Franz Kaltenbeck: Karl Kraus gegenüber Hitler

Os­kar Ko­kosch­ka, Bild­nis Karl Kraus, 1910
Li­tho­gra­phie, 35,5 x 28,5 cm

Karl Kraus gegenüber Hitler

Karl Kraus hat von 1915 bis 1921 an sei­ner Tra­gö­die Die letz­ten Tage der Mensch­heit ge­ar­bei­tet. Im Vor­wort schreibt er, dass sei­ne Dar­bie­tung zehn Aben­de und ein Thea­ter auf dem Mars be­nö­ti­gen wür­de. Nur sel­ten wur­de das Werk in vol­ler Län­ge auf­ge­führt. In die­sem Stück ruft er Hun­der­te von Fi­gu­ren auf den Plan, die Op­fer und die An­stif­ter des Ers­ten Welt­krie­ges: ein­fa­che Sol­da­ten, Ge­ne­rä­le, ös­ter­rei­chi­sche, un­ga­ri­sche, preu­ßi­sche Kriegs­trei­ber, Re­por­ter, hohe Be­am­te, Pfar­rer, Mi­li­ta­ris­ten, Ade­li­ge des Wie­ner Ho­fes1, Kai­ser Wil­helm II., sich selbst – als Nörg­ler mas­kiert – so­wie  sei­nen Wi­der­sa­cher, den Op­ti­mis­ten. Er lässt sie sa­gen, was er wäh­rend all die­ser Jah­re auf der Stra­ße ge­hört und in der Pres­se ge­le­sen hat. Mit dem Schaf­fen die­ses 800 Sei­ten star­ken Thea­ter­stücks hat er nicht nur die un­wahr­schein­lichs­ten Hand­lun­gen und die Un­ter­hal­tun­gen dar­über ein­ge­fan­gen, er hat auch die Kon­se­quen­zen des gro­ßen Ge­met­zels er­ahnt, die Ka­ta­stro­phe des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, die fol­gen soll­te.

Hellsichtigkeit

In sei­ner mo­nu­men­ta­len Bio­gra­phie er­bringt Ed­ward Timms di­ver­se Be­wei­se für die Hell­sich­tig­keit von Kraus an­ge­sichts des Auf­stiegs des Ha­ken­kreu­zes, und dies im Zuge sei­ner auf­merk­sa­men Lek­tü­re der Zeit­schrift Die Fa­ckel, die ab 1904, von we­ni­gen Aus­nah­men ab­ge­se­hen, von Kraus al­lein ver­fasst und ver­legt wur­de.

Es wür­de sich loh­nen, in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge sämt­li­che In­di­zi­en für die au­ßer­ge­wöhn­li­chen Hell­sich­tig­keit des Po­le­mi­kers Kraus an­zu­füh­ren. Hier nur eine Aus­wahl.

Be­reits im Jah­re 1915 (!) no­tiert Kraus in ei­nem sei­ner Ta­ge­bü­cher: „Deutsch­land, ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“.

Im sel­ben Jahr liest man in der Fa­ckel2 ei­nen Apho­ris­mus, mit dem er sei­ne Le­ser vor den Ge­fah­ren warnt, die vom Kriegs­heim­keh­rer aus­ge­hen, der sich nie wie­der ins zi­vi­le Le­ben wird ein­rei­hen las­sen. „Viel­mehr glau­be ich: Er wird in das Hin­ter­land ein­bre­chen und dort den Krieg erst be­gin­nen. Er wird die Er­fol­ge, die ihm ver­sagt wer­den, an sich rei­ßen und der Krieg wird ein Kin­der­spiel ge­we­sen sein ge­gen den Frie­den, der da aus­bre­chen wird. Vor der Of­fen­si­ve, die dann be­vor­steht, be­wah­re uns Gott! Eine furcht­ba­re Ak­ti­vi­tät, durch kein Kom­man­do mehr ge­bän­digt, wird in al­len Le­bens­la­gen nach der Waf­fe und nach dem Genuß grei­fen und es wird mehr Tod und Krank­heit in die Welt kom­men, als der Krieg je ihr zu­ge­mu­tet hat.“3

Im Win­ter des Jah­res 1920 hält Kraus öf­fent­li­che Le­sun­gen sei­nes Dra­mas Die letz­ten Tage der Mensch­heit in ver­schie­de­nen Städ­ten ab, un­ter an­de­rem in Inns­bruck, wo er eine sa­ti­ri­sche Pas­sa­ge liest, die sich ge­gen Wil­helm II. rich­tet. Die an­ti­se­mi­ti­sche Pres­se wü­tet. Am fol­gen­den Tag ver­fällt ein orts­an­säs­si­ger Dich­ter nach der Le­sung von Kraus in eine Art Wahn. Nach den er­lit­te­nen Er­nied­ri­gun­gen, so schreit er, wün­schen wir, dass der deut­sche Ret­ter kom­me. „Schon er­ah­nen wir von Wei­tem sei­ne Licht­ge­stalt.“ 

Ein Jahr spä­ter spricht ein ös­ter­rei­chi­scher Po­li­ti­ker von der er­ha­be­nen Form des Kreu­zes, die aus den Über­res­ten des Wel­ten­bran­des – des Krie­ges – em­por­stei­ge. Kraus ant­wor­tet ihm, in Deutsch­land wer­de man vor al­lem das Ha­ken­kreuz se­hen.

Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter ver­kün­det Hit­ler, dass es sein Wil­le sei, den Deut­schen die Va­ter­lands­lie­be bei­zu­brin­gen. Kraus sieht vor­aus, dass Hit­ler dies ge­lin­gen wird. Er hat­te be­reits den Knüp­pel vor Au­gen, mit dem die­ser bald den Deut­schen die Va­ter­lands­lie­be ein­trich­tern soll­te.

1932 legt Hit­ler, der die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit er­langt hat­te, ei­nen Eid auf die (noch) de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sung der Wei­ma­rer Re­pu­blik ab. Das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­or­gan ist si­cher, dass er die­sen Eid auch hal­ten wer­de. Kraus je­doch zi­tiert den be­tro­ge­nen Bräu­ti­gam Nes­troys: „Aber sie hat mir ja ewi­ge Lie­be ge­schwo­ren!“4

Ein Buch von Kraus als Antwort auf Hitlers Machtergreifung

Am 30. Ja­nu­ar 1933 wird Hit­ler durch den Reichs­prä­si­den­ten Paul Hin­den­burg zum Kanz­ler er­nannt. Der Brand des Reichs­ta­ges am 27. Fe­bru­ar, der Ma­ri­nus van der Lub­be zu­ge­schrie­ben wird, ei­nem ver­ein­sam­ten hol­län­di­schen Ar­bei­ter, der ge­gen das Elend der Ar­bei­ter­klas­se habe pro­tes­tie­ren wol­len5, hat­te die Aus­set­zung von Grund­ge­set­zen und de­mo­kra­ti­schen Frei­hei­ten zur Fol­ge, die durch die Ver­fas­sung ga­ran­tiert wur­den.

