Kant mit Sade

Recht auf Genießen. Zur Entstehung des Begriffs

Prokon Genussrechte (zu Jacques Lacan, Recht auf Genießen)Wer­be­brief, den ich ges­tern, als ich an die­sem Ar­ti­kel saß, im Brief­kas­ten fand 

Der Sa­dist ar­bei­tet im­mer in frem­dem Auf­trag, so lau­tet eine der Haupt­the­sen von La­can über das sa­dis­ti­sche Be­geh­ren. Im Kino – etwa in den Ja­mes-Bond-Fil­men – wird uns der Sa­dist häu­fig so prä­sen­tiert, wie er sich se­hen möch­te, als selbst­be­stimm­tes We­sen. Tat­säch­lich aber un­ter­wirft er sich, be­wusst oder un­be­wusst, ei­nem frem­den Wil­len, La­can nennt ihn den „Wil­len zum Ge­nie­ßen“. Der grau­sa­me Gott, für des­sen Ge­nie­ßen sich die Fol­te­rer ab­ra­ckern, heißt bei Sade „das höchs­te We­sen der Bös­ar­tig­keit“; Sade ist, sei­nem mi­li­tan­ten Athe­is­mus zum Trotz, gläu­big.1

Hier eine phi­lo­lo­gi­sche An­mer­kung zur Ge­nea­lo­gie des Kon­zepts „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ und des „Rechts auf den Ge­nuss“.

Versionen des Rechts auf Genießen

Sade 1795

Sade ver­öf­fent­licht 1795 Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir oder Die las­ter­haf­ten Lehr­meis­ter. Dia­lo­ge, zur Er­zie­hung jun­ger Da­men be­stimmt. Der fünf­te Dia­log die­ser se­xu­al­päd­ago­gi­schen (und por­no­gra­phi­schen) Ab­hand­lung wird durch eine po­li­ti­sche Denk­schrift un­ter­bro­chen; ei­ner der Ak­teu­re, der Che­va­lier de Mir­vel, liest eine Bro­schü­re vor, die ein an­de­rer Ak­teur, Dol­man­cé, am sel­ben Tag im Pa­lais d’Égalité ge­kauft hat und die Dol­man­cé, so wird an­ge­deu­tet, selbst ge­schrie­ben hat. Das Trak­tat im Trak­tat trägt den Ti­tel Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt.2 In ihr wird die se­xu­al­po­li­ti­sche Ver­fas­sung ei­ner neu­en Re­pu­blik ent­wor­fen. Ich zi­tie­re die Pas­sa­gen, auf die La­can sich vor al­lem stüt­zen wird:

In den Städ­ten soll­ten ver­schie­de­ne Plät­ze ein­ge­rich­tet wer­den, die ge­sund, weit­läu­fig, an­ge­mes­sen mö­bliert und in je­der Hin­sicht si­cher sind; dort wür­den alle Ge­schlech­ter, alle Al­ters­stu­fen, alle Ge­schöp­fe den Lau­nen der Li­ber­tins dar­ge­bo­ten, die kä­men, um zu ge­nie­ßen; und völ­li­ge Un­ter­ord­nung wäre die wich­tigs­te Vor­schrift für alle an­ge­bo­te­nen In­di­vi­du­en; die kleins­te Wei­ge­rung wür­de von dem, der sie er­fah­ren hat, so­fort nach ei­ge­nem Er­mes­sen be­straft.“3

Den Li­ber­tins müs­sen sich in der neu­en Re­pu­blik alle Ge­schlech­ter al­ler Al­ters­grup­pen für den se­xu­el­len Ge­nuss zur Ver­fü­gung stel­len und sich den Lau­nen der Li­ber­tins voll­kom­men un­ter­ord­nen.

Wenn also un­be­streit­bar ist, daß die Na­tur uns das Recht ver­lie­hen hat, aus­nahms­los alle Frau­en zu be­geh­ren, so ist gleich­falls un­be­streit­bar, daß wir das Recht ha­ben, sie zu zwin­gen, uns zu Wil­len zu sein, und zwar nicht aus­schließ­lich, das wi­der­sprä­che dem, was ich oben ge­sagt habe, son­dern für den Au­gen­blick. (Anm.)

