Übersetzungsfragen

Über „désir“ und „Leidenschaft“

Pieter Breugel der Ältere - Die Bekehrung des Paulus - 1567 (zu Jacques Lacan, Begehren)Pie­ter Brue­gel der Äl­te­re, Die Be­keh­rung des Pau­lus, 1567
Öl auf Ei­chen­holz, 108 x 156 cm, Kunst­his­to­ri­sches Mu­se­um Wien

In Itz­hak Be­nyami­nis Buch Nar­ziss­ti­scher Uni­ver­sa­lis­mus wird Jac­ques La­cans Be­griff dé­sir mit „Lei­den­schaft“ über­setzt.1 Ist das eine gute Über­set­zung?

Die Batterie der Signifikanten I

Begehren und Begierde

Ich las­se den Kon­text zu­nächst ein­mal au­ßer Acht, also die Tat­sa­che, dass es um die Über­set­zung ei­nes be­stimm­ten Bu­ches geht. Un­ter die­ser Be­din­gung kann man sa­gen: Gute Über­set­zun­gen von La­cans dé­sir sind „Be­gier­de“ und „Be­geh­ren“.

Der Be­griff geht auf He­gel zu­rück; He­gel spricht von „Be­gier­de“2. Ko­jè­ve über­setzt He­gels „Be­gier­de“ mit dé­sir.3 Sart­re4 und La­can stüt­zen sich auf Ko­jè­ves He­gel­deu­tung und über­neh­men dé­sir als Grund­be­griff. La­can selbst bringt dé­sir mit „Be­geh­ren“ ins Deut­sche5, also ist der Über­set­zung mit „Be­geh­ren“ der Vor­zug zu ge­ben. In den deutsch­spra­chi­gen La­can­a­us­ga­ben ist der Aus­druck denn auch mit „Be­geh­ren“ über­setzt wor­den.

Freud spricht im Ent­wurf vom „Be­gier­de­zu­stand“, von der „Be­gier­de­span­nung“ und von der „Be­gier“.6 „Be­geh­ren“ und „Be­gier­de“ wer­den als ei­ni­ger­ma­ßen syn­onym auf­ge­fasst, auch He­gel ver­wen­det ge­le­gent­lich „Be­geh­ren“, und zur Über­set­zung des Plu­rals dé­sir kann man auf „Be­gier­den“ zu­rück­grei­fen. Der Wech­sel von He­gels „Be­gier­de“ zur Über­set­zung von dé­sir mit „Be­geh­ren“ ent­spricht dem Wort­wan­del: zu Zei­ten He­gels wur­de „Be­gier­de“ mehr als dop­pelt so häu­fig ver­wen­det wie „Be­geh­ren“, heu­te ist es um­ge­kehrt.

Leidenschaft, passion, passio, pathē

Wenn man La­cans dé­sir mit „Lei­den­schaft“ ins Deut­sche bringt, ist das, kon­text­frei be­trach­tet, kei­ne gute Über­set­zung. „Lei­den­schaft“ ist nicht ein­fach falsch, so als ob man dé­sir mit „Eif­fel­turm“ über­set­zen wür­de; zwi­schen dé­sir und „Lei­den­schaft“ gibt es deut­li­che se­man­ti­sche Über­schnei­dun­gen. „Lei­den­schaft“ ist aber auch nicht eine Über­set­zungs­va­ri­an­te, die mit „Be­geh­ren“ und „Be­gier­de“ ver­gleich­bar wäre: die Über­set­zung von dé­sir mit „Lei­den­schaft“ ist schlech­ter als die mit „Be­geh­ren“ oder „Be­gier­de“.

Das deut­sche Wort „Lei­den­schaft“ hat im Fran­zö­si­schen eine ziem­lich ge­naue Ent­spre­chung: pas­si­on. Das liegt dar­an, dass „Lei­den­schaft“ im 17. Jahr­hun­dert als Über­set­zung des la­tei­ni­schen Wor­tes pas­sio ein­ge­führt wur­de und dass die Nähe zwi­schen den bei­den Aus­drü­cken sich er­hal­ten hat. Wenn man von La­cans Be­griff der „Lei­den­schaft“ spricht, muss je­der, der ein biss­chen Fran­zö­sisch kann, an­neh­men, dass es um die pas­si­on geht.

La­can ver­wen­det dé­sir und pas­si­on nicht syn­onym; dé­sir ist ein Be­griff sei­nes Theo­rie­ge­fü­ges, die pas­si­on wird nur am Ran­de er­wähnt. Be­nyami­ni be­zieht sich vor al­lem auf das Ethik-Se­mi­nar; von pas­si­on spricht La­can hier bei­spiels­wei­se bei der Er­läu­te­rung von Kants Be­griff des „pa­tho­lo­gi­schen Ob­jekts“. Die­ses ist, sagt La­can, „Ob­jekt ei­ner Lei­den­schaft“7, „ob­jet d’une pas­si­on“. Mit „pa­tho­lo­gisch“ meint Kant nicht „krank­haft“, er be­zieht sich viel­mehr auf den Ge­gen­satz von Ak­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät; in der Be­zie­hung zum „pa­tho­lo­gi­schen“ Ob­jekt ist das Ich nicht ak­tiv, son­dern pas­siv, lei­dend. La­can bringt hier­zu die Be­griffs­ge­schich­te in Er­in­ne­rung: dem grie­chi­schen pa­thos ent­spricht im Fran­zö­si­schen (ver­mit­telt über das la­tei­ni­sche Wort pas­sio) der Aus­druck pas­si­on; die pas­si­on ist zu­gleich „Lei­den­schaft“ und „Lei­den“. Das ist mit dem Aus­druck „pa­tho­lo­gi­sches Ob­jekt“ ge­meint: in der „lei­den­schaft­li­chen“ Be­zie­hung zu ei­nem Ob­jekt ist das Ich lei­dend, denn die Lei­den­schaft ist et­was, das ei­nen be­fällt, dem man aus­ge­lie­fert ist.

Eine gute Über­set­zung wird ver­su­chen, die Dif­fe­renz von dé­sir und pas­si­on nach­zu­bil­den, und das ist im Deut­schen ein­fach: dé­sir ent­spricht ei­ni­ger­ma­ßen „Be­geh­ren“ oder „Be­gier­de“ (nur ei­ni­ger­ma­ßen, aber es gibt nichts Bes­se­res), pas­si­on ent­spricht recht ge­nau „Lei­den­schaft“.

In der fran­zö­si­schen und deut­schen Um­gangs­spra­che be­zie­hen sich „dé­sir“ bzw. „Be­geh­ren“ meist auf den se­xu­el­len An­trieb. Es hat ei­nen bi­bli­schen Bei­klang; das Ge­bot „Du sollst nicht be­geh­ren dei­nes Nächs­ten Weib“ ge­hört zu den rät­sel­haf­ten Wor­ten – zu den Si­gni­fi­kan­ten – mei­ner streng christ­li­chen Er­zie­hung. Bei „Lei­den­schaft“ fehlt der aus­ge­präg­te Bi­bel­sound (ob­wohl man das Wort auch in den Bi­bel­über­set­zun­gen fin­det), man as­so­zi­iert wohl als ers­tes „Lie­be und Lei­den­schaft“ und ist da­mit bei der amour pas­si­on, ei­ner Er­fin­dung des 17. Jahr­hun­derts.8 Der la­tei­ni­sche Ter­mi­nus pas­sio ist äl­ter; un­ter­grün­dig steht die Lei­den­schaft in Ver­bin­dung mit der Pas­si­on, mit dem Lei­den Chris­ti, auf Grie­chisch: mit dem pa­thē Chris­ti.

In der deut­schen Schrift­spra­che wird „Lei­den­schaft“ häu­fi­ger ver­wen­det als „Be­geh­ren“; in der ge­spro­che­nen Spra­che dürf­te der Vor­sprung von „Lei­den­schaft“ noch grö­ßer sein. Im Fran­zö­si­schen ist es um­ge­kehrt, „dé­sir“ ist häu­fi­ger als „pas­si­on“.

Der Skopos des Translats

Den Kon­text habe ich bis­her aus­ge­klam­mert; für die Be­ur­tei­lung ei­ner Über­set­zung ist er ent­schei­dend. In ei­nem be­stimm­ten Zu­sam­men­hang kann die schlech­te­re Über­set­zung die bes­se­re sein.

