Übersetzungsfragen

Über „désir“ und „Leidenschaft“

Pieter Breugel der Ältere - Die Bekehrung des Paulus - 1567 (zu Jacques Lacan, Begehren)Pieter Bruegel der Ältere, Die Bekehrung des Paulus, 1567
Öl auf Eichenholz, 108 x 156 cm, Kunsthistorisches Museum Wien

In Itzhak Benyaminis Buch Narzisstischer Universalismus wird Jacques Lacans Begriff désir mit „Leidenschaft“ übersetzt.1 Ist das eine gute Übersetzung?

Die Batterie der Signifikanten I

Begehren und Begierde

Ich lasse den Kontext zunächst einmal außer Acht, also die Tatsache, dass es um die Übersetzung eines bestimmten Buches geht. Unter dieser Bedingung kann man sagen: Gute Übersetzungen von Lacans désir sind „Begierde“ und „Begehren“.

Der Begriff geht auf Hegel zurück; Hegel spricht von „Begierde“2. Kojève übersetzt Hegels „Begierde“ mit désir.3 Sartre4 und Lacan stützen sich auf Kojèves Hegeldeutung und übernehmen désir als Grundbegriff. Lacan selbst bringt désir mit „Begehren“ ins Deutsche5, also ist der Übersetzung mit „Begehren“ der Vorzug zu geben. In den deutschsprachigen Lacanausgaben ist der Ausdruck denn auch mit „Begehren“ übersetzt worden.

Freud spricht im Entwurf vom „Begierdezustand“, von der „Begierdespannung“ und von der „Begier“.6 „Begehren“ und „Begierde“ werden als einigermaßen synonym aufgefasst, auch Hegel verwendet gelegentlich „Begehren“, und zur Übersetzung des Plurals désir kann man auf „Begierden“ zurückgreifen. Der Wechsel von Hegels „Begierde“ zur Übersetzung von désir mit „Begehren“ entspricht dem Wortwandel: zu Zeiten Hegels wurde „Begierde“ mehr als doppelt so häufig verwendet wie „Begehren“, heute ist es umgekehrt.

Leidenschaft, passion, passio, pathē

Wenn man Lacans désir mit „Leidenschaft“ ins Deutsche bringt, ist das, kontextfrei betrachtet, keine gute Übersetzung. „Leidenschaft“ ist nicht einfach falsch, so als ob man désir mit „Eiffelturm“ übersetzen würde; zwischen désir und „Leidenschaft“ gibt es deutliche semantische Überschneidungen. „Leidenschaft“ ist aber auch nicht eine Übersetzungsvariante, die mit „Begehren“ und „Begierde“ vergleichbar wäre: die Übersetzung von désir mit „Leidenschaft“ ist schlechter als die mit „Begehren“ oder „Begierde“.

Das deutsche Wort „Leidenschaft“ hat im Französischen eine ziemlich genaue Entsprechung: passion. Das liegt daran, dass „Leidenschaft“ im 17. Jahrhundert als Übersetzung des lateinischen Wortes passio eingeführt wurde und dass die Nähe zwischen den beiden Ausdrücken sich erhalten hat. Wenn man von Lacans Begriff der „Leidenschaft“ spricht, muss jeder, der ein bisschen Französisch kann, annehmen, dass es um die passion geht.

Lacan verwendet désir und passion nicht synonym; désir ist ein Begriff seines Theoriegefüges, die passion wird nur am Rande erwähnt. Benyamini bezieht sich vor allem auf das Ethik-Seminar; von passion spricht Lacan hier beispielsweise bei der Erläuterung von Kants Begriff des „pathologischen Objekts“. Dieses ist, sagt Lacan, „Objekt einer Leidenschaft“7, „objet d’une passion“. Mit „pathologisch“ meint Kant nicht „krankhaft“, er bezieht sich vielmehr auf den Gegensatz von Aktivität und Passivität; in der Beziehung zum „pathologischen“ Objekt ist das Ich nicht aktiv, sondern passiv, leidend. Lacan bringt hierzu die Begriffsgeschichte in Erinnerung: dem griechischen pathos entspricht im Französischen (vermittelt über das lateinische Wort passio) der Ausdruck passion; die passion ist zugleich „Leidenschaft“ und „Leiden“. Das ist mit dem Ausdruck „pathologisches Objekt“ gemeint: in der „leidenschaftlichen“ Beziehung zu einem Objekt ist das Ich leidend, denn die Leidenschaft ist etwas, das einen befällt, dem man ausgeliefert ist.

Eine gute Übersetzung wird versuchen, die Differenz von désir und passion nachzubilden, und das ist im Deutschen einfach: désir entspricht einigermaßen „Begehren“ oder „Begierde“ (nur einigermaßen, aber es gibt nichts Besseres), passion entspricht recht genau „Leidenschaft“.

In der französischen und deutschen Umgangssprache beziehen sich „désir“ bzw. „Begehren“ meist auf den sexuellen Antrieb. Es hat einen biblischen Beiklang; das Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“ gehört zu den rätselhaften Worten – zu den Signifikanten – meiner streng christlichen Erziehung. Bei „Leidenschaft“ fehlt der ausgeprägte Bibelsound (obwohl man das Wort auch in den Bibelübersetzungen findet), man assoziiert wohl als erstes „Liebe und Leidenschaft“ und ist damit bei der amour passion, einer Erfindung des 17. Jahrhunderts.8 Der lateinische Terminus passio ist älter; untergründig steht die Leidenschaft in Verbindung mit der Passion, mit dem Leiden Christi, auf Griechisch: mit dem pathē Christi.

In der deutschen Schriftsprache wird „Leidenschaft“ häufiger verwendet als „Begehren“; in der gesprochenen Sprache dürfte der Vorsprung von „Leidenschaft“ noch größer sein. Im Französischen ist es umgekehrt, „désir“ ist häufiger als „passion“.

Der Skopos des Translats

Den Kontext habe ich bisher ausgeklammert; für die Beurteilung einer Übersetzung ist er entscheidend. In einem bestimmten Zusammenhang kann die schlechtere Übersetzung die bessere sein.