An­mer­kung.: Man sage nicht, ich wi­der­sprä­che mir hier, da ich wei­ter oben be­haup­tet habe, wir hät­ten kein Recht, eine Frau an uns zu bin­den, und jetzt höbe ich die­sen Grund­satz wie­der auf, wenn ich sag­te, wir hät­ten das Recht, sie zu zwin­gen; ich wie­der­ho­le, daß es sich hier nur um sinn­li­chen Genuß, nicht um Ei­gen­tum han­delt; ich habe kei­nen Ei­gen­tums­an­spruch auf die Quel­le, die an mei­nem Wege liegt, aber ich habe be­stimmt das Recht, mir durch sie ei­nen Genuß zu ver­schaf­fen; ich habe das Recht, ihr kla­res Was­ser zu be­nut­zen, das sie ge­gen mei­nen Durst be­reit­hält; eben­so habe ich kei­nen recht­li­chen Ei­gen­tums­an­spruch auf die­se oder jene Frau, aber ich habe un­be­streit­bar das Recht, mir durch sie ei­nen Genuß zu ver­schaf­fen; ich habe das Recht, sie zur Un­ter­wer­fung zu zwin­gen, wenn sie mir die­sen Genuß aus ir­gend­ei­nem Grun­de ver­wei­gert.

Alle Män­ner ha­ben also das glei­che Recht auf den Genuß al­ler Frau­en; es gibt kei­nen Mann, der ge­mäß den Ge­set­zen der Na­tur ein al­lei­ni­ges und per­sön­li­ches An­recht auf eine Frau be­sä­ße. Das Ge­setz, das sie zwingt, sich in den Lust­häu­sern, von de­nen die Rede war, zu pro­sti­tu­ie­ren, so­oft wir wol­len, die­ses Ge­setz, das sie be­traf, wenn sie da­ge­gen ver­sto­ßen, ist also durch­aus ge­recht, und es gibt kei­nen le­gi­ti­men oder be­rech­tig­ten Ein­wand, den man da­ge­gen ins Feld füh­ren könn­te.

Wenn die Ge­set­ze, die ihr ver­kün­den, ge­recht sind, kann also ein Mann, der ir­gend­ei­ne Frau oder ein Mäd­chen ge­nie­ßen will, die­se auf­for­dern las­sen, sich in ei­nem der Häu­ser ein­zu­fin­den, von de­nen ich ge­spro­chen habe; und dort wird sie ihm un­ter der Auf­sicht der Ma­tro­nen die­ses Ve­nus­tem­pels aus­ge­lie­fert sein, um ihm de­mü­tig und ge­fü­gig in al­lem zu Wil­len zu sein, was sei­ne Lau­nen ihm mit ihr zu trei­ben ein­ge­ben mö­gen, wie selt­sam und ab­son­der­lich die­se Lau­nen auch sein mö­gen; denn es gibt kei­ne se­xu­el­le Ab­son­der­lich­kei­ten, die nicht na­tür­lich und von der Na­tur zu­ge­las­sen wäre. Man müß­te also nur noch eine Al­ters­gren­ze be­stim­men; nun be­haup­te ich aber, man kann das Al­ter nicht fest­le­gen, ohne die Frei­heit des­sen ein­zu­schrän­ken, der das Ge­nie­ßen ei­nes Mäd­chens die­ses oder je­nes Al­ters be­gehrt. Wer das Recht hat, die Frucht ei­nes Bau­mes zu es­sen, kann sie doch zwei­fel­los reif oder grün pflü­cken, wie es sei­nem Ge­schmack ent­spricht. Aber, wird man ein­wen­den, es gibt ein Al­ter, in dem der Ver­kehr mit ei­nem Mann der Ge­sund­heit ei­nes Mäd­chens scha­den muß! Die­se Über­le­gung ist wert­los; denn so­bald man das Recht des Ei­gen­tums am Genuß zu­gibt, ist die­ses Recht un­ab­hän­gig von den Aus­wir­kun­gen des Ge­nus­ses; von die­sem Au­gen­blick an ist es gleich­gül­tig, ob der Genuß dem We­sen, das sich ihm un­ter­wer­fen muss, zum Nut­zen oder Scha­den ge­reicht. Habe ich nicht be­reits be­wie­sen, daß es le­gal ist, den Wil­len ei­ner Frau in die­ser Hin­sicht zu bre­chen, und daß sie, so­bald sie das Be­geh­ren nach dem Ge­nie­ßen er­regt, sie sich die­sem Ge­nie­ßen un­ter­wer­fen muss, ohne Rück­sicht auf ihr ego­is­ti­sches Ge­fühl? Das glei­che gilt von der Ge­sund­heit. So­bald die Rück­sicht, die man auf sie nimmt, die das Ge­nie­ßen des­sen, der ein Mäd­chen be­gehrt und der das Recht hat, von ihm Be­sitz zu er­grei­fen, ver­ge­hen läßt oder schwächt, wird die­se Rück­sicht hin­fäl­lig, weil es sich in die­ser Un­ter­su­chung kei­nes­wegs dar­um han­delt, was das We­sen er­dul­den mag, das von Na­tur und Ge­setz dazu ver­ur­teilt ist, für ei­nen Au­gen­blick die Be­gier­den ei­nes an­de­ren zu be­frie­di­gen, son­dern nur dar­um, was dem Be­geh­ren­den zu­kommt. Und wir wer­den die Waa­ge schon wie­der ins Gleich­ge­wicht brin­gen.“4

