Übersetzung

Daniel Lagache: Ichideal und Ideal-Ich

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, 1933 - zu Idealich und IchidealFreud, zweite zeichnerische Darstellung der zweiten Topik
Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933)

Im Folgenden findeet man meine Übersetzung von Daniel Lagaches Unterscheidung zwischen dem Ichideal und dem Ideal-Ich.

Lacan erläutert die Differenz zwischen dem symbolischen Ichideal (idéal du moi) und dem imaginären Ideal-Ich (moi idéal), die er im Seminar 1 von 1953-54 einführt, am ausführlichsten in dem Aufsatz Remarque sur le rapport de Daniel Lagache: „Psychanalyse et structure de la personnalité“ von 19601; eine Übersetzung des einschlägigen Abschnitts dieser Arbeit findet man in diesem Blog hier. Lacan knüpft in seinem Aufsatz an die, wie er sagt, „meisterhafte“2 Unterscheidung zwischen Ichideal und Ideal-Ich an, wie sie von Lagache 1958 ausgearbeitet worden war, in der Arbeit, auf die sich Lacan im Titel seines Aufsatzes bezieht. Ohne Kenntnis von Lagaches Konzeption ist es schwierig, Lacans Reformulierung nachzuvollziehen. Da Lagaches Arbeit nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, habe ich den Teil von Lagaches Aufsatz übersetzt, in dem die Unterscheidung entwickelt wird.3 Die Überschrift, die Zwischenüberschriften und die Anmerkungen stammen von mir. Mit Dank an Gerhard Herrgott für seine Hilfe bei der Übersetzung. R.N.

SA = Sigmund Freud: Studienausgabe. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000; „SA1, 112“ meint:: Freud, Studienausgabe Band 1, Seite 112.

Daniel Lagache: Ichideal und Ideal-Ich (Übersetzung)

Die strukturelle Analyse des Über-Ichs wirft, wie die des Ichs, ein intersystemisches und ein intrasystemisches Problem auf4; der Fortschritt bei der Lösung des ersten Problems hängt zum großen Teil von dem bei der Lösung des zweiten ab, und zwar deshalb, weil das zweite Problem vergleichsweise vernachlässigt worden ist. Freud selbst begreift in Das Ich und das Es das Über-Ich insgesamt als eine Summe oder ein System von Identifizierungen5; er erinnert hier an den voranalytischen Begriff der multiplen Persönlichkeit6, konzentriert seine Aufmerksamkeit jedoch auf die speziellen Formationen des Über-Ichs, die typischerweise aus dem Untergang des Ödipuskomplexes hervorgehen. Diese Position hat einige Autoren dazu gebracht, sich die Frage nach den präödipalen Vorläufern des Über-Ichs zu stellen sowie die nach seinen postödipalen Umarbeitungen, d.h. nach den genetischen Aspekten des Über-Ichs, wobei sie dessen strukturelle Aspekte meist im Schatten gelassen haben.

Zur Terminologie

Auf diese Weise hält eine Verwirrung der Vorstellungen an, die sich darin zeigt, wie die Freudsche Terminologie gehandhabt wird; Freud spricht, abwechselnd oder gleichzeitig, vom Ideal-Ich (moi idéal), vom Über-Ich (surmoi) und vom Ichideal (idéal du moi); die Psychoanalytiker fragen sich, ob es sich dabei nur um unterschiedliche Termini handelt oder um unterschiedliche Ideen. Das Konstatieren dieser Verlegenheit, verbunden mit der klinischen Erfahrung, gibt Anlass dazu, den Umweg über die Terminologie einzuschlagen, um das Problem der inneren Struktur des Über-Ichs anzugehen. Natürlich folgt aus der Existenz von drei unterschiedlichen Termini nicht zwingend die Existenz von drei unterschiedlichen Begriffen. Nur die Untersuchung der Tatsachen kann es möglich machen, die Frage zu entscheiden. Theoretisch kann man drei Lösungen ins Auge fassen: entweder sind die drei Termini äquivalent und bezeichnen ein und dieselbe Struktur, oder sie bezeichnen drei unterschiedliche Strukturen, oder aber sie beziehen sich auf Substrukturen innerhalb ein und derselben Struktur.

Freuds Terminologie hat drei Phasen durchlaufen.

In Zur Einführung des Narzissmus (1914)7 werden nur die Ausdrücke „Ideal-Ich“ und „Ichideal“ verwendet. Der Text erlaubt es kaum, die Verwendung der Termini zu unterscheiden.8 Freud scheint nur einen einzigen Begriff im Blick gehabt zu haben, dessen strukturelle Natur mehr angedeutet als ausgeführt wird. Das Ich-Ideal hat seinen Ursprung in der Konvergenz des primären Narzissmus mit einer Reihe von Identifizierungen: mit den Eltern, ihren Substituten und den kollektiven Ideen; seine Funktionen sind im Wesentlichen das moralische Bewusstsein, die Selbstbeobachtung und die Zensur; die Regulierung des persönlichen Selbstwertgefühls ist, in veränderlichen Verhältnissen, abhängig vom Narzissmus, vom Ichideal und vom Beitrag der Objektbeziehungen.

In Das Ich und das Es (1923) führt Freud einen neuen Terminus ein, den des „Über-Ichs“, ohne hier auf „Ideal-Ich“ oder „Ichideal“ zu verzichten. Es ist schwierig, aus dem Text einen Sinnunterschied herauszuziehen. Der strukturelle Charakter des Über-Ich-Begriffs wird deutlich betont.9

Die Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933)10 lässt die terminologische Verwirrung fortbestehen, jedoch mit einer Präzisierung: Freud spricht hier vom Ichideal als einer „Funktion“ des Über-Ichs und verortet es so auf derselben Ebene wie die Zensur und die Selbstbeobachtung, ohne aus ihm eine „Struktur“ zu machen, die sich vom Über-Ich unterscheidet.11

Aus dieser terminologischen Untersuchung muss man den Schluss ziehen, dass Freud bei der Verwendung der Termini Über-Ich, Ichideal und Ideal-Ich keine ausdrückliche strukturelle Unterscheidung getroffen hat; der einzige Hinweis, den man bei ihm findet, besteht darin, dass das Ichideal als eine „Funktion“ des Über-Ichs aufzufassen ist.

