Übersetzung

Daniel Lagache: Ichideal und Ideal-Ich

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, 1933 - zu Idealich und IchidealFreud, zwei­te zeich­ne­ri­sche Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik
Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933)

Im Fol­gen­den fin­de­et man mei­ne Über­set­zung von Da­ni­el Lag­a­ches Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ichi­de­al und dem Ide­al-Ich.

La­can er­läu­tert die Dif­fe­renz zwi­schen dem sym­bo­li­schen Ichi­de­al (idéal du moi) und dem ima­gi­nä­ren Ide­al-Ich (moi idéal), die er im Se­mi­nar 1 von 1953–54 ein­führt, am aus­führ­lichs­ten in dem Auf­satz Re­mar­que sur le rap­port de Da­ni­el Lag­a­che: „Psy­chana­ly­se et struc­tu­re de la per­son­na­lité“ von 19601; eine Über­set­zung des ein­schlä­gi­gen Ab­schnitts die­ser Ar­beit fin­det man in die­sem Blog hier. La­can knüpft in sei­nem Auf­satz an die, wie er sagt, „meis­ter­haf­te“2 Un­ter­schei­dung zwi­schen Ichi­de­al und Ide­al-Ich an, wie sie von Lag­a­che 1958 aus­ge­ar­bei­tet wor­den war, in der Ar­beit, auf die sich La­can im Ti­tel sei­nes Auf­sat­zes be­zieht. Ohne Kennt­nis von Lag­a­ches Kon­zep­ti­on ist es schwie­rig, La­cans Re­for­mu­lie­rung nach­zu­voll­zie­hen. Da Lag­a­ches Ar­beit nicht ins Deut­sche über­setzt wor­den ist, habe ich den Teil von Lag­a­ches Auf­satz über­setzt, in dem die Un­ter­schei­dung ent­wi­ckelt wird.3 Die Über­schrift, die Zwi­schen­über­schrif­ten und die An­mer­kun­gen stam­men von mir. Mit Dank an Ger­hard Herr­gott für sei­ne Hil­fe bei der Über­set­zung. R.N.

SA = Sig­mund Freud: Stu­di­en­aus­ga­be. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000; „SA1, 112“ meint:: Freud, Stu­di­en­aus­ga­be Band 1, Sei­te 112.

Daniel Lagache: Ichideal und Ideal-Ich (Übersetzung)

Die struk­tu­rel­le Ana­ly­se des Über-Ichs wirft, wie die des Ichs, ein in­ter­sys­te­mi­sches und ein in­tra­sys­te­mi­sches Pro­blem auf4; der Fort­schritt bei der Lö­sung des ers­ten Pro­blems hängt zum gro­ßen Teil von dem bei der Lö­sung des zwei­ten ab, und zwar des­halb, weil das zwei­te Pro­blem ver­gleichs­wei­se ver­nach­läs­sigt wor­den ist. Freud selbst be­greift in Das Ich und das Es das Über-Ich ins­ge­samt als eine Sum­me oder ein Sys­tem von Iden­ti­fi­zie­run­gen5; er er­in­nert hier an den vor­ana­ly­ti­schen Be­griff der mul­ti­plen Per­sön­lich­keit6, kon­zen­triert sei­ne Auf­merk­sam­keit je­doch auf die spe­zi­el­len For­ma­tio­nen des Über-Ichs, die ty­pi­scher­wei­se aus dem Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes her­vor­ge­hen. Die­se Po­si­ti­on hat ei­ni­ge Au­to­ren dazu ge­bracht, sich die Fra­ge nach den präö­di­pa­len Vor­läu­fern des Über-Ichs zu stel­len so­wie die nach sei­nen post­ödi­pa­len Um­ar­bei­tun­gen, d.h. nach den ge­ne­ti­schen As­pek­ten des Über-Ichs, wo­bei sie des­sen struk­tu­rel­le As­pek­te meist im Schat­ten ge­las­sen ha­ben.

Zur Terminologie

Auf die­se Wei­se hält eine Ver­wir­rung der Vor­stel­lun­gen an, die sich dar­in zeigt, wie die Freud­sche Ter­mi­no­lo­gie ge­hand­habt wird; Freud spricht, ab­wech­selnd oder gleich­zei­tig, vom Ide­al-Ich (moi idéal), vom Über-Ich (sur­moi) und vom Ichi­de­al (idéal du moi); die Psy­cho­ana­ly­ti­ker fra­gen sich, ob es sich da­bei nur um un­ter­schied­li­che Ter­mi­ni han­delt oder um un­ter­schied­li­che Ide­en. Das Kon­sta­tie­ren die­ser Ver­le­gen­heit, ver­bun­den mit der kli­ni­schen Er­fah­rung, gibt An­lass dazu, den Um­weg über die Ter­mi­no­lo­gie ein­zu­schla­gen, um das Pro­blem der in­ne­ren Struk­tur des Über-Ichs an­zu­ge­hen. Na­tür­lich folgt aus der Exis­tenz von drei un­ter­schied­li­chen Ter­mi­ni nicht zwin­gend die Exis­tenz von drei un­ter­schied­li­chen Be­grif­fen. Nur die Un­ter­su­chung der Tat­sa­chen kann es mög­lich ma­chen, die Fra­ge zu ent­schei­den. Theo­re­tisch kann man drei Lö­sun­gen ins Auge fas­sen: ent­we­der sind die drei Ter­mi­ni äqui­va­lent und be­zeich­nen ein und die­sel­be Struk­tur, oder sie be­zeich­nen drei un­ter­schied­li­che Struk­tu­ren, oder aber sie be­zie­hen sich auf Sub­struk­tu­ren in­ner­halb ein und der­sel­ben Struk­tur.

Freuds Ter­mi­no­lo­gie hat drei Pha­sen durch­lau­fen.

In Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus (1914)7 wer­den nur die Aus­drü­cke „Ide­al-Ich“ und „Ichi­de­al“ ver­wen­det. Der Text er­laubt es kaum, die Ver­wen­dung der Ter­mi­ni zu un­ter­schei­den.8 Freud scheint nur ei­nen ein­zi­gen Be­griff im Blick ge­habt zu ha­ben, des­sen struk­tu­rel­le Na­tur mehr an­ge­deu­tet als aus­ge­führt wird. Das Ich-Ide­al hat sei­nen Ur­sprung in der Kon­ver­genz des pri­mä­ren Nar­ziss­mus mit ei­ner Rei­he von Iden­ti­fi­zie­run­gen: mit den El­tern, ih­ren Sub­sti­tu­ten und den kol­lek­ti­ven Ide­en; sei­ne Funk­tio­nen sind im We­sent­li­chen das mo­ra­li­sche Be­wusst­sein, die Selbst­be­ob­ach­tung und die Zen­sur; die Re­gu­lie­rung des per­sön­li­chen Selbst­wert­ge­fühls ist, in ver­än­der­li­chen Ver­hält­nis­sen, ab­hän­gig vom Nar­ziss­mus, vom Ichi­de­al und vom Bei­trag der Ob­jekt­be­zie­hun­gen.

In Das Ich und das Es (1923) führt Freud ei­nen neu­en Ter­mi­nus ein, den des „Über-Ichs“, ohne hier auf „Ide­al-Ich“ oder „Ichi­de­al“ zu ver­zich­ten. Es ist schwie­rig, aus dem Text ei­nen Sinn­un­ter­schied her­aus­zu­zie­hen. Der struk­tu­rel­le Cha­rak­ter des Über-Ich-Be­griffs wird deut­lich be­tont.9

Die Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933)10 lässt die ter­mi­no­lo­gi­sche Ver­wir­rung fort­be­stehen, je­doch mit ei­ner Prä­zi­sie­rung: Freud spricht hier vom Ichi­de­al als ei­ner „Funk­ti­on“ des Über-Ichs und ver­or­tet es so auf der­sel­ben Ebe­ne wie die Zen­sur und die Selbst­be­ob­ach­tung, ohne aus ihm eine „Struk­tur“ zu ma­chen, die sich vom Über-Ich un­ter­schei­det.11

Aus die­ser ter­mi­no­lo­gi­schen Un­ter­su­chung muss man den Schluss zie­hen, dass Freud bei der Ver­wen­dung der Ter­mi­ni Über-Ich, Ichi­de­al und Ide­al-Ich kei­ne aus­drück­li­che struk­tu­rel­le Un­ter­schei­dung ge­trof­fen hat; der ein­zi­ge Hin­weis, den man bei ihm fin­det, be­steht dar­in, dass das Ichi­de­al als eine „Funk­ti­on“ des Über-Ichs auf­zu­fas­sen ist.

Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Li­te­ra­tur zu die­sem The­ma ist im all­ge­mei­nen ver­wor­ren ge­blie­ben, und die Be­fra­gung ei­ni­ger wis­sen­schaft­li­chen Au­to­ri­tä­ten hat uns nicht viel wei­ter ge­hol­fen.12 Nun­bergs Ter­mi­no­lo­gie ist je­doch ge­nau­er. Sei­ne Neu­ro­sen­leh­re ak­zep­tiert die Äqui­va­lenz von Über-Ich und Ichi­de­al, un­ter­schei­det aber das Ide­al-Ich vom Ichi­de­al.13 Das Ide­al-Ich wird von Nun­berg als eine For­ma­ti­on ein­ge­führt, die chro­no­lo­gisch und ge­ne­tisch dem Über-Ich vor­aus­geht: „Das noch un­or­ga­ni­sier­te Ich, dass sich mit dem Es eins fühlt, ent­spricht ei­ner idea­len Be­din­gung, und dar­um nennt man es das „Ide­al-Ich“. Das Ide­al des klei­nen Kin­des ist wahr­schein­lich das ei­ge­ne Ich, bis zu dem Mo­ment, wo es dem ers­ten Wi­der­stand ge­gen die Be­frie­di­gung sei­ner Be­dürf­nis­se be­geg­net“14. Nun­berg sagt uns au­ßer­dem, dass je­des In­di­vi­du­um im Ver­lauf der Ent­wick­lung „die­ses nar­ziss­ti­sche Ide­al“ hin­ter sich lässt, dass es aber tat­säch­lich im­mer da­nach strebt, dort­hin zu­rück­zu­keh­ren. Dies wird vor al­lem in den Psy­cho­sen rea­li­siert, aber auch in den Neu­ro­sen: „Je­des Sym­ptom ent­hält die Ver­wirk­li­chung ei­nes po­si­ti­ven oder ne­ga­ti­ven Wun­sches, des­sen der Pa­ti­ent sich be­dient, um die All­macht zu er­lan­gen.“15

Ins­ge­samt be­zeich­net der Aus­druck „Ide­al-Ich“ bei Nun­berg also eine nar­ziss­ti­sche un­be­wuss­te For­ma­ti­on, die sich vom Über-Ich, das durch die Iden­ti­fi­zie­rung cha­rak­te­ri­siert ist, un­ter­schei­det; bis auf die ter­mi­no­lo­gi­sche Prä­zi­sie­rung fin­det man die­sel­be be­griff­li­che und struk­tu­rel­le Un­ter­schei­dung bei an­de­ren Au­to­ren, etwa bei Fe­ni­chel in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Neu­ro­sen­leh­re.16

Fe­ni­chel dis­ku­tiert hier die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Über-Ich und dem Ichi­de­al, die ihm in der Li­te­ra­tur in zwei For­men be­geg­net ist. Ei­ni­ge ha­ben vor­ge­schla­gen, eine Un­ter­schei­dung zu tref­fen zwi­schen dem Ichi­de­al als dem Mo­dell des­sen, was man sein möch­te, und dem Über-Ich als ei­ner Macht, die be­droht, ab­wehrt und straft; in Das Ich und das Es hat Freud je­doch ge­zeigt, so lau­tet Fe­ni­chels Ein­wand, dass die­se bei­den As­pek­te mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. An­de­re, wie Fromm, un­ter­schei­den zwi­schen dem ech­ten Ide­al, das von der ge­sam­ten Per­sön­lich­keit ak­zep­tiert wird, und dem un­ech­ten Ide­al, das von ei­ner äu­ße­ren oder ver­in­ner­lich­ten Au­to­ri­tät auf­er­legt wird; Fe­ni­chel be­merkt hier­zu, dass auch das au­then­tischs­te Ide­al das Er­geb­nis ei­ner In­tro­jek­ti­on sein kann.17

Die­se ra­sche Sich­tung der Li­te­ra­tur bringt uns dazu, zwei Pro­ble­me zu un­ter­schei­den, die im Fol­gen­den nach­ein­an­der un­ter­sucht wer­den sol­len: zum ei­nen das Ver­hält­nis zwi­schen dem Über-Ich und dem Ichi­de­al, zwi­schen zwei Be­grif­fen also, die eng be­nach­bart, wenn nicht gar iden­tisch zu sein schei­nen; zum an­de­ren das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ichi­de­al und dem Ide­al-Ich, also zwi­schen Be­grif­fen, die an­schei­nend, nach ers­ter Prü­fung und zu­min­dest Nun­berg zu­fol­ge, ein­fa­cher zu un­ter­schei­den sind.

Über-Ich und Ichideal

Wie wir ge­se­hen ha­ben, wer­den die Aus­drü­cke Über-Ich und Ichi­de­al von vie­len Au­to­ren, an­ge­fan­gen mit Freud, im sel­ben Sin­ne ver­wen­det. In der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen führt Freud zwi­schen ih­nen je­doch eine Un­ter­schei­dung ein, in­dem er aus dem Ichi­de­al eine Funk­ti­on des Über-Ichs macht. Wir fra­gen uns, ob man die­se funk­tio­na­le Un­ter­schei­dung durch eine struk­tu­rel­le Prä­zi­sie­rung er­gän­zen kann, und wir den­ken, dass dies mög­lich ist, in­dem man auf die in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hun­gen zu­rück­kommt, die dem Über-Ich als Mo­dell ge­dient ha­ben.

In die­sem Mo­dell der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät, das von der El­tern-Kind-Be­zie­hung ge­lie­fert wird, muss das Sub­jekt, um der Au­to­ri­tät nicht zu miss­fal­len und um ihr zu ge­fal­len, be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen zu­rück­wei­sen und an­de­re an­neh­men, wo­bei die Au­to­ri­tät „ja“ sagt oder „nein“, „das ist gut“ oder „das ist böse“, „du darfst“ oder „du darfst nicht“, „du sollst“ oder „du sollst nicht“, „ich lie­be dich“ oder „ich lie­be dich nicht mehr“.

In die­sem per­so­no­lo­gi­schen Mo­dell ent­spricht das Über-Ich der Au­to­ri­tät, das Ichi­de­al der Art und Wei­se, wie das Sub­jekt sich ver­hal­ten muss, um auf die Er­war­tung der Au­to­ri­tät zu ant­wor­ten; das Sub­jekt-Ich (moi-su­jet) iden­ti­fi­ziert sich mit dem Über-Ich, d. h . mit der Au­to­ri­tät, und das Ob­jekt-Ich (moi-ob­jet) er­scheint ihm als et­was, das mit dem Ichi­de­al über­ein­stimmt oder nicht über­ein­stimmt.18 An­ders ge­sagt, wir be­grei­fen das Über-Ich und das Ichi­de­al als For­ma­tio­nen, die ein Sys­tem bil­den, wel­ches „im In­ne­ren der Per­sön­lich­keit“ die au­to­ri­tä­re Be­zie­hung zwi­schen El­tern und Kin­dern re­pro­du­ziert. Vom ge­ne­ti­schen Stand­punkt aus be­trach­tet hat man die Din­ge zu stark ver­ein­facht, als man das Über-Ich de­fi­nier­te als eine Mo­di­fi­ka­ti­on des Ichs durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit den El­tern, ge­nau­er, mit dem idea­li­sier­ten Bild der El­tern und, bes­ser noch, mit dem Über-Ich der El­tern. Ich habe seit lan­gem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das, was ver­in­ner­licht wird, kei­nes­wegs das Bild des an­de­ren ist, son­dern das Mo­dell ei­ner Be­zie­hung zum an­de­ren; das Kind ob­jek­ti­viert näm­lich sei­ne ei­ge­ne Per­son nur da­durch, dass es im Ver­hält­nis zu ihr die Po­si­ti­on und die Ein­stel­lung des an­de­ren ein­nimmt; auf die­sem Wege wird es ihm mög­lich, sich in ein Sub­jekt-Ich und ein Ob­jekt-Ich zu ver­dop­peln; in der Fol­ge kann die­se Ver­dop­pe­lung des In­ne­ren in ein be­ob­ach­ten­des Ich und ein be­ob­ach­te­tes Ich auf au­to­no­me Wei­se funk­tio­nie­ren, und die­ses au­to­no­me Funk­tio­nie­ren lässt uns sei­nen in­ter­sub­jek­ti­ven Ur­sprung ver­ges­sen, zu dem das Sub­jekt je­doch, wie wir wis­sen, sehr leicht re­gre­die­ren kann.