Alle Män­ner ha­ben das Recht, alle Frau­en dazu zu zwin­gen, ih­nen vor­über­ge­hend für ih­ren Ge­nuss, für ihre Wol­lust (jouis­sance) zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Die Män­ner kön­nen ih­ren Lau­nen nach Be­lie­ben nach­ge­hen, wie selt­sam die­se auch sein mö­gen. Dies ist ein Recht auf Nieß­brauch (jouis­sance), kein Ei­gen­tums­recht. Die­ses Recht soll mit Zwangs­mit­teln durch­ge­setzt wer­den.

Sade fährt fort:

Ja, wir wer­den das Gleich­ge­wicht wie­der her­stel­len, das sind wir den Frau­en schul­dig; wir sind den Frau­en, die wir so grau­sam un­ter­jocht ha­ben, un­be­streit­bar eine Ent­schä­di­gung schul­dig, und das wird die Ant­wort auf die zwei­te Fra­ge sein, die ich ge­stellt habe.

Wenn wir ver­lan­gen, wie wir es ge­tan ha­ben, daß alle Frau­en sich un­se­ren Be­gier­den hin­ge­ge­ben müs­sen, so müs­sen wir ih­nen auch er­lau­ben, die ih­ri­gen reich­lich zu be­frie­di­gen; un­se­re Ge­set­ze müs­sen hier­bei ihr feu­ri­ges Tem­pe­ra­ment be­rück­sich­ti­gen, und es ist ab­surd, daß ihre Ehre und ihre Tu­gend auf die Sei­te je­ner wi­der­na­tür­li­chen Kraft ins Spiel ge­bracht wur­de, die sie an­wen­den, um sich ge­gen die Nei­gun­gen zu stem­men, die ih­nen in noch grö­ße­rer Fül­le als uns zu­teil ge­wor­den sind; die­se Un­ge­rech­tig­keit der Sit­ten ist um so schrei­en­der, als wir uns ei­ner­seits mit un­se­ren Ver­füh­rungs­küns­ten be­mü­hen, sie schwach wer­den zu las­sen, um sie dann da­für zu be­stra­fen, da sie den An­stren­gun­gen er­le­gen sind, die wir ge­macht ha­ben, um sie zu Fall zu brin­gen. In die­ser un­ge­rech­ten Grau­sam­keit kommt, scheint mir, der gan­ze Un­sinn un­se­rer Sit­ten zum Aus­druck, und al­lein die­se Aus­füh­run­gen soll­ten uns be­wußt wer­den las­sen, wie nö­tig es ist, sie durch rei­ne­re Sit­ten zu er­set­zen.

