Jacques Lacan: Kant mit Sade (Übersetzung)

Man Ray, Portrait-imaginaire-de-D.-A.-F.-de-Sade-Imaginary-Portrait-of-the-Marquis-de-SadeMan Ray, Ima­gi­na­ry Por­trait of D.A.F. de Sade, 1938

Hier der ers­te Gast­bei­trag in die­sem Blog: Mai We­ge­ners Über­ar­bei­tung der Über­set­zung von La­cans Kant avec Sade, die 1975 in Schrif­ten II er­schien. Mai We­ge­ner ist Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin in Ber­lin, Mit­or­ga­ni­sa­to­rin des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin, hat zu Freud und La­can ver­öf­fent­licht und un­ter­rich­tet an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten. RN

NACHTRAG vom 30. Juni 2014: Die­se Über­ar­bei­tung der Über­set­zung er­schien zum ers­ten Mal am 27. Ja­nu­ar 2014 in die­sem Blog. Heu­te habe ich eine Satz-für-Satz-Ver­si­on hin­zu­ge­fügt: ein Satz fran­zö­sisch, ein Satz deutsch usw. Der deut­sche Text der bei­den Ver­sio­nen ist iden­tisch. Die Zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich bei den fran­zö­si­schen Sät­zen auf die Écrits, bei den deut­schen auf Schrif­ten II. Eine PDF-Da­tei von We­ge­ners Über­ar­bei­tung der Über­set­zung fin­det man auf der Sei­te des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin. RN

NACHTRAG vom 15. De­zem­ber 2014: Nach­träg­lich habe ich die­sen Ar­ti­kel zum ers­ten Bei­trag der LACANIANA er­nannt. RN

Vor­be­mer­kung der Über­set­ze­rin

Die fol­gen­de Über­set­zung von Kant avec Sade stützt sich auf Wolf­gang Fiet­kaus Über­set­zung in La­can, Schrif­ten II.1 Fiet­kaus Ver­si­on wur­de von mir stark über­ar­bei­tet; An­re­gun­gen ga­ben Ar­beits­grup­pen in Pa­ris und Kas­sel so­wie die Ar­beits­über­set­zung, die im Ku­rier des La­can Se­mi­nar Zü­rich, Che vuoi? 2.2013, pu­bli­ziert wur­de.

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern, z.B. [137], ver­wei­sen auf die Sei­ten­zäh­lung in Schrif­ten II; Zah­len in run­den Klam­mern, z.B. (766), auf die Écrits. „[137]“ meint: hier be­ginnt Sei­te 137.

An­mer­kun­gen ohne Zu­satz sind von La­can, An­mer­kun­gen, die mit „Anm. WF“ ein­ge­lei­tet wer­den, von Wolf­gang Fiet­kau, An­mer­kun­gen mit „Anm. MW“ von mir, Ein­fü­gun­gen in ecki­gen Klam­mern eben­falls von mir. Bei La­cans Ver­wei­sen auf Kants Kri­tik der rei­nen Ver­nunft habe ich in ecki­gen Klam­mern die Sei­ten der Aka­de­mie-Aus­ga­be hin­zu­ge­fügt.

Die Über­set­zung wur­de für ein Se­mi­nar über Kant mit Sade er­stellt, dass ich im Win­ter­se­mes­ter 2013/14 an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin ge­hal­ten habe.

Mai We­ge­ner

Work in pro­gress!
Kor­rek­tu­ren bit­te an:
mai.wegener [at] pas­ber­lin [Punkt] de

 

Jacques Lacan: Kant mit Sade

Deutsch

[133] (765) Die­se Schrift soll­te als Vor­wort zu «Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir» die­nen. Er­schie­nen ist sie in der Re­vue «Cri­tique» (Nr. 191, April 1963) als Be­richt über die Edi­ti­on der Wer­ke Sa­des, für die sie auch be­stimmt war: Éd. du Cer­cle du li­v­re pré­cieux, 1963, 15 Bän­de.2

[135] Daß Sa­des Werk Freud an­ti­zi­piert, und sei’s auch nur als Ka­ta­log der Per­ver­sio­nen, ist eine in den Geisteswissenschaften/lettres nach­ge­be­te­te Dumm­heit, an der wie stets die Spe­zia­lis­ten schuld sind.

Dem­ge­gen­über möch­ten wir be­haup­ten, daß das Sa­de­sche Bou­doir von der Art je­ner Stät­ten ist, de­nen die Schu­len der an­ti­ken Phi­lo­so­phie ihre Na­men ver­dan­ken: Aka­de­mie, Ly­ze­um, Stoa. Hier wie dort geht man an die Vor­be­rei­tung der Wis­sen­schaft, in­dem man die Po­si­ti­on der Ethik ei­ner Kor­rek­tur un­ter­zieht. Dar­in ist tat­säch­lich eine Be­rei­ni­gung am Werk, die in den Tie­fen des Ge­schmacks über hun­dert Jah­re hin eine Bahn bil­den soll­te, wo­durch der Weg Freuds gang­bar wur­de. Sech­zig wei­te­re Jah­re wä­ren hin­zu­zu­rech­nen, um ab­se­hen zu kön­nen, wozu das Gan­ze.

Wenn Freud sein Lust­prin­zip ar­ti­ku­lie­ren konn­te, ohne sich noch im ge­rings­ten um den Hin­weis küm­mern zu müs­sen, wor­in es sich von sei­ner Funk­ti­on in­ner­halb der tra­di­tio­nel­len Ethik un­ter­schei­det, ja ohne daß er da­bei Ge­fahr lief, im Nach­hall des unbe­strittenen Vor­ur­teils zwei­er Jahr­tau­sen­de – wir er­in­nern an die Ten­denz, die Krea­tur ih­rem Wohl vor­zu­ord­nen, ge­mäß ei­ner Psy­cho­lo­gie, wie sie in den viel­fäl­ti­gen My­then des Wohl­wol­lens ent­hal­ten ist – ver­stan­den zu wer­den, kön­nen wir nicht um­hin, der un­merk­lich anstei­genden Li­nie des The­mas von der «Glück­se­lig­keit im Bö­sen», wie sie das neun­zehn­te Jahr­hun­dert durch­zieht, un­se­re Re­ve­renz zu er­wei­sen. Hier ist Sade der in­au­gu­ra­le Schritt ei­ner Sub­ver­si­on, de­ren, so­weit wir se­hen, nie­mals be­merk­ter Wen­de­punkt Kant ist, wie pi­kant dies an­ge­sichts der Käl­te die­ses Man­nes auch schei­nen mag.

Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir er­scheint acht Jah­re nach der Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft. Wie man se­hen wird, ver­trägt sie sich nicht nur mit ihr, son­dern, wie wir (766) nach­wei­sen wer­den, ver­voll­stän­digt sie sie, wir wer­den sa­gen, dass sie die Wahr­heit der Kri­tik gibt.

Drum kurz die Pos­tu­la­te, in de­nen sich die­se er­füllt: das Ali­bi der Un­sterb­lich­keit, wo­hin sie Fort­schritt, Hei­lig­keit und so­gar Lie­be, al­les, was an Be­frie­di­gen­dem aus dem Ge­setz kom­men könn­te, ver­drängt, die Ga­ran­tie, daß sie ei­nes Wil­lens be­darf, für den der Gegenstand/l’objet3 auf den das Ge­setz sich be­zieht, in­tel­li­gi­bel sei, wo­mit sie gar noch die fla­che Stüt­ze der Nütz­lich­keit ein­bü­ßen, auf die Kant sie beschrän­kte, ge­ben die­sem Werk sei­nen Ju­wel der Sub­ver­si­on. Dar­aus er­klärt sich der un­ge­mei­ne Ge­fühls­über­schwang, der sich je­dem durch die aka­de­mi­sche Fröm­mig­keit nicht ein­ge­schüch­ter­ten Le­ser mit­teilt. Es tut der Wir­kung kei­nen Ab­bruch, wenn man sie sich ver­deut­licht. [136]

 

Daß es ei­nem wohl sei im Bö­sen, oder, wenn man so will, das «Ewig Weib­li­che» uns nicht hinan­zieht, die­se Wen­dung ver­dankt sich ei­ner phi­lo­lo­gi­schen Be­mer­kung: na­ment­lich, was bis da­hin zu­ge­las­sen war: q’on est bien dans le bien, be­ruht auf ei­ner Ho­mo­ny­mie, die im Deut­schen nicht mög­lich ist: Man fühlt sich wohl im Gu­ten.*4 So je­den­falls führt Kant uns in die Prak­ti­sche Ver­nunft ein.

Das Lust­prin­zip ist das Ge­setz des Wohls*, ge­nau­er des Wohl­seins. In der Pra­xis un­ter­wür­fe es das Sub­jekt der­sel­ben Ver­ket­tung der Erschei­nungen, die sei­ne Gegenstände/ob­jets de­ter­mi­niert. Kants Ein­wand da­ge­gen er­folgt, sei­nem stren­gen Denk­stil ge­mäß, im­ma­nent. Kei­ne Er­schei­nung kann sich auf eine dau­er­haf­te Be­zie­hung zur Lust grün­den. Kein Ge­setz ei­nes sol­chen Wohls lie­ße sich also for­mu­lie­ren, wel­ches das Sub­jekt, das dies Ge­setz in sein Han­deln auf­näh­me, als Wil­le de­fi­nie­ren wür­de.

So wäre denn die Su­che nach dem Wohl/bien eine Sack­gas­se, leb­te das Gute* nicht wie­der auf, und zwar als Gegenstand/ob­jet des mo­ra­li­schen Ge­set­zes. Es kün­digt sich uns an durch die Er­fah­rung, daß wir Be­feh­le in uns ver­neh­men, de­ren Im­pe­ra­tiv sich als ka­te­go­risch, an­ders ge­sagt als un­be­dingt dar­stellt.

Mer­ken wir an, dass die­ses Wohl / ce bien das Gute / le Bien nur in­so­fern un­ter­stellt, als es, wie schon ge­sagt, ge­gen je­des Ob­jekt, das sich ihm sei­ner­seits als Be­din­gung zu stel­len sucht, mit In­sis­tenz dar­an fest­hält, sich jeg­li­chen wie auch im­mer un­be­stimm­ten Gü­tern / des bi­ens in­cer­ta­ins zu wi­der­set­zen, die die­se Ob­jek­te ihm als prin­zi­pi­ell gleich­wer­tig vorschla­gen könn­ten, um sich in sei­ner uni­ver­sel­len Gül­tig­keit als über­le­gen auf­zu­drän­gen. So er­scheint sein Ge­wicht al­lein als aus­schlie­ßend: Trieb oder Ge­fühl, al­les was das Sub­jekt in sei­nem In­ter­es­se für ein Ob­jekt erleiden/pâ­tir kann, was Kant da­her als «pa­tho­lo­gisch» be­zeich­net. (767)

Da­mit läge der Schluß nahe, man trä­fe hier wie­der je­nes höchs­te Gut an, wie es die An­ti­ke ver­stand, nur fügt Kant wie gewöhn­lich prä­zi­sie­rend hin­zu, daß die­ses Gut nicht als aus­glei­chen­des Ge­gen­ge­wicht, son­dern, wie man sa­gen könn­te, als An­ti­ge­wicht agiert, d.h. es bringt ei­nen Ab­zug des Ge­wichts in der Wir­kung der Ei­gen­lie­be (Selbst­sucht) her­vor, durch die das Sub­jekt sei­ne Lüs­te als Ei­gen­dün­kel (ar­ro­gan­tia) emp­fin­det, so dass ein Blick auf die­ses Gut / ce Bien die­se Lüs­te in sei­ner Ach­tung min­dert.5 Text­lich wie sug­ges­tiv. [137]

Hal­ten wir das Pa­ra­dox fest, dass in dem Au­gen­blick, in dem das Sub­jekt sich kei­ner­lei Ob­jekt mehr ge­gen­über­sieht, es auf ein Ge­setz stößt, das kei­ne an­de­re Er­schei­nung hat als et­was schon Si­gni­fi­kan­tes, das man von ei­ner Stim­me im Bewusstsein/Gewissen her er­hält, die, um sich als Ma­xi­me zu ar­ti­ku­lie­ren, hier die Ord­nung ei­ner rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft oder Wil­len vor­schlägt.

Soll die­se Ma­xi­me das Ge­setz wer­den, so ist es er­for­der­lich und zu­gleich hin­rei­chend, wenn sie zur Pro­be ih­rer Ver­nünf­tig­keit sich in lo­gi­scher Hin­sicht als uni­ver­sell er­weist. Was frei­lich iure lo­gi­co nicht heißt, sie sei al­len auf­er­legt, wohl aber, daß sie für alle Fäl­le gilt, oder ge­nau­er, daß sie für kei­nen Fall gilt, wenn nicht für alle Fäl­le.

Da aber die­se Pro­be ver­nunft­ge­recht sein muß, und zwar im Sin­ne rei­ner, wenn­gleich prak­ti­scher Ver­nunft, kann sie nur für Ma­xi­men ei­nes Ty­pus ge­lin­gen, der ei­nen ana­ly­ti­schen Weg sei­ner Ab­lei­tung er­öff­net.

Il­lus­triert wird die­ser Ty­pus an­hand der Ver­läß­lich­keit, wie sie für die Rück­ga­be ei­nes De­po­si­tums6 auf­er­legt ist: hängt doch die Pra­xis des De­po­si­tums von bei­den Oh­ren ab, die sich, um den De­po­si­tär zu kon­sti­tu­ie­ren, jed­we­der Einflü­sterung ver­schlie­ßen müs­sen, die die­se Ver­läß­lich­keit an­fech­ten könn­te. An­ders ge­sagt: kein De­po­si­tum ohne De­po­si­tär, der sei­ner Auf­ga­be ge­wach­sen ist.

Nun kann sich selbst in die­sem evi­den­ten Fall wo­mög­lich das Be­dürf­nis nach ei­ner syn­the­ti­sche­ren Be­grün­dung re­gen. Ihr Un­ge­nü­gen wol­len wir un­ser­seits, und sei es um den Preis ei­ner Re­spekt­lo­sig­keit, am Bei­spiel ei­ner Ma­xi­me il­lus­trie­ren, die dem Père Ubu nach­ge­bil­det ist: «Es lebe Po­len, denn gäb’s kein Po­len, gäb’s auch kei­ne Po­len.» (768)

Nie­mand be­zweif­le auf Grund ei­ner ge­wis­sen Schwer­fäl­lig­keit bzw. Er­reg­bar­keit, wie sehr wir an ei­ner Frei­heit hän­gen, ohne die die Völ­ker in Trau­er ge­hen. Aber ihre hier ana­ly­ti­sche, wenn­gleich un­wi­der­leg­ba­re Be­grün­dung ist doch von der Art, daß sie bei al­ler Un­fehl­bar­keit sich ein we­nig mä­ßigt, be­denkt man, daß die Po­len sich seit je durch eine be­mer­kens­wer­te Re­sis­tenz ge­gen jede Po­len­fins­ter­nis / éclip­ses de la Po­lo­gne aus­zeich­nen, und selbst noch ge­gen die Kla­gen, die dar­auf folg­ten. [138]

Man fin­det hier wie­der, was Kant dazu bringt sein Be­dau­ern dar­über zu äu­ßern, daß kei­ner­lei In­tui­ti­on der Er­fah­rung des mo­ra­li­schen Ge­set­zes den Gegenstand/l’objet in der Erscheinung[swelt] dar­bie­tet.

Die­ses Ob­jekt ent­zieht sich, wie wir zu­ge­ben müs­sen, in­ner­halb der ge­sam­ten Kri­tik. Al­ler­dings läßt er sich er­ra­ten an­hand der Spur, wie Kant sie in der un­er­bitt­li­chen Fol­ge­rich­tig­keit hin­ter­läßt, mit der er sich be­müht, die­sen Ent­zug auf­zu­zei­gen, ver­dankt ihr doch das Werk jene zwei­fel­los un­schul­di­ge, aber spür­ba­re Ero­tik, die, wie wir zei­gen wer­den, in der Na­tur des be­sag­ten Ob­jek­tes selbst begrün­det ist.

Des­halb möch­ten wir ge­ra­de an die­sem Punk­te un­se­rer Aus­füh­run­gen alle die­je­ni­gen un­ter un­se­ren Le­sern, die man­gels Lek­tü­re ein noch jung­fräu­li­ches Ver­hält­nis zur Kri­tik ha­ben, bit­ten in­ne­zu­hal­ten, um hier spä­ter wie­der an­zu­knüp­fen. In­zwi­schen mö­gen sie sich über­zeu­gen, ob sie die Wir­kung hat, von der wir spra­chen, auf alle Fäl­le ver­spre­chen wir ih­nen jene be­son­de­re Lust, die sich ih­nen auf die­se Leis­tung hin über­mit­teln wird.

Die an­de­ren wol­len uns nun in die Phi­lo­so­phie im Bou­doir fol­gen, zumin­dest in die Lek­tü­re.

 

Ein Pam­phlet, wie sich zeigt, aber dra­ma­ti­scher Art, wor­in die Szenen­beleuchtung dem Dia­log wie den Ges­ten er­mög­licht, bis an die Gren­zen des Vor­stell­ba­ren vor­zu­drin­gen. Die­se Sze­nen­be­leuch­tung er­lischt für ei­nen Au­gen­blick, um ei­ner Streit­schrift, Pam­phlet in­ner­halb des Pam­phle­tes, zu wei­chen, die den Ti­tel trägt: «Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn Ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt…»

Ge­wöhn­lich glaubt man, aus dem, was hier sich äu­ßert, eine Mystifika­tion her­aus­zu­hö­ren, wenn man es nicht gar aus­drück­lich da­für hält. Nur müß­te man nicht ein­mal durch die be­deut­sa­me Rol­le des Traums im Traum ge­warnt sein, der auf grö­ße­re Nähe zum Rea­len zielt, um im Hohn auf die his­to­ri­sche Ak­tua­li­tät hier ein Merk­mal glei­cher Art zu er­ken­nen. Es ist of­fen­kun­dig, und man täte bes­ser dar­an, zwei­mal hin­zu­se­hen.

Der Nerv der Streit­schrift, wenn man so sa­gen darf, tritt in der Ma­xi­me zu­ta­ge, die dem Ge­nie­ßen sei­ne Re­gel vor­schlägt, un­ge­wöhn­lich, weil ihre Recht­set­zung auf Kan­ti­sche Wei­se er­folgt, näm­lich in der Er­he­bung zur all­ge­mei­nen Re­gel. Spre­chen wir die­se Ma­xi­me aus:

«Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, kann ein je­der mir sa­gen, und ich wer­de von (769) die­sem Recht Ge­brauch ma­chen, ohne daß [139] ir­gend­ei­ne Schran­ke mich in der Lau­ne der Aus­schrei­tun­gen, die ich Ge­schmack hät­te da­bei zu stil­len, an­hal­ten könn­te.»

Das ist die Re­gel, der man die vo­lon­té de tous zu un­ter­wer­fen ge­denkt, so­fern ihr eine Ge­sell­schaft durch Zwang Gel­tung ver­schafft. Für je­des ver­nünf­ti­ge We­sen bes­ten­falls schwar­zer Hu­mor, die­ser Ma­xi­me die Zu­stim­mung zu un­ter­stel­len, die man bei ihr vor­aus­setzt.

Nicht nur, daß, wenn uns die De­duk­ti­on der Kri­tik in ir­gend­was ge­schult hat, dann in der Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Vernünftigen/ra­ti­onnel und der Vernünftelei/rai­son­n­ab­le – die nichts als eine ver­irr­te Zu­flucht zum Pa­tho­lo­gi­schen ist ; in­zwi­schen ha­ben wir au­ßer­dem ge­lernt, daß der Hu­mor der Überläufer/trans­fu­ge der Funk­ti­on des «Über­ich» im Ko­mi­schen ist. Da­mit könn­te die­se psy­cho­ana­ly­ti­sche In­stanz, dem La­by­rinth von Ob­sku­ran­tis­mus ent­ris­sen, in dem un­se­re Zeit­ge­nos­sen den Be­griff ver­wen­den, nicht nur ein we­nig an Lebendig­keit ge­win­nen, son­dern auch die Kan­ti­sche Prü­fung der all­ge­mei­nen Re­gel um je­nes Körn­chen Wür­ze be­rei­chert wer­den, das ihr fehlt.

Sind wir von da­her nicht ge­hal­ten, um so mehr für ernst zu neh­men, was sich uns dar­bie­tet, als es so ernst gar nicht ist? Wir fra­gen da­her, wie man wohl sieht, nicht da­nach, ob es von­nö­ten ist oder ge­nügt, daß eine Ge­sell­schaft ein Recht auf Ge­nie­ßen sank­tio­niert, in­dem sie je­der­mann er­laubt, sich dar­auf zu be­ru­fen, da­mit sich sei­ne Ma­xi­me von da an zum Im­pe­ra­tiv des mo­ra­li­schen Ge­set­zes au­to­ri­siert.

Kei­ner­lei po­si­ti­ve Le­ga­li­tät ver­mag über die Er­he­bung die­ser Ma­xi­me zum Rang ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel zu ent­schei­den, da eben je­ner Rang sie mög­li­cher­wei­se in Wi­der­spruch zu al­len [Re­geln] brin­gen kann.

Das ist kei­ne Fra­ge, die sich an­ders als ima­gi­när ent­schei­den wür­de und die Aus­deh­nung die­ses Rech­tes auf je­der­mann, wie es die Ma­xi­me herbeiruft/in­vo­que, steht nicht zur De­bat­te

Be­wie­sen wäre da­mit näm­lich bes­ten­falls nur eine Mög­lich­keit ih­rer ge­ne­rel­len Gültigkeit/gé­né­ral, nicht aber ih­rer Allgemeinheit/l’universelle, die die Din­ge be­ur­teilt ge­mäß ih­rer Be­grün­dung und nicht nach ih­rem Ar­ran­ge­ment.

Bei die­ser Ge­le­gen­heit sei da­her nicht ver­säumt, die Über­schät­zung der Rol­le an­zu­pran­gern, wie man sie ge­gen­wär­tig dem Mo­ment der Re­zi­pro­zi­tät ins­be­son­de­re im Fal­le sub­jek­ti­ver Struk­tu­ren zu­schreibt, die sich zu­in­nerst da­ge­gen sträu­ben.

Die Re­zi­pro­zi­tät, eine um­kehr­ba­re Be­zie­hung, die in Form ei­ner ein­fa­chen Li­nie zwei Sub­jek­te mit­ein­an­der ver­bin­det, die die­se Be­zie­hung [140] auf Grund ih­rer «re­zi­pro­ken» Po­si­ti­on für äqui­va­lent hal­ten, lässt sich nur schwer als lo­gi­sche Zeit ir­gend­ei­ner Über­schrei­tung des Sub­jekts in sei­ner Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten plat­zie­ren, und noch we­ni­ger als Etap­pe ir­gend­ei­ner (770) Ent­wick­lung, ob die­se nun als eine psy­chi­sche auf­fass­bar ist oder nicht (wo­bei stets das Kind dazu her­hält, daß ihm al­les Mög­li­che in päd­ago­gi­scher Ab­sicht an­de­mons­triert wird).

Wie dem auch sei, be­reits an die­ser Stel­le läßt sich für un­se­re Ma­xi­me ver­bu­chen, daß sie als Pa­ra­dig­ma ei­ner Aus­sa­ge die­nen kann, die Re­zi­pro­zi­tät schlecht­hin aus­schließt (Re­zi­pro­zi­tät, nicht aber die Ver­pflich­tung sich zu re­van­chie­ren).

Jed­we­des Ur­teil über die in­fa­me Ord­nung, die un­se­re Ma­xi­me in­thro­ni­sie­ren wür­de, ist also in­dif­fe­rent, wenn es dar­um geht, die­ser den Cha­rak­ter ei­ner als all­ge­mein­gül­tig an­ge­nom­me­nen Re­gel zu­zu­ge­ste­hen oder zu be­strei­ten, seit die Mo­ral mit Kant als un­be­ding­te Pra­xis der Ver­nunft gilt.

Man wird ihr die­sen Cha­rak­ter schon aus dem ein­fa­chen Grun­de zu­er­ken­nen müs­sen, da ihre blo­ße Kund­ga­be (ihr Ke­ryg­ma) zu­gleich die Kraft hat, sie zu eta­blie­ren – die­se ra­di­ka­le Ab­wei­sung des Pa­tho­lo­gi­schen, jeg­li­cher Rück­sicht auf ein Gut, eine Lei­den­schaft und so­gar auf Mit­leid ist eben jene Ab­wei­sung, durch die Kant das Feld des mo­ra­li­schen Ge­set­zes be­freit –, und da die Form die­ses Ge­setz zu­gleich ihre ein­zi­ge Sub­stanz ist, so­fern sich der Wil­le ihr ver­pflich­tet, ein­zig in­dem er aus sei­nem Han­deln jed­we­den Be­stim­mungs­grund/raison aus­schließt, der nicht aus sei­ner Ma­xi­me sel­ber folgt.

Zwar sind uns die­se bei­den Im­pe­ra­ti­ve, zwi­schen de­nen sich die mo­ra­li­sche Er­fah­rung bis zum Zer­rei­ßen des Le­bens span­nen läßt, in der Form des Sa­de­schen Pa­ra­do­xons wie vom An­de­ren und nicht wie von uns selbst auf­er­legt.

In­des be­steht hier nur auf den ers­ten Blick eine Kluft, ver­fährt doch der mo­ra­li­sche Im­pe­ra­tiv auf la­ten­te Wei­se ge­nau­so, da sein Ge­bot als vom An­de­ren her an uns er­geht.

Hier zeigt sich, wie man sieht, ganz unver­hüllt, wor­auf die am Bei­spiel der Ver­wah­rungs­pflicht des De­po­si­tums of­fen­kun­di­ge Par­odie des All­ge­mei­nen oben erst hin­wei­sen soll­te, daß näm­lich die Bi­po­la­ri­tät, in der das Mo­ra­li­sche Ge­setz sich eta­bliert, nichts wei­ter ist als jene Spal­tung des Sub­jekts, wie sie sich je­des­mal, wenn der Si­gni­fi­kant sich ein­schal­tet, voll­zieht: insbeson­dere zwi­schen dem Sub­jekt des Aus­sa­gens und dem Sub­jekt der Aus­sage.

Das Mo­ra­li­sche Ge­setz hat kein an­de­res Prin­zip. Das gilt es noch [141] ein­mal zu ver­deut­li­chen, ohne je­ner Mys­ti­fi­ka­ti­on statt­zu­ge­ben, wie man sie an­hand des Gag «Es lebe Po­len» ver­spürt.

Ge­ra­de weil die Sa­de­sche Ma­xi­me aus dem Mun­de des An­de­ren er­geht, ist sie auf­rich­ti­ger, als wenn sie an die Stim­me im In­nern ap­pel­lie­ren wür­de, da sie die für ge­wöhn­lich un­ter­schla­ge­ne Spal­tung des Sub­jekts de­mas­kiert.

Das Sub­jekt des Aus­sa­gens löst sich hier eben­so deut­lich ab wie in (771) «Es lebe Po­len», wo sich nur ab­son­dert, was mit sei­ner Ma­ni­fes­ta­ti­on je­des Mal Hei­ter­keit/fun er­regt.

Man möge sich, um es so zu se­hen, nur die Dok­trin vor Au­gen hal­ten, auf die Sade selbst die Herr­schaft sei­nes Prin­zips grün­det. Es ist die Dok­trin der Men­schen­rech­te. Daß kein Mensch des an­de­ren Ei­gen­tum noch je­mals des­sen Apa­na­ge sein kön­ne, dür­fe er nicht zum Vor­wand neh­men, das Recht al­ler auf­zu­he­ben ihn, je­der nach sei­nem Be­lie­ben, zu ge­nie­ßen.7 Was ihm da­her an Zwang wi­der­fährt, ge­schieht nicht so sehr aus Ge­walt her­aus, son­dern eher in Kon­se­quenz des Prin­zips, be­steht doch die Schwie­rig­keit für den­je­ni­gen, der die­sen Zwang zum Richt­spruch macht, nicht so sehr dar­in, je­man­den zur Zu­stim­mung zu be­we­gen, als viel­mehr, die­sen Spruch an sei­nem Platz zu fäl­len.

Es ist also der An­de­re als frei, die Frei­heit des An­de­ren, die der Dis­kurs des Rechts auf Ge­nie­ßen als Sub­jekt sei­nes Aus­sa­gens ein­setzt, und zwar auf eine Wei­se, die sich nicht vom «Du bist»/Tu es8 un­ter­schei­det, wie sie aus dem mör­de­ri­schen Grun­de ei­nes je­den Im­pe­ra­tivs her­vor­geht.

Die­ser Dis­kurs ist je­doch nichts­des­to­we­ni­ger de­ter­mi­nie­rend für das Sub­jekt der Aus­sa­ge, in­dem er es bei je­der Adres­sie­rung aus sei­nem äqui­vo­ken In­halt her­vor­ruft: macht doch das Ge­nie­ßen, das in sei­ner Rede be­reits sich scham­los ein­be­kennt, sich zum Pol in ei­nem Paar, bei dem der an­dere sich in der Höh­lung be­fin­det, die es je­weils schon am Ort des An­deren bohrt, um dort das Kreuz der Sa­de­schen Er­fah­rung zu er­rich­ten.

 

Ehe wir nach de­ren Trieb­fe­der fra­gen, blie­be zu er­wäh­nen, daß der Schmerz, der hier sein Schmach­ver­spre­chen vor­zeich­net, sich nur mit ei­ner aus­drück­li­chen Er­wäh­nung trifft, die Kant un­ter den Kon­no­ta­tio­nen der mo­ra­li­schen Er­fah­rung macht. Was er für die Sa­de­sche Er­fah­rung be­deu–[142]tet, zeigt sich am ehes­ten, wenn man ihn in die Nähe des­sen rückt, wo­durch der Kunst­griff der Stoi­ker ent­waff­nend ist: die Ver­ach­tung.

Man stel­le sich eine Wie­der­auf­nah­me Epik­tets in der Sa­de­schen Er­fah­rung vor. «Siehst du, du hast es zerbro­chen», sagt er und zeigt auf sein Bein. Wird nicht das Ge­nie­ßen, her­ab­ge­wür­digt auf das Schmäh­li­che ei­ner sol­chen Wir­kung, an der ihr Er­stre­ben ins Strau­cheln ge­rät, in Ekel ver­wan­delt?

So zeigt sich, daß ge­ra­de im Ge­nie­ßen die Sa­de­sche Er­fah­rung sich mo­di­fi­ziert. Trach­tet sie doch nur da­nach, sich ei­nes Wil­lens zu be­mächtigen, so sie ihn schon durch­quert hat, um sich im In­tims­ten des Sub­jek­tes ein­zu­nis­ten, das sie über al­les Maß/au-delà pro­vo­ziert, um sein Schamgefühl/pu­deur zu er­rei­chen. (772)

Das Scham­ge­fühl näm­lich um­faßt die Ver­bin­dun­gen des We­sens in zwie­fa­cher Wei­se / am­bocep­ti­ve: bringt doch schon zwi­schen zwei­en al­lein die Scham­losigkeit des ei­nen es fer­tig, die Scham des An­de­ren zu ver­ge­wal­ti­gen. Auf die­sem Wege lie­ße sich nö­ti­gen­falls recht­fer­ti­gen, was wir zu­nächst von der Be­haup­tung des Sub­jekts am Platz des An­de­ren zu zei­gen such­ten.

Be­fra­gen wir es doch ein­mal nä­her, die­ses pre­kä­re Ge­nie­ßen in sei­ner Flüch­tig­keit, da es im An­dern an ein Echo ge­bun­den ist, wel­ches es, kaum daß es es her­vor­ge­ru­fen hat, schon wie­der zum Ver­stum­men bringt, in­dem es ihm das Un­er­träg­li­che zu­fügt. Scheint es sich nicht aus­schließ­lich aus sich selbst her­aus nach Art ei­ner zwei­ten, grau­en­haf­ten Frei­heit zu über­stei­gern?

Da­mit wird sich uns auch je­ner drit­te Ter­mi­nus ent­hül­len, der, nach dem, was Kant sagt, in der mo­ra­li­sche Er­fah­rung feh­len wür­de: das Ob­jekt näm­lich, das Kant, um es dem Wil­len zu­zu­si­chern in der Er­fül­lung des Ge­set­zes, ge­zwun­gen ist an das Un­denk­ba­re des Din­ges an sich zu­rück­zu­ver­wei­sen. Die­ses Ob­jekt, ha­ben wir es nicht di­rekt vor uns in der Sa­de­schen Er­fah­rung, aus sei­ner Un­zu­gäng­lich­keit her­ab­ge­stie­gen, ent­hüllt als Da­sein*, als der Agent / das Agens der Qual?

Nicht ohne daß er/es sich das Un­durch­dring­li­che des Tran­szen­den­ten be­wahrte. Die­ses Ob­jekt näm­lich ist vom Sub­jekt auf merk­wür­di­ge Art ge­trennt. Braucht doch der He­rold der Ma­xi­me nichts wei­ter zu sein als der Punkt, von wo aus die­se er­geht. Wie etwa eine Stim­me im Ra­dio, die an den Durch­hal­teap­pell er­in­nert, dem auf Sa­des Auf­ruf hin die Fran­zo–[143]sen zu­ge­stimmt hät­ten, so­wie an die Ma­xi­me, die mit der Wiedererste­hung ih­rer Re­pu­blik für die­se zum or­ga­ni­schen Ge­setz ge­wor­den wäre.