Zu­sam­men­ge­fasst kann Freuds For­mel, dass das Ichi­de­al eine Funk­ti­on des Über-Ichs ist, auf fol­gen­de Wei­se struk­tu­rell ge­deu­tet wer­den: Das Ichi­de­al re­prä­sen­tiert die Art und Wei­se, wie die Per­son sich ver­hal­ten muss, da­mit das mit der el­ter­li­chen Au­to­ri­tät iden­ti­fi­zier­te Sub­jekt-Ich dem Ob­jekt-Ich sei­ne Zu­stim­mung er­tei­len kann.

Ichideal und Ideal-Ich

Re­prä­sen­tiert das Ide­al-Ich eine an­de­re un­be­wuss­te For­ma­ti­on, der man den Sta­tus ei­ner Sub­struk­tur zu­spre­chen muss, die vom Sys­tem Über-Ich – Ichi­de­al ver­schie­den ist, oder han­delt es sich um eine Dif­fe­ren­zie­rung im In­ne­ren die­ses von uns als Über-Ich be­zeich­ne­ten Iden­ti­fi­zie­rungs­sys­tems? Die Wahl zwi­schen die­sen bei­den Lö­sun­gen ist se­kun­där. Es kommt dar­auf an zu wis­sen, ob man das Ide­al-Ich als eine For­ma­ti­on an­er­ken­nen muss, die sich durch eine re­la­ti­ve Au­to­no­mie ge­gen­über dem Sys­tem Über-Ich – Ichi­de­al aus­zeich­net.

Ohne die­se Fra­ge aus­drück­lich zu stel­len, hat Freud auf sie eine ne­ga­ti­ve Ant­wort ge­ge­ben, wel­che das Ide­al-Ich und das Ichi­de­al im Über-Ich ver­eint. Das Selbst­ge­fühl hängt so­wohl von der Un­ter­stüt­zung ab, die das Ich von Sei­ten des pri­mä­ren Nar­ziss­mus er­fährt, als auch vom Über-Ich wie auch schließ­lich von den Ob­jekt­be­zie­hun­gen.19 Das Ide­al-Ich wird so in das Sys­tem Über-Ich – Ichi­de­al ein­ge­schlos­sen.

Bei Nun­berg hin­ge­gen bleibt das Ide­al-Ich eine For­ma­ti­on, de­ren re­la­ti­ve Au­to­no­mie durch ihre Ur­sprün­ge her­ge­stellt wird (pri­mä­rer Nar­ziss­mus, Ver­ei­ni­gung des Ichs mit dem Es) so­wie durch ihr la­ten­tes Fort­be­stehen und ihr pa­tho­lo­gi­sches Wie­der­keh­ren. Das Ide­al-Ich ist der struk­tu­rel­le Aus­druck des Nar­ziss­mus der All­macht.

Wenn man sich der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung zu­wen­det, scheint es nicht er­for­der­lich zu sein, dass die Ant­wort auf die so ge­stell­te Fra­ge ein­deu­tig aus­fällt; meh­re­re Mög­lich­kei­ten kön­nen zu­tref­fen.

Die­je­ni­ge Mög­lich­keit, die, wie wir mei­nen, dem Den­ken von Freud zu ent­spre­chen scheint, ist die In­te­gra­ti­on des Ide­al-Ichs in das Sys­tem Über-Ich – Ichi­de­al. Es gibt näm­lich Fäl­le, in de­nen es kli­nisch wäh­rend ei­ner lan­gen Pha­se der Ana­ly­se nicht mög­lich zu sein scheint, das Ide­al-Ich vom Über-Ich zu un­ter­schei­den. Die He­te­ro­no­mie des Sub­jekts ist der­art, dass sei­ne Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Über-Ich un­auf­lös­lich zu sein scheint. Wenn die­se Iden­ti­fi­zie­rung sich ent­wi­ckelt, in ver­gan­ge­nen oder ak­tu­el­len in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hun­gen, wird die Un­ter­wer­fung un­ter den an­de­ren nicht in Fra­ge ge­stellt. Es kommt vor, dass die­ser an­de­re im ge­sam­ten Le­ben prä­sent ist.

Eine sol­che Mög­lich­keit dürf­te aber sel­ten sein. Wenn wir un­se­re ei­ge­ne ana­ly­ti­sche Er­fah­rung durch­ge­hen, fin­den wir kei­nen Fall, in dem eine auf­merk­sa­me und ge­dul­di­ge Be­ob­ach­tung nicht das Fer­ment der Re­vol­te ans Licht bringt oder die Pro­jek­ti­on des Ide­al-Ichs auf eine an­de­re Per­son, auf ei­nen Hel­den oder ein Kind. Noch das ab­hän­gigs­te Sub­jekt kann ver­su­chen, sei­nem Kind eine Frei­heit zu ge­ben, die ihm selbst nicht ge­währt wur­de und die es sich auch nicht er­obert hat, und dies, ob­wohl sei­ne päd­ago­gi­sche Ein­stel­lung re­gel­mä­ßig au­to­ri­tä­re Züge auf­weist.

Man kann dar­aus schlie­ßen, dass die voll­stän­di­ge Ein­schmel­zung des Ide­al-Ichs in das Ichi­de­al nur sel­ten auf ab­so­lu­te und be­stän­di­ge Wei­se rea­li­siert wird und dass sie des­halb ein idea­les Mo­dell dar­stellt, dem sich be­stimm­te Fäl­le an­nä­hern.

Das an­de­re Ex­trem be­steht dar­in, dass die For­ma­ti­on Über-Ich – Ichi­de­al ab­we­send oder zu­min­dest un­wirk­sam ist und dass das Sub­jekt sich mit dem Ide­al-Ich iden­ti­fi­ziert. In sol­chen Fäl­len wer­den die Ge­stal­ten der mo­ra­li­schen Au­to­ri­tät zwar ob­jek­ti­viert, sie wer­den je­doch nicht „an­er­kannt“; sie wer­den ab­ge­wer­tet, ver­ach­tet, als Geg­ner oder als Fein­de be­trach­tet; die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ichi­de­al steht nicht zur De­bat­te: die „Kon­for­mis­ten“ wer­den kri­ti­siert und ver­höhnt. Das per­sön­li­che Ide­al ist hier ein nar­ziss­ti­sches Ide­al der All­macht. Es er­laubt eine Iden­ti­fi­zie­rung nur mit sol­chen Per­so­nen, die au­ßer­ge­wöhn­lich sind und ein ho­hes An­se­hen ge­nie­ßen. Wenn das Sub­jekt in Fra­gen sei­nes per­sön­li­chen Werts schmerz­li­che Ge­füh­le ver­spürt, sind es Ge­füh­le der Min­der­wer­tig­keit, des Un­ver­mö­gens (d’impuissance), des Schei­terns; und wenn das Ge­fühl der Ver­feh­lung er­scheint, dann aus dem Grun­de, weil die­ses nar­ziss­ti­sche Ide­al ver­fehlt wor­den ist.