In Benyaminis Buch wird die Übersetzung mit „Leidenschaft“ so begründet:

„Ich habe mich dafür entschieden, das lacansche Wort ‚désir‘ in diesem Buch nicht mit ‚Begehren‘, sondern mit ‚Leidenschaft‘ zu übersetzen, um somit die lacansche Theorie mit der paulinischen Auffassung der Leidenschaft zu verknüpfen.“9

Dieser Satz definiert den Zweck der Übersetzung, den Skopos des Translats, wie die Übersetzungswissenschaftler so schön sagen.

Ist „Leidenschaft“ eine gute Übersetzung von Benyaminis Übersetzung von Lacans désir? Das misst sich daran, ob sie diese Funktion erfüllt, ob „Leidenschaft“ also geeignet ist, die lacansche Theorie mit der paulinischen Auffassung der Leidenschaft zu verknüpfen.

Die Batterie der Signifikanten II

Leidenschaft als Signifikat

Der zuletzt zitierte Satz irritiert mich, aus zwei Gründen. Erstens übersetzt Benyamini Lacans désir ja nicht mit „Leidenschaft“, sondern mit einem hebräischen Wort, und es ist der Benyamini-Übersetzer, der Benyaminis Übersetzung in einem zweiten Schritt mit „Leidenschaft“ ins Deutsche bringt – hatte er dabei keine Wahl? Und zweitens: Was ist denn das für eine paulinische Auffassung der „Leidenschaft“?

Benyamini übersetzt Lacans désir mit תשוקה (tschuka). Folgt daraus, dass er désir nicht mit „Begehren“, sondern mit „Leidenschaft“ übersetzt? Nur dann, wenn tschuka ausschließlich mit „Leidenschaft“ verdolmetscht werden kann oder wenn „Leidenschaft“ die mit Abstand häufigste Übersetzung ist.

Der Übersetzer, Yoav Sapir, macht zur Übersetzung von désir mit „Leidenschaft“ eine Anmerkung. Er weist darauf hin, dass Benyamini selbst es ist, der Lacan und Paulus ins Hebräische übersetzt, und fährt fort:

„Um seinem Text wiederum getreu zu bleiben, gilt seine Entscheidung auch für diese deutsche Übersetzung, sodass hier, genauso wie im hebräischen Original, das lacansche ‚Begehren‘ oft mit ‚Leidenschaft‘ übersetzt wird.“10

Im hebräischen Original wird das lacansche „Begehren“ oft mit „Leidenschaft“ übersetzt – diese Formulierung bezieht sich auf „Leidenschaft“ als Signifikat, als Bedeutung. Der Satz unterstellt, dass das Signifikat „Leidenschaft“ primär ist und nur sekundär durch den von Benyamini verwendeten Signifikanten תשוקה repräsentiert wird. Die Formulierung setzt voraus, dass dieses bereits existierende Signifikat im Deutschen durch einen anderen Signifikanten repräsentiert wird, durch das Wort „Leidenschaft“. Das Übersetzen besteht darin (wenn man sich an diesen Satz hält), das präexistierende Signifikat „Leidenschaft“ vom Hebräischen ins Deutsche umzukodieren.

Tschuka

Tatsächlich aber übersetzt Benyamini désir nicht mit dem Signifikat „Leidenschaft“, sondern mit תשוקה, mit einem Signifikanten. Wenn man Benyaminis Übersetzung übersetzt, stößt man auf den Primat des Signifikanten.

Mein Einwand wäre spitzfindig, wenn zwischen dem Signifikanten tschuka, mit dem Benyamini Lacans désir ins Hebräische bringt, und dem deutschen Signifikanten „Leidenschaft“ eine Zwangsverkopplung bestünde oder wenn tschuka am häufigsten mit „Leidenschaft“ übersetzt wird und andere Übersetzungsmöglichkeiten unter „ferner liefen“ rangieren. Man könnte dann abkürzend sagen: Benyamini übersetzt désir mit „Leidenschaft“.

Ich kann kein Hebräisch, aber meine drei Fragen lassen sich mit Hilfe eines Lexikons beantworten: Gibt es eine exklusive Verknüpfung zwischen dem von Benyamini für désir verwendeten Ausdruck, also tschuka, und dem deutschen Wort „Leidenschaft“? Falls nein: Ist die Übersetzung von tschuka mit „Begehren“ möglich? Falls ja: Wie verteilen sich die Häufigkeiten?

Der Google Translator ist vermutlich kein doller Übersetzer, aber für meinen Zweck reicht er, vor allem, da er Häufigkeiten angibt. Ich rufe also Google Translate auf und wähle die Übersetzung ins Englische, da Google in dieser Sprache wahrscheinlich das größte Textkorpus hat. Wenn ich der Maschine den Befehl gebe, mir תשוקה zu übersetzen, zeigt sie mir als „häufige Übersetzung“ die folgenden Termini an: „passion“, „lust“ und „desire“, also in etwa „Leidenschaft“, „Lust“ und „Begehren“ bzw. „Begierde“.

Den Ausdruck תשוקה findet man auch im Lexikon des Althebräischen von Gesenius; er wird hier mit „Begehren“, „Verlangen“, „Sehnsucht“ übersetzt.11 Benyamini übersetzt désir also mit einem Terminus, der gewissermaßen biblisches Gewicht hat. Ich weiß nicht, welche Rolle der biblische Hintergrund für Benyaminis Entscheidung gespielt hat, désir mit tschuka zu übersetzen; immerhin übersetzt die Bible du semeur an allen drei von Gesenius angegebenen Belegstellen12 תשוקה mit „désir“ bzw. „désirer“.13

Ich schließe daraus: Zwischen Benyaminis Übersetzung von désir mit tschuka und dem deutschen Wort „Leidenschaft“ gibt es keine zwingende oder nahezu zwingende Verbindung. Benyamini übersetzt désir mit tschuka – und also mit „Leidenschaft“, „Begehren“, „Begierde“, „Lust“. Der Übersetzer hat sich dafür entschieden, tschuka mit „Leidenschaft“ ins Deutsche zu bringen. Er hat sich dagegen entschieden, den Ausdruck mit „Begehren“ oder „Begierde“ zu übersetzen, was ebenfalls möglich gewesen wäre; Google Translate zufolge ist die Übersetzung von tschuka mit „desire“ häufig, ebenso wie die Übersetzung mit „passion“. Er hat sich bei der Übersetzung von Benyaminis Übersetzung von Lacans désir für den Terminus entschieden, der, wenn man den Kontext außer Acht lässt, die schlechtere Übersetzung von désir darstellt. Warum?

