ne – per­son­ne“ in dem Satz Il n y a per­son­ne ici (Nie­mand ist hier). Eine dis­kord­an­zi­el­le Ne­ga­ti­on ist das „ne“ in Je crains qu’il ne vi­en­ne (Ich fürch­te, dass er kommt); im Deut­schen gibt es hier­zu kei­ne Ent­spre­chung. Vgl. Jac­ques Da­mouret­te, Édouard Pi­chon: Des mots à la pen­sée. Es­sai de gram­mai­re de la lan­gue françai­se. D’Artrey, Pa­ris 19111940.
  100. Viel­leicht ist die Ne­ga­ti­on in „pas un“ ge­meint.
  101. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 491–498.
  102. Mög­li­cher­wei­se be­zieht La­can sich hier auf die Sym­bo­li­sie­rung des Sub­jekts durch die ima­gi­nä­re Zahl in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung.
  103. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 10. Juni 1959; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 501.
  104. Ste­no­ty­pie J.L: „que est le v“ (S. 16), Ver­si­on rue CB: „qui es le V“. Mil­ler än­dert „qui est le v“ zu „qui est le til­de, ~“. Die Til­de wird in der Lo­gik nicht als Sym­bol für das Oder ver­wen­det, son­dern für die Ne­ga­ti­on.
  105. Mil­ler fügt hin­zu: „et dis­pa­raît­re, man­quer à être“ (und ver­schwin­den, zu sein ver­feh­len).
  106. Ver­si­on rue CB: $; Mil­ler: „su­jet bar­ré“; in der im In­ter­net zu­gäng­li­chen Da­tei der Ste­no­ty­pie J.L. fehlt die­se Sei­te.
  107. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 10. Juni 1969, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 509.
  108. Sta­fer­la: „où il s’agit du réel“. In der Ste­no­ty­pie J.L. wird hier durch eine Klam­mer eine Leer­stel­le mar­kiert (S. 2), das könn­te hei­ßen, dass die Ste­no­ty­pis­tin hier et­was nicht ver­stan­den hat. In Ver­si­on rue CB fin­det man in ecki­gen Klam­mern eine kur­siv ge­schrie­be­ne Einfügung:„où il s’agit du [ rap­port à l’être ]“, of­fen­bar der Hin­weis auf eine Er­gän­zung aus an­de­rer Quel­le als azs der Ste­no­ty­pie J.L.“ Mil­ler streicht die Stel­le.
  109. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 24. Juni 1959; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 536.
  110. La­can be­zieht sich auf Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und die Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, dar­in v.a. auf die Sit­zun­gen vom 1. De­zem­ber 1954 bis zum 19. Ja­nu­ar 1955, vom 23. März 1955 und vom 15. bis zum 29. Juni 1955.
  111. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539 f.
  112. In der Ste­no­ty­pie J.L. gibt es hier eine klei­ne Lü­cke, of­fen­bar ein ge­lösch­tes Wort; Mil­ler er­gänzt „re­pré­sen­tant“, das er­gibt: „das sein Sein im Schnitt re­prä­sen­tiert“.