Phä­no­me­ne der Stim­me wie die­se, zu­mal die der Psy­cho­se, ha­ben in der Tat die­sen Ob­jekt­cha­rak­ter, und die Psy­cho­ana­ly­se war in ih­ren Anfän­gen nahe dar­an, die Stim­me des Ge­wis­sens dar­auf zu be­zie­hen.

So wird denn er­sicht­lich, wie­so Kant mei­nen kann, die­ses Ob­jekt ent­zie­he sich jeg­li­cher Be­stim­mung im Rah­men der tran­szen­den­ta­len Äs­the­tik, ob­wohl es an ei­ner Aus­buch­tung des Schlei­ers der Erscheinun­gen im­mer wie­der er­kenn­bar wird, ist es doch we­der hei­mat­los noch zeit­los in der An­schau­ung, we­der ir­re­al in sei­nem Mo­dus noch wir­kungslos in sei­ner Rea­li­tät: Es ist so nicht nur, weil Kants Phä­no­me­no­lo­gie hier man­gel­haft ist, son­dern weil die Stim­me, selbst wenn sie ver­rückt ist, die Idee ei­nes Sub­jekts auf­drängt und weil das Ob­jekt des Ge­set­zes nicht auf eine Bös­ar­tig­keit des rea­len Got­tes muß schlie­ßen las­sen.

Zwei­fel­los hat das Chris­ten­tum die Men­schen dazu er­zo­gen, we­nig dar­auf zu ach­ten, wie es mit dem Ge­nie­ßen auf Sei­ten Got­tes steht. Dar­an geht auch Kants Vol­un­ta­ris­mus des Ge­set­zes um des Ge­set­zes wil­len acht­los vor­über, der da­mit, wie man wohl sa­gen darf, die stoi­sche Er­fah­rung an Atara­xie noch über­bie­tet. Kant, könn­te man den­ken, steht hier un­ter dem Zwang von et­was, (773) was er, all­zu nahe, wenn auch nicht von Sade, so doch von je­nem Mys­ti­ker in sich ver­nimmt, im Seuf­zer, mit dem er­stickt wird, was er dar­über hin­aus noch flüch­tig er­blick­te, als er sei­nen Gott ohne Ge­sicht sah: Grim­mig­keit?* Sade sagt: Höchs­tes We­sen in Bos­haf­tig­keit.

 

Aber pah! Schwär­me­rei­en*, schwar­ze Schwärme/es­saims hin­weg! Kom­men wir lie­ber auf die Funk­ti­on der Prä­senz im Sa­de­schen Phan­tas­ma zu­rück.

Dies Phan­tas­ma hat eine Struk­tur, von der spä­ter noch die Rede sein wird; in ihr bil­det das Ob­jekt nur ei­nen der Ter­me, wor­in sei­ne phan­tas­ma­ti­sche Su­che ih­ren Still­stand fin­den kann. Ver­stei­nert sich das Ge­nie­ßen in ihm, wird es zum schwar­zen Fe­tisch, wor­in die Form, wie sie sich an be­stimm­tem Ort und Zeit­punkt dar­reich­te, sich auch heut­zu­ta­ge noch wie­der­erkennt, auf daß man den Gott in ihm be­wun­de­re.

Eben dies wi­der­fährt dem Hen­ker in der Sa­de­schen Er­fah­rung, wenn sei­ne Prä­senz letzt­lich nur noch dar­in be­steht, das In­stru­ment zu sein. [144]

Wenn in­des­sen sein Ge­nie­ßen dar­in auch er­star­ren mag, ent­geht es doch nicht der Er­nied­ri­gung in ei­nem Akt, den er nicht um­hin kann, als ein Ge­schöpf von Fleisch zu voll­zie­hen, bis ins Mark hin­ein Knecht der Lust.

Eine Ver­dopp­lung, die die Spal­tung, die sich im An­de­ren der bei­den Al­te­ri­tä­ten des Sub­jekts voll­zo­gen hat, we­der spie­gelt noch ihr re­zi­prok ist (war­um soll­te sie sie nicht «ver­ge­gen­sei­ti­gen»?).

Das Be­geh­ren, das der Handlanger/sup­pôt die­ser Spal­tung des Sub­jekts ist, wür­de sich zwei­fel­los da­mit zu­frie­den­ge­ben, Wil­le zum Ge­nie­ßen zu hei­ßen. Nur mach­te die­ser Name es des Wil­lens, den es im An­de­ren hervorruft/in­vo­que, nicht wür­di­ger, in­dem er es bis zum Ex­trem der Tei­lung von sei­nem Pa­thos lockt; um dies näm­lich zu tun, geht es ge­schla­gen, der Ohn­macht nahe, da­von.

Denn das Be­geh­ren star­tet der Lust un­ter­wor­fen, de­ren Ge­setz es dazu be­stimmt, sich in sei­ner Ab­sicht in zu en­gem Ra­di­us dre­hen zu las­sen. Ho­möo­sta­se, die sich im­mer wie­der nur all­zu­schnell an der tiefs­ten Schwel­le der Span­nung wie­der­fin­det, an der das Leben­dige da­hin­ve­ge­tiert. Ewig ver­früht, der Nie­der­schlag des Flü­gels, kraft des­sen es die Re­pro­duk­ti­on sei­ner Form zu si­gnie­ren ver­mag. Ein Flü­gel gleich­wohl, der sich hier zu er­he­ben hat, um die Ver­bin­dung des Se­xus mit dem Tode zu ver­bild­li­chen. Las­sen wir ihn ru­hen un­ter ei­nem eleu­si­ni­schen Schlei­er.

Die Lust also, dort un­ten noch in ih­rem Wett­streit mit dem Wil­len ein An­sporn, ist hier nur mehr ein wan­ken­der Kom­pli­ze. Selbst in der Zeit des Ge­nie­ßens wäre sie ganz ein­fach aus dem Spiel, grif­fe nicht das Phan­tas­ma ein, um sie durch eben je­nen Zwist zu er­hal­ten, in dem sie un­ter­liegt.

An­ders ge­sagt macht das Phan­tas­ma die ei­gent­li­che Lust (774) des Be­geh­rens aus. Noch ein­mal sei da­her un­ter­stri­chen, daß Be­geh­ren nicht gleich Sub­jekt ist, da es nie­mals durch ei­nen Si­gni­fi­kan­ten des An­spruchs, was im­mer die­ser auch sei, kann be­zeich­net wer­den, da es dar­in nicht artiku­lierbar ist, wenn es auch in ihm ar­ti­ku­liert ist.

Das Er­grei­fen der Lust im Phan­tas­ma läßt sich hier mit Leich­tig­keit er­fas­sen.

Wie die phy­sio­lo­gi­sche Er­fah­rung zeigt, durch­läuft der Schmerz ei­nen in je­der Hin­sicht län­ge­ren Zy­klus als die Lust, da der Reiz ihn erst in dem Punkt er­regt, wo die Lust en­det. Wie lan­ge er frei­lich auch dau­ern mag, hat er doch wie die Lust sei­nen End­punkt: das Schwinden/ l’évanuissement des [145] Sub­jekts.

Die­se vi­ta­le Vor­aus­set­zung aber macht sich das Phan­tas­ma zu­nut­ze, um an der emp­find­lichs­ten Stel­le der Sa­de­schen Er­fah­rung das Be­geh­ren zu fi­xie­ren, das in ih­rem Agen­ten er­scheint.

 

De­fi­nie­ren läßt sich das Phan­tas­ma in der all­ge­meins­ten Form ei­ner Al­ge­bra, die wir ei­gens zu die­sem Zweck ent­wor­fen ha­ben, d. h. die For­mel ($ ◊ a), wor­in das Punz­zei­chen ◊ als «Be­geh­ren der/des» zu le­sen ist, eine For­mel, die man eben­so­gut auch von hin­ten nach vorn le­sen kann, und zwar mit der Ein­füh­rung ei­ner Iden­ti­tät, die auf ab­so­lu­ter Nicht-Re­zi­pro­zi­tät be­ruht. (Eine Re­la­ti­on, die in ih­rem Um­fang den For­ma­tio­nen des Sub­jekts ent­spricht.)

Wie es da­mit auch be­stellt sein mag, im vor­lie­gen­den Fall je­den­falls läßt sich die­se Form be­son­ders leicht ver­le­ben­di­gen. Sie ver­bin­det näm­lich dar­in die Lust, wel­cher ein In­stru­ment (Ob­jekt a der For­mel) substi­tuiert wur­de, mit der Art Spal­tung, die vom Sub­jekt ge­tra­gen wird, wie die Er­fah­rung sie an­ord­net.

Dies ist mög­lich nur des­halb, weil ihr sicht­ba­rer Agent in der Star­re des Ob­jekts ver­stei­nert, und zwar mit dem Ziel, daß sei­ne Sub­jekt­spal­tung vom An­de­ren her im vol­len Um­fang auf ihn zu­rück­schnellt.

Aus­ge­hend vom Un­be­wuß­ten ist in der Kon­struk­ti­on ei­ner sub­jek­ti­ven An­ord­nung stets eine vier­tei­li­ge Struk­tur er­for­der­lich. Dem ent­spre­chen un­se­re di­dak­ti­schen Sche­ma­ta.

Mo­du­lie­ren wir da­her noch ein­mal das Sa­de­sche Phan­tas­ma ge­mäß die­ser Sche­ma­ta:

Schema des sadistischen BegehrensV: Wil­le (zum Genuß)
[vo­lon­té (de jouis­sance)]
d: Be­geh­ren (dé­sir)

 

 

Sche­ma 1

(775) Die un­te­re Li­nie ent­spricht dem Auf­bau des Phan­tas­mas, in­so­weit auf ihm die Uto­pie des Be­geh­rens be­ruht.

In der ge­schlän­gel­ten Li­nie ist die Ket­te ver­zeich­net, durch die ein Sub­jekt­kal­kül mög­lich wird. Die­se Li­nie ist ori­en­tiert und ihre Ori­en­tie­rung kon­sti­tu­iert eine Ord­nung, in der sich die Er­schei­nung des Ob­jek­tes a am Platz der Ursache/cau­se aus der All­ge­mein­heit ih­rer Be­zie­hung zur Ka­te­go­rie der Kau­sa­li­tät er­hellt, die, um die Schwel­le der tran­szen­den­ta­len De­duk­ti­on Kants auf­zu­spren­gen, auf dem Pflock des Un­rei­nen eine neue Kri­tik der Ver­nunft be­grün­den wür­de. [146]

Bleibt noch das V9, das an sei­ner her­vor­ra­gen­den Stel­le die Vor­herr­schaft des Wil­lens in die­ser gan­zen Sa­che ge­bie­te­risch scheint zur Gel­tung zu brin­gen, des­sen Form je­doch zu­gleich an die Ver­ei­ni­gung des­sen den­ken lässt, was es spal­tet, in­dem es dies in ei­nem vel zu­sam­men­hält, d.h. in­dem es das zu wäh­len gibt, was aus S, dem ro­hen Sub­jekt der Lust (dem «pa­tho­lo­gi­schen» Sub­jekt) das bar­rier­te $ der prak­ti­schen Ver­nunft ma­chen wird.

Kants Wil­le also be­fin­det sich an der Stel­le je­nes Wil­lens, der nur Wil­le zum Ge­nie­ßen ge­nannt wer­den kann, um da­mit zu ver­deut­li­chen, daß es das wie­der­her­ge­stell­te Sub­jekt der Ent­frem­dung ist – um den Preis, nur noch In­stru­ment des Ge­nie­ßens zu sein. Da­mit muß Kant, «mit Sade» be­fragt, wo­bei Sade für un­se­ren Ge­dan­ken wie zu­gleich in sei­nem Sa­dis­mus die Rol­le des In­stru­ments spielt, ein­be­ken­nen, was sich auf den Nen­ner je­ner Fra­ge «Was will er?» brin­gen lie­ße, die ja wohl nie­man­dem fremd ist.

Man soll­te sich doch die­ses Gra­phen in sei­ner Kurz-Form be­die­nen, um sich im Wald des Phan­tas­mas zu­recht­zu­fin­den, das Sade in sei­nem Werk in ei­nem Art von Sys­tem ent­wickelt.

Wie man se­hen wird, gibt es eine Sta­tik des Phan­tas­mas, wo­nach der in $ an­ge­nom­me­ne Punkt der Apha­ni­sis in der Ima­gi­na­ti­on end­los hinaus­geschoben wer­den muß. Von da­her die schier un­glaub­li­che Überlebens­kraft, mit der Sade die Op­fer be­gabt, an de­nen er in sei­nen Fa­beln die Miß­hand­lun­gen und Tor­tu­ren ver­übt. Der Au­gen­blick ih­res To­des scheint ein­zig durch das Be­dürf­nis mo­ti­viert, sie in­ner­halb ei­ner Kom­bi­na­to­rik zu er­set­zen, um de­rent­wil­len al­lein es meh­re­rer be­darf. Ein­zig (Jus­ti­ne) oder in der Mehr­zahl vor­han­den, eig­net dem Op­fer die Mo­no­to­nie der Be­zie­hung des Sub­jekts zum Si­gni­fi­kan­ten, in der die­se, un­se­rem Gra­phen zu­fol­ge, be­steht. In­dem sie das Ob­jekt a des Phan­tas­mas ist und sich im Rea­len an­sie­delt, kann die Trup­pe der Pei­ni­ger (s. Ju­li­et­te) mehr Va­ria­ti­on ha­ben.

Eine an­de­re Be­wandt­nis hat es mit der For­de­rung, das Ge­sicht der Op­fer müs­se stets von un­ver­gleich­li­cher (und im üb­ri­gen, s.o., unver­wüstli­cher) Schön­heit sein. Und die­ses Pro­blem er­le­digt sich nicht durch ein paar has­tig zu­sam­men­ge­klaub­te All­ge­mein­plät­ze über den se­xu­el­len [147] Reiz. Eher zeigt sich dar­in die Gri­mas­se von et­was, was wir schon in (776) der Tra­gö­die an­hand der Funk­ti­on der Schön­heit auf­zeig­ten: die äu­ßers­te Schran­ke, um den Zu­tritt zu ei­nem Be­zirk fun­da­men­ta­len Schre­ckens zu un­ter­sa­gen, man den­ke nur an die An­ti­go­ne des So­pho­kles und den Au­gen­blick, in dem dort der Ερως ἀνίκατε μάχαν aus­bricht.10

Die­ser Ex­kurs aber wäre hier fehl am Plat­ze, führ­te er uns nicht zu ei­nem Phä­no­men, das man als die Dis­kor­danz der zwei Tode be­zeich­nen könn­te, die sich aus der Exis­tenz der Ver­ur­tei­lung er­gibt. Das Zwi­schen-zwei-To­den im Dies­seits ist we­sent­lich, da es uns er­ken­nen läßt, daß auf nichts an­de­rem das Jen­seits be­ruht.

Das zeigt sich deut­lich an der Pa­ra­do­xie in Sa­des Ein­stel­lung zur Höl­le. Die Idee der Höl­le, die er wohl hun­dert­mal als Mit­tel der Un­ter­wer­fung un­ter die re­li­giö­se Ty­ran­nei schmäht, kehrt näm­lich auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se in den Ges­ten ei­nes sei­ner Hel­den wie­der, ob­wohl die­ser ein begei­sterter Ver­fech­ter des Sub­ver­si­ven, der Li­ber­ti­na­ge in ih­rer vernunft­gerechten Form, wir mei­nen den greu­li­chen Saint-Fond.11 Die Prakti­ken, mit­tels de­ren er näm­lich sei­nen Op­fern ihre To­des­pein auf­er­legt, be­ru­hen auf dem Glau­ben, er ver­möch­te da­mit für sie im Jen­seits die ewi­ge Qual zu er­wir­ken. Durch ein Ver­hal­ten, das die­se Fi­gur dem Blick ih­rer Kom­pli­cen ver­hehlt und durch die For­de­rung/créance, die sie in Verlegenheit/em­barras ist, nä­her zu er­klä­ren, wird die Au­then­ti­zi­tät hier nur un­ter­stri­chen. Und ein paar Sei­ten wei­ter er­blickt man sie bei dem Ver­such, die­ses Ver­hal­ten ein we­nig glaub­wür­di­ger zu ma­chen, in­dem sie vom My­thos ei­ner At­trak­ti­on re­det, die dazu ten­die­re, die «Par­ti­kel des Bö­sen» zu ver­sam­meln.

Die­se In­ko­hä­renz bei Sade, der die Sa­dis­ten, auch ihrer­seits ein we­nig ha­gio­gra­phisch, zu we­nig Auf­merk­sam­keit schen­ken, wür­de kla­rer, höbe man den in Sa­des Schrif­ten aus­drück­lich erwähn­ten Ter­mi­nus des zwei­ten To­des her­vor. Des­sen Ge­wiß­heit aber, auf die Sade ge­gen die schreck­li­che Rou­ti­ne der Na­tur (die, wie es an an­derer Stel­le heißt, durch das Ver­bre­chen durch­kreuzt wer­den soll) sei­ne Er­war­tung setzt, mach­te es er­for­der­lich, bis zu ei­ner Gren­ze vor­zu­sto­ßen, an der das Schwinden/l’évanuissement des Sub­jekts dop­pelt ge­schieht: wo­mit Sade als Wunsch sym­bo­li­siert, daß die aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Be­stand­tei­le un­se­res Kör­pers, da­mit sie sich nicht wie­der aufs neue ver­bin­den, ih­rer­seits end­gül­tig ver­nich­tet wer­den. [148]

 

Wenn Freud in­des­sen die Dy­na­mik die­ses Wun­sches12 in be­stimm­ten Fäl­len sei­ner Pra­xis an­er­kennt, wo­bei er des­sen Funk­ti­on sehr klar, viel­leicht all­zu klar auf eine Ana­lo­gie zum (777) Lust­prin­zip re­du­ziert, in­dem er es ei­nem «To­des­trieb» (To­des-An­spruch) zu­ord­net, wird die­sem ge­ra­de nicht zu­stim­men kön­nen, wer selbst in der Tech­nik, die er Freud ver­dankt, wie in sei­nen Vor­le­sun­gen nur hat ler­nen kön­nen, die Spra­che habe kei­ne an­de­ren Wir­kun­gen als die der Nütz­lich­keit oder höchs­tens der Pa­ra­de. Ihm frei­lich er­weist sich Freud nütz­lich auf Kon­gres­sen.

Nun sind zwei­fel­los in den Au­gen solch blas­ser Epi­go­nen die Mil­lio­nen von Men­schen, für die der Schmerz zu exis­tie­ren die ers­te Evi­denz für die Prak­ti­ken des Heils ist, die sie auf ih­rem Glau­ben an Bud­dha be­grün­den, un­ter­ent­wi­ckelt. Ja, es mag ih­nen so­gar wie etwa Bu­loz, dem Lei­ter der Re­vue des Deux Mon­des, der es Ren­an13 ganz un­ver­blümt zu ver­ste­hen gab, als er, wie Bur­nouf be­rich­tet, ir­gend­wann in den fünf­zi­ger Jah­ren (des vo­ri­gen Jahr­hun­derts) des­sen Ar­ti­kel über den Bud­dhis­mus zu­rück­wies, «un­mög­lich» er­schei­nen, «daß es so dum­me Leu­te gibt».

Soll­ten sie denn nicht, wenn sie sich ein­bil­den, ein fei­ne­res Ohr zu ha­ben als die an­de­ren Psych­ia­ter, je ver­nom­men ha­ben, wie die­ser Schmerz im Rein­zu­stand das Kla­ge­lied man­cher Kran­ker mo­del­liert, die man Me­lan­cho­li­ker nennt?

Oder ei­nen die­ser Träu­me fest­ge­hal­ten ha­ben, der den Träu­mer ver­stört zu­rück­lässt, weil er in dem Zu­stand, in dem er das Ge­fühl ei­ner un­ver­sieg­ba­ren Wie­der­ge­burt er­leb­te, den Grund des Schmer­zes zu exis­tie­ren be­rührt hat­te?

Oder soll­ten wir ih­nen, um die­se Höl­len­qua­len, die man sich nie­mals jen­seits des­sen aus­ma­len konn­te, wo­mit die Men­schen hier auf Er­den den ge­wöhn­li­chen Un­ter­halt be­strei­ten, wie­der ge­büh­rend zur Gel­tung zu brin­gen, in­stän­dig vor Au­gen hal­ten, ein­mal zu be­den­ken, wie sich un­ser täg­li­ches Le­ben als ewi­ges Da­sein aus­nimmt?

Nichts, nicht ein­mal die Ver­zweif­lung, be­rech­tigt zu Hoff­nung ge­gen eine letz­ten En­des so­zio­lo­gi­sche Dumm­heit, die hier nur er­wähnt sei, da­mit man drau­ßen nicht über­trie­be­ne Er­war­tun­gen be­züg­lich Sade an Krei­se knüp­fe, in de­nen man eine ge­si­cher­te­re Er­fah­rung der For­men des Sa­dis­mus hat.

Das gilt vor al­lem für das, was sich breit macht aus­ge­hend von der Äqui­vo­ka­ti­on be­züg­lich je­ner Um­kehr­be­zie­hung, die den Sa­dis­mus an eine Idee des Ma­so­chis­mus bin­den wür­de, [149] von der man sich drau­ßen nur schwer­lich vor­zu­stel­len ver­mag, was für ein Durch­ein­an­der sich auf ihr auf­baut. Tref­fen­der dürf­te es wohl sein, wenn man da die Poin­te je­nes be­kann­ten Ge­schicht­chens über die Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen wie­der­erkennt: be­kanntlich die De­fi­ni­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus. Und der So­zia­lis­mus demzu­folge? Nun, das Ge­gen­teil.

So un­frei­wil­lig die­ser Hu­mor auch ist, ist dies doch der Ton, in dem eine be­stimm­te Ver­si­on von Psy­cho­ana­ly­se sich ver­brei­tet. Und er ver­mag zu fas­zi­nie­ren, weil man ihn gar nicht erst be­merkt.

Es sind in­des­sen Dok­tri­nä­re, die sich um eine ge­pfleg­te­re Toi­let­te (778) be­mü­hen. Man geht zum gu­ten exis­ten­tia­lis­ti­schen Aufschneider/fai­seur, oder ein we­nig schlich­ter zum per­so­na­lis­ti­schen re­ady-made. Der Sa­dist, so heißt es hier etwa, «ne­gie­re die Exis­tenz des An­dern». Eben dies brach­te zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen un­se­rer Ana­ly­se her­vor.

Soll­te es sich in­des­sen ihr fol­gend nicht eher so ver­hal­ten, daß der Sa­dis­mus den Schmerz zu exis­tie­ren in den An­de­ren abweist/re­jet­te, nur daß ihm dar­über ent­geht, daß er sich auf die­se Wei­se sei­ner­seits in ein «ewi­ges Ob­jekt» ver­wan­delt, so­fern uns denn Mr. Whitehead den Ge­brauch die­ses Ter­mi­nus ge­stat­tet?

War­um aber soll­te er nicht Ge­mein­gut für uns sein? Ist es nicht ge­nau dies, Er­lö­sung, Un­sterb­lich­keit der See­le, das Sta­tut des Chris­ten? Aber nicht zu has­tig, sonst wa­gen auch wir uns zu weit vor.

Hal­ten wir lie­ber im Auge, daß Sade von sei­nem Phan­tas­ma nicht getäuscht/dupé ist, in dem Maße, wie näm­lich die Stren­ge sei­nes Den­kens ein­geht in die Lo­gik sei­nes Le­bens.

 

Wir möch­ten un­se­ren Le­sern da­her an die­ser Stel­le eine Auf­ga­be vor­schla­gen.

Die De­le­ga­ti­on des Rechts auf Ge­nie­ßen an alle, die Sade in sei­ner Re­pu­blik voll­zieht, über­setzt sich in un­se­rem Gra­phen durch kei­ner­lei Um­keh­rung der Sym­me­trie auf der Ach­se oder im Mit­tel­punkt, son­dern al­lein durch eine Vier­tel­dre­hung auf dem Kreis­bo­gen, also:

Schema des masochistischen BegehrensSche­ma 2 [150]

Da­mit kann V, dem Wil­len zum Ge­nie­ßen, nicht län­ger be­strit­ten wer­den, daß er sich in mo­ra­li­schen Zwang ver­wan­delt, wie ihn die Pré­si­den­te de Mon­treuil er­bar­mungs­los über das Sub­jekt aus­übt, des­sen Spal­tung sich, wie man sieht, nicht in ei­nem ein­zi­gen Leib ver­ei­nen muß.

(Be­mer­kens­wer­ter­wei­se be­sie­gelt erst der Ers­te Kon­sul die­se Spal­tung als ad­mi­nis­tra­tiv be­stä­tig­te Geis­tes­krank­heit.)14

Die­se Spal­tung ver­eint sich hier in S, dem ro­hen Sub­jekt, das den He­ro­is­mus (779) ver­kör­pert, der dem Pa­tho­lo­gi­schen ei­gen ist, wie er sich in der Art von Treue zu Sade äu­ßer­te, die von de­nen be­zeugt wur­de, die sich sei­nen Ex­zes­sen zu­nächst aus­setz­ten: sei­ne Frau, sei­ne Schwä­ge­rin – sein Die­ner, war­um nicht? – und an­de­re aus sei­ner Ge­schich­te ge­lösch­te Er­ge­ben­hei­ten.

Was schließ­lich Sade selbst, das schräg­ge­stri­che­ne $, an­geht, zeigt sich, daß er erst, nach­dem die Din­ge zu ih­rem Ab­schluß ge­fun­den ha­ben, ih­nen im Verschwinden/dis­pa­ri­ti­on als Sub­jekt sei­nen Stem­pel auf­drückt. Sade ist aus der Welt ge­gan­gen, ohne auch nur das Ge­rings­te, und das ist un­glaublich ge­nug, we­ni­ger noch als Shake­speare, von sei­nem Bil­de hin­terlassen zu ha­ben, nach­dem er in sei­nem Tes­ta­ment ver­fügt hat­te, ein un­durch­dring­li­ches Busch­werk sol­le bis hin zum Schrift­zug auf dem Stein den Na­men ver­de­cken, der sein Schick­sal be­sie­gel­te.

Μὴ φῦναι15, daß man nicht ge­bo­ren wäre, sein Fluch, un­hei­li­ger als der des Ödi­pus, trägt ihn nicht em­por zu den Göt­tern, son­dern ver­ewigt sich:

(a)16 in dem Werk, auf das mit er­le­di­gen­der Hand­ge­bär­de Ju­les Ja­nin weist, wie es sich un­ver­sink­bar über Was­ser hält, in­dem er es zu­gleich von den Bü­chern grü­ßen läßt, die, glaub­te man ihm, wie der hei­li­ge Jo­han­nes Chrys­os­to­mos oder die Pen­sées es in je­der ehr­wür­di­gen Biblio­thek ver­de­cken.

Ein lang­wei­li­ges Werk, wie das Sa­des, hört man Euch, ja, Ihr Her­ren Jus­tiz- und Uni­ver­si­täts­rä­te, wie Jahr­markts­die­be mit­ein­an­der tu­scheln, nur ver­mag es im­mer noch bei­de von Euch, dem ei­nen durch den an­de­ren, den ei­nen und den an­de­ren, den ei­nen im an­de­ren auf­zu­stö­ren.17

Denn ein Phan­tas­ma ist in der Tat stö­rend, da man nicht weiß, wo [151] man es ein­ord­nen soll, weil es, ganz und gar Phan­tas­ma, nur im Dis­kurs wirk­lich, ein­fach so da ist und kei­ne An­sprü­che an Eure Fä­hig­kei­ten stellt, Euch hin­ge­gen zumutet/de­man­de, daß Ihr Euch mit Eu­ren Be­geh­ren ins Be­neh­men setzt / mett­re en règ­le.

 

Wol­le der Le­ser sich nun­mehr ach­tungs­voll je­nen ex­em­pla­ri­schen Figu­ren nä­hern, die nach ei­nem Jahr­markts­ri­tus im Sa­de­schen Bou­doir ihre Ver­bin­dun­gen ein­ge­hen und lö­sen. «Die Stel­lung wird ge­löst!»

Ze­re­mo­ni­el­le Pau­se, wei­he­vol­le Skan­die­rung. (780)

Ge­le­gen­heit, dar­in die Ob­jek­te des Ge­set­zes zu be­grü­ßen, die Euch un­be­kannt blei­ben wer­den, da Ihr un­fä­hig seid, Euch in den Be­geh­ren wie­der­zu­er­ken­nen, de­ren Ur­sa­che sie sind.

Gut ist’s, barm­her­zig zu sein
Fragt sich nur,
mit wem? Eben das ist der Punkt.

Ein ge­wis­ser Mon­sieur Ver­doux löst das Pro­blem tag­täg­lich, in­dem er Frau­en in den Ofen steckt, bis er sei­ner­seits auf dem elek­tri­schen Stuhl lan­det. Die Sei­ni­gen, mein­te er, wünsch­ten an­ge­nehm zu le­ben. Er­leuch­te­ter als er, bot Bud­dha sich den­je­ni­gen zum Fra­ße, die den Weg nicht kann­ten. Trotz solch au­ßer­or­dent­li­cher Gön­ner­haf­tig­keit, die mög­li­cher­wei­se nur aus ei­nem Miß­ver­ständ­nis re­sul­tiert (ist es doch kei­nes­wegs si­cher, ob die Ti­ge­rin Bud­dha als Fraß über­haupt mag), liegt auch der Selbst­ver­leug­nung von Mon­sieur Ver­doux ein Irr­tum zu­grunde, der sich mit ei­nem nicht ein­mal teu­ren Quent­chen Kri­tik hät­te ver­mei­den las­sen. Nie­mand zwei­felt dar­an, daß die Pra­xis der Ver­nunft öko­no­mi­scher und gleich­zei­tig le­ga­ler ge­we­sen wäre, hät­te er den Sei­ni­gen die Lat­te ein we­nig hö­her ge­legt / les si­ens eus­sent-ils dû la sau­ter un peut.

Aber wozu“, mag man sich fra­gen, „all die­se Me­ta­phern und was soll’s …“

Die­se Mo­le­kü­le, mons­trös in der Art wie sie sich hier zu funkelndem/spin­thrien­ne Ge­nie­ßen zu­sam­men­set­zen, las­sen uns plötz­lich in­ne­wer­den, daß es ih­rer im Le­ben noch an­de­re, ge­wöhn­li­che­re gibt, de­ren Zwei­deu­tig­kei­ten wir uns so­eben vor Au­gen führ­ten. Plötz­lich sind sie es, die uns achtungs­würdiger er­schei­nen als jene, weil näm­lich rei­ner in ih­ren Va­len­zen.

Be­geh­ren [pl.] …, hier al­lein, um sie mit­ein­an­der zu ver­bin­den, in all ih­rer Überdrehtheit/ex­al­tés, da­mit ma­ni­fest wer­de, daß das Be­geh­ren das Be­geh­ren des An­de­ren ist.

Wer uns bis hier­her ge­le­sen hat, weiß, daß sich das Be­geh­ren ge­nau­er auf ein Phan­tas­ma [152] stützt, das ei­nen Fuß zu­min­dest im An­de­ren hat, ge­ra­de den, auf den es an­kommt, auch wenn er, ja vor al­lem, wenn er hinkt.

Das Ob­jekt, wir ha­ben es an­hand der Freud­schen Er­fah­rung ge­zeigt, das Ob­jekt des Be­geh­rens, wo es sich nackt dar­bie­tet, ist nur die Schla­cke ei­nes Phan­tas­mas, wor­in das Sub­jekt aus sei­ner Ohnmacht/syn­cope nicht wie­der zu sich kommt. Es ist ein Fall von Ne­kro­phi­lie.

Es schwankt im ge­ne­rel­len kom­ple­men­tär zum Sub­jekt. Ge­ra­de da­mit er­weist es sich als eben­so un­faß­bar wie der Gegenstand/l’objet des Ge­set­zes nach Kant. Nun­mehr aber mag der Ver­dacht hervortre­ten, wie er sich durch die­se An­nä­he­rung auf­drängt. Soll­te das mora­lische Ge­setz nicht das Be­geh­ren in dem Fal­le re­prä­sen­tie­ren, wo nicht das Sub­jekt, son­dern das Ob­jekt es ist, das Fehl macht? (781)

Scheint nicht das Sub­jekt, das hier al­lein ge­gen­wär­tig zu blei­ben hat, un­ter der Form ei­ner Stim­me, von in­nen, ohne dass Schwanz oder Kopf hät­te, was sie zu­meist sagt, sich hin­läng­lich durch die Bar­re zu be­zeich­nen, durch die der Si­gni­fi­kant es bas­tar­diert $, aus dem Phan­tas­ma ($ ◊ a) her­aus­ge­fal­len, von ihm ab­ge­drif­tet18 im dop­pel­ten Wort­sinn?

Wenn die­ses Sym­bol sei­nen Platz dem in­ne­ren Ge­bot über­lässt, wor­über Kant sich ent­zückt zeigt, öff­net es uns die Au­gen für eine Be­geg­nung, die, vom Ge­setz zum Be­geh­ren, für eins wie das an­de­re, viel wei­ter geht als nur bis zum Raub ih­res Ob­jekts.

Es ist die­se Be­geg­nung, in der die Zwei­deu­tig­keit des Wor­tes Frei­heit ih­ren Platz hat: wo­bei uns der Mo­ra­list, der sie in Be­schlag neh­men möch­te, im­mer eher scham- als ge­dan­ken­los er­scheint.