Ich sage also, daß die Frau­en, die viel hef­ti­ge­re Nei­gun­gen für die Freu­den der Wol­lust ha­ben als wir, sich ih­nen frei von al­len Bin­dun­gen der Ehe und den Vor­ur­tei­len der Scham hin­ge­ge­ben dür­fen soll­ten, so­viel sie wol­len, so daß ihr Na­tur­zu­stand völ­lig wie­der­her­ge­stellt wäre; ich ver­lan­ge, daß die Ge­set­ze ih­nen er­lau­ben, sich so vie­len Män­nern hin­zu­ge­ben, wie sie wol­len; ich ver­lan­ge, daß ih­nen wie den Män­nern der Genuß al­ler Ge­schlech­ter und al­ler Tei­le ih­res Kör­pers er­laubt wird; und un­ter der be­son­de­ren Be­din­gung, daß sie selbst sich al­len hin­ge­ge­ben, von de­nen sie be­gehrt wer­den, müs­sen sie selbst die Frei­heit ha­ben, alle zu ge­nie­ßen, die sie, die Frau­en, für wür­dig hal­ten, sie zu be­frie­di­gen.“5

Die Frau­en ha­ben das­sel­be Recht wie die Män­ner: bei­de Ge­schlech­ter müs­sen sich ih­nen für ih­ren Ge­nuss zur Ver­fü­gung stel­len.

Ist der In­zest ge­fähr­li­cher [als der Ehe­bruch]? Nein, zwei­fel­los nicht; er lo­ckert die Fa­mi­li­en­ban­de und stärkt in­fol­ge­des­sen die Lie­be der Bür­ger zum Va­ter­land; er wird uns von den höchs­ten Ge­set­zen der Na­tur vor­ge­schrie­ben, wir nei­gen ihm zu, und der Genuß von We­sen, die zu uns ge­hö­ren, er­scheint uns im­mer köst­li­cher als je­der an­de­re. […] Wie konn­ten ver­nünf­ti­ge Men­schen die Ab­ge­schmackt­heit so weit trei­ben zu glau­ben, der Genuß sei­ner Mut­ter, sei­ner Schwes­ter oder sei­ner Toch­ter könn­te ein Ver­bre­chen sein! Es ist nicht, fra­ge ich, ein er­bärm­li­ches Vor­ur­teil, das aus ei­nem Men­schen ei­nen Ver­bre­cher macht, wenn er für sein Ge­nie­ßen das Ob­jekt vor­zieht, das ihm durch sein na­tür­li­ches Ge­fühl nä­her­steht als an­de­re?“6

Das In­zest­ver­bot ist auf­ge­ho­ben. An sei­ne Stel­le tritt ein neu­es Ge­setz: Je­der und jede kann je­den und jede je­der­zeit nach Be­lie­ben ge­nie­ßen.

Sade 1797

In Ju­li­et­te sagt die Äb­tis­sin Del­bè­ne:

Was tue ich denn für ein Übel, wel­che Sün­de be­ge­he ich denn, wenn ich ei­nem schö­nen Ge­schöpf be­geg­ne und ihm sage: ‚Lei­hen Sie mir den Teil Ih­res Kör­pers, der mich ei­nen Au­gen­blick lang be­frie­di­gen kann, und ge­nie­ßen Sie, wenn’s Ih­nen ge­fällt, von mei­nem Kör­per das, was Ih­nen an­ge­nehm sein mag.‘?“7

Del­bè­nes Äu­ße­rung be­steht aus zwei Teil­sät­zen. Der ers­te Be­stand­teil legt eine Äu­ße­rungs­re­gel, eine Re­gel, die be­stimmt, wer zum wem et­was sa­gen darf. Die zwei­te Kom­po­nen­te (ab „Lei­hen Sie mir …“) fi­xiert den In­halt der er­laub­ten Aus­sa­ge. In der Ter­mi­no­lo­gie der Sprech­akt­theo­rie kann man sa­gen: Die Äu­ße­rungs­re­gel ent­spricht dem il­lo­ku­tio­nä­ren Akt, der Aus­sa­ge­in­halt dem pro­po­si­tio­na­len Ge­halt. In La­cans Be­griff­lich­keit (die er von Ja­kobson über­nimmt): Der ers­te Teil be­zieht sich auf den Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on), der zwei­te auf den In­halt der Aus­sa­ge (énon­cé).