Die psychoanalytische Literatur zu diesem Thema ist im allgemeinen verworren geblieben, und die Befragung einiger wissenschaftlichen Autoritäten hat uns nicht viel weiter geholfen.12 Nunbergs Terminologie ist jedoch genauer. Seine Neurosenlehre akzeptiert die Äquivalenz von Über-Ich und Ichideal, unterscheidet aber das Ideal-Ich vom Ichideal.13 Das Ideal-Ich wird von Nunberg als eine Formation eingeführt, die chronologisch und genetisch dem Über-Ich vorausgeht: „Das noch unorganisierte Ich, dass sich mit dem Es eins fühlt, entspricht einer idealen Bedingung, und darum nennt man es das „Ideal-Ich“. Das Ideal des kleinen Kindes ist wahrscheinlich das eigene Ich, bis zu dem Moment, wo es dem ersten Widerstand gegen die Befriedigung seiner Bedürfnisse begegnet“14. Nunberg sagt uns außerdem, dass jedes Individuum im Verlauf der Entwicklung „dieses narzisstische Ideal“ hinter sich lässt, dass es aber tatsächlich immer danach strebt, dorthin zurückzukehren. Dies wird vor allem in den Psychosen realisiert, aber auch in den Neurosen: „Jedes Symptom enthält die Verwirklichung eines positiven oder negativen Wunsches, dessen der Patient sich bedient, um die Allmacht zu erlangen.“15

Insgesamt bezeichnet der Ausdruck „Ideal-Ich“ bei Nunberg also eine narzisstische unbewusste Formation, die sich vom Über-Ich, das durch die Identifizierung charakterisiert ist, unterscheidet; bis auf die terminologische Präzisierung findet man dieselbe begriffliche und strukturelle Unterscheidung bei anderen Autoren, etwa bei Fenichel in der Psychoanalytischen Neurosenlehre.16

Fenichel diskutiert hier die Unterscheidung zwischen dem Über-Ich und dem Ichideal, die ihm in der Literatur in zwei Formen begegnet ist. Einige haben vorgeschlagen, eine Unterscheidung zu treffen zwischen dem Ichideal als dem Modell dessen, was man sein möchte, und dem Über-Ich als einer Macht, die bedroht, abwehrt und straft; in Das Ich und das Es hat Freud jedoch gezeigt, so lautet Fenichels Einwand, dass diese beiden Aspekte miteinander verwoben sind. Andere, wie Fromm, unterscheiden zwischen dem echten Ideal, das von der gesamten Persönlichkeit akzeptiert wird, und dem unechten Ideal, das von einer äußeren oder verinnerlichten Autorität auferlegt wird; Fenichel bemerkt hierzu, dass auch das authentischste Ideal das Ergebnis einer Introjektion sein kann.17

Diese rasche Sichtung der Literatur bringt uns dazu, zwei Probleme zu unterscheiden, die im Folgenden nacheinander untersucht werden sollen: zum einen das Verhältnis zwischen dem Über-Ich und dem Ichideal, zwischen zwei Begriffen also, die eng benachbart, wenn nicht gar identisch zu sein scheinen; zum anderen das Verhältnis zwischen dem Ichideal und dem Ideal-Ich, also zwischen Begriffen, die anscheinend, nach erster Prüfung und zumindest Nunberg zufolge, einfacher zu unterscheiden sind.

Über-Ich und Ichideal

Wie wir gesehen haben, werden die Ausdrücke Über-Ich und Ichideal von vielen Autoren, angefangen mit Freud, im selben Sinne verwendet. In der Neuen Folge der Vorlesungen führt Freud zwischen ihnen jedoch eine Unterscheidung ein, indem er aus dem Ichideal eine Funktion des Über-Ichs macht. Wir fragen uns, ob man diese funktionale Unterscheidung durch eine strukturelle Präzisierung ergänzen kann, und wir denken, dass dies möglich ist, indem man auf die intersubjektiven Beziehungen zurückkommt, die dem Über-Ich als Modell gedient haben.

In diesem Modell der Intersubjektivität, das von der Eltern-Kind-Beziehung geliefert wird, muss das Subjekt, um der Autorität nicht zu missfallen und um ihr zu gefallen, bestimmte Verhaltensweisen zurückweisen und andere annehmen, wobei die Autorität „ja“ sagt oder „nein“, „das ist gut“ oder „das ist böse“, „du darfst“ oder „du darfst nicht“, „du sollst“ oder „du sollst nicht“, „ich liebe dich“ oder „ich liebe dich nicht mehr“.

In diesem personologischen Modell entspricht das Über-Ich der Autorität, das Ichideal der Art und Weise, wie das Subjekt sich verhalten muss, um auf die Erwartung der Autorität zu antworten; das Subjekt-Ich (moi-sujet) identifiziert sich mit dem Über-Ich, d. h . mit der Autorität, und das Objekt-Ich (moi-objet) erscheint ihm als etwas, das mit dem Ichideal übereinstimmt oder nicht übereinstimmt.18 Anders gesagt, wir begreifen das Über-Ich und das Ichideal als Formationen, die ein System bilden, welches „im Inneren der Persönlichkeit“ die autoritäre Beziehung zwischen Eltern und Kindern reproduziert. Vom genetischen Standpunkt aus betrachtet hat man die Dinge zu stark vereinfacht, als man das Über-Ich definierte als eine Modifikation des Ichs durch die Identifizierung mit den Eltern, genauer, mit dem idealisierten Bild der Eltern und, besser noch, mit dem Über-Ich der Eltern. Ich habe seit langem darauf hingewiesen, dass das, was verinnerlicht wird, keineswegs das Bild des anderen ist, sondern das Modell einer Beziehung zum anderen; das Kind objektiviert nämlich seine eigene Person nur dadurch, dass es im Verhältnis zu ihr die Position und die Einstellung des anderen einnimmt; auf diesem Wege wird es ihm möglich, sich in ein Subjekt-Ich und ein Objekt-Ich zu verdoppeln; in der Folge kann diese Verdoppelung des Inneren in ein beobachtendes Ich und ein beobachtetes Ich auf autonome Weise funktionieren, und dieses autonome Funktionieren lässt uns seinen intersubjektiven Ursprung vergessen, zu dem das Subjekt jedoch, wie wir wissen, sehr leicht regredieren kann.