Hö­ren wir denn lie­ber, wie Kant sie selbst ein wei­te­res Mal exemplifi­ziert.19 «Set­zet», schreibt er, «daß je­mand von sei­ner wol­lüs­ti­gen Nei­gung vor­gibt, sie sei, wenn ihm der be­lieb­te Ge­gen­stand und die Ge­le­gen­heit dazu vor­kä­men, für ihn ganz un­wi­der­steh­lich, ob, wenn ein Gal­gen vor dem Hau­se, da er die­se Ge­le­gen­heit trifft, auf­ge­richtet wäre, um ihn so­gleich nach ge­nos­se­ner Wol­lust dar­an zu knüp­fen, er als­dann nicht sei­ne Nei­gung be­zwin­gen wür­de? Man darf nicht lan­ge ra­ten, was er ant­wor­ten wür­de. Fragt ihn aber, ob, wenn sein Fürst ihm un­ter An­dro­hung der­sel­ben un­ver­zö­ger­ten To­des­stra­fe zu­mu­te­te, ein [153] fal­sches Zeug­nis wi­der ei­nen ehr­li­chen Mann, den er ger­ne un­ter schein­ba­ren Vor­wän­den ver­der­ben möch­te, ab­zu­le­gen, ob er da, so groß auch sei­ne Lie­be zum Le­ben wohl sein mag, sie wohl zu überwin­den für mög­lich hal­te? Ob er es tun wür­de oder nicht, wird er viel­leicht sich nicht ge­trau­en zu ver­si­chern; daß es ihm aber mög­lich sei, muß er ohne Be­den­ken ein­räu­men. Er ur­teilt also, daß er et­was kann, dar­um weil er sich be­wußt ist, daß er es soll, und er­kennt in sich die Frei­heit, die ihm sonst ohne das mo­ra­li­sche Ge­setz un­be­kannt ge­blie­ben wäre.»

Die ers­te Ant­wort, die hier ei­nem Sub­jekt un­ter­stellt wird, von dem man uns zu­nächst un­ter­rich­tet, dass sich bei ihm vie­les  in Form von Wor­ten ab­spielt, lässt uns den­ken, daß man uns de­ren  Wort­laut vor­ent­hält, wäh­rend doch al­les da ist. Um sie zu re­di­gie­ren, wür­de man sich da­her lie­ber an eine Fi­gur hal­ten, bei der wir auf je­den Fall Ge­fahr lie­fen, die Schamhaftigkeit/ver­go­gne zu ver­let­zen, möch­te sie doch auf kei­nen Fall mit die­ser An­ge­le­gen­heit in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den. Denn es han­delt sich (782) um je­nen idea­len Bür­gers, vor dem, wie Kant an an­de­rer Stel­le er­klärt, und zwei­fel­los aus Op­po­si­ti­on zu Fon­tenel­le, dem all­zu galan­ten Hun­dert­jäh­ri­gen, «sein Geist sich bü­cken wür­de»20.

Wir wol­len Kants Strolch da­her da­von ent­bin­den, sei­ne Aus­sa­ge zu be­ei­den. Es wäre in­des­sen mög­lich, daß ein Ver­fech­ter der Leiden­schaft, blind ge­nug, in der Fra­ge eine Eh­ren­sa­che zu se­hen, Kant in Schwie­rig­kei­ten bräch­te, könn­te er ihn doch zu der Fest­stel­lung nöti­gen, daß be­stimm­te Leu­te durch nichts so si­cher dazu ge­bracht wer­den, sich auf ihr Ziel zu stür­zen, als wenn es sich dar­um han­delt, die Gering­schätzung, so­gar Ver­ach­tung des Gal­gens zu be­wei­sen.

Denn we­der ist der Gal­gen das Ge­setz noch kann er von die­sem beför­dert wer­den. Den Gal­gen be­för­dert im­mer die Po­li­zei, die, wie es nach He­gel heißt, wohl der Staat sein kann. Das Ge­setz aber ist, so­viel weiß man seit An­ti­go­ne, et­was an­de­res.

Dem wi­der­spricht Kant mit sei­nem Lehr­bei­spiel üb­ri­gens nicht: dem Gal­gen er­teilt er hier nur die Funk­ti­on, daß mit dem Sub­jekt zu­gleich sei­ne Lie­be zum Le­ben dar­an ge­knüpft wer­de.

Dazu aber kann das Be­geh­ren in der Ma­xi­me: Et non prop­ter vi­tam vi­ven­di per­de­re caus­as bei ei­nem mo­ra­li­schen We­sen wer­den, und ge­ra­de weil es mo­ra­lisch ist, in den Rang ei­nes ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tivs über­ge­hen, wenn es mit dem Rü­cken zur Wand steht. So­weit näm­lich wird sie hier ge­trie­ben. [154]

Das Be­geh­ren, das, was sich das Be­geh­ren nennt, ge­nügt,  dass das Le­ben nicht den Sinn habe, ei­nen Feig­ling her­vor­zu­brin­gen. Doch wenn das Ge­setz wirk­lich da ist, hält das Be­geh­ren nicht stand, aus dem ein­fa­chen Grun­de, daß das Ge­setz und das ver­dräng­te Be­geh­ren ein und das­sel­be sind; und ge­nau das war’s, was Freud ent­deck­te. Wir verbu­chen die­sen Punkt bei Halb­zeit für Sie, Pro­fes­sor.

 

Schrei­ben wir denn un­se­ren Er­folg dem Fuß­volk zu, der ei­gent­li­chen Kö­ni­gin im Schach­spiel. Bis­her näm­lich ha­ben wir we­der un­se­ren Sprin­ger [frz.: Ca­va­lier], mit dem wir eine leich­te Par­tie hät­ten, wäre es doch Sade, den wir hier für ge­eig­net hiel­ten, – noch un­se­ren Läu­fer [frz.: Fou/Narr], noch un­se­ren Turm, die Men­schen­rech­te, die Ge­dankenfreiheit, Dein-Kör­per-ge­hört-Dir, noch un­se­re Dame ins Spiel ge­bracht, eine Fi­gur, wie dazu ge­schaf­fen, die ho­hen Ta­ten der höfi­schen Lie­be zu be­zeich­nen.

Wir hät­ten auf die­se Wei­se für ein min­der ge­wis­ses Re­sul­tat all­zu vie­le Fi­gu­ren von ih­ren Plät­zen ver­scho­ben.

Denn wenn ich ar­gu­men­tier­te, Sade hät­te es für ein paar Tän­de­lei­en in Kennt­nis des Ri­si­kos / en con­nais­sance de cau­se (man ver­ge­gen­wär­ti­ge sich, was er in sei­nen er­laub­ten oder un­zu­läs­si­gen «Frei­gän­gen» (783) an­stell­te) auf sich ge­nom­men, für ein Drit­tel sei­nes Le­bens im Ker­ker zu lan­den, Tän­de­lei­en, die zwei­fels­oh­ne ein we­nig aufgetragen/ap­p­li­qués wa­ren, aber an­ge­sichts des Loh­nes um so de­mons­tra­ti­ver, so hand­le ich mir Pi­nel und sei­ne Pi­nel­le­rie ein, die nun aufkreuzt/rap­p­li­que. Mo­ra­li­sche Toll­heit, meint sie / opi­ne-t-elle. Je­den­falls der Auf­re­gung nicht wert. Da­mit ist es an der Zeit, Pi­nel die fäl­li­ge Re­ve­renz zu er­wei­sen, ver­dan­ken wir ihm doch ei­nen der edels­ten Schrit­te der Mensch­heit. – Drei­zehn Jah­re Cha­ren­ton für Sade sind je­den­falls die Wir­kung die­ses Schrit­tes. – Das aber war nicht Sa­des Platz. – Und das ist der sprin­gen­de Punkt. Denn eben je­ner Schritt führ­te ihn dort­hin. Die­ser Platz, dar­über ist al­les, was denkt, sich ei­nig, wäre an­ders­wo ge­we­sen. Nur ist es so: wäh­rend die gut Den­ken­den / qui pen­sent bien, den­ken, dass die­ser Platz drau­ßen sei, sa­hen ihn die Gut-Den­ker / les bien-pensants [frz. für: Kon­for­mis­ten], seit Roy­er-Col­lard, der dies sei­ner­zeit for­der­te, im Ker­ker oder so­gar auf dem Scha­fott. Und ge­ra­de dar­in er­weist sich Pi­nel als ein Mo­ment des Den­kens. Wohl oder übel, er steht für den Abschlag/abat­te­ment ein, den durch das Den­ken, auf der Rech­ten wie auf der Lin­ken, die Frei­hei­ten er­lei­den, die die Re­vo­lu­ti­on in sei­nem Na­men ver­kün­det hat­te.

Denn be­trach­tet man die Men­schen­rech­te un­ter dem Ge­sichts­punkt der Phi­lo­so­phie, zeigt sich als­bald, was in­zwi­schen je­der­mann über ihre [155] Wahr­heit weiß. Sie las­sen sich zu­rück­füh­ren auf die Frei­heit, ver­geb­lich zu be­geh­ren.

ʼS ist für die Katz, aber doch Ge­le­gen­heit, un­se­re ge­ra­de erst ent­sprun­ge­ne Frei­heit zu er­ken­nen und sich zu ver­ge­wis­sern, daß sie die Frei­heit ist, zu ster­ben.

Frei­lich auch ein An­laß, bei dem wir uns das Stirn­run­zeln de­rer zuzie­hen, die we­nig Nahr­haf­tes an ihr fin­den. Ih­rer gibt es heut­zu­ta­ge vie­le. Eine Neu­auf­la­ge des Kon­flikts zwi­schen Be­dürf­nis­sen und Be­geh­ren, aus dem wie durch Zu­fall das Ge­setz sich speist / vide l’écaille.

Für die Ent­geg­nung, die ge­gen Kants Lehr­bei­spiel an­zu­brin­gen ist, weist die hö­fi­sche Lie­be kei­nen we­nig ver­füh­re­ri­schen Weg, doch er er­for­dert es, ge­lehrt zu sein. Wer aber sei­ner Stel­lung nach zu den Ge­lehr­ten ge­hört, zieht sei­ner­seits wie­der­um die Ge­lehr­ten an, und die Ge­lehr­ten auf die­sem Ge­biet: das ist der Auf­tritt der Clowns.

Viel fehlt schon bei Kant nicht mehr, und er raub­te uns den Ernst, hat er doch (man lese nur nach, was er dar­über ge­le­gent­lich sagt) nicht den ge­rings­ten Sinn für Ko­mik.

Wenn in­des­sen je­man­dem die­ses Ge­spür fehlt, und zwar durch und durch, ist es, wie man schon merk­te, Sade. Und die­se Schwel­le könn­te ihm fa­tal wer­den, nur schreibt man kein Vor­wort, um je­man­den rein­zu­le­gen.

Kom­men wir denn zum zwei­ten Punkt von Kants Lehr­bei­spiel. Sei­ne Über­zeu­gungs­kraft (784) ist, ge­mes­sen an sei­ner Ab­sicht, nicht grö­ßer. Ge­setzt näm­lich, sein He­lo­te wäre auch nur ein klein we­nig schlag­fertig, wür­de man ihn fra­gen kön­nen, ob es zu­fäl­li­ger­wei­se sei­ne Auf­gabe sei, ein wah­res Zeug­nis zu lie­fern, für den Fall, daß dies das Mit­tel sei, mit dem der Ty­rann sein Ver­lan­gen be­frie­di­gen könn­te.

Soll­te er z. B. vor ei­nem Ge­richt, das, wie man es er­lebt hat, dar­an An­stoß nimmt, sa­gen, der Un­schul­di­ge sei ein Jude, wenn er es wirk­lich ist, – oder gar, er sei Athe­ist, für den Fall, daß er selbst sich bes­ser über die Trag­wei­te der An­kla­ge im kla­ren wäre als ein Kon­sis­to­ri­um, das nur auf eine Pro­zeß­ak­te aus ist – oder wird er etwa sei­ne Ab­wei­chung vom «ge­ra­den Wege» in ei­nem Au­gen­blick als un­schul­dig hin­stel­len wol­len, wo die Spiel­re­gel Selbst­kri­tik heißt –, und, nun ja, hat ein Un­schuldiger über­haupt je­mals eine ganz rei­ne Wes­te, wird er sa­gen, was er weiß?

Man kann die Ma­xi­me zur Pflicht er­he­ben, dem Be­geh­ren des Ty­ran­nen sei Wi­der­stand zu leis­ten, soll­te der Ty­rann es sein, der sich die Macht an­maßt, sich das Be­geh­ren des An­de­ren zu un­ter­wer­fen. [156]

Auf bei­den Ebe­nen (so­wie in der pre­kä­ren Ver­mitt­lung), die Kant zu stem­men sucht, um zu zei­gen, dass das Ge­setz nicht al­lein die Lust, son­dern den Schmerz, das Glück oder auch den Druck des Elends, so­gar die Lie­be zum Le­ben, kurz­um al­les, was pa­tho­lo­gisch ist, auf die Waa­ge legt, er­weist sich, daß das Be­geh­ren nicht nur den­sel­ben Er­folg ha­ben, son­dern ihn auch mit grö­ße­rem Recht erlan­gen kann.

Wenn in­des­sen die Gunst, die wir der Kri­tik auf Grund der Mun­ter­keit / l’acrité ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on ein­räum­ten, sich un­se­rem Be­geh­ren schul­det, zu wis­sen wor­auf sie wohl ab­zielt, kann dann nicht die Am­bi­gui­tät je­nes Erfol­ges die Be­we­gung um­keh­ren hin auf eine Re­vi­si­on der über­ra­schen­den Zu­ge­ständ­nis­se?

Wie etwa die Un­gna­de, die sich ein we­nig schnell alle Ob­jek­te zu­zo­gen, so­weit sie sich als gute vor­schlu­gen, näm­lich un­fä­hig zu sein, die Ein­tracht der Wil­len zu­we­ge zu brin­gen, da sie statt des­sen ein­fach de­ren Wett­streit ent­fach­ten. So im Fall von Mai­land, wor­an Karl V. und Franz I. er­fuh­ren, um wel­chen Preis ein je­der von ih­nen dar­in das­sel­be Gut er­blick­te.

Das hie­ße doch wohl miß­ver­ste­hen, was es mit dem Ob­jekt des Be­geh­rens auf sich hat.

Hier kön­nen wir es nur strei­fen, um in Er­in­ne­rung zu ru­fen, was wir an an­de­rer Stel­le über das Be­geh­ren lehr­ten, als wir es als Be­geh­ren des An­de­ren de­fi­nier­ten, in­so­fern es im­mer schon als Be­geh­ren nach sei­nem Be­geh­ren ent­springt. Da­mit wür­de die Ein­tracht der Be­geh­ren begreif­bar, frei­lich nicht ohne Ge­fahr. In­so­fern sich die­se näm­lich zu ei­ner Ket­te glie­dern, ähn­lich der Pro­zes­si­on (785) der Blin­den bei Breu­ghel, in der ein je­der zwar sei­ne Hand in der Hand des­sen hat, der vor ihm geht, nur daß kei­ner weiß, wo­hin alle ge­hen.

Alle ma­chen da­her, keh­ren sie um, die Er­fah­rung ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel, nur wis­sen sie da­mit nicht wei­ter.

Soll­te die der prak­ti­schen Ver­nunft kon­for­me Lö­sung dar­in be­stehen, dass sie im Krei­se mar­schie­ren?

Noch da, wo er fehlt, ist der Blick sehr wohl Ob­jekt, das je­dem Be­geh­ren sei­ne all­ge­mei­ne Re­gel prä­sen­tiert, sei­ne Ur­sa­che ma­te­ria­li­sie­rend, in­dem er hier die Spal­tung «zwi­schen Zen­trum und Ab­we­sen­heit» des Sub­jekts ver­bin­det .

 

An die­ser Stel­le sei nur so­viel ge­sagt, daß eine Pra­xis wie die Psycho­ana­lyse, die im Be­geh­ren die Wahr­heit des Sub­jek­tes er­kennt, die Fol­gen [157] die­ser Ein­sicht nicht ver­ken­nen kann, ohne sich dar­über aus­zu­wei­sen, was sie ver­drängt.

 

Die Un­lust ist dort an­er­kannt als Er­fah­rung, die ei­nen Vor­wand für die Ver­drängung des Be­geh­rens lie­fert, in­so­fern sie auf dem Wege sei­ner Be­frie­di­gung ent­steht: zu­gleich aber als die Form, die die­se Befrie­digung selbst in der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten an­nimmt.

Sol­cher­art ver­stärkt die Lust ihre Aver­si­on, das Ge­setz anzuer­kennen, in­dem sie das Be­geh­ren, es zu be­frie­di­gen – das Ab­wehr ist – un­ter­stützt.

Wenn das Glück des Sub­jekts in ei­ner sein gan­zes Da­sein un­un­ter­bro­chen be­glei­ten­den An­nehmlichkeit des Le­bens be­steht, wie die Kri­tik21 sehr klas­sisch de­fi­niert, wird es sich evi­den­ter­wei­se demjeni­gen ver­wei­gern, der nicht vom Weg des Be­geh­rens ab­läßt. Die­ser Ver­zicht kann wil­lent­lich ge­leis­tet wer­den, nur wird er da­mit er­kauft, daß der Mensch sei­ne Wahr­heit preis­gibt, was sich ziem­lich deut­lich an der Ab­leh­nung zeigt, auf die die Epi­ku­rä­er und so­gar die Stoi­ker bei den An­hän­gern der ge­wöhn­li­chen Le­bens­vor­stel­lung stie­ßen. Ihre Atara­xie de­sti­tu­iert ihre Weis­heit. Daß sie das Be­geh­ren her­ab­set­zen, ist ih­nen nicht als Ver­dienst an­zu­rech­nen. Denn man er­weist dem Ge­setz nicht da­durch Ge­hor­sam, daß man es auf ei­nen so ho­hen So­ckel stellt, da­durch viel­mehr, man mag es wis­sen oder nicht, fühlt man es ent­wer­tet.

Sade, der Ci-de­vant, rückt, wo dies fäl­lig wird, St. Just zu­recht. Daß das Glück zu ei­nem Fak­tor der Po­li­tik ge­wor­den sei, ist eine schie­fe Be­haup­tung. Denn das war es stets, und es führ­te nur zur Rück­kehr von Zep­ter und Weih­rauch­faß, die sich vor­züg­lich da­mit ver­tra­gen. Neu ist viel­mehr ein an­de­rer Fak­tor, die Frei­heit zu be­geh­ren, und neu nicht etwa, weil er eine Re­vo­lu­ti­on aus­löst, kämpft oder stirbt man doch stets um ei­nes Be­geh­rens wil­len, son­dern weil die­se Re­vo­lu­ti­on aus dem Wil­len ent­springt, ih­ren Kampf um die Frei­heit des Be­geh­rens zu füh­ren. (786)

Dar­aus folgt zu­gleich ihr Wil­le, daß das Ge­setz frei sei, so frei, daß sie es als Wit­we braucht, und zwar der Wit­we par ex­cel­lence, jene, die Eu­ren Kopf in den Korb schickt, so­bald er sich nur regt in die­ser An­ge­le­gen­heit. Der Kopf St. Justs,  hät­te er den Phan­tas­men Or­gants in sei­nem Kopf wei­ter­hin Platz ge­währt, er hät­te den Ther­mi­dor viel­leicht zu sei­nem Tri­umph ge­macht.

Fän­de das Recht auf Ge­nie­ßen An­er­ken­nung, wür­de es die Herr­schaft [158] des Lust­prin­zips in eine fort­hin ab­ge­lau­fe­ne Epo­che ab­schie­ben. Um es aus­zu­spre­chen, Sade bringt durch ei­nen un­merk­li­chen Bruch die alte Ach­se der Ethik für je­den ins Glei­ten: sie ist nichts an­de­res als der Ego­is­mus des Glücks.

Von ihr kann man nicht sa­gen, dass bei Kant alle Re­fe­renz auf sie er­lo­schen sei, an­ge­sichts der Ver­traut­heit, mit der er sie auf­nimmt, oder mehr noch an­ge­sichts der Ab­le­ger, die wir von ihr in den Er­for­der­nis­sen sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on er­fas­sen, die so­wohl eine Be­loh­nung im Jen­seits als auch ei­nen Fort­schritt auf Er­den gel­tend macht.

Möge sich uns denn ein an­de­res Glück zei­gen, des­sen Na­men wir ein­gangs nann­ten, und der Sta­tus des Be­geh­rens än­dert sich, zwingt uns, ihn noch ein­mal zu un­ter­su­chen.

 

Hier aber wird eine Be­ur­tei­lung fäl­lig. Bis wo­hin führt Sade uns in der Er­fah­rung die­ses Ge­nie­ßens oder auch nur sei­ner Wahr­heit?

Denn die­se Men­schen­py­ra­mi­den, fa­bel­haft, wie sie das Kaskaden­hafte des Ge­nie­ßens dar­tun, Was­ser­spie­le des Be­geh­rens, er­rich­tet um die Gär­ten der Este in ba­ro­cker Wol­lust schil­lern zu las­sen, hö­her noch wür­den sie sie gen Him­mel schie­ßen las­sen, nur um uns in den Bann der Fra­ge zu zie­hen, was es ei­gent­lich ist, das da hin­ab­sprüht.

Un­ab­seh­ba­re Quan­ten, de­ren Atom, Haß­lie­be, in der Nach­bar­schaft des Dings, aus dem der Mensch mit ei­nem Schrei auf­taucht, zu Moi­ré wird, wor­an sich er­weist, be­stimm­te Schran­ken über­tre­ten ha­ben, das hat nichts zu tun mit dem, was das Be­geh­ren im Phan­tas­ma stützt, das sich ge­ra­de durch jene Schran­ken kon­sti­tu­iert.

Über sie ist Sade, wie wir wis­sen, in sei­nem Le­ben hin­aus­ge­gan­gen. An­ders hät­te er uns zwei­fel­los nicht die­sen Auf­riss sei­nes Phan­tas­mas in sei­nem Werk ge­ge­ben.

Es mag er­stau­nen, wenn wir in Fra­ge stel­len, was zu­dem von die­ser rea­len Er­fah­rung das Werk über­mit­telt.

Be­schrän­ken wir uns aufs Bou­doir zwecks ei­ner kur­zen, nach­drück­li­chen Be­mer­kung über die Ge­füh­le, die eine Toch­ter für ihre Mut­ter hegt, dann kann man wohl sa­gen, daß die Bos­heit, (787) die Sade so tref­fend in ih­rer Tran­szen­denz er­faßt, uns hier nicht viel Neu­es über ihre Schwan­kun­gen des Her­zens lehrt.

Ein Werk, das bös­ar­tig sein will, soll­te es sich nicht er­lau­ben, ein bös­ar­ti­ges Werk zu sein, und die­ser Poin­te kommt die Phi­lo­so­phie al­ler­dings entge­gen, steckt in ihr doch ein gut Teil von ei­nem «gu­ten» Werk.

Ein we­nig zu viel Pre­digt­ton dar­in. [159]

Zwei­fel­los ist es ein Trak­tat zur Er­zie­hung der Mäd­chen22 und als sol­cher den Ge­set­zen ei­ner Gat­tung un­ter­wor­fen. Wenn es auch da­durch her­vor­sticht, daß es das «Anal-Sa­dis­ti­sche» of­fen zu­ta­ge legt, das dies The­ma mit sei­ner zwangs­haf­ten Be­harr­lich­keit in den bei­den Jahr­hunderten zu­vor ver­ne­belt hat­te, bleibt es ein Trak­tat zur Erzie­hung. So un­er­träg­lich der Ser­mon für das Op­fer ist, so sehr ge­fällt sich dar­in der Leh­rer.

Was an his­to­ri­scher In­for­ma­ti­on, oder ge­nau­er, an Fak­ten­ge­lehr­sam­keit dar­in­steckt, ist ziem­lich ver­schwom­men. Man ver­mißt ei­nen La Mo­the le Vay­er. Die Phy­sio­lo­gie ist ein Kon­glo­me­rat von Am­men­re­zep­ten. Und in punc­to se­xu­el­ler Er­zie­hung glaubt man eins der me­di­zi­ni­schen Ela­borate von heu­te zum The­ma zu le­sen. Das sagt wohl ge­nug.

Mehr Kon­se­quenz in dem Skan­dal wür­de dazu füh­ren, in der Ohn­macht, in der sich ge­mein­hin die er­zie­he­ri­sche In­ten­ti­on entfal­tet, eben die­se selbst zu er­ken­nen, ge­gen die das Phan­tas­ma sich stemmt: dar­aus er­wächst das Hin­der­nis für jede gül­ti­ge Be­stands­auf­nah­me von Er­zie­hungs­ef­fek­ten, ver­mag sich doch von der In­ten­ti­on nur zu be­ken­nen, was zu Re­sul­ta­ten ge­führt hat.

Die­ser Zug hät­te von un­schätz­ba­rem Wert sein kön­nen, löb­li­che Ef­fek­te der Sa­de­schen Ohn­macht. Daß Sade die­se ver­fehl­te, gibt zu den­ken.

Sein Man­gel be­stä­tigt sich durch ei­nen wei­te­ren, der nicht min­der be­merkenswert ist; Nie­mals führt uns das Werk den Er­folg ei­ner Verfüh­rung vor, mit der sich das Phan­tas­ma schließ­lich doch noch krö­nen wür­de: eine Ver­füh­rung, bei der das Op­fer, und sei’s in sei­ner allerletz­ten Zu­ckung, der Ab­sicht sei­nes Pei­ni­gers zu­stim­men wür­de bzw. sich sei­ner­seits durch den An­trieb die­ser Zu­stim­mung die Fah­ne wech­seln wür­de.

Da­mit zeigt sich un­ter an­de­rem Ge­sichts­punkt, daß das Be­geh­ren die Kehr­seite des Ge­set­zes ist. Am Sa­de­schen Phan­tas­ma wird of­fen­kun­dig, wie sie ein­an­der be­din­gen. Für Sade steht man ein für al­le­mal auf ei­ner Sei­te, der gu­ten oder der schlech­ten; dar­an ver­mag kei­ne Schmach et­was zu än­dern. So fei­ert also die Tu­gend Tri­umph: erst durch die­ses Parado­xon stellt sich der ei­gen­tüm­li­che Hohn des er­bau­li­chen Bu­ches wie­der her, auf den die Jus­ti­ne all­zu di­rekt ab­zielt, wo­durch sie ihn ge­ra­de ver­fehlt. (788)

Ab­ge­se­hen von ei­ner wa­ckeln­den Nase, die sich am Ende des post­hum er­schie­ne­nen Dia­lo­gue d’un prêt­re et d’un mo­ri­bond fin­det (man muß schon sa­gen, daß es sich hier um ein The­ma han­delt, das wohl kaum noch [160] an­de­ren Gna­den als den gött­li­chen of­fen­steht), ver­spürt man in dem Werk bis­wei­len den Man­gel an Witz, all­ge­mei­ner viel­leicht je­nes wit, wie ihn Pope da­mals seit fast ei­nem Jahr­hun­dert ge­for­dert hat­te.

Dies ist na­tür­lich über der In­vas­ti­on der Pe­dan­te­rie, die seit W.W.II auf dem fran­zö­si­schen Schrift­tum las­tet, in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Wenn es denn schon ei­nes ge­fes­tig­ten Her­zens be­darf, um Sade noch fol­gen zu kön­nen, wo er etwa die Ver­leum­dung preist, und zwar als den ers­ten Ar­ti­kel der Mo­ra­li­tät, die er in sei­ner Re­pu­blik ein­füh­ren will, wünsch­te man sich doch, er be­wie­se dar­in we­nigs­tens die Bis­sig­keit ei­nes Ren­an. «Schät­zen wir uns glück­lich», schrieb die­ser, «daß Je­sus kein Ge­setz an­traf, das die Ver­höh­nung ei­ner Klas­se von Mit­bür­gern un­ter Stra­fe stellt. Die Pha­ri­sä­er wä­ren un­an­tast­bar ge­we­sen.»23 Und er fährt fort: «Die­se höchst sub­ti­len Spöt­te­lei­en, sei­ne pro­vo­zie­ren­den Toll­hei­ten tra­fen stets ins Schwar­ze. Je­sus war es, der mit gött­li­chem Ge­schick dies Nes­sus­hemd der Lä­cher­lich­keit web­te, das der Jude, Sohn der Pha­ri­sä­er, seit acht­zehn Jahr­hun­der­ten in Lum­pen hin­ter sich her­schleift. So zeigt es sich als Meis­ter­werk er­ha­bens­ten Spot­tes, und sei­ne Züge ha­ben sich in Feu­er­schrift in das Fleisch des Heuch­lers und des Bi­got­ten ge­sengt. Un­ver­gleich­li­che, ei­nes Got­tes­soh­nes wür­di­ge Züge! So ver­mag nur ein Gott zu tö­ten. So­kra­tes und Mo­liè­re kit­zeln nur ein we­nig auf der Haut. Er aber dringt mit sei­nem Feu­er und sei­ner Rage bis ins Mark.»24

Wie treff­si­cher die­se Be­mer­kun­gen sind, zeigt sich an den be­kann­ten Fol­gen, näm­lich der Be­ru­fung des Apos­tels aus der Rei­he der Pha­ri­sä­er und dem uni­ver­sel­len Tri­umph der pha­ri­säi­schen Tu­gen­den. Und dar­aus lie­ße sich, wie man wird zu­ge­ben müs­sen, ein Ar­gu­ment von an­de­rem Ka­li­ber schnit­zen als aus der eher kläg­li­chen Ent­schul­di­gung, mit der Sade sich bei sei­ner Apo­lo­gie der Ver­leum­dung be­schei­det: daß der recht­schaf­fe­ne Mensch doch stets dar­über tri­um­phie­re.

Die­se Plat­ti­tü­de tut der düs­te­ren Schön­heit kei­nen Ab­bruch, wie sie aus die­sem Mo­nu­ment von Her­aus­for­de­run­gen er­strahlt. Sie be­zeugt uns die Erfah­rung, die wir hin­ter der Fa­bu­lie­rung des Phan­tas­ma su­chen. Eine tra­gi­sche Er­fah­rung, wie sie hier ihre Be­din­gung vor sich hin­wirft un­ter ei­ner Be­leuch­tung aus dem Jen­seits von Furcht und Mit­leid. [161] (789)

Verblüffung/si­dé­ra­ti­on und Ver­fins­te­rung, dies ist im Ge­gen­satz zum Witz25 die Ver­bin­dung, die uns in die­sen Sze­nen durch ih­ren kohl­schwar­zen Glanz fas­zi­niert.

Die­ses Tra­gi­sche hat in sei­ner Art erst spä­ter in die­sem Jahr­hun­dert in mehr als ei­nem Werk, im ero­ti­schen Ro­man so­wie im re­li­giö­sen Dra­ma, kon­kre­te­re Ge­stalt an­ge­nom­men. Wir wür­den es das Kin­disch-Tra­gi­sche / tra­gi­que gâ­teux nen­nen, wo­von man, es sei denn in Pen­nä­ler­wit­zen, bis in un­se­re Tage hin­ein nicht wuß­te, daß es nur um Stein­wurf­wei­te von dem Er­ha­ben-Tra­gi­schen / tra­gi­que no­ble ent­fernt liegt. Man muß sich, um zu ver­ste­hen, was wir mei­nen, nur Clau­dels Tri­lo­gie des Père hu­mi­lié vor Au­gen hal­ten. (Um uns recht zu ver­ste­hen, soll­te man wis­sen, daß wir an die­sem Werk die Züge der Tra­gö­die in ih­rer au­then­tischs­ten Form nach­ge­wie­sen ha­ben. Es ist Mel­po­me­ne, die mit Klio zu­sam­men­bricht, ohne daß man sähe, wel­che der bei­den der an­de­ren das Grab schau­feln wird.)

 

Da­mit wä­ren wir denn end­lich so­weit, Sade, mei­nen Nächs­ten, zu befra­gen; den An­stoß dazu ver­dan­ken wir dem au­ßer­or­dent­li­chen Scharf­blick Pierre Klos­sow­skis.26

Nun ist es zwei­fel­los der Dis­kre­ti­on die­ses Au­tors zu­zu­schrei­ben, daß er sei­ne For­mel hin­ter ei­ner An­spie­lung auf St. Lab­re ver­barg. Wir aber füh­len uns nicht mehr ver­an­laßt, ihr die­sel­be De­ckung zu ge­wäh­ren.

Daß das Sa­de­sche Phan­tas­ma sich eher den Stütz­pfei­lern der christli­chen Ethik ein­glie­dert als an­de­ren Ord­nun­gen, läßt sich an­hand der von uns auf­ge­wie­se­nen Struk­tu­ren leicht be­grei­fen.

Sade aber, und das soll­te man dar­über nicht ver­ges­sen, wür­de es von sich wei­sen, mein Nächs­ter zu sein, und statt ihm die Zu­rück­wei­sung mit glei­cher Mün­ze zu­rück­zu­zah­len, soll­te man hier viel­mehr den Sinn der Zu­rück­wei­sung er­ken­nen.

Sade stand, wie wir mei­nen, sei­ner ei­ge­nen Bös­ar­tig­keit nicht nahe ge­nug, um dort sei­nem Nächs­ten be­geg­nen zu kön­nen. Die­sen Zug teilt er mit vie­len, und ins­be­son­de­re mit Freud. Dies ist näm­lich das ein­zi­ge Mo­tiv, aus dem bis­wei­len auch un­ter­rich­te­te We­sen vor dem christ­li­chen Ge­bot zu­rück­schre­cken.

Bei Sade se­hen wir die­sen un­se­rer An­sicht nach ent­schei­den­den Test in [162] sei­ner Ab­leh­nung der To­des­stra­fe, de­ren Ge­schich­te aus­rei­chen wür­de zu be­wei­sen, daß sie eins der Kor­re­la­te, wenn nicht gar die Lo­gik der Barm­her­zig­keit ist.

