Passage à l'acte

Franz Kaltenbeck: Eine Diskussion über das, was am 13. November 2015 in Paris geschehen ist

Passage à l'acte - acting outFan­ny de Chail­lé und Phil­ip­pe Ra­met­te: Pas­sa­ge à l’acte / Ac­ting Out
Per­for­mance am 26.–28.9.2013, The In­vi­si­ble Dog, New York, von hier

Vor­ges­tern fand im Théât­re de de La Ver­riè­re, Lil­le, bei vol­lem Haus eine Ver­an­stal­tung mit dem Ziel statt, auf die Vor­gän­ge vom 13. No­vem­ber in Pa­ris ein Licht zu wer­fen. Sa­voirs et Cli­ni­que und Cité­phi­lo hat­ten dazu ein­ge­la­den. Ge­ne­viè­ve Mo­rel hielt den ein­lei­ten­den Vor­trag und stell­te dann Dr. Ca­the­ri­ne Ad­ins, Lei­te­rin der UHSA des Uni­ver­si­täts-Kran­ken­hau­ses von Lil­le, und Pro­fes­sor Gil­les Ke­pel, Pa­ris, Po­li­to­lo­ge, Spe­zia­list für Is­lam-For­schung und ara­bi­sche Welt der Ge­gen­wart vor.

Ge­ne­viè­ve er­in­ner­te dar­an, dass die Psy­cho­ana­ly­se an das Sub­jekt nicht mit den Vor­ur­tei­len der Pa­tho­lo­gie her­an­geht und da­her viel­leicht bes­ser da­für ge­wapp­net ist, die Ur­sa­chen­for­schung auch so schwe­rer Ver­bre­chen vor­an zu trei­ben. Sie zog dann aber doch Mau­rice Di­des „lei­den­schaft­li­che Idea­lis­ten“ als pa­tho­lo­gi­sche Fi­gu­ren her­an, die den At­ten­tä­tern ent­spre­chen könn­ten. Dide schrieb in dem Werk, das er ih­nen 1913 wid­me­te: „Die Idea­lis­ten der Ge­rech­tig­keit ge­hen so weit, die gan­ze Mensch­heit zu fol­tern und sie zu zer­stö­ren, um es der Jus­tiz zu er­lau­ben, ohne Wi­der­spruch zu herr­schen, wäre das auch in ei­ner Wüs­te.“ („Les idéalistes de la jus­ti­ce sont ca­pa­bles de tor­tu­rer l’humanité entière et de la détruire pour per­mett­re à la jus­ti­ce de régner sans con­tes­te, fut-ce dans un désert.“)

Ge­ne­viè­ve er­klär­te da­nach La­cans Be­grif­fe des pas­sa­ge à l’acte und des ac­ting-out, zwei Vor­gän­ge, die für Ana­ly­ti­ker und Psych­ia­ter oft rät­sel­haft blei­ben. Bei­spie­le für den pas­sa­ge à l’acte ent­lieh sie der deut­schen Ge­schich­te: Es han­delt sich um An­ge­la Mer­kels Aus­ruf „Wir schaf­fen das“ wäh­rend des Be­ginns der Flücht­lings­kri­se. Ge­ne­viè­ve ver­gaß auch nicht auf das, wo­mit Wolf­gang Schäub­le die­sen Akt zer­stö­ren woll­te. Er ver­glich die Mas­sen­ein­wan­de­rung mit ei­ner La­wi­ne, die von ei­nem un­ge­schick­ten Schi­fah­rer los­ge­tre­ten wur­de.

Ca­the­ri­ne Ad­ins gab dar­auf­hin Bei­spie­le für die Aus­lö­sung kri­mi­nel­ler Hand­lun­gen und be­schrieb ihre Be­geg­nun­gen mit ge­fan­ge­nen Ter­ro­ris­ten.

Gil­les Ke­pel ver­warf die un­ter Lin­ken be­lieb­te Er­klä­rung mons­trö­ser Ter­ror­an­schlä­ge mit der Le­bens­mi­se­re und der so­zia­len Un­ge­rech­tig­keit, die von Im­mi­gran­ten-Fa­mi­li­en aus dem Ma­ghreb ab­stam­men­de jun­ge Leu­te vor al­lem in den fran­zö­si­schen Vor­städ­ten er­lei­den. Viel erns­ter nahm er ihre zer­rüt­te­ten Fa­mi­li­en und die weit ver­brei­te­te Ab­we­sen­heit ih­rer Vä­ter, die manch­mal zum In­zest zwi­schen den Müt­tern mit ih­ren äl­tes­ten Söh­nen füh­ren. Ca­the­ri­ne Ad­ins be­stä­tig­te die Häu­fig­keit die­ser fa­mi­liä­ren Si­tua­ti­on bei vie­len De­lin­quen­ten. Gil­les Ke­pel sprach dann von der ver­nich­ten­den Wir­kung eng­stir­ni­ger Ko­ran-Aus­le­gun­gen auf die jun­gen Leu­te, die nach Sy­ri­en ge­hen.

Die für mich über­zeu­gends­te Ur­sa­chen-Kon­struk­ti­on der Mas­sa­ker vom 13. No­vem­ber ka­men mit Ke­pels Be­mer­kung zu der In­ter­ak­ti­on zwi­schen den Macht­ha­bern der Ter­ror­grup­pe „Is­la­mi­scher Staat“ und den fran­zö­si­schen und bel­gi­schen Mör­dern zur Spra­che. Nach dem Ab­zug der Ame­ri­ka­ner aus dem Irak bau­ten die­se sun­ni­ti­schen Of­fi­zie­re und Be­am­te ihr Macht­ge­bil­de auf den Rui­nen des von Sad­dam Hus­sein grau­sam ge­führ­ten ira­ki­schen Staa­tes mit sei­ner ein­zi­gen Par­tei auf. Die nun zum Zug ge­kom­me­ne Eli­te hat­te für die aus­ge­wan­der­ten fran­zö­si­schen Ter­ror-Di­let­tan­ten nur Ver­ach­tung. Die zu­künf­ti­gen Mord­ge­sel­len wünsch­ten aber nichts hei­ßer, als die An­er­ken­nung die­ser Män­ner zu ge­win­nen, die in zwei Jah­ren ihr Ter­ri­to­ri­um bis nach Sy­ri­en aus­brei­ten konn­ten. Der fer­ne Is­la­mi­sche Staat wirk­te als ein El Do­ra­do der er­laub­ten Ge­walt. Die An­er­ken­nung durch sei­ne Hier­ar­chie ver­sprach den wohl­wol­len­den Blick ei­nes für un­se­re Auf­fas­sung frem­den Ich-Ide­als, das den frü­he­ren Klein-Ver­bre­chern, Dro­gen­händ­lern und zu­künf­ti­gen Mas­sen­mör­dern im­mer ge­fehlt hat­te. Um die­sen Blick zu er­ha­schen, wa­ren sie zu dem be­reit, was sie am 13. No­vem­ber in Pa­ris ge­tan ha­ben.

Über den Verfasser

Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (As­so­cia­tion pour l’étude de la psy­chana­lyse et de son his­toire) und Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­lyse.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hö­ren: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sätze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Le­sen mit La­can. Auf­sätze zur Psy­cho­ana­lyse (Pa­rodos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­chael Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013).

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com

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