Zusammengefasst kann Freuds Formel, dass das Ichideal eine Funktion des Über-Ichs ist, auf folgende Weise strukturell gedeutet werden: Das Ichideal repräsentiert die Art und Weise, wie die Person sich verhalten muss, damit das mit der elterlichen Autorität identifizierte Subjekt-Ich dem Objekt-Ich seine Zustimmung erteilen kann.

Ichideal und Ideal-Ich

Repräsentiert das Ideal-Ich eine andere unbewusste Formation, der man den Status einer Substruktur zusprechen muss, die vom System Über-Ich – Ichideal verschieden ist, oder handelt es sich um eine Differenzierung im Inneren dieses von uns als Über-Ich bezeichneten Identifizierungssystems? Die Wahl zwischen diesen beiden Lösungen ist sekundär. Es kommt darauf an zu wissen, ob man das Ideal-Ich als eine Formation anerkennen muss, die sich durch eine relative Autonomie gegenüber dem System Über-Ich – Ichideal auszeichnet.

Ohne diese Frage ausdrücklich zu stellen, hat Freud auf sie eine negative Antwort gegeben, welche das Ideal-Ich und das Ichideal im Über-Ich vereint. Das Selbstgefühl hängt sowohl von der Unterstützung ab, die das Ich von Seiten des primären Narzissmus erfährt, als auch vom Über-Ich wie auch schließlich von den Objektbeziehungen.19 Das Ideal-Ich wird so in das System Über-Ich – Ichideal eingeschlossen.

Bei Nunberg hingegen bleibt das Ideal-Ich eine Formation, deren relative Autonomie durch ihre Ursprünge hergestellt wird (primärer Narzissmus, Vereinigung des Ichs mit dem Es) sowie durch ihr latentes Fortbestehen und ihr pathologisches Wiederkehren. Das Ideal-Ich ist der strukturelle Ausdruck des Narzissmus der Allmacht.

Wenn man sich der psychoanalytischen Erfahrung zuwendet, scheint es nicht erforderlich zu sein, dass die Antwort auf die so gestellte Frage eindeutig ausfällt; mehrere Möglichkeiten können zutreffen.

Diejenige Möglichkeit, die, wie wir meinen, dem Denken von Freud zu entsprechen scheint, ist die Integration des Ideal-Ichs in das System Über-Ich – Ichideal. Es gibt nämlich Fälle, in denen es klinisch während einer langen Phase der Analyse nicht möglich zu sein scheint, das Ideal-Ich vom Über-Ich zu unterscheiden. Die Heteronomie des Subjekts ist derart, dass seine Identifizierung mit dem Über-Ich unauflöslich zu sein scheint. Wenn diese Identifizierung sich entwickelt, in vergangenen oder aktuellen intersubjektiven Beziehungen, wird die Unterwerfung unter den anderen nicht in Frage gestellt. Es kommt vor, dass dieser andere im gesamten Leben präsent ist.

Eine solche Möglichkeit dürfte aber selten sein. Wenn wir unsere eigene analytische Erfahrung durchgehen, finden wir keinen Fall, in dem eine aufmerksame und geduldige Beobachtung nicht das Ferment der Revolte ans Licht bringt oder die Projektion des Ideal-Ichs auf eine andere Person, auf einen Helden oder ein Kind. Noch das abhängigste Subjekt kann versuchen, seinem Kind eine Freiheit zu geben, die ihm selbst nicht gewährt wurde und die es sich auch nicht erobert hat, und dies, obwohl seine pädagogische Einstellung regelmäßig autoritäre Züge aufweist.

Man kann daraus schließen, dass die vollständige Einschmelzung des Ideal-Ichs in das Ichideal nur selten auf absolute und beständige Weise realisiert wird und dass sie deshalb ein ideales Modell darstellt, dem sich bestimmte Fälle annähern.

Das andere Extrem besteht darin, dass die Formation Über-Ich – Ichideal abwesend oder zumindest unwirksam ist und dass das Subjekt sich mit dem Ideal-Ich identifiziert. In solchen Fällen werden die Gestalten der moralischen Autorität zwar objektiviert, sie werden jedoch nicht „anerkannt“; sie werden abgewertet, verachtet, als Gegner oder als Feinde betrachtet; die Identifizierung mit dem Ichideal steht nicht zur Debatte: die „Konformisten“ werden kritisiert und verhöhnt. Das persönliche Ideal ist hier ein narzisstisches Ideal der Allmacht. Es erlaubt eine Identifizierung nur mit solchen Personen, die außergewöhnlich sind und ein hohes Ansehen genießen. Wenn das Subjekt in Fragen seines persönlichen Werts schmerzliche Gefühle verspürt, sind es Gefühle der Minderwertigkeit, des Unvermögens (d’impuissance), des Scheiterns; und wenn das Gefühl der Verfehlung erscheint, dann aus dem Grunde, weil dieses narzisstische Ideal verfehlt worden ist.