In die­ser Ord­nung der Ide­en habe ich be­reits frü­her die „he­roi­sche Iden­ti­fi­zie­rung“ be­schrie­ben20, und die­ser Be­griff, der an­läss­lich ge­wis­ser Ei­fer­süch­ti­ger ge­bil­det wor­den ist, hat sich bei der Ana­ly­se der Per­sön­lich­keits­struk­tur zahl­rei­cher De­lin­quen­ten be­währt. Die­se Auf­fas­sung hat eine Trag­wei­te, die weit grö­ßer ist, und zwar auf­grund der Exis­tenz zahl­rei­cher „Qua­si-De­lin­quen­ten“. Die­se Sub­jek­te sind kei­nes­wegs un­fä­hig, sich die Sicht­wei­se von an­de­ren vor­zu­stel­len, sie über­neh­men sie je­doch nicht. Oft spre­chen sie von ih­rem nar­ziss­ti­schen und he­roi­schen Ide­al als von ei­nem „schlech­ten Ich“ – eine ih­rer ty­pi­schen Be­mer­kun­gen ist „Ich weiß, dass ich ei­nen schlech­ten Cha­rak­ter habe“ –, es han­delt sich je­doch um ein schlech­tes Ich, dem ge­gen­über sie, in der Art von wohl­wol­len­den El­tern, zu Nach­sicht und Zärt­lich­keit nei­gen. Sie sind kei­nes­wegs un­fä­hig zu „lie­ben“, ihr Lie­bes­ob­jekt ist je­doch eine Pro­jek­ti­on des Ide­al-Ichs, in aus­ge­präg­ten Fäl­len eine Zu­spit­zung, eine Ver­voll­komm­nung des schlech­ten Ichs. Ihr „ge­wähl­tes Mi­lieu“ be­steht aus Leu­ten, die dem Sub­jekt, das mit dem Ide­al-Ich iden­ti­fi­ziert wird, Ver­ständ­nis und Be­wun­de­rung ent­ge­gen­brin­gen und es nach­ah­men. Der­ar­ti­ge Sub­jek­te kön­nen Ver­hal­tens­wei­sen an­neh­men, die äu­ßer­lich mo­ra­lisch sind, auf­grund ih­res Rea­li­täts­sinns, und zu­gleich als In­stru­men­ten der All­macht.

Schließ­lich gibt es Fäl­le, die sich be­grei­fen las­sen als Os­zil­lie­ren des Sub­jekts zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Ichi­de­al. In be­stimm­ten Le­bens­ge­schich­ten ist der Kon­flikt zwi­schen die­sen bei­den Iden­ti­fi­zie­run­gen klar er­kenn­bar, vor­aus­ge­setzt, dass man die Un­ter­su­chung weit ge­nug vor­an­treibt. Jean De­lay gibt uns da­für in sei­ner Stu­die La jeu­nesse d’André Gide (Die Ju­gend des An­dré Gide) ein Bei­spiel.21 In der Psy­cho­ana­ly­se wer­den die frap­pie­rends­ten Bei­spie­le durch Fäl­le ge­lie­fert, die sich kli­nisch zu Be­ginn der Be­hand­lung als zu­ge­spitz­te For­men von mo­ra­li­schem Ma­so­chis­mus dar­stel­len. Oft kommt es vor, dass das Sub­jekt dem Ide­al-Ich ei­nen ein­ge­grenz­ten Be­reich re­ser­viert hat, etwa das Stu­di­um oder das Au­to­fah­ren. Das Ide­al-Ich zeigt sich au­ßer­dem in der lei­den­schaft­li­chen Be­wun­de­rung für gro­ße Per­sön­lich­kei­ten der Ge­schich­te oder des ge­gen­wär­ti­gen Le­bens, für Per­sön­lich­kei­ten, die sich durch ihre Un­ab­hän­gig­keit, ih­ren Stolz oder ih­ren Ein­fluss aus­zeich­nen. In dem Maße, in dem die Be­hand­lung for­an­schrei­tet, sieht man, wie das Ide­al-Ich sich ab­zeich­net, wie es auf­taucht, als eine For­ma­ti­on, die sich nicht auf das Ichi­de­al re­du­zie­ren lässt. In den Ver­su­chen, sich vom Über-Ich zu lö­sen, stützt sich das Sub­jekt auf die Iden­ti­fi­zie­rung mit an­ge­se­he­nen Per­so­nen, mit dem Ana­ly­ti­ker – Wie­der­kehr ei­ner pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung, die bei der Er­rich­tung des Über-Ichs ver­drängt wor­den war.

Genetische Aspekte

In der Ent­wick­lung der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Ide­al-Ich22 und dem Über-Ich (Ichi­de­al) kann man vier theo­re­ti­sche Mög­lich­kei­ten un­ter­schei­den:

1. Fäl­le, in de­nen das Ide­al-Ich fort­be­steht und sich die For­ma­ti­on Über-Ich – Ichi­de­al nicht her­aus­ge­bil­det hat oder schwach ge­blie­ben ist,
2. Fort­be­stehen des Kon­flikts zwi­schen der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ide­al-Ich und der mit dem Über-Ich – Ichi­de­al,
3. Aus­lö­schen des Ide­al-Ichs durch die For­ma­ti­on Über-Ich – Ichi­de­al,
4. Wie­der­ein­set­zen des Ide­al-Ichs ge­gen die For­ma­ti­on Über-Ich – Ichi­de­al.

Die­se ge­ne­ti­sche Be­trach­tung wirft die Fra­ge auf, in wel­cher Be­zie­hung das Ide­al-Ich und das Über-Ich zum Ödi­pus­kom­plex ste­hen. Freud sagt uns, dass das Über-Ich der Erbe des Ödi­pus­kom­ple­xes ist23, und auch, dass das Schei­tern der kind­li­chen Se­xua­li­tät eine nar­ziss­ti­sche Nar­be hin­ter­lässt24. Könn­te die hier un­ter­such­te Un­ter­schei­dung es er­mög­li­chen, den struk­tu­rel­len As­pekt des Ödi­pus­kon­flikts bes­ser zu be­grei­fen?

Das Ide­al-Ich, d.h., Nun­berg zu­fol­ge, das mit dem Es ver­ein­te Ich, ge­hört der präö­di­pa­len Pha­se an. Nun­bergs Kon­zep­ti­on ist in­so­fern lü­cken­haft, als sie nur das iso­lier­te Sub­jekt ins Auge fasst, ohne den in­ter­sub­jek­ti­ven Kon­text zu be­rück­sich­ti­gen, ins­be­son­de­re die Be­zie­hung des Kin­des zur Mut­ter. Wenn das Kind sich noch im Sta­di­um der pa­ra­si­tä­ren Ver­ei­ni­gung be­fin­det und sei­ne Pas­si­vi­tät sei­ne Ak­ti­vi­tät über­wiegt, emp­fängt das Kind sei­ne Per­son aus der Si­tua­ti­on, mit ei­ner syn­kre­tis­ti­schen Teil­ha­be25 an der All­macht der Mut­ter26. Die Fort­schrit­te der Ak­ti­vi­tät er­mög­li­chen die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit der Mut­ter. Je mehr die Ak­ti­vi­tät des Kin­des zu­nimmt, des­to stär­ker ge­rät es mit der der Mut­ter in Kon­flikt. Die Zu­rück­wei­sung durch die Mut­ter stellt das Kind vor eine Al­ter­na­ti­ve: ent­we­der es un­ter­wirft sich und re­gre­diert zur pa­ra­si­tä­ren Teil­ha­be, oder es wi­der­setzt sich, in­dem es sich mit dem An­grei­fer iden­ti­fi­ziert.27 Die Psy­cho­lo­gen ha­ben den Be­ginn der Pe­ri­ode der Op­po­si­ti­on auf das Al­ter zwi­schen dem 12. und dem 18. Mo­nat fest­ge­legt; vor kur­zem hat René Spitz in Nein und Ja den Er­werb des „Nein“ auf den 15. Mo­nat da­tiert.28 Was wol­len wir da­mit zei­gen? Das Ide­al-Ich, auf­ge­fasst als ein nar­ziss­ti­sches All­machts­ide­al, lässt sich nicht auf die „Ver­ei­ni­gung des Ichs mit dem Es“ re­du­zie­ren, es ist viel­mehr ver­bun­den mit der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem an­de­ren We­sen, das mit All­macht aus­ge­stat­tet wird, d.h. mit der Mut­ter; und der „Pri­mär­kon­flikt“ prä­fi­g­u­riert die Al­ter­na­ti­ve der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ide­al-Ich oder dem Über-Ich.

