Lacans Aphorismen

„Das Begehren ist das Begehren des Anderen.“

Mickey Mouse is coming for youZeichnung: „Mickey Mouse is Coming For You“ von Batsu13angel auf der Seite deviantART
(„Ihr werdet alle mir gehören, ihr Schlampen.“ – „Guter Gott, schnell! Alle verstecken – er kommt!!“)

„Das Begehren ist das Begehren des Anderen“ – Lacan wird nicht müde, diesen Satz zu wiederholen.1

Damit ist nicht gemeint, dass das Begehren das Begehren nach dem Anderen ist; der Genitiv „des Anderen“ ist kein Genitivus objectivus. Es geht nicht um das Begehren, den Anderen zu besitzen, es geht nicht um den Anderen als Objekt des Begehrens.

Die Grundbedeutung ist: Das Begehren richtet sich nicht auf ein Objekt, es gründet sich vielmehr auf das Verhältnis zu einem anderen Begehren. Es gibt das Begehren auf der Seite des Subjekts. Es gibt das Begehren auf der Seite des Anderen. Und es gibt eine Beziehung zwischen diesen beiden Begierden: das Begehren des Subjekts bezieht sich auf das Begehren auf der Seite des Anderen. Das Begehren des Subjekts ist verwickelt in das Begehren, das der Andere hat. Das Begehren ist, wenn man so sagen darf, Inter-Begehren, Beziehung zwischen zwei Begierden.

Für Lacan ist der Bezug des Begehrens des Subjekts auf das Begehren, das der Andere hat, kein hinzukommendes Merkmal, dieser Bezug ist für das Begehren des Subjekts konstitutiv. Gäbe es nicht das zweite Begehren, gäbe es nicht das erste. (Das ist ein wesentlicher Unterschied gegenüber Sartre.)

„Das Begehren ist das Begehren des Anderen“, aufgefasst als Beziehung zum Begehren auf der Seite des Anderen, kann im Prinzip zweierlei bedeuten:
– Das Subjekt begehrt, vom Anderen begehrt zu werden (Bedeutung 1).
– Das Subjekt begehrt das, was der Andere begehrt – es übernimmt das Begehren auf der Seite des Anderen (Bedeutung 2).
Bedeutung 2 ist bei Lacan die Hauptbedeutung. Das unbewusste Begehren ist ein vom Anderen übernommenes Begehren; das unbewusste Begehren, das sind die Wünsche der Eltern.2 Der Genitiv „Begehren des Anderen“ ist ein Genitivus subjectivus.

Das Begehren des Kindes entwickelt sich in Auseinandersetzung mit dem Begehren auf der Seite der Mutter. Das Kind begehrt dieses Begehren, das heißt praktisch: es versucht, sich zu dem Objekt zu machen, das von der Mutter begehrt wird, es versucht ihr Begehren zu ködern. Dies entspricht Bedeutung 1. Diese Beziehung ist für Lacan der Kern der sogenannten präödipalen Beziehung. Der Ödipuskomplex, mit seinem Kern, dem Kastrationskomplex, ist die Struktur, die es dem Kind ermöglicht, diese Position zu verlassen, also gewissermaßen von Bedeutung 1 zu Bedeutung 2 überzugehen.3

Eine beeindruckende Form, das Begehren des Anderen zu begehren (Bedeutung 2) ist die Kopie des Begehrens eines Anderen. In ei­nem Pen­sio­nat, so berichtet Freud, be­kommt ein Mäd­chen ei­nen Brief ih­res heimlichen Ge­lieb­ten. Das Schrei­ben er­regt ihre Ei­fer­sucht, und auf diese Ei­fer­sucht rea­giert sie mit ei­nem hys­te­ri­schen An­fall. An­dere Mäd­chen ko­pie­ren den An­fall, und da­mit be­kun­den sie, sagt Freud, dass sie sich eben­falls ein ge­hei­mes Lie­bes­ver­hält­nis wün­schen. Sie identifizieren sich mit dem Begehren einer Anderen, und in diesem Sinne begehren sie das Begehren einer Anderen. Für die­sen Iden­ti­fi­zie­rungs­typ ist cha­rak­te­ris­tisch, sagt Freud, dass die Brief­emp­fän­ge­rin für die an­de­ren Mäd­chen kein Lie­bes­ob­jekt ist4; das Begehren zielt hier nicht darauf, von der Anderen begehrt zu werden. Lacan bezeichnet diese Art der Identifizierung als „hysterische Identifizierung“ (vgl. diesen Blogartikel). Um diese Struktur geht es Lacan vor allem: das Begehren des Subjekts beruht auf der Übernahme des Begehrens, das auf der Seite von Anderen verortet ist.