In dieser Ordnung der Ideen habe ich bereits früher die „heroische Identifizierung“ beschrieben20, und dieser Begriff, der anlässlich gewisser Eifersüchtiger gebildet worden ist, hat sich bei der Analyse der Persönlichkeitsstruktur zahlreicher Delinquenten bewährt. Diese Auffassung hat eine Tragweite, die weit größer ist, und zwar aufgrund der Existenz zahlreicher „Quasi-Delinquenten“. Diese Subjekte sind keineswegs unfähig, sich die Sichtweise von anderen vorzustellen, sie übernehmen sie jedoch nicht. Oft sprechen sie von ihrem narzisstischen und heroischen Ideal als von einem „schlechten Ich“ – eine ihrer typischen Bemerkungen ist „Ich weiß, dass ich einen schlechten Charakter habe“ –, es handelt sich jedoch um ein schlechtes Ich, dem gegenüber sie, in der Art von wohlwollenden Eltern, zu Nachsicht und Zärtlichkeit neigen. Sie sind keineswegs unfähig zu „lieben“, ihr Liebesobjekt ist jedoch eine Projektion des Ideal-Ichs, in ausgeprägten Fällen eine Zuspitzung, eine Vervollkommnung des schlechten Ichs. Ihr „gewähltes Milieu“ besteht aus Leuten, die dem Subjekt, das mit dem Ideal-Ich identifiziert wird, Verständnis und Bewunderung entgegenbringen und es nachahmen. Derartige Subjekte können Verhaltensweisen annehmen, die äußerlich moralisch sind, aufgrund ihres Realitätssinns, und zugleich als Instrumenten der Allmacht.

Schließlich gibt es Fälle, die sich begreifen lassen als Oszillieren des Subjekts zwischen dem Ideal-Ich und dem Ichideal. In bestimmten Lebensgeschichten ist der Konflikt zwischen diesen beiden Identifizierungen klar erkennbar, vorausgesetzt, dass man die Untersuchung weit genug vorantreibt. Jean Delay gibt uns dafür in seiner Studie La jeunesse d’André Gide (Die Jugend des André Gide) ein Beispiel.21 In der Psychoanalyse werden die frappierendsten Beispiele durch Fälle geliefert, die sich klinisch zu Beginn der Behandlung als zugespitzte Formen von moralischem Masochismus darstellen. Oft kommt es vor, dass das Subjekt dem Ideal-Ich einen eingegrenzten Bereich reserviert hat, etwa das Studium oder das Autofahren. Das Ideal-Ich zeigt sich außerdem in der leidenschaftlichen Bewunderung für große Persönlichkeiten der Geschichte oder des gegenwärtigen Lebens, für Persönlichkeiten, die sich durch ihre Unabhängigkeit, ihren Stolz oder ihren Einfluss auszeichnen. In dem Maße, in dem die Behandlung foranschreitet, sieht man, wie das Ideal-Ich sich abzeichnet, wie es auftaucht, als eine Formation, die sich nicht auf das Ichideal reduzieren lässt. In den Versuchen, sich vom Über-Ich zu lösen, stützt sich das Subjekt auf die Identifizierung mit angesehenen Personen, mit dem Analytiker – Wiederkehr einer primären Identifizierung, die bei der Errichtung des Über-Ichs verdrängt worden war.

Genetische Aspekte

In der Entwicklung der Beziehungen zwischen dem Ideal-Ich22 und dem Über-Ich (Ichideal) kann man vier theoretische Möglichkeiten unterscheiden:

1. Fälle, in denen das Ideal-Ich fortbesteht und sich die Formation Über-Ich – Ichideal nicht herausgebildet hat oder schwach geblieben ist,
2. Fortbestehen des Konflikts zwischen der Identifizierung mit dem Ideal-Ich und der mit dem Über-Ich – Ichideal,
3. Auslöschen des Ideal-Ichs durch die Formation Über-Ich – Ichideal,
4. Wiedereinsetzen des Ideal-Ichs gegen die Formation Über-Ich – Ichideal.

Diese genetische Betrachtung wirft die Frage auf, in welcher Beziehung das Ideal-Ich und das Über-Ich zum Ödipuskomplex stehen. Freud sagt uns, dass das Über-Ich der Erbe des Ödipuskomplexes ist23, und auch, dass das Scheitern der kindlichen Sexualität eine narzisstische Narbe hinterlässt24. Könnte die hier untersuchte Unterscheidung es ermöglichen, den strukturellen Aspekt des Ödipuskonflikts besser zu begreifen?

Das Ideal-Ich, d.h., Nunberg zufolge, das mit dem Es vereinte Ich, gehört der präödipalen Phase an. Nunbergs Konzeption ist insofern lückenhaft, als sie nur das isolierte Subjekt ins Auge fasst, ohne den intersubjektiven Kontext zu berücksichtigen, insbesondere die Beziehung des Kindes zur Mutter. Wenn das Kind sich noch im Stadium der parasitären Vereinigung befindet und seine Passivität seine Aktivität überwiegt, empfängt das Kind seine Person aus der Situation, mit einer synkretistischen Teilhabe25 an der Allmacht der Mutter26. Die Fortschritte der Aktivität ermöglichen die primäre Identifizierung mit der Mutter. Je mehr die Aktivität des Kindes zunimmt, desto stärker gerät es mit der der Mutter in Konflikt. Die Zurückweisung durch die Mutter stellt das Kind vor eine Alternative: entweder es unterwirft sich und regrediert zur parasitären Teilhabe, oder es widersetzt sich, indem es sich mit dem Angreifer identifiziert.27 Die Psychologen haben den Beginn der Periode der Opposition auf das Alter zwischen dem 12. und dem 18. Monat festgelegt; vor kurzem hat René Spitz in Nein und Ja den Erwerb des „Nein“ auf den 15. Monat datiert.28 Was wollen wir damit zeigen? Das Ideal-Ich, aufgefasst als ein narzisstisches Allmachtsideal, lässt sich nicht auf die „Vereinigung des Ichs mit dem Es“ reduzieren, es ist vielmehr verbunden mit der primären Identifizierung mit einem anderen Wesen, das mit Allmacht ausgestattet wird, d.h. mit der Mutter; und der „Primärkonflikt“ präfiguriert die Alternative der Identifizierung mit dem Ideal-Ich oder dem Über-Ich.