„Die paulinische Auffassung der Leidenschaft“

Durch die unübliche Übersetzung von Lacans Begriff désir mit tschuka will Benyamini ein bestimmtes Problem lösen: die Beziehung zur „paulinischen Auffassung der Leidenschaft“ soll hergestellt werden. Wenn man tschuka ins Deutsche bringt, erbt man diesen Skopos (um mich den Übersetzern verständlich auszudrücken). Die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ ist dann gut, wenn sie Lacans désir mit der „paulinischen Auffassung der Leidenschaft“ verknüpft. Tut sie das?

Das Problem ist: eine paulinische Konzeption der Leidenschaft gibt es nicht.

Auch hier stößt man auf den Primat des Signifikanten. Wenn man von einer „paulinischen Auffassung der Leidenschaft“ spricht, bezieht man sich auf „Leidenschaft“ als Signifikat, man rechnet dieses Signifikat Paulus zu, und man unterstellt, dass einem dieses Signifikat zugänglich ist. Tatsächlich aber hat man es primär mit Signifikanten zu tun, mit von Paulus geschriebenen griechischen Wörtern (oder mit griechischen Wörtern, die Paulus diktiert und ein Schreiber aufgezeichnet hat). Eine paulinische Theorie der Leidenschaft gäbe es dann, wenn „Leidenschaft“ die beste oder die mit Abstand häufigste Übersetzung des von Paulus verwendeten Terminus wäre. Also stellt sich die Frage, welche Signifikanten Paulus verwendet und wie sie sich zu den deutschen Wörtern „Begehren“ und „Leidenschaft“ verhalten. Dank Internet ist es nicht schwer, das herauszufinden.

Epithymia

Benyaminis Erörterung der „Leidenschaft“14 bezieht sich vor allem auf den Römerbrief, insbesondere auf Römer 7, darin vor allem auf die Verse 7 und 8. Die griechischen Wörter, die Paulus hier verwendet, sind das Substantiv epithymia und das Verb epithymeō (ἐπιθυμία und ἐπιθυμεω, was auch mit epithumia und epithumeō transkribiert wird).15 Es gibt keine paulinische Auffassung der Leidenschaft, aber es gibt eine paulinische Auffassung der epithymia.

Man kann den Skopos, den Übersetzungszweck, demnach so umformulieren: Die Übersetzung von Lacans Begriff désir mit dem hebräischen Wort tschuka soll désir mit der paulinischen Auffassung der epithymia verknüpfen. Die Übersetzung von tschuka ins Deutsche steht vor der Aufgabe, den deutschen Terminus so zu wählen, dass hierdurch Lacans désir mit Paulusʼ epithymia verbunden wird.

Fragt sich also, wie Paulusʼ Ausdruck epithymia üblicherweise ins Deutsche gebracht wird. Die drei meistbenutzten Bibelübersetzungen sind zur Zeit
– die  Luther-Bibel von 1984 (dies ist die von der Evangelischen Kirche Deutschland verwendete Übersetzung),
– die Einheitsübersetzung (die im römisch-katholischen Gottesdienst verwendete Übersetzung, an der protestantische Theologen mitgewirkt haben und die für den Gebrauch in der evangelischen Kirche freigegeben wurde)
– und die Elberfelder Bibel (dem Urtext besonders nahe, ein Projekt der evangelischen Brüderbewegung).

Die Hauptstelle zu Paulus Begriff der epithymia, Römer 7, Verse 7 und 8, wird von Benyamini zitiert und kommentiert. Der Übersetzer verwendet an dieser Stelle die Luther-Bibel von 1984. Man liest:

„Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde (τήν ἐπιθυμίαν), wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: ‚Du sollst nicht begehren!‘ (Οὐκ ἐπιθυμήσεις) Die Sünde aber nahm das Gesetz zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“16

Die vom Übersetzer zitierte Übersetzung des Neuen Testaments kennt an der Hauptbelegstelle keine paulinische Konzeption der Leidenschaft, sondern eine der Begierde und des Begehrens.

In der Einheitsübersetzung liest sich die Stelle so:

„(7) Heißt das nun, dass das Gesetz Sünde ist? Keineswegs! Jedoch habe ich die Sünde nur durch das Gesetz erkannt. Ich hätte ja von der Begierde nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Du sollst nicht begehren.
(8) Die Sünde erhielt durch das Gebot den Anstoß und bewirkte in mir alle Begierde, denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“

Epithymia wird hier mit „Begierde“ übersetzt, nicht mit „Leidenschaft“, das Verb epithymein mit „begehren“.

Die Elberfelder Bibel übersetzt so:

„(7) Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber die Sünde hätte ich nicht erkannt als nur durchs Gesetz. Denn auch von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: ‚Du sollst nicht begehren!‘
(8) Die Sünde aber ergriff durch das Gebot die Gelegenheit und bewirkte jede Begierde in mir; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot.“

Wie sieht es in anderen Sprachen aus? Legen die Übersetzungen von epithymia ins Lateinische oder ins Französische es nahe, die „Leidenschaft“ ins Spiel zu bringen?

In der Vulgata finde ich:

„(7) quid ergo dicemus lex peccatum est absit sed peccatum non cognovi nisi per legem nam concupiscentiam nesciebam nisi lex diceret non concupisces
(8) occasione autem accepta peccatum per mandatum operatum est in me omnem concupiscentiam sine lege enim peccatum mortuum erat.“

Die Vulgata übersetzt epithymia mit „concupiscentia“, nicht mit „passio“.

Und die Louis Segond-Übersetzung von 1910, auf die Lacan sich vermutlich bezieht?