In der Drei­ecks­si­tua­ti­on kommt es häu­fig vor, dass sich die Mut­ter auf den Va­ter be­zieht, um ihre Au­to­ri­tät zu stär­ken; zu­gleich aber sucht das Kind in der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter ein Mit­tel, um sich ge­gen die Au­to­ri­tät der Mut­ter zu weh­ren. Die­se pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter führt dazu, dass es mit ihm in Kon­flikt ge­rät, und dies aus Grün­den, die sich nicht auf die Ri­va­li­tät um den Lie­bes­be­sitz der Mut­ter re­du­zie­ren las­sen. Die Auf­lö­sung die­ses Kon­flikts setzt vor­aus, dass die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter auf­ge­ge­ben wird – das ist die „nar­ziss­ti­sche Nar­be“, von der Freud spricht –, und dass der Über­gang zu ei­ner Po­si­ti­on der Un­ter­wer­fung voll­zo­gen wird, de­ren ex­tre­me Ge­stalt der ne­ga­ti­ve Ödi­pus­kom­plex ist29; die Va­terim­a­go wird zum Mo­dell für die Au­to­ri­tä­ten, die Ver­fol­ger, die ho­mo­se­xu­el­len Ver­füh­rer; das Ide­al-Ich wird mehr oder we­ni­ger voll­stän­dig vom Sys­tem Über-Ich – Ichi­de­al er­setzt. Vom struk­tu­rel­len Stand­punkt aus be­trach­tet, kann der Ödi­pus­kon­flikt ge­deu­tet wer­den als Kon­flikt zwi­schen der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter und der se­kun­dä­ren Iden­ti­fi­zie­rung mit ihm, zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Über-Ich – Ichi­de­al.

In der klas­si­schen Be­schrei­bung der La­tenz­pe­ri­ode wird die­ses Ide­al-Ich von der For­ma­ti­on des Über-Ichs ab­sor­biert. Aber die­se Be­schrei­bung passt nur zu ei­nem Teil der Fak­ten: häu­fig kommt es vor, dass der Kon­flikt zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Über-Ich fort­be­steht.

Die Pu­ber­täts­pha­se wird klas­si­scher­wei­se als ein Kon­flikt zwi­schen dem Es und dem Über-Ich be­schrie­ben: die Trie­be des Es wer­den von der or­ga­ni­schen Sei­te her ver­stärkt; die Au­to­ri­tät der El­tern so­wie die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem el­ter­li­chen Über-Ich wer­den in Fra­ge ge­stellt; der Kon­flikt wird da­durch ge­löst, dass die in­zes­tuö­sen Ob­jek­te auf­ge­ge­ben und neue Ob­jek­te be­setzt wer­den. Eine sol­che Be­schrei­bung er­schöpft je­doch nicht den struk­tu­rel­len As­pekt des Kon­flikts; ins­be­son­de­re be­rück­sich­tigt sie nicht hin­rei­chend, dass die Tag­träu­me der Ado­les­zenz nicht nur ero­ti­sche, son­dern auch „me­ga­lo­ma­ni­sche“ Tag­träu­me sind. Das Ide­al-Ich wird von neu­be­setzt oder sei­ne Be­set­zung wird ver­stärkt, oft un­ter­stützt durch neue Iden­ti­fi­zie­run­gen mit an­ge­se­he­nen Per­so­nen. Der Her­an­wach­sen­de iden­ti­fi­ziert sich von neu­em mit dem Ide­al-Ich und ver­sucht auf die­sem Wege, sich vom Über-Ich und vom Ichi­de­al ab­zu­lö­sen. In an­de­ren Fäl­len ent­wi­ckeln sich die Din­ge un­auf­fäl­li­ger, und die In­te­gra­ti­on des Ide­al-Ichs in das Über-Ich kann fort­be­stehen, zu­min­dest dem An­schein nach.

Nach der Pu­ber­tät kann die­ser struk­tu­rel­le Kon­flikt la­tent blei­ben, sich ver­län­gern, fort­be­stehen. Wenn es in be­stimm­ten Gren­zen bleibt, kann die­ses Al­ter­nie­ren zwi­schen der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ide­al-Ich und der mit dem Über-Ich, die Su­che nach ei­nem Kom­pro­miss zwi­schen bei­den nicht als pa­tho­lo­gisch be­grif­fen wer­den. Es drückt ei­nen we­sent­li­chen As­pekt des­sen aus, was die Be­din­gun­gen des Mensch­seins sind, zu­min­dest un­ter den kul­tu­rel­len Be­din­gun­gen, die noch im­mer die uns­ri­gen sind.

Einzelne Anwendungen der Unterscheidung

Freud hat in der ana­ly­ti­schen Psy­cho­pa­tho­lo­gie nach 1910 zu­neh­mend mit ei­ner Kon­zep­tua­li­sie­rung ge­ar­bei­tet, die die in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hun­gen und die Iden­ti­fi­zie­rung ins Spiel bringt, die Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Ich und dem Über-Ich. Die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Ichi­de­al er­mög­licht es, be­stimm­te Lö­sun­gen mit grö­ße­rer Stren­ge zu for­mu­lie­ren.

Bei Freud gibt es die Ten­denz, Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le und Schuld­ge­füh­le auf die­sel­be Wei­se zu in­ter­pre­tie­ren, trotz ih­rer Be­deu­tungs­un­ter­schie­de: in bei­den Fäl­len re­flek­tiert die „Span­nung“ zwi­schen dem Über-Ich und dem Ich ei­nen Ver­lust von Lie­be und von Wert­schät­zung in ei­ner in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hung. Es ist rich­tig, dass bei­de Ar­ten von Ge­füh­len ei­ner „nar­ziss­ti­schen Nar­be“ ent­spre­chen, die in der kri­ti­schen Ein­stel­lung des Sub­jekt-Ichs ge­gen­über dem Ob­jekt-Ich zum Aus­druck kommt. Si­cher­lich gibt es auch Fäl­le, die mehr­deu­tig sind; es stimmt, dass eine Schwä­che des Sub­jekts von ihm so emp­fun­den wer­den kann – oder dass man es dazu ge­bracht hat, sie so zu emp­fin­den –, dass es sich da­bei nicht um ei­nen Man­gel han­delt, son­dern um ei­nen mo­ra­li­schen Feh­ler. Den­noch stel­len die Ge­füh­le der Schuld und die der Min­der­wer­tig­keit in ih­ren dif­fe­ren­zier­te­ren For­men nicht die­sel­ben As­pek­te der Per­son in Fra­ge: im ers­ten Fall lei­det das Sub­jekt dar­an, nicht dem Ichi­de­al zu ent­spre­chen, was dar­auf be­ruht, dass die Er­war­tung der an­de­ren zu sei­ner ei­ge­nen ge­wor­den ist; beim Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl hin­ge­gen lei­det das Sub­jekt dar­un­ter, dass es sei­ner ei­ge­nen Er­war­tung nicht ent­spricht; auch sein Kon­for­mis­mus ge­gen­über dem Ichi­de­al kann als Min­der­wer­tig­keit emp­fun­den wer­den. Ein sol­cher Mann, auf dem Weg der Eman­zi­pa­ti­on, wirft sich dann ab­wech­selnd sei­ne Be­zie­hun­gen zu Pro­sti­tu­ie­ren vor, die im Ge­gen­satz zu sei­nen mo­ra­li­schen Prin­zi­pi­en ste­hen, und sei­ne Un­fä­hig­keit, sich von die­sen Prin­zi­pi­en zu lö­sen und „sei­ne na­tür­li­chen Rech­te“ gel­tend zu ma­chen. Der pas­si­ve Ge­hor­sam ge­gen­über dem so­zia­len und mo­ra­li­schen Ge­setz kann als ein Fehl­ver­hal­ten emp­fun­den wer­den, un­ter Be­zug auf ei­nen Wer­te­ko­dex, der nicht mehr zum Über-Ich ge­hört, son­dern zum Ide­al-Ich.