Die­se Er­eig­nis­se drän­gen den in Wien le­ben­den Kraus dazu, in­ner­halb von fünf Mo­na­ten die Drit­te Wal­pur­gis­nacht zu schrei­ben, ein er­schüt­tern­des Buch, wie es die letz­ten Wer­ke der gro­ßen Meis­ter sind.6 Der Ti­tel ver­weist ganz of­fen­sicht­lich auf die zwei Wal­pur­gis­näch­te in Goe­thes Faust, ers­ter und zwei­ter Teil. Der zwei­te Klas­si­ker, der zu Hil­fe ge­ru­fen wird, ist Shake­speare mit Mac­beth, des­sen Fi­gur Hit­ler vor­weg­nimmt, und mit Kö­nig Lear, dem Kraus vor al­lem jene Ver­se ent­nimmt, in de­nen Ed­gar das Pa­ra­dox des Schlimms­ten aus­spricht: „Gott, wer darf sa­gen: schlim­mer kanns nicht wer­den? ’s ist schlim­mer nun, als je. Und kann noch schlim­mer gehn; ’s ist nicht das Schlimms­te, So­lang’ man sa­gen kann: dies ist das Schlimms­te.“7 Es wer­den noch wei­te­re Stü­cke zi­tiert, etwa Das Win­ter­mär­chen. Ge­wiss hat Kraus mit die­sem Buch ein Pen­dant zu sei­ner Tra­gö­die über den Ers­ten Welt­krieg bie­ten wol­len, und das zu ei­nem Zeit­punkt, da er selbst nicht wis­sen konn­te, wie weit Hit­ler und die Deut­schen ge­hen wür­den. Wenn Kraus auch wuss­te, dass der an­ti­se­mi­ti­sche Hass töd­lich ist, so hat­te er doch kei­ne Ah­nung, dass Hit­ler zwölf Jah­re an der Macht blei­ben wür­de.

Die 300 Sei­ten sei­nes Wer­kes wa­ren be­reits ver­fasst, als Kraus im Herbst 1933 ent­schied, sie nicht in ei­ner Son­der­aus­ga­be der Fa­ckel8 zu ver­öf­fent­li­chen. Tat­säch­lich pu­bli­ziert er nur ein Ge­dicht, das mit den fol­gen­den Ver­sen be­ginnt: 

Man fra­ge nicht, was all die Zeit ich mach­te.
Ich blei­be stumm;
Und sage nicht, war­um.“9

Ver­stört durch sein Schwei­gen, be­gan­nen zahl­rei­che Le­ser und Ver­eh­rer, ihm Pro­test­brie­fe zu schi­cken. Ei­ner­seits er­schie­nen Kraus sei­ne An­stren­gun­gen beim Schrei­ben die­ses Wer­kes „un­zu­rei­chend“ an­ge­sichts des Schre­ckens, den er zu be­han­deln hat­te. An­de­rer­seits wur­de ihm be­wusst, dass er auf­grund der vor­aus­seh­ba­ren Ver­gel­tungs­schlä­ge das Le­ben hun­der­ter deut­scher Ju­den in Ge­fahr bräch­te, wenn er sein Buch dru­cken wür­de. Auch sein ei­ge­nes Le­ben war be­droht, denn meh­re­re Schrift­stel­ler wa­ren auf­grund ih­rer Stel­lung­nah­men ge­gen den brau­nen Ter­ror be­reits er­mor­det oder in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger de­por­tiert wor­den. Fünf Jah­re vor dem An­schluss war Ös­ter­reich durch die noch il­le­ga­le Hit­ler-Be­we­gung be­reits in­fi­ziert, und sein ger­ma­ni­scher Nach­bar tat al­les, um die klei­ne Re­pu­blik zu de­sta­bi­li­sie­ren, die in drei po­li­ti­sche La­ger ge­teilt war: die au­to­ri­tä­re Rech­te des Kanz­lers Dollfuß; die So­zi­al­de­mo­kra­tie, die von Otto Bau­er in ei­nem stän­di­gen Zau­der­wal­zer zwi­schen Re­al­po­li­tik und re­vo­lu­tio­nä­ren An­wand­lun­gen ge­führt wur­de, wor­über Kraus sich im 1932 ver­fass­ten Hü­ben und Drü­ben mo­kier­te; und schließ­lich die an­wach­sen­de Zahl der Na­zis, die das Ein­grei­fen Hit­lers aus­lö­sen woll­ten. Zum Leid­we­sen sei­ner pro­gres­si­ven An­hän­ger hoff­te Kraus – wie im Üb­ri­gen auch Freud –, dass Dollfuß, un­ter­stützt durch Mus­so­li­ni, den An­schluss Ös­ter­reichs an Deutsch­land ver­hin­dern könn­te.

Erst­mals 1952 ver­öf­fent­licht, also post­hum, konn­te die Drit­te Wal­pur­gis­nacht dem­nach nicht den Lauf der Er­eig­nis­se re­vi­die­ren. Der Ap­pell, der sich in die­sem Buch an die eu­ro­päi­schen Län­der und an Ame­ri­ka rich­tet, sie mö­gen in Deutsch­land ein­grei­fen, konn­te also im Jahr 1933 we­gen sei­nes Rück­zugs nicht ge­hört wer­den. War­um also heu­te da­von spre­chen? Aus den fol­gen­den drei Grün­den: 1) Die Drit­te Wal­pur­gis­nacht ent­hält eine scho­nungs­lo­se Ana­ly­se der rhe­to­ri­schen Me­cha­nis­men des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus; 2) das Buch bie­tet, aus­ge­hend von dem, was Kraus den „Un­ter­gang der Spra­che“ heißt, eine Theo­rie des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, die man kli­nisch nen­nen könn­te; 3) das Buch ist auch eine War­nung an die fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen, dar­un­ter an die uns­ri­ge.

La­can hat­te seit 1967 eine Wie­der­kehr der La­ger pro­phe­zeit: Er hat sie „zu (sei­nem) Ent­set­zen“ auf­kom­men se­hen. Für ihn stell­te der Na­zis­mus „die Re­ak­ti­on der Vor­rei­ter hin­sicht­lich des­sen dar, was sich als die Kon­se­quenz des Ein­flus­ses der Wis­sen­schaft auf die so­zia­len Grup­pen ent­wi­ckel­te, ins­be­son­de­re der Uni­ver­sa­li­sie­rung, die sie hier ein­führ­te“10.