Schematisiert man das Begehren als Beziehung zwischen dem Subjekt A und zwei Personen B und C sowie den Begehrensobjekten von B und C, sagen wir OvB und OvC, dann kann die Sentenz „Das Begehren ist das Begehren des Anderen“ in Bedeutung 2 Verschiedenes bedeuten. Zum einen: Die Beziehung von Subjekt A  zu B beruht darauf, das A das Begehren von B nach OvB übernimmt (Bedeutung 2a). Alltagssprachlich formuliert: Wenn A sich für B interessiert, dann deshalb, weil ihm das ermöglicht, das eigenartige Begehren, das B hat, zu kopieren.

Oder: Die Beziehung von Subjekt A zu B beruht darauf, dass A das Begehren von C nach OvC übernimmt (Bedeutung 2b). Alltagssprachlich formuliert: Wenn A sich für B interessiert, dann liegt das daran, dass er das eigenartige Begehren von C übernimmt, das sich auf etwas richtet, was so ähnlich ist wie B. Etwa so: Wenn A B liebt, dann deshalb, weil sie ihn an seine Mutter erinnert – an seine Mutter als Objekt des Begehrens seines Vaters; in der Beziehung zu B imitiert A das Begehren seines Vaters.

D. erzählt von seiner Beziehung zu V. Als er sie kennenlernte, hatte sie für ihn etwas Abstoßendes. Sie war kindisch. Sie war karrieregeil. Ihre Mütterlichkeit verschwand, sobald es zu einem Konflikt kam. Zu dem, was ihn an ihr faszinierte und eine Beziehung möglich machte, gehörte, dass sie (bi-)sexuell erfahren war und dass sich in ihren Körper, wie er sich ausdrückt, „Spuren des Alterns eingeschnitten hatten“. Ihr Gesicht war für ihn schön, aber auch wieder hässlich: sie machte Grimassen, die er „mickymaushaft“ fand. „Es hat mich fasziniert“, sagt er, „in die Nähe dieses Abstoßenden zu kommen, und ich wusste, dass ich ein Risiko einging.“ Nach einigen Monaten einer erfreulichen sexuellen Beziehung kam es zwischen beiden zu einem Zusammenstoß, der bei D. eine psychische Krise auslöste. Ein Jahr lang war er nahezu arbeitsunfähig.

Dies also ist D.s Begehren: eine Strebung, die sich auf eine Person richtet, die er (die sein Ich) abstoßend findet. Begehrt er, von V. begehrt zu werden (Bedeutung 1)? Begehrt er das, was sie begehrt (Bedeutung 2a)? Begehrt er sie, indem er sich auf das Begehren eines Dritten stützt (Bedeutung 2b)?

Aber was ist das Begehren auf der Seite von V.? D. imitiert die Grimasse, die er an V. am schrecklichsten fand: Er fletscht die Zähne. Für den Bruchteil einer Sekunde zeigt er sich mir als Raubtier. Offenbar zeigt sich (und befriedigt sich ein wenig) das Begehren von V. in einem Symptom, in einer beständig wiederholten „mimischen Geste“, wenn man so sagen kann. Das Begehren von V. ist, so könnte man probeweise annehmen, ein orales Begehren, das Begehren, jemanden aufzufressen. (Oder, um es strenger lacanianisch zu formulieren: Ihr Begehren ist möglicherweise ein Begehren, das sich auf ein orales Phantasma stützt.)

Kleiner Exkurs über das Gesichtszucken. In Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung, kommentiert Lacan die Coûfontaine-Trilogie von Paul Claudel.5 Der erste Teil, Der Bürge, zeigt Sygne von Coûfontaine, wie sie alles, was für sie Bedeutung hat, opfert, zunächst für den Papst, dann für den Ehemann, den sie verachtet. In der vorletzten Szene liegt sie im Sterben; sie wird uns, sagt Lacan, „als von einem nervösen Gesichtszucken befallen dargestellt“6. In dieser „Grimasse des leidenden Lebens“7 zeigt sich das Subjekt; das Gesichtszucken ist „eine Zurückweisung, ein Nein, ein ne“8. Das Subjekt ist die Antwort des Realen auf die Einprägung des Signifikanten oder, wie Freud sagen würde, es ist die Wiederkehr des verdrängten Triebs in der Kompromissbildung des Symptoms.