„(7) Que dirons-nous donc? La loi est-elle péché? Loin de là! Mais je n’ai connu le péché que par la loi. Car je n’aurais pas connu la convoitise, si la loi n’eût dit: Tu ne convoiteras point.
(8) Et le péché, saisissant l’occasion, produisit en moi par le commandement toutes sortes de convoitises; car sans loi le péché est mort.“

Hier heißt es für epithymia „convoitise“, nicht „passion“; für epithymein „convoiter“.

Wie ist es mit den anderen Verwendungen von epithymia bzw. epithymein im Römerbrief? Die beiden Ausdrücke erscheint hier sechs Mal (1:24; 6:12 ; 7:7; 7:8; 13:9; 13:14). Alle drei Standardübersetzungen übersetzen epithymia an allen sechs Stellen mit „Begierde“ und epithymein (13:9) mit „begehren“, nirgendwo übersetzen sie epithymia mit „Leidenschaft“.

Die Vulgata übersetzt epithymia in 1:24 und 13:14 mit „desiderium“, an den übrigen Stellen mit „concupiscentia“ bzw. „concupiscere“, nirgendwo mit „passio“. Die Segond-Bibel von 1910 übersetzt epithymia an allen fünf Stellen mit „convoitise“, epithymein mit „convoiter“, nirgendwo mit „passion“. In der moderneren Bible du semeur gleitet das Signifikat unter dem Signifikanten: in 1:24 wird epithymia mit „passion“ übersetzt, in 6:12 und 13:14 mit „désir“, in 7:7 mit „convoitise“, in 7:8 mit „désirs mauvais“ und in 13:9 epithymein mit „convoiter“.

Benyamini bezieht sich nicht nur auf den Römerbrief, sondern auf die sieben als echt geltenden Paulusbriefe, also muss man den Blick noch einmal ausweiten. In den sieben Briefen erscheinen die Ausdrücke epithymia bzw. epithymein insgesamt dreizehn Mal. Hier der vollständige Überblick über die Übersetzung von Paulusʼ epithymia bzw. epithymein in den drei Übersetzungen:
– In der Luther-Bibel von 1984 wird in neun Fällen mit „Begierde“ bzw. „begehren“ übersetzt (außer im Römerbrief ist das in Galater 5:16, 5:17, 5:24), einmal mit „Verlangen“ (1. Thessalonicher 2:17), einmal mit „Lust“ (1. Thessalonicher 4:5), zweimal mit „Lust haben“ (1. Korinther 10:6, Philipper 1:23), nie mit „Leidenschaft“.
– In der Einheitsübersetzung findet man „Begehren“ (Galater 5:16, 5:17), „Begierde“ (Galater 5:24, 1. Thessalonicher 4:5), „Sehnsucht“ (1. Thessalonicher 2:17), „Gier“ (1. Korinther 10:6), „sich sehnen nach“ (Philipper 1:23) und auch hier niemals „Leidenschaft“.
– Die Elberfelder Bibel übersetzt zehn Mal mit „Begierde“, ein Mal mit „Verlangen“ (Galater 2:17), ein Mal mit „Lust“ (Philipper 1:23) und ein Mal mit „gierig sein“ (1. Korinther 10:16), keinmal mit Leidenschaft.

Wenn man nach Frankreich wechselt, wird man in der Bible du semeur fündig: sie übersetzt 9 mal mit „désir“, zwei Mal mit „convoitise“ bzw. „convoiter“ und zwei Mal mit „passion“ .

Anders gesagt: Für die drei Standardübersetzungen der sieben Paulusbriefe ist epithymia meist äquivalent mit „Begierde“ oder „Begehren“. Nie wird epithymia mit „Leidenschaft“ übersetzt. Das Verb epithymein wird übersetzt mit „begehren“, „Lust haben“, „sich sehnen nach“ und „gierig sein“, nie mit „Leidenschaft verspüren auf etwas“ oder „leidenschaftlich aus sein auf etwas“.

Eine Stütze für die Übersetzung von epithymia mit „Leidenschaft“ findet man in der Bible du semeur, in zwei von 13 Fällen wird hier epithymia mit passion übersetzt. Ist das eine brauchbare Stütze für die Übersetzung von Benyaminis Übersetzung von désir, wenn man Benyaminis Term nicht ins Französische, sondern ins Deutsche bringt? Wohl kaum.

Im Römerbrief 7:7 bezieht sich Paulus, wenn er über die epithymia spricht, auf eine Formulierung im zehnten Gebot, die er mit οὐκ ἐπιθυμήσεις (ouk epithymēseis) ins Griechische bringt. Das ergibt die folgende Übersetzungskette: vom Althebräischen ins Griechische (Paulus) ins Neuhebräische (Benyamini) ins Deutsche (Benyamini-Übersetzung) im Hinblick auf das Französische (Lacans désir).

Die drei Bibelübersetzungen übersetzen Paulusʼ Übersetzung des hebräischen Ausdrucks mit „begehren“. Den hebräischen Terminus in Exodus 20:17 übersetzen die Luther-Bibel von 1984 und die Elberfelder Bibel mit „begehren“, die Einheitsübersetzung übersetzt mit „verlangen nach“. An der Parallelstelle in Deuteronomium 5:21 werden die beiden hebräischen Termini von der Luther-Bibel 1984 mit „begehren“ übersetzt, von der Elberfelder Bibel mit „begehren“ und mit „gelüsten nach“ und von der Einheitsübersetzung mit „verlangen nach“ und mit „begehren“. Auch hier wird nirgendwo die Leidenschaft ins Spiel gebracht, etwa in Gestalt von „Leidenschaft empfinden“.

Zu Paulusʼ Bezugnahme auf das zehnte Gebot liest man in der Übersetzung von Benyaminis Studie:

„Das weiteren nutzt Paulus den üblichen Sinn des Wortes ἐπιθυμήσεις, das neben ‚Begierde‘ auch ‚Leidenschaft‘ bedeuten kann, um dieses spezifische Verbot auf jedes Gesetz, ja auf das Gesetz auf solches zu beziehen.“17

Das Wort ἐπιθυμήσεις (epithymēseis) ist kein Substantiv, sondern eine Form des Verbs epithymein, „begehren“, ein Element des Gebots „Du sollst nicht begehren“. Wenn man hier die Leidenschaft unterbringen will, müsste man etwa übersetzen mit „Du sollst Leidenschaft verspüren“. Wenn man epithymēseis durch epithymia ersetzt, ergibt sich die Behauptung: epithymia kann neben „Begierde“ auch „Leidenschaft“ bedeuten.

