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Das Begehren und seine Deutung – Millers Version von Seminar 6 ist erschienen

Seminar 6 Miller - Cover - zu: Literatur von und über LacanSoeben wurde veröffentlicht: Millers Version von Seminar 6.

Jacques Lacan: Le séminaire, livre VI. Le désir et son interprétation. 1958-1959. Texterstellung von Jacques-Alain Miller. Éditions de La Martinière, Paris 2013, 618 S.

Das Seminar enthält u.a.:
– eine Ausarbeitung des Begriffs des Begehrens,
– die Erläuterung des Graphen des Begehrens, dessen Darstellung in Seminar 5 begonnen wurde,
– die Einführung der Unterscheidung zwischen dem Äußerungsvorgang (éconciation) und dem ausgesagten Inhalt (énoncé),
– die Einführung des Begriffs „Aphanisis (oder Fading) des Subjekts“, in Auseinandersetzung mit Ernest Jones‘ „Aphanisis des Begehrens“,
– eine Erläuterung des Kürzels S(Ⱥ), Signifikant des ausgestrichenen Anderen,
– bezogen auf die Formel des Phantasmas ($◊a): die Deutung der Raute ◊ als Schnitt,
– in den faszinierenden letzten Sitzungen: die erste Einführung des Objekts a als Rest  (noch nicht unter dem Namen „Objekt a„),
– die Analyse des Traums vom Vater, der nicht wusste, dass er tot war1, und die Verortung dieses Traums im Graphen des Begehrens (4 Sitzungen).
– die Re-Analyse eines von Ella Sharpe gedeuteten Traums2 (5 Sitzungen), vor allem zur Funktion des Phallus als Signifikant des Begehrens,
– eine Analyse von Shakespeares Hamlet, unter Verwendung des Graphen des Begehren, auch hier wieder vor allem zur Funktion des Phallus (8 Sitzungen)3,
– einen Vergleich zwischen Neurose und Perversion.

Auf der vierten Umschlagseite schreibt der Herausgeber:

„Was zeigt Lacan? Dass das Begehren keine biologische Funktion ist; dass es nicht mit einem natürlichen Objekt koordiniert ist; dass sein Objekt phantasmatisch ist. Aus diesem Grunde ist das Begehren extravagant. Für den, der es beherrschen will, ist es ungreifbar. Es führt Sie an der Nase herum. Doch wenn es nicht anerkannt wird, erzeugt es ein Symptom. In einer Analyse geht es darum zu deuten, d.h. die im Symptom verborgene Botschaft des Begehrens zu lesen.

Wenn das Begehren in die Irre führt, so regt es als Gegenleistung die Erfindung von Kunstgriffen an, die die Rolle des Kompasses übernehmen. Für die menschliche Gattung gibt es zahlreiche Kompasse: Signifikantenmontagen, Diskurse. Sie sagen, was man tun soll: wie zu denken ist, wie zu genießen ist, wie man sich zu reproduzieren hat. Das Phantasma jedes einzelnen lässt sich jedoch nicht auf die gemeinsamen Ideale reduzieren.

Bis vor kurzem zeigten unsere Kompasse – wie unterschiedlich sie auch sein mochten – alle auf denselben Norden: auf den Vater. Man hielt das Patriarchat für eine anthropologische Invariante. Sein Niedergang hat sich beschleunigt, mit der Gleichheit der Bedingungen, mit der wachsenden Macht des Kapitalismus, mit der Herrschaft der Technik. Wir sind in der Endphase des Zeitalters des Vaters.

Ein anderer Diskurs ist dabei, den bisherigen zu ersetzen. Die Innovation anstelle der Tradition. Statt der Hierarchie: das Netz. Die Anziehungskraft der Zukunft hat den Vorrang gegenüber dem Gewicht der Vergangenheit. Das Weibliche drängt das Männliche in den Hintergrund. Wo es eine unerschütterliche Ordnung gab, wird von den Strömen der Veränderung jede Grenze unablässig zurückgedrängt.

Freud gehört zum Zeitalter des Vaters. Er hat viel getan, um ihn zu retten. Die Kirche beginnt es wahrzunehmen. Lacan ist dem von Freud gebahnten Weg gefolgt, aber dieser Weg hat ihn dazu gebracht zu behaupten, dass der Vater ein Symptom ist. Hier zeigt er es am Beispiel von Hamlet.

Was man von Lacan festgehalten hat – die Formalisierung des Ödipuskomplexes, die Betonung des Namens-des-Vaters –, war nur sein Ausgangspunkt. Bereits in Seminar VI wird das umgearbeitet: der Ödipuskomplex ist nicht die einzige Lösung des Begehrens, sondern nur seine normalisierte Form; sie ist pathogen; sie erschöpft nicht das Schicksal des Begehrens. Von daher das Lob der Perversion, mit dem dieser Band endet. Lacan gibt ihr den Wert einer Rebellion gegen die Identifikationen, die die Aufrechterhaltung der sozialen Routine sichern.

Dieses Seminar kündigte ‚die Umbildung der früher errichteten Konformismen, ja ihr Zerbrechen‘ an. Da sind wir. Lacan spricht über uns.“

Die Ausgabe enthält Texterläuterungen von Miller: „Marginalia du Séminare du Désir“ (auf den Seiten 575 bis 611). In seinem Blog „Diva“ kann man zwei dieser Marginalien nachlesen; siehe hier.

Mit diesem Band hat Miller den Verlag gewechselt. Das Seminar von Lacan soll von nun an nicht mehr bei Seuil erscheinen, sondern bei La Martinière, der Eigentümerin von Seuil. Informationen zum Verlagswechsel findet man hier, hier und hier.

Einen Überblick über sämtliche Versionen von Seminar 6 bekommt man auf dieser Seite.

Von den 25 Seminaren hat Miller damit 16 veröffentlicht. Bleiben also noch 9. Der Durchschnittsabstand zwischen den Veröffentlichungen betrug zweieinhalb Jahre.

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Anmerkungen

  1. Vgl. S. Freud: Die Traumdeutung (1900). Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main S. 416 f.
  2. Lacan bezieht sich auf: Ella Sharpe: Traumanalyse (1937). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, darin: „Analyse eines einzelnen Traums“.
  3. Eine Übersetzung von sieben der acht Hamlet-Vorlesungen ist in  Wo Es war erschienen: Wo Es war, Heft 2, 1. Jg. 1986, S. 3-60; Wo Es war, Heft 3-4, 2. Jg. (1987), S. 5-45.

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