Orales Begehren

Schrift Essen

Origines - zu: Jacques Lacan, orales BegehrenDass meine Leselust oralen Charakter hat, wurde mir klar, als ich mich dabei ertappte, wie ich, als Student, in der Universitätsbibliothek versuchte, die ab­gegriffenen Karteikarten des Gesamtkatalogs mit den Lippen zu berühren. (Wenn ich ehrlich wäre, hätte ich geschrieben: „wie ich die abgegriffenen Karteikarten des Gesamtkatalogs mit den Lippen berührte“.)  Die Alltagssprache hat mich damals beruhigt: ich bin nicht allein. Bücher wer­den „verschlungen“; Menschen, die gern lesen, sind „Bücherwürmer“ oder „Lese­ratten“; die Lektüre, sofern sie nicht „unverdaulich“ ist, erzeugt „Lesefrüchte“. Der Volksgeist deutet die Vielleserei als großes Fressen und liegt damit ver­mutlich richtig. Später habe ich – gelesen, dass sich das verschlingende Lesen auf ein rätselhaftes Objekt bezieht: die Brust als Objekt a.

Bereits in der Schule hatte ich erfahren, dass die Beziehung zwischen Essensakten und symbolischen Handlungen eine der großen Streitfragen der christlichen Theolo­gie gewesen ist. Wird im Abendmahl Gott gegessen (ist Christus in Brot und Wein real präsent) oder wird nur eine symbolische Handlung vollzogen? Darum drehte sich im 9. Jahrhundert der erste Abendmahlsstreit, und darum ging’s immer noch, als im 16. Jahrhundert die Reformierten die Altäre aus ihren Kirchen verbannten, wo sie bis heute keinen Platz haben- nichts soll auf die Opfermahlzeit verweisen, wo das Abendmahl doch nur ein Erinnerungssymbol ist.

Gestern, bei einem Vortrag von Birgit Pungs im Rahmen des psychoanalytischen Salons Berlin, habe ich gelernt, dass das Interesse christlicher Theologen am Ver­hältnis zwischen dem Essen und dem Symbolischen weiter zurückreicht als der Abendmahlsstreit. Origines, ein Mann des 3. Jahrhunderts, einer der Erfinder der allegorischen Lektüretechnik, stellt systematisch Entsprechungen zwischen dem Essen und dem Lesen her. Das ist ihm dadurch möglich, dass er den Leib Christi und die heilige Schrift als zwei Verkörperungen ein und derselben Wesenheit begreift: des göttlichen Logos.

,Die Verkörperungen des göttlichen Logos im Fleisch in der Inkarnation und im Buchstaben in der Heiligen Schrift entsprechen einander und schließen so auch Eucharistie und Schriftlektüre zusammen. In beiden stellt der Logos eine Innerlichkeit gegenüber der fleischlich­-buchstäblichen Äußerlichkeit dar. Die Schrift kann so auch der wahre Leib und das wahre Blut Christi sein und die Eucharistie ein typischer und symbolischer Körper. Es gibt keine Trennung zwschen Schriftlek­türe und Abendmahl, beide spiegeln sich wechselseitig und konstituie­ren so die dritte, soziale Verkörperung Christi, die Kirche selbst.“1

Wenn das Essen zu einem symbolischer Vorgang wird, mutiert umgekehrt die Lektüre zu einem Akt des Verspeisens.

Im Seminar über die Ethik der Psychoanalyse erläutert Lacan die Sublimierung anhand einer Erzählung, die man in der Offenbarung des Johannes findet, in der Apokalypse. Dort heißt es:

„Und ich sah: Ein anderer gewaltiger Engel kam aus dem Himmel herab; er war von einer Wolke umhüllt und der Regenbogen stand über seinem Haupt. Sein Gesicht war wie die Sonne und seine Beine waren wie Feuersäulen. In der Hand hielt er ein kleines, aufgeschlagenes Buch. Er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken auf das Land und rief laut, so wie ein Löwe brüllt. Nachdem er gerufen hatte, erhoben die sieben Donner ihre Stimme. Als die sieben Donner gesprochen hatten, wollte ich es aufschreiben.
Da hörte ich eine Stimme vom Himmel her rufen: Halte geheim, was die sieben Donner gesprochen haben; schreib es nicht auf! (…)
Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, aufgeschlagen in der Hand hält.
Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben.
Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig.
Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter.
Und mir wurde gesagt: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen.“2

Johannes spielt hier auf eine Erzählung der hebräischen Bibel an, die zur Zeit des babylonischen Exils spielt. Hesekiel (bzw. Ezechiel), der Sohn des Priesters Busi, hat eine Vision. In einer Wolke und in einem Feuer erscheint ihm der Thronwagen Gottes.  Er wird von vier leuchtende Wesen gezogen, jedes mit vier Köpfen; die Räder sind mit Augen besetzt, darüber ist eine Platte befestigt, darüber steht eine Art Thron, und darauf sitzt eine Gestalt, die einem Menschen gleicht. Von den Hüften an aufwärts glänzt sie wie Metall und Glut, von den Hüften an abwärts leuchtet sie wie Feuer, um sie herum ist der Glanz eines Regenbogens. Hesekiel fällt auf sein Gesicht nieder und hört eine Stimme, die zu ihm spricht.