Das Unmögliche

Nach­dem er sein Buch 1933 nicht ver­öf­fent­licht hat, bricht Kraus 1934 sein Schwei­gen, mit ei­nem Pam­phlet, das den Ti­tel trägt „War­um Die Fa­ckel nicht er­scheint“. Dar­in greift er die am we­nigs­ten po­le­mi­schen Pas­sa­gen sei­nes fal­len ge­las­se­nen Wer­kes auf11 und er­klärt sein Schwei­gen. Die Schrift rich­te­te sich in ers­ter Li­nie an sei­ne Le­ser, die sein Schwei­gen mehr oder we­ni­ger schlecht aus­ge­hal­ten hat­ten. Er griff in sei­nem Pam­phlet von Juli 1934 jene an, die ihn als fei­ge be­schimpft hat­ten. Es ist ein Text über sein Schwei­gen, ein Schwei­gen, das auf ein Un­mög­li­ches ant­wor­tet. Er geht von die­ser pes­si­mis­ti­schen Fest­stel­lung aus: „Über al­lem Er­leb­nis der Ge­walt, der Lüge, des Irr­sinns steht da, ein­zig ge­stalt­bar, das Er­leb­nis des In­kom­men­sura­blen, der Un­mög­lich­keit die­se Phä­no­me­ne zu ge­stal­ten…“12

In sei­nem nicht ver­öf­fent­lich­ten Buch spricht er von ei­nem „Übel“, des­sen Es­senz eine „un­mög­lich auf­zu­hal­ten­de Ver­hin­de­rung“ sei, eine Ge­walt, der das Den­ken sich nicht nä­hern kann, „eine ge­dank­li­che Läh­mung“, und er fügt hin­zu, dass die­ses In­kom­men­sura­ble „jede Re­gung geis­ti­gen Wi­der­stands (…) matt setzt“13. Vier Jah­re spä­ter ver­wen­det Jo­seph Roth eben­falls den Be­griff „Läh­mung“: „… von ei­nem Au­gen­blick zum an­dern wird es schwie­ri­ger, das Un­sag­ba­re die­ser Welt sag­bar zu ma­chen. Der Bann­kreis der Lüge, den die Mis­se­tä­ter um ihre Un­ta­ten zie­hen, lähmt das Wort und die Schrift­stel­ler, des­sen Die­ner sie sind.“14 Als Le­ser von Freud und Kier­ke­gaard konn­te Kraus we­der die Er­schei­nun­gen von Angst und Hem­mung aus­blen­den noch das Un­ver­mö­gen ver­schwei­gen, das er an­ge­sichts der Ge­walt emp­fand, zu­mal er wuss­te, dass sei­ne Schrif­ten Le­ben in Ge­fahr brin­gen wür­den, ohne in­des dem Feind der Mensch­heit et­was an­ha­ben zu kön­nen. Den­noch hat­te er mit der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht die ein­schnei­dends­te An­kla­ge ge­gen die Ver­bre­chen der SA und der SS ver­fasst, wäh­rend sich der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land fest­setz­te.

Das Ding

Die Drit­te Wal­pur­gis­nacht be­zieht sich auf die bei­den Wal­pur­gis­näch­te in Goe­thes Faust I und Faust II. Die „schreck­li­chen und gräss­li­chen“ Fi­gu­ren der Goe­the­schen Phan­tas­ma­go­rie die­nen ihm dazu, den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus als ei­nen Alp­traum dar­zu­stel­len, von dem Deutsch­land erst er­wa­chen wird, nach­dem es dem Be­fehl zum Völ­ker­mord an den Ju­den ge­horcht hat. Kraus ver­webt Aus­zü­ge aus Goe­thes Wer­ken, Wort­fet­zen von Go­eb­bels (der Pro­pa­gan­dist ist Me­phis­to), von Mac­beth und von sei­ner Lek­tü­re der Wie­ner Ar­bei­ter-Zei­tung, die noch über die in Deutsch­land be­gan­ge­nen na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen schrei­ben konn­te. Man fin­det hier au­ßer­dem en­thu­si­as­ti­sche Ge­dan­ken­flü­ge Hei­deg­gers aus dem Jah­re 1933. Der Phi­lo­soph wünsch­te sich, dass das brau­ne Deutsch­land fest ent­schlos­sen sei­ne „erd- und blut­haf­ten Kräf­te als Macht der in­ners­ten Er­re­gung und wei­tes­ten Er­schüt­te­rung sei­nes Da­seins“ be­wah­re. Hier­zu Kraus’ Kom­men­tar: „Ich habe im­mer schon ge­wußt, daß ein böh­mi­scher Schus­ter dem Sinn des Le­bens nä­her­kommt als ein neu­deut­scher Den­ker.“15

Selbst nach dem Krieg hat der ein­lei­ten­de Satz der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht die von Kraus’ Schwei­gen ent­täusch­ten In­tel­lek­tu­el­len em­pört. Die­ser Satz, „Mir fällt zu Hit­ler nichts ein“, ist von Kraus selbst in sei­ner gro­ßen Schrift von 1934 kom­men­tiert wor­den.16 Die­ses „Nichts“ er­scheint im Üb­ri­gen an zwei wei­te­ren Stel­len des Tex­tes „War­um Die Fa­ckel nicht er­scheint“17. Je­des Mal be­zieht er sich auf den auch von Chap­lin ge­schätz­ten Ko­mi­ker Karl Va­len­tin: „Ich sag gar nix. Das wird man doch noch sa­gen dür­fen.“ Und als je­mand Va­len­tin fragt, war­um er eine Bril­le ohne Glä­ser tra­ge, ant­wor­tet er: „Bes­ser ist’s schon wie gar nix.“ Kraus zu­fol­ge ist die Be­haup­tung, „mir fällt zu Hit­ler nichts ein“18, eine Hy­per­bel. Der Satz ent­hält ein be­kann­tes Wort, das uns aus der Grund­re­gel Freuds ver­traut ist: „Sa­gen, was ei­nem ein­fällt.“ Kraus kann­te die­se An­wei­sung sehr wohl. Noch wich­ti­ger im his­to­ri­schen Kon­text sei­ner Schrift ist das Pro­no­men „nichts“, das man im Deut­schen wie ein Sub­stan­tiv be­han­deln kann, ohne wie die fran­zö­si­sche Über­set­zung auf eine Ver­nei­nung (rien…ne) zu­rück­grei­fen zu müs­sen.19 Es han­delt sich in der Tat um eine Hy­per­bel, denn vie­le, ja sehr vie­le Din­ge sind Kraus ganz ge­wiss in Be­zug auf Hit­ler durch den Kopf ge­gan­gen, der die meister­wähn­te Per­son in der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht ist. Noch mehr als zu Go­eb­bels, die­sem ehe­ma­li­gen Jour­na­lis­ten, der in den zwan­zi­ger Jah­ren acht Be­wer­bungs­schrei­ben an das von Ju­den her­aus­ge­ge­be­ne Ber­li­ner Ta­ge­blatt ge­schickt hat­te. Ohne Er­folg, da das Blatt ihn nicht woll­te. Für Kraus ist Go­eb­bels der Hand­lan­ger des jour­na­lis­ti­schen Übels. Was ein­fällt, ist also (das) Nichts. Der Ge­dan­ke drängt sich ei­nem auf, dass Hit­ler Kraus in ei­nem Maße ent­setzt, dass der Füh­rer für ihn das Ent­set­zen vor dem „Ding“ (res) be­deu­tet, im Sin­ne Freuds und La­cans. Das „Ding“, schreibt Freud, ist die­ser un­sag­ba­re „Be­stand­teil“ des Ne­ben­men­schen, für den man we­der At­tri­but noch Prä­di­kat hat.20 Es ist bes­ser, sich ihm nicht zu nä­hern. Als die Deut­schen 1933 den Ent­schluss Hin­den­burgs be­klat­schen, am 30. Ja­nu­ar des­sel­ben Jah­res Hit­ler zum Kanz­ler zu er­nen­nen, und dies, ob­gleich die NSDAP bei den Wah­len 1932 nicht die Mehr­heit im Reichs­tag er­hal­ten hat­te, ha­ben sie nicht etwa ein be­lie­bi­ges Ob­jekt ei­nes Füh­rers, sei­nen Schnurr­bart zum Bei­spiel, an die Stel­le ih­rer je­wei­li­gen Ich-Idea­le ge­setzt, son­dern viel­mehr das Nichts (res), das Freud’sche „Ding“. Hit­ler hat nicht nur den eu­ro­päi­schen Ni­hi­lis­mus, den Nietz­sche vor­aus­ge­se­hen hat­te, in die Tat um­ge­setzt. Der ein­lei­ten­de Satz der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht sagt, dass er für Kraus das Nichts in­kar­nier­te, das un­sag­ba­re Ding. Kraus ver­zich­te­te dar­auf, die Nazi-An­füh­rer zu Sa­ti­re-Ob­jek­ten zu ma­chen. Er ließ es bei den Poe­ten, Jour­na­lis­ten und op­por­tu­nis­ti­schen In­tel­lek­tu­el­len be­wen­den, also bei den Mit­läu­fern, und mach­te sich über das schlech­te Deutsch der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wür­den­trä­ger lus­tig. Die Ge­walt konn­te für Kraus eben­so we­nig ein Ge­gen­stand der Po­le­mik sein wie der Irr­sinn ein Ge­gen­stand sei­ner Sa­ti­ren. Un­mög­lich, Hit­ler mit Wor­ten zu be­kämpf­ten, wenn dies dem be­waff­ne­ten Eu­ro­pa nicht ge­lingt!21 Kraus fügt in­des an tref­fen­den Stel­len sei­nes Tex­tes die schlimms­ten Be­schimp­fun­gen und an­ti­se­mi­ti­schen Dro­hun­gen ein, die in den Zei­tun­gen und auf Pla­ka­ten ver­brei­tet wur­den, in der Hoff­nung, so die Auf­merk­sam­keit der Aus­län­der auf das zu len­ken, was sich in Deutsch­land zu­trägt. Nach­dem er Aus­zü­ge aus ei­nem Werk an der Sor­bon­ne ge­le­sen hat­te, schlu­gen ihn neun Pro­fes­so­ren die­ser Uni­ver­si­tät22 für den No­bel­preis vor, der schließ­lich Tho­mas Mann ver­lie­hen wur­de.