In beiden Varianten steht der Satz im Widerspruch zum state of the art, zum Stand der deutschen Übersetzerkunst. Im Hebräischen wird er stimmen, da es keine autoritative Übersetzung der Paulusbriefe ins Hebräische gibt. Was das Deutsche angeht, sind die Experten anderer Meinung. In den Paulusbriefen übersetzen sie epithymein niemals mit „Leidenschaft empfinden“ und epithymia nie mit „Leidenschaft“. 

Die paulinische Auffassung, um die es geht, so darf man vereinfachend zusammenfassen, ist eine Konzeption der Begierde, nicht eine Konzeption der Leidenschaft.

Pathē

Was sieht man, wenn man umgekehrt vorgeht und nicht mit der Ausgangssprache beginnt, sondern mit der Zielsprache, anders gesagt, wenn man vom deutschen Terminus „Leidenschaft“ ausgeht?

„Leidenschaft“ gilt als Äquivalent für die griechischen Ausdrücke pathē, pathēma und pathos. In den von Benyamini untersuchten Paulusbriefen findet man sie sieben Mal.18 In der Einheitsübersetzung und in der Elberfelder Bibel werden diese Termini durchweg mit „Leidenschaft“ oder „Leiden“ übersetzt, in der Luther-Bibel von 1984 einmal mit „gierig“, ansonsten ebenfalls mit „Leidenschaft“ oder „Leiden“. Pathē bzw. pathēma bzw. pathos im Sinne von „Leiden“ findet man in den Paulusbriefen drei Mal, zwei Mal für das Leiden Christi (2. Korinther 1:5, Philipper 3:10); um die „Leidenschaft“ geht es an vier Stellen: im Römerbrief 1:26 und 7:5, im Galaterbrief 5:24 und im 1. Thessalonicherbrief 4:5.

Daraus ergibt sich: Der deutsche Terminus „Leidenschaft“ ist in den drei Standardübersetzungen für pathē reserviert. Die Übersetzer arbeiten nach dem Schema:
epithymia ≅ „Begierde“ u.a. ≠ „Leidenschaft“
pathē ≅ „Leidenschaft“, „Leiden“ ≠ „Begierde“

Interessant sind die folgenden beiden Verse (Elberfelder Bibel):

„Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“ (Galater 5:24)

„nicht in Leidenschaft der Begierde wie die Nationen, die Gott nicht kennen“ (1. Thessalonicher 4:5)

Hier werden die Terme „Leidenschaft“ (pathē bzw. pathos) und „Begierde“ (epithymia) nebeneinandergesetzt. Um die Übersetzung von epithymia mit „Leidenschaft“ zu begründen, könnte man daran anschließen und beispielsweise so vorgehen: Man sagt: Die Übersetzung von Lacans désir mit dem hebräischen Wort tschuka soll désir mit der paulinischen Auffassung der epithymia und der pathē verknüpfen. Und man behauptet: Die paulinische Konzeption der epithymia ist letztlich eine Konzeption der pathē; die Begierde ist für Paulus wesentlich eine Leidenschaft, ein Leiden. Das ergäbe dann vermutlich eine kantianisierende Deutung der epithymia: die Begierde ist ein pathos, etwas, wovon man befallen wird; ihr problematischer Charakter besteht darin, dass man in ihr passiv ist.

Ob eine solche Argumentation (mit dem Leitbild der Selbstbestimmung des Subjekts) im Paulus-Kontext ein aussichtsreiches Vorhaben wäre, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall könnte man sich hierfür nicht auf Benyamini stützen. In den Passagen, die er zitiert und auf die er verweist, geht es um die epithymia, nicht um die pathē. Er gibt einen Hinweis auf Römer 1:26, wo man pathē findet, er deutet diese Passage jedoch nicht als Beleg für die Leidenschaft, sondern für das Genießen.19 Das Verhältnis zwischen epithymia und pathē ist für ihn kein Thema.

Ergebnis

Gesucht:
Benyamini übersetzt Jacques Lacans désir mit tschuka ins Hebräische. Diese Übersetzung soll ins Deutsche gebracht werden. Dafür gibt es ein klar definiertes Übersetzungsziel, einen Skopos: Benyaminis Begriff tschuka (seine Übersetzung von Lacans désir) soll so ins Deutsche gebracht werden, dass Lacans désir mit Paulusʼ Konzeption der epithymia verknüpft wird.

Gegeben:
– Lacans Begriff désir wird in den Schriften und Seminaren immer mit „Begehren“ übersetzt, nie mit „Leidenschaft“. „Begehren“ ist eine gute Übersetzung, „Leidenschaft“ nicht. „Begierde“ wäre auch möglich, da Lacan an Hegels Begriff der Begierde anknüpft.
– Paulusʼ epithymia wird von den drei Standardübersetzungen im Römerbrief immer mit „Begierde“ übersetzt. In den übrigen Paulusbriefen wird diese Übersetzung meist verwendet; auch hier wird epithymia nie mit „Leidenschaft“ übersetzt.
– Tschuka  wird häufig mit „passion“, „lust“ und „desire“ ins Englische gebracht, also in etwa mit „Leidenschaft“, „Lust“ und „Begehren“ oder „Begierde“.

Lösung:
Tschuka wird mit „Leidenschaft“ übersetzt.

Die Lösung ist ein Rätsel. Wenn Lacans désir und Paulusʼ epithymia nie mit „Leidenschaft“ übersetzt werden, wie soll die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ dann geeignet sein, beide zu verknüpfen?

Diskussion: „epithymia“ und „pathē“

Die Übersetzung mit „Leidenschaft“ könnte sich darauf stützen, dass „Leidenschaft“ in den deutschen Paulusübersetzungen das Äquivalent von pathē ist, und dass Paulus an zwei Stellen epithymia und pathē nebeneinandersetzt.