An die­ser Stel­le, an dem Kno­ten­punkt zwi­schen Be­geh­ren und Ge­setz, hat Sade also an­ge­hal­ten.

Soll­te et­was in ihm sich doch ans Ge­setz ge­klam­mert ha­ben, weil er dar­in die (790) Ge­le­gen­heit er­blick­te, von der der Apos­tel Pau­lus spricht, über alle Ma­ßen sün­dig zu sein, wer woll­te den Stein nach ihm wer­fen? Wei­ter aber ist er nicht ge­gan­gen.

Nicht nur, weil bei ihm wie bei ei­nem je­den das Fleisch schwach ist, son­dern der Geist zu wil­lig, als daß er sich kei­ner Täu­schung hin­gä­be. Die Apo­lo­gie des Ver­bre­chens treibt ihn nur auf dem Um­weg dazu, sich zum Ge­setz zu be­ken­nen. Im Male­fiz wird das Höchs­te We­sen restau­riert.

Man höre nur, wie er sei­ne Tech­nik rühmt, al­les, was ihm in den Kopf kommt, in die Tat um­zu­set­zen, in dem Glau­ben, er wer­de, wenn er an die Stel­le der Reue die Wie­der­ho­lung set­ze, dem Ge­setz im In­nern ein für al­le­mal ein Ende be­rei­ten. Und um uns zu er­mu­ti­gen, ihm zu fol­gen, fällt ihm nichts Bes­se­res ein als das Ver­spre­chen, daß die Na­tur auf ihre ma­gi­sche Art, Weib, das sie ist, uns im­mer wei­ter nach­ge­ben wer­de.

Man wäre schlecht be­ra­ten, in die­sen All­machts­traum Ver­trau­en zu set­zen.

Er zeigt uns in je­dem Fal­le zur Ge­nü­ge, daß kei­ne Rede da­von sein kann, Sade hät­te, wie Klos­sow­ski es se­hen möch­te, nicht ohne frei­lich zu er­ken­nen zu ge­ben, daß er selbst nicht dar­an glaubt, je­nen Grad von Apa­thie er­reicht, daß er schließ­lich «an den Bu­sen der Na­tur zurückge­kehrt wäre, im Wach­zu­stand, in un­se­rer» von der Spra­che be­wohn­ten «Welt»27.

Über das, was Sade hier­zu fehlt, ha­ben wir es uns ver­sagt, auch nur ein Wort zu ver­lie­ren. Spürt man es nicht aber an der Stei­ge­rung der Phi­lo­so­phie, an der Tat­sa­che etwa der ge­bo­ge­nen Na­del, die den Hel­den Buñu­els so viel be­deu­tet, und die zu gu­ter Letzt her­bei­zi­tiert wird, um bei der Toch­ter ei­nen aus­sichts­lo­sen Pe­nis­neid zu be­he­ben.

Sei dem wie es sei, so scheint doch nichts da­durch ge­won­nen, Dio­t­i­ma hier durch Dol­mance zu er­set­zen, eine Ge­stalt, die der gewöhn­liche Weg über Ge­bühr zu er­schre­cken scheint, und die, wie Sade sah, die gan­ze An­ge­le­gen­heit durch ein Noli tan­ge­re ma­trem zum Ab­schluß [163] bringt. Getr… und zu­ge­näht, die Mut­ter bleibt un­ter­sagt. Da­mit bestä­tigt sich un­ser Ver­dikt über Sa­des Fü­gung un­ter das Ge­setz.

Von ei­nem Trak­tat, in dem es wirk­lich um das Be­geh­ren gin­ge, hier nur we­nig, prak­tisch gar nichts.

Was sich auf die­sem Querweg/tra­vers nach ei­ner Be­geg­nung da­von an­kün­digt, ist al­len­falls ein ver­nünf­ti­ger Ton.

R.G., Sep­tem­ber 1962

Französisch/deutsch

Cet écrit de­vait ser­vir de pré­face à La Phi­lo­so­phie dans le bou­doir. Il a paru dans la re­vue Cri­tique (n° 191, avril 1963) en ma­niè­re de comp­te ren­du de l’édition des oeu­vres de Sade à laquel­le il était de­sti­né. Éd. du Cer­cle du li­v­re pré­cieux, 1963, 15 vol. (765)

Die­se Schrift soll­te als Vor­wort zu «Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir» die­nen. Er­schie­nen ist sie in der Re­vue «Cri­tique» (Nr. 191, April 1963) als Be­richt über die Edi­ti­on der Wer­ke Sa­des, für die sie auch be­stimmt war: Éd. du Cer­cle du li­v­re pré­cieux, 1963, 15 Bän­de. [Anm.] (134)

[Anm. WF: Auf deutsch zu­erst ver­öf­fent­licht in un­kor­ri­gier­ter Fas­sung als Nach­wort zur «Phi­lo­so­phie im Bou­doir», Mün­chen (Ro­gner u. Bern­hard) 1972.– Anm. MW: La­can un­ter­schlägt in die­ser No­tiz, dass der nun fol­gen­de Text von der Erst­ver­öf­fent­li­chung 1963 ab­weicht. Ein Ver­sio­nen­ver­gleich 1963 / 1966 (= Écrits-Fas­sung) fin­det sich bei Jean All­ouch, Ça de Kant, cas de Sade. Pa­ris 2001.]

 

Que l’œuvre de Sade an­ti­ci­pe Freud, fût-ce au re­gard du ca­ta­lo­gue des per­ver­si­ons, est une sot­ti­se, qui se re­dit dans les lettres, de quoi la fau­te, com­me tou­jours, re­vi­ent aux spé­cia­lis­tes. (765)

Daß Sa­des Werk Freud an­ti­zi­piert, und sei’s auch nur als Ka­ta­log der Per­ver­sio­nen, ist eine in den Geisteswissenschaften/lettres nach­ge­be­te­te Dumm­heit, an der wie stets die Spe­zia­lis­ten schuld sind. (135)

Par cont­re nous te­nons que le bou­doir sa­di­en s’égale à ces lieux dont les éco­les de la phi­lo­so­phie an­tique pri­rent leur nom : Aca­dé­mie, Ly­cée, Stoa. (765)

Dem­ge­gen­über möch­ten wir be­haup­ten, daß das Sa­de­sche Bou­doir von der Art je­ner Stät­ten ist, de­nen die Schu­len der an­ti­ken Phi­lo­so­phie ihre Na­men ver­dan­ken: Aka­de­mie, Ly­ze­um, Stoa. (135)

Ici com­me là, on pré­pa­re la sci­ence en rec­tifi­ant la po­si­ti­on de l’éthique. (765)

Hier wie dort geht man an die Vor­be­rei­tung der Wis­sen­schaft, in­dem man die Po­si­ti­on der Ethik ei­ner Kor­rek­tur un­ter­zieht. (135)

En cela, oui, un dé­b­laiement s’opère qui doit che­mi­ner cent ans dans les pro­fon­deurs du goût pour que la voie de Freud soit pra­ti­ca­ble. (765)

Dar­in ist tat­säch­lich eine Be­rei­ni­gung am Werk, die in den Tie­fen des Ge­schmacks über hun­dert Jah­re hin eine Bahn bil­den soll­te, wo­durch der Weg Freuds gang­bar wur­de. (135)

Comp­tez-en soixan­te de plus pour qu’on dise pour­quoi tout ça. (765)

Sech­zig wei­te­re Jah­re wä­ren hin­zu­zu­rech­nen, um ab­se­hen zu kön­nen, wozu das Gan­ze. (135)

Si Freud a pu énon­cer son princi­pe du plai­sir sans avoir même à se sou­cier de mar­quer ce qui le dis­tin­gue de sa fonc­tion dans l’éthique tra­di­ti­on­nel­le, sans plus ris­quer qu’il fût en­ten­du, en écho au préju­gé in­con­tes­té de deux mil­lén­aires, pour rap­pe­ler l’attrait pré­or­don­nant la créa­tu­re à son bien avec la psy­cho­lo­gie qui s’inscrit dans di­vers my­thes de bi­en­veil­lan­ce, nous ne pou­vons qu’en rend­re hom­mage à la mon­tée in­si­nu­an­te à tra­vers le XIXe siè­cle du thè­me du « bon­heur dans le mal ». (765)

Wenn Freud sein Lust­prin­zip ar­ti­ku­lie­ren konn­te, ohne sich noch im ge­rings­ten um den Hin­weis küm­mern zu müs­sen, wor­in es sich von sei­ner Funk­ti­on in­ner­halb der tra­di­tio­nel­len Ethik un­ter­schei­det, ja ohne daß er da­bei Ge­fahr lief, im Nach­hall des unbe­strittenen Vor­ur­teils zwei­er Jahr­tau­sen­de – wir er­in­nern an die Ten­denz, die Krea­tur ih­rem Wohl vor­zu­ord­nen, ge­mäß ei­ner Psy­cho­lo­gie, wie sie in den viel­fäl­ti­gen My­then des Wohl­wol­lens ent­hal­ten ist – ver­stan­den zu wer­den, kön­nen wir nicht um­hin, der un­merk­lich anstei­genden Li­nie des The­mas von der «Glück­se­lig­keit im Bö­sen», wie sie das neun­zehn­te Jahr­hun­dert durch­zieht, un­se­re Re­ve­renz zu er­wei­sen. (135)

Ici Sade est le pas in­au­gu­ral d’une sub­ver­si­on, dont, si pi­quant que cela sem­ble au re­gard de la fro­ideur de l’homme, Kant est le point tour­nant, et ja­mais re­pé­ré, que nous sa­chions, com­me tel. (765)

Hier ist Sade der in­au­gu­ra­le Schritt ei­ner Sub­ver­si­on, de­ren, so­weit wir se­hen, nie­mals be­merk­ter Wen­de­punkt Kant ist, wie pi­kant dies an­ge­sichts der Käl­te die­ses Man­nes auch schei­nen mag. (135)

La Phi­lo­so­phie dans le bou­doir vi­ent huit ans après la Cri­tique dela rai­son pra­tique. (765)

Die Phi­lo­so­phie im Bou­doir er­scheint acht Jah­re nach der Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft. (135)

Si, après avoir vu qu’elle s’y ac­cor­de, nous dé­mon­trons qu’elle la com­plè­te, nous di­rons qu’elle don­ne la vé­rité de la Cri­tique. (765 f.)

Wie man se­hen wird, ver­trägt sie sich nicht nur mit ihr, son­dern, wie wir nach­wei­sen wer­den, ver­voll­stän­digt sie sie, wir wer­den sa­gen, dass sie die Wahr­heit der Kri­tik gibt. (135)

Du coup, les pos­tu­lats où cel­le-ci s’achève : l’alibi de l’immortalité où elle re­foule pro­grès, sain­te­té et même amour, tout ce qui pour­rait ve­nir de sa­tis­faisant de la loi, la ga­ran­tie qu’il lui faut d’une vo­lon­té pour qui l’objet à quoi la loi se rap­por­te fût in­tel­li­gi­ble, per­dant même le plat ap­pui de la fonc­tion d’utilité où Kant les con­fi­nait, ren­dent l’œuvre à son dia­mant de sub­ver­si­on. (766)

Drum kurz die Pos­tu­la­te, in de­nen sich die­se er­füllt: das Ali­bi der Un­sterb­lich­keit, wo­hin sie Fort­schritt, Hei­lig­keit und so­gar Lie­be, al­les, was an Be­frie­di­gen­dem aus dem Ge­setz kom­men könn­te, ver­drängt, die Ga­ran­tie, daß sie ei­nes Wil­lens be­darf, für den der Gegenstand/l’objet [Anm.] auf den das Ge­setz sich be­zieht, in­tel­li­gi­bel sei, wo­mit sie gar noch die fla­che Stüt­ze der Nütz­lich­keit ein­bü­ßen, auf die Kant sie be­schränk­te, ge­ben die­sem Werk sei­nen Ju­wel der Sub­ver­si­on.

[Anm. MW: Im Deut­schen ist die Ver­schlei­fung von «Ge­gen­stand des Ge­set­zes» (Kants Ter­mi­no­lo­gie) mit «Ob­jekt des Ge­set­zes / des Be­geh­rens» (La­cans Ter­mi­no­lo­gie) we­ni­ger ge­eb­net als im Fran­zö­si­schen, wo bei­de Ter­mi­ni «Ge­gen­stand» und «Ob­jekt» durch das­sel­be Wort ob­jet wie­der­ge­ge­ben wer­den. Hier im Fol­gen­den un­ein­heit­lich über­setzt.] (135)

Par quoi s’explique l’incroyable ex­al­ta­ti­on qu’en reçoit tout lec­teur non pré­ve­nu par la pié­té aca­dé­mi­que. (766)

Dar­aus er­klärt sich der un­ge­mei­ne Ge­fühls­über­schwang, der sich je­dem durch die aka­de­mi­sche Fröm­mig­keit nicht ein­ge­schüch­ter­ten Le­ser mit­teilt. (135)

Ef­fet à quoi ne gâ­te­ra rien qu’on en ait ren­du comp­te. (766)

Es tut der Wir­kung kei­nen Ab­bruch, wenn man sie sich ver­deut­licht. (135)

Qu’on soit bien dans le mal, ou si l’on veut, que l’éternel fé­mi­nin n’attire pas en haut, on pour­rait dire que ce vi­ra­ge a été pris sur une re­mar­que phi­lo­lo­gi­que : nom­mé­ment que ce qui avait été ad­mis jus­que-là, qu’on est bien dans le bien, repo­se sur une ho­mo­ny­mie que la lan­gue al­le­man­de n’admet pas : Man fühlt sich wohl in Gu­ten. (766)

Daß es ei­nem wohl sei im Bö­sen, oder, wenn man so will, das «Ewig Weib­li­che» uns nicht hinan­zieht, die­se Wen­dung ver­dankt sich ei­ner phi­lo­lo­gi­schen Be­mer­kung: na­ment­lich, was bis da­hin zu­ge­las­sen war: q’on est bien dans le bien, be­ruht auf ei­ner Ho­mo­ny­mie, die im Deut­schen nicht mög­lich ist: Man fühlt sich wohl im Gu­ten.* [Anm.] (136)

[Anm. MW: Hier und im Fol­gen­den gilt: * = Deutsch im Ori­gi­nal.]

 C’est la fa­çon dont Kant nous in­tro­du­it à sa Rai­son pra­tique. (766)

So je­den­falls führt Kant uns in die Prak­ti­sche Ver­nunft ein. (136)

Le princi­pe du plai­sir, c’est la loi du bien qui est le wohl, di­sons le bien-être. (766)

Das Lust­prin­zip ist das Ge­setz des Wohls*, ge­nau­er des Wohl­seins. (136)

Dans la pra­tique, il so­u­met­trait le su­jet au même en­chaî­ne­ment phé­no­mé­nal qui dé­ter­mi­ne ses ob­jets. (766)

In der Pra­xis un­ter­wür­fe es das Sub­jekt der­sel­ben Ver­ket­tung der Er­schei­nun­gen, die sei­ne Gegenstände/ob­jets de­ter­mi­niert. (136)

L’objection qu’y ap­por­te Kant est, se­lon son style de ri­gueur, in­trin­sèque. (766)

Kants Ein­wand da­ge­gen er­folgt, sei­nem stren­gen Denk­stil ge­mäß, im­ma­nent. (136)

Nul phé­nomè­ne ne peut se pré­va­loir d’un rap­port con­stant au plai­sir. (766)

Kei­ne Er­schei­nung kann sich auf eine dau­er­haf­te Be­zie­hung zur Lust grün­den. (136)

Nul­le loi donc d’un tel bien ne peut être énon­cée qui dé­fi­ni­rait com­me vo­lon­té le su­jet qui l’introduirait dans sa pra­tique. (766)

Kein Ge­setz ei­nes sol­chen Wohls lie­ße sich also for­mu­lie­ren, wel­ches das Sub­jekt, das dies Ge­setz in sein Han­deln auf­näh­me, als Wil­le de­fi­nie­ren wür­de. (136)

La re­cher­che du bien se­rait donc une im­pas­se, s’il ne re­nais­sait, das Gute, le bien qui est l’objet de la loi mo­ra­le. (766)

So wäre denn die Su­che nach dem Wohl/bien eine Sack­gas­se, leb­te das Gute* nicht wie­der auf, und zwar als Gegenstand/ob­jet des mo­ra­li­schen Ge­set­zes. (136)

Il nous est in­di­qué par l’expérience que nous fai­sons d’entendre au-dedans de nous des com­man­de­m­ents, dont l’impératif se pré­sen­te com­me ca­té­go­ri­que, au­tre­ment dit in­con­di­ti­on­nel. (766)

Es kün­digt sich uns an durch die Er­fah­rung, daß wir Be­feh­le in uns ver­neh­men, de­ren Im­pe­ra­tiv sich als ka­te­go­risch, an­ders ge­sagt als un­be­dingt dar­stellt. (136)

No­tons que ce bien n’est sup­po­sé le Bien, que de se pro­po­ser, com­me on vi­ent de le dire, en­vers et cont­re tout ob­jet qui y met­trait sa con­di­ti­on, de s’opposer à quel­que que ce soit des bi­ens in­cer­ta­ins que ces ob­jets puis­sent ap­por­ter, dans une équi­v­a­lence de princi­pe, pour s’imposer com­me su­pé­ri­eur de sa val­eur uni­ver­sel­le. (766)

Mer­ken wir an, dass die­ses Wohl / ce bien das Gute / le Bien nur in­so­fern un­ter­stellt, als es, wie schon ge­sagt, ge­gen je­des Ob­jekt, das sich ihm sei­ner­seits als Be­din­gung zu stel­len sucht, mit In­sis­tenz dar­an fest­hält, sich jeg­li­chen wie auch im­mer un­be­stimm­ten Gü­tern / des bi­ens in­cer­ta­ins zu wi­der­set­zen, die die­se Ob­jek­te ihm als prin­zi­pi­ell gleich­wer­tig vor­schla­gen könn­ten, um sich in sei­ner uni­ver­sel­len Gül­tig­keit als über­le­gen auf­zu­drän­gen. (136)

Ain­si le po­ids n’en ap­pa­raît que d’exclure, pul­si­on ou sen­ti­ment, tout ce dont le su­jet peut pâ­tir dans son in­té­rêt pour un ob­jet, ce que Kant pour au­tant dé­si­gne com­me « pa­tho­lo­gi­que ». (766)

So er­scheint sein Ge­wicht al­lein als aus­schlie­ßend: Trieb oder Ge­fühl, al­les was das Sub­jekt in sei­nem In­ter­es­se für ein Ob­jekt erleiden/pâ­tir kann, was Kant da­her als «pa­tho­lo­gisch» be­zeich­net. (136)

Ce se­rait donc par in­duc­tion sur cet ef­fet qu’on y re­trou­ver­ait le Sou­verain Bien des An­ti­ques, si Kant à son ac­cou­tumée ne pré­ci­sait en­core que ce Bien n’agit pas com­me con­t­re­po­ids, mais, si l’on peut dire, com­me an­ti­po­ids, c’est-à-dire de la sous­trac­tion de po­ids qu’il pro­du­it dans l’effet d’amour-propre (Selbst­sucht) que le su­jet res­sent com­me con­ten­te­ment (ar­ro­gan­tia) de ses plai­sirs, pour ce qu’un re­gard à ce Bien rend ces plai­sirs mo­ins re­spec­ta­bles [Anm.]. (767)

[Anm. JL:] Nous ren­ver­rons à la très ac­cep­ta­ble tra­duc­tion de Bar­ni, qui re­mon­te à 1848, ici p. 247 et suiv., et à l’édition Vor­län­der (chez Mei­ner) pour le tex­te al­le­mand, ici p. 86.

Da­mit läge der Schluß nahe, man trä­fe hier wie­der je­nes höchs­te Gut an, wie es die An­ti­ke ver­stand, nur fügt Kant wie ge­wöhn­lich prä­zi­sie­rend hin­zu, daß die­ses Gut nicht als aus­glei­chen­des Ge­gen­ge­wicht, son­dern, wie man sa­gen könn­te, als An­ti­ge­wicht agiert, d.h. es bringt ei­nen Ab­zug des Ge­wichts in der Wir­kung der Ei­gen­lie­be (Selbst­sucht) her­vor, durch die das Sub­jekt sei­ne Lüs­te als Ei­gen­dün­kel (ar­ro­gan­tia) emp­fin­det, so dass ein Blick auf die­ses Gut / ce Bien die­se Lüs­te in sei­ner Ach­tung mindert.[Anm.]

[Anm. JL:] Wir ha­ben uns an den fran­zö­si­schen Text der durch­aus an­nehm­ba­ren Über­set­zung von Bar­ni, die auf 1848 zu­rück­geht (vgl. S. 247 ff.), bzw. an den deut­schen der Aus­ga­be von Vor­län­der (bei Mei­ner) ge­hal­ten, s. S. 86. [A 130] (136)

Tex­tu­el, au­tant que sug­ges­tif. (767)

Text­lich wie sug­ges­tiv. (136)

Re­te­nons le pa­ra­do­xe que ce soit au mo­ment où ce su­jet n’a plus en face de lui au­cun ob­jet, qu’il ren­cont­re une loi, laquel­le n’a d’autre phé­nomè­ne que quel­que cho­se de si­gni­fi­ant déjà, qu’on ob­ti­ent d’une voix dans la con­sci­ence, et qui, à s’y ar­ti­cu­ler en ma­xi­me, y pro­po­se l’ordre d’une rai­son pu­re­ment pra­tique ou vo­lon­té. (767)

Hal­ten wir das Pa­ra­dox fest, dass in dem Au­gen­blick, in dem das Sub­jekt sich kei­ner­lei Ob­jekt mehr ge­gen­über­sieht, es auf ein Ge­setz stößt, das kei­ne an­de­re Er­schei­nung hat als et­was schon Si­gni­fi­kan­tes, das man von ei­ner Stim­me im Bewusstsein/Gewissen her er­hält, die, um sich als Ma­xi­me zu ar­ti­ku­lie­ren, hier die Ord­nung ei­ner rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft oder Wil­len vor­schlägt. (137)

Pour que cet­te ma­xi­me fas­se la loi, il faut et il suf­fit qu’à l’épreuve d’une tel­le rai­son, elle puis­se être re­te­nue com­me uni­ver­sel­le en droit de lo­gi­que. (767)

Soll die­se Ma­xi­me das Ge­setz wer­den, so ist es er­for­der­lich und zu­gleich hin­rei­chend, wenn sie zur Pro­be ih­rer Ver­nünf­tig­keit sich in lo­gi­scher Hin­sicht als uni­ver­sell er­weist. (137)

Ce qui, rap­pe­lons-le de ce droit, ne veut pas dire qu’elle s’impose à tous, mais qu’elle vail­le pour tous les cas, ou pour mieux dire, qu’elle ne vail­le en au­cun cas, si elle ne vaut pas en tout cas. (767)

Was frei­lich iure lo­gi­co nicht heißt, sie sei al­len auf­er­legt, wohl aber, daß sie für alle Fäl­le gilt, oder ge­nau­er, daß sie für kei­nen Fall gilt, wenn nicht für alle Fäl­le. (137)

Mais cet­te épreuve de­vant être de rai­son, pure quoi­que pra­tique, ne peut réus­sir que pour des ma­xi­mes d’un type qui off­re une pri­se ana­ly­tique à sa dé­duc­tion. (767)

Da aber die­se Pro­be ver­nunft­ge­recht sein muß, und zwar im Sin­ne rei­ner, wenn­gleich prak­ti­scher Ver­nunft, kann sie nur für Ma­xi­men ei­nes Ty­pus ge­lin­gen, der ei­nen ana­ly­ti­schen Weg sei­ner Ab­lei­tung er­öff­net. (137)

Ce type s’illustre de la fi­dé­lité qui s’impose à la re­sti­tu­ti­on d’un dé­pôt [Anm.] : la pra­tique du dé­pôt repo­sant sur les deux oreil­les qui, pour con­sti­tu­er le dé­po­si­taire, doiv­ent se bou­cher à tou­te con­di­ti­on à op­po­ser à cet­te fi­dé­lité. (767)

[Anm. JL:] Cf. la sco­lie du thé­orè­me III du cha­pit­re pre­mier de !‚Ana­ly­tique de la Rai­son pure pra­tique, Bar­ni, p. 163; Vor­län­der, p. 31.

Il­lus­triert wird die­ser Ty­pus an­hand der Ver­läß­lich­keit, wie sie für die Rück­ga­be ei­nes De­po­si­tums [Anm.] auf­er­legt ist: hängt doch die Pra­xis des De­po­si­tums von bei­den Oh­ren ab, die sich, um den De­po­si­tär zu kon­sti­tu­ie­ren, jed­we­der Ein­flüs­te­rung ver­schlie­ßen müs­sen, die die­se Ver­läß­lich­keit an­fech­ten könn­te. (137)

[Anm. JL:] Vgl. die An­mer­kung zum Lehr­satz III des ers­ten Ka­pi­tels der Ana­ly­tik der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft. Vor­län­der, S. 31. [A 49,50]

Au­tre­ment dit, pas de dé­pôt sans dé­po­si­taire à la hau­t­eur de sa char­ge. (767)

An­ders ge­sagt: kein De­po­si­tum ohne De­po­si­tär, der sei­ner Auf­ga­be ge­wach­sen ist. (137)

On pour­ra sen­tir le be­soin d’un fon­de­ment plus syn­t­hé­tique, même dans ce cas évi­dent. (767)

Nun kann sich selbst in die­sem evi­den­ten Fall wo­mög­lich das Be­dürf­nis nach ei­ner syn­the­ti­sche­ren Be­grün­dung re­gen. (137)

Il­lus­trons-en à not­re tour le dé­faut, fût-ce au prix d’une ir­ré­vé­rence, d’une ma­xi­me re­tou­chée du père Ubu : « Vive la Po­lo­gne, car s’il n’y avait pas de Po­lo­gne, il n’y au­rait pas de Po­lo­nais. » (767)

Ihr Un­ge­nü­gen wol­len wir un­ser­seits, und sei es um den Preis ei­ner Re­spekt­lo­sig­keit, am Bei­spiel ei­ner Ma­xi­me il­lus­trie­ren, die dem Père Ubu nach­ge­bil­det ist: «Es lebe Po­len, denn gäb’s kein Po­len, gäb’s auch kei­ne Po­len.» (137)

Que nul par quel­que len­teur, voi­re émo­ti­vité, ne dou­te ici de not­re at­ta­che­ment à une li­ber­té sans laquel­le les peu­ples sont en deuil. (768)

Nie­mand be­zweif­le auf Grund ei­ner ge­wis­sen Schwer­fäl­lig­keit bzw. Er­reg­bar­keit, wie sehr wir an ei­ner Frei­heit hän­gen, ohne die die Völ­ker in Trau­er ge­hen. (137)

Mais sa mo­ti­va­ti­on ici ana­ly­tique, en­core qu’irréfutable, prête à ce que l’indéfectible s’en tem­pè­re de l’observation que les po­lo­nais se sont re­com­man­dés de tou­jours par une ré­si­s­tan­ce re­mar­quable aux éclip­ses de la Po­lo­gne, et même à la dé­plo­ra­ti­on qui s’ensuivait. (768)

Aber ihre hier ana­ly­ti­sche, wenn­gleich un­wi­der­leg­ba­re Be­grün­dung ist doch von der Art, daß sie bei al­ler Un­fehl­bar­keit sich ein we­nig mä­ßigt, be­denkt man, daß die Po­len sich seit je durch eine be­mer­kens­wer­te Re­sis­tenz ge­gen jede Po­len­fins­ter­nis / éclip­ses de la Po­lo­gne aus­zeich­nen, und selbst noch ge­gen die Kla­gen, die dar­auf folg­ten. (137)

On re­trouve ce qui fon­de Kant à ex­pri­mer le re­g­ret qu’à l’expérience de la loi mo­ra­le, nul­le in­tui­ti­on n’offre d’objet phé­no­mé­nal. (768)

Man fin­det hier wie­der, was Kant dazu bringt sein Be­dau­ern dar­über zu äu­ßern, daß kei­ner­lei In­tui­ti­on der Er­fah­rung des mo­ra­li­schen Ge­set­zes den Gegenstand/l’objet in der Erscheinung[swelt] dar­bie­tet. (138)

Nous con­vi­en­drons que tout au long de la Cri­tique cet ob­jet se dé­ro­be. (768)

Die­ses Ob­jekt ent­zieht sich, wie wir zu­ge­ben müs­sen, in­ner­halb der ge­sam­ten Kri­tik. (138)

Mais il se de­vi­ne à la trace, que lais­se l’implacable sui­te qu’apporte Kant à dé­mon­trer son dé­ro­be­ment et dont l’œuvre re­ti­re cet éro­tis­me, sans dou­te in­no­cent, mais per­cep­ti­ble, dont nous al­lons mon­trer le bien-fon­dé par la na­tu­re du dit ob­jet. (768)

Al­ler­dings läßt er sich er­ra­ten an­hand der Spur, wie Kant sie in der un­er­bitt­li­chen Fol­ge­rich­tig­keit hin­ter­läßt, mit der er sich be­müht, die­sen Ent­zug auf­zu­zei­gen, ver­dankt ihr doch das Werk jene zwei­fel­los un­schul­di­ge, aber spür­ba­re Ero­tik, die, wie wir zei­gen wer­den, in der Na­tur des be­sag­ten Ob­jek­tes selbst be­grün­det ist. (138)

C’est pour­quoi nous pri­ons que s’arrêtent en ce point même de nos li­gnes, pour les re­prend­re par après, tous ceux de nos lec­teurs qui sont à l’endroit de la Cri­tique dans un rap­port en­core vier­ge, de ne pas l’avoir lue. (768)

Des­halb möch­ten wir ge­ra­de an die­sem Punk­te un­se­rer Aus­füh­run­gen alle die­je­ni­gen un­ter un­se­ren Le­sern, die man­gels Lek­tü­re ein noch jung­fräu­li­ches Ver­hält­nis zur Kri­tik ha­ben, bit­ten in­ne­zu­hal­ten, um hier spä­ter wie­der an­zu­knüp­fen. (138)

 Qu’ils y con­trô­lent si elle a bien l’effet que nous di­sons, nous leur en pro­met­tons en tout cas ce plai­sir qui se com­mu­ni­que de l’exploit. (768)

In­zwi­schen mö­gen sie sich über­zeu­gen, ob sie die Wir­kung hat, von der wir spra­chen, auf alle Fäl­le ver­spre­chen wir ih­nen jene be­son­de­re Lust, die sich ih­nen auf die­se Leis­tung hin über­mit­teln wird. (138)

Les au­tres nous suiv­ront main­ten­ant dans la Phi­lo­so­phie dans le bou­doir, dans sa lec­tu­re tout au mo­ins. (768)

Die an­de­ren wol­len uns nun in die Phi­lo­so­phie im Bou­doir fol­gen, zumin­dest in die Lektüre.(138)

Pam­phlet, s’avère-t-elle, mais dra­ma­tique, où un éc­lai­ra­ge de scè­ne per­met au dia­lo­gue com­me aux ges­tes de se pour­suiv­re aux li­mi­tes de l’imaginable : cet éc­lai­ra­ge s’éteint un mo­ment pour fai­re place, pam­phlet dans le pam­phlet, à un fac­tum in­ti­tu­lé « Français, en­core un ef­fort si vous vou­lez être ré­pu­bli­cains… » (768)

Ein Pam­phlet, wie sich zeigt, aber dra­ma­ti­scher Art, wor­in die Szenen­beleuchtung dem Dia­log wie den Ges­ten er­mög­licht, bis an die Gren­zen des Vor­stell­ba­ren vor­zu­drin­gen. Die­se Sze­nen­be­leuch­tung er­lischt für ei­nen Au­gen­blick, um ei­ner Streit­schrift, Pam­phlet in­ner­halb des Pam­phle­tes, zu wei­chen, die den Ti­tel trägt: «Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn Ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt…»(138)

 Ce qui s’y énon­ce est pour l’ordinaire en­ten­du, si­non ap­pré­cié, com­me une mys­ti­fi­ca­ti­on. (768)

Ge­wöhn­lich glaubt man, aus dem, was hier sich äu­ßert, eine Mystifika­tion her­aus­zu­hö­ren, wenn man es nicht gar aus­drück­lich da­für hält.(138)

 Il n’est pas be­soin d’être aler­té par la por­tée re­con­nue au rêve dans le rêve de poin­ter un rap­port plus pro­che au réel, pour voir dans la dé­ri­si­on ici de l’actualité his­to­ri­que une in­di­ca­ti­on de la même sor­te. (768)

Nur müß­te man nicht ein­mal durch die be­deut­sa­me Rol­le des Traums im Traum ge­warnt sein, der auf grö­ße­re Nähe zum Rea­len zielt, um im Hohn auf die his­to­ri­sche Ak­tua­li­tät hier ein Merk­mal glei­cher Art zu er­ken­nen. (138)

Elle est pa­ten­te, et l’on fera mieux d’y re­gar­der à deux fois. (768)

Es ist of­fen­kun­dig, und man täte bes­ser dar­an, zwei­mal hinzusehen.(138)

Di­sons que le nerf du fac­tum est don­né dans la ma­xi­me à pro­po­ser sa règ­le à la jouis­sance, in­so­li­te à s’y fai­re droit à la mode de Kant, de se po­ser com­me règ­le uni­ver­sel­le. (768)

Der Nerv der Streit­schrift, wenn man so sa­gen darf, tritt in der Ma­xi­me zu­ta­ge, die dem Ge­nie­ßen sei­ne Re­gel vor­schlägt, un­ge­wöhn­lich, weil ihre Recht­set­zung auf Kan­ti­sche Wei­se er­folgt, näm­lich in der Er­he­bung zur all­ge­mei­nen Regel.(138)

 Énonçons la ma­xi­me:
« J’ai le droit de jouir de ton corps, peut me dire qui­con­que, et ce droit, je l’exercerai, sans qu’aucune li­mi­te m’arrête dans le ca­pri­ce des ex­ac­tions que j’aie le goût d’y as­sou­vir. » (768 f.)