In der Dreieckssituation kommt es häufig vor, dass sich die Mutter auf den Vater bezieht, um ihre Autorität zu stärken; zugleich aber sucht das Kind in der primären Identifizierung mit dem Vater ein Mittel, um sich gegen die Autorität der Mutter zu wehren. Diese primäre Identifizierung mit dem Vater führt dazu, dass es mit ihm in Konflikt gerät, und dies aus Gründen, die sich nicht auf die Rivalität um den Liebesbesitz der Mutter reduzieren lassen. Die Auflösung dieses Konflikts setzt voraus, dass die primäre Identifizierung mit dem Vater aufgegeben wird – das ist die „narzisstische Narbe“, von der Freud spricht –, und dass der Übergang zu einer Position der Unterwerfung vollzogen wird, deren extreme Gestalt der negative Ödipuskomplex ist29; die Vaterimago wird zum Modell für die Autoritäten, die Verfolger, die homosexuellen Verführer; das Ideal-Ich wird mehr oder weniger vollständig vom System Über-Ich – Ichideal ersetzt. Vom strukturellen Standpunkt aus betrachtet, kann der Ödipuskonflikt gedeutet werden als Konflikt zwischen der primären Identifizierung mit dem Vater und der sekundären Identifizierung mit ihm, zwischen dem Ideal-Ich und dem Über-Ich – Ichideal.

In der klassischen Beschreibung der Latenzperiode wird dieses Ideal-Ich von der Formation des Über-Ichs absorbiert. Aber diese Beschreibung passt nur zu einem Teil der Fakten: häufig kommt es vor, dass der Konflikt zwischen dem Ideal-Ich und dem Über-Ich fortbesteht.

Die Pubertätsphase wird klassischerweise als ein Konflikt zwischen dem Es und dem Über-Ich beschrieben: die Triebe des Es werden von der organischen Seite her verstärkt; die Autorität der Eltern sowie die Identifizierung mit dem elterlichen Über-Ich werden in Frage gestellt; der Konflikt wird dadurch gelöst, dass die inzestuösen Objekte aufgegeben und neue Objekte besetzt werden. Eine solche Beschreibung erschöpft jedoch nicht den strukturellen Aspekt des Konflikts; insbesondere berücksichtigt sie nicht hinreichend, dass die Tagträume der Adoleszenz nicht nur erotische, sondern auch „megalomanische“ Tagträume sind. Das Ideal-Ich wird von neubesetzt oder seine Besetzung wird verstärkt, oft unterstützt durch neue Identifizierungen mit angesehenen Personen. Der Heranwachsende identifiziert sich von neuem mit dem Ideal-Ich und versucht auf diesem Wege, sich vom Über-Ich und vom Ichideal abzulösen. In anderen Fällen entwickeln sich die Dinge unauffälliger, und die Integration des Ideal-Ichs in das Über-Ich kann fortbestehen, zumindest dem Anschein nach.

Nach der Pubertät kann dieser strukturelle Konflikt latent bleiben, sich verlängern, fortbestehen. Wenn es in bestimmten Grenzen bleibt, kann dieses Alternieren zwischen der Identifizierung mit dem Ideal-Ich und der mit dem Über-Ich, die Suche nach einem Kompromiss zwischen beiden nicht als pathologisch begriffen werden. Es drückt einen wesentlichen Aspekt dessen aus, was die Bedingungen des Menschseins sind, zumindest unter den kulturellen Bedingungen, die noch immer die unsrigen sind.

Einzelne Anwendungen der Unterscheidung

Freud hat in der analytischen Psychopathologie nach 1910 zunehmend mit einer Konzeptualisierung gearbeitet, die die intersubjektiven Beziehungen und die Identifizierung ins Spiel bringt, die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Über-Ich. Die Unterscheidung zwischen dem Ideal-Ich und dem Ichideal ermöglicht es, bestimmte Lösungen mit größerer Strenge zu formulieren.

Bei Freud gibt es die Tendenz, Minderwertigkeitsgefühle und Schuldgefühle auf dieselbe Weise zu interpretieren, trotz ihrer Bedeutungsunterschiede: in beiden Fällen reflektiert die „Spannung“ zwischen dem Über-Ich und dem Ich einen Verlust von Liebe und von Wertschätzung in einer intersubjektiven Beziehung. Es ist richtig, dass beide Arten von Gefühlen einer „narzisstischen Narbe“ entsprechen, die in der kritischen Einstellung des Subjekt-Ichs gegenüber dem Objekt-Ich zum Ausdruck kommt. Sicherlich gibt es auch Fälle, die mehrdeutig sind; es stimmt, dass eine Schwäche des Subjekts von ihm so empfunden werden kann – oder dass man es dazu gebracht hat, sie so zu empfinden –, dass es sich dabei nicht um einen Mangel handelt, sondern um einen moralischen Fehler. Dennoch stellen die Gefühle der Schuld und die der Minderwertigkeit in ihren differenzierteren Formen nicht dieselben Aspekte der Person in Frage: im ersten Fall leidet das Subjekt daran, nicht dem Ichideal zu entsprechen, was darauf beruht, dass die Erwartung der anderen zu seiner eigenen geworden ist; beim Minderwertigkeitsgefühl hingegen leidet das Subjekt darunter, dass es seiner eigenen Erwartung nicht entspricht; auch sein Konformismus gegenüber dem Ichideal kann als Minderwertigkeit empfunden werden. Ein solcher Mann, auf dem Weg der Emanzipation, wirft sich dann abwechselnd seine Beziehungen zu Prostituieren vor, die im Gegensatz zu seinen moralischen Prinzipien stehen, und seine Unfähigkeit, sich von diesen Prinzipien zu lösen und „seine natürlichen Rechte“ geltend zu machen. Der passive Gehorsam gegenüber dem sozialen und moralischen Gesetz kann als ein Fehlverhalten empfunden werden, unter Bezug auf einen Wertekodex, der nicht mehr zum Über-Ich gehört, sondern zum Ideal-Ich.