Mit ihrem „Karrierismus“ unterwirft V. sich offenbar diszipliniert den Anforderungen des „großen Anderen“, der sozialen Ordnung. Mit ihrem Symptom, der Grimasse, sagt sie möglicherweise Nein dazu.

D. fühlt sich von V.s Symptom angezogen und abgestoßen. Er begehrt ihren Karrierismus und ihren Widerstand dagegen. Begehrt er, von V. verschlungen zu werden (Bedeutung 1)? Stützt er sich, um begehren zu können, auf ihr Begehren, übernimmt er von ihr das Begehren, etwas zu verschlingen (Bedeutung 2a)? Oder begehrt er sie als ein Anderer, begehrt er V., indem er beispielsweise das rätselhafte Begehren seiner Mutter übernimmt (Bedeutung 2b)?

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Die Formel hat noch eine weitere Bedeutung, die in eine andere Richtung geht: Das Begehren ist immer Begehren nach etwas anderem, nach etwas, was anders ist (Bedeutung 3).9 Anders gesagt: das Begehren zeigt sich nicht in der Objektbesetzung, sondern im Objektwechsel. In Freudscher Begrifflichkeit geht es darum, dass der verbotene und unbewusste Trieb sich auf immer neue Objekte verschiebt.10

Das, was begehrt wird, ist immer etwas anderes als das, was beansprucht, gefordert wird. A liebt zunächst M, später N. Seine Beziehungen zu M und zu N sind Beziehungen des Anspruchs: er liebt M, d.h. er richtet an M den Liebesanspruch, er fordert von ihr, dass sie für ihn ganz da ist (oder dass sie ganz für ihn da ist). Das wiederholt sich mit N. Das Begehren zielt weder auf das neue Objekt – also nicht auf N – noch auf das frühere Objekt, er hatte nicht M. begehrt. Das Begehren zielt auf den Objektwechsel als solchen; es ist der Übergang von M zu N, der begehrt wird.11 Diese Bewegung wird von Lacan als „Metonymie des Begehrens“ bezeichnet: die Verschiebung des Anspruchs von Objekt zu Objekt.12 In dieser Bewegung symbolisiert jedes Objekt – genauer: jede Liebesforderung –, dass dem Subjekt etwas fehlt, was aber in dieem Objekt, in dieser Forderung, in diesem Anspruch verfehlt wird.

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Anmerkungen

  1. Vgl. etwa: Wir haben anzunehmen, „dass das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist“. In: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, in: Schriften I, S. 220.
  2. In Seminar 11 spricht Lacan über das visuelle Begehren, den Schautrieb, und sagt, hier handle es sich um ein „Begehren nach dem Andern / désir à l’Autre“ – „(i)n Abänderung meiner Formel für das Begehren als unbewußtes – das Begehren des Menschen ist das Begehren des Andern“ (Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 122).
  3. Dies ist das Hauptthema von Seminar 4.
  4. Vgl. S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Analyse (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61-134, hier: S. 100.
  5. Paul Claudel: Die Trilogie. Der Bürge (1911). Das harte Brot (1918). Der erniedrigte Vater (1920). Übersetzt von Albrecht Joseph und Elisabeth Brock-Suizer. Jakob Hegner, Köln 1967.
  6. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 343.

    Das Gesichtszucken, der Tick („comme agitée d’un tic du visage“) ist Lacans Erfindung. In der ersten Fassung der Sterbeszene wird Sygne so charakterisiert: „unvollendete Kopfbewegung“, „Bewegung mit den Augen“, „Bewegung mit den Lippen“, „Zeichen Nein“, „Röcheln“ (3. Akt, 4. Szene). In der zweiten Version dieser Szene liest man: „Sie versucht mit Anstrengung zu sprechen, kann es nicht.“ „Sie spricht ohne Ton.“, „Zeichen“, „Auf den Lippen Worte“, „Zeichen Nein“.

  7. Lacan, a.a.O.
  8. Lacan, a.a.O., S. 373.
  9. Vgl. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 333.
  10. Vgl. etwa S. Freud: Totem und Tabu (1912-13). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 287-444, hier: S. 326.
  11. Vgl. Seminar 7, Version Miller/Haas, S. 350.
  12. Vgl. J. Lacan: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud. Übersetzt von Norbert Haas. In: Ders.: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Vrlag, Olten u.a. 1978, S. 15-55 hier: 44.
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