Spre­chen wir die­se Ma­xi­me aus:
«Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, kann ein je­der mir sa­gen, und ich wer­de von die­sem Recht Ge­brauch ma­chen, ohne daß ir­gend­ei­ne Schran­ke mich in der Lau­ne der Aus­schrei­tun­gen, die ich Ge­schmack hät­te da­bei zu stil­len, an­hal­ten könnte.»(138 f.)

Tel­le est la règ­le où l’on pré­tend so­u­mett­re la vo­lon­té de tous, pour peu qu’une so­cié­té lui don­ne ef­fet par sa con­train­te. (769)

Das ist die Re­gel, der man die vo­lon­té de tous zu un­ter­wer­fen ge­denkt, so­fern ihr eine Ge­sell­schaft durch Zwang Gel­tung ver­schafft. (139)

Hu­mour noir au mieux, pour tout être rai­son­n­ab­le, à ré­par­tir de la ma­xi­me au con­sen­te­ment qu’on lui sup­po­se. (769)

Für je­des ver­nünf­ti­ge We­sen bes­ten­falls schwar­zer Hu­mor, die­ser Ma­xi­me die Zu­stim­mung zu un­ter­stel­len, die man bei ihr vor­aus­setzt. (139)

Mais out­re que, s’il est quel­que cho­se à quoi nous ait rom­pu la dé­duc­tion de la Cri­tique, c’est à dis­tin­guer le ra­ti­onnel de la sor­te de rai­son­n­ab­le qui n’est qu’un re­cours con­fus au pa­tho­lo­gi­que, nous sa­vons main­ten­ant que l’humour est le trans­fu­ge dans le co­mi­que de la fonc­tion même du « sur­moi ». (769)

Nicht nur, daß, wenn uns die De­duk­ti­on der Kri­tik in ir­gend­was ge­schult hat, dann in der Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Vernünftigen/ra­ti­onnel und der Vernünftelei/rai­son­n­ab­le – die nichts als eine ver­irr­te Zu­flucht zum Pa­tho­lo­gi­schen ist ; in­zwi­schen ha­ben wir au­ßer­dem ge­lernt, daß der Hu­mor der Überläufer/trans­fu­ge der Funk­ti­on des «Über­ich» im Ko­mi­schen ist. (139)

Ce qui, pour ani­mer d’un ava­tar cet­te in­s­tan­ce psy­chana­ly­tique et l’arracher à ce re­tour d’obscurantisme à quoi l’emploient nos con­tem­porains, peut aus­si bien re­le­ver l’épreuve kan­ti­en­ne de la règ­le uni­ver­sel­le du grain de sel qui lui man­que. (769)

Da­mit könn­te die­se psy­cho­ana­ly­ti­sche In­stanz, dem La­by­rinth von Ob­sku­ran­tis­mus ent­ris­sen, in dem un­se­re Zeit­ge­nos­sen den Be­griff ver­wen­den, nicht nur ein we­nig an Lebendig­keit ge­win­nen, son­dern auch die Kan­ti­sche Prü­fung der all­ge­mei­nen Re­gel um je­nes Körn­chen Wür­ze­be­rei­chert wer­den, das ihr fehlt. (139)

Dès lors ne som­mes-nous pas in­cités à prend­re plus au sé­rieux ce qui se pré­sen­te à nous pour ne pas l’être tout à fait? (769)

Sind wir von da­her nicht ge­hal­ten, um so mehr für ernst zu neh­men, was sich uns dar­bie­tet, als es so ernst gar nicht ist? (139)

Nous ne de­man­de­rons pas, on s’en dou­te, s’il faut ni s’il suf­fit qu’une so­cié­té sanc­tion­ne un droit à la jouis­sance en per­met­tant à tous de s’en ré­cla­mer, pour que dès lors sa ma­xi­me s’autorise de l’impératif de la loi mo­ra­le. (769)

Wir fra­gen da­her, wie man wohl sieht, nicht da­nach, ob es von­nö­ten ist oder ge­nügt, daß eine Ge­sell­schaft ein Recht auf Ge­nie­ßen sank­tio­niert, in­dem sie je­der­mann er­laubt, sich dar­auf zu be­ru­fen, da­mit sich sei­ne Ma­xi­me von da an zum Im­pe­ra­tiv des mo­ra­li­schen Ge­set­zes au­to­ri­siert. (139)

Nul­le lé­ga­lité po­si­ti­ve ne peut dé­ci­der si cet­te ma­xi­me peut prend­re rang de règ­le uni­ver­sel­le, puis­que aus­si bien ce rang peut l’opposer éven­tu­el­le­ment à tou­tes. (769)

Kei­ner­lei po­si­ti­ve Le­ga­li­tät ver­mag über die Er­he­bung die­ser Ma­xi­me zum Rang ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel zu ent­schei­den, da eben je­ner Rang sie mög­li­cher­wei­se in Wi­der­spruch zu al­len [Re­geln] brin­gen kann. (139)

Ce n’est pas ques­ti­on qui se tran­che à seu­le­ment l’imaginer, et l’extension à tous du droit que la ma­xi­me in­vo­que n’est pas ici l’affaire. (769)

Das ist kei­ne Fra­ge, die sich an­ders als ima­gi­när ent­schei­den wür­de und die Aus­deh­nung die­ses Rech­tes auf je­der­mann, wie es die Ma­xi­me herbeiruft/in­vo­que, steht nicht zur De­bat­te. (139)

On n’y dé­mon­tre­rait au mieux qu’une pos­si­bi­lité du gé­né­ral, ce qui n’est pas l’universel, le­quel prend les cho­ses com­me el­les se fon­dent et non com­me el­les s’arrangent. (769)

Be­wie­sen wäre da­mit näm­lich bes­ten­falls nur eine Mög­lich­keit ih­rer ge­ne­rel­len Gültigkeit/gé­né­ral, nicht aber ih­rer Allgemeinheit/l’universelle, die die Din­ge be­ur­teilt ge­mäß ih­rer Be­grün­dung und nicht nach ih­rem Ar­ran­ge­ment. (139)

Et l’on ne sau­rait omett­re cet­te oc­ca­si­on de dé­non­cer l’exorbitant du rôle que l’on con­fè­re au mo­ment de la ré­cipro­cité en des struc­tures, no­tam­ment sub­jec­tives, qui y ré­pug­n­ent in­trin­sèque­ment. (769)

Bei die­ser Ge­le­gen­heit sei da­her nicht ver­säumt, die Über­schät­zung der Rol­le an­zu­pran­gern, wie man sie ge­gen­wär­tig dem Mo­ment der Re­zi­pro­zi­tät ins­be­son­de­re im Fal­le sub­jek­ti­ver Struk­tu­ren zu­schreibt, die sich zu­in­nerst da­ge­gen sträu­ben. (139)

La ré­cipro­cité, re­la­ti­on ré­ver­si­ble de s’établir sur une li­gne simp­le à unir deux su­jets qui, de leur po­si­ti­on « ré­ci­pro­que », ti­en­nent cet­te re­la­ti­on pour équi­va­len­te, trouve dif­fi­ci­le­ment à se pla­cer com­me temps lo­gi­que d’aucun fran­chis­se­ment du su­jet dans son rap­port au si­gni­fi­ant, et bien mo­ins en­core com­me étape d’aucun dé­ve­lop­pe­ment, re­cev­a­ble ou non com­me psychi­que (où l’enfant a tou­jours bon dos pour les pla­ca­ges d’intention péd­ago­gi­que). (769 f.)

Die Re­zi­pro­zi­tät, eine um­kehr­ba­re Be­zie­hung, die in Form ei­ner ein­fa­chen Li­nie zwei Sub­jek­te mit­ein­an­der ver­bin­det, die die­se Be­zie­hung auf Grund ih­rer «re­zi­pro­ken» Po­si­ti­on für äqui­va­lent hal­ten, lässt sich nur schwer als lo­gi­sche Zeit ir­gend­ei­ner Über­schrei­tung des Sub­jekts in sei­ner Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten plat­zie­ren, und noch we­ni­ger als Etap­pe ir­gend­ei­ner Ent­wick­lung, ob die­se nun als eine psy­chi­sche auf­fass­bar ist oder nicht (wo­bei stets das Kind dazu her­hält, daß ihm al­les Mög­li­che in päd­ago­gi­scher Ab­sicht an­de­mons­triert wird). (139 f.)

Quoi qu’il en soit, c’est un point à rend­re déjà à not­re ma­xi­me qu’elle peut ser­vir de pa­ra­dig­me d’un énon­cé ex­cluant com­me tel­le la ré­cipro­cité (la ré­cipro­cité et non la char­ge de re­van­che). (770)

Wie dem auch sei, be­reits an die­ser Stel­le läßt sich für un­se­re Ma­xi­me ver­bu­chen, daß sie als Pa­ra­dig­ma ei­ner Aus­sa­ge die­nen kann, die Re­zi­pro­zi­tät schlecht­hin aus­schließt (Re­zi­pro­zi­tät, nicht aber die Ver­pflich­tung sich zu re­van­chie­ren). (140)

Tout ju­ge­ment sur l’ordre in­fâ­me qui in­tro­nis­e­rait not­re ma­xi­me est donc in­dif­fé­rent en la ma­tiè­re, qui est de lui re­con­naît­re ou de lui re­fu­ser le ca­rac­tè­re d’une règ­le re­cev­a­ble com­me uni­ver­sel­le en mo­ra­le, la mo­ra­le de­puis Kant re­con­nue pour une pra­tique in­con­di­ti­on­nel­le de la rai­son. (770)

Jed­we­des Ur­teil über die in­fa­me Ord­nung, die un­se­re Ma­xi­me in­thro­ni­sie­ren wür­de, ist also in­dif­fe­rent, wenn es dar­um geht, die­ser den Cha­rak­ter ei­ner als all­ge­mein­gül­tig an­ge­nom­me­nen Re­gel zu­zu­ge­ste­hen oder zu be­strei­ten, seit die Mo­ral mit Kant als un­be­ding­te Pra­xis der Ver­nunft gilt. (140)

Il faut évi­dem­ment lui re­con­naît­re ce ca­rac­tè­re pour la simp­le rai­son que sa seu­le an­non­ce (son ké­ryg­me) a la ver­tu d’instaurer à la fois – et cet­te réjec­tion ra­di­ca­le du pa­tho­lo­gi­que, de tout égard pris à un bien, à une pas­si­on, voi­re à une com­pas­si­on, soit la réjec­tion par où Kant li­bè­re le champ de la loi mo­ra­le, – et la for­me de cet­te loi qui est aus­si sa seu­le sub­s­tan­ce, en tant que la vo­lon­té ne s’y ob­li­ge qu’à dé­bou­ter de sa pra­tique tou­te rai­son qui ne soit pas de sa ma­xi­me elle-même. (770)

Man wird ihr die­sen Cha­rak­ter schon aus dem ein­fa­chen Grun­de zu­er­ken­nen müs­sen, da ihre blo­ße Kund­ga­be (ihr Ke­ryg­ma) zu­gleich die Kraft hat, sie zu eta­blie­ren – die­se ra­di­ka­le Ab­wei­sung des Pa­tho­lo­gi­schen, jeg­li­cher Rück­sicht auf ein Gut, eine Lei­den­schaft und so­gar auf Mit­leid ist eben jene Ab­wei­sung, durch die Kant das Feld des mo­ra­li­schen Ge­set­zes be­freit –, und da die Form die­ses Ge­setz zu­gleich ihre ein­zi­ge Sub­stanz ist, so­fern sich der Wil­le ihr ver­pflich­tet, ein­zig in­dem er aus sei­nem Han­deln jed­we­den Be­stim­mungs­grund/raison aus­schließt, der nicht aus sei­ner Ma­xi­me sel­ber folgt. (140)

Cer­tes ces deux im­pé­ra­tifs ent­re quoi peut être ten­due, jusqu’au bri­se­ment de la vie, l’expérience mo­ra­le, nous sont dans le pa­ra­do­xe sa­di­en im­po­sés com­me à l’Autre, et non com­me à nous-même. (770)

Zwar sind uns die­se bei­den Im­pe­ra­ti­ve, zwi­schen de­nen sich die mo­ra­li­sche Er­fah­rung bis zum Zer­rei­ßen des Le­bens span­nen läßt, in der Form des Sa­de­schen Pa­ra­do­xons wie vom An­de­ren und nicht wie von uns selbst auf­er­legt. (140)

Mais ce n’est là di­stan­ce que de pre­mier abord, car de fa­çon la­ten­te l’impératif mo­ral n’en fait pas mo­ins, puis­que c’est de l’Autre que son com­man­de­ment nous re­quiert. (770)

In­des be­steht hier nur auf den ers­ten Blick eine Kluft, ver­fährt doch der mo­ra­li­sche Im­pe­ra­tiv auf la­ten­te Wei­se ge­nau­so, da sein Ge­bot als vom An­de­ren her an uns er­geht. (140)

On aper­çoit ici tout nû­ment se ré­vé­ler ce à quoi nous in­tro­du­i­rait la par­odie plus haut don­née de l’universel évi­dent du de­voir du dé­po­si­taire, à sa­voir que la bi­po­la­rité dont s’instaure la Loi mo­ra­le n’est rien d’autre que cet­te ref­en­te du su­jet qui s’opère de tou­te in­ter­ven­ti­on du si­gni­fi­ant : nom­mé­ment du su­jet de l’énonciation au su­jet de l’énoncé. (770)

Hier zeigt sich, wie man sieht, ganz unver­hüllt, wor­auf die am Bei­spiel der Ver­wah­rungs­pflicht des De­po­si­tums of­fen­kun­di­ge Par­odie des All­ge­mei­nen oben erst hin­wei­sen soll­te, daß näm­lich die Bi­po­la­ri­tät, in der das Mo­ra­li­sche Ge­setz sich eta­bliert, nichts wei­ter ist als jene Spal­tung des Sub­jekts, wie sie sich je­des­mal, wenn der Si­gni­fi­kant sich ein­schal­tet, voll­zieht: insbeson­dere zwi­schen dem Sub­jekt des Aus­sa­gens und dem Sub­jekt der Aus­sa­ge. (140)

La Loi mo­ra­le n’a pas d’autre princi­pe. (770)

Das Mo­ra­li­sche Ge­setz hat kein an­de­res Prin­zip. (140)

En­core faut-il qu’il soit pa­tent, sauf à prêter à cet­te mys­ti­fi­ca­ti­on que le gag du « Vive la Po­lo­gne ! » fait sen­tir. (770)

Das gilt es noch ein­mal zu ver­deut­li­chen, ohne je­ner Mys­ti­fi­ka­ti­on statt­zu­ge­ben, wie man sie an­hand des Gag «Es lebe Po­len» ver­spürt. (140 f.)

En quoi la ma­xi­me sa­di­en­ne est, de se pro­non­cer de la bou­che de l’Autre, plus hon­nête qu’à fai­re ap­pel à la voix du dedans, puisqu’elle dé­mas­que la ref­en­te, es­ca­mo­tée à l’ordinaire, du su­jet. (770)

Ge­ra­de weil die Sa­de­sche Ma­xi­me aus dem Mun­de des An­de­ren er­geht, ist sie auf­rich­ti­ger, als wenn sie an die Stim­me im In­nern ap­pel­lie­ren wür­de, da sie die für ge­wöhn­lich un­ter­schla­ge­ne Spal­tung des Sub­jekts de­mas­kiert. (141)

Le su­jet de l’énonciation s’y déta­che aus­si clai­re­ment que du « Vive la Po­lo­gne », où seu­le­ment s’isole ce qu’évoque tou­jours de fun sa ma­ni­fes­ta­ti­on. (770 f.)

Das Sub­jekt des Aus­sa­gens löst sich hier eben­so deut­lich ab wie in «Es lebe Po­len», wo sich nur ab­son­dert, was mit sei­ner Ma­ni­fes­ta­ti­on je­des Mal Hei­ter­keit/fun er­regt. (141)

Qu’on se re­por­te seu­le­ment, pour con­fir­mer cet­te per­spec­tive, à la doc­tri­ne dont Sade lui-même fon­de le règ­ne de son princi­pe. (771)

Man möge sich, um es so zu se­hen, nur die Dok­trin vor Au­gen hal­ten, auf die Sade selbst die Herr­schaft sei­nes Prin­zips grün­det. (141)

C’est cel­le des droits de l’homme. (771)

Es ist die Dok­trin der Men­schen­rech­te. (141)

C’est de ce qu’aucun hom­me ne peut être d’un aut­re hom­me la pro­prié­té, ni d’aucune fa­çon l’apanage, qu’il ne sau­rait en fai­re pré­tex­te à sus­pend­re le droit de tous à jouir de lui cha­cun à son gré [Anm.].

[Anm. JL:] Cf. l’édition de Sade pré­sen­tée, t. III, P- 501–507. (771)

Daß kein Mensch des an­de­ren Ei­gen­tum noch je­mals des­sen Apa­na­ge sein kön­ne, dür­fe er nicht zum Vor­wand neh­men, das Recht al­ler auf­zu­he­ben ihn, je­der nach sei­nem Be­lie­ben, zu ge­nie­ßen. [Anm.]

[Anm. JL:] La Phi­lo­so­phie dans le Bou­doir. In Œv­res com­ple­tes du Mar­quis de Sade. Pa­ris 1966, Bd. 3, S. 501f. (141)

Ce qu’il en sub­i­ra de con­train­te n’est pas tant de vio­lence que de princi­pe, la dif­fi­cul­té pour qui la fait sen­tence, n’étant pas tant de l’y fai­re con­sen­tir que de la pro­non­cer à sa place. (771)

Was ihm da­her an Zwang wi­der­fährt, ge­schieht nicht so sehr aus Ge­walt her­aus, son­dern eher in Kon­se­quenz des Prin­zips, be­steht doch die Schwie­rig­keit für den­je­ni­gen, der die­sen Zwang zum Richt­spruch macht, nicht so sehr dar­in, je­man­den zur Zu­stim­mung zu be­we­gen, als viel­mehr, die­sen Spruch an sei­nem Platz zu fäl­len. (141)

C’est donc bien l’Autre en tant que libre, c’est la li­ber­té de l’Autre, que le dis­cours du droit à la jouis­sance pose en su­jet de son énon­cia­ti­on, et pas d’une fa­çon qui dif­fè­re du Tu es qui s’évoque du fonds tu­ant de tout im­pé­ra­tif. (771)

Es ist also der An­de­re als frei, die Frei­heit des An­de­ren, die der Dis­kurs des Rechts auf Ge­nie­ßen als Sub­jekt sei­nes Aus­sa­gens ein­setzt, und zwar auf eine Wei­se, die sich nicht vom «Du bist»/Tu es [Anm.] un­ter­schei­det, wie sie aus dem mör­de­ri­schen Grun­de ei­nes je­den Im­pe­ra­tivs her­vor­geht. (141)

[Anm. WF: Vgl. dazu Schrif­ten I, S, 226, Anm. 28.– Anm. MW: Tu es (Du bist) ist ho­mo­phon zu tuer (tö­ten).]

Mais ce dis­cours n’est pas mo­ins dé­ter­mi­nant pour le su­jet de l’énoncé, à le sus­ci­ter à chaque adres­se de son équi­vo­que con­te­nu : puis­que la jouis­sance, à s’avouer im­pu­dem­ment dans son pro­pos même, se fait pôle dans un coup­le dont l’autre est au creux qu’elle fore déjà au lieu de l’Autre pour y dres­ser la croix de l’expérience sa­di­en­ne. (771)

Die­ser Dis­kurs ist je­doch nichts­des­to­we­ni­ger de­ter­mi­nie­rend für das Sub­jekt der Aus­sa­ge, in­dem er es bei je­der Adres­sie­rung aus sei­nem äqui­vo­ken In­halt her­vor­ruft: macht doch das Ge­nie­ßen, das in sei­ner Rede be­reits sich scham­los ein­be­kennt, sich zum Pol in ei­nem Paar, bei dem der an­dere sich in der Höh­lung be­fin­det, die es je­weils schon am Ort des An­deren bohrt, um dort das Kreuz der Sa­de­schen Er­fah­rung zu er­rich­ten. (141)

Sus­pen­dons d’en dire le res­sort à rap­pe­ler que la dou­leur, qui pro­jet­te ici sa pro­mes­se d’ignominie, ne fait que re­cou­per la men­ti­on ex­pres­se qu’en fait Kant par­mi les con­no­ta­ti­ons de l’expérience mo­ra­le. (771)

Ehe wir nach de­ren Trieb­fe­der fra­gen, blie­be zu er­wäh­nen, daß der Schmerz, der hier sein Schmach­ver­spre­chen vor­zeich­net, sich nur mit ei­ner aus­drück­li­chen Er­wäh­nung trifft, die Kant un­ter den Kon­no­ta­tio­nen der mo­ra­li­schen Er­fah­rung macht. (141)

Ce qu’elle vaut pour l’expérience sa­di­en­ne se ver­ra mieux de l’approcher par ce qu’aurait de dé­mon­tant l’artifice des Stoïci­ens à son endroit : le mé­pris. (771)

Was er für die Sa­de­sche Er­fah­rung be­deu­tet, zeigt sich am ehes­ten, wenn man ihn in die Nähe des­sen rückt, wo­durch der Kunst­griff der Stoi­ker ent­waff­nend ist: die Ver­ach­tung. (141 f.)

Qu’on ima­gi­ne une re­pri­se d’Epictète dans l’expérience sa­di­en­ne

Man stel­le sich eine Wie­der­auf­nah­me Epik­tets in der Sa­de­schen Er­fah­rung vor. (142)

« Tu vois, tu l’as cas­sée », dit-il en dé­si­gnant sa jam­be. (771)

«Siehst du, du hast es zerbro­chen», sagt er und zeigt auf sein Bein. (142)

Ra­batt­re la jouis­sance à la misè­re de tel ef­fet où tré­bu­che sa re­cher­che, n’est-ce pas la tour­ner en dé­goût? (771)

Wird nicht das Ge­nie­ßen, her­ab­ge­wür­digt auf das Schmäh­li­che ei­ner sol­chen Wir­kung, an der ihr Er­stre­ben ins Strau­cheln ge­rät, in Ekel ver­wan­delt? (142)

En quoi se mont­re que la jouis­sance est ce dont se mo­di­fie l’expérience sa­di­en­ne. (771)

So zeigt sich, daß ge­ra­de im Ge­nie­ßen die Sa­de­sche Er­fah­rung sich mo­di­fi­ziert. (142)

Car elle ne pro­jet­te d’accaparer une vo­lon­té, qu’à l’avoir tra­ver­sée déjà pour s’installer au plus in­ti­me du su­jet qu’elle pro­vo­que au-delà, d’atteindre sa pu­deur. (771)

Trach­tet sie doch nur da­nach, sich ei­nes Wil­lens zu be­mäch­ti­gen, so sie ihn schon durch­quert hat, um sich im In­tims­ten des Sub­jek­tes ein­zu­nis­ten, das sie über al­les Maß/au-delà pro­vo­ziert, um sein Schamgefühl/pu­deur zu er­rei­chen. (142)

Car la pu­deur est am­bocep­ti­ve des con­jonc­tures de l’être ent­re deux, l’impudeur de l’un à elle seu­le faisant le viol de la pu­deur de l’autre. (772)

Das Scham­ge­fühl näm­lich um­faßt die Ver­bin­dun­gen des We­sens in zwie­fa­cher Wei­se / am­bocep­ti­ve: bringt doch schon zwi­schen zwei­en al­lein die Scham­losigkeit des ei­nen es fer­tig, die Scham des An­de­ren zu ver­ge­wal­ti­gen. (142)

Ca­nal à ju­s­ti­fier, s’il le fal­lait, ce que nous avons d’abord pro­du­it de l’assertion, à la place de l’Autre, du su­jet. (772)

Auf die­sem Wege lie­ße sich nö­ti­gen­falls recht­fer­ti­gen, was wir zu­nächst von der Be­haup­tung des Sub­jekts am Platz des An­de­ren zu zei­gen such­ten. (142)

In­ter­ro­ge­ons cet­te jouis­sance pré­cai­re d’être sus­pen­due dans l’Autre à un écho qu’elle ne sus­ci­te qu’à l’abolir à me­s­u­re, d’y joind­re l’intolérable. (772)

Be­fra­gen wir es doch ein­mal nä­her, die­ses pre­kä­re Ge­nie­ßen in sei­ner Flüch­tig­keit, da es im An­dern an ein Echo ge­bun­den ist, wel­ches es, kaum daß es es her­vor­ge­ru­fen hat, schon wie­der zum Ver­stum­men bringt, in­dem es ihm das Un­er­träg­li­che zu­fügt. (142)

Ne nous pa­raî­tel­le pas en­fin ne s’exalter que d’elle-même à la fa­çon d’une aut­re, hor­ri­ble li­ber­té? (772)

Scheint es sich nicht aus­schließ­lich aus sich selbst her­aus nach Art ei­ner zwei­ten, grau­en­haf­ten Frei­heit zu über­stei­gern? (142)

Aus­si bien al­lons-nous voir se dé­cou­vrir ce troi­siè­me ter­me qui, au dire de Kant, fe­rait dé­faut dans l’expérience mo­ra­le. (772)

Da­mit wird sich uns auch je­ner drit­te Ter­mi­nus ent­hül­len, der, nach dem, was Kant sagt, in der mo­ra­li­sche Er­fah­rung feh­len wür­de: (142)

C’est à sa­voir l’objet, que, pour l’assurer à la vo­lon­té dans l’accomplissement de la Loi, il est con­traint de ren­voy­er à l’impensable de la Cho­se-en-soi. (772)

das Ob­jekt näm­lich, das Kant, um es dem Wil­len zu­zu­si­chern in der Er­fül­lung des Ge­set­zes, ge­zwun­gen ist an das Un­denk­ba­re des Din­ges an sich zu­rück­zu­ver­wei­sen. (142)

Cet ob­jet, ne le voi­là-t-il pas, de­scen­du de son in­ac­ces­si­bi­lité, dans l’expérience sa­di­en­ne, et dé­voilé com­me Être-là, Da­sein, de l’agent du tourment? (772)

Die­ses Ob­jekt, ha­ben wir es nicht di­rekt vor uns in der Sa­de­schen Er­fah­rung, aus sei­ner Un­zu­gäng­lich­keit her­ab­ge­stie­gen, ent­hüllt als Da­sein*, als der Agent / das Agens der Qual? (142)

Non sans gar­der l’opacité du trans­cen­dant. (772)

Nicht ohne daß er/es sich das Un­durch­dring­li­che des Tran­szen­den­ten be­wahr­te. (142)

Car cet ob­jet est étran­ge­ment sé­pa­ré du su­jet. (772)

Die­ses Ob­jekt näm­lich ist vom Sub­jekt auf merk­wür­di­ge Art ge­trennt. (142)

Ob­ser­vons que le hé­raut de la ma­xi­me n’a pas be­soin d’être ici plus que point d’émission. (772)

Braucht doch der He­rold der Ma­xi­me nichts wei­ter zu sein als der Punkt, von wo aus die­se er­geht. (142)

Il peut être une voix à la ra­dio, rap­pelant le droit pro­mu du sup­plé­ment d’effort qu’à l’appel de Sade les Français au­rai­ent con­sen­ti, et la ma­xi­me de­ve­nue pour leur Ré­pu­bli­que ré­gé­né­rée Loi or­ga­ni­que. (772)

Wie etwa eine Stim­me im Ra­dio, die an den Durch­hal­teap­pell er­in­nert, dem auf Sa­des Auf­ruf hin die Fran­zo­sen zu­ge­stimmt hät­ten, so­wie an die Ma­xi­me, die mit der Wiedererste­hung ih­rer Re­pu­blik für die­se zum or­ga­ni­schen Ge­setz ge­wor­den wäre.(142 f.)

Tels phé­nomè­nes de la voix, nom­mé­ment ceux de la psy­cho­se, ont bien cet as­pect de l’objet. (772)

Phä­no­me­ne der Stim­me wie die­se, zu­mal die der Psy­cho­se, ha­ben in der Tat die­sen Ob­jekt­cha­rak­ter, (143)

Et la psy­chana­ly­se n’était pas loin en son au­ro­re d’y ré­fé­rer la voix de la con­sci­ence. (772)

und die Psy­cho­ana­ly­se war in ih­ren Anfän­gen nahe dar­an, die Stim­me des Ge­wis­sens dar­auf zu be­zie­hen. (143)

On voit ce qui mo­ti­ve Kant à tenir cet ob­jet pour dé­ro­bé à tou­te dé­ter­mi­na­ti­on de l’esthétique trans­cen­dan­ta­le, en­core qu’il ne man­que pas d’apparaître à quel­que bos­se du voi­le phé­no­mé­nal, n’étant pas sans feu ni lieu, ni temps dans l’intuition, ni sans mode qui se si­tue dans l’irréel, ni sans ef­fet dans la réa­lité : ce n’est pas seu­le­ment que la phé­no­mé­no­lo­gie de Kant fas­se ici dé­faut, c’est que la voix même fol­le im­po­se l’idée du su­jet, et qu’il ne faut pas que l’objet de la loi sug­gè­re une ma­li­gnité du Dieu réel. (772)

So wird denn er­sicht­lich, wie­so Kant mei­nen kann, die­ses Ob­jekt ent­zie­he sich jeg­li­cher Be­stim­mung im Rah­men der tran­szen­den­ta­len Äs­the­tik, ob­wohl es an ei­ner Aus­buch­tung des Schlei­ers der Erscheinun­gen im­mer wie­der er­kenn­bar wird, ist es doch we­der hei­mat­los noch zeit­los in der An­schau­ung, we­der ir­re­al in sei­nem Mo­dus noch wir­kungslos in sei­ner Rea­li­tät: Es ist so nicht nur, weil Kants Phä­no­me­no­lo­gie hier man­gel­haft ist, son­dern weil die Stim­me, selbst wenn sie ver­rückt ist, die Idee ei­nes Sub­jekts auf­drängt und weil das Ob­jekt des Ge­set­zes nicht auf eine Bös­ar­tig­keit des rea­len Got­tes muß schlie­ßen las­sen. (143)

As­su­ré­ment le chris­tia­nis­me a édu­qué les hom­mes à être peu re­gar­d­ants du côté de la jouis­sance de Dieu, et c’est en quoi Kant fait pas­ser son vo­lon­ta­ris­me de la Loi-pour-la-Loi, le­quel en re­met, peut-on dire, sur l’ataraxie de l’expérience stoïci­en­ne. (772)

Zwei­fel­los hat das Chris­ten­tum die Men­schen dazu er­zo­gen, we­nig dar­auf zu ach­ten, wie es mit dem Ge­nie­ßen auf Sei­ten Got­tes steht. Dar­an geht auch Kants Vol­un­ta­ris­mus des Ge­set­zes um des Ge­set­zes wil­len acht­los vor­über, der da­mit, wie man wohl sa­gen darf, die stoi­sche Er­fah­rung an Atara­xie noch über­bie­tet. (143)

On peut pen­ser que Kant y est sous la pres­si­on de ce qu’il en­tend de trop près, non pas de Sade, mais de tel mys­tique de chez lui, en le sou­pir qui étouf­fe ce qu’il ent­re­voit au-delà d’avoir vu que son Dieu est sans fi­gu­re : Grim­mig­keit? (772 f.)