Die Äu­ße­rungs­re­gel legt fest, dass der le­gi­ti­me Sen­der „ich“ ist und dass die le­gi­ti­men Emp­fän­ger „alle schö­nen Ge­schöp­fe“ sind.  Der „ich“-Sender darf dem Emp­fän­ger „alle schö­nen Ge­schöp­fer“ x sa­gen. Die Schön­heit des Emp­fän­gers ist für Sade üb­ri­gens we­sent­lich.

Der Aus­sa­ge­in­halt be­zieht sich auf den Ge­nuss, und dies in Ge­stalt ei­nes dop­pel­ten An­spruchs. Ers­te For­de­rung: Ge­ben Sie mir ei­nen Teil ih­res Kör­pers, da­mit ich ihn ge­nie­ßen kann. Zwei­te For­de­rung: Neh­men Sie sich – wenn sie wol­len – ei­nen Teil mei­nes Kör­pers, um ihn zu ge­nie­ßen.

Die ge­for­der­te Be­zie­hung ist wech­sel­sei­tig, die Wech­sel­sei­tig­keit ist aber – wie aus dem Kon­text her­vor­geht – zeit­ver­setzt. A be­fiehlt B, ihm Kör­per­tei­le zum Ge­nuss zur Ver­fü­gung zu stel­len, ohne dass B zu­gleich Kör­per­tei­le von A ge­nießt. Spä­ter kann B von A das Um­ge­kehr­te ver­lan­gen.

Blanchot 1947

1947 schreibt Mau­rice Blan­chot:

Sade „for­mu­liert eine Art Er­klä­rung der ero­ti­schen Men­schen­rech­te, mit fol­gen­der Ma­xi­me als Grund­prin­zip, die für die Frau­en wie für die Män­ner gilt: sich den­je­ni­gen hin­ge­ben, die ei­nen be­geh­ren, alle die­je­ni­gen neh­men, die man will. ‚Was tue ich denn für ein Übel, wel­che Sün­de be­ge­he ich denn, wenn ich ei­nem schö­nen Ge­schöpf be­geg­ne und ihm sage: ‚Lei­hen Sie mir den Teil Ih­res Kör­pers, der mich ei­nen Au­gen­blick lang be­frie­di­gen kann, und ge­nie­ßen Sie, wenn’s Ih­nen ge­fällt, von mei­nem Kör­per das, was Ih­nen an­ge­nehm sein mag.‘?‘“8

Blan­chot zi­tiert die Äu­ße­rung der Äb­tis­sin und deu­tet sie dop­pelt. Er bech­reibt sie als Er­klä­rung der ero­ti­schen Men­schen­rech­te und stellt sie da­mit in den Kon­text von Fran­zo­sen noch eine An­stren­gung, wenn ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt. Er be­zeich­net sie au­ßer­dem als Ma­xi­me, die als Grund­prin­zip fun­giert und spielt da­mit auf Kants Ethik an. Blan­chot deu­tet an: Sade for­mu­liert ein Men­schen­recht, das von Kants Ethik her be­grif­fen wer­den muss.

Lacan 1959/60

Im Ethik-Se­mi­nar kom­men­tiert La­can am 23. De­zem­ber 1959 Sa­des Trak­tat Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt.