Dekonstruktion der Nazi-Rhetorik

Aber die Drit­te Wal­pur­gis­nacht ist nicht nur ein Text der „en­ga­gier­ten Li­te­ra­tur“. Kraus zer­stört hier die Il­lu­sio­nen de­rer, die noch an die Mög­lich­keit ei­nes Ar­ran­ge­ments mit der Macht durch die Kul­tur glau­ben. Er macht die deut­schen völ­ki­schen Jour­na­lis­ten lä­cher­lich, die den Ruhm des Füh­rers be­sin­gen und ge­gen den in­ne­ren Feind wü­ten, ge­gen die Kom­mu­nis­ten, ge­gen die Wi­der­stands­kämp­fer und ge­gen die Ju­den, die zu die­sem Zeit­punkt noch deut­sche Staats­bür­ger sind. Vor al­lem aber de­kon­stru­iert er die Rhe­to­rik im Diens­te des Ver­bre­chens: die Ver­nei­nung, die Lüge und die Dop­pel­zün­gig­keit. 

Die Ver­nei­nung

Tat­säch­lich glaubt Go­eb­bels, li­be­ral zu sein, wenn er die Rund­funk-Jour­na­lis­ten kri­ti­siert: Die­se soll­ten nicht „nur in Ge­sin­nung ma­chen“. Es folgt dann ein Satz, der schlecht zu die­ser ver­meint­lich pro­gres­si­ven Hal­tung passt: „Da­mit will ich aber nicht etwa sa­gen, dass Kunst Pa­ra­de­marsch sein müß­te.“ Kraus schrei­tet also wie ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker ein, der die wi­der­sin­ni­ge An­ein­an­der­rei­hung die­ser bei­den Sät­ze auf­zeigt: „Wel­cher ei­nem da­durch sym­pa­thisch wird, ab­ge­se­hen von der Un­ehr­lich­keit, die weiß, daß der Kunst nichts an­de­res üb­rig blie­be, als eben das zu sein und dar­in zu ma­chen, selbst wenn sie von Na­tur an­ders könn­te.“23 In An­be­tracht des ers­ten Sat­zes, be­ginnt der zwei­te mit ei­ner Ver­nei­nung, und die­se zeigt, dass Go­eb­bels eben doch von der Kunst er­war­tet, ein Pa­ra­de­marsch zu sein. Hät­te Go­eb­bels der Kunst eine ge­wis­se Frei­heit las­sen wol­len, so hät­te er sei­ne Idee ei­nes ideo­lo­gie­frei­en Rau­mes im Rund­funk mit dem Satz il­lus­triert: „Ich will da­mit sa­gen, dass die Kunst kein Pa­ra­de­marsch sein soll­te.“

Die Lüge

Hit­ler ver­sucht häu­fig, mo­de­rat zu er­schei­nen, in­dem er zy­ni­sche Lü­gen ver­brei­tet. So be­müht er sich etwa, die jü­disch-ame­ri­ka­ni­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen, wel­che ver­su­chen, die deut­schen Ju­den zu schüt­zen, mit der „Ga­ran­tie“ zu be­ru­hi­gen, dass die­se das Land ver­las­sen könn­ten, wann sie wol­len: „Wir wür­den je­dem Ein­zel­nen ein Frei­bil­let und ei­nen Tau­send­mark­schein als Ta­schen­geld mit­ge­ben, wenn wir sie los­wer­den kön­nen.“24

Aber es han­delt sich um eine Dop­pel­zün­gig­keit

Kraus wirft ein, dass die Ein­hal­tung die­ses Ver­spre­chens vie­le Aus­wan­de­rungs­an­wär­ter fän­de, wel­che, ein­mal au­ßer Lan­des, die Ge­rüch­te von Bar­ba­rei und Ter­ror zum Schwei­gen bräch­ten, wä­ren sie nicht be­reits in ei­nem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Die Nazi-Macht be­dien­te sich des dou­ble bind, in­dem sie „Ju­den raus“ schrie, aber je­nen, die sich an die Gren­zen be­ga­ben, die Fra­ge ent­ge­gen­stell­te: „Sind Sie Jude?“ War dies der Fall, so muss­te man in Deutsch­land blei­ben, wo ei­nem Na­tio­na­li­tät und Hab und Gut ge­nom­men wur­den.

Die per­ver­se Be­trü­ge­rei des Re­gimes er­reicht ih­ren ers­ten Hö­he­punkt, als Hit­ler und sei­ne Kom­pli­zen die „Gräu­el­pro­pa­gan­da“ de­nun­zie­ren, die den Fein­den des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu­ge­schrie­ben wird. Die Nazi-Par­tei gibt vor, dass die Grau­sam­kei­ten, die die ge­walt­tä­ti­gen SA-Trup­pen (Sturm­ab­tei­lung) ge­gen Wi­der­stands­kämp­fer, Kom­mu­nis­ten und Ju­den be­ge­hen, von „in­ne­ren Fein­den“ er­fun­den wor­den sei­en, um eine Ein­mi­schung des Aus­lan­des aus­zu­lö­sen, das ih­nen zur Hil­fe käme. Kraus rückt ge­gen jene vor, die sich von die­ser „Pro­pa­gan­da“ di­stan­zie­ren und da­mit die Rea­li­tät ver­leug­nen. Er wuss­te, dass es nicht blo­ße Pro­pa­gan­da war, da die be­rich­te­ten Schre­cken sich von nun an täg­lich er­eig­ne­ten. Kraus deckt die Ver­wer­fung der Wahr­heit auf, die von den Na­zis in Lü­gen ver­wan­delt wird und die selbst von den „na­tio­nal­deut­schen Ju­den“ in ei­nem Buch hin­ge­nom­men wird, das den Ti­tel trägt: „Die Gräu­el­pro­pa­gan­da ist eine Lü­gen­pro­pa­gan­da“.

Die „na­tio­nal­deut­schen Ju­den“ – eine Be­zeich­nung, die Kraus für ein Oxy­mo­ron hielt – hoff­ten, dass sie vom Nazi-Ter­ror ver­schont blie­ben, wenn sie auf ih­rer Loya­li­tät ge­gen­über der deut­schen Na­ti­on be­har­ren wür­den. Der deut­sche Pres­se­dienst re­agiert auf die­ses Buch, in­dem er schreibt, dass es die „Er­fül­lung ei­ner na­tür­li­chen Eh­ren­pflicht [sei] … so­weit man über­haupt von Ehre bei Ju­den re­den kann“. Kraus ruft die Un­ge­heu­er­lich­keit die­ser Aus­sa­gen in Er­in­ne­rung, die zum Bei­spiel die jü­di­schen Ärz­te der Lü­gen und des Be­trugs be­schul­digt, ob­gleich sie so vie­le Le­ben ge­ret­tet ha­ben. Kraus nennt dies eine „Or­gie mo­ra­li­scher Be­griffs­ver­keh­rung“25.

Die Verleugnung

Die Ver­wer­fung der Wahr­heit durch Hit­lers Re­gime hat zur per­ver­sen Fol­ge, dass die ös­ter­rei­chi­sche Pres­se – noch frei, aber sehr ge­schwächt – ver­leug­net, was in Deutsch­land ge­schieht. Kraus cha­rak­te­ri­siert die­se Ver­leug­nung fol­gen­der­ma­ßen: „Die Spra­che geht sam­met­pfo­tig um den Brei, der nicht so heiß ge­ges­sen wird.“26 Er lehnt sich auf ge­gen die Fe­ti­schi­sie­rung des Sicht­ba­ren als ab­so­lu­tem Be­weis, in­dem er gel­tend macht, dass es Au­gen­zeu­gen gibt, die be­zeu­gen, Er­eig­nis­sen bei­ge­wohnt zu ha­ben, die nie­mals statt­ge­fun­den ha­ben, und an­de­re, die nichts von dem ge­se­hen ha­ben, was tat­säch­lich ge­sche­hen ist. Er schlägt da­her vor, die Auf­merk­sam­keit nicht al­lein auf die vi­su­el­le Wahr­neh­mung, son­dern viel­mehr auf den Wort­laut der Agen­ten des Ver­bre­chens zu rich­ten. „Ge­nügt denn nicht zur Ver­ge­wis­se­rung ih­res Tuns, was sie re­den und wie sie leug­nen? Ha­ben die Greu­el­tä­ter nicht die Greu­el, die sie in Ei­nem pho­to­gra­phier­ten und de­men­tier­ten, als ‚Fol­ge der Pro­pa­gan­da‘ zu­ge­ge­ben?“27 Er er­wähnt auch das De­men­ti ei­nes blu­ti­gen Ver­bre­chens durch die deut­sche Po­li­zei un­ter dem Vor­wand, dass die­se Un­tat „Er­mor­dung“ ge­nannt wor­den sei, wäh­rend es sich „nur“ um „schwe­re Kör­per­ver­let­zung“ ge­han­delt habe. Au­gen­zeu­gen hat­ten das Op­fer „wie tot da­lie­gen“ ge­se­hen und ge­dacht, es sei tat­säch­lich tot. Ein Feh­ler, der es der Po­li­zei er­laub­te, den Wahr­heits­ge­halt die­ses Ver­bre­chens zu leug­nen! Die­se Ver­fäl­schun­gen über­zeug­ten häu­fig die An­ge­hö­ri­gen des Op­fers, den po­li­zei­li­chen De­men­tis bei­zu­pflich­ten und den Staat um nichts an­de­res als um das Recht zu bit­ten, die ver­stor­be­ne Per­son in al­ler Dis­kre­ti­on zu be­er­di­gen.

Der Untergang der Sprache

In der Na­ziära ha­ben Phi­lo­lo­gen eine Hy­per­tro­phie von Aus­drü­cken im Diens­te töd­li­cher Bü­ro­kra­ti­en aus­ge­macht. Zur „Spra­che der Mör­der“ ge­wor­den, sei die deut­sche Spra­che selbst ge­stor­ben, be­haup­ten ei­ni­ge.28 Die dik­ta­to­ria­len Sprach­pro­duk­tio­nen sind Kraus nicht ent­gan­gen, und er hat sich über die viel­fäl­ti­gen Ab­kür­zun­gen lus­tig ge­macht, wel­che die Na­zis er­fun­den ha­ben, um das Den­ken der Bür­ger zu steu­ern. Als er ein Kür­zel wie USCHLA („Un­ter­su­chungs- und Schlich­tungs­aus­schuss“) ana­ly­siert, hat er nicht ir­gend­ei­ne ad­mi­nis­tra­ti­ve In­stanz, son­dern viel­mehr eine Be­hör­de ge­wählt, die im Fal­le ei­nes Kon­flikts oder ei­ner Un­ge­rech­tig­keit ei­nen Schieds­spruch an­bot, die sich je­doch nie­mals ver­sag­te, eine will­kür­li­che Ent­schei­dung zu­guns­ten der Macht zu tref­fen.29 Es han­del­te sich also um die Ein­pflan­zung ei­nes „An­de­ren des An­de­ren“ im In­ne­ren des Staa­tes. Da­mit wur­de die Ge­mein­heit (ca­na­il­le­rie) zur In­sti­tu­ti­on. Kraus ana­ly­siert das Schick­sal der Spra­che auf ei­ner tie­fer­lie­gen­den Ebe­ne. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus setz­te sich mit bis­lang un­be­kann­ter Ge­walt in der Ge­sell­schaft fest, mit ei­ner Ge­walt, die den „Un­ter­gang der Spra­che“ nach sich zog. Die Spra­che ist je­doch für Kraus das „wah­re Sein“30. Ihm zu­fol­ge woll­ten die Na­zis die ihm so teu­re Spra­che zer­stö­ren, weil sie die Fä­hig­keit be­saß, je­nes Neu­deutsch zu ent­lar­ven, das sie er­fun­den hat­ten, um die Be­völ­ke­rung zu in­dok­tri­nie­ren. Die­ser Un­ter­gang voll­zieht sich in Form ei­nes Be­trugs. Be­tro­gen wird „die alte Me­ta­pher“ mit ei­ner neu­en Wirk­lich­keit. Die alte Wort­hül­se „füllt sich wie­der mit dem Blut, das einst ihr In­halt war“. Die­ses Blut war so lan­ge be­glü­ckend, wie es nur me­ta­pho­risch war31, „das Blut des Ge­dan­kens, der die Echt­bür­tig­keit des Wor­tes be­glau­bigt“. Es wird je­doch „gor­go­nisch, „wenn es der Auf­bruch phy­si­schen Blu­tes ist, das aus der Sprach­krus­te zu flie­ßen be­ginnt“. Dies ist die neue „Trans­sub­stan­tia­ti­on“32. Wor­um geht es in die­ser pa­the­ti­schen und poe­ti­schen Pas­sa­ge? Kraus stellt fest, dass die deut­sche Me­ta­pher in der bru­ta­len Rede der Po­li­ti­ker auf Rea­li­tät re­gre­diert. Die­se Po­li­ti­ker sa­gen zum Bei­spiel, dass sie dem Geg­ner die Faust zei­gen wol­len, ihm das Mes­ser an die Keh­le set­zen oder ihm den Mund stop­fen, dass sie mit har­ter Faust durch­grei­fen … Kraus fin­det es er­staun­lich, dass die Po­li­ti­ker „Re­dens­ar­ten ge­brau­chen, die sie nicht mehr ma­chen“! Wenn sie zum Bei­spiel sa­gen, dass sie je­den nie­der­schla­gen wol­len, der sich ih­nen ent­ge­gen­stellt, so ma­chen sie es tat­säch­lich und nicht nur im über­tra­ge­nen Sinn! Ihre Spra­che greift le­dig­lich ih­ren Ta­ten vor; es han­delt sich nicht ein­mal mehr um eine Dro­hung, son­dern viel­mehr um eine An­kün­di­gung. Die Me­ta­pher schafft sich in ih­ren rea­lis­ti­schen Re­den selbst ab. Und tat­säch­lich hat ei­ner die­ser Po­li­ti­ker ge­ra­de­zu den über­tra­ge­nen Stil re­for­miert: „Wir sa­gen nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn, nein, wer uns ein Auge aus­schlägt, dem wer­den wir den Kopf ab­schla­gen.“33 Die aus­ge­wähl­ten Bei­spie­le sind al­le­samt Wen­dun­gen, in de­nen „ein ur­sprüng­lich blu­ti­ger oder hand­greif­li­cher In­halt sich längst zum Sinn ei­ner geis­ti­gen Of­fen­si­ve ab­ge­klärt hat“34. Man dach­te nicht mehr an den ur­sprüng­li­chen Be­zug des Aus­drucks – oft eine bru­ta­le Hand­lung. Ge­nau die­se Ab­klä­rung der Ge­walt ha­ben die Na­zis je­doch rück­gän­gig ge­macht. Sie ha­ben die­se Ab­klä­rung ver­wor­fen im Sin­ne des­sen, was La­can for­clu­si­on nennt, Ver­wer­fung. Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­nich­tung der Me­ta­pher, wel­che die ar­chai­sche Tat, ih­ren Be­zug zur ar­chai­schen Wirk­lich­keit ver­drängt hat­te, ließ die­se im Rea­len wie­der­keh­ren. Um sich ver­ständ­lich zu ma­chen, zi­tiert Kraus eine schreck­li­che Zeu­gen­aus­sa­ge. Die Tat hat sich wahr­schein­lich in ei­nem Ge­fäng­nis oder in ei­nem La­ger zu­ge­tra­gen. Die Me­ta­pher be­steht in dem Aus­druck „Salz in eine of­fe­ne Wun­de streu­en“: „Als sich der alte Ge­nos­se beim Kar­tof­fel­schä­len ei­nen tie­fen Schnitt in die Hand zu­füg­te, zwang ihn eine hohn­la­chen­de Ge­sell­schaft von Nazi, die stark blu­ten­de Hand in ei­nen Sack mit Salz hin­ein­zu­hal­ten. Das Jam­mer­ge­schrei des al­ten Man­nes mach­te ih­nen gro­ßen Spaß. Wir an­de­ren aber muß­ten dann das blu­ti­ge Salz für das Ge­fan­ge­ne­n­es­sen ver­wen­den.“35

Sigmund Freud und Karl Kraus

Karl Kraus hat sich sehr früh von der Psy­cho­ana­ly­se ab­ge­wen­det, was Freud ihm nie­mals ver­zei­hen konn­te. Und den­noch hat Kraus sein gan­zes Le­ben sei­ne Hoch­ach­tung für Freud be­hal­ten. Die­se war le­dig­lich bis 1910 beid­sei­tig. Freud dach­te, dass Kraus eine „maß­lo­se Ei­tel­keit und Zucht­lo­sig­keit“ be­sit­ze, aber „eine be­gab­te Bes­tie“36 sei. Kraus be­wun­der­te Freuds Schrif­ten über den Traum und den Witz, aber er ver­glich de­ren Au­tor mit Goe­thes Zau­ber­lehr­ling, der die Geis­ter her­bei­rief und sie dann nicht mehr los­wur­de. Die Geis­ter wa­ren die Schü­ler Freuds, dar­un­ter der un­be­schreib­li­che Fritz Wit­tels, der 1910 in ei­nem Vor­trag im Rah­men der Mitt­wochs­ge­sell­schaft Kraus ei­ner wil­den Ana­ly­se un­ter­zog. Eros hat Freud und Kraus ge­trennt, aber Tha­na­tos hat sie ver­eint, ob­wohl sich ihre Wege längst ge­trennt hat­ten. Ed­ward Timms zi­tiert ei­nen Brief von Freud an Lou An­dre­as-Sa­lo­mé, in dem er im No­vem­ber 1914 schreibt: „Ich zweif­le nicht dar­an, dass die Mensch­heit auch die­sen Krieg über­win­den wird, aber ich weiss si­cher, dass ich und mei­ne Art­ge­nos­sen die Welt nicht mehr froh se­hen wer­den. Es ist zu gars­tig…“37!

Auch f/ür Kraus war der Ers­te Welt­krieg eine Ka­ta­stro­phe. Im Jahr 1920 hat Freud den fa­ta­len Me­cha­nis­mus des Fa­schis­mus theo­re­tisch frei­ge­legt. Was Kraus an­geht, so hat er noch frü­her die Ge­fahr der von Adolf Hit­ler un­ter dem Ha­ken­kreuz an­ge­führ­ten Mas­sen ver­stan­den. Wäh­rend Freud sich aber dem De­sas­ter der Zi­vi­li­sa­ti­on zu­wen­det und im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus eine Re­gres­si­on ins Mit­tel­al­ter sieht, schreibt Kraus wei­ter­hin über die Ag­gres­sio­nen, die sich in Deutsch­land und Ös­ter­reich tag­täg­lich zu­spit­zen. Er irrt sich nur in ei­nem Punkt: wenn er hofft, dass sein Land ge­gen die brau­ne In­va­si­on ver­tei­digt wer­de.