Für diesen Weg kann man sich jedoch nicht auf Benyamini stützen. In den Briefstellen, auf die Benyamini sich bezieht, spricht Paulus von epithymia, nicht von pathē; einmal verweist Benyamini auf einen Vers, in dem von pathē die Rede ist, deutet ihn aber als Beleg für „Genießen“, nicht für „Leidenschaft“. Die Beziehung zwischen epithymia und pathē ist nicht Gegenstand seiner Untersuchung.

Durch die Übersetzung von epithymia mit „Leidenschaft“ wird die Frage nach der Beziehung zwischen epithymia und pathē blockiert, da nicht zu sehen ist, wie man pathē  anders übersetzen kann als mit „Leidenschaft“ (oder „Leiden“); man wäre genötigt, nach der Beziehung zwischen „Leidenschaft“ und „Leidenschaft“ zu fragen.

Angenommen, es gäbe einen Autor, der glaubt, gezeigt zu haben, dass Paulusʼ Auffassung der epithymia, der Begierde, letztlich eine Konzeption der pathē ist, also der Leidenschaft, und angenommen, Benyamini beruft sich darauf – wäre das Problem dann gelöst? Nur halb. Benyamini müsste auf eine zweite Arbeit verwiesen haben, die nachzuweisen versucht, dass es bei Lacans désir letztlich um die passion geht.

Nachträge

Nachtrag I: Tschuka

4. Oktober 2014

Der Übersetzer, Yoav Sapir, hat eine Replik geschrieben; man findet sie und die daran anschließende Diskussion hier.

Tschuka

Sapir moniert, dass ich den Google-Translator verwendet habe. Ich habe deshalb jemanden, der modernes Hebräisch kann, gebeten, für mich nachzuschlagen, welche Übersetzungen für תשוקה (tschuka) eines der besten Wörterbücher Hebräisch – Deutsch angibt, das „Langenscheidt Handwörterbuch Hebräisch – Deutsch“. Die Antwort lautet: „Begierde“, „Lust“, „Leidenschaft“. Das entspricht dem, was mir der Google-Translator Hebräisch – Englisch verraten hatte: „desire“, „lust“, „passion“. Mehr wollte ich mit meinem Ausflug ins Hebräische nicht zeigen: wenn Sapir Lacans désir mit „Leidenschaft“ übersetzt, wenn Sapir Benyaminis Übersetzung von Lacans désir mit „Leidenschaft“ übersetzt, ergibt sich das nicht zwingend daraus, dass Benyamini hier den Ausdruck תשוקה verwendet. תשוקה hätte auch mit „Begierde“ oder „Begehren“ übersetzt werden können.

 

Nachtrag II: Ivu’i

6. Oktober 2014

Yoav Sapir hat auf meinen ersten Nachtrag eine Erwiderung veröffentlicht; man findet sie am Schluss seines Artikels.

Er sagt, dass er keineswegs, wie ich in meinem ersten Nachtrag geschrieben habe, Lacans désir übersetze, sondern Benyaminis Begriff davon. Das leuchtet mir ein. Ich habe in Nachtrag I die Stelle entsprechend korrigiert.

Ivu’i

Sapir weist darauf hin, dass Lacans Begriff désir mit dem Ausdruck ivu’i ins Hebräische übersetzt worden ist und dass Benyamini bewusst davon abweicht.

Ich sehe nicht, wie mein Einwand hierdurch entkräftet wird.

Informationen zu איווי (ivu’i) findet man in diesem Artikel von Noam Baruch von 2006, der die Übersetzung von Lacans désir ins Hebräische zum Thema hat: ivu’i ist ein Neologismus, der speziell für die Übersetzung von Lacans désir gebildet wurde. Das wäre also ein Fall von Zwangsverkopplung zwischen Signifikant und Signifikat: wenn man ivu’i ins Französische bringt, muss man mit désir übersetzen.

Damit lässt sich Benyaminis Begründung für die Übersetzung mit „Leidenschaft“20 entschlüsseln. Dechiffriert lautet sie so:

„Ich habe mich dafür entschieden, das lacansche Wort désir in diesem Buch nicht mit ‚ivu’i‘ zu übersetzen, einen für Lacans désir gebildeten Neologismus, der sich durchgesetzt hat, sondern mit ‚tschuka‘, einem Ausdruck, den man bereits im Althebräischen findet, um auf diese Weise die lacansche Theorie mit der paulinischen Auffassung der epithymia zu verknüpfen, nämlich dadurch, dass ich den paulinischen Ausdruck ebenfalls mit ‚tschuka‘ übersetze.“

In welcher Situation befindet sich Benyamini? Ich konstruiere eine Analogie. Lacans Terminus sujet barré wird häufig mit „barriertes Subjekt“ übersetzt. Angenommen, ein Deutscher schreibt eine Arbeit, in der er mithilfe von Lacans Konzept des sujet barré einen englischsprachigen Autor des 19. Jahrhunderts untersucht, John Hunter, der vom Subjekt als blocked subject spricht (ich erfinde; diesen Hunter gibt es nicht, und blocked subject bedeutet normalerweise etwas anderes, nämlich „blockiertes Thema“). Soll er Hunters blocked subject mit „barriertes Subjekt“ übersetzen? Das gefällt ihm nicht, schließlich war Hunter kein Lacanianer. Also entscheidet er sich, in Lacans sujet barré das Adjektiv barré nicht mit „barriert“ zu übersetzen, einem für Lacans sujet barré gebildeten Neologismus, der sich durchgesetzt hat, sondern mit „versperrt“, einem Ausdruck, den man bereits im Mittelhochdeutschen findet, um auf diese Weise die lacansche Theorie mit der hunterschen Auffassung des blocked subjet zu verknüpfen, nämlich dadurch, dass er den hunterschen Ausdruck ebenfalls mit „versperrtes Subjekt“ übersetzt.