„Und du, Menschensohn, höre, was ich zu dir rede! Sei nicht widerspenstig wie das widerspenstige Haus: Öffne deinen Mund und iss, was ich dir gebe!
Und ich sah: und siehe, eine Hand war zu mir hin ausgestreckt; und siehe, in ihr befand sich eine Buchrolle. Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorder- und auf der Rückseite beschrieben; und es waren darauf geschrieben Klagen und Seufzen und Wehgeschrei.
Und er sprach zu mir: Menschensohn, was du findest, iss! Iss diese Rolle, und geh hin, rede zum Haus Israel!
Und ich öffnete meinen Mund, und er gab mir diese Rolle zu essen.
Und er sprach zu mir: Menschensohn, deinem Bauch gib zu essen, und deinen Leib fülle mit dieser Rolle, die ich dir gebe!
Und ich aß sie, und sie war in meinem Munde süß wie Honig.
Und er sprach zu mir: Menschensohn, auf, geh hin zum Haus Israel und rede mit meinen Worten zu ihnen! Denn nicht zu einem Volk mit dunkler Sprache und schwieriger Rede bist du gesandt, sondern zum Haus Israel. Nicht zu vielen Völkern mit dunkler Sprache und schwieriger Rede, deren Worte du nicht verstehst. Würde ich dich zu diesen senden, sie würden auf dich hören. Aber das Haus Israel wird nicht auf dich hören wollen, denn sie wollen nicht auf mich hören.“3

Lacan deutet die Passage so:

„Es gibt zu essen – was? Das Buch. Wenn wir in der Apokalypse dieses starke Bild lesen, was heißt das – wenn nicht, dass das Buch eben den Wert einer Einverleibung annimmt, und zwar der Einverleibung des Signifikanten selbst, der die eigentliche apokalyptische Schöpfung trägt. Der Signifikant wird hier zu Gott, zum Objekt der Einverleibung selbst.“4

Lacan zufolge geht es hier um Sublimierung, um eine Befriedigung, deren Preis, wie Freud sagt, nicht die Verdrängung ist und die nicht mit einem Wechsel des Objekts, sondern des Ziels einhergeht.

„Der Hunger, um den es geht, der sublimierte Hunger, fällt in das Intervall zwischen beiden [zwischen dem Objekt und dem Ziel des Triebs], denn es ist nicht das Buch, was uns den Magen füllt. Wenn ich das Buch gegessen habe, bin ich deswegen noch nicht Buch geworden, so wie das Buch auch nicht Fleisch geworden ist. Das Buch wird mir, wenn ich so sagen kann. Damit aber diese Operation vonstatten gehen kann – sie tut es jeden Tag –, muß ich wohl etwas zahlen. Die Differenz. Freud wägt sie ab, irgendwo im Unbehagen der Kultur. Sublimieren Sie, was immer Sie wollen, Sie müssen es mit etwas bezahlen. Dieses Etwas heißt das Genießen. Diese mystische Operation bezahle ich mit einem Pfund Fleisch.“5

Die Sublimation wird mit einem „Pfund Fleisch“ bezahlt, mit einem Verlust an Genießen, und dieser Verlust ruft das Begehren hervor. In den letzten Sätzen des Ethikseminars kommt er darauf zurück. Die Wissenschaft sei von einem geheimnisvollen Begehren beseelt, aber von welchem?

„Die Zukunft wird es uns offenbaren, vielleicht auf der Seite derer, die, durch die Gnade Gottes, in allerjüngster Zeit das Buch gegessen haben, ich will sagen, die nicht gezögert haben, mit all ihren Kräften, das heißt mit ihrem Blut das Buch der abendländischen Wissenschaft zu schreiben – das darum nicht weniger ein eßbares Buch ist. (…) Über den, der das Buch gegessen hat, und über das, was er an Geheimnis trägt, kann man sich in der Tat fragen – ist er gut, ist er böse? Diese Frage erscheint jetzt unwichtig. Wichtig ist nicht, zu wissen, ob der Mensch ursprünglich gut oder böse ist, wichtig ist, zu wissen, was das Buch ergeben wird, wenn es ganz und gar gegessen sein wird.“6

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Anmerkungen

  1. B. Pungs: Vegetarismus. Religiöse und politische Dimensionen eines Ernäh­rungsstils. Dissertation Humboldt-Universität Berlin 2006, im Internet hier.
  2. Offenbarung 10, Einheitsübersetzung.
  3. Hesekiel 2,8 bis 3,7; Elberfelder Übersetzung.
  4. Seminar 7, Sitzung vom 22. Juni 1960; Version Miller/Haas, S. 350.
  5. Seminar 7, 6. Juli 1960; Version Miller/Haas, S. 384.
  6. Seminar 7, Sitzung vom 6. Juli 1960; Version Miller/Haas, S. 388.

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