Bei der struk­tu­rel­len Deu­tung der Me­lan­cho­lie oder der Ma­nie be­zieht man sich auf die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ichi­de­al, ohne da­bei eine hin­rei­chen­de sprach­li­che Prä­zi­sie­rung vor­zu­neh­men. Die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ichi­de­al und dem Ide­al-Ich er­mög­licht grö­ße­re Klar­heit. Bei der Me­lan­cho­lie und, all­ge­mei­ner, bei den ver­schie­de­nen For­men der De­pres­si­on iden­ti­fi­ziert sich das Sub­jekt-Ich mit dem Über-Ich, geht mit der re­pres­si­ven Au­to­ri­tät ein Bünd­nis ein und wü­tet ge­gen das Ob­jekt-Ich; das Ide­al-Ich bleibt im Schat­ten; wenn es er­scheint, dann als ein schlech­tes Ich, wo­bei es ein­zig des­we­gen schlecht ist, weil es le­ben will; durch be­stimm­te Iden­ti­fi­zie­run­gen und Pro­jek­tio­nen kann es ge­stützt wer­den. Wenn die Ana­ly­se den Am­bi­va­lenz­kon­flikt mit dem Ob­jekt zum Vor­schein bringt und die An­grif­fe auf die­ses Ob­jekt sich ent­wi­ckeln, wird das Ob­jekt mal als mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät an­ge­grif­fen, auf die das Über-Ich pro­ji­ziert wird, mal als Ide­al-Ich, das nach Au­to­no­mie und nach Le­ben strebt. Was die Ma­nie an­geht, so ge­nügt es nicht zu sa­gen, dass das Ichi­de­al vom Ich re­ab­sor­biert wird; das ist we­der ganz voll­stän­dig noch ganz ex­akt: selbst in sei­nen ver­schlei­er­ten For­men geht der ma­ni­sche Schub mit ei­ner Be­frei­ung ag­gres­si­ver und se­xu­el­ler Trie­be ein­her; die­se Po­si­ti­on ist mög­li­cher­wei­se re­gres­si­ver als die Me­lan­cho­lie, es wa­ren die Kli­ni­ker, die auf ihre in­fan­ti­len und ver­spiel­ten Züge hin­ge­wie­sen ha­ben; in struk­tu­rel­len Ter­mi­ni ge­spro­chen iden­ti­fi­ziert sich der Ma­ni­sche mit dem die Trie­be re­prä­sen­tie­ren­den Ide­al-Ich – Grö­ßen­ide­en sind häu­fig –, und die­se Iden­ti­fi­zie­rung dient ihm dazu, sich vom Sys­tem Über­ich – Ichi­de­al zu lö­sen; eine Zir­ku­lä­re30, die nach dem Selbst­mord ih­res Va­ters ei­nen ma­ni­schen Schub durch­lief, ruft aus: „Ich habe ge­nug von ei­ner sol­chen Erb­schaft.“ Dass „das Ichi­de­al vom Ich re­ab­sor­biert wird“ be­sagt also un­se­rer Mei­nung nach, dass hier die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ide­al-Ich vor­herrscht.

Durch die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Ichi­de­al lässt sich auch die Struk­tur der per­se­ku­ti­ven und der me­ga­lo­ma­ni­schen Po­si­ti­on auf­hel­len. Bei der per­se­ku­ti­ven Po­si­ti­on wird auf den Ver­fol­ger eine Va­terim­a­go pro­ji­ziert, die eine Au­to­ri­tät ist, die Be­feh­le er­teilt31, die über­wacht, kri­ti­siert, ver­ur­teilt und se­xu­ell un­ter­wirft. Bei der me­ga­lo­ma­ni­schen Po­si­ti­on ist die vor­herr­schen­de Iden­ti­fi­zie­rung die mit dem Ide­al-Ich und mit Ge­stal­ten, die Pres­ti­ge ha­ben, und die ty­pi­sche Ent­wick­lung des Wahns lässt die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ide­al-Ich als Ab­wehr­re­ak­ti­on ge­gen die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Über-Ich zum Vor­schein kom­men. So sind bei ei­nem Pa­ti­en­ten mit schwe­rer Neu­ro­se und ge­le­gent­li­chem leich­tem De­li­ri­um, dem es je­doch ge­lingt, sei­ne Pro­jek­tio­nen zu kon­trol­lie­ren und zu re­du­zie­ren, die Ver­fol­ger Men­schen mit Au­to­ri­tät, die ihn in eine de­mü­ti­gen­de Kind-Po­si­ti­on brin­gen, Men­schen, die im Schat­ten agie­ren, um ihn zu über­wa­chen und um sei­ne Vor­ha­ben zu durch­kreu­zen, bis­wei­len auch ho­mo­se­xu­el­le Ver­fol­ger; in der „me­ga­lo­ma­ni­schen“ Po­si­ti­on, wenn er sich als frei und stark be­greift, be­geis­tert er sich für die gro­ßen Ge­stal­ten der Po­li­tik und iden­ti­fi­ziert er sich mit de­nen, die ge­ra­de mäch­tig sind. Die Ver­fol­gungs­ide­en be­zie­hen sich also auf das Über-Ich, die Grö­ßen­vor­stel­lun­gen auf das Ide­al-Ich; die­se struk­tu­rel­le Un­ter­schei­dung wird von Freud in sei­ner ge­ne­ti­schen Deu­tung an­ge­schnit­ten, wenn er die Ver­fol­gung mit der ho­mo­se­xu­el­len Pha­se in Ver­bin­dung bringt, den Grö­ßen­wahn mit der nar­ziss­ti­schen Pha­se.

Der normale Konflikt

Das Über-Ich ist ein Sys­tem von in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hun­gen und Iden­ti­fi­zie­run­gen. Freud hat die Kom­ple­xi­tät die­ses Sys­tems und die Viel­falt der Iden­ti­fi­zie­run­gen er­kannt. Er hat je­doch das Pro­blem der in­ne­ren Struk­tur des Über-Ichs kaum ver­tieft; man kann sa­gen, dass er sich bei den struk­tu­rel­len Kon­se­quen­zen des Ödi­pus­kon­flikts dar­auf be­schränkt hat, das re­la­ti­ve Ge­wicht der Va­ter­iden­ti­fi­zie­rung und der Mut­ter­iden­ti­fi­zie­rung zu­sam­men­zu­brin­gen mit der ur­sprüng­li­chen Bi­se­xua­li­tät und der Vor­herr­schaft der männ­li­chen oder weib­li­chen An­tei­le.

Un­ser Ver­such, das Pro­blem der in­ne­ren Struk­tur des Über-Ichs auf­zu­hel­len, hat vie­le As­pek­te bei­sei­te ge­las­sen. Aber die An­ti­no­mie zwi­schen dem Ide­al-Ich und dem Über-Ich – Ichi­de­al, zwi­schen der nar­ziss­ti­schen Iden­ti­fi­zie­rung mit der All­macht und der Un­ter­wer­fung un­ter die All­macht ist si­cher­lich eine we­sent­li­che Di­men­si­on.

Der „in­tra­sys­te­mi­sche“ Kon­flikt des Über-Ichs er­hellt den in­ter­sys­te­mi­schen Kon­flikt zwi­schen dem Ich und dem Über-Ich. Das Ich, sagt Freud, muss sich vom Über-Ich un­ab­hän­gig ma­chen. In die­sem Kampf um Au­to­no­mie, ge­gen die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Über-Ich, stützt sich das Sub­jekt auf an­de­re Iden­ti­fi­zie­run­gen, in die es sein Be­dürf­nis nach All­macht in­ves­tiert, ins­be­son­de­re auf die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ana­ly­ti­ker; die­se vor­über­ge­hen­den Iden­ti­fi­zie­run­gen ge­hen letzt­lich auf das Ide­al-Ich zu­rück so­wie auf die pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­run­gen, die mit ihm ver­bun­den sind.