Wenn Benyamini désir nicht, wie es üblich ist, mit ivu’i übersetzt, sondern abweichend mit tschuka, folgt daraus nicht, dass man tschuka mit einem Terminus ins Deutsche bringen sollte, der vor allem dem formal-ästhetischen Kriterium genügt, von der üblichen Übersetzung von désir abzuweichen. Benyamini gibt ja einen Grund für seine Innovation an: sie soll Lacans désir und Paulus’ epithymia verknüpfen. Die Übersetzung von tschuka ins Deutsche erbt von hier als primäres Kriterium die Forderung nach Annäherung von Lacan und Paulus, nicht einen literarischen Abweichungsimperativ. Die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ vergrößert die Entfernung von désir gegenüber Paulus’ epithymia.

Von Baruch erfährt man auch, dass es einen dritten Terminus gibt, mit dem désir ins Hebräische gebracht werden kann: משאלה (mish’ala), ein Ausdruck, mit dem Freuds Begriff des Wunsches übersetzt worden ist. Wie tschuka findet man auch mish’ala bereits im Althebräischen.

Das folgende Diagramm zeigt die Verteilung der relativen Häufigkeit von תשוקה (tschuka) – rote Linie –, משאלה (mish’ala) – – blaue Linie – – und איווי (ivu’i) – graue Linie – – im Ngram Viewer von Google books. Ein Ngram ist eine Signifikantenkette; ein Ngram Viewer zeigt den Anteil einer Signifikantenkette an einem Textkorpus an.

Ngram viewer tschuka - mish'ala - ivu'i

Nachtrag III: –

7. Oktober

Yoav Sapir hat auf meinen Nachtrag II geantwortet (am Ende seines Artikels). Er kündigt an, dass er die Diskussion nicht fortsetzen werde:

„Es macht mir wenig Spaß, mit einem, der kaum Hebräisch kann, über hebräische Feinheiten zu diskutieren, oder Grundentscheidungen, die bereits vom Autor getroffen und im Original festgelegt worden sind, als Übersetzer zu rechtfertigen.“

Das ist die Bekräftigung der Auffassung vom Primat des Signifikats gegenüber dem Signifikanten.

Ein Argument dafür, dass die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ geeignet ist, Lacans désir mit Paulusʼ epithymia zu verknüpfen, bringt er leider auch hier nicht. Gibt’s keins?

 

Nachtrag IV: Die Hierarchie der Äquivalenzkriterien

8. Oktober 2014

Das Rätsel ist gelöst. Yoav Sapir hat begründet, warum er Benyaminis tschuka, für Lacans désir, mit dem Ausdruck „Leidenschaft“ übersetzt, und damit wird seine Entscheidung nachvollziehbar. Er hat mir gestern dazu eine E-Mail geschrieben. Ich hatte sein Argument bereits vermutet (siehe Nachtrag II), durch seine Mail erhielt ich die Bestätigung.

Das Kriterium der Abweichung von der etablierten Lacan-Terminologie

Das Argument für die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ lautet so (in meinen Worten): Benyamini übersetzt désir nicht auf die übliche Weise (nicht mit ivu’i), sondern abweichend (mit tschuka). Wenn man Benyaminis tschuka ins Deutsche bringt, sollte der deutsche Ausdruck ebenfalls dieses Merkmal tragen: er sollte abweichen. Nun wird désir üblicherweise mit „Begehren“ übersetzt, nicht mit „Leidenschaft“. Also sollte man tschuka mit „Leidenschaft“ übersetzen: abweichend.

Das ist plausibel. Wenn ein Angelsachse sein Fahrzeug mit dem seltenen Ausdruck autocar bezeichnet statt wie üblich mit car, werde ich autocar nicht mit „Auto“ oder „Wagen“ übersetzen, sondern beispielsweise mit dem selteneren Wort „Automobil“. Ich werde versuchen, ein Wort zu finden, das gewissermaßen denselben Differenzwert hat und vergrößere so die formal-ästhetische Äquivalenz meiner Übersetzung.

Das Kriterium der Annäherung der Terminologie von Paulus und Lacan

Aber das ist nur einer von mehreren Gesichtspunkten. Benyamini gibt einen Grund für seine abweichende Übersetzung an: sie soll Lacans désir mit Paulusʼ epithymia verknüpfen. Das ist also ein zweites Äquivalenzkriterium: Die Übersetzung von tschuka ins Deutsche muss Lacans désir an die paulinische epithymia heranbringen.

Die Hierarchie der Äquivalenzkritierien

Es wäre schön, beiden Gesichtspunkten zu genügen, aber das könnte schwierig sein. Man muss die Kriterien in eine Hierarchie bringen. Letztlich ist es diese Hierarchie, die darüber entscheidet, ob man eine Übersetzung als gelungen bezeichnen kann.

Benyamini schreibt eine von Lacan inspirierte Untersuchung der Paulusbriefe, kein Poem. Bei der Übersetzung dieses theoretischen Texts hat im Konfliktfall der Gesichtspunkt der terminologischen Genauigkeit den Vorrang gegenüber dem der ästhetischen Äquivalenz. Außerdem wird das Kriterium „Verknüpfung von Lacans désir mit Paulusʼ epithymia“ von Benyamini ausdrücklich als Zweck seiner eigenen Übersetzung bestimmt, als Skopos. Also gibt im Zweifelsfall das Kriterium der Annäherung des Lacan-Terminus an den Paulus-Terminus den Ausschlag gegenüber dem Kriterium der Abweichung von der etablierten Lacan-Terminologie.

Deshalb ist die Übersetzung von tschuka mit „Leidenschaft“ nicht gut: sie genügt zwar dem ästhetischen Kriterium, vergrößert aber den Abstand zwischen Paulusʼ epithymia und Lacans désir und verletzt damit dasjenige Kriterium, das entscheidend ist.

Begierde

Ist es möglich, beiden Äquivalenzkriterien zu genügen? Ja, wenn man Lacans désir mit „Begierde“ übersetzt. In den offiziellen Lacan-Übersetzungen wird désir mit „Begehren“ ins Deutsche gebracht. Verwendet man stattdessen „Begierde“, erfüllt man das Abweichungskriterium, zumal „Begierde“ im Deutschen weitaus seltener ist als „Begehren“. Außerdem verknüpft „Begierde“ Lacans désir mit Paulusʼ Auffassung der epithymia, da Lacan sich für désir auf Hegels Begriff „Begierde“ stützt und da die paulinische epithymia mit „Begierde“ übersetzt wird.