  113. Wil­liam H. Gil­le­spie: A con­tri­bu­ti­on of the stu­dy of fe­tis­hism. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 21. Jg. (1940), S. 401415.– Ders.: No­tes on the ana­ly­sis of se­xu­al per­ver­si­ons. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 33. Jg. (1952), S. 397402.– Ders.: The ge­ne­ral theo­ry of se­xu­al per­ver­si­on. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 37. Jg. (1956), S. 396–403. Die drei Ar­ti­kel fin­det man auch in: W.H. Gil­le­spie: Life, sex and de­ath. Selec­ted wri­tings. Rout­ledge, Lon­don 1995.
  114. La­can um­schreibt in der zwei­ten Satz­hälf­te eine Be­mer­kung von Gil­le­spie zu Be­ginn des Auf­at­zes von 1952.
  115. La­can be­zieht sich auf fol­gen­de Pas­sa­ge aus Gil­le­spies Auf­satz: „Es gab ei­ni­ge sehr in­ter­es­san­te Phan­ta­si­en in Ver­bin­dung mit sei­nem Zorn ge­gen die kas­trie­ren­de Mut­ter. In ei­ner von ih­nen pe­ne­triert er mit sei­nem Pe­nis ih­ren Kör­per, da­nach ver­wan­delt sie sich in eine gor­ril­la-ar­ti­ge Krea­tur mit gro­ßen Zäh­nen, mit de­nen sie sei­ne weib­li­chen Brust­war­zen ab­beißt. In ei­ner an­de­ren Phan­ta­sie wur­de er da­durch in ein weib­li­ches We­sen ver­wan­delt, dass sein Kör­per von Brüs­ten pe­ne­triert wur­de. (…) Sei­ne Mut­ter flöß­te ihm eine Furcht ein, auf et­was zu fal­len und auf­ge­spal­ten zu wer­den, ins­be­son­de­re an den Ho­den. Er hat­te eine Phan­ta­sie über den Schuh sei­ner Mut­ter, der ihn tritt und sei­nen Anus und sein Rek­tum auf­spal­tet.“ (Gil­le­spie 1952, S. 400)
  116. Das könn­te sich auf die­se Be­mer­kung be­zie­hen: „Über­dies muss ein ver­hei­ra­te­ter Mann die Frau füt­tern. Der Fe­tisch stellt kei­ne For­de­run­gen die­ser Art.“ (Gil­le­spie 1952, S. 400)
  117. Im Fran­zö­si­schen: „le pri­mi­tif re­g­ret de la mère“; „re­g­ret“ be­de­teu­tet Trau­er, Sehn­sucht, Reue; der Ge­ni­tiv kann sub­jek­tiv oder ob­jek­tiv sein (Trau­er usw. der Mut­ter vs. Trau­er usw. um die Mut­ter). Mei­ne Über­set­zung be­ruht auf der An­nah­me, dass La­can sich auf fol­gen­den Satz be­zieht: „Die Mut­ter mach­te eine Re­li­gi­on aus ei­ner to­ten und en­gel­haf­ten äl­te­ren Schwes­ter, die der Pa­ti­ent nie­mals sah. Sie hielt ein Zim­mer stän­dig ver­schlos­sen, das eine le­bens­gro­ße Pup­pe ent­hielt, und nach ih­rem Tode stell­te sich her­aus, dass es eine au­ßer­ge­wöhn­li­che An­samm­lung von nutz­lo­sen Ar­ti­keln ent­hielt, dar­un­ter 140 Hand­ta­schen.“ (Gil­le­spie 1952, S. 400)
  118. Ich über­set­ze hier und im Fol­gen­den La­cans Gil­le­spie-Über­set­zung, die meist eng Text ist, ge­le­gent­lich aber um­schrei­ben­den Cha­rak­ter hat.