So hat also der Zu­gang des Sub­jekts zur „Au­to­no­mie des Ichs“ den Durch­gang durch den „Au­to­no­mis­mus des Ide­al-Ichs“ zur Vor­aus­set­zung. Ein Durch­gang und kein End­zu­stand, denn es lässt sich nicht ver­ken­nen, dass die Iden­ti­fi­zie­rung des Sub­jekts mit dem Ide­al-Ich selbst eine he­te­ro­no­me Be­din­gung ist, von der das Sub­jekt sich lö­sen muss. Dies führt uns zu­rück zu dem Ge­dan­ken, den wir be­reits ge­äu­ßert ha­ben, dass der „nor­ma­le“ Zu­stand in dem an­ti­no­mi­schen Kon­flikt be­stehen könn­te zwi­schen dem Au­to­no­mis­mus des Ide­al-Ichs und der He­te­ro­no­mie des Ichi­de­als und in der bis­wei­len müh­se­li­gen Su­che nach ei­nem Kom­pro­miss.

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Anmerkungen

  1. In: Écrits. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 1966, S. 647–684; Vor­trag von 1958, end­gül­ti­ge Fas­sung von 1960, zu­erst ver­öf­fent­licht 1961, nicht über­setzt. Der Ti­tel meint „An­mer­kung zu Da­ni­el Lag­a­ches Vor­trag ‚Psy­cho­ana­ly­se und Struk­tur der Per­sön­lich­keit‘“. La­cans For­mu­lie­rung des Ti­tels von Lag­a­ches Auf­satz weicht von der ver­öf­fent­lich­ten Fas­sung die­ses Ti­tels leicht ab.
  2. Ebd., S. 671.
  3. Da­ni­el Lag­a­che: La psy­chana­ly­se et la struc­tu­re de la per­son­na­lité. Vor­trag von 1958, zu­erst ver­öf­fent­licht in: La Psy­chana­ly­se, 6. Jg. (1961), S. 5–54. Über­setzt nach dem Ab­druck in: D. Lag­a­che: Oeu­vres, Bd. 4: 1956–1962. Agres­si­vité, struc­tu­re de la per­son­na­lité et au­tres travaux. Pa­ris: Pres­ses uni­ver­si­taires de Fran­ce 1982, ISBN: 2–13-037423–9, S. 191–238, über­setzt wird nur Teil VII, „Sur la struc­tu­re du sur­moi“, S. 220–230.
  4. Mit „struk­tu­rell“ und „Struk­tur“ be­zieht Lag­a­che sich in sei­nem Auf­satz auf die Glie­de­rung der psy­chi­schen Per­sön­lich­keit in die In­stan­zen Es, Ich und Über-Ich so­wie auf die in­ne­re Glie­de­rung die­ser In­stan­zen.
  5. SA3, 273–330. Der Be­griff des Über-Ichs wird von Freud in Teil III von Das Ich und das Es ein­ge­führt (SA3, 296–306), er trägt die Über­schrift „Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ide­al)“.
  6. SA3, 298
  7. SA3, 37- 68; dar­in zu Ichi­de­al und Ide­al-Ich: 60–68.
  8. In Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus ist „Ichi­de­al“ der vor­herr­schen­de Ter­mi­nus. Der Aus­druck „Ide­al-Ich“ er­scheint hier nur ein­mal, in ei­nem Ab­satz, in dem an­schlie­ßend wie­der vom „Ichi­de­al“ die Rede ist, ohne dass ein Un­ter­schied ex­pli­ziert wird: „Die­sem Ide­al-Ich gilt nun die Selbst­lie­be, wel­che in der Kind­heit das wirk­li­che Ich ge­noß. Der Nar­ziß­mus er­scheint auf die­ses neue idea­le Ich ver­scho­ben, wel­ches sich wie das in­fan­ti­le im Be­sitz al­ler wert­vol­len Voll­kom­men­hei­ten be­fin­det. Der Mensch hat sich hier, wie je­des­mal auf dem Ge­bie­te der Li­bi­do, un­fä­hig er­wie­sen, auf die ein­mal ge­nos­se­ne Be­frie­di­gung zu ver­zich­ten. Er will die nar­ziß­ti­sche Voll­kom­men­heit sei­ner Kind­heit nicht ent­beh­ren, und wenn er die­se nicht fest­hal­ten konn­te, durch die Mah­nun­gen wäh­rend sei­ner Ent­wick­lungs­zeit ge­stört und in sei­nem Ur­teil ge­weckt, sucht er sie in der neu­en Form des Ichi­de­als wie­der­zu­ge­win­nen. Was er als sein Ide­al vor sich hin pro­ji­ziert, ist der Er­satz für den ver­lo­re­nen Nar­ziß­mus sei­ner Kind­heit, in der er sein ei­ge­nes Ide­al war.“ (SA3, 60f., Her­vor­he­bun­gen R.N., Schreb­wei­se von „Ide­al-Ich“ kor­ri­giert nach der Aus­ga­be von 1914)
    Den Ter­mi­nus „Ide­al-Ich“ fin­det man au­ßer­dem in den Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1916/17): Der Kran­ke, der an Be­ob­ach­tungs­wahn lei­det, „ver­spürt das Wal­ten ei­ner In­stanz in sei­nem Ich, wel­che sein ak­tu­el­les Ich und jede sei­ner Be­tä­ti­gun­gen an ei­nem Ide­al-Ich mißt, das er sich im Lau­fe sei­ner Ent­wick­lung ge­schaf­fen hat.“ (SA1, 413, Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal)
    Freuds Schreib­wei­se ist schwan­kend.
    – In Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus, Aus­ga­be von 1914, schreibt er „Ichi­de­al“ und „Ide­al-Ich“ (S. 17 f.). In der Aus­ga­be von 1924 fin­det man „Ichi­de­al“ und „Ideal­ich“ (S. 26), eben­so in den Ge­sam­mel­ten Schrif­ten von 1925 (GS 6, S. 178).
    – In den Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1916/17) fin­det man eben­falls „Ide­al-Ich“.
    – In Das Ich und das Es, Aus­ga­be von 1923, schreibt er  „Ich-Ide­al“. In der Aus­ga­be die­ses Tex­tes in den Ge­sam­mel­ten Schrif­ten von 1925 schreibt er ne­ben­ein­an­der „Ichi­de­al“ und „Ich-Ide­al“, so­gar auf der­sel­ben Sei­te (GW 6, S. 372).
    – In der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933) ist die Schrei­bung „Ichi­de­al“.
    Freud schreibt also wech­selnd „Ichi­de­al“ und „Ich-Ide­al“, zu­letzt „Ichi­de­al“, und eben­falls wech­selnd „Ideal­ich“ und „Ide­al-Ich“, zu­letzt „Ide­al-Ich“. Wenn man sich fest­le­gen will, sind nach dem Kri­te­ri­um „Ver­si­on der letz­ten Hand“ die Schrei­bun­gun­gen „Ichi­de­al“ und „Ide­al-Ich“ am plau­si­bels­ten; so fin­det man das in der Über­set­zung des Ethik-Se­mi­nars durch Nor­bert Haas (vgl. etwa Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 282).
    Die Her­aus­ge­ber der Ge­sam­mel­ten Wer­ke schrei­ben so:
    – In Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus fin­det man hier „Ichi­de­al“ und „Ideal­ich“ (GW 10, S. 161) – wie zu­letzt bei Freud.
    – In den Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se  heißt es „Ide­al-Ich“ (GW 11, S. 444) – wie bei Freud.
    – In Das Ich und das Es liest man hier ne­ben­ein­an­der „Ich-Ide­al“ und „Ichi­de­al“, so­gar auf der­sel­ben Sei­te (GW 13, S. 256) – wie zu­letzt bei Freud.
    – In der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se „Ichi­de­al“ (GW 15, S. 71) – wie bei Freud.
  9. In Das Ich und das Es wer­den die Aus­drü­cke „Ich-Ide­al“ und „Über-Ich“ ne­ben­ein­an­der ver­wen­det; der Aus­druck „Ide­al-Ich“ fehlt hier ganz. „Die Mo­ti­ve, die uns be­wo­gen ha­ben, eine Stu­fe im Ich an­zu­neh­men, eine Dif­fe­ren­zie­rung in­ner­halb des Ichs, die Ich-Ide­al oder Über-Ich zu nen­nen ist, sind an an­de­ren Or­ten aus­ein­an­der­ge­setzt wor­den.“ (SA3, 296, Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal)
  10. SA1, 447–608
  11. Wir ha­ben noch eine wich­ti­ge Funk­ti­on zu er­wäh­nen, die wir die­sem Über-Ich zu­tei­len. Es ist auch der Trä­ger des Ichi­de­als, an dem das Ich sich mißt, dem es nach­strebt, des­sen An­spruch auf im­mer wei­ter­ge­hen­de Ver­voll­komm­nung es zu er­fül­len be­müht ist. Kein Zwei­fel, die­ses Ichi­de­al ist der Nie­der­schlag der al­ten El­tern­vor­stel­lung, der Aus­druck der Be­wun­de­rung je­ner Voll­kom­men­heit, die das Kind ih­nen da­mals zu­schrieb.“ (SA1, 503) 
  12. Mög­li­cher­wei­se eine An­spie­lung auf die Ar­bei­ten von Hart­mann, Kris und Lö­wen­stein so­wie von Ra­pa­port, in de­nen ver­sucht wird, die Psy­cho­ana­ly­se auf an­de­re Dis­zi­pli­nen zu be­zie­hen – auf Psy­cho­phy­sio­lo­gie, Lern­psy­cho­lo­gie, So­zi­al­psy­cho­lo­gie usw. –, um auf die­sem Wege eine all­ge­mei­ne Ich­psy­cho­lo­gie zu be­grün­den. Vgl. etwa Heinz Hart­mann, Ernst Kris, Ru­dolf M. Lo­ewen­stein: Com­ments on the for­ma­ti­on of psychic struc­tu­re. In: Psy­cho­ana­ly­tic Stu­dy of the Child, 2 (1946), S. 11–38; Da­vid Ra­pa­port: On the psy­cho-ana­ly­tic theo­ry of thin­king. In: In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 31 (1950).– Vgl. auch die Hin­wei­se auf Hart­mann und Ra­pa­port auf S. 208 f. von Lag­a­ches Auf­satz .
  13. Her­mann Nun­berg: All­ge­mei­ne Neu­ro­sen­leh­re auf psy­cho­ana­ly­ti­scher Grund­la­ge. Mit ei­nem Ge­leit­wort von Sig­mund Freud. Hans Hu­ber, Bern 1932
  14. Rück­über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen.
  15. Rück­über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen.
  16. Otto Fe­ni­chel: The psy­cho­ana­ly­ti­cal theo­ry of neu­ro­sis (1946). Rout­ledge, Lon­don 1999, zum Ver­hält­nis von Über-Ich und Ichi­de­al (ego ide­al) sie­he hier­in Ka­pi­tel VI „La­ter pha­ses of de­ve­lop­ment: the su­per-ego“, dar­in S. 93 f. (dt.: Psy­cho­ana­ly­ti­sche Neu­ro­sen­leh­re. 3 Bde. Übers. v. Klaus La­er­mann. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten (Schweiz) und Frei­burg im Breis­gau 1974 (Bd. 1), 1975 (Bd. 2), 1977 (Bd. 3) ).
  17. But even the most ge­nui­ne ide­als have been crea­ted by in­tro­jec­tion.“ (A.a.O., S. 94) 
  18. Die Be­grif­fe „Sub­jekt-Ich“ und „Ob­jekt-Ich“ wer­den von Lag­a­che an ei­ner frü­he­ren Stel­le des Auf­sat­zes er­läu­tert. Durch die Ver­in­ner­li­chung der in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hung ge­langt das Sub­jekt dazu, sich wie ein Ob­jekt zu be­han­deln, da­mit kommt es zur Spal­tung in ein Sub­jekt-Ich und ein Ob­jekt-Ich. Das Ob­jekt-Ich geht auf den Kör­per und den Na­men zu­rück, der Be­griff des Sub­jekt-Ichs steht für die In­ten­tio­na­li­tät, die Er­war­tung, die Re­fle­xi­on und das Han­deln. Das Sub­jekt-Ich kann sich nicht ob­jek­ti­vie­ren, ohne auf­zu­hö­ren, ein Sub­jekt zu sein. (Vgl. in die­sem Auf­satz, Oeu­vres 4, 1982, S. 203.) 
  19. Vgl. Freud: Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus, SA3, 64–66.
  20. Vgl. D. Lag­a­che: Con­tri­bu­ti­on à la psy­cho­lo­gie de la con­du­i­te cri­mi­nel­le. Com­men­taire psy­chana­ly­tique d’une ex­per­ti­se d’homicide (1948). In: Ders.: Oeu­vres, vol. II, 1947–1952: Le psy­cho­lo­gue et le cri­mi­nel. Pres­ses Uni­ver­si­taires de Fran­ce, Pa­ris 1979, S. 43–74 (An­mer­kung im Ori­gi­nal, vom Über­set­zer über­ar­bei­tet)
  21. 2 Bde. Gal­li­mard, Pa­ris 1956–57.– Vgl. hier­zu auch: La­can: Jeu­nesse de Gide ou la lett­re et le dé­sir (1958). In: Ders.: Ecrits. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 1966, S. 739–764 (nicht ins Deut­sche über­setzt).
  22. Im Ori­gi­nal steht hier „idéal du moi“, also Ichi­de­al, of­fen­kun­dig ein Schreib­feh­ler.
  23. Das Ich und das Es, SA3, 299–302
  24. Jen­seits des Lust­prin­zips (1920), SA3, 230
  25. Syn­kre­tis­ti­sches Den­ken“ meint bei Pia­get die ho­lis­ti­sche und ego­zen­tri­sche Welt­sicht des Kin­des. Vgl. Jean Pia­get: Le lan­ga­ge et la pen­sée chez l’enfant. Del­ach­aux & Niest­le, Neu­châ­tel und Pa­ris 1923 (dt.: Spre­chen und Den­ken des Kin­des. Schwann, Düs­sel­dorf 1972).
  26. Freud ent­wi­ckelt das Kon­zept von der All­macht des Den­kens in To­tem und Tabu (1912/13), aus­ge­hend von der Ana­ly­se des „Rat­ten­manns“(Be­mer­kun­gen über ei­nen Fall von Zwangs­neu­ro­se (1909) ); in Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus (1914) wird das Kon­zept von Freud wei­ter aus­ge­ar­bei­tet.
  27. Vgl. Anna Freud: Das Ich und die Ab­wehr­me­cha­nis­men (1936). 21. Aufl. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2006, dar­in Kap. 9, „Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem An­grei­fer“.
  28. René Spitz: No and yes: On the ge­ne­sis of hu­man com­mu­ni­ca­ti­on. In­ter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty Press, New York 1957 (dt.: Nein und Ja. Die Ur­sprün­ge der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Klett, Stutt­gart 1957) 
  29. Un­ter dem ne­ga­ti­ven Ödi­pus­kom­plex ver­steht Freud die zärt­li­che Ein­stel­lung ge­gen­über dem gleich­ge­schlecht­li­chen El­tern­teil und die ei­fer­süch­tig-feind­se­li­ge Ein­stel­lung ge­gen­über dem ge­gen­ge­schlecht­li­chen El­tern­teil. Vgl. Das Ich und das Es, SA 3, 300.
  30. Une cir­cu­lai­re, Frau, die an „zir­ku­lä­rem Ir­re­sein“ lei­det; der Ter­mi­nus wur­de in den 40er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts von den fran­zö­si­schen Psych­ia­tern Jean-Pierre Fal­ret und Ju­les Bail­lar­ger en­ge­führt. Er wur­de dann durch Emi­le Kra­epe­lins Be­griff „ma­nisch-de­pres­si­ves Ir­re­sein“ er­setzt, schlie­ßich durch „bi­po­la­re Stö­rung“; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.
  31. Qui fait la loi, wört­lich „die das Ge­setz macht“, auch im Sin­ne von „die das Ge­setz si­mu­liert“.

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