Bei der strukturellen Deutung der Melancholie oder der Manie bezieht man sich auf die Identifizierung mit dem Ichideal, ohne dabei eine hinreichende sprachliche Präzisierung vorzunehmen. Die Unterscheidung zwischen dem Ichideal und dem Ideal-Ich ermöglicht größere Klarheit. Bei der Melancholie und, allgemeiner, bei den verschiedenen Formen der Depression identifiziert sich das Subjekt-Ich mit dem Über-Ich, geht mit der repressiven Autorität ein Bündnis ein und wütet gegen das Objekt-Ich; das Ideal-Ich bleibt im Schatten; wenn es erscheint, dann als ein schlechtes Ich, wobei es einzig deswegen schlecht ist, weil es leben will; durch bestimmte Identifizierungen und Projektionen kann es gestützt werden. Wenn die Analyse den Ambivalenzkonflikt mit dem Objekt zum Vorschein bringt und die Angriffe auf dieses Objekt sich entwickeln, wird das Objekt mal als moralische Autorität angegriffen, auf die das Über-Ich projiziert wird, mal als Ideal-Ich, das nach Autonomie und nach Leben strebt. Was die Manie angeht, so genügt es nicht zu sagen, dass das Ichideal vom Ich reabsorbiert wird; das ist weder ganz vollständig noch ganz exakt: selbst in seinen verschleierten Formen geht der manische Schub mit einer Befreiung aggressiver und sexueller Triebe einher; diese Position ist möglicherweise regressiver als die Melancholie, es waren die Kliniker, die auf ihre infantilen und verspielten Züge hingewiesen haben; in strukturellen Termini gesprochen identifiziert sich der Manische mit dem die Triebe repräsentierenden Ideal-Ich – Größenideen sind häufig –, und diese Identifizierung dient ihm dazu, sich vom System Überich – Ichideal zu lösen; eine Zirkuläre30, die nach dem Selbstmord ihres Vaters einen manischen Schub durchlief, ruft aus: „Ich habe genug von einer solchen Erbschaft.“ Dass „das Ichideal vom Ich reabsorbiert wird“ besagt also unserer Meinung nach, dass hier die Identifikation mit dem Ideal-Ich vorherrscht.

Durch die Unterscheidung zwischen dem Ideal-Ich und dem Ichideal lässt sich auch die Struktur der persekutiven und der megalomanischen Position aufhellen. Bei der persekutiven Position wird auf den Verfolger eine Vaterimago projiziert, die eine Autorität ist, die Befehle erteilt31, die überwacht, kritisiert, verurteilt und sexuell unterwirft. Bei der megalomanischen Position ist die vorherrschende Identifizierung die mit dem Ideal-Ich und mit Gestalten, die Prestige haben, und die typische Entwicklung des Wahns lässt die Identifizierung mit dem Ideal-Ich als Abwehrreaktion gegen die Identifizierung mit dem Über-Ich zum Vorschein kommen. So sind bei einem Patienten mit schwerer Neurose und gelegentlichem leichtem Delirium, dem es jedoch gelingt, seine Projektionen zu kontrollieren und zu reduzieren, die Verfolger Menschen mit Autorität, die ihn in eine demütigende Kind-Position bringen, Menschen, die im Schatten agieren, um ihn zu überwachen und um seine Vorhaben zu durchkreuzen, bisweilen auch homosexuelle Verfolger; in der „megalomanischen“ Position, wenn er sich als frei und stark begreift, begeistert er sich für die großen Gestalten der Politik und identifiziert er sich mit denen, die gerade mächtig sind. Die Verfolgungsideen beziehen sich also auf das Über-Ich, die Größenvorstellungen auf das Ideal-Ich; diese strukturelle Unterscheidung wird von Freud in seiner genetischen Deutung angeschnitten, wenn er die Verfolgung mit der homosexuellen Phase in Verbindung bringt, den Größenwahn mit der narzisstischen Phase.

Der normale Konflikt

Das Über-Ich ist ein System von intersubjektiven Beziehungen und Identifizierungen. Freud hat die Komplexität dieses Systems und die Vielfalt der Identifizierungen erkannt. Er hat jedoch das Problem der inneren Struktur des Über-Ichs kaum vertieft; man kann sagen, dass er sich bei den strukturellen Konsequenzen des Ödipuskonflikts darauf beschränkt hat, das relative Gewicht der Vateridentifizierung und der Mutteridentifizierung zusammenzubringen mit der ursprünglichen Bisexualität und der Vorherrschaft der männlichen oder weiblichen Anteile.

Unser Versuch, das Problem der inneren Struktur des Über-Ichs aufzuhellen, hat viele Aspekte beiseite gelassen. Aber die Antinomie zwischen dem Ideal-Ich und dem Über-Ich – Ichideal, zwischen der narzisstischen Identifizierung mit der Allmacht und der Unterwerfung unter die Allmacht ist sicherlich eine wesentliche Dimension.

Der „intrasystemische“ Konflikt des Über-Ichs erhellt den intersystemischen Konflikt zwischen dem Ich und dem Über-Ich. Das Ich, sagt Freud, muss sich vom Über-Ich unabhängig machen. In diesem Kampf um Autonomie, gegen die Identifizierung mit dem Über-Ich, stützt sich das Subjekt auf andere Identifizierungen, in die es sein Bedürfnis nach Allmacht investiert, insbesondere auf die Identifizierung mit dem Analytiker; diese vorübergehenden Identifizierungen gehen letztlich auf das Ideal-Ich zurück sowie auf die primären Identifizierungen, die mit ihm verbunden sind.