  119. La­can be­zieht sich auf: S. Freud: Die Ich­spal­tung im Ab­wehr­vor­gang. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 389394.– Der Ar­ti­kel wur­de, Jo­nes zu­fol­ge über Weih­nach­ten 1937 ge­schrie­ben (vgl. E. Jo­nes: Sig­mund Freud. Le­ben und Werk. Band 3. Deut­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Mün­chen 1984, S. 282); 1940 wur­de er pos­tum ver­öf­fent­licht. Die Grün­de, aus de­nen Freud die­sen Ar­ti­kel nicht be­en­det hat, sind nicht be­kannt. Auch nach dem Ver­fas­sen der Ich­spal­tung hat Freud noch ge­schrie­ben, vor al­lem den Ab­riss der Psy­cho­ana­ly­se (ge­schrie­ben 1938, eben­falls un­voll­endet, 1940 ver­öf­fent­licht) so­wie am drit­ten Teil von Der Mann Mo­ses und die mo­no­the­is­ti­sche Re­li­gi­on (1938 be­en­det, 1939 ver­öf­fent­licht).
  120. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 24. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 542545.
  121. Jean De­lay: La Jeu­nesse d’André Gide. 2 Bde. Gal­li­mard, Pa­ris 1956 und 1957.
  122. Gi­des Ju­gend oder Buch­sta­be, Brief und Be­geh­ren (1958). In: J.L.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 257288.
  123. An­dré Gide: Si le grain ne meurt. Nou­vel­le Re­vue françai­se, Pa­ris 1926. Deutsch: Stirb und wer­de. Über­setzt von Fer­di­nand Har­de­kopf. Deut­sche Ver­lags-An­stalt, Stutt­gart 1930.
  124. Ge­or­ge Sand: L’histoire du vé­ri­ta­ble Gri­bouil­le (1851), im In­ter­net hier.
  125. An­ders ge­sagt: Mit „Ab­surd!“ bringt Gide ei­nen fik­ti­ven Ge­sprächs­part­ner ins Spiel.
  126. Spitz­na­me für Ge­or­ge Sand; No­hant war ihr Wohn­ort.
  127. So­phie de Sé­gur (17991874), fran­zö­si­sche Schrift­stel­le­rin.
  128. Le Dî­ner de Ma­de­moi­sel­le Jus­ti­ne (1869), Ko­mö­die in zwei Ak­ten, im In­ter­net hier.
  129. A. Gide: Si le Grain ne meurt. In: Ders.: Jour­nal 1939–1949. Sou­ve­nirs. Gal­li­mard, Pa­ris 1955 (Bi­blio­t­hèque de la Pléia­de), S. 386 f.; die drei Zi­tat-Stü­cke schlie­ßen über­gangs­los an­ein­an­der an.
    Auf die­se Pas­sa­ge aus Si le grain ne meurt be­zieht De­lay sich a.a.O., Bd. 1, S. 250, und La­can in Gi­des Ju­gend, a.a.O., S. 271. La­can schreibt dort:
    „Wor­auf in ihm [Gide] ein wei­te­rer Ab­grund ant­wor­tet, der Ab­grund, der sich in sei­nem pri­mä­ren Ge­nie­ßen auf­tut: die plötz­lich weg­ge­bro­che­nen Arme ei­ner ge­kit­zel­ten Die­ne­rin, als im Ge­tö­se zu­sam­men­bricht, was sie tra­gen, und die selt­sa­me Me­ta­mor­pho­se Gri­bouilles, der sich vom Fluss ab­trei­ben lässt, in ei­nen grü­nen Zweig, füh­ren ihn zum Or­gas­mus.“
  130. Klei­ne Lü­cke in der Tran­skrip­ti­on.
  131. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 24. Juni 1959, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 546549.
  132. Paul-Jean Tou­let: Les Con­tre­ri­mes. Édi­ti­ons Di­van, Émi­le Paul frè­res, Pa­ris 1921. Die Zei­le „Rag­ten her­vor sei­ne bei­den …“ („Il dé­pas­sait ses deux… “) ist eine Er­fin­dung von La­can.