Als Ge­setz, als all­ge­mei­ne Ma­xi­me un­se­res Han­delns kön­nen wir et­was neh­men, was sich als das Recht ar­ti­ku­lie­ren lässt, je­den be­lie­bi­gen an­de­ren als In­stru­ment un­se­rer Lust zu ge­nie­ßen.“9

La­can spricht von ei­ner „Ma­xi­me“ und ori­en­tiert sich da­mit an Blan­chot (der von ihm an die­ser Stel­le nicht ge­nannt wird, auf des­sen Sade-Auf­satz La­can spä­ter im Se­mi­nar je­doch zu­stim­mend ver­weist10 ). So wie Blan­chot in Ju­li­et­te, fin­det La­can in der Phi­lo­so­phie im Bou­doir eine Re­gel, die sich auf die Kan­ti­sche Ethik be­zie­hen lässt: die eine all­ge­mei­ne Ma­xi­me ist und da­mit ein Ge­setz.

Am 30. März 1960 zi­tier­te er die be­reits von Blan­chot zi­ter­te Pas­sa­ge aus Ju­li­et­te:

In sei­ner Leh­re, daß das Ge­setz des Ge­nus­ses ich weiß nicht was für ein ide­al­uto­pi­sches Gesll­schafts­sys­tem be­grün­den kön­ne, drückt sich Sade in der vor kur­zem bei Pau­vert, ich muß sa­gen, recht sau­ber neu be­sorg­ten Aus­ga­be der Ju­li­et­te – was bis heu­te ein Buch ist, das un­ter dem La­den­tisch ver­kauft wird – in Kur­siv wie folgt aus – Lei­hen Sie mir den Teil Ih­res Kör­pers, der mich für ei­nen Au­gen­blick be­frie­di­gen kann, und ge­nie­ßen Sie, wenn es Ih­nen ge­fällt, den des mei­nen, der Ih­nen an­ge­nehm sein mag.

Wir kön­nen in der Aus­sa­ge die­ses fun­da­men­ta­len Ge­set­zes, in der sich ein Mo­ment des Sa­de­schen Sys­tems aus­drückt, so­weit die­ses sich als ge­sell­schaft­lich an­nehm­bar be­haup­tet, zum ers­ten Mal et­was auf­tau­chen se­hen, bie dem wir als Psy­cho­ana­ly­ti­ker im Na­men des Par­ti­al­ob­jekts ste­hen ge­blie­ben sind.“11

Lacan 1963

1963 er­scheint die ers­te Ver­si­on von Kant mit Sade. Hier heißt es zu Sa­des Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt :

Sa­gen wir, dass der Nerv der Streit­schrift [fac­tum12] in der Ma­xi­me des Rechts auf Ge­nie­ßen be­steht, un­ge­wöhn­lich in­so­fern, als sie her­aus­ge­zo­gen wird und hier ge­nau mit der Reich­wei­te ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel pro­kla­miert wird. Äu­ßern wir sie fol­gen­der­ma­ßen:

Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, wer­de ich sa­gen zu wem ich Lust habe, und von die­sem Recht wer­de ich Ge­brauch ma­chen, ohne daß ir­gend­ei­ne Gren­ze mich auf­hält in der Lau­ne der Ein­for­de­run­gen, die hier­bei zu be­frie­di­gen nach mei­nem Ge­schmack ist.‘“13

La­can kommt hier auf die Fas­sung zu­rück, die die Ma­xi­me in Ju­li­et­te hat. Aus „Was tue ich denn für ein Übel, wel­che Sün­de be­ge­he ich denn, wenn ich ei­nem schö­nen Ge­schöpf be­geg­ne und ihm sage …“ wird „Ich habe das Rechts (..) wer­den ich sa­gen, zu wem ich Lust habe“.

Lacan 1966

In den Écrits lau­tet die Sa­de­sche Ma­xi­me so:

Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, kann je­der mir sa­gen, und von die­sem Recht wer­de ich Ge­brauch ma­chen, ohne daß ir­gend­ei­ne Gren­ze mich auf­hält in der Lau­ne der Ein­for­de­run­gen, die hier­bei zu be­frie­di­gen nach mei­nem Ge­schmack ist.‘“14

Aus „wer­de ich sa­gen zu wem ich Lust habe“ wird „kann je­der mir sa­gen“. Da­mit nimmt La­can zwei Än­de­run­gen vor. Zum ei­nen ver­wan­delt er eine Pro­gno­se in eine Er­laub­nis. Nicht „wird je­der mir sa­gen“, son­dern „kann je­der mir sa­gen“. Je­der hat das Recht, ein be­stimm­tes Recht ein­zu­kla­gen.

Zum an­de­ren ver­än­dert sich das Ver­hält­nis zwi­schen der Äu­ße­rung der Ma­xi­me und ih­rem Aus­sa­ge­in­halt. In der Ver­si­on von 1963 ist das Sub­jekt der Äu­ße­rung (der Ver­kün­der der Ma­xi­me) iden­tisch mit dem­je­ni­gen Spre­cher, der das Recht auf Ge­nie­ßen ein­klagt. In der Fas­sung von 1966 fällt das aus­ein­an­der. Das Sub­jekt, das das Recht auf Ge­nie­ßen ein­kla­gen darf, ist ein an­de­res als das­je­ni­ge, von dem das Recht auf die­ses Recht ver­kün­det wird.

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 Anmerkungen

  1. Vgl. La­can: Kant mit Sade, in: Ders.: Schrif­ten II, S. 133–136.
  2. Vgl. Mar­quis de Sade: Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir. Über­setzt von Rolf Busch. Mer­lin Ver­lag, Gif­ken­dorf  3. Aufl. 1989, der Es­sai Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung …, fin­det sich hier auf den Sei­ten 195 bis 274.
  3. A.a.O., S. 233 f.– Die  Ter­mi­no­lo­gie der Über­set­zung habe ich hier und im fol­gen­den ver­ein­heit­licht: dé­sir: Be­geh­ren; dé­sirs: Be­gier­den; jouis­sance: Ge­nie­ßen, Ge­nuss, Wol­lust; jouir: ge­nie­ßen; pen­chant: Nei­gung.
  4. A.a.O., S. 239–241.
  5. A.a.O., S. 241 f.
  6. A.a.O., S. 247 f.
  7. His­toire de Ju­li­et­te, ou les Pro­s­pé­rités du vice (1797), ers­ter Teil, mei­ne Über­set­zung nach der Ver­si­on von 1801 im In­ter­net hier.
  8. Mau­rice Blan­chot: Sade. Über­setzt von Jo­han­nes Hüb­ner. Hens­sel, Ber­lin 1986, S. 12 f., Übers. des Sade-Zi­tats ge­än­dert.- Der Auf­satz er­schien zu­erst un­ter dem Ti­tel À la ren­cont­re de Sade. In: Les temps mo­der­nes, Heft 25, 3. Jg. (1947), S. 577–612. Blan­chot nahm den Ar­ti­kel auf in Lau­tréa­mont et Sade. Édi­ti­on de Mi­nuit, Pa­ris 1949, und än­der­te da­bei den Ti­tel in La rai­son de Sade, Sa­des Ver­nunft.
  9. Se­mi­nar 7: „nous pou­vons prend­re com­me loi, com­me ma­xi­me uni­ver­sel­le de not­re ac­tion, quel­que cho­se qui s’articule com­me le droit à jouir d’autrui quel qu’il soit, com­me in­stru­ment de not­re plai­sir“, Ver­si­on Sta­fer­la, mei­ne Über­set­zung. In Mil­lers Ver­si­on des Se­mi­nars fin­det man die Ma­xi­me auf S. 98.
  10. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 242–244.
  11. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S 244.
  12. Fac­tum heißt „Streit­schrift“, ist hier aber viel­leicht zu­gleich eine iro­ni­sche An­spie­lung auf Kants Rede vom Be­wusst­seins des Sit­ten­ge­set­zes als ei­nem „Fak­tum der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft“.
  13. Cri­tique, 17. Jg. (1963), April, Nr. 191, S. 291–313, hier: S. 294, zit. n. Pas-tous-La­can, mei­ne Über­set­zung.
    „J’ai le droit de jouir de ton corps, dirai-je à qui me plaît, et ce droit, je l’exercerai, sans qu’aucune li­mi­te m’arrête dans le ca­pri­ce des ex­ac­tions que j’aie le goût d’y as­sou­vir.”
  14. Schrif­ten II, S. 138 f., Über­set­zung und Un­ter­strei­chung von mir.

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