So hat also der Zugang des Subjekts zur „Autonomie des Ichs“ den Durchgang durch den „Autonomismus des Ideal-Ichs“ zur Voraussetzung. Ein Durchgang und kein Endzustand, denn es lässt sich nicht verkennen, dass die Identifizierung des Subjekts mit dem Ideal-Ich selbst eine heteronome Bedingung ist, von der das Subjekt sich lösen muss. Dies führt uns zurück zu dem Gedanken, den wir bereits geäußert haben, dass der „normale“ Zustand in dem antinomischen Konflikt bestehen könnte zwischen dem Autonomismus des Ideal-Ichs und der Heteronomie des Ichideals und in der bisweilen mühseligen Suche nach einem Kompromiss.

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Anmerkungen

  1. In: Écrits. Éditions du Seuil, Paris 1966, S. 647-684; Vortrag von 1958, endgültige Fassung von 1960, zuerst veröffentlicht 1961, nicht übersetzt. Der Titel meint „Anmerkung zu Daniel Lagaches Vortrag ‚Psychoanalyse und Struktur der Persönlichkeit'“. Lacans Formulierung des Titels von Lagaches Aufsatz weicht von der veröffentlichten Fassung dieses Titels leicht ab.
  2. Ebd., S. 671.
  3. Daniel Lagache: La psychanalyse et la structure de la personnalité. Vortrag von 1958, zuerst veröffentlicht in: La Psychanalyse, 6. Jg. (1961), S. 5-54. Übersetzt nach dem Abdruck in: D. Lagache: Oeuvres, Bd. 4: 1956-1962. Agressivité, structure de la personnalité et autres travaux. Paris: Presses universitaires de France 1982, ISBN: 2-13-037423-9, S. 191-238, übersetzt wird nur Teil VII, „Sur la structure du surmoi“, S. 220-230.
  4. Mit „strukturell“ und „Struktur“ bezieht Lagache sich in seinem Aufsatz auf die Gliederung der psychischen Persönlichkeit in die Instanzen Es, Ich und Über-Ich sowie auf die innere Gliederung dieser Instanzen.
  5. SA3, 273-330. Der Begriff des Über-Ichs wird von Freud in Teil III von Das Ich und das Es eingeführt (SA3, 296-306), er trägt die Überschrift „Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal)“.
  6. SA3, 298
  7. SA3, 37- 68; darin zu Ichideal und Ideal-Ich: 60-68.
  8. In Zur Einführung des Narzissmus ist „Ichideal“ der vorherrschende Terminus. Der Ausdruck „Ideal-Ich“ erscheint hier nur einmal, in einem Absatz, in dem anschließend wieder vom „Ichideal“ die Rede ist, ohne dass ein Unterschied expliziert wird: „Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus erscheint auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich hier, wie jedesmal auf dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, auf die einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die narzißtische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt, sucht er sie in der neuen Form des Ichideals wiederzugewinnen. Was er als sein Ideal vor sich hin projiziert, ist der Ersatz für den verlorenen Narzißmus seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war.“ (SA3, 60f., Hervorhebungen R.N., Schrebweise von „Ideal-Ich“ korrigiert nach der Ausgabe von 1914)
    Den Terminus „Ideal-Ich“ findet man außerdem in den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17): Der Kranke, der an Beobachtungswahn leidet, „verspürt das Walten einer Instanz in seinem Ich, welche sein aktuelles Ich und jede seiner Betätigungen an einem Ideal-Ich mißt, das er sich im Laufe seiner Entwicklung geschaffen hat.“ (SA1, 413, Hervorhebung im Original)
    Freuds Schreibweise ist schwankend.
    – In Zur Einführung des Narzissmus, Ausgabe von 1914, schreibt er „Ichideal“ und „Ideal-Ich“ (S. 17 f.). In der Ausgabe von 1924 findet man „Ichideal“ und „Idealich“ (S. 26), ebenso in den Gesammelten Schriften von 1925 (GS 6, S. 178).
    – In den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17) findet man ebenfalls „Ideal-Ich“.
    – In Das Ich und das Es, Ausgabe von 1923, schreibt er  „Ich-Ideal“. In der Ausgabe dieses Textes in den Gesammelten Schriften von 1925 schreibt er nebeneinander „Ichideal“ und „Ich-Ideal“, sogar auf derselben Seite (GW 6, S. 372).
    – In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933) ist die Schreibung „Ichideal“.
    Freud schreibt also wechselnd „Ichideal“ und „Ich-Ideal“, zuletzt „Ichideal“, und ebenfalls wechselnd „Idealich“ und „Ideal-Ich“, zuletzt „Ideal-Ich“. Wenn man sich festlegen will, sind nach dem Kriterium „Version der letzten Hand“ die Schreibungungen „Ichideal“ und „Ideal-Ich“ am plausibelsten; so findet man das in der Übersetzung des Ethik-Seminars durch Norbert Haas (vgl. etwa Seminar 7, Version Miller/Haas, S. 282).
    Die Herausgeber der Gesammelten Werke schreiben so:
    – In Zur Einführung des Narzissmus findet man hier „Ichideal“ und „Idealich“ (GW 10, S. 161) – wie zuletzt bei Freud.
    – In den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse  heißt es „Ideal-Ich“ (GW 11, S. 444) – wie bei Freud.
    – In Das Ich und das Es liest man hier nebeneinander „Ich-Ideal“ und „Ichideal“, sogar auf derselben Seite (GW 13, S. 256) – wie zuletzt bei Freud.
    – In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse „Ichideal“ (GW 15, S. 71) – wie bei Freud.