    Das Ge­dicht lau­tet:

    J’ai vu le dia­ble, l’autre nuit

    J’ai vu le Dia­ble, l’autre nuit;
    Et, des­sous sa pel­u­re,
    Il n’est pas aisé de con­clu­re;
    S’il faut dire: Elle, ou: Lui.

    Sa gor­ge avait l’air sous la fail­le,
    De trem­bler de dé­sir:
    Tel, aux mains près de le sai­sir,
    Un bel oi­se­au dé­fail­le.

    Tel­le, à la soif, dans Bli­dah bleu,
    S’offre la pom­me douce;
    Ou bien l’orange, sous la mousse,
    Lorsque tout bas il pleut.

    Ah!“ dit Sa­tan, et le si­lence
    Fré­mis­sait à sa voix,
    „Ils ne tom­bent pas tous, tu vois,
    Les fruits de la Sci­ence.“

    (Zi­tiert nach Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, An­mer­kung S. 609 f.)

    Mei­ne Über­set­zung (ich habe das Vers­maß  – den cont­re­vers – nach­ge­bil­det):

    Ich sah den Teu­fel letz­te Nacht
    Und un­ter dem Man­tel
    Ist gar nicht so leicht zu er­ra­ten,
    Sagt man: Sie oder Er.

    Die Keh­le schien un­ter der Sei­de
    Zu zit­tern vor Be­gier:
    Wie, für die Hand, die gleich ihn fasst,
    Ein schö­ner Vo­gel schwin­det

    Wie für den Durst, im blau’n Bli­da,
    Sich gibt der süße Ap­fel,
    Auch die Oran­ge un­term Tu­che,
    Wenn un­ten Re­gen fällt.

    Ach!“ sagt der Sa­tan, und das Schwei­gen
    In sei­ner Stim­me bebt,
    „Siehst du, nicht alle fal­len, die
    Früch­te der Wis­sen­schaf­ten.“

    Fail­le“ (hier mit „Sei­de“ über­setzt) heißt im Deut­schen ge­nau­er „Rips­sei­de“ oder eben­falls „Fail­le“. Bli­da ist eine Stadt in Al­ge­ri­en. „Mousse“ (mit „Tuch“ über­setzt) meint hier das Mous­se­lin. Mit den „Früch­ten der Wis­sen­schaft“ spielt das Ge­dicht ver­mut­lich auf die An­ek­do­te an, wo­nach New­ton durch den An­blick fal­len­der Äp­fel zu sei­ner Gra­vi­ta­ti­ons­theo­rie in­spi­riert wur­de.

  133. Mil­ler ver­än­dert ins Ge­gen­teil: „C’est ce qui nous per­met de ne plus être les du­pes de l’échange qui a lieu au ni­veau du dé­sir (…).“ „Das, was es uns ge­stat­tet, nicht mehr die Her­ein­ge­leg­ten des Aus­tauschs zu sein, der auf der Ebe­ne des Be­geh­rens statt­fin­det (…).“
  134. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 1. Juli 1959; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 564 f.
  135. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  136. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  137. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 450.
  138. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  139. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  140. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  141. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  142. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  143. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  144. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  145. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 451.
  146. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  147. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 481.
  148. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 481.
  149. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  150. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 483.
  151. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  152. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  153. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539 f.
  154. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539 f.
  155. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 451.
  156. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539 f.
  157. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 540.
  158. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 540.
  159. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 540.
  160. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 497.
  161. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469 f.
  162. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  163. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 470.
  164. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 470.
  165. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  166. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539.
  167. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 451.
  168. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 539.
  169. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 540.
  170. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 482.
  171. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 483.
  172. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 483.
  173. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 483.
  174. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  175. 10. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 501.
  176. 10. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 501.
  177. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 536.
  178. 1. Juli 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 564 f.
  179. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 497.
  180. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 451.
  181. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 452.
  182. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 489 f. .
  183. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 546548.
  184. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  185. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 452 f.
  186. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 453.
  187. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 455.
  188. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  189. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 453 f.
  190. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  191. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 453.
  192. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 454.
  193. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 454.
  194. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 455.
  195. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 455.
  196. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 456.
  197. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 456 f.
  198. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 456.
  199. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 456.
  200. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 457.
  201. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 457 f.
  202. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 457.
  203. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 458.
  204. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 453.
  205. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 459.
  206. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 459.
  207. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 459.
  208. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 460.
  209. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 469.
  210. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 494.
  211. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 494.
  212. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 495.
  213. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 494.
  214. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 495.
  215. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 495 f.
  216. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 496.
  217. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 496.
  218. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 496 f.
  219. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 496.
  220. 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 496.
  221. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 544 f.
  222. 24. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 548 f.
  223. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  224. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  225. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 475.
  226. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 474.
  227. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 460 f.
  228. 20. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 461.
  229. 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 471.
  230. 10. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 509.
  231. Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 1. Juni 1960; Ver­si­on Miller/Haas, S. 318 f., Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  232. Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 8. Juni 1960; Ver­si­on Miller/Haas, S. 335, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  233. Se­mi­nar 8, Sit­zung vom 8. Juni 1960; vgl. Ver­si­on Miller/Haas, S. 338, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.

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