Kant, könn­te man den­ken, steht hier un­ter dem Zwang von et­was, was er, all­zu nahe, wenn auch nicht von Sade, so doch von je­nem Mys­ti­ker in sich ver­nimmt, im Seuf­zer, mit dem er­stickt wird, was er dar­über hin­aus noch flüch­tig er­blick­te, als er sei­nen Gott ohne Ge­sicht sah: Grim­mig­keit?* (143)

Sade dit : Être-su­prê­me-en-mé­chan­ce­té. (773)

Sade sagt: Höchs­tes We­sen in Bos­haf­tig­keit. (143)

Mais pfutt! Schwär­me­rei­en, noirs es­saims, nous vous chas­sons pour re­ve­nir à la fonc­tion de la pré­sence dans le fan­tas­me sa­di­en. (773)

Aber pah! Schwär­me­rei­en*, schwar­ze Schwärme/es­saims hin­weg! Kom­men wir lie­ber auf die Funk­ti­on der Prä­senz im Sa­de­schen Phan­tas­ma zu­rück. (143)

Ce fan­tas­me a une struc­tu­re qu’on re­trou­ve­ra plus loin et où l’objet n’est qu’un des ter­mes où peut s’éteindre la quête qu’il fi­gu­re. (773)

Dies Phan­tas­ma hat eine Struk­tur, von der spä­ter noch die Rede sein wird; in ihr bil­det das Ob­jekt nur ei­nen der Ter­me, wor­in sei­ne phan­tas­ma­ti­sche Su­che ih­ren Still­stand fin­den kann. (143)

Quand la jouis­sance s’y pé­tri­fie, il de­vi­ent le féti­che noir où se re­con­naît la for­me bel et bien of­fer­te en tel temps et lieu, et de nos jours en­core, pour qu’on y ado­re le dieu. (773)

Ver­stei­nert sich das Ge­nie­ßen in ihm, wird es zum schwar­zen Fe­tisch, wor­in die Form, wie sie sich an be­stimm­tem Ort und Zeit­punkt dar­reich­te, sich auch heut­zu­ta­ge noch wie­der­erkennt, auf daß man den Gott in ihm be­wun­de­re. (143)

C’est ce qu’il ad­vi­ent de l’exécuteur dans l’expérience sa­di­que, quand sa pré­sence à la li­mi­te se ré­su­me à n’en être plus que l’instrument. (773)

Eben dies wi­der­fährt dem Hen­ker in der Sa­de­schen Er­fah­rung, wenn sei­ne Prä­senz letzt­lich nur noch dar­in be­steht, das In­stru­ment zu sein.(143)

Mais que sa jouis­sance s’y fige, ne la dé­ro­be pas à l’humilité d’un acte dont il ne peut fai­re qu’il n’y vi­en­ne com­me être de chair, et, jusqu’aux os, serf du plai­sir. (773)

Wenn in­des­sen sein Ge­nie­ßen dar­in auch er­star­ren mag, ent­geht es doch nicht der Er­nied­ri­gung in ei­nem Akt, den er nicht um­hin kann, als ein Ge­schöpf von Fleisch zu voll­zie­hen, bis ins Mark hin­ein Knecht der Lust. (144)

Du­pli­ca­ti­on qui ne re­flè­te, ni ne ré­ci­pro­que (pour­quoi ne mu­tu­el­lerait-elle pas ?) cel­le qui s’est opé­rée dans l’Autre des deux al­té­rités du su­jet. (773)

Eine Ver­dopp­lung, die die Spal­tung, die sich im An­de­ren der bei­den Al­te­ri­tä­ten des Sub­jekts voll­zo­gen hat, we­der spie­gelt noch ihr re­zi­prok ist (war­um soll­te sie sie nicht «vergegenseitigen»?).(144)

Le dé­sir, qui est le sup­pôt de cet­te ref­en­te du su­jet, s’accommoderait sans dou­te de se dire vo­lon­té de jouis­sance. (773)

Das Be­geh­ren, das der Handlanger/sup­pôt die­ser Spal­tung des Sub­jekts ist, wür­de sich zwei­fel­los da­mit zu­frie­den­ge­ben, Wil­le zum Ge­nie­ßen zu hei­ßen. (144)

Mais cet­te ap­pel­la­ti­on ne le ren­drait pas plus di­gne de la vo­lon­té qu’il in­vo­que chez l’Autre, en la ten­tant jusqu’à l’extrême de sa di­vi­si­on d’avec son pa­thos; car pour ce fai­re, il part bat­tu, pro­mis à l’impuissance. (773)

Nur mach­te die­ser Name es des Wil­lens, den es im An­de­ren hervorruft/in­vo­que, nicht wür­di­ger, in­dem er es bis zum Ex­trem der Tei­lung von sei­nem Pa­thos lockt; um dies näm­lich zu tun, geht es ge­schla­gen, der Ohn­macht nahe, da­von. (144)

Puisqu’il part so­u­mis au plai­sir, dont c’est la loi de le fai­re tour­ner en sa vi­sée tou­jours trop court.

Denn das Be­geh­ren star­tet der Lust un­ter­wor­fen, de­ren Ge­setz es dazu be­stimmt, sich in sei­ner Ab­sicht in zu en­gem Ra­di­us dre­hen zu las­sen. (144)

Ho­mé­osta­se tou­jours trop vite re­trou­vée du vi­vant au seuil 1e plus bas de la ten­si­on dont il vi­vo­te. (773)

Ho­möo­sta­se, die sich im­mer wie­der nur all­zu­schnell an der tiefs­ten Schwel­le der Span­nung wie­der­fin­det, an der das Leben­dige da­hin­ve­ge­tiert. (144)

Tou­jours pré­coce la re­tom­bée de l’aile, dont il lui est don­né de pou­voir si­gner la re­pro­duc­tion de sa for­me. (773)

Ewig ver­früht, der Nie­der­schlag des Flü­gels, kraft des­sen es die Re­pro­duk­ti­on sei­ner Form zu si­gnie­ren ver­mag. (144)

Aile pour­tant qui a ici à s’élever à la fonc­tion de fi­gu­rer le lien du sexe à la mort. (773)

Ein Flü­gel gleich­wohl, der sich hier zu er­he­ben hat, um die Ver­bin­dung des Se­xus mit dem Tode zu ver­bild­li­chen. (144)

Lais­sons-la repo­ser sous son voi­le éleu­si­ni­en. (773)

Las­sen wir ihn ru­hen un­ter ei­nem eleu­si­ni­schen Schlei­er. (144)

Le plai­sir donc, de la vo­lon­té là-bas ri­val qui sti­mu­le, n’est plus ici que com­pli­ce dé­fail­lant. (773)

Die Lust also, dort un­ten noch in ih­rem Wett­streit mit dem Wil­len ein An­sporn, ist hier nur mehr ein wan­ken­der Kom­pli­ze. (144)

Dans le temps même de la jouis­sance, il se­rait tout sim­ple­ment hors de jeu, si le fan­tas­me n’intervenait pour le sou­ten­ir de la dis­cor­de même où il suc­com­be. (773)

Selbst in der Zeit des Ge­nie­ßens wäre sie ganz ein­fach aus dem Spiel, grif­fe nicht das Phan­tas­ma ein, um sie durch eben je­nen Zwist zu er­hal­ten, in dem sie un­ter­liegt. (144)

Pour le dire au­tre­ment, le fan­tas­me fait le plai­sir prop­re au dé­sir. (773 f.)

An­ders ge­sagt macht das Phan­tas­ma die ei­gent­li­che Lust­des Be­geh­rens aus. (144)

Et re­venons sur ce que dé­sir n’est pas su­jet, pour n’être nul­le part in­di­ca­ble dans un si­gni­fi­ant de la de­man­de quel­le qu’elle soit, pour n’y être pas ar­ti­cul­ab­le en­core qu’il y soit ar­ti­cu­lé. (774)

Noch ein­mal sei da­her un­ter­stri­chen, daß Be­geh­ren nicht gleich Sub­jekt ist, da es nie­mals durch ei­nen Si­gni­fi­kan­ten des An­spruchs, was im­mer die­ser auch sei, kann be­zeich­net wer­den, da es dar­in nicht artiku­lierbar ist, wenn es auch in ihm ar­ti­ku­liert ist. (144)

La pri­se du plai­sir dans le fan­tas­me est ici aisée à sai­sir. (774)

Das Er­grei­fen der Lust im Phan­tas­ma läßt sich hier mit Leich­tig­keit er­fas­sen. (144)

L’expérience phy­sio­lo­gi­que dé­mont­re que la dou­leur est d’un cy­cle plus long à tous égards que le plai­sir, puisqu’une sti­mu­la­ti­on la pro­vo­que au point où le plai­sir fi­nit. (774)

Wie die phy­sio­lo­gi­sche Er­fah­rung zeigt, durch­läuft der Schmerz ei­nen in je­der Hin­sicht län­ge­ren Zy­klus als die Lust, da der Reiz ihn erst in dem Punkt er­regt, wo die Lust en­det. (144)

Si pro­lon­gée qu’on la sup­po­se, elle a pour­tant com­me le plai­sir son ter­me : c’est l’évanouissement du su­jet. (774)

Wie lan­ge er frei­lich auch dau­ern mag, hat er doch wie die Lust sei­nen End­punkt: das Schwinden/ l’évanuissement des­Sub­jekts. (144 f.)

Tel­le est la don­née vi­ta­le dont le fan­tas­me va pro­fi­ter pour fi­xer dans le sen­si­ble de l’expérience sa­di­en­ne, le dé­sir qui pa­raît dans son agent. (774)

Die­se vi­ta­le Vor­aus­set­zung aber macht sich das Phan­tas­ma zu­nut­ze, um an der emp­find­lichs­ten Stel­le der Sa­de­schen Er­fah­rung das Be­geh­ren zu fi­xie­ren, das in ih­rem Agen­ten er­scheint. (145)

Le fan­tas­me est dé­fi­ni par la for­me la plus gé­né­ra­le qu’il reçoit d’une al­gèb­re con­strui­te par nous à cet ef­fet, soit la for­mu­le ($ ◊ a), où le poinçon p se lit «dé­sir de », à lire de même dans le sens ré­tro­gra­de, in­tro­du­i­sant une iden­tité qui se fon­de sur une non ré­cipro­cité ab­so­lue. (774)

De­fi­nie­ren läßt sich das Phan­tas­ma in der all­ge­meins­ten Form ei­ner Al­ge­bra, die wir ei­gens zu die­sem Zweck ent­wor­fen ha­ben, d. h. die For­mel ($ ◊ a), wor­in das Punz­zei­chen ◊ als «Be­geh­ren der/des» zu le­sen ist, eine For­mel, die man eben­so­gut auch von hin­ten nach vorn le­sen kann, und zwar mit der Ein­füh­rung ei­ner Iden­ti­tät, die auf ab­so­lu­ter Nicht-Re­zi­pro­zi­tät be­ruht. (145)

(Re­la­ti­on cœx­ten­si­ve aux for­ma­ti­ons du su­jet.) (774)

(Eine Re­la­ti­on, die in ih­rem Um­fang den For­ma­tio­nen des Sub­jekts ent­spricht.) (145)

Quoi qu’il en soit, cet­te for­me s’avère par­ti­cu­liè­re­ment aisée á ani­mer dans le cas pré­sent. (774)

Wie es da­mit auch be­stellt sein mag, im vor­lie­gen­den Fall je­den­falls läßt sich die­se Form be­son­ders leicht ver­le­ben­di­gen. (145)

Elle y ar­ti­cu­le en ef­fet le plai­sir au­quel a été sub­sti­tué un in­stru­ment (ob­jet a de la for­mu­le) à la sor­te de di­vi­si­on sou­te­nue du su­jet qu’ordonne l’expérience. (774)

Sie ver­bin­det näm­lich dar­in die Lust, wel­cher ein In­stru­ment (Ob­jekt a der For­mel) substi­tuiert wur­de, mit der Art Spal­tung, die vom Sub­jekt ge­tra­gen wird, wie die Er­fah­rung sie an­ord­net. (145)

Ce qui ne s’obtient qu’à ce que son agent ap­pa­rent se fige en la ri­gi­dité de l’objet, dans la vi­sée que sa di­vi­si­on de su­jet lui soit tout en­t­iè­re de l’Autre ren­voy­ée. (774)

Dies ist mög­lich nur des­halb, weil ihr sicht­ba­rer Agent in der Star­re des Ob­jekts ver­stei­nert, und zwar mit dem Ziel, daß sei­ne Sub­jekt­spal­tung vom An­de­ren her im vol­len Um­fang auf ihn zu­rück­schnellt. (145)

Une struc­tu­re quadri­par­ti­te est de­puis l’inconscient tou­jours exi­gi­ble dans la con­struc­tion d’une or­don­nan­ce sub­jec­tive. (774)

Aus­ge­hend vom Un­be­wuß­ten ist in der Kon­struk­ti­on ei­ner sub­jek­ti­ven An­ord­nung stets eine vier­tei­li­ge Struk­tur er­for­der­lich. (145)

Ce à quoi sa­tis­font nos sché­mas di­dac­tiques. (774)

Dem ent­spre­chen un­se­re di­dak­ti­schen Sche­ma­ta. (145)

Mo­du­lons le fan­tas­me sa­di­en d’un nou­veau de ces sché­mas. (774)

Schema des sadistischen Begehrens

 

Sche­ma I:

Mo­du­lie­ren wir da­her noch ein­mal das Sa­de­sche Phan­tas­ma ge­mäß die­ser Sche­ma­ta:

Sche­ma 1

V: Wil­le (zum Genuß)
[vo­lon­té (de jouis­sance)]
d: Be­geh­ren (dé­sir)

(145)

La li­gne du bas sa­tis­fait à l’ordre du fan­tas­me en tant qu’il sup­por­te l’utopie du dé­sir. (775)

Die un­te­re Li­nie ent­spricht dem Auf­bau des Phan­tas­mas, in­so­weit auf ihm die Uto­pie des Be­geh­rens be­ruht. (145)

La li­gne si­nu­eu­se in­scrit la chaî­ne qui per­met un cal­cul du su­jet. (775)

In der ge­schlän­gel­ten Li­nie ist die Ket­te ver­zeich­net, durch die ein Sub­jekt­kal­kül mög­lich wird. (145)

Elle est ori­en­tée, et son ori­en­ta­ti­on y con­sti­tue un ord­re où l’apparition de l’objet a à la place de la cau­se s’éclaire de l’universel de sa re­la­ti­on à la ca­té­go­rie de la cau­sa­lité, le­quel, à forcer le seuil de la dé­duc­tion trans­cen­dan­ta­le de Kant, in­stau­re­rait sur la che­vil­le de l’impur une nou­vel­le Cri­tique de la Rai­son. (775)

Die­se Li­nie ist ori­en­tiert und ihre Ori­en­tie­rung kon­sti­tu­iert eine Ord­nung, in der sich die Er­schei­nung des Ob­jek­tes a am Platz der Ursache/cau­se aus der All­ge­mein­heit ih­rer Be­zie­hung zur Ka­te­go­rie der Kau­sa­li­tät er­hellt, die, um die Schwel­le der tran­szen­den­ta­len De­duk­ti­on Kants auf­zu­spren­gen, auf dem Pflock des Un­rei­nen eine neue Kri­tik der Ver­nunft be­grün­den wür­de. (145)

Res­te le V qui à cet­te place ten­ant le haut du pavé pa­raît im­po­ser la vo­lon­té do­mi­nant tou­te l’affaire, mais dont la for­me aus­si évo­que la ré­uni­on de ce qu’il di­vi­se en le re­ten­ant en­sem­ble d’un vel, à sa­voir en don­nant à choi­sir ce qui fera le $ (S bar­ré) de la rai­son pra­tique, du S su­jet brut du plai­sir (su­jet «pa­tho­lo­gi­que»). (775)

Bleibt noch das V [Anm.] das an sei­ner her­vor­ra­gen­den Stel­le die Vor­herr­schaft des Wil­lens in die­ser gan­zen Sa­che ge­bie­te­risch scheint zur Gel­tung zu brin­gen, des­sen Form je­doch zu­gleich an die Ver­ei­ni­gung des­sen den­ken lässt, was es spal­tet, in­dem es dies in ei­nem vel zu­sam­men­hält, d.h. in­dem es das zu wäh­len gibt, was aus S, dem ro­hen Sub­jekt der Lust (dem «pathologischen»Subjekt) das bar­rier­te $der prak­ti­schen Ver­nunft ma­chen wird. (146)

[Anm. WF: Fran­zös. V (für vo­lon­té) mit zwei Äs­ten.]

C’est donc bien la vo­lon­té de Kant qui se ren­cont­re à la place de cet­te vo­lon­té qui ne peut être dite de jouis­sance qu’à ex­pli­quer que c’est le su­jet re­con­sti­tué de l’aliénation au prix de n’être que l’instrument de la jouis­sance. (775)

Kants Wil­le also be­fin­det sich an der Stel­le je­nes Wil­lens, der nur Wil­le zum Ge­nie­ßen ge­nannt wer­den kann, um da­mit zu ver­deut­li­chen, daß es das wie­der­her­ge­stell­te Sub­jekt der Ent­frem­dung ist – um den Preis, nur noch In­stru­ment des Ge­nie­ßens zu sein. (146)

Ain­si Kant, d’être mis à la ques­ti­on « avec Sade », c’est-à-dire Sade y faisant of­fice, pour not­re pen­sée com­me dans son sa­dis­me, d’instrument, avoue ce qui tom­be sous le sens du « Que veut-il? » qui dé­sor­mais ne fait dé­faut à per­son­ne. (775)

Da­mit muß Kant, «mit Sade» be­fragt, wo­bei Sade für un­se­ren Ge­dan­ken wie zu­gleich in sei­nem Sa­dis­mus die Rol­le des In­stru­ments spielt, ein­be­ken­nen, was sich auf den Nen­ner je­ner Fra­ge «Was will er?» brin­gen lie­ße, die ja wohl nie­man­dem fremd ist. (146)

Qu’on se ser­ve main­ten­ant de ce gra­phe sous sa for­me suc­cinc­te, pour se re­trou­ver dans la forêt du fan­tas­me, que Sade dans son œu­vre dé­ve­lop­pe sur un plan de sys­tè­me. (775)

Man soll­te sich doch die­ses Gra­phen in sei­ner Kurz-Form be­die­nen, um sich im Wald des Phan­tas­mas zu­recht­zu­fin­den, das Sade in sei­nem Werk in ei­nem Art von Sys­tem ent­wi­ckelt. (146)

On ver­ra qu’il y a une sta­tique du fan­tas­me, par quoi le point d’aphanisis, sup­po­sé en $, doit être dans l’imagination in­dé­fi­ni­ment re­cu­lé. (775)

Wie man se­hen wird, gibt es eine Sta­tik des Phan­tas­mas, wo­nach der in $an­ge­nom­me­ne Punkt der Apha­ni­sis in der Ima­gi­na­ti­on end­los hinaus­geschoben wer­den muß. (146)

D’où la peu croya­ble sur­vie dont Sade dote les vic­times des sé­vices et tri­bu­la­ti­ons qu’il leur in­fli­ge en sa fab­le. (775)

Von da­her die schier un­glaub­li­che Überlebens­kraft, mit der Sade die Op­fer be­gabt, an de­nen er in sei­nen Fa­beln die Miß­hand­lun­gen und Tor­tu­ren ver­übt. (146)

Le mo­ment de leur mort n’y sem­ble mo­ti­vé que du be­soin de les rem­pla­cer dans une com­bi­na­toire, qui seu­le exi­ge leur mul­ti­pli­cité. (775)

Der Au­gen­blick ih­res To­des scheint ein­zig durch das Be­dürf­nis mo­ti­viert, sie in­ner­halb ei­ner Kom­bi­na­to­rik zu er­set­zen, um de­rent­wil­len al­lein es meh­re­rer be­darf. (146)

Uni­que (Jus­ti­ne) ou mul­ti­ple, la vic­time a la mo­no­to­nie de la re­la­ti­on du su­jet au si­gni­fi­ant, en quoi, à se fier à not­re gra­phe, elle con­sis­te. (775)

Ein­zig (Jus­ti­ne) oder in der Mehr­zahl vor­han­den, eig­net dem Op­fer die Mo­no­to­nie der Be­zie­hung des Sub­jekts zum Si­gni­fi­kan­ten, in der die­se, un­se­rem Gra­phen zu­fol­ge, be­steht. (146)

D’être l’objet a du fan­tas­me, se si­tu­ant dans le réel, la trou­pe des tourmen­teurs (voir Ju­li­et­te) peut avoir plus de va­rié­té. (775)

In­dem sie das Ob­jekt a des Phan­tas­mas ist und sich im Rea­len an­sie­delt, kann die Trup­pe der Pei­ni­ger (s. Ju­li­et­te) mehr Va­ria­ti­on ha­ben. (146)

L’exigence, dans la fi­gu­re des vic­times, d’une be­au­té tou­jours clas­sée in­com­pa­ra­ble (et d’ailleurs in­al­té­ra­ble, cf. plus haut), est une aut­re af­fai­re, dont on ne sau­rait s’acquitter avec quel­ques pos­tu­lats ba­naux, bi­en­tôt con­trou­vés, sur l’attrait se­xu­el. (775)

Eine an­de­re Be­wandt­nis hat es mit der For­de­rung, das Ge­sicht der Op­fer müs­se stets von un­ver­gleich­li­cher (und im üb­ri­gen, s.o., unver­wüstli­cher) Schön­heit sein. Und die­ses Pro­blem er­le­digt sich nicht durch ein paar has­tig zu­sam­men­ge­klaub­te All­ge­mein­plät­ze über den se­xu­el­len Reiz. (146 f.)

On y ver­ra plu­tôt la gri­mace de ce que nous avons dé­mon­tré, dans la tra­gé­die, de la fonc­tion de la be­au­té : bar­riè­re ex­trê­me à in­ter­dire l’accès à une hor­reur fon­da­men­ta­le. (775 f.)

Eher zeigt sich dar­in die Gri­mas­se von et­was, was wir schon in (776) der Tra­gö­die an­hand der Funk­ti­on der Schön­heit auf­zeig­ten: die äu­ßers­te Schran­ke, um den Zu­tritt zu ei­nem Be­zirk fun­da­men­ta­len Schre­ckens zu un­ter­sa­gen, (147)

Qu’on son­ge à l’Antigone de So­pho­cle et au mo­ment où y écla­te l’Eros ani­ka­te ma­can[ Anm.].

[Anm. JL:] An­ti­go­ne, v. 781. (776)

man den­ke nur an die An­ti­go­ne des So­pho­kles und den Au­gen­blick, in dem dort der Ερως ἀνίκατε μάχαν aus­bricht. [Anm.]

[Anm. JL:] An­ti­go­ne, V. 781.– [Anm. MW: Erōs ani­ka­te ma­chan.] (147)

Cet­te ex­cur­si­on ne se­rait pas de mise ici, si elle n’introduisait ce qu’on peut ap­pe­ler la dis­cord­ance des deux morts, in­tro­du­i­te par l’existence de la con­dam­na­ti­on. (776)

Die­ser Ex­kurs aber wäre hier fehl am Plat­ze, führ­te er uns nicht zu ei­nem Phä­no­men, das man als die Dis­kor­danz der zwei Tode be­zeich­nen könn­te, die sich aus der Exis­tenz der Ver­ur­tei­lung er­gibt. (147)

L’entre-deux-morts de l’en deçà est es­sen­tiel à nous mon­trer qu’il n’est pas aut­re que ce­lui dont se sou­ti­ent l’au-delà. (776)

Das Zwi­schen-zwei-To­den im Dies­seits ist we­sent­lich, da es uns er­ken­nen läßt, daß auf nichts an­de­rem das Jen­seits be­ruht. (147)

On le voit bien au pa­ra­do­xe que con­sti­tue dans Sade sa po­si­ti­on à l’endroit de l’enfer. (776)

Das zeigt sich deut­lich an der Pa­ra­do­xie in Sa­des Ein­stel­lung zur Höl­le. (147)

L’idée de l’enfer, cent fois ré­fu­tée par lui et mau­di­te com­me mo­y­en de su­jé­ti­on de la ty­ran­nie re­li­gieu­se, re­vi­ent cu­ri­eu­se­ment mo­ti­ver les ges­tes d’un de ses hé­ros, pour­tant des plus fé­rus de la sub­ver­si­on li­ber­ti­ne dans sa for­me rai­son­n­ab­le, nom­mé­ment le hi­deux Saint-Fond [Anm.].

[Anm. JL]: Cf. His­toire de Ju­li­et­te, éd. Jean-Jac­ques Pau­vert, t. II, p. 196 et s. 

(776)

Die Idee der Höl­le, die er wohl hun­dert­mal als Mit­tel der Un­ter­wer­fung un­ter die re­li­giö­se Ty­ran­nei schmäht, kehrt näm­lich auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se in den Ges­ten ei­nes sei­ner Hel­den wie­der, ob­wohl die­ser ein begei­sterter Ver­fech­ter des Sub­ver­si­ven, der Li­ber­ti­na­ge in ih­rer vernunft­gerechten Form, wir mei­nen den greu­li­chen Saint-Fond. [Anm.]

[Anm. JL:] Vgl. His­toire de Ju­li­et­te. Ed. Jean-Jac­ques Pau­vert. Bd. II, S. 196 ff.(147)

Les pra­ti­ques, dont il im­po­se à ses vic­times le sup­pli­ce der­nier, se fon­dent sur la croyan­ce qu’il peut en rend­re pour el­les dans l’au-delà le tourment éter­nel. (776)

Die Prak­ti­ken, mit­tels de­ren er näm­lich sei­nen Op­fern ihre To­des­pein auf­er­legt, be­ru­hen auf dem Glau­ben, er ver­möch­te da­mit für sie im Jen­seits die ewi­ge Qual zu er­wir­ken. (147)

Con­du­i­te dont par son re­cel re­la­tif au re­gard de ses com­pli­ces, et créan­ce dont par son em­barras à s’en ex­pli­quer, le per­son­na­ge sou­li­gne l’authenticité. (776)

Durch ein Ver­hal­ten, das die­se Fi­gur dem Blick ih­rer Kom­pli­cen ver­hehlt und durch die For­de­rung/créance, die sie in Verlegenheit/em­barras ist, nä­her zu er­klä­ren, wird die Au­then­ti­zi­tät hier nur un­ter­stri­chen. (147)

Aus­si bien l’entendons-nous à quel­ques pa­ges de là ten­ter de les rend­re plau­si­bles en son dis­cours par le my­the d’une at­trac­tion ten­dant à ras­sem­bler les « par­ti­cu­les du mal ». (776)

Und ein paar Sei­ten wei­ter er­blickt man sie bei dem Ver­such, die­ses Ver­hal­ten ein we­nig glaub­wür­di­ger zu ma­chen, in­dem sie vom My­thos ei­ner At­trak­ti­on re­det, die dazu ten­die­re, die «Par­ti­kel des Bö­sen» zu ver­sam­meln. (147)

Cet­te in­cohé­rence dans Sade, né­g­li­gée par les sa­dis­tes, un peu ha­gio­gra­phes eux aus­si, s’éclairerait à re­le­ver sous sa plu­me le ter­me for­mel­le­ment ex­pri­mé de la se­con­de mort. (776)

Die­se In­ko­hä­renz bei Sade, der die Sa­dis­ten, auch ihrer­seits ein we­nig ha­gio­gra­phisch, zu we­nig Auf­merk­sam­keit schen­ken, wür­de kla­rer, höbe man den in Sa­des Schrif­ten aus­drück­lich erwähn­ten Ter­mi­nus des zwei­ten To­des her­vor. (147)

Dont l’assurance qu’il en at­tend cont­re l’affreuse rou­ti­ne de la na­tu­re (cel­le qu’à l’entendre ail­leurs, le crime a la fonc­tion de romp­re) exi­gerait qu’elle al­lât à une ex­tré­mité où se re­dou­ble l’évanouissement du su­jet : avec le­quel il sym­bo­li­se dans le vœu que les élé­ments dé­com­po­sés de not­re corps, pour ne pas s’assembler à nou­veau, so­i­ent eux-mê­mes anéan­tis. (776)

Des­sen Ge­wiß­heit aber, auf die Sade ge­gen die schreck­li­che Rou­ti­ne der Na­tur (die, wie es an an­derer Stel­le heißt, durch das Ver­bre­chen durch­kreuzt wer­den soll) sei­ne Er­war­tung setzt, mach­te es er­for­der­lich, bis zu ei­ner Gren­ze vor­zu­sto­ßen, an der das Schwinden/l’évanuissement des Sub­jekts dop­pelt ge­schieht: wo­mit Sade als Wunsch sym­bo­li­siert, daß die aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Be­stand­tei­le un­se­res Kör­pers, da­mit sie sich nicht wie­der aufs neue ver­bin­den, ih­rer­seits end­gül­tig ver­nich­tet wer­den. (147)

Que Freud ce­pen­dant re­con­nais­se le dy­na­mis­me de ce vœu [Anm.] en cer­ta­ins cas de sa pra­tique, qu’il en ré­dui­se très clai­re­ment, trop clai­re­ment peut-être, la fonc­tion à une ana­lo­gie au princi­pe du plai­sir, en l’ordonnant à une « pul­si­on » (de­man­de) « de mort », voi­là ce à quoi se re­fu­se­ra le con­sen­te­ment spé­cia­le­ment de tel qui n’a pu même ap­prend­re en la tech­ni­que qu’il doit à Freud, non plus qu’en ses leçons, que le lan­ga­ge ait d’autre ef­fet qu’utilitaire, ou de pa­ra­de tout au plus.

[Anm. JL:] Dy­na­mis­me sub­jec­tif: la mort phy­si­que don­ne son ob­jet au vœu de la se­con­de mort.

(776 f.)

Wenn Freud in­des­sen die Dy­na­mik die­ses Wun­sches [Anm.] in be­stimm­ten Fäl­len sei­ner Pra­xis an­er­kennt, wo­bei er des­sen Funk­ti­on sehr klar, viel­leicht all­zu klar auf eine Ana­lo­gie zum (777) Lust­prin­zip re­du­ziert, in­dem er es ei­nem «To­des­trieb» (To­des-An­spruch) zu­ord­net, wird die­sem ge­ra­de nicht zu­stim­men kön­nen, wer selbst in der Tech­nik, die er Freud ver­dankt, wie in sei­nen Vor­le­sun­gen nur hat ler­nen kön­nen, die Spra­che habe kei­ne an­de­ren Wir­kun­gen als die der Nütz­lich­keit oder höchs­tens der Pa­ra­de.

[Anm. JL:] Sub­jek­ti­ver Dy­na­mis­mus: dem Wunsch nach dem zwei­ten Tod gibt der phy­si­sche Tod sei­nen Ge­gen­stand.

(148)

 Freud lui sert dans les con­grès. (777)

Ihm frei­lich er­weist sich Freud nütz­lich auf Kon­gres­sen. (148)

Sans dou­te, aux yeux de par­eils fan­to­ches, les mil­li­ons d’hommes pour qui la dou­leur d’exister est l’évidence ori­gi­nel­le pour les pra­ti­ques de sa­lut qu’ils fon­dent dans leur foi au Boud­dha, sont-ils des sous-dé­ve­lop­pés, ou plu­tôt, com­me pour Bu­loz, di­rec­teur de la Re­vue des Deux Mon­des, qui le dit tout net à Ren­an en lui [Anm.] re­fu­sant son ar­ti­cle sur le Boud­dhis­me, ceci après Bur­nouf, soit quel­que part dans les an­nées 50 (du siè­cle der­nier), pour eux n’est-il « pas pos­si­ble qu’il y ait des gens aus­si bêtes que cela ». 

[Anm. JL:] Cf. la pré­face de Ren­an à ses Nou­vel­les éludes d’Histoire re­li­gieu­se de 1884

(777)

Nun sind zwei­fel­los in den Au­gen solch blas­ser Epi­go­nen die Mil­lio­nen von Men­schen, für die der Schmerz zu exis­tie­ren die ers­te Evi­denz für die Prak­ti­ken des Heils ist, die sie auf ih­rem Glau­ben an Bud­dha be­grün­den, un­ter­ent­wi­ckelt. Ja, es mag ih­nen so­gar wie etwa Bu­loz, dem Lei­ter der Re­vue des Deux Mon­des, der es Ren­an [Anm.] ganz un­ver­blümt zu ver­ste­hen gab, als er, wie Bur­nouf be­rich­tet, ir­gend­wann in den fünf­zi­ger Jah­ren (des vo­ri­gen Jahr­hun­derts) des­sen Ar­ti­kel über den Bud­dhis­mus zu­rück­wies, «un­mög­lich» er­schei­nen, «daß es so dum­me Leu­te gibt».

[Anm. JL:] Vgl. das Vor­wort Ren­ans zu sei­nen Nou­vel­les étu­des d’histoire ré­li­gieu­se von 1884. (148)

N’ont-ils donc pas, s’ils cro­i­ent avoir meilleu­re oreil­le que les au­tres psych­ia­tres, en­ten­du cet­te dou­leur à l’état pur mo­de­ler la chan­son d’aucuns ma­la­des qu’on ap­pel­le mé­lan­co­li­ques? (777)

Soll­ten sie denn nicht, wenn sie sich ein­bil­den, ein fei­ne­res Ohr zu ha­ben als die an­de­ren Psych­ia­ter, je ver­nom­men ha­ben, wie die­ser Schmerz im Rein­zu­stand das Kla­ge­lied man­cher Kran­ker mo­del­liert, die man Me­lan­cho­li­ker nennt? (148)

Ni re­cueil­li un de ces rê­ves dont le rê­veur res­te bou­le­ver­sé, d’avoir dans la con­di­ti­on res­sen­tie d’une re­nais­sance in­ta­ris­s­a­ble, été au fond de la dou­leur d’exister? (777)

Oder ei­nen die­ser Träu­me fest­ge­hal­ten ha­ben, der den Träu­mer ver­stört zu­rück­lässt, weil er in dem Zu­stand, in dem er das Ge­fühl ei­ner un­ver­sieg­ba­ren Wie­der­ge­burt er­leb­te, den Grund des Schmer­zes zu exis­tie­ren be­rührt hat­te? (148)

Ou pour re­mett­re à leur place ces tourments de l’enfer qui n’ont ja­mais pu s’imaginer au-delà de ce dont les hom­mes as­su­rent en ce mon­de l’entretien tra­di­ti­on­nel, les ad­ju­re­rons-nous de pen­ser à not­re vie quo­ti­di­en­ne com­me de­vant être éter­nel­le? (777)

Oder soll­ten wir ih­nen, um die­se Höl­len­qua­len, die man sich nie­mals jen­seits des­sen aus­ma­len konn­te, wo­mit die Men­schen hier auf Er­den den ge­wöhn­li­chen Un­ter­halt be­strei­ten, wie­der ge­büh­rend zur Gel­tung zu brin­gen, in­stän­dig vor Au­gen hal­ten, ein­mal zu be­den­ken, wie sich un­ser täg­li­ches Le­ben als ewi­ges Da­sein aus­nimmt? (148)

Il ne faut rien es­pé­rer, même du dé­se­spoir, cont­re une bêti­se, en som­me so­cio­lo­gi­que, et dont nous ne fai­sons état que pour qu’on n’attende au de­hors rien de trop, con­cer­nant Sade, des cer­cles où l’on a une ex­pé­ri­ence plus as­su­rée des for­mes du sa­dis­me. (777)

Nichts, nicht ein­mal die Ver­zweif­lung, be­rech­tigt zu Hoff­nung ge­gen eine letz­ten En­des so­zio­lo­gi­sche Dumm­heit, die hier nur er­wähnt sei, da­mit man drau­ßen nicht über­trie­be­ne Er­war­tun­gen be­züg­lich Sade an Krei­se knüp­fe, in de­nen man eine ge­si­cher­te­re Er­fah­rung der For­men des Sa­dis­mus hat. (148)

No­tam­ment sur ce qui s’en ré­pand d’équivoque, con­cer­nant la re­la­ti­on de ré­ver­si­on qui uni­rait le sa­dis­me à une idée du ma­so­chis­me dont on ima­gi­ne mal au de­hors le pêle-mêle qu’elle sup­por­te. (777)

Das gilt vor al­lem für das, was sich breit macht aus­ge­hend von der Äqui­vo­ka­ti­on be­züg­lich je­ner Um­kehr­be­zie­hung, die den Sa­dis­mus an eine Idee des Ma­so­chis­mus bin­den wür­de, von der man sich drau­ßen nur schwer­lich vor­zu­stel­len ver­mag, was für ein Durch­ein­an­der sich auf ihr auf­baut. (148 f.)