Das Be­mer­kens­wer­tes­te an je­nen Ar­bei­ten, die er am Ende sei­nes Le­bens ver­fass­te, ist, dass er, wenn man so sa­gen darf, Freud die Fa­ckel aus der Hand nimmt. Wäh­rend die­ser sich da­mit be­gnügt, eine Er­klä­rung für das Phä­no­men des Fa­schis­mus zu fin­den, ver­steht Kraus sehr schnell, dass der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sich nicht auf das Phä­no­men Mus­so­li­ni re­du­zie­ren lässt. Wäh­rend Freud auf den Fa­schis­mus jene Be­grif­fe an­wen­det, die er für sei­ne Me­ta­psy­cho­lo­gie ent­wi­ckelt hat, und spä­ter sei­ne neue Theo­rie des Triebs als Ag­gres­si­ons­trieb, liegt der An­satz von Kraus nä­her am Rea­len: Ei­ner­seits er­fasst er die Di­men­si­on des Un­sag­ba­ren, ja des Un­mög­li­chen, das von Hit­ler aus­geht. An­ge­sichts Hit­lers und sei­ner Ge­walt weiß Kraus, dass sein Den­ken und sei­ne Spra­che kei­ne Wir­kung ha­ben wer­den. Er zieht das Schwei­gen ei­ner ima­gi­nä­ren Kon­fron­ta­ti­on vor und ruft hier­mit das Miss­ver­ständ­nis sei­nes Pu­bli­kums auf den Plan. Sein Schwei­gen ist in­des das Schwei­gen ei­nes ar­bei­ten­den Man­nes. So­mit ver­macht er sei­ne Ana­ly­se des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus den Nach­kom­men. Da­bei kann man fest­stel­len, dass sei­ne Ana­ly­se der von Freud durch­aus äh­nelt. Kraus be­fasst sich in der Tat mit der töd­li­chen Lo­gik der Hit­ler­be­we­gung, in­dem er ihre sprach­li­chen Pa­tho­lo­gi­en of­fen­legt: ihre Dop­pel­zün­gig­keit, ihre Lü­gen und Per­ver­si­tä­ten, die in der ab­ar­ti­gen Gram­ma­tik ih­rer Sät­ze an­ge­legt sind. Und er ent­deckt schließ­lich, dass der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus die Spra­che selbst hat un­ter­ge­hen las­sen, und zwar aus dem ein­fa­chen Grund, dass die Spra­che ein sub­ver­si­ves Po­ten­ti­al be­sitzt. Dort, wo die Spra­che das Dop­pel­deu­ti­ge und die Me­ta­pher er­laubt, die zu Klä­rung führt, nach­dem sie eine Un­ge­wiss­heit ge­schaf­fen hat, ope­riert der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus mit ei­ner bös­ar­ti­gen List, der Dop­pel­zün­gig­keit und ei­nem zy­ni­schen Trick­be­trug. Der Na­zis­mus ver­wirft die Me­ta­pher, lässt die Spra­che un­ter­ge­hen, und schließt Satz und Hand­lung kurz. Hier zwei Bei­spie­le :

Hit­ler sag­te mehr­fach, dass sei­ne Fol­ter­trup­pen „nie­mals ei­nem Ju­den ein Haar krüm­men wür­den“. Kraus ant­wor­tet: Al­les nur das nicht!

Und als eine Grup­pe jun­ger Blin­der dem Füh­rer zum Ge­burts­tag gra­tu­liert, schickt der ih­nen sein Foto! Kraus kom­men­tiert die­se Schan­de mit ei­nem Satz von Glos­ter aus Kö­nig Lear: „’s ist Fluch der Zeit, daß Tol­le Blin­de füh­ren“38.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt von Su­z­an­ne Mül­ler
Alle Rech­te für die­sen Bei­trag bei Franz Kal­ten­beck

Über den Autor

Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire), Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012); Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Web­site: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. Kraus pran­gert die für die Kriegs­er­klä­rung ver­ant­wort­li­chen Macht­ha­ber Ös­ter­reichs und Un­garns als die „ver­bre­che­ri­schen Halb­kre­tins der Dop­pel­mon­ar­chie“ an. (Hü­ben und Drü­ben, in Die Fa­ckel, Nr. 876–884, Mit­te Ok­to­ber 1932, S. 20.) 
  2. F 406–412 (=Die Fa­ckel, Nr. 406–412), S. 141.
  3. Eine Rede Hit­lers von 1933, aus der Pe­ter Lon­ge­rich in Hit­ler. Bio­gra­phie. Mün­chen 2015, Sied­ler, S. 296, ei­ni­ge Zei­len zi­tiert, zeigt, dass der Dik­ta­tor sich für ei­nen sol­chen Kriegs­ve­te­ra­nen hielt.
  4. Karl Kraus schreibt: „Bei Nes­troy be­ru­higt sich ein ver­dacht­schöp­fen­der Bräu­ti­gam im­mer mit den Wor­ten: ‚Sie hat mir ja ewi­ge Lie­be ge­schwo­ren!‘ und ohne Zwei­fel wür­de der Staats­an­walt an dem ers­ten Tag, den das drit­te Reich be­steht, des­sen Grün­der we­gen Ver­fas­sungs­bruch hopp­neh­men!“
  5. Die­se An­schul­di­gung van der Lub­bes als Brand­stif­ter ist heu­te um­strit­ten. Vgl. Lon­ge­rich, Hit­ler, a.a.O., S. 303–306.
  6. Karl Kraus: Drit­te Wal­pur­gis­nacht. Hg. v. Chris­ti­an Wa­gen­knecht. Frankfurt/M. 1989, Suhr­kamp (=Werk­aus­ga­be Bd. 12). Im Fol­gen­den mit DWN und der ent­spre­chen­den Sei­te zi­tiert.
  7. Wil­liam Shake­speare, Kö­nig Lear, zi­tiert nach DWN, S. 30. Die­se Ver­se wur­den von den Her­aus­ge­bern der 20. Aus­ga­be un­se­rer Zeit­schrift Sa­voirs et Cli­ni­que nach den At­ten­ta­ten von Pa­ris im Jahr 2015 zi­tiert.
  8. Ed­ward Timms, Karl Kraus. Die Kri­se der Nach­kriegs­zeit und der Auf­stieg des Ha­ken­kreu­zes. Wei­t­ra 2016, Ver­lag Bi­blio­thek der Pro­vinz, S. 542.
  9. Karl Kraus, Die Fa­ckel, Nr. 888, S. 4.
  10. Jac­ques La­can, „Pro­po­si­ti­on du 9 oc­tob­re sur le psy­chana­lys­te de l’École“, in: Ders.: Au­tres écrits. Pa­ris 2001, Seuil, S. 257.
  11. Also der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht.
  12. War­um die Fa­ckel nicht er­scheint. F 890–905, 1934, S. 8.
  13. DWN, S. 21.
  14. Jo­seph Roth, „Das Un­sag­ba­re“, zi­tiert von Jac­ques Bou­ver­es­se in sei­nem Vor­wort zur fran­zö­si­schen Aus­ga­be der Drit­ten Wal­pur­gis­nacht, S. 25. (Vgl. Jo­seph Roth, Wer­ke Bd. 3. Köln, Ams­ter­dam 1991, Al­lert de Lan­ge, Kie­pen­heu­er & Witsch, S. 849.)
  15. DWN, S. 71.
  16. War­um die Fa­ckel nicht er­scheint, a.a.O.
  17. F 888–922, S. 19, 110.
  18. Kraus, von Bou­ver­es­se zi­tiert, schreibt in War­um die Fa­ckel nicht er­scheint mit Be­zug auf die „Dumm­köp­fe“, die sein Schwei­gen auf Feig­heit zu­rück führ­ten: „Wenn man ih­nen sagt, dass ei­nem nichts dazu ein­ge­fal­len ist, so ist das na­tür­lich eine Hy­per­bel, man will da­mit nur sa­gen, dass man sein Wort für un­zu­läng­lich hält, weil ei­nem bloss mehr als ih­nen ein­ge­fal­len ist und weil – so be­schei­den ist man wie­der – sol­ches noch ge­rin­gern prak­ti­schen Wert hat.“ Bou­ver­es­se zi­tiert hier aus Hü­ben und Drü­ben., a.a.O., S. 325.
  19. In sei­nem Vor­wort, der fran­zö­si­schen Aus­ga­be von DWN (S. 26) vor­an­ge­stellt, zi­tiert Jac­ques Bou­ver­es­se die fol­gen­den Zei­len Kraus’, die zei­gen, dass die­ser durch­aus an den Ge­brauch von „nichts“ als Sub­stan­tiv ge­dacht hat­te: „Das stolz be­kann­te Nichts, das mir zu Hit­ler ein­fiel, schlägt, den­ke ich, al­les, was den ak­ti­ven Frei­heits­kämp­fern nicht ein­ge­fal­len ist. Sie sol­len sich nicht mei­nen Kopf und nicht mein Herz zer­bre­chen!“ Die Fa­ckel, 1935, Nr. 912–915, „Vor­spruch und Nach­ruf“, S. 70.
  20. Sig­mund Freud, Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895), in: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Nach­trags­band. Tex­te aus dem Nach­lass 18851938. Frankfurt/M. 1987, S. Fi­scher, S. 426–427.
  21. War­um die Fa­ckel nicht er­scheint, a.a.O., S. 62.
  22. Dar­un­ter Lou­is Schweit­zer, der Groß­va­ter von Jean-Paul Sart­re. (Vgl. Timms, Karl Kraus, die Kri­se der Nach­kriegs­zeit…, a.a.O., S. 85, 86.)
  23. DWN, S. 56.
  24. DWN, S. 62. 
  25. DWN, S. 98. 
  26. DWN, S. 105. 
  27. DWN, S. 108. Es han­delt sich um die „Greu­el­pro­pa­gan­da“, die dem Feind des Re­gimes zu­ge­schrie­ben wird.
  28. Der ar­gen­ti­ni­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Dr. Nes­tor Braun­stein, der lan­ge in Me­xi­ko ar­bei­te­te, ein ak­ti­ves Mit­glied des Le­se­ko­mi­tees von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, be­klag­te an die­ser Stel­le den Man­gel an Hin­wei­sen auf eine An­zahl von Au­to­ren, wel­che wie Kraus die Spra­che des Drit­ten Rei­ches kri­ti­schen Un­ter­su­chun­gen un­ter­war­fen. Braun­stein er­wähn­te Wil­helm Reich, Ar­nold Schön­berg und na­tür­lich Vic­tor Klem­pe­rer. Reich ging zu Kraus’ Le­sun­gen, dürf­te je­doch sei­ne Hoff­nung auf Dollfuß als Ret­ter Ös­ter­reichs nicht ge­teilt ha­ben. Schön­berg ließ sich von Kraus be­ein­flus­sen, wo­von auch sei­ne zwi­schen 1930 und 1932 ge­schrie­be­ne Oper Mo­ses und Aron Zeug­nis ab­legt, und ar­bei­te­te mit Adolf Loos bei der Grün­dung ei­nes „Kunst­am­tes“ zu­sam­men. Sol­che Af­fi­ni­tä­ten zwi­schen Kraus und sei­nen gro­ßen Zeit­ge­nos­sen im Wi­der­stand ge­gen den Un­geist des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus bräuch­ten mehr als eine ei­ge­ne Ar­beit.  Das gilt na­tür­lich be­son­ders für die Lin­gua Ter­tii Im­pe­rii Vic­tor Klem­pe­rers, an der die­ser wäh­rend des Krie­ges un­ter dem Ein­satz sei­nes Le­bens ar­bei­te­te.
  29. DWN, S. 188, 190, 191.
  30. DWN, S. 137.
  31. DWN, S. 138.
  32. DWN, S. 138.
  33. DWN, S. 139.
  34. DWN, S. 140.
  35. DWN, S. 140.
  36. Sig­mund Freud, San­dor Fe­ren­c­zi, Brief­wech­sel, Band I/1, 1908 bis 1911, her­aus­ge­ge­ben von Eva Bra­bant, Ernst Fal­ze­der, Pa­tri­zia Gi­am­pie­ri-Deutsch. Tran­skrip­ti­on von In­ge­borg Mey­er-Pal­me­do. Wien, Köln, Wei­mar 1993, Böhlau, S. 213. 
  37. Ed­ward Timms, Karl Kraus: Sa­ti­ri­ker der Apo­ka­lyp­se. Le­ben und Werk 1874–1918. Eine Bio­gra­phie. Frankfurt/M. 1999, Suhr­kamp, S. 174. Und Sig­mund Freud, Lou An­dre­as Sa­lo­mé, Brief­wech­sel. Frankfurt/M. 1966, S. Fi­scher, S. 22–23.
  38. ’Tis the time’s pla­gue, when ma­d­men lead the blind…“, King Lear, Akt IV, Sze­ne I, zi­tiert nach DWN, S. 282.

Kommentare

Franz Kaltenbeck: Karl Kraus gegenüber Hitler — 1 Kommentar

  1. Zur Fuß­no­te 28 von Franz Kal­ten­becks wich­ti­gem Text lässt sich an­mer­ken, dass Ernst Bloch 1936 den Auf­satz „Zur Me­tho­den­leh­re der Na­zis“ und 1938 den Text „Der Nazi und das Un­säg­li­che“ ge­schrie­ben hat. Blochs Tex­te, die sich – auch kri­tisch – mit Kraus aus­ein­an­der­set­zen, ver­die­nen ei­nen Kom­men­tar. Eben­so die Fra­ge, ob – trotz Blochs Auf­merk­sam­keit – sei­ne Tex­te Kraus‘ „Dritte(r) Wal­pur­gis­nacht“ ( und den an­de­ren da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Tex­ten ) wirk­lich ge­recht wer­den kön­nen.

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