  9. In Das Ich und das Es werden die Ausdrücke „Ich-Ideal“ und „Über-Ich“ nebeneinander verwendet; der Ausdruck „Ideal-Ich“ fehlt hier ganz. „Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden.“ (SA3, 296, Hervorhebung im Original)
  10. SA1, 447-608
  11. „Wir haben noch eine wichtige Funktion zu erwähnen, die wir diesem Über-Ich zuteilen. Es ist auch der Träger des Ichideals, an dem das Ich sich mißt, dem es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel, dieses Ichideal ist der Niederschlag der alten Elternvorstellung, der Ausdruck der Bewunderung jener Vollkommenheit, die das Kind ihnen damals zuschrieb.“ (SA1, 503)
  12. Möglicherweise eine Anspielung auf die Arbeiten von Hartmann, Kris und Löwenstein sowie von Rapaport, in denen versucht wird, die Psychoanalyse auf andere Disziplinen zu beziehen – auf Psychophysiologie, Lernpsychologie, Sozialpsychologie usw. –, um auf diesem Wege eine allgemeine Ichpsychologie zu begründen. Vgl. etwa Heinz Hartmann, Ernst Kris, Rudolf M. Loewenstein: Comments on the formation of psychic structure. In: Psychoanalytic Study of the Child, 2 (1946), S. 11-38; David Rapaport: On the psycho-analytic theory of thinking. In: International Journal of Psycho-Analysis, 31 (1950).– Vgl. auch die Hinweise auf Hartmann und Rapaport auf S. 208 f. von Lagaches Aufsatz .
  13. Hermann Nunberg: Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage. Mit einem Geleitwort von Sigmund Freud. Hans Huber, Bern 1932
  14. Rückübersetzung aus dem Französischen.
  15. Rückübersetzung aus dem Französischen.
  16. Otto Fenichel: The psychoanalytical theory of neurosis (1946). Routledge, London 1999, zum Verhältnis von Über-Ich und Ichideal (ego ideal) siehe hierin Kapitel VI „Later phases of development: the super-ego“, darin S. 93 f. (dt.: Psychoanalytische Neurosenlehre. 3 Bde. Übers. v. Klaus Laermann. Walter-Verlag, Olten (Schweiz) und Freiburg im Breisgau 1974 (Bd. 1), 1975 (Bd. 2), 1977 (Bd. 3) ).
  17. „But even the most genuine ideals have been created by introjection.“ (A.a.O., S. 94)
  18. Die Begriffe „Subjekt-Ich“ und „Objekt-Ich“ werden von Lagache an einer früheren Stelle des Aufsatzes erläutert. Durch die Verinnerlichung der intersubjektiven Beziehung gelangt das Subjekt dazu, sich wie ein Objekt zu behandeln, damit kommt es zur Spaltung in ein Subjekt-Ich und ein Objekt-Ich. Das Objekt-Ich geht auf den Körper und den Namen zurück, der Begriff des Subjekt-Ichs steht für die Intentionalität, die Erwartung, die Reflexion und das Handeln. Das Subjekt-Ich kann sich nicht objektivieren, ohne aufzuhören, ein Subjekt zu sein. (Vgl. in diesem Aufsatz, Oeuvres 4, 1982, S. 203.)
  19. Vgl. Freud: Zur Einführung des Narzissmus, SA3, 64-66.
  20. Vgl. D. Lagache: Contribution à la psychologie de la conduite criminelle. Commentaire psychanalytique d’une expertise d’homicide (1948). In: Ders.: Oeuvres, vol. II, 1947-1952: Le psychologue et le criminel. Presses Universitaires de France, Paris 1979, S. 43-74 (Anmerkung im Original, vom Übersetzer überarbeitet)
  21. 2 Bde. Gallimard, Paris 1956-57.– Vgl. hierzu auch: Lacan: Jeunesse de Gide ou la lettre et le désir (1958). In: Ders.: Ecrits. Éditions du Seuil, Paris 1966, S. 739-764 (nicht ins Deutsche übersetzt).
  22. Im Original steht hier „idéal du moi“, also Ichideal, offenkundig ein Schreibfehler.
  23. Das Ich und das Es, SA3, 299-302
  24. Jenseits des Lustprinzips (1920), SA3, 230
  25. „Synkretistisches Denken“ meint bei Piaget die holistische und egozentrische Weltsicht des Kindes. Vgl. Jean Piaget: Le langage et la pensée chez l’enfant. Delachaux & Niestle, Neuchâtel und Paris 1923 (dt.: Sprechen und Denken des Kindes. Schwann, Düsseldorf 1972).
  26. Freud entwickelt das Konzept von der Allmacht des Denkens in Totem und Tabu (1912/13), ausgehend von der Analyse des „Rattenmanns“(Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909) ); in Zur Einführung des Narzissmus (1914) wird das Konzept von Freud weiter ausgearbeitet.
  27. Vgl. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936). 21. Aufl. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2006, darin Kap. 9, „Die Identifizierung mit dem Angreifer“.
  28. René Spitz: No and yes: On the genesis of human communication. International University Press, New York 1957 (dt.: Nein und Ja. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Klett, Stuttgart 1957)
  29. Unter dem negativen Ödipuskomplex versteht Freud die zärtliche Einstellung gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und die eifersüchtig-feindselige Einstellung gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Vgl. Das Ich und das Es, SA 3, 300.
  30. Une circulaire, Frau, die an „zirkulärem Irresein“ leidet; der Terminus wurde in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts von den fran­zö­si­schen Psych­ia­tern Jean-Pierre Fal­ret und Ju­les Bail­lar­ger engeführt. Er wurde dann durch Emile Kraepelins Begriff „manisch-depressives Irresein“ ersetzt, schließich durch „bipolare Störung“; vgl. diesen Blogartikel.
  31. Qui fait la loi, wörtlich „die das Gesetz macht“, auch im Sinne von „die das Gesetz simuliert“.

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