Mangel im Anderen

Die Liebesdramen der Megastars

David Petraeus - Paula Broadwell - zu: Mangel im AnderenPau­la Broad­well und Da­vid Pe­tra­eus

Ei­ner von La­cans Grund­be­grif­fen ist l’Autre bar­ré, der durch­ge­stri­che­ne, ver­sperr­te An­de­re, sym­bo­li­siert durch ein durch­ge­stri­che­nes gro­ßes A: als0 Ⱥ.1 Statt vom „durch­ge­stri­che­nen An­de­ren“ spricht er auch vom „Man­gel des An­de­ren“ oder vom „Man­gel im An­de­ren“.2 Eine Psy­cho­ana­ly­se soll den Zu­gang zum Man­gel im An­de­ren er­mög­li­chen, dazu, dass der An­de­re – die sprach­li­che und so­zio-sym­bo­li­schen Ord­nung und ihre Re­prä­sen­tan­ten – durch ei­nen Feh­ler, ein Feh­len ge­kenn­zeich­net ist, dass er „durch­ge­stri­chen“ ist, dass er kei­ne Ord­nung im Sin­ne ei­nes Sys­tems ist. War­um die­se Aus­rich­tung der Kur? Weil die un­be­wuss­te Idea­li­sie­rung des An­de­ren die Grund­la­ge der Neu­ro­se ist.

Marc De Kesel er­läu­tert das Kon­zept so:

Auch der An­de­re be­ruht auf ei­nem un­auf­heb­ba­ren Man­gel. Des­halb ist das, was die Ge­mein­schaft dem Künst­ler oder dem Pro­mi­nen­ten ge­ben kann, letzt­lich nichts als der Man­gel. Es ist kein Zu­fall, dass der Ruhm so flüch­tig ist und dass die schreck­lichs­ten Lie­bes­dra­men den er­folg­reichs­ten Me­ga­stars vor­be­hal­ten sind.“3

Die Ge­mein­schaft gibt dem Pro­mi­nen­ten den Man­gel. Das Lie­bes­dra­ma ist die ver­gif­te­te Lie­bes­ga­be des Pu­bli­kums an den An­de­ren.

Eine zwei­te Form die­ser Gabe ist der Skan­dal. War­um sonst be­schäf­tigt uns, mit wel­chen Sub­stan­zen Sport­ler ihre Leis­tung stei­gern, von wem Po­li­ti­ker ihre Ne­ben­ein­nah­men be­zie­hen, mit wem Pries­ter Sex ha­ben? In­dem wir be­stimm­te Prak­ti­ken skan­da­li­sie­ren, ge­ben wir un­se­ren An­de­ren ih­ren Man­gel.

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Anmerkungen

  1. Der Be­griff „l’Autre bar­ré“ wird ein­ge­führt in Se­mi­nar 5 von 1957–58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, in der Sit­zung vom 26. März 1958. Vgl. auch Se­mi­nar 10 von 1962–63, Die Angst, S. 145 f., 224.
  2. Die Rede vom „Man­gel des An­de­ren“ fin­det sich zu­erst in Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, ei­nem Auf­satz von 1958, der 1961 ver­öf­fent­licht wur­de (Schrif­ten I, S. 200). In Die Be­deu­tung des Phal­lus spricht La­can vom „Man­gel im an­de­ren“ mit klei­nem a (Schrif­ten II, S. 130), die­ser Auf­satz wur­de 1958 ver­fasst und 1966 ver­öf­fent­lich. In Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten, ei­nem Vor­trag von 1960, der 1966 ver­öf­fent­licht wur­de, fin­det man so­wohl „Man­gel im An­de­ren“ (Schrif­ten II, S. 194) als auch „Man­gel des An­de­ren“ (ebd., S. 200).
  3. Marc De Kesel: Eros and ethics. Rea­ding Jac­ques Lacan’s se­mi­nar VII. Aus dem Hol­län­di­schen über­setzt von Sigi Jött­kan­dt. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 2009 (zu­erst er­schie­nen in Lüt­tich, Bel­gi­en, 2001), S. 171, mei­ne Über­set­zung.

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