Mieux vaut d’y trou­ver le prix d’une his­to­ri­et­te, fa­meu­se, sur l’exploitation de l’homme par l’homme : dé­fi­ni­ti­on du ca­pi­ta­lis­me on le sait. (777)

Tref­fen­der dürf­te es wohl sein, wenn man da die Poin­te je­nes be­kann­ten Ge­schicht­chens über die Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen wie­der­erkennt: be­kanntlich die De­fi­ni­ti­on des Ka­pi­ta­lis­mus. (149)

Et le so­cia­lis­me alors ? C’est le con­trai­re. (777)

Und der So­zia­lis­mus demzu­folge? Nun, das Ge­gen­teil. (149)

Hu­mour in­vo­lon­taire, c’est le ton dont une cer­tai­ne dif­fu­si­on de la psy­chana­ly­se prend ef­fet. (777)

So un­frei­wil­lig die­ser Hu­mor auch ist, ist dies doch der Ton, in dem eine be­stimm­te Ver­si­on von Psy­cho­ana­ly­se sich ver­brei­tet. (149)

Il fa­sci­ne d’être de plus in­aper­çu. (777)

Und er ver­mag zu fas­zi­nie­ren, weil man ihn gar nicht erst be­merkt. (149)

Il est pour­tant des doc­trin­aires qui font ef­fort pour une toi­let­te plus soi­g­née. (777 f.)

Es sind in­des­sen Dok­tri­nä­re, die sich um eine ge­pfleg­te­re Toi­let­te be­mü­hen. (149)

On y va du bon fai­seur exis­ten­tia­lis­te, ou plus so­bre­ment, du re­ady­ma­de per­son­na­lis­te. (778)

Man geht zum gu­ten exis­ten­tia­lis­ti­schen Aufschneider/fai­seur, oder ein we­nig schlich­ter zum per­so­na­lis­ti­schen re­ady-made. (149)

Cela don­ne que le sa­di­que « nie l’existence de l’Autre ». (778)

Der Sa­dist, so heißt es hier etwa, «ne­gie­re die Exis­tenz des Andern».(149)

C’est tout à fait, on l’avouera, ce qui vi­ent d’apparaître dans not­re ana­ly­se. (778)

Eben dies brach­te zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen un­se­rer Ana­ly­se her­vor. (149)

A la suiv­re, n’est-ce pas plu­tôt que le sa­dis­me re­jet­te dans l’Autre la dou­leur d’exister, mais sans qu’il voie que par ce bi­ais lui-même se mue en un «ob­jet éter­nel», si M. Whitehead veut bien nous re­cé­der ce ter­me ? (778)

Soll­te es sich in­des­sen ihr fol­gend nicht eher so ver­hal­ten, daß der Sa­dis­mus den Schmerz zu exis­tie­ren in den An­de­ren abweist/re­jet­te, nur daß ihm dar­über ent­geht, daß er sich auf die­se Wei­se sei­ner­seits in ein «ewi­ges Ob­jekt» ver­wan­delt, so­fern uns denn Mr. Whitehead den Ge­brauch die­ses Ter­mi­nus ge­stat­tet? (149)

Mais pour­quoi ne nous fe­rait-il pas bien com­mun? (778)

War­um aber soll­te er nicht Ge­mein­gut für uns sein? (149)

N’est-ce pas là, réd­emp­ti­on, âme im­mor­tel­le, le sta­tut du chré­ti­en? (778)

Ist es nicht ge­nau dies, Er­lö­sung, Un­sterb­lich­keit der See­le, das Sta­tut des Chris­ten? (149)

Pas trop vite, pour n’aller pas non plus trop loin. (778)

Aber nicht zu has­tig, sonst wa­gen auch wir uns zu weit vor. (149)

Aper­ce­vons plu­tôt que Sade n’est pas dupé par son fan­tas­me, dans la me­s­u­re où la ri­gueur de sa pen­sée pas­se dans la lo­gi­que de sa vie. (778)

Hal­ten wir lie­ber im Auge, daß Sade von sei­nem Phan­tas­ma nicht getäuscht/dupé ist, in dem Maße, wie näm­lich die Stren­ge sei­nes Den­kens ein­geht in die Lo­gik sei­nes Le­bens. (149)

Car pro­po­sons ici un de­voir à nos lec­teurs. (778)

Wir möch­ten un­se­ren Le­sern da­her an die­ser Stel­le eine Auf­ga­be vor­schla­gen. (149)

La dé­lé­ga­ti­on que Sade fait à tous, dans sa Ré­pu­bli­que, du droit à la jouis­sance, ne se tra­du­it dans not­re gra­phe par au­cu­ne ré­ver­si­on de sy­m­é­trie sur axe ou cent­re quel­con­que, mais seu­le­ment d’un pas de ro­ta­ti­on d’un quart de cer­cle, soit:

Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778

Sché­ma 2:

(778)

Die De­le­ga­ti­on des Rechts auf Ge­nie­ßen an alle, die Sade in sei­ner Re­pu­blik voll­zieht, über­setzt sich in un­se­rem Gra­phen durch kei­ner­lei Um­keh­rung der Sym­me­trie auf der Ach­se oder im Mit­tel­punkt, son­dern al­lein durch eine Vier­tel­dre­hung auf dem Kreis­bo­gen, also:

Sche­ma 2 (149)

V, la vo­lon­té de jouis­sance ne lais­se plus con­tes­ter sa na­tu­re de pas­ser dans la con­train­te mo­ra­le ex­er­cée im­pla­ca­ble­ment par la Pré­si­den­te de Mon­treuil sur le su­jet dont il se voit que sa di­vi­si­on n’exige pas d’être ré­unie dans un seul corps. (778)

Da­mit kann V, dem Wil­len zum Ge­nie­ßen, nicht län­ger be­strit­ten wer­den, daß er sich in mo­ra­li­schen Zwang ver­wan­delt, wie ihn die Pré­si­den­te de Mon­treuil er­bar­mungs­los über das Sub­jekt aus­übt, des­sen Spal­tung sich, wie man sieht, nicht in ei­nem ein­zi­gen Leib ver­ei­nen muß. (150)

(Re­mar­quons que seul le Pre­mier Con­sul scel­le cet­te di­vi­si­on de son ef­fet d’aliénation ad­mi­nis­tra­ti­ve­ment con­fir­mé. [Anm.])

[Anm. JL:] Qu’on n’entende pas que nous fas­si­ons ici cré­dit à la lé­gen­de qu’il soit in­ter­ve­nu per­son­nel­le­ment dans la dé­ten­ti­on de Sade. Cf. Gil­bert Lély, Vie du Mar­quis de Sade, t. II ‚p. 577–580, et la note 1 de la page 58o. 

(778)

(Be­mer­kens­wer­ter­wei­se be­sie­gelt erst der Ers­te Kon­sul die­se Spal­tung als ad­mi­nis­tra­tiv be­stä­tig­te Geis­tes­krank­heit. [Anm.])

[Anm. JL:] Man möge nicht glau­ben, wir schenk­ten hier der Le­gen­de Glau­ben, er hät­te sich in die Ge­fan­gen­schaft Sa­des per­sön­lich ein­ge­schal­tet. Vgl. Gil­bert Lély. Vie du Mar­quis de Sade. Bd. II, S. 577–580, so­wie die An­mer­kung auf der Sei­te 80. [Anm. M.W.: Vgl. Lély, Le­ben und Werk des Mar­quis de Sade, Düs­sel­dorf 1963, S. 428. Die­se An­mer­kung stand bis­lang (auch im frz. Orig.) an der fal­schen Stel­le und war da­her un­ver­ständ­lich.]

(150)

Cet­te di­vi­si­on ici ré­u­nit com­me S le su­jet brut in­car­nant l’héroïsme prop­re au pa­tho­lo­gi­que sous l’espèce de la fi­dé­lité à Sade dont vont té­moi­g­ner ceux qui fu­rent d’abord com­p­lais­ants à ses excès, sa femme, sa bel­le-sœur, – son va­let, pour­quoi pas? –, d’autres dé­voue­ments ef­fa­cés de son his­toire. (778 f.)

Die­se Spal­tung ver­eint sich hier in S, dem ro­hen Sub­jekt, das den He­ro­is­mus (779) ver­kör­pert, der dem Pa­tho­lo­gi­schen ei­gen ist, wie er sich in der Art von Treue zu Sade äu­ßer­te, die von de­nen be­zeugt wur­de, die sich sei­nen Ex­zes­sen zu­nächst aus­setz­ten: sei­ne Frau, sei­ne Schwä­ge­rin – sein Die­ner, war­um nicht? – und an­de­re aus sei­ner Ge­schich­te ge­lösch­te Er­ge­ben­hei­ten. (150)

Pour Sade, l‘$ (S bar­ré), on voit en­fin que com­me su­jet c’est dans sa dis­pa­ri­ti­on qu’il si­gne, les cho­ses ayant été à leur ter­me. (779)

Was schließ­lich Sade selbst, das schräg­ge­stri­che­ne $, an­geht, zeigt sich, daß er erst, nach­dem die Din­ge zu ih­rem Ab­schluß ge­fun­den ha­ben, ih­nen im Verschwinden/dis­pa­ri­ti­on als Sub­jekt sei­nen Stem­pel auf­drückt. (150)

Sade dis­pa­raît sans que rien in­croya­ble­ment, en­core mo­ins que de Shake­speare, nous res­te de son image, après qu’il ait dans son tes­ta­ment or­don­né qu’un four­ré ef­face jusqu’à la trace sur la pierre d’un nom scel­lant son de­s­tin. (779)

Sade ist aus der Welt ge­gan­gen, ohne auch nur das Ge­rings­te, und das ist un­glaublich ge­nug, we­ni­ger noch als Shake­speare, von sei­nem Bil­de hin­terlassen zu ha­ben, nach­dem er in sei­nem Tes­ta­ment ver­fügt hat­te, ein un­durch­dring­li­ches Busch­werk sol­le bis hin zum Schrift­zug auf dem Stein den Na­men ver­de­cken, der sein Schick­sal be­sie­gel­te. (150)

Μὴ φῦναι [Mē phy­nai] [Anm.], ne pas être né, sa malé­dic­tion mo­ins sain­te que cel­le d’Œdipe, ne le por­te pas chez les Dieux, mais s’éternise:

a) dans l’œuvre dont d’un re­vers de main Ju­les Ja­nin nous mont­re l’insubmersible flot­t­a­i­son, la faisant sa­lu­er des li­v­res qui la mas­quent, à l’en cro­i­re, en tou­te di­gne bi­blio­t­hèque, saint Jean Chrys­osto­me ou les Pen­sées.

[Anm. JL] Chœur d’Œdi­pe à Co­lon­ne, v. 1125. 

(779)

Μὴ φῦναι [Mē phy­nai] [Anm. 1], daß man nicht ge­bo­ren wäre, sein Fluch, un­hei­li­ger als der des Ödi­pus, trägt ihn nicht em­por zu den Göt­tern, son­dern ver­ewigt sich:

(a) [Anm. 2] in dem Werk, auf das mit er­le­di­gen­der Hand­ge­bär­de Ju­les Ja­nin weist, wie es sich un­ver­sink­bar über Was­ser hält, in­dem er es zu­gleich von den Bü­chern grü­ßen läßt, die, glaub­te man ihm, wie der hei­li­ge Jo­han­nes Chrys­os­to­mos oder die Pen­sées es in je­der ehr­wür­di­gen Bi­blio­thek ver­de­cken.

[Anm. 1 JL:] Chor des Ödi­pus, V. 1125 [Anm. MW: Mē phy­nai.] (150)

[Anm. 2 MW: Im frz. Ori­gi­nal steht nur: a). Hier in­ter­pre­tiert als Druck­feh­ler für: (a). Vgl. dazu auch All­ouch, p.119.]

Œu­vre en­nuy­eu­se que cel­le de Sade, à vous en­tendre, oui, com­me lar­rons en foi­re, mon­sieur le juge et mon­sieur l’académicien, mais tou­jours suf­fi­san­te à vous fai­re l’un par l’autre, l’un et l’autre, l’un dans l’autre, vous dé­ran­ger [Anm.].

[Anm. JL:] Cf. Mau­rice Gar­çon, l’affaire Sade, J.-J. Pau­vert, 1957. Il cite J. Ja­nin de la Re­vue de Pa­ris de 1834; dans sa plai­doirie p. 84–90. Deu­xiè­me ré­fé­rence p. 62 : J. Coc­teau com­me té­moin écrit que Sade est en­nuyeux, non sans avoir re­con­nu en lui le phi­lo­so­phe et le mo­ra­li­sa­teur.

(779)

Ein lang­wei­li­ges Werk, wie das Sa­des, hört man Euch, ja, Ihr Her­ren Jus­tiz- und Uni­ver­si­täts­rä­te, wie Jahr­markts­die­be mit­ein­an­der tu­scheln, nur ver­mag es im­mer noch bei­de von Euch, dem ei­nen durch den an­de­ren, den ei­nen und den an­de­ren, den ei­nen im an­de­ren auf­zu­stö­ren. [Anm.]

[Anm. JL:] Mau­rice Gar­con. L’affaire Sade. J.-J.Pauvert. 1957. Er zi­tiert Ja­nin nach der Re­vue de Pa­ris von 1834, in sei­ner Ver­tei­di­gungs­re­de, S. 85–90. Zwei­te Be­leg­stel­le, S.62: J. Coc­teau als Zeu­ge schreibt, Sade sei lang­wei­lig, nicht ohne in ihm den Phi­lo­so­phen und Sit­ten­pre­di­ger an­er­kannt zu ha­ben.

(150)

C’est qu’un fan­tas­me est en ef­fet bien dé­ran­ge­ant puisqu’on ne sait où le ran­ger, de ce qu’il soit là, en­t­ier dans sa na­tu­re de fan­tas­me qui n’a réa­lité que de dis­cours et n’attend rien de vos pou­voirs, mais qui vous de­man­de, lui, de vous mett­re en règ­le avec vos dé­sirs. (779)

Denn ein Phan­tas­ma ist in der Tat stö­rend, da man nicht weiß, wo man es ein­ord­nen soll, weil es, ganz und gar Phan­tas­ma, nur im Dis­kurs wirk­lich, ein­fach so da ist und kei­ne An­sprü­che an Eure Fä­hig­kei­ten stellt, Euch hin­ge­gen zumutet/de­man­de, daß Ihr Euch mit Eu­ren Be­geh­ren ins Be­neh­men setzt / mett­re en règ­le. (150 f.)

Que le lec­teur s’approche main­ten­ant avec ré­vé­rence de ces fi­gu­res ex­em­p­lai­res qui, dans le bou­doir sa­di­en, s’agencent et se dé­font en un rite forain. (779)

Wol­le der Le­ser sich nun­mehr ach­tungs­voll je­nen ex­em­pla­ri­schen Figu­ren nä­hern, die nach ei­nem Jahr­markts­ri­tus im Sa­de­schen Bou­doir ihre Ver­bin­dun­gen ein­ge­hen und lö­sen. (151)

« La pos­tu­re se rompt ». (779)

«Die Stel­lung wird ge­löst!» (151)

Pau­se cé­ré­mo­ni­el­le, scan­si­on sa­crée. (779)

Ze­re­mo­ni­el­le Pau­se, wei­he­vol­le Skandierung.(151)

Sa­lu­ez-y les ob­jets de la loi, de qui vous ne sau­rez rien, fau­te de sa­voir com­ment vous re­trou­ver dans les dé­sirs dont ils sont cau­se. (780)

Ge­le­gen­heit, dar­in die Ob­jek­te des Ge­set­zes zu be­grü­ßen, die Euch un­be­kannt blei­ben wer­den, da Ihr un­fä­hig seid, Euch in den Be­geh­ren wie­der­zu­er­ken­nen, de­ren Ur­sa­che sie sind. (151)

Il est bon d’être cha­ri­ta­ble

Mais avec qui ? Voi­là le point. (780)

Gut ist’s, barm­her­zig zu sein
Fragt sich nur, mit wem? Eben das ist der Punkt. (151)

Un nom­mé M. Ver­doux le ré­s­out tous les jours en met­tant des femmes au four jusqu’à ce qu’il pas­se lui-même à la chai­se élec­tri­que. (780)

Ein ge­wis­ser Mon­sieur Ver­doux löst das Pro­blem tag­täg­lich, in­dem er Frau­en in den Ofen steckt, bis er sei­ner­seits auf dem elek­tri­schen Stuhl lan­det. (151)

Il pen­sait que les si­ens dé­si­rai­ent viv­re con­for­ta­bles. (780)

Die Sei­ni­gen, mein­te er, wünsch­ten an­ge­nehm zu le­ben. (151)

Plus éc­lai­ré, le Boud­dha se don­nait à dé­vo­rer à ceux qui ne con­nais­sent pas la rou­te. (780)

Er­leuch­te­ter als er, bot Bud­dha sich den­je­ni­gen zum Fra­ße, die den Weg nicht kann­ten. (151)

Mal­gré cet émi­nent pa­tro­na­ge qui pour­rait bien ne se fon­der que d’un ma­len­ten­du (il n’est pas sûr que la ti­gres­se aime à man­ger du Boud­dha), l’abnégation de M. Ver­doux relè­ve d’une err­eur qui mé­ri­te sé­vé­rité puisqu’un peu de grai­ne de Cri­tique, qui ne coû­te pas cher, la lui eût évitée. (780)

Trotz solch au­ßer­or­dent­li­cher Gön­ner­haf­tig­keit, die mög­li­cher­wei­se nur aus ei­nem Miß­ver­ständ­nis re­sul­tiert (ist es doch kei­nes­wegs si­cher, ob die Ti­ge­rin Bud­dha als Fraß über­haupt mag), liegt auch der Selbst­ver­leug­nung von Mon­sieur Ver­doux ein Irr­tum zu­grunde, der sich mit ei­nem nicht ein­mal teu­ren Quent­chen Kri­tik hät­te ver­mei­den las­sen. (151)

Per­son­ne ne dou­te que la pra­tique de la Rai­son eût été plus éco­no­mi­que en même temps due plus lé­ga­le, les si­ens eus­sent-ils dû la sau­ter un peu. (780)

Nie­mand zwei­felt dar­an, daß die Pra­xis der Ver­nunft öko­no­mi­scher und gleich­zei­tig le­ga­ler ge­we­sen wäre, hät­te er den Sei­ni­gen die Lat­te ein we­nig hö­her ge­legt / les si­ens eus­sent-ils dû la sau­ter un peut. (151)

« Mais que sont, di­rez-vous, tou­tes ces mé­ta­pho­res et pour­quoi… » (780)

Aber wozu“, mag man sich fra­gen, „all die­se Me­ta­phern und was soll’s …“ (151)

Les mo­lé­cu­les, mons­tru­eu­ses à s’assembler ici pour une jouis­sance spin­thrien­ne, nous ré­veil­lent à l’existence d’autres plus or­dinaires à ren­con­trer dans la vie, dont nous venons d’évoquer les équi­vo­ques. (780)

Die­se Mo­le­kü­le, mons­trös in der Art wie sie sich hier zu funkelndem/spin­thrien­ne Ge­nie­ßen zu­sam­men­set­zen, las­sen uns plötz­lich in­ne­wer­den, daß es ih­rer im Le­ben noch an­de­re, ge­wöhn­li­che­re gibt, de­ren Zwei­deu­tig­kei­ten wir uns sœ­ben vor Au­gen führ­ten. (151)

Plus re­spec­ta­bles sou­dain que ces der­niè­res, d’apparaître plus pu­res en leurs va­len­ces. (780)

Plötz­lich sind sie es, die uns ach­tungs­wür­di­ger er­schei­nen als jene, weil näm­lich rei­ner in ih­ren Va­len­zen. (151)

Dé­sirs… ici seuls à les lier, et ex­al­tés d’y rend­re ma­ni­fes­te que le dé­sir, c’est le dé­sir de l’Autre. (780)

Be­geh­ren [pl.] …, hier al­lein, um sie mit­ein­an­der zu ver­bin­den, in all ih­rer Überdrehtheit/ex­al­tés, da­mit ma­ni­fest wer­de, daß das Be­geh­ren das Be­geh­ren des An­de­ren ist. (151)

Si l’on nous a lu jusqu’ici, on sait que le dé­sir plus ex­ac­te­ment se sup­por­te d’un fan­tas­me dont un pied au mo­ins est dans l’Autre, et jus­tement ce­lui qui comp­te, même et sur­tout s’il vi­ent à boi­ter. (780)

Wer uns bis hier­her ge­le­sen hat, weiß, daß sich das Be­geh­ren ge­nau­er auf ein Phan­tas­ma stützt, das ei­nen Fuß zu­min­dest im An­de­ren hat, ge­ra­de den, auf den es an­kommt, auch wenn er, ja vor al­lem, wenn er hinkt. (151 f.)

L’objet, nous l’avons mon­tré dans l’expérience freu­dien­ne, l’objet du dé­sir là où il se pro­po­se nu, n’est que la sco­rie d’un fan­tas­me où le su­jet ne re­vi­ent pas de sa syn­cope. (780)

Das Ob­jekt, wir ha­ben es an­hand der Freud­schen Er­fah­rung ge­zeigt, das Ob­jekt des Be­geh­rens, wo es sich nackt dar­bie­tet, ist nur die Schla­cke ei­nes Phan­tas­mas, wor­in das Sub­jekt aus sei­ner Ohnmacht/syn­cope nicht wie­der zu sich kommt. (152)

C’est un cas de né­cro­phi­lie. (780)

Es ist ein Fall von Ne­kro­phi­lie. (152)

Il va­cil­le de fa­çon com­plé­men­taire au su­jet, dans le cas gé­né­ral. (780)

Es schwankt im ge­ne­rel­len kom­ple­men­tär zum Sub­jekt. (152)

C’est ce en quoi il est aus­si in­sai­sis­sa­ble que se­lon Kant l’est l’objet de la Loi. (780)

Ge­ra­de da­mit er­weist es sich als eben­so un­faß­bar wie der Gegenstand/l’objet des Ge­set­zes nach Kant. (152)

Mais ici poin­te le soupçon que ce rappro­che­ment im­po­se. (780)

Nun­mehr aber mag der Ver­dacht hervortre­ten, wie er sich durch die­se An­nä­he­rung auf­drängt. (152)

La loi mo­ra­le ne re­pré­sen­te-t-elle pas le dé­sir dans le cas où ce n’est plus le su­jet, mais l’objet qui fait dé­faut? (780)

Soll­te das mora­lische Ge­setz nicht das Be­geh­ren in dem Fal­le re­prä­sen­tie­ren, wo nicht das Sub­jekt, son­dern das Ob­jekt es ist, das Fehl macht? (152)

Le su­jet, à y res­ter seul en pré­sence, sous la for­me de la voix, au dedans, sans queue ni tête à ce qu’elle dit le plus sou­vent, ne pa­raît-il pas se si­gni­fier as­sez de cet­te bar­re dont le bâ­tar­de le si­gni­fi­ant $, lâ­ché du fan­tas­me ($ ◊ a) dont il dé­ri­ve, dans les deux sens de ce ter­me? (781)

Scheint nicht das Sub­jekt, das hier al­lein ge­gen­wär­tig zu blei­ben hat, un­ter der Form ei­ner Stim­me, von in­nen, ohne dass Schwanz oder Kopf hät­te, was sie zu­meist sagt, sich hin­läng­lich durch die Bar­re zu be­zeich­nen, durch die der Si­gni­fi­kant es bas­tar­diert$, aus dem Phan­tas­ma ($ ◊ a) her­aus­ge­fal­len, von ihm ab­ge­drif­tet [Anm.] im dop­pel­ten Wort­sinn?

[Anm. MW: Fiet­kau über­setzt mit «ab­künf­tig» und macht dazu die fol­gen­de An­mer­kung.– Anm. WF: Die Dop­pel­sin­nig­keit des Wort­spiels «dont il dé­ri­ve, dans les deux sens du ter­me» läßt sich im Deut­schen kaum mit der­sel­ben Be­deu­tungs­nu­an­ce wiederge­ben. Be­kannt­lich über­setzt La­can ge­le­gent­lich «Trieb» (franz. pul­si­on) mit «La dé­ri­ve».]

(152)

Si ce sym­bo­le rend sa place au com­man­de­ment du dedans dont s’émerveille Kant, il nous dessil­le à la ren­cont­re qui, de la Loi au dé­sir, va plus loin qu’au dé­ro­be­ment de leur ob­jet, pour l’une com­me pour l’autre. (781)

Wenn die­ses Sym­bol sei­nen Platz dem in­ne­ren Ge­bot über­lässt, wor­über Kant sich ent­zückt zeigt, öff­net es uns die Au­gen für eine Be­geg­nung, die, vom Ge­setz zum Be­geh­ren, für eins wie das an­de­re, viel wei­ter geht als nur bis zum Raub ih­res Ob­jekts. (152)

C’est la ren­cont­re où joue l’équivoque du mot li­ber­té : sur laquel­le, à fai­re main bas­se, le mo­ra­lis­te nous pa­raît tou­jours plus im­pu­dent en­core qu’imprudent. (781)

Es ist die­se Be­geg­nung, in der die Zwei­deu­tig­keit des Wor­tes Frei­heit ih­ren Platz hat: wo­bei uns der Mo­ra­list, der sie in Be­schlag neh­men möch­te, im­mer eher scham- als ge­dan­ken­los er­scheint. (152)

Écou­tons plu­tôt Kant lui-même l’illustrer une fois de plus [Anm.]

[Anm. JL:] Bar­ni, p. 17;. C’est la sco­lie du pro­blè­me II (Auf­ga­be) du thé­orè­me 111 du cha­pit­re pre­mier de l’Analytique, éd. Vor­län­der p. 25.

(781)

Hö­ren wir denn lie­ber, wie Kant sie selbst ein wei­te­res Mal exemplifi­ziert.

[Anm. JL:] Es han­delt sich um die An­mer­kung zur zwei­ten Auf­ga­be zum Lehr­satz III im ers­ten Ka­pi­tel der Ana­ly­tik. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 35. [A 54]

(152)

« Sup­po­sez, nous dit-il, que quelqu’un pré­ten­de ne pou­voir ré­sis­ter à sa pas­si­on, lorsque l’objet aimé et l’occasion se pré­sen­tent est-ce que, si l’on avait dres­sé un gi­bet de­vant la mai­son où il trouve cet­te oc­ca­si­on, pour l’y at­ta­cher im­mé­dia­te­ment après qu’il au­rait sa­tis­fait son dé­sir, il lui se­rait en­core im­pos­si­ble d’y ré­sis­ter? (781)

«Set­zet», schreibt er, «daß je­mand von sei­ner wol­lüs­ti­gen Nei­gung vor­gibt, sie sei, wenn ihm der be­lieb­te Ge­gen­stand und die Ge­le­gen­heit dazu vor­kä­men, für ihn ganz un­wi­der­steh­lich, ob, wenn ein Gal­gen vor dem Hau­se, da er die­se Ge­le­gen­heit trifft, auf­ge­rich­tet wäre, um ihn so­gleich nach ge­nos­se­ner Wol­lust dar­an zu knüp­fen, er als­dann nicht sei­ne Nei­gung be­zwin­gen wür­de? (152)

Il n’est pas dif­fi­ci­le de de­vi­ner ce qu’il répondrait.

Man darf nicht lan­ge ra­ten, was er ant­wor­ten wür­de. (152)

Mais si son prince lui or­don­nait, sous pei­ne de mort [Anm., de por­ter un faux té­moi­gna­ge cont­re un hon­nête hom­me qu’il vou­d­rait perd­re au mo­y­en d’un pré­tex­te spé­cieux, re­gar­de­rait-il com­me pos­si­ble de vain­c­re en pareil cas son amour de la vie, si grand qu’il pût être?

[Anm. JL] Le tex­te por­te : d’une mort sans dé­lai.

(781)

Fragt ihn aber, ob, wenn sein Fürst ihm un­ter An­dro­hung der­sel­ben un­ver­zö­ger­ten To­des­stra­fe zu­mu­te­te, ein fal­sches Zeug­nis wi­der ei­nen ehr­li­chen Mann, den er ger­ne un­ter schein­ba­ren Vor­wän­den ver­der­ben möch­te, ab­zu­le­gen, ob er da, so groß auch sei­ne Lie­be zum Le­ben wohl sein mag, sie wohl zu überwin­den für mög­lich hal­te? (152 f.)

S’il le fe­rait ou non, c’est ce qu’il n’osera peut-être pas dé­ci­der, mais que cela lui soit pos­si­ble, c’est ce dont il con­vi­en­dra sans hé­si­ter. (781)

Ob er es tun wür­de oder nicht, wird er viel­leicht sich nicht ge­trau­en zu ver­si­chern; daß es ihm aber mög­lich sei, muß er ohne Be­den­ken ein­räu­men. (153)

Il juge donc qu’il peut fai­re quel­que cho­se par­ce qu’il a la con­sci­ence de le de­voir, et il re­con­naît ain­si en lui-même la li­ber­té qui, sans la loi mo­ra­le, lui se­rait tou­jours de­meu­rée in­con­nue  ». (781)

Er ur­teilt also, daß er et­was kann, dar­um weil er sich be­wußt ist, daß er es soll, und er­kennt in sich die Frei­heit, die ihm sonst ohne das mo­ra­li­sche Ge­setz un­be­kannt ge­blie­ben wäre.» (153)

La pre­miè­re ré­pon­se ici sup­po­sée d’un su­jet dont on nous aver­tit d’abord que chez lui beau­coup se pas­se en pa­ro­les, nous fait pen­ser, qu’on ne nous en don­ne pas la lett­re, quand pour­tant tout est là. (781)

Die ers­te Ant­wort, die hier ei­nem Sub­jekt un­ter­stellt wird, von dem man uns zu­nächst un­ter­rich­tet, dass sich bei ihm vie­les in Form von Wor­ten ab­spielt, lässt uns den­ken, daß man uns de­ren Wort­laut vor­ent­hält, wäh­rend doch al­les da ist. (153)

C’est que, pour la ré­di­ger, on préfè­re s’en re­mett­re à un per­son­na­ge dont nous ris­que­ri­ons en tout cas d’offenser la ver­go­gne, car en au­cun, il ne man­ge­rait de ce pain-là. (781)

Um sie zu re­di­gie­ren, wür­de man sich da­her lie­ber an eine Fi­gur hal­ten, bei der wir auf je­den Fall Ge­fahr lie­fen, die Scham­haf­tig­keit / ver­go­gne zu ver­let­zen, möch­te sie doch auf kei­nen Fall mit die­ser An­ge­le­gen­heit in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den. (153)

C’est à sa­voir ce bour­geois idéal de­vant le­quel ail­leurs, sans dou­te pour fai­re piè­ce à Fon­tenel­le, le cen­ten­aire trop ga­lant, Kant dé­cla­re mett­re cha­peau bas [Anm.].

[Anm. JL:] Cf. p. 253 de la trad. Ba­sai, p. 90 à l’éd. Vor­län­der.

(781 f.)

Denn es han­delt sich um je­nen idea­len Bür­gers, vor dem, wie Kant an an­de­rer Stel­le er­klärt, und zwei­fel­los aus Op­po­si­ti­on zu Fon­tenel­le, dem all­zu ga­lan­ten Hun­dert­jäh­ri­gen, «sein Geist sich bü­cken wür­de» [Anm.]

[Anm. JL:] Vgl. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 90 [A 136].