Natürlich kann ich nicht behaupten, dass dies die beste Lösung ist. Möglicherweise gibt es weitere Kriterien, die zu berücksichtigen sind.

*

Zum Schluss noch eine kleine Abschweifung, eine Anmerkung zur Freud-Rezeption in Israel, als Ergänzung zu meinem Artikel über die internationale Lacan- und Freud-Rezeption.

Der folgende Satz aus Baruchs Artikel über die Übersetzung von Lacans désir ins Hebräische hat mich verblüfft:

„In den letzten zehn Jahren hat die Psychoanalyse im israelischen kulturell-akademischen Diskurs mehr oder weniger eine Mainstream-Position erreicht. Eine bedeutsame Erscheinungsform dieser kulturellen Tendenz ist das erstaunliche Aufblühen hebräischer Übersetzungen von wichtigen psychoanalytischen Schriften sowie, wenn auch in geringerem Maße, von eigenständigen Beiträgen zum Bereich der Psychoanalyse auf Hebräisch.“

Ich habe nachgeschaut, wie sich der Anteil der Signifikantenkette זיגמונד פרויד (Sigmund Freud) am Korpus von Google books von 1950 bis 2008 verändert (für ז’אק לאקאן (Jacques Lacan) hat der Ngram Viewer keine Daten).

Ngram Viewer von Google books - Sigmund Freud auf hebräisch

Die Zunahme des relativen Gewichts der Freud-Nennungen in Israel beginnt etwa 1995, das entspricht exakt Baruchs Aussage; die Übereinstimmung kann als Hinweis auf die Repräsentativität des Korpus gedeutet werden. Das Wachstum verläuft in zwei Phasen. Bis etwa 2003 ist es gemäßigt, danach ist es stark. In den Jahren vor 2003 muss sich in der israelischen Psychoanalyse etwas ereignet haben.

Im Hebräischen verläuft die Freud-Rezeption entgegengesetzt zu der im Englischen, wo ihr relatives Gewicht seit Mitte der 90er Jahre zurückgeht.

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Anmerkungen

  1. Itzhak Benyamini: Narzisstischer Universalismus. Übersetzt von Yoav Sapir. Merve, Berlin 2013.
  2. in der Phänomenologie des Geistes (1807)
  3. Vgl. Alexandre Kojève: Introduction à la lecture de Hegel. Leçons sur la Phénomenologie de l’esprit, professées de 1933 à 1939 à l’École des Hautes-Études. Hg. v. Raymond Queneau. Gallimard, Paris 1947. – Deutsche Teilübersetzung: Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Übersetzt von Iring Fetscher. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975.
  4. in Das Sein und das Nichts (1943)
  5. Vgl. J. Lacan: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 685–695, hier: S. 690.– Vgl. außerdem J.Lacan, Seminar 5, Sitzung vom 14. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 455;
  6. S. Freud: Entwurf einer Psychologie (1895). In: Ders.: Aus den Anfängen der Psychoanalyse. 1887-1902. Briefe an Wilhelm Fließ. S. Fischer, Frankfurt am Main 1962, S. 299-384, hier: S. 329, 360, 368.
  7. Seminar 7, Version Miller/Haas, S. 95.
  8. Vgl. Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, v.a. Kapitel 6.
  9. A.a.O., S. 14, Fußnote 6.
  10. A.a.O., S. 15, Fußnote 6.
  11. Wilhelm Gesenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. 18. Auflage. Springer, Berlin u.a. 2013.
  12. Genesis 3, 16; Genesis 4, 7; Hoheslied 7,11
  13. Die Luther-Bibel von 1984 übersetzt an den drei Stellen mit „Verlangen“.
  14. „Gesetz, Leidenschaft und Übertretung bei Lacan und Paulus“, a.a.O., S. 21-47.
  15. Römer 7, (7) Τί οὖν ἐροῦμεν; ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο: ἀλλὰ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ ἔγνων εἰ μὴ διὰ νόμου, τήν τε γὰρ ἐπιθυμίαν οὐκ ᾔδειν εἰ μὴ ὁ νόμος ἔλεγεν, Οὐκ ἐπιθυμήσεις. (8) ἀφορμὴν δὲ λαβοῦσα ἡ ἁμαρτία διὰ τῆς ἐντολῆς κατειργάσατο ἐν ἐμοὶ πᾶσαν ἐπιθυμίαν: χωρὶς γὰρ νόμου ἁμαρτία νεκρά.
    (7) Ti oun eroumen; ho nomos hamartia; mē genoito alla tēn hamartian ouk egnōn ei mē dia nomos, tēn te gar epithymian ouk ēdein ei mē ho nomos elegen, Ouk epithymēseis. (8) aphormēn de labousa hē hamartia dia tēs, entolēs kateirgasato en emoi pasan epithymian: chōris gar nomou hamartia nekra. (Novum Testamentum Graece, Nestle-Aland, 28. Auflage )
  16. Zitiert von Benyamini, a.a.O., S. 31, griechische Formulierungen in Klammern bei Benyamini.
  17. A.a.O., S. 32.
  18. Römer 1:26, 7:5, 8:18, 2. Korinther 1:5, Galater 5:24, Philipper 3:10, 1. Thessalonicher 4:5.
  19. Benyamini: „Dass in diesem Kapitel die Begriffe ‚Sünde‘ und ‚Genießen‘ miteinander gleichgesetzt werden, stützt sich auf die Worte von Paulus und Lacan. Bei Paulus hängt die Sünde eng mit dem Genießen bzw. mit der Lust am menschlichen Körper zusammen, die über die zugelassenen Bräuche hinausgeht, d.h. über den üblichen Genuss hinaus, wie Paulus sich diesen vorstellt; darunter fallen z.B. der homosexuelle Geschlechtsverkehr (vgl. Römer 1:24-27), der Beischlaf mit Prostituierten (1. Kor. 6:13-15) und insbesondere der Inzest (1. Korinther 5:1).“ A.a.O., S. 29 f. Fußnote 31.
  20. Vgl. a.a.O., S. 14 Fußnote 6.

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