Dreimal

Mein Symptom

Wilhelm Busch - Die Prise - zu: SymptomDie Spannung steigt, der Druck wird groß –
Nur still gebt acht! – gleich drückt er los!
Wilhelm Busch, Die Prise (1868)

Es wird Herbst, es regnet, und also musste ich vorhin an der Kasse der TU-Mensa niesen. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal – wie so häufig. Nie niese ich zweimal, nie viermal oder öfter, sondern entweder einmal oder dreimal. Schon mein Vater musste oft dreimal niesen, und so habe ich meine Nieskaskade bislang für etwas gehalten, was ich, wie die Augenfarbe, von ihm geerbt habe. Es gibt doch sicherlich eine Art Nies-Gen, oder?

Die Kassiererin belehrt mich eines Besseren. Sie hat einen Bekannten, erzählt sie mir, bei dem es ähnlich ist. Immer wenn er mit dem Essen fertig ist, genau dann muss er niesen. „Die Kinder wissen dann, Papa ist fertig, wir können den Tisch abräumen.“

Papa ist fertig – das Niesen ist hier ein Papa-Signifikant. Dann ist vielleicht auch mein dreimaliges Niesen nicht ererbt, sondern erworben: ein Papa-Signifikant.

Das dreimalige Niesen ist wohl ein weiterer trait unaire, ein weiterer einzelner Zug (ein „einziger Zug“, wie Freud sagt), den ich aus dem Verhalten meines Vaters herausgebrochen habe und durch dessen Übernahme ich mich mit seiner Allmacht identifiziere. Wobei sich diese Allmacht eben darin zeigte, dass er in der Lage war, dreimal zu niesen – wer konnte das sonst noch? Auch dieser einzelne Zug hat etwas Komisches. Haben einzelne Züge das an sich?

Das demonstrative Niesen war in Deutschland einmal ein kulturell etabliertes Männlichkeitsritual; Wilhelm Busch hat das in seiner Geschichte festgehalten. In Schweden ist es heute noch so. „Ta du snus?“ „Nimmst du Schnupftabak?“ ist ein Satz, den ich, weil er mich so verblüfft hat, aus meiner Zeit in Luleå behalten habe. Mein Vater hat diese untergegangene Kultur wiederbelebt, in Gestalt einer individuellen Marotte.

Das Unbewusste ist eine symbolische Maschine, und dazu gehört, dass es in der Lage ist, zu zählen; Lacan hat das immer betont.1 Bei Regenwetter demonstriert mein Unbewusstes, dass es bis drei zählen kann. Aber warum weigert es sich, bis zwei zu zählen? Weil ich ein Zwilling bin und mit meiner Zwillingsschwester so verknotet bin, dass mein Unbewusstes uns nicht auseinanderhalten kann?2

„Die Spannung steigt, der Druck wird groß“, heißt es bei Wilhelm Busch. Das dreifache Niesen ist nicht einfach ein Signifikant. Es geht mit einer  Erregung einher, die an meinen Körper gebunden ist und, während die Spannung anwächst, dem Lustprinzip zuwiderläuft, dem Prinzip der Erregungsverminderung. Die Signifikantenwiederholung ist mit einer jouissance verbunden, einem Genießen im Sinne von Lacan, einer Erregung jenseits des Lustprinzips. Die Ähnlichkeit von Niesen und Orgasmus (der ja ebenfalls jouissance heißt) dürfte tausendfach beschrieben worden sein. Man gestatte mir den Kalauer: Mein Niesen ist ein Geniesen. Es ist nicht das Genießen schlechthin, sondern der kleine Rest davon, der mir zugänglich ist (Freuds „Lustgewinn“ als „Ersatzbefriedigung“3).

Im RSI-Seminar liest man:

„Das Symptom lässt sich nicht anders definieren als durch die Art und Weise, wie ein jeder das Unbewusste genießt, insofern das Unbewusste ihn bestimmt.“4

Erste Bedingung, die von einem Phänomen erfüllt sein muss, damit man von einem Symptom sprechen kann: es muss auf einer Determination durch das Unbewusste beruhen, durch das Unbewusste im Sinne eines Signifikantenapparats, eines „Wissens“. Dieses Kriterium scheint erfüllt zu sein.

Zweite Bedingung für ein Symptom: die Determination durch das Unbewusste muss mit dem Genießen verbunden sein. Trifft ebenfalls zu.

Also ist mein sich wiederholendes dreifaches Niesen vermutlich ein Symptom.

NACHTRAG vom Abend desselben Tages.– Meine ältere Schwester, H., hat den Artikel gelesen und schreibt mir:  „In meiner Erinnerung hat Vater-Vati mindestens fünfmal geniest (mir kam es vor wie zehnmal).“  Ist die Alternative Entweder-Eins-oder-Drei eine Erfindung meines Unbewussten? Ich bin beeindruckt.

NACHTRAG 2 vom 1. Oktober 2013.– Inzwischen habe ich ziemlich häufig geniest. Nie wieder dreimal. Stattdessen einmal oder meist – zweimal. Das war also der entscheidende Gedanke, die Frage „warum nicht zweimal?“ Ich ahnte es, als ich mir die Frage stellte, sie war mir unheimlich. Das Unbewusste lässt sich in Bewegung versetzen, sogar durch einen Blogartikel.

NACHTRAG vom 1. Juni 2014.– Heute habe ich zum ersten Mal wieder dreimal geniest.

NACHTRAG vom 16. November 2014.– Meine Tochter erzählt mir, dass sie auch immer dreimal niest, manchmal auch viermal. Es ist mir nie aufgefallen.

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Anmerkungen

  1. Vgl. etwa: „Jedes Unbewußte ist ein Buchhalter. Und zwar ein Buchhalter, der die Addition beherrscht.“ Seminar 22, RSI, Sitzung vom 14. Januar 1975, Kleiner-Übersetzung S. 19.
  2. Nichts Verknoteteres als Zwillinge, sagt Lacan in Joyce das Symptom I. Vgl. Seminar 23, Version Miller 2005, S. 164.
  3. Zur „Ersatzbefriedigung“ vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 220.– S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 191-270, hier: 237.
  4. Seminar 22, RSI, 18. 2. 1975, Version Staferla S. 119, meine Übersetzung; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 37.

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