In Be­nyami­nis Buch wird die Über­set­zung mit „Lei­den­schaft“ so be­grün­det:

Ich habe mich da­für ent­schie­den, das la­can­sche Wort ‚dé­sir‘ in die­sem Buch nicht mit ‚Be­geh­ren‘, son­dern mit ‚Lei­den­schaft‘ zu über­set­zen, um so­mit die la­can­sche Theo­rie mit der pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der Lei­den­schaft zu ver­knüp­fen.“9

Die­ser Satz de­fi­niert den Zweck der Über­set­zung, den Sko­pos des Trans­lats, wie die Über­set­zungs­wis­sen­schaft­ler so schön sa­gen.

Ist „Lei­den­schaft“ eine gute Über­set­zung von Be­nyami­nis Über­set­zung von La­cans dé­sir? Das misst sich dar­an, ob sie die­se Funk­ti­on er­füllt, ob „Lei­den­schaft“ also ge­eig­net ist, die la­can­sche Theo­rie mit der pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der Lei­den­schaft zu ver­knüp­fen.

Die Batterie der Signifikanten II

Leidenschaft als Signifikat

Der zu­letzt zi­tier­te Satz ir­ri­tiert mich, aus zwei Grün­den. Ers­tens über­setzt Be­nyami­ni La­cans dé­sir ja nicht mit „Lei­den­schaft“, son­dern mit ei­nem he­bräi­schen Wort, und es ist der Be­nyami­ni-Über­set­zer, der Be­nyami­nis Über­set­zung in ei­nem zwei­ten Schritt mit „Lei­den­schaft“ ins Deut­sche bringt – hat­te er da­bei kei­ne Wahl? Und zwei­tens: Was ist denn das für eine pau­li­ni­sche Auf­fas­sung der „Lei­den­schaft“?

Be­nyami­ni über­setzt La­cans dé­sir mit תשוקה (tschu­ka). Folgt dar­aus, dass er dé­sir nicht mit „Be­geh­ren“, son­dern mit „Lei­den­schaft“ über­setzt? Nur dann, wenn tschu­ka aus­schließ­lich mit „Lei­den­schaft“ ver­dol­metscht wer­den kann oder wenn „Lei­den­schaft“ die mit Ab­stand häu­figs­te Über­set­zung ist.

Der Über­set­zer, Yoav Sa­pir, macht zur Über­set­zung von dé­sir mit „Lei­den­schaft“ eine An­mer­kung. Er weist dar­auf hin, dass Be­nyami­ni selbst es ist, der La­can und Pau­lus ins He­bräi­sche über­setzt, und fährt fort:

Um sei­nem Text wie­der­um ge­treu zu blei­ben, gilt sei­ne Ent­schei­dung auch für die­se deut­sche Über­set­zung, so­dass hier, ge­nau­so wie im he­bräi­schen Ori­gi­nal, das la­can­sche ‚Be­geh­ren‘ oft mit ‚Lei­den­schaft‘ über­setzt wird.“10

Im he­bräi­schen Ori­gi­nal wird das la­can­sche „Be­geh­ren“ oft mit „Lei­den­schaft“ über­setzt – die­se For­mu­lie­rung be­zieht sich auf „Lei­den­schaft“ als Si­gni­fi­kat, als Be­deu­tung. Der Satz un­ter­stellt, dass das Si­gni­fi­kat „Lei­den­schaft“ pri­mär ist und nur se­kun­där durch den von Be­nyami­ni ver­wen­de­ten Si­gni­fi­kan­ten תשוקה re­prä­sen­tiert wird. Die For­mu­lie­rung setzt vor­aus, dass die­ses be­reits exis­tie­ren­de Si­gni­fi­kat im Deut­schen durch ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert wird, durch das Wort „Lei­den­schaft“. Das Über­set­zen be­steht dar­in (wenn man sich an die­sen Satz hält), das prä­exis­tie­ren­de Si­gni­fi­kat „Lei­den­schaft“ vom He­bräi­schen ins Deut­sche um­zu­ko­die­ren.

Tschuka

Tat­säch­lich aber über­setzt Be­nyami­ni dé­sir nicht mit dem Si­gni­fi­kat „Lei­den­schaft“, son­dern mit תשוקה, mit ei­nem Si­gni­fi­kan­ten. Wenn man Be­nyami­nis Über­set­zung über­setzt, stößt man auf den Pri­mat des Si­gni­fi­kan­ten.

Mein Ein­wand wäre spitz­fin­dig, wenn zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten tschu­ka, mit dem Be­nyami­ni La­cans dé­sir ins He­bräi­sche bringt, und dem deut­schen Si­gni­fi­kan­ten „Lei­den­schaft“ eine Zwangs­ver­kopp­lung be­stün­de oder wenn tschu­ka am häu­figs­ten mit „Lei­den­schaft“ über­setzt wird und an­de­re Über­set­zungs­mög­lich­kei­ten un­ter „fer­ner lie­fen“ ran­gie­ren. Man könn­te dann ab­kür­zend sa­gen: Be­nyami­ni über­setzt dé­sir mit „Lei­den­schaft“.

Ich kann kein He­brä­isch, aber mei­ne drei Fra­gen las­sen sich mit Hil­fe ei­nes Le­xi­kons be­ant­wor­ten: Gibt es eine ex­klu­si­ve Ver­knüp­fung zwi­schen dem von Be­nyami­ni für dé­sir ver­wen­de­ten Aus­druck, also tschu­ka, und dem deut­schen Wort „Lei­den­schaft“? Falls nein: Ist die Über­set­zung von tschu­ka mit „Be­geh­ren“ mög­lich? Falls ja: Wie ver­tei­len sich die Häu­fig­kei­ten?

Der Goog­le Trans­la­tor ist ver­mut­lich kein dol­ler Über­set­zer, aber für mei­nen Zweck reicht er, vor al­lem, da er Häu­fig­kei­ten an­gibt. Ich rufe also Goog­le Trans­la­te auf und wäh­le die Über­set­zung ins Eng­li­sche, da Goog­le in die­ser Spra­che wahr­schein­lich das größ­te Text­kor­pus hat. Wenn ich der Ma­schi­ne den Be­fehl gebe, mir תשוקה zu über­set­zen, zeigt sie mir als „häu­fi­ge Über­set­zung“ die fol­gen­den Ter­mi­ni an: „pas­si­on“, „lust“ und „de­si­re“, also in etwa „Lei­den­schaft“, „Lust“ und „Be­geh­ren“ bzw. „Be­gier­de“.

Den Aus­druck תשוקה fin­det man auch im Le­xi­kon des Alt­he­bräi­schen von Ge­se­ni­us; er wird hier mit „Be­geh­ren“, „Ver­lan­gen“, „Sehn­sucht“ über­setzt.11 Be­nyami­ni über­setzt dé­sir also mit ei­nem Ter­mi­nus, der ge­wis­ser­ma­ßen bi­bli­sches Ge­wicht hat. Ich weiß nicht, wel­che Rol­le der bi­bli­sche Hin­ter­grund für Be­nyami­nis Ent­schei­dung ge­spielt hat, dé­sir mit tschu­ka zu über­set­zen; im­mer­hin über­setzt die Bi­ble du se­meur an al­len drei von Ge­se­ni­us an­ge­ge­be­nen Be­leg­stel­len12 תשוקה mit „dé­sir“ bzw. „dé­si­rer“.13

Ich schlie­ße dar­aus: Zwi­schen Be­nyami­nis Über­set­zung von dé­sir mit tschu­ka und dem deut­schen Wort „Lei­den­schaft“ gibt es kei­ne zwin­gen­de oder na­he­zu zwin­gen­de Ver­bin­dung. Be­nyami­ni über­setzt dé­sir mit tschu­ka – und also mit „Lei­den­schaft“, „Be­geh­ren“, „Be­gier­de“, „Lust“. Der Über­set­zer hat sich da­für ent­schie­den, tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ ins Deut­sche zu brin­gen. Er hat sich da­ge­gen ent­schie­den, den Aus­druck mit „Be­geh­ren“ oder „Be­gier­de“ zu über­set­zen, was eben­falls mög­lich ge­we­sen wäre; Goog­le Trans­la­te zu­fol­ge ist die Über­set­zung von tschu­ka mit „de­si­re“ häu­fig, eben­so wie die Über­set­zung mit „pas­si­on“. Er hat sich bei der Über­set­zung von Be­nyami­nis Über­set­zung von La­cans dé­sir für den Ter­mi­nus ent­schie­den, der, wenn man den Kon­text au­ßer Acht lässt, die schlech­te­re Über­set­zung von dé­sir dar­stellt. War­um?

Die paulinische Auffassung der Leidenschaft“

Durch die un­üb­li­che Über­set­zung von La­cans Be­griff dé­sir mit tschu­ka will Be­nyami­ni ein be­stimm­tes Pro­blem lö­sen: die Be­zie­hung zur „pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der Lei­den­schaft“ soll her­ge­stellt wer­den. Wenn man tschu­ka ins Deut­sche bringt, erbt man die­sen Sko­pos (um mich den Über­set­zern ver­ständ­lich aus­zu­drü­cken). Die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ ist dann gut, wenn sie La­cans dé­sir mit der „pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der Lei­den­schaft“ ver­knüpft. Tut sie das?

Das Pro­blem ist: eine pau­li­ni­sche Kon­zep­ti­on der Lei­den­schaft gibt es nicht.

Auch hier stößt man auf den Pri­mat des Si­gni­fi­kan­ten. Wenn man von ei­ner „pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der Lei­den­schaft“ spricht, be­zieht man sich auf „Lei­den­schaft“ als Si­gni­fi­kat, man rech­net die­ses Si­gni­fi­kat Pau­lus zu, und man un­ter­stellt, dass ei­nem die­ses Si­gni­fi­kat zu­gäng­lich ist. Tat­säch­lich aber hat man es pri­mär mit Si­gni­fi­kan­ten zu tun, mit von Pau­lus ge­schrie­be­nen grie­chi­schen Wör­tern (oder mit grie­chi­schen Wör­tern, die Pau­lus dik­tiert und ein Schrei­ber auf­ge­zeich­net hat). Eine pau­li­ni­sche Theo­rie der Lei­den­schaft gäbe es dann, wenn „Lei­den­schaft“ die bes­te oder die mit Ab­stand häu­figs­te Über­set­zung des von Pau­lus ver­wen­de­ten Ter­mi­nus wäre. Also stellt sich die Fra­ge, wel­che Si­gni­fi­kan­ten Pau­lus ver­wen­det und wie sie sich zu den deut­schen Wör­tern „Be­geh­ren“ und „Lei­den­schaft“ ver­hal­ten. Dank In­ter­net ist es nicht schwer, das her­aus­zu­fin­den.

Epithymia

Be­nyami­nis Er­ör­te­rung der „Lei­den­schaft“14 be­zieht sich vor al­lem auf den Rö­mer­brief, ins­be­son­de­re auf Rö­mer 7, dar­in vor al­lem auf die Ver­se 7 und 8. Die grie­chi­schen Wör­ter, die Pau­lus hier ver­wen­det, sind das Sub­stan­tiv epi­t­hy­mia und das Verb epi­t­hy­meō (ἐπιθυμία und ἐπιθυμεω, was auch mit epi­thu­mia und epi­thu­meō tran­skri­biert wird).15 Es gibt kei­ne pau­li­ni­sche Auf­fas­sung der Lei­den­schaft, aber es gibt eine pau­li­ni­sche Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia.

Man kann den Sko­pos, den Über­set­zungs­zweck, dem­nach so um­for­mu­lie­ren: Die Über­set­zung von La­cans Be­griff dé­sir mit dem he­bräi­schen Wort tschu­ka soll dé­sir mit der pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia ver­knüp­fen. Die Über­set­zung von tschu­ka ins Deut­sche steht vor der Auf­ga­be, den deut­schen Ter­mi­nus so zu wäh­len, dass hier­durch La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ epi­t­hy­mia ver­bun­den wird.

Fragt sich also, wie Pau­lusʼ Aus­druck epi­t­hy­mia üb­li­cher­wei­se ins Deut­sche ge­bracht wird. Die drei meist­be­nutz­ten Bi­bel­über­set­zun­gen sind zur Zeit
– die  Lu­ther-Bi­bel von 1984 (dies ist die von der Evan­ge­li­schen Kir­che Deutsch­land ver­wen­de­te Über­set­zung),
– die Ein­heits­über­set­zung (die im rö­misch-ka­tho­li­schen Got­tes­dienst ver­wen­de­te Über­set­zung, an der pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­gen mit­ge­wirkt ha­ben und die für den Ge­brauch in der evan­ge­li­schen Kir­che frei­ge­ge­ben wur­de)
– und die El­ber­fel­der Bi­bel (dem Ur­text be­son­ders nahe, ein Pro­jekt der evan­ge­li­schen Brü­der­be­we­gung).

Die Haupt­stel­le zu Pau­lus Be­griff der epi­t­hy­mia, Rö­mer 7, Ver­se 7 und 8, wird von Be­nyami­ni zi­tiert und kom­men­tiert. Der Über­set­zer ver­wen­det an die­ser Stel­le die Lu­ther-Bi­bel von 1984. Man liest:

Ist das Ge­setz Sün­de? Das sei fer­ne! Aber die Sün­de er­kann­te ich nicht au­ßer durchs Ge­setz. Denn ich wuss­te nichts von der Be­gier­de (τήν ἐπιθυμίαν), wenn das Ge­setz nicht ge­sagt hät­te: ‚Du sollst nicht be­geh­ren!‘ (Οὐκ ἐπιθυμήσεις) Die Sün­de aber nahm das Ge­setz zum An­lass und er­reg­te in mir Be­gier­den al­ler Art; denn ohne das Ge­setz war die Sün­de tot.“16

Die vom Über­set­zer zi­tier­te Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments kennt an der Haupt­be­leg­stel­le kei­ne pau­li­ni­sche Kon­zep­ti­on der Lei­den­schaft, son­dern eine der Be­gier­de und des Be­geh­rens.

In der Ein­heits­über­set­zung liest sich die Stel­le so:

(7) Heißt das nun, dass das Ge­setz Sün­de ist? Kei­nes­wegs! Je­doch habe ich die Sün­de nur durch das Ge­setz er­kannt. Ich hät­te ja von der Be­gier­de nichts ge­wusst, wenn nicht das Ge­setz ge­sagt hät­te: Du sollst nicht be­geh­ren.
(8) Die Sün­de er­hielt durch das Ge­bot den An­stoß und be­wirk­te in mir alle Be­gier­de, denn ohne das Ge­setz war die Sün­de tot.“

Epi­t­hy­mia wird hier mit „Be­gier­de“ über­setzt, nicht mit „Lei­den­schaft“, das Verb epi­t­hy­mein mit „be­geh­ren“.

Die El­ber­fel­der Bi­bel über­setzt so:

(7) Was sol­len wir nun sa­gen? Ist das Ge­setz Sün­de? Auf kei­nen Fall! Aber die Sün­de hät­te ich nicht er­kannt als nur durchs Ge­setz. Denn auch von der Be­gier­de hät­te ich nichts ge­wusst, wenn nicht das Ge­setz ge­sagt hät­te: ‚Du sollst nicht be­geh­ren!‘
(8) Die Sün­de aber er­griff durch das Ge­bot die Ge­le­gen­heit und be­wirk­te jede Be­gier­de in mir; denn ohne Ge­setz ist die Sün­de tot.“

Wie sieht es in an­de­ren Spra­chen aus? Le­gen die Über­set­zun­gen von epi­t­hy­mia ins La­tei­ni­sche oder ins Fran­zö­si­sche es nahe, die „Lei­den­schaft“ ins Spiel zu brin­gen?

In der Vul­ga­ta fin­de ich:

(7) quid ergo di­ce­mus lex pec­ca­tum est ab­sit sed pec­ca­tum non co­gno­vi nisi per le­gem nam con­cu­pis­cen­ti­am nesciebam nisi lex di­ce­ret non con­cu­pis­ces
(8) oc­ca­sio­ne au­tem ac­cep­ta pec­ca­tum per man­da­tum ope­ra­tum est in me om­nem con­cu­pis­cen­ti­am sine lege enim pec­ca­tum mor­tu­um erat.“

Die Vul­ga­ta über­setzt epi­t­hy­mia mit „con­cu­pis­cen­tia“, nicht mit „pas­sio“.

Und die Lou­is Se­gond-Über­set­zung von 1910, auf die La­can sich ver­mut­lich be­zieht?

(7) Que di­rons-nous donc? La loi est-elle pé­ché? Loin de là! Mais je n’ai con­nu le pé­ché que par la loi. Car je n’aurais pas con­nu la con­voi­ti­se, si la loi n’eût dit: Tu ne con­voi­te­ras point.
(8) Et le pé­ché, sai­sis­sant l’occasion, pro­du­i­sit en moi par le com­man­de­ment tou­tes sor­tes de con­voi­ti­ses; car sans loi le pé­ché est mort.“

Hier heißt es für epi­t­hy­mia „con­voi­ti­se“, nicht „pas­si­on“; für epi­t­hy­mein „con­voi­ter“.

Wie ist es mit den an­de­ren Ver­wen­dun­gen von epi­t­hy­mia bzw. epi­t­hy­mein im Rö­mer­brief? Die bei­den Aus­drü­cke er­scheint hier sechs Mal (1:24; 6:12 ; 7:7; 7:8; 13:9; 13:14). Alle drei Stan­dard­über­set­zun­gen über­set­zen epi­t­hy­mia an al­len sechs Stel­len mit „Be­gier­de“ und epi­t­hy­mein (13:9) mit „be­geh­ren“, nir­gend­wo über­set­zen sie epi­t­hy­mia mit „Lei­den­schaft“.

Die Vul­ga­ta über­setzt epi­t­hy­mia in 1:24 und 13:14 mit „de­si­de­ri­um“, an den üb­ri­gen Stel­len mit „con­cu­pis­cen­tia“ bzw. „con­cu­pis­ce­re“, nir­gend­wo mit „pas­sio“. Die Se­gond-Bi­bel von 1910 über­setzt epi­t­hy­mia an al­len fünf Stel­len mit „con­voi­ti­se“, epi­t­hy­mein mit „con­voi­ter“, nir­gend­wo mit „pas­si­on“. In der mo­der­ne­ren Bi­ble du se­meur glei­tet das Si­gni­fi­kat un­ter dem Si­gni­fi­kan­ten: in 1:24 wird epi­t­hy­mia mit „pas­si­on“ über­setzt, in 6:12 und 13:14 mit „dé­sir“, in 7:7 mit „con­voi­ti­se“, in 7:8 mit „dé­sirs mau­vais“ und in 13:9 epi­t­hy­mein mit „con­voi­ter“.

Be­nyami­ni be­zieht sich nicht nur auf den Rö­mer­brief, son­dern auf die sie­ben als echt gel­ten­den Pau­lus­brie­fe, also muss man den Blick noch ein­mal aus­wei­ten. In den sie­ben Brie­fen er­schei­nen die Aus­drü­cke epi­t­hy­mia bzw. epi­t­hy­mein ins­ge­samt drei­zehn Mal. Hier der voll­stän­di­ge Über­blick über die Über­set­zung von Pau­lusʼ epi­t­hy­mia bzw. epi­t­hy­mein in den drei Über­set­zun­gen:
– In der Lu­ther-Bi­bel von 1984 wird in neun Fäl­len mit „Be­gier­de“ bzw. „be­geh­ren“ über­setzt (au­ßer im Rö­mer­brief ist das in Ga­la­ter 5:16, 5:17, 5:24), ein­mal mit „Ver­lan­gen“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher 2:17), ein­mal mit „Lust“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4:5), zwei­mal mit „Lust ha­ben“ (1. Ko­rin­ther 10:6, Phil­ip­per 1:23), nie mit „Lei­den­schaft“.
– In der Ein­heits­über­set­zung fin­det man „Be­geh­ren“ (Ga­la­ter 5:16, 5:17), „Be­gier­de“ (Ga­la­ter 5:24, 1. Thes­sa­lo­ni­cher 4:5), „Sehn­sucht“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher 2:17), „Gier“ (1. Ko­rin­ther 10:6), „sich seh­nen nach“ (Phil­ip­per 1:23) und auch hier nie­mals „Lei­den­schaft“.
– Die El­ber­fel­der Bi­bel über­setzt zehn Mal mit „Be­gier­de“, ein Mal mit „Ver­lan­gen“ (Ga­la­ter 2:17), ein Mal mit „Lust“ (Phil­ip­per 1:23) und ein Mal mit „gie­rig sein“ (1. Ko­rin­ther 10:16), kein­mal mit Lei­den­schaft.

Wenn man nach Frank­reich wech­selt, wird man in der Bi­ble du se­meur fün­dig: sie über­setzt 9 mal mit „dé­sir“, zwei Mal mit „con­voi­ti­se“ bzw. „con­voi­ter“ und zwei Mal mit „pas­si­on“ .

An­ders ge­sagt: Für die drei Stan­dard­über­set­zun­gen der sie­ben Pau­lus­brie­fe ist epi­t­hy­mia meist äqui­va­lent mit „Be­gier­de“ oder „Be­geh­ren“. Nie wird epi­t­hy­mia mit „Lei­den­schaft“ über­setzt. Das Verb epi­t­hy­mein wird über­setzt mit „be­geh­ren“, „Lust ha­ben“, „sich seh­nen nach“ und „gie­rig sein“, nie mit „Lei­den­schaft ver­spü­ren auf et­was“ oder „lei­den­schaft­lich aus sein auf et­was“.

Eine Stüt­ze für die Über­set­zung von epi­t­hy­mia mit „Lei­den­schaft“ fin­det man in der Bi­ble du se­meur, in zwei von 13 Fäl­len wird hier epi­t­hy­mia mit pas­si­on über­setzt. Ist das eine brauch­ba­re Stüt­ze für die Über­set­zung von Be­nyami­nis Über­set­zung von dé­sir, wenn man Be­nyami­nis Term nicht ins Fran­zö­si­sche, son­dern ins Deut­sche bringt? Wohl kaum.

Im Rö­mer­brief 7:7 be­zieht sich Pau­lus, wenn er über die epi­t­hy­mia spricht, auf eine For­mu­lie­rung im zehn­ten Ge­bot, die er mit οὐκ ἐπιθυμήσεις (ouk epi­t­hymēs­eis) ins Grie­chi­sche bringt. Das er­gibt die fol­gen­de Über­set­zungs­ket­te: vom Alt­he­bräi­schen ins Grie­chi­sche (Pau­lus) ins Neu­he­bräi­sche (Be­nyami­ni) ins Deut­sche (Be­nyami­ni-Über­set­zung) im Hin­blick auf das Fran­zö­si­sche (La­cans dé­sir).

Die drei Bi­bel­über­set­zun­gen über­set­zen Pau­lusʼ Über­set­zung des he­bräi­schen Aus­drucks mit „be­geh­ren“. Den he­bräi­schen Ter­mi­nus in Exo­dus 20:17 über­set­zen die Lu­ther-Bi­bel von 1984 und die El­ber­fel­der Bi­bel mit „be­geh­ren“, die Ein­heits­über­set­zung über­setzt mit „ver­lan­gen nach“. An der Par­al­lel­stel­le in Deu­te­ro­no­mi­um 5:21 wer­den die bei­den he­bräi­schen Ter­mi­ni von der Lu­ther-Bi­bel 1984 mit „be­geh­ren“ über­setzt, von der El­ber­fel­der Bi­bel mit „be­geh­ren“ und mit „ge­lüs­ten nach“ und von der Ein­heits­über­set­zung mit „ver­lan­gen nach“ und mit „be­geh­ren“. Auch hier wird nir­gend­wo die Lei­den­schaft ins Spiel ge­bracht, etwa in Ge­stalt von „Lei­den­schaft emp­fin­den“.

Zu Pau­lusʼ Be­zug­nah­me auf das zehn­te Ge­bot liest man in der Über­set­zung von Be­nyami­nis Stu­die:

Das wei­te­ren nutzt Pau­lus den üb­li­chen Sinn des Wor­tes ἐπιθυμήσεις, das ne­ben ‚Be­gier­de‘ auch ‚Lei­den­schaft‘ be­deu­ten kann, um die­ses spe­zi­fi­sche Ver­bot auf je­des Ge­setz, ja auf das Ge­setz auf sol­ches zu be­zie­hen.“17

Das Wort ἐπιθυμήσεις (epi­t­hymēs­eis) ist kein Sub­stan­tiv, son­dern eine Form des Verbs epi­t­hy­mein, „be­geh­ren“, ein Ele­ment des Ge­bots „Du sollst nicht be­geh­ren“. Wenn man hier die Lei­den­schaft un­ter­brin­gen will, müss­te man etwa über­set­zen mit „Du sollst Lei­den­schaft ver­spü­ren“. Wenn man epi­t­hymēs­eis durch epi­t­hy­mia er­setzt, er­gibt sich die Be­haup­tung: epi­t­hy­mia kann ne­ben „Be­gier­de“ auch „Lei­den­schaft“ be­deu­ten.

In bei­den Va­ri­an­ten steht der Satz im Wi­der­spruch zum sta­te of the art, zum Stand der deut­schen Über­set­zer­kunst. Im He­bräi­schen wird er stim­men, da es kei­ne au­to­ri­ta­ti­ve Über­set­zung der Pau­lus­brie­fe ins He­bräi­sche gibt. Was das Deut­sche an­geht, sind die Ex­per­ten an­de­rer Mei­nung. In den Pau­lus­brie­fen über­set­zen sie epi­t­hy­mein nie­mals mit „Lei­den­schaft emp­fin­den“ und epi­t­hy­mia nie mit „Lei­den­schaft“. 

Die pau­li­ni­sche Auf­fas­sung, um die es geht, so darf man ver­ein­fa­chend zu­sam­men­fas­sen, ist eine Kon­zep­ti­on der Be­gier­de, nicht eine Kon­zep­ti­on der Lei­den­schaft.

Pathē

Was sieht man, wenn man um­ge­kehrt vor­geht und nicht mit der Aus­gangs­spra­che be­ginnt, son­dern mit der Ziel­spra­che, an­ders ge­sagt, wenn man vom deut­schen Ter­mi­nus „Lei­den­schaft“ aus­geht?

Lei­den­schaft“ gilt als Äqui­va­lent für die grie­chi­schen Aus­drü­cke pa­thē, pa­thē­ma und pa­thos. In den von Be­nyami­ni un­ter­such­ten Pau­lus­brie­fen fin­det man sie sie­ben Mal.18 In der Ein­heits­über­set­zung und in der El­ber­fel­der Bi­bel wer­den die­se Ter­mi­ni durch­weg mit „Lei­den­schaft“ oder „Lei­den“ über­setzt, in der Lu­ther-Bi­bel von 1984 ein­mal mit „gie­rig“, an­sons­ten eben­falls mit „Lei­den­schaft“ oder „Lei­den“. Pa­thē bzw. pa­thē­ma bzw. pa­thos im Sin­ne von „Lei­den“ fin­det man in den Pau­lus­brie­fen drei Mal, zwei Mal für das Lei­den Chris­ti (2. Ko­rin­ther 1:5, Phil­ip­per 3:10); um die „Lei­den­schaft“ geht es an vier Stel­len: im Rö­mer­brief 1:26 und 7:5, im Ga­la­ter­brief 5:24 und im 1. Thes­sa­lo­ni­cher­brief 4:5.

Dar­aus er­gibt sich: Der deut­sche Ter­mi­nus „Lei­den­schaft“ ist in den drei Stan­dard­über­set­zun­gen für pa­thē re­ser­viert. Die Über­set­zer ar­bei­ten nach dem Sche­ma:
epi­t­hy­mia ≅ „Be­gier­de“ u.a. ≠ „Lei­den­schaft“
pa­thē ≅ „Lei­den­schaft“, „Lei­den“ ≠ „Be­gier­de“

In­ter­es­sant sind die fol­gen­den bei­den Ver­se (El­ber­fel­der Bi­bel):

Die aber dem Chris­tus Je­sus an­ge­hö­ren, ha­ben das Fleisch samt den Lei­den­schaf­ten und Be­gier­den ge­kreu­zigt.“ (Ga­la­ter 5:24)

nicht in Lei­den­schaft der Be­gier­de wie die Na­tio­nen, die Gott nicht ken­nen“ (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4:5)

Hier wer­den die Ter­me „Lei­den­schaft“ (pa­thē bzw. pa­thos) und „Be­gier­de“ (epi­t­hy­mia) ne­ben­ein­an­der­ge­setzt. Um die Über­set­zung von epi­t­hy­mia mit „Lei­den­schaft“ zu be­grün­den, könn­te man dar­an an­schlie­ßen und bei­spiels­wei­se so vor­ge­hen: Man sagt: Die Über­set­zung von La­cans dé­sir mit dem he­bräi­schen Wort tschu­ka soll dé­sir mit der pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia und der pa­thē ver­knüp­fen. Und man be­haup­tet: Die pau­li­ni­sche Kon­zep­ti­on der epi­t­hy­mia ist letzt­lich eine Kon­zep­ti­on der pa­thē; die Be­gier­de ist für Pau­lus we­sent­lich eine Lei­den­schaft, ein Lei­den. Das er­gä­be dann ver­mut­lich eine kan­tia­ni­sie­ren­de Deu­tung der epi­t­hy­mia: die Be­gier­de ist ein pa­thos, et­was, wo­von man be­fal­len wird; ihr pro­ble­ma­ti­scher Cha­rak­ter be­steht dar­in, dass man in ihr pas­siv ist.

Ob eine sol­che Ar­gu­men­ta­ti­on (mit dem Leit­bild der Selbst­be­stim­mung des Sub­jekts) im Pau­lus-Kon­text ein aus­sichts­rei­ches Vor­ha­ben wäre, kann ich nicht be­ur­tei­len. Auf je­den Fall könn­te man sich hier­für nicht auf Be­nyami­ni stüt­zen. In den Pas­sa­gen, die er zi­tiert und auf die er ver­weist, geht es um die epi­t­hy­mia, nicht um die pa­thē. Er gibt ei­nen Hin­weis auf Rö­mer 1:26, wo man pa­thē fin­det, er deu­tet die­se Pas­sa­ge je­doch nicht als Be­leg für die Lei­den­schaft, son­dern für das Ge­nie­ßen.19 Das Ver­hält­nis zwi­schen epi­t­hy­mia und pa­thē ist für ihn kein The­ma.

Ergebnis

Ge­sucht:
Be­nyami­ni über­setzt Jac­ques La­cans dé­sir mit tschu­ka ins He­bräi­sche. Die­se Über­set­zung soll ins Deut­sche ge­bracht wer­den. Da­für gibt es ein klar de­fi­nier­tes Über­set­zungs­ziel, ei­nen Sko­pos: Be­nyami­nis Be­griff tschu­ka (sei­ne Über­set­zung von La­cans dé­sir) soll so ins Deut­sche ge­bracht wer­den, dass La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ Kon­zep­ti­on der epi­t­hy­mia ver­knüpft wird.

Ge­ge­ben:
– La­cans Be­griff dé­sir wird in den Schrif­ten und Se­mi­na­ren im­mer mit „Be­geh­ren“ über­setzt, nie mit „Lei­den­schaft“. „Be­geh­ren“ ist eine gute Über­set­zung, „Lei­den­schaft“ nicht. „Be­gier­de“ wäre auch mög­lich, da La­can an He­gels Be­griff der Be­gier­de an­knüpft.
– Pau­lusʼ epi­t­hy­mia wird von den drei Stan­dard­über­set­zun­gen im Rö­mer­brief im­mer mit „Be­gier­de“ über­setzt. In den üb­ri­gen Pau­lus­brie­fen wird die­se Über­set­zung meist ver­wen­det; auch hier wird epi­t­hy­mia nie mit „Lei­den­schaft“ über­setzt.
– Tschu­ka  wird häu­fig mit „pas­si­on“, „lust“ und „de­si­re“ ins Eng­li­sche ge­bracht, also in etwa mit „Lei­den­schaft“, „Lust“ und „Be­geh­ren“ oder „Be­gier­de“.

Lö­sung:
Tschu­ka wird mit „Lei­den­schaft“ über­setzt.

Die Lö­sung ist ein Rät­sel. Wenn La­cans dé­sir und Pau­lusʼ epi­t­hy­mia nie mit „Lei­den­schaft“ über­setzt wer­den, wie soll die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ dann ge­eig­net sein, bei­de zu ver­knüp­fen?

Dis­kus­si­on: „epi­t­hy­mia“ und „pa­thē“

Die Über­set­zung mit „Lei­den­schaft“ könn­te sich dar­auf stüt­zen, dass „Lei­den­schaft“ in den deut­schen Pau­lus­über­set­zun­gen das Äqui­va­lent von pa­thē ist, und dass Pau­lus an zwei Stel­len epi­t­hy­mia und pa­thē ne­ben­ein­an­der­setzt.

Für die­sen Weg kann man sich je­doch nicht auf Be­nyami­ni stüt­zen. In den Brief­stel­len, auf die Be­nyami­ni sich be­zieht, spricht Pau­lus von epi­t­hy­mia, nicht von pa­thē; ein­mal ver­weist Be­nyami­ni auf ei­nen Vers, in dem von pa­thē die Rede ist, deu­tet ihn aber als Be­leg für „Ge­nie­ßen“, nicht für „Lei­den­schaft“. Die Be­zie­hung zwi­schen epi­t­hy­mia und pa­thē ist nicht Ge­gen­stand sei­ner Un­ter­su­chung.

Durch die Über­set­zung von epi­t­hy­mia mit „Lei­den­schaft“ wird die Fra­ge nach der Be­zie­hung zwi­schen epi­t­hy­mia und pa­thē blo­ckiert, da nicht zu se­hen ist, wie man pa­thē  an­ders über­set­zen kann als mit „Lei­den­schaft“ (oder „Lei­den“); man wäre ge­nö­tigt, nach der Be­zie­hung zwi­schen „Lei­den­schaft“ und „Lei­den­schaft“ zu fra­gen.

An­ge­nom­men, es gäbe ei­nen Au­tor, der glaubt, ge­zeigt zu ha­ben, dass Pau­lusʼ Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia, der Be­gier­de, letzt­lich eine Kon­zep­ti­on der pa­thē ist, also der Lei­den­schaft, und an­ge­nom­men, Be­nyami­ni be­ruft sich dar­auf – wäre das Pro­blem dann ge­löst? Nur halb. Be­nyami­ni müss­te auf eine zwei­te Ar­beit ver­wie­sen ha­ben, die nach­zu­wei­sen ver­sucht, dass es bei La­cans dé­sir letzt­lich um die pas­si­on geht.

Nachträge

Nachtrag I: Tschuka

4. Ok­to­ber 2014

Der Über­set­zer, Yoav Sa­pir, hat eine Re­plik ge­schrie­ben; man fin­det sie und die dar­an an­schlie­ßen­de Dis­kus­si­on hier.

Tschu­ka

Sa­pir mo­niert, dass ich den Goog­le-Trans­la­tor ver­wen­det habe. Ich habe des­halb je­man­den, der mo­der­nes He­brä­isch kann, ge­be­ten, für mich nach­zu­schla­gen, wel­che Über­set­zun­gen für תשוקה (tschu­ka) ei­nes der bes­ten Wör­ter­bü­cher He­brä­isch – Deutsch an­gibt, das „Lan­gen­scheidt Hand­wör­ter­buch He­brä­isch – Deutsch“. Die Ant­wort lau­tet: „Be­gier­de“, „Lust“, „Lei­den­schaft“. Das ent­spricht dem, was mir der Goog­le-Trans­la­tor He­brä­isch – Eng­lisch ver­ra­ten hat­te: „de­si­re“, „lust“, „pas­si­on“. Mehr woll­te ich mit mei­nem Aus­flug ins He­bräi­sche nicht zei­gen: wenn Sa­pir La­cans dé­sir mit „Lei­den­schaft“ über­setzt, wenn Sa­pir Be­nyami­nis Über­set­zung von La­cans dé­sir mit „Lei­den­schaft“ über­setzt, er­gibt sich das nicht zwin­gend dar­aus, dass Be­nyami­ni hier den Aus­druck תשוקה ver­wen­det. תשוקה hät­te auch mit „Be­gier­de“ oder „Be­geh­ren“ über­setzt wer­den kön­nen.

 

Nachtrag II: Ivu’i

6. Ok­to­ber 2014

Yoav Sa­pir hat auf mei­nen ers­ten Nach­trag eine Er­wi­de­rung ver­öf­fent­licht; man fin­det sie am Schluss sei­nes Ar­ti­kels.

Er sagt, dass er kei­nes­wegs, wie ich in mei­nem ers­ten Nach­trag ge­schrie­ben habe, La­cans dé­sir über­set­ze, son­dern Be­nyami­nis Be­griff da­von. Das leuch­tet mir ein. Ich habe in Nach­trag I die Stel­le ent­spre­chend kor­ri­giert.

Ivu’i

Sa­pir weist dar­auf hin, dass La­cans Be­griff dé­sir mit dem Aus­druck ivu’i ins He­bräi­sche über­setzt wor­den ist und dass Be­nyami­ni be­wusst da­von ab­weicht.

Ich sehe nicht, wie mein Ein­wand hier­durch ent­kräf­tet wird.

In­for­ma­tio­nen zu איווי (ivu’i) fin­det man in die­sem Ar­ti­kel von Noam Ba­ruch von 2006, der die Über­set­zung von La­cans dé­sir ins He­bräi­sche zum The­ma hat: ivu’i ist ein Neo­lo­gis­mus, der spe­zi­ell für die Über­set­zung von La­cans dé­sir ge­bil­det wur­de. Das wäre also ein Fall von Zwangs­ver­kopp­lung zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat: wenn man ivu’i ins Fran­zö­si­sche bringt, muss man mit dé­sir über­set­zen.

Da­mit lässt sich Be­nyami­nis Be­grün­dung für die Über­set­zung mit „Lei­den­schaft“20 ent­schlüs­seln. De­chif­friert lau­tet sie so:

Ich habe mich da­für ent­schie­den, das la­can­sche Wort dé­sir in die­sem Buch nicht mit ‚ivu’i‘ zu über­set­zen, ei­nen für La­cans dé­sir ge­bil­de­ten Neo­lo­gis­mus, der sich durch­ge­setzt hat, son­dern mit ‚tschu­ka‘, ei­nem Aus­druck, den man be­reits im Alt­he­bräi­schen fin­det, um auf die­se Wei­se die la­can­sche Theo­rie mit der pau­li­ni­schen Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia zu ver­knüp­fen, näm­lich da­durch, dass ich den pau­li­ni­schen Aus­druck eben­falls mit ‚tschu­ka‘ über­set­ze.“

In wel­cher Si­tua­ti­on be­fin­det sich Be­nyami­ni? Ich kon­stru­ie­re eine Ana­lo­gie. La­cans Ter­mi­nus su­jet bar­ré wird häu­fig mit „bar­rier­tes Sub­jekt“ über­setzt. An­ge­nom­men, ein Deut­scher schreibt eine Ar­beit, in der er mit­hil­fe von La­cans Kon­zept des su­jet bar­ré ei­nen eng­lisch­spra­chi­gen Au­tor des 19. Jahr­hun­derts un­ter­sucht, John Hun­ter, der vom Sub­jekt als blo­cked sub­ject spricht (ich er­fin­de; die­sen Hun­ter gibt es nicht, und blo­cked sub­ject be­deu­tet nor­ma­ler­wei­se et­was an­de­res, näm­lich „blo­ckier­tes The­ma“). Soll er Hun­ters blo­cked sub­ject mit „bar­rier­tes Sub­jekt“ über­set­zen? Das ge­fällt ihm nicht, schließ­lich war Hun­ter kein La­ca­nia­ner. Also ent­schei­det er sich, in La­cans su­jet bar­ré das Ad­jek­tiv bar­ré nicht mit „bar­riert“ zu über­set­zen, ei­nem für La­cans su­jet bar­ré ge­bil­de­ten Neo­lo­gis­mus, der sich durch­ge­setzt hat, son­dern mit „ver­sperrt“, ei­nem Aus­druck, den man be­reits im Mit­tel­hoch­deut­schen fin­det, um auf die­se Wei­se die la­can­sche Theo­rie mit der hun­ter­schen Auf­fas­sung des blo­cked sub­jet zu ver­knüp­fen, näm­lich da­durch, dass er den hun­ter­schen Aus­druck eben­falls mit „ver­sperr­tes Sub­jekt“ über­setzt.

Wenn Be­nyami­ni dé­sir nicht, wie es üb­lich ist, mit ivu’i über­setzt, son­dern ab­wei­chend mit tschu­ka, folgt dar­aus nicht, dass man tschu­ka mit ei­nem Ter­mi­nus ins Deut­sche brin­gen soll­te, der vor al­lem dem for­mal-äs­the­ti­schen Kri­te­ri­um ge­nügt, von der üb­li­chen Über­set­zung von dé­sir ab­zu­wei­chen. Be­nyami­ni gibt ja ei­nen Grund für sei­ne In­no­va­ti­on an: sie soll La­cans dé­sir und Pau­lus’ epi­t­hy­mia ver­knüp­fen. Die Über­set­zung von tschu­ka ins Deut­sche erbt von hier als pri­mä­res Kri­te­ri­um die For­de­rung nach An­nä­he­rung von La­can und Pau­lus, nicht ei­nen li­te­ra­ri­schen Ab­wei­chungs­im­pe­ra­tiv. Die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ ver­grö­ßert die Ent­fer­nung von dé­sir ge­gen­über Pau­lus’ epi­t­hy­mia.

Von Ba­ruch er­fährt man auch, dass es ei­nen drit­ten Ter­mi­nus gibt, mit dem dé­sir ins He­bräi­sche ge­bracht wer­den kann: משאלה (mish’ala), ein Aus­druck, mit dem Freuds Be­griff des Wun­sches über­setzt wor­den ist. Wie tschu­ka fin­det man auch mish’ala be­reits im Alt­he­bräi­schen.

Das fol­gen­de Dia­gramm zeigt die Ver­tei­lung der re­la­ti­ven Häu­fig­keit von תשוקה (tschu­ka) – rote Li­nie -, משאלה (mish’ala) – – blaue Li­nie – – und איווי (ivu’i) – graue Li­nie – – im Ngram View­er von Goog­le books. Ein Ngram ist eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te; ein Ngram View­er zeigt den An­teil ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te an ei­nem Text­kor­pus an.

Ngram viewer tschuka - mish'ala - ivu'i

Nachtrag III: –

7. Ok­to­ber

Yoav Sa­pir hat auf mei­nen Nach­trag II ge­ant­wor­tet (am Ende sei­nes Ar­ti­kels). Er kün­digt an, dass er die Dis­kus­si­on nicht fort­set­zen wer­de:

Es macht mir we­nig Spaß, mit ei­nem, der kaum He­brä­isch kann, über he­bräi­sche Fein­hei­ten zu dis­ku­tie­ren, oder Grund­ent­schei­dun­gen, die be­reits vom Au­tor ge­trof­fen und im Ori­gi­nal fest­ge­legt wor­den sind, als Über­set­zer zu recht­fer­ti­gen.“

Das ist die Be­kräf­ti­gung der Auf­fas­sung vom Pri­mat des Si­gni­fi­kats ge­gen­über dem Si­gni­fi­kan­ten.

Ein Ar­gu­ment da­für, dass die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ ge­eig­net ist, La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ epi­t­hy­mia zu ver­knüp­fen, bringt er lei­der auch hier nicht. Gibt’s keins?

 

Nachtrag IV: Die Hierarchie der Äquivalenzkriterien

8. Ok­to­ber 2014

Das Rät­sel ist ge­löst. Yoav Sa­pir hat be­grün­det, war­um er Be­nyami­nis tschu­ka, für La­cans dé­sir, mit dem Aus­druck „Lei­den­schaft“ über­setzt, und da­mit wird sei­ne Ent­schei­dung nach­voll­zieh­bar. Er hat mir ges­tern dazu eine E-Mail ge­schrie­ben. Ich hat­te sein Ar­gu­ment be­reits ver­mu­tet (sie­he Nach­trag II), durch sei­ne Mail er­hielt ich die Be­stä­ti­gung.

Das Kri­te­ri­um der Ab­wei­chung von der eta­blier­ten La­can-Ter­mi­no­lo­gie

Das Ar­gu­ment für die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ lau­tet so (in mei­nen Wor­ten): Be­nyami­ni über­setzt dé­sir nicht auf die üb­li­che Wei­se (nicht mit ivu’i), son­dern ab­wei­chend (mit tschu­ka). Wenn man Be­nyami­nis tschu­ka ins Deut­sche bringt, soll­te der deut­sche Aus­druck eben­falls die­ses Merk­mal tra­gen: er soll­te ab­wei­chen. Nun wird dé­sir üb­li­cher­wei­se mit „Be­geh­ren“ über­setzt, nicht mit „Lei­den­schaft“. Also soll­te man tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ über­set­zen: ab­wei­chend.

Das ist plau­si­bel. Wenn ein An­gel­sach­se sein Fahr­zeug mit dem sel­te­nen Aus­druck au­to­car be­zeich­net statt wie üb­lich mit car, wer­de ich au­to­car nicht mit „Auto“ oder „Wa­gen“ über­set­zen, son­dern bei­spiels­wei­se mit dem sel­te­ne­ren Wort „Au­to­mo­bil“. Ich wer­de ver­su­chen, ein Wort zu fin­den, das ge­wis­ser­ma­ßen den­sel­ben Dif­fe­renz­wert hat und ver­grö­ße­re so die for­mal-äs­the­ti­sche Äqui­va­lenz mei­ner Über­set­zung.

Das Kri­te­ri­um der An­nä­he­rung der Ter­mi­no­lo­gie von Pau­lus und La­can

Aber das ist nur ei­ner von meh­re­ren Ge­sichts­punk­ten. Be­nyami­ni gibt ei­nen Grund für sei­ne ab­wei­chen­de Über­set­zung an: sie soll La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ epi­t­hy­mia ver­knüp­fen. Das ist also ein zwei­tes Äqui­va­lenz­kri­te­ri­um: Die Über­set­zung von tschu­ka ins Deut­sche muss La­cans dé­sir an die pau­li­ni­sche epi­t­hy­mia her­an­brin­gen.

Die Hier­ar­chie der Äqui­va­lenz­kri­tie­ri­en

Es wäre schön, bei­den Ge­sichts­punk­ten zu ge­nü­gen, aber das könn­te schwie­rig sein. Man muss die Kri­te­ri­en in eine Hier­ar­chie brin­gen. Letzt­lich ist es die­se Hier­ar­chie, die dar­über ent­schei­det, ob man eine Über­set­zung als ge­lun­gen be­zeich­nen kann.

Be­nyami­ni schreibt eine von La­can in­spi­rier­te Un­ter­su­chung der Pau­lus­brie­fe, kein Poem. Bei der Über­set­zung die­ses theo­re­ti­schen Texts hat im Kon­flikt­fall der Ge­sichts­punkt der ter­mi­no­lo­gi­schen Ge­nau­ig­keit den Vor­rang ge­gen­über dem der äs­the­ti­schen Äqui­va­lenz. Au­ßer­dem wird das Kri­te­ri­um „Ver­knüp­fung von La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ epi­t­hy­mia“ von Be­nyami­ni aus­drück­lich als Zweck sei­ner ei­ge­nen Über­set­zung be­stimmt, als Sko­pos. Also gibt im Zwei­fels­fall das Kri­te­ri­um der An­nä­he­rung des La­can-Ter­mi­nus an den Pau­lus-Ter­mi­nus den Aus­schlag ge­gen­über dem Kri­te­ri­um der Ab­wei­chung von der eta­blier­ten La­can-Ter­mi­no­lo­gie.

Des­halb ist die Über­set­zung von tschu­ka mit „Lei­den­schaft“ nicht gut: sie ge­nügt zwar dem äs­the­ti­schen Kri­te­ri­um, ver­grö­ßert aber den Ab­stand zwi­schen Pau­lusʼ epi­t­hy­mia und La­cans dé­sir und ver­letzt da­mit das­je­ni­ge Kri­te­ri­um, das ent­schei­dend ist.

Be­gier­de

Ist es mög­lich, bei­den Äqui­va­lenz­kri­te­ri­en zu ge­nü­gen? Ja, wenn man La­cans dé­sir mit „Be­gier­de“ über­setzt. In den of­fi­zi­el­len La­can-Über­set­zun­gen wird dé­sir mit „Be­geh­ren“ ins Deut­sche ge­bracht. Ver­wen­det man statt­des­sen „Be­gier­de“, er­füllt man das Ab­wei­chungs­kri­te­ri­um, zu­mal „Be­gier­de“ im Deut­schen weit­aus sel­te­ner ist als „Be­geh­ren“. Au­ßer­dem ver­knüpft „Be­gier­de“ La­cans dé­sir mit Pau­lusʼ Auf­fas­sung der epi­t­hy­mia, da La­can sich für dé­sir auf He­gels Be­griff „Be­gier­de“ stützt und da die pau­li­ni­sche epi­t­hy­mia mit „Be­gier­de“ über­setzt wird.

Na­tür­lich kann ich nicht be­haup­ten, dass dies die bes­te Lö­sung ist. Mög­li­cher­wei­se gibt es wei­te­re Kri­te­ri­en, die zu be­rück­sich­ti­gen sind.

*

Zum Schluss noch eine klei­ne Ab­schwei­fung, eine An­mer­kung zur Freud-Re­zep­ti­on in Is­ra­el, als Er­gän­zung zu mei­nem Ar­ti­kel über die in­ter­na­tio­na­le La­can- und Freud-Re­zep­ti­on.

Der fol­gen­de Satz aus Ba­ruchs Ar­ti­kel über die Über­set­zung von La­cans dé­sir ins He­bräi­sche hat mich ver­blüfft:

In den letz­ten zehn Jah­ren hat die Psy­cho­ana­ly­se im is­rae­li­schen kul­tu­rell-aka­de­mi­schen Dis­kurs mehr oder we­ni­ger eine Main­stream-Po­si­ti­on er­reicht. Eine be­deut­sa­me Er­schei­nungs­form die­ser kul­tu­rel­len Ten­denz ist das er­staun­li­che Auf­blü­hen he­bräi­scher Über­set­zun­gen von wich­ti­gen psy­cho­ana­ly­ti­schen Schrif­ten so­wie, wenn auch in ge­rin­ge­rem Maße, von ei­gen­stän­di­gen Bei­trä­gen zum Be­reich der Psy­cho­ana­ly­se auf He­brä­isch.“

Ich habe nach­ge­schaut, wie sich der An­teil der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te זיגמונד פרויד (Sig­mund Freud) am Kor­pus von Goog­le books von 1950 bis 2008 ver­än­dert (für ז’אק לאקאן (Jac­ques La­can) hat der Ngram View­er kei­ne Da­ten).

Ngram Viewer von Google books - Sigmund Freud auf hebräisch

Die Zu­nah­me des re­la­ti­ven Ge­wichts der Freud-Nen­nun­gen in Is­ra­el be­ginnt etwa 1995, das ent­spricht ex­akt Ba­ruchs Aus­sa­ge; die Über­ein­stim­mung kann als Hin­weis auf die Re­prä­sen­ta­ti­vi­tät des Kor­pus ge­deu­tet wer­den. Das Wachs­tum ver­läuft in zwei Pha­sen. Bis etwa 2003 ist es ge­mä­ßigt, da­nach ist es stark. In den Jah­ren vor 2003 muss sich in der is­rae­li­schen Psy­cho­ana­ly­se et­was er­eig­net ha­ben.

Im He­bräi­schen ver­läuft die Freud-Re­zep­ti­on ent­ge­gen­ge­setzt zu der im Eng­li­schen, wo ihr re­la­ti­ves Ge­wicht seit Mit­te der 90er Jah­re zu­rück­geht.

Verwandte Artikel

Anmerkungen

  1. Itz­hak Be­nyami­ni: Nar­ziss­ti­scher Uni­ver­sa­lis­mus. Über­setzt von Yoav Sa­pir. Mer­ve, Ber­lin 2013.
  2. in der Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes (1807)
  3. Vgl. Alex­andre Ko­jè­ve: In­tro­duc­tion à la lec­tu­re de He­gel. Leçons sur la Phé­no­me­no­lo­gie de l’esprit, pro­fes­sées de 1933 à 1939 à l’École des Hau­tes-Étu­des. Hg. v. Ray­mond Que­ne­au. Gal­li­mard, Pa­ris 1947. – Deut­sche Teil­über­set­zung: He­gel. Eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung sei­nes Den­kens. Kom­men­tar zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. Über­setzt von Iring Fet­scher. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975.
  4. in Das Sein und das Nichts (1943)
  5. Vgl. J. La­can: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 685–695, hier: S. 690.– Vgl. au­ßer­dem J.Lacan, Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 14. Mai 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 455; 
  6. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se. 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1962, S. 299–384, hier: S. 329, 360, 368.
  7. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 95.
  8. Vgl. Ni­klas Luh­mann: Lie­be als Pas­si­on. Zur Co­die­rung von In­ti­mi­tät. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1982, v.a. Ka­pi­tel 6.
  9. A.a.O., S. 14, Fuß­no­te 6.
  10. A.a.O., S. 15, Fuß­no­te 6.
  11. Wil­helm Ge­se­ni­us: He­bräi­sches und Ara­mäi­sches Hand­wör­ter­buch über das Alte Tes­ta­ment. 18. Auf­la­ge. Sprin­ger, Ber­lin u.a. 2013.
  12. Ge­ne­sis 3, 16; Ge­ne­sis 4, 7; Ho­hes­lied 7,11
  13. Die Lu­ther-Bi­bel von 1984 über­setzt an den drei Stel­len mit „Ver­lan­gen“.
  14. Ge­setz, Lei­den­schaft und Über­tre­tung bei La­can und Pau­lus“, a.a.O., S. 21–47.
  15. Rö­mer 7, (7) Τί οὖν ἐροῦμεν; ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο: ἀλλὰ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ ἔγνων εἰ μὴ διὰ νόμου, τήν τε γὰρ ἐπιθυμίαν οὐκ ᾔδειν εἰ μὴ ὁ νόμος ἔλεγεν, Οὐκ ἐπιθυμήσεις. (8) ἀφορμὴν δὲ λαβοῦσα ἡ ἁμαρτία διὰ τῆς ἐντολῆς κατειργάσατο ἐν ἐμοὶ πᾶσαν ἐπιθυμίαν: χωρὶς γὰρ νόμου ἁμαρτία νεκρά.
    (7) Ti oun ero­u­men; ho no­mos hamar­tia; mē ge­noi­to alla tēn hamar­ti­an ouk eg­nōn ei mē dia no­mos, tēn te gar epi­t­hy­mi­an ouk ēd­ein ei mē ho no­mos ele­gen, Ouk epi­t­hymēs­eis. (8) aphor­mēn de la­bou­sa hē hamar­tia dia tēs, en­t­olēs ka­teir­gas­a­to en emoi pa­san epi­t­hy­mi­an: chō­ris gar no­mou hamar­tia ne­kra. (No­vum Tes­ta­men­tum Grae­ce, Nest­le-Aland, 28. Auf­la­ge )
  16. Zi­tiert von Be­nyami­ni, a.a.O., S. 31, grie­chi­sche For­mu­lie­run­gen in Klam­mern bei Be­nyami­ni.
  17. A.a.O., S. 32.
  18. Rö­mer 1:26, 7:5, 8:18, 2. Ko­rin­ther 1:5, Ga­la­ter 5:24, Phil­ip­per 3:10, 1. Thes­sa­lo­ni­cher 4:5.
  19. Be­nyami­ni: „Dass in die­sem Ka­pi­tel die Be­grif­fe ‚Sün­de‘ und ‚Ge­nie­ßen‘ mit­ein­an­der gleich­ge­setzt wer­den, stützt sich auf die Wor­te von Pau­lus und La­can. Bei Pau­lus hängt die Sün­de eng mit dem Ge­nie­ßen bzw. mit der Lust am mensch­li­chen Kör­per zu­sam­men, die über die zu­ge­las­se­nen Bräu­che hin­aus­geht, d.h. über den üb­li­chen Ge­nuss hin­aus, wie Pau­lus sich die­sen vor­stellt; dar­un­ter fal­len z.B. der ho­mo­se­xu­el­le Ge­schlechts­ver­kehr (vgl. Rö­mer 1:24–27), der Bei­schlaf mit Pro­sti­tu­ier­ten (1. Kor. 6:13–15) und ins­be­son­de­re der In­zest (1. Ko­rin­ther 5:1).“ A.a.O., S. 29 f. Fuß­no­te 31.
  20. Vgl. a.a.O., S. 14 Fuß­no­te 6.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.