(153)

Nous dis­pen­se­rons donc le mau­vais gar­çon du té­moi­gna­ge sous ser­ment. (782)

Wir wol­len Kants Strolch da­her da­von ent­bin­den, sei­ne Aus­sa­ge zu be­ei­den. (153)

Mais il se pour­rait qu’un ten­ant de la pas­si­on, et qui se­rait as­sez aveug­le pour y mê­ler le point d’honneur, fît pro­blè­me à Kant, de le forcer à con­sta­ter que nul­le oc­ca­si­on ne pré­ci­pi­te plus sû­re­ment cer­ta­ins vers leur but, que de le voir s’offrir au défi, voi­re au mé­pris du gi­bet. (782)

Es wäre in­des­sen mög­lich, daß ein Ver­fech­ter der Leiden­schaft, blind ge­nug, in der Fra­ge eine Eh­ren­sa­che zu se­hen, Kant in Schwie­rig­kei­ten bräch­te, könn­te er ihn doch zu der Fest­stel­lung nöti­gen, daß be­stimm­te Leu­te durch nichts so si­cher dazu ge­bracht wer­den, sich auf ihr Ziel zu stür­zen, als wenn es sich dar­um han­delt, die Gering­schätzung, so­gar Ver­ach­tung des Gal­gens zu be­wei­sen. (153)

Car le gi­bet n’est pas la Loi, ni ne peut être ici par elle vo­itu­ré. (782)

Denn we­der ist der Gal­gen das Ge­setz noch kann er von die­sem be­för­dert wer­den. (153)

Il n’y a de four­gon que de la po­li­ce, laquel­le peut bien être l’État, com­me on le dit, du côté de He­gel. (782)

Den Gal­gen be­för­dert im­mer die Po­li­zei, die, wie es nach He­gel heißt, wohl der Staat sein kann. (153)

Mais la Loi est aut­re cho­se, com­me on le sait de­puis An­ti­go­ne. (782)

Das Ge­setz aber ist, so­viel weiß man seit An­ti­go­ne, et­was an­de­res. (153)

Kant d’ailleurs n’y cont­re­dit pas par son apo­lo­gue : le gi­bet n’y vi­ent que pour qu’il y at­ta­che, avec le su­jet, son amour de la vie. (782)

Dem wi­der­spricht Kant mit sei­nem Lehr­bei­spiel üb­ri­gens nicht: dem Gal­gen er­teilt er hier nur die Funk­ti­on, daß mit dem Sub­jekt zu­gleich sei­ne Lie­be zum Le­ben dar­an ge­knüpft wer­de. (153)

Or c’est à quoi le dé­sir peut dans la ma­xi­me : Et non prop­ter vi­tam vi­ven­di per­de­re caus­as, pas­ser chez un être mo­ral, et jus­tement de ce qu’il est mo­ral, pas­ser au rang d’impératif ca­té­go­ri­que, pour peu qu’il soit au pied du mur. (782)

Dazu aber kann das Be­geh­ren in der Ma­xi­me: Et non prop­ter vi­tam vi­ven­di per­de­re caus­as bei ei­nem mo­ra­li­schen We­sen wer­den, und ge­ra­de weil es mo­ra­lisch ist, in den Rang ei­nes ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tivs über­ge­hen, wenn es mit dem Rü­cken zur Wand steht. (153)

Ce qui est jus­tement où on le pous­se ici. (782)

So­weit näm­lich wird sie hier ge­trie­ben. (153)

Le dé­sir, ce qui s’appelle le dé­sir suf­fit à fai­re que la vie n’ait pas de sens à fai­re un lâche. (782)

Das Be­geh­ren, das, was sich das Be­geh­ren nennt, ge­nügt, dass das Le­ben nicht den Sinn habe, ei­nen Feig­ling her­vor­zu­brin­gen. (154)

Et quand la loi est vrai­ment là, le dé­sir ne ti­ent pas, mais c’est pour la rai­son que la loi et le dé­sir re­fou­lé sont une seu­le et même cho­se, c’est même ce que Freud a dé­cou­vert. (782)

Doch wenn das Ge­setz wirk­lich da ist, hält das Be­geh­ren nicht stand, aus dem ein­fa­chen Grun­de, daß das Ge­setz und das ver­dräng­te Be­geh­ren ein und das­sel­be sind; und ge­nau das war’s, was Freud ent­deck­te. (154)

Nous mar­quons le point à la mi-temps, pro­fes­seur. (782)

Wir verbu­chen die­sen Punkt bei Halb­zeit für Sie, Pro­fes­sor. (154)

Met­tons not­re suc­cès au ta­bleau de la pié­tail­le, rei­ne du jeu com­me on sait. (782)

Schrei­ben wir denn un­se­ren Er­folg dem Fuß­volk zu, der ei­gent­li­chen Kö­ni­gin im Schach­spiel. (154)

Car nous n’avons fait in­ter­ve­nir ni not­re Ca­va­lier, ce dont nous avi­ons pour­tant beau jeu, puis­que ce se­rait Sade, que nous cro­yons ici as­sez qua­li­fié, – ni not­re Fou, ni not­re Tour, les droits de l’homme, la li­ber­té de pen­sée, ton corps est à toi, ni not­re Dame, fi­gu­re ap­pro­priée à dé­si­gner les prou­es­ses de l’amour cour­tois. (782)

Bis­her näm­lich ha­ben wir we­der un­se­ren Sprin­ger [frz.: Ca­va­lier], mit dem wir eine leich­te Par­tie hät­ten, wäre es doch Sade, den wir hier für ge­eig­net hiel­ten, – noch un­se­ren Läu­fer [frz.: Fou/Narr], noch un­se­ren Turm, die Men­schen­rech­te, die Ge­dankenfreiheit, Dein-Kör­per-ge­hört-Dir, noch un­se­re Dame ins Spiel ge­bracht, eine Fi­gur, wie dazu ge­schaf­fen, die ho­hen Ta­ten der höfi­schen Lie­be zu be­zeich­nen. (154)

C’eût été dé­pla­cer trop de mon­de, pour un ré­sul­tat mo­ins sûr.

Wir hät­ten auf die­se Wei­se für ein min­der ge­wis­ses Re­sul­tat all­zu vie­le Fi­gu­ren von ih­ren Plät­zen ver­scho­ben. (154)

Car si j’arguë que Sade, pour quel­ques ba­di­na­ges, a en­cou­ru en con­nais­sance de cau­se (voir ce qu’il fait de ses « sor­ties », li­ci­tes ou non) d’être em­bas­til­lé du­rant le tiers de sa vie, ba­di­na­ges un peu ap­p­li­qués sans dou­te, mais d’autant plus dé­mons­tra­tifs au re­gard de la ré­com­pen­se, je m’attire Pi­nel et sa pi­nel­le­rie qui rap­p­li­que. (782 f.)

Denn wenn ich ar­gu­men­tier­te, Sade hät­te es für ein paar Tän­de­lei­en in Kennt­nis des Ri­si­kos / en con­nais­sance de cau­se (man ver­ge­gen­wär­ti­ge sich, was er in sei­nen er­laub­ten oder un­zu­läs­si­gen «Frei­gän­gen» an­stell­te) auf sich ge­nom­men, für ein Drit­tel sei­nes Le­bens im Ker­ker zu lan­den, Tän­de­lei­en, die zwei­fels­oh­ne ein we­nig aufgetragen/ap­p­li­qués wa­ren, aber an­ge­sichts des Loh­nes um so de­mons­tra­ti­ver, so hand­le ich mir Pi­nel und sei­ne Pi­nel­le­rie ein, die nun aufkreuzt/rap­p­li­que. (154)

Fo­lie mo­ra­le, opi­ne-t-elle. (783)

Mo­ra­li­sche Toll­heit, meint sie / opi­ne-t-elle. (154)

En tous les cas, bel­le af­fai­re. (783)

Je­den­falls der Auf­re­gung nicht wert. (154)

Me voi­ci rap­pelé à la ré­vé­rence pour Pi­nel à qui nous de­vons un des plus no­bles pas de l’humanité. – (783)

Da­mit ist es an der Zeit, Pi­nel die fäl­li­ge Re­ve­renz zu er­wei­sen, ver­dan­ken wir ihm doch ei­nen der edels­ten Schrit­te der Mensch­heit. – (154)

Trei­ze ans de Cha­ren­ton pour Sade, sont en ef­fet de ce pas. – (783)

Drei­zehn Jah­re Cha­ren­ton für Sade sind je­den­falls die Wir­kung die­ses Schrit­tes. – (154)

Mais ce n’était pas sa place. – (783)

Das aber war nicht Sa­des Platz. – (154)

Tout est là. (783)

Und das ist der sprin­gen­de Punkt. (154)

C’est ce pas même qui l’y mène. (783)

Denn eben je­ner Schritt führ­te ihn dort­hin. (154)

Car pour sa place, tout ce qui pen­se est d’accord là-des­sus, elle était ail­leurs. (783)

Die­ser Platz, dar­über ist al­les, was denkt, sich ei­nig, wäre an­ders­wo ge­we­sen. (154)

Mais voi­là : ceux qui pen­sent bien, pen­sent qu’elle était de­hors, et les bien-pensants, de­puis Roy­er-Col­lard qui le ré­cla­ma à l’époque, la voy­ai­ent au ba­gne, voi­re sur l’échafaud. (783)

Nur ist es so: wäh­rend die gut Den­ken­den / qui pen­sent bien, den­ken, dass die­ser Platz drau­ßen sei, sa­hen ihn die Gut-Den­ker / les bien-pensants [frz. für: Kon­for­mis­ten], seit Roy­er-Col­lard, der dies sei­ner­zeit for­der­te, im Ker­ker oder so­gar auf dem Scha­fott. (154)

C’est jus­tement ce en quoi Pi­nel est un mo­ment de la pen­sée. (783)

Und ge­ra­de dar­in er­weist sich Pi­nel als ein Mo­ment des Den­kens. (154)

Bon gré mal gré, il cau­ti­on­ne l’abattement qu’à droi­te et à gau­che, la pen­sée fait sub­ir aux li­ber­tés que la Ré­vo­lu­ti­on vi­ent de pro­mul­guer en son nom. (783)

Wohl oder übel, er steht für den Abschlag/abat­te­ment ein, den durch das Den­ken, auf der Rech­ten wie auf der Lin­ken, die Frei­hei­ten er­lei­den, die die Re­vo­lu­ti­on in sei­nem Na­men ver­kün­det hat­te. (154)

Car à con­s­idé­rer les droits de l’homme sous l’optique de la phi­lo­so­phie, nous vo­y­ons ap­pa­raît­re ce qu’au res­te tout le mon­de sait main­ten­ant de leur vé­rité. (783)

Denn be­trach­tet man die Men­schen­rech­te un­ter dem Ge­sichts­punkt der Phi­lo­so­phie, zeigt sich als­bald, was in­zwi­schen je­der­mann über ih­re­Wahr­heit weiß. (154 f.)

Ils se ramè­nent à la li­ber­té de dé­si­rer en vain. (783)

Sie las­sen sich zu­rück­füh­ren auf die Frei­heit, ver­geb­lich zu be­geh­ren. (155)

Bel­le jam­be, mais oc­ca­si­on d’y re­con­naît­re not­re li­ber­té de prime-saut de tout à l’heure, et de con­fir­mer que c’est bien la li­ber­té de mour­ir. (783)

ʼS ist für die Katz, aber doch Ge­le­gen­heit, un­se­re ge­ra­de erst ent­sprun­ge­ne Frei­heit zu er­ken­nen und sich zu ver­ge­wis­sern, daß sie die Frei­heit ist, zu ster­ben. (155)

Mais aus­si de nous at­ti­rer le ren­fro­gne­ment de ceux qui la trou­vent peu nut­ri­ti­ve. (783)

Frei­lich auch ein An­laß, bei dem wir uns das Stirn­run­zeln de­rer zuzie­hen, die we­nig Nahr­haf­tes an ihr fin­den. (155)

Nom­breux à not­re épo­que. (783)

Ih­rer gibt es heut­zu­ta­ge vie­le. (155)

Re­nou­vel­le­ment du con­flit des be­so­ins et des dé­sirs, où com­me par ha­sard c’est la Loi qui vide l’écaille. (783)

Eine Neu­auf­la­ge des Kon­flikts zwi­schen Be­dürf­nis­sen und Be­geh­ren, aus dem wie durch Zu­fall das Ge­setz sich speist / vide l’écaille. (155)

Pour la piè­ce à fai­re à l’apologue kan­ti­en, l’amour cour­tois n’offre pas une voie mo­ins ten­tan­te, mais elle exi­ge d’être éru­di­te. (783)

Für die Ent­geg­nung, die ge­gen Kants Lehr­bei­spiel an­zu­brin­gen ist, weist die hö­fi­sche Lie­be kei­nen we­nig ver­füh­re­ri­schen Weg, doch er er­for­dert es, ge­lehrt zu sein. (155)

Être éru­dit par po­si­ti­on, c’est s’attirer les éru­dits, et les éru­dits en ce champ, c’est l’entrée de clowns. (783)

Wer aber sei­ner Stel­lung nach zu den Ge­lehr­ten ge­hört, zieht sei­ner­seits wie­der­um die Ge­lehr­ten an, und die Ge­lehr­ten auf die­sem Ge­biet: das ist der Auf­tritt der Clowns. (155)

Déjà Kant ici pour un rien nous fe­rait perd­re not­re sé­rieux, fau­te qu’il ait le moind­re sens du co­mi­que (à preuve ce qu’il en dit en son lieu). (783)

Viel fehlt schon bei Kant nicht mehr, und er raub­te uns den Ernst, hat er doch (man lese nur nach, was er dar­über ge­le­gent­lich sagt) nicht den ge­rings­ten Sinn für Ko­mik. (155)

Mais quelqu’un qui en man­que, lui, tout à fait ab­so­lu­ment, l’a-t-on re­mar­qué, c’est Sade. (783)

Wenn in­des­sen je­man­dem die­ses Ge­spür fehlt, und zwar durch und durch, ist es, wie man schon merk­te, Sade. (155)

Ce seuil peut-être lui se­rait fa­tal et une pré­face n’a pas été fai­te pour des­ser­vir. (783)

Und die­se Schwel­le könn­te ihm fa­tal wer­den, nur schreibt man kein Vor­wort, um je­man­den rein­zu­le­gen. (155)

Ain­si pas­sons au se­cond temps de l’apologue de Kant. (783)

Kom­men wir denn zum zwei­ten Punkt von Kants Lehr­bei­spiel. (155)

Il n’est pas plus con­cluant à ses fins. (783 f.)

Sei­ne Über­zeu­gungs­kraft ist, ge­mes­sen an sei­ner Ab­sicht, nicht grö­ßer. (155)

Car sup­po­sé que son ilo­te ait le moind­re à pro­pos, il lui de­man­de­ra si par ha­sard il se­rait de son de­voir de por­ter un vrai té­moi­gna­ge, au cas que ce fût le mo­y­en dont le ty­ran pût sa­tis­fai­re son en­vie. (784)

Ge­setzt näm­lich, sein He­lo­te wäre auch nur ein klein we­nig schlag­fer­tig, wür­de man ihn fra­gen kön­nen, ob es zu­fäl­li­ger­wei­se sei­ne Auf­ga­be sei, ein wah­res Zeug­nis zu lie­fern, für den Fall, daß dies das Mit­tel sei, mit dem der Ty­rann sein Ver­lan­gen be­frie­di­gen könn­te. (155)

De­v­rait-il dire que l’innocent est un juif par ex­emp­le, s’il l’est vrai­ment, de­vant un tri­bu­nal, on a vu ça, qui y trouve ma­tiè­re à re­prend­re, – ou en­core qu’il soit athée, quand jus­tement il se pour­rait que lui-même fût hom­me à mieux s’entendre sur la por­tée de l’accusation qu’un con­sis­toire qui ne veut qu’un dos­sier, – et la dé­via­ti­on de « la li­gne », va-t-il la plai­der non cou­pa­ble dans un mo­ment et dans un lieu où la règ­le du jeu est l’autocritique, – et puis quoi? après tout, un in­no­cent est-il ja­mais tout à fait blanc, va-t-il dire ce qu’il sait? (784)

Soll­te er z. B. vor ei­nem Ge­richt, das, wie man es er­lebt hat, dar­an An­stoß nimmt, sa­gen, der Un­schul­di­ge sei ein Jude, wenn er es wirk­lich ist, – oder gar, er sei Athe­ist, für den Fall, daß er selbst sich bes­ser über die Trag­wei­te der An­kla­ge im kla­ren wäre als ein Kon­sis­to­ri­um, das nur auf eine Pro­zeß­ak­te aus ist – oder wird er etwa sei­ne Ab­wei­chung vom «ge­ra­den Wege» in ei­nem Au­gen­blick als un­schul­dig hin­stel­len wol­len, wo die Spiel­re­gel Selbst­kri­tik heißt –, und, nun ja, hat ein Un­schuldiger über­haupt je­mals eine ganz rei­ne Wes­te, wird er sa­gen, was er weiß? (155)

On peut éri­ger en de­voir la ma­xi­me de con­trer le dé­sir du ty­ran, si le ty­ran est ce­lui qui s’arroge le pou­voir d’asservir le dé­sir de l’Autre. (784)

Man kann die Ma­xi­me zur Pflicht er­he­ben, dem Be­geh­ren des Ty­ran­nen sei Wi­der­stand zu leis­ten, soll­te der Ty­rann es sein, der sich die Macht an­maßt, sich das Be­geh­ren des An­de­ren zu un­ter­wer­fen. (155)

Ain­si sur les deux longueurs (et la mé­dia­ti­on pré­cai­re), dont Kant se fait le­vier pour mon­trer que la Loi met en ba­lan­ce non seu­le­ment le plai­sir, mais dou­leur, bon­heur ou aus­si bien pres­si­on de la misè­re, voi­re amour de la vie, tout le pa­tho­lo­gi­que, il s’avère que le dé­sir peut n’avoir pas seu­le­ment le même suc­cès, mais l’obtenir à meilleur droit. (784)

Auf bei­den Ebe­nen (so­wie in der pre­kä­ren Ver­mitt­lung), die Kant zu stem­men sucht, um zu zei­gen, dass das Ge­setz nicht al­lein die Lust, son­dern den Schmerz, das Glück oder auch den Druck des Elends, so­gar die Lie­be zum Le­ben, kurz­um al­les, was pa­tho­lo­gisch ist, auf die Waa­ge legt, er­weist sich, daß das Be­geh­ren nicht nur den­sel­ben Er­folg ha­ben, son­dern ihn auch mit grö­ße­rem Recht erlan­gen kann. (156)

Mais si l’avantage que nous avons lais­sé prend­re à la Cri­tique de l’alacrité de son ar­gu­men­ta­ti­on, de­vait quel­que cho­se à not­re dé­sir de sa­voir où elle vou­lait en ve­nir, l’ambiguïté de ce suc­cès ne peut-il en re­tour­ner le mou­ve­ment vers une ré­vi­si­on des con­ces­si­ons sur­pri­ses ? (784)

Wenn in­des­sen die Gunst, die wir der Kri­tik auf Grund der Mun­ter­keit / l’acrité ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on ein­räum­ten, sich un­se­rem Be­geh­ren schul­det, zu wis­sen wor­auf sie wohl ab­zielt, kann dann nicht die Am­bi­gui­tät je­nes Erfol­ges die Be­we­gung um­keh­ren hin auf eine Re­vi­si­on der über­ra­schen­den Zu­ge­ständ­nis­se? (156)

Tel­le par ex­emp­le la dis­grâce dont un peu vite fu­rent frap­pés tous ob­jets à se pro­po­ser com­me bi­ens, d’être in­ca­pa­bles d’en fai­re l’accord des vo­lon­tés : sim­ple­ment d’y in­tro­du­i­re la com­pé­ti­ti­on. (784)

Wie etwa die Un­gna­de, die sich ein we­nig schnell alle Ob­jek­te zu­zo­gen, so­weit sie sich als gute vor­schlu­gen, näm­lich un­fä­hig zu sein, die Ein­tracht der Wil­len zu­we­ge zu brin­gen, da sie statt des­sen ein­fach de­ren Wett­streit ent­fach­ten. (156)

Ain­si Mi­lan dont Charles-Quint et François ler ont su ce qu’il leur en coû­ta d’y voir le même bien l’un et l’autre. (784)

So im Fall von Mai­land, wor­an Karl V. und Franz I. er­fuh­ren, um wel­chen Preis ein je­der von ih­nen dar­in das­sel­be Gut er­blick­te. (156)

C’est bien là mé­con­naît­re ce qu’il en est de l’objet du dé­sir. (784)

Das hie­ße doch wohl miß­ver­ste­hen, was es mit dem Ob­jekt des Be­geh­rens auf sich hat. (156)

Que nous ne pou­vons in­tro­du­i­re ici qu’à rap­pe­ler ce que nous ens­eignons sur le dé­sir, à for­mu­ler com­me dé­sir de l’Autre, pour ce qu’il est d’origine dé­sir de son dé­sir. (784)

Hier kön­nen wir es nur strei­fen, um in Er­in­ne­rung zu ru­fen, was wir an an­de­rer Stel­le über das Be­geh­ren lehr­ten, als wir es als Be­geh­ren des An­de­ren de­fi­nier­ten, in­so­fern es im­mer schon als Be­geh­ren nach sei­nem Be­geh­ren ent­springt. (156)

Ce qui fait l’accord des dé­sirs con­cev­a­ble, mais non pas sans dan­ger. (784)

Da­mit wür­de die Ein­tracht der Be­geh­ren begreif­bar, frei­lich nicht ohne Ge­fahr. (156)

Pour la rai­son qu’à ce qu’ils s’ordonnent en une chaî­ne qui res­sem­ble à la pro­ces­si­on des aveu­gles de Breu­ghel, cha­cun sans dou­te, a la main dans la main de ce­lui qui le pré­cè­de, mais nul ne sait où tous s’en vont. (784 f.)

In­so­fern sich die­se näm­lich zu ei­ner Ket­te glie­dern, ähn­lich der Pro­zes­si­on (785) der Blin­den bei Breu­ghel, in der ein je­der zwar sei­ne Hand in der Hand des­sen hat, der vor ihm geht, nur daß kei­ner weiß, wo­hin alle ge­hen. (156)

Or à reb­rous­ser che­min, tous font bien l’expérience d’une règ­le uni­ver­sel­le, mais pour n’en pas sa­voir plus long. (785)

Alle ma­chen da­her, keh­ren sie um, die Er­fah­rung ei­ner all­ge­mei­nen Re­gel, nur wis­sen sie da­mit nicht wei­ter. (156)

La so­lu­ti­on con­for­me à la Rai­son pra­tique se­rait-elle qu’ils tour­nent en rond? (785)

Soll­te die der prak­ti­schen Ver­nunft kon­for­me Lö­sung dar­in be­stehen, dass sie im Krei­se mar­schie­ren? (156)

Même man­quant, le re­gard est bien là ob­jet à pré­sen­ter à chaque dé­sir sa règ­le uni­ver­sel­le, en ma­té­ria­li­sant sa cau­se, en y li­ant la di­vi­si­on « ent­re cent­re et ab­sence » du su­jet. (785)

Noch da, wo er fehlt, ist der Blick sehr wohl Ob­jekt, das je­dem Be­geh­ren sei­ne all­ge­mei­ne Re­gel prä­sen­tiert, sei­ne Ur­sa­che ma­te­ria­li­sie­rend, in­dem er hier die Spal­tung «zwi­schen Zen­trum und Ab­we­sen­heit» des Sub­jekts ver­bin­det. (156)

Te­nons-nous-en dès lors à dire qu’une pra­tique com­me la psy­chana­ly­se, qui re­con­naît dans le dé­sir la vé­rité du su­jet, ne peut mé­con­naît­re ce qui va suiv­re, sans dé­mon­trer ce qu’elle re­foule. (785)

An die­ser Stel­le sei nur so­viel ge­sagt, daß eine Pra­xis wie die Psy­cho­ana­ly­se, die im Be­geh­ren die Wahr­heit des Sub­jek­tes er­kennt, die Fol­gen­die­ser Ein­sicht nicht ver­ken­nen kann, ohne sich dar­über aus­zu­wei­sen, was sie ver­drängt. (156 f.)

Le dé­p­lai­sir y est re­con­nu d’expérience pour don­ner son pré­tex­te au re­fou­le­ment du dé­sir, à se pro­du­i­re sur la voie de sa sa­tis­fac­tion : mais aus­si bien pour don­ner la for­me que prend cet­te sa­tis­fac­tion même dans le re­tour du re­fou­lé. (785)

Die Un­lust ist dort an­er­kannt als Er­fah­rung, die ei­nen Vor­wand für die Ver­drängung des Be­geh­rens lie­fert, in­so­fern sie auf dem Wege sei­ner Be­frie­di­gung ent­steht: zu­gleich aber als die Form, die die­se Befrie­digung selbst in der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten an­nimmt. (157)

Sem­bla­ble­ment le plai­sir re­dou­ble-t-il son aver­si­on à re­con­naît­re la loi, de sup­por­ter le dé­sir d’y sa­tis­fai­re qu’est la dé­fen­se. (785)

Sol­cher­art ver­stärkt die Lust ihre Aver­si­on, das Ge­setz an­zu­er­ken­nen, in­dem sie das Be­geh­ren, es zu be­frie­di­gen – das Ab­wehr ist – un­ter­stützt. (157)

Si le bon­heur est agré­ment sans rup­tu­re du su­jet à sa vie, com­me le dé­fi­nit très clas­si­que­ment la Cri­tique [Anm.], il est clair qu’il se re­fu­se à qui ne re­non­ce pas à la voie du dé­sir.

[Anm. JL:] Thé­orè­me II du cha­pit­re pre­mier de l’Analytique, dans l’éd. Vor­län­der, p. 25, tout à fait im­pro­pre­ment tra­du­it par Bar­ni, p. 159.

(785)

Wenn das Glück des Sub­jekts in ei­ner sein gan­zes Da­sein un­un­ter­bro­chen be­glei­ten­den An­nehmlichkeit des Le­bens be­steht, wie die Kri­tik [Anm.] sehr klas­sisch de­fi­niert, wird es sich evi­den­ter­wei­se demjeni­gen ver­wei­gern, der nicht vom Weg des Be­geh­rens ab­läßt.

[Anm. JL:] Lehr­satz II des ers­ten Ka­pi­tels der Ana­ly­tik. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 25 [A 41]

(157)

Ce re­non­ce­ment peut être vou­lu, mais au prix de la vé­rité de l’homme, ce qui est as­sez clair par la ré­pro­ba­ti­on qu’ont en­cou­rue de­vant l’idéal com­mun les Epi­cu­ri­ens, voi­re les Stoïci­ens. (785)

Die­ser Ver­zicht kann wil­lent­lich ge­leis­tet wer­den, nur wird er da­mit er­kauft, daß der Mensch sei­ne Wahr­heit preis­gibt, was sich ziem­lich deut­lich an der Ab­leh­nung zeigt, auf die die Epi­ku­rä­er und so­gar die Stoi­ker bei den An­hän­gern der ge­wöhn­li­chen Le­bens­vor­stel­lung stie­ßen. (157)

Leur atara­xie de­sti­tue leur sa­ges­se. (785)

Ihre Atara­xie de­sti­tu­iert ihre Weis­heit. (157)

On ne leur ti­ent au­cun comp­te de ce qu’ils ab­aissent le dé­sir; car non seu­le­ment on ne ti­ent pas la Loi pour re­mon­tée d’autant, mais c’est par là, qu’on le sa­che ou non, qu’on la sent je­tée bas. (785)

Daß sie das Be­geh­ren her­ab­set­zen, ist ih­nen nicht als Ver­dienst an­zu­rech­nen. Denn man er­weist dem Ge­setz nicht da­durch Ge­hor­sam, daß man es auf ei­nen so ho­hen So­ckel stellt, da­durch viel­mehr, man mag es wis­sen oder nicht, fühlt man es ent­wer­tet. (157)

Sade, le ci-de­vant, re­prend Saint-Just là où il faut. (785)

Sade, der Ci-de­vant, rückt, wo dies fäl­lig wird, St. Just zu­recht. (157)

Que le bon­heur soit de­ve­nu un fac­teur de la po­li­tique est une pro­po­si­ti­on im­prop­re. (785)

Daß das Glück zu ei­nem Fak­tor der Po­li­tik ge­wor­den sei, ist eine schie­fe Be­haup­tung (157)

Il l’a tou­jours été et ramè­ne­ra le scept­re et l’encensoir qui s’en ac­com­mo­dent fort bien. (785)

Denn das war es stets, und es führ­te nur zur Rück­kehr von Zep­ter und Weih­rauch­faß, die sich vor­züg­lich da­mit ver­tra­gen. (157)

C’est la li­ber­té de dé­si­rer qui est un fac­teur nou­veau, non pas d’inspirer une ré­vo­lu­ti­on, c’est tou­jours pour un dé­sir qu’on lut­te et qu’on meurt, mais de ce que cet­te ré­vo­lu­ti­on veuil­le que sa lut­te soit pour la li­ber­té du dé­sir. (785)

Neu ist viel­mehr ein an­de­rer Fak­tor, die Frei­heit zu be­geh­ren, und neu nicht etwa, weil er eine Re­vo­lu­ti­on aus­löst, kämpft oder stirbt man doch stets um ei­nes Be­geh­rens wil­len, son­dern weil die­se Re­vo­lu­ti­on aus dem Wil­len ent­springt, ih­ren Kampf um die Frei­heit des Be­geh­rens zu füh­ren. (157)

Il en ré­sul­te qu’elle veut aus­si que la loi soit libre, si libre qu’il la lui faut veuve, la Veuve par ex­cel­lence, cel­le qui en­vo­ie vot­re tête au pa­nier pour peu qu’elle bron­che en l’affaire. (785 f.)

Dar­aus folgt zu­gleich ihr Wil­le, daß das Ge­setz frei sei, so frei, daß sie es als Wit­we braucht, und zwar der Wit­we par ex­cel­lence, jene, die Eu­ren Kopf in den Korb schickt, so­bald er sich nur regt in die­ser An­ge­le­gen­heit. (157)

La tête de Saint-Just fût-elle res­tée ha­bitée des fan­tas­mes d’Organt, il eût peut-être fait de Ther­mi­dor son triom­phe. (786)

Der Kopf St. Justs,  hät­te er den Phan­tas­men Or­gants in sei­nem Kopf wei­ter­hin Platz ge­währt, er hät­te den Ther­mi­dor viel­leicht zu sei­nem Tri­umph ge­macht. (157)

Le droit à la jouis­sance s’il était re­con­nu, relé­guer­ait dans une ère dès lors pé­ri­mée, la do­mi­na­ti­on du princi­pe du plai­sir. (786)

Fän­de das Recht auf Ge­nie­ßen An­er­ken­nung, wür­de es die Herr­schaft [158] des Lust­prin­zips in eine fort­hin ab­ge­lau­fe­ne Epo­che ab­schie­ben. (157 f.)

A l’énoncer, Sade fait glis­ser pour cha­cun d’une frac­tu­re im­per­cep­ti­ble l’axe an­ci­en de l’éthique : qui n’est rien d’autre que l’égoïsme du bon­heur. (786)

Um es aus­zu­spre­chen, Sade bringt durch ei­nen un­merk­li­chen Bruch die alte Ach­se der Ethik für je­den ins Glei­ten: sie ist nichts an­de­res als der Ego­is­mus des Glücks. (158)

Dont on ne peut dire que tou­te ré­fé­rence en soit étein­te cher. (786)

Von ihr kann man nicht sa­gen, dass bei Kant alle Re­fe­renz auf sie er­lo­schen sei, (158)

Kant à la fa­mi­lia­rité même dont elle lui fait com­pa­gnie, et plus en­core aux re­je­tons qu’on en sai­sit dans les exi­gen­ces dont il ar­gue aus­si bien pour une ré­tri­bu­ti­on dans l’au-delà que pour un pro­grès ici-bas. (786)

an­ge­sichts der Ver­traut­heit, mit der er sie auf­nimmt, oder mehr noch an­ge­sichts der Ab­le­ger, die wir von ihr in den Er­for­der­nis­sen sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on er­fas­sen, die so­wohl eine Be­loh­nung im Jen­seits als auch ei­nen Fort­schritt auf Er­den gel­tend macht. (158)

Qu’un aut­re bon­heur s’entrevoie dont nous dî­mes le nom d’abord, et le sta­tut du dé­sir chan­ge, im­po­sant son réex­amen. (786)

Möge sich uns denn ein an­de­res Glück zei­gen, des­sen Na­men wir ein­gangs nann­ten, und der Sta­tus des Be­geh­rens än­dert sich, zwingt uns, ihn noch ein­mal zu un­ter­su­chen. (158)

Mais c’est ici que quel­que cho­se doit se ju­ger. (786)

Hier aber wird eine Be­ur­tei­lung fäl­lig. (158)

Jusqu’où Sade nous mène-t-il dans l’expérience de cet­te jouis­sance, ou seu­le­ment de sa vé­rité? (786)

Bis wo­hin führt Sade uns in der Er­fah­rung die­ses Ge­nie­ßens oder auch nur sei­ner Wahr­heit? (158)

Car ces py­ra­mi­des hu­mai­nes, fa­bu­leu­ses à dé­mon­trer la jouis­sance en sa na­tu­re de cas­ca­de, ces buf­fets d’eau du dé­sir édi­fiés pour qu’elle iri­se les jard­ins d’Este d’une vo­lup­té ba­ro­que, plus haut en­core la fe­rai­ent-ils sourd­re dans le ciel, que plus pro­che nous at­ti­re­rait la ques­ti­on de ce qui est là ru­is­selant. (786)

Denn die­se Men­schen­py­ra­mi­den, fa­bel­haft, wie sie das Kaskaden­hafte des Ge­nie­ßens dar­tun, Was­ser­spie­le des Be­geh­rens, er­rich­tet um die Gär­ten der Este in ba­ro­cker Wol­lust schil­lern zu las­sen, hö­her noch wür­den sie sie gen Him­mel schie­ßen las­sen, nur um uns in den Bann der Fra­ge zu zie­hen, was es ei­gent­lich ist, das da hin­ab­sprüht. (158)

Des im­pré­vi­si­bles quan­ta dont l’atome amour-hai­ne se moi­re au voi­si­na­ge de la Cho­se d’où l’homme émer­ge par un cri, ce qui s’éprouve, pas­sées cer­tai­nes li­mi­tes, n’a rien à fai­re avec ce dont le dé­sir se sup­por­te dans le fan­tas­me qui jus­tement se con­sti­tue de ces li­mi­tes. (786)

Un­ab­seh­ba­re Quan­ten, de­ren Atom, Haß­lie­be, in der Nach­bar­schaft des Dings, aus dem der Mensch mit ei­nem Schrei auf­taucht, zu Moi­ré wird, wor­an sich er­weist, be­stimm­te Schran­ken über­tre­ten ha­ben, das hat nichts zu tun mit dem, was das Be­geh­ren im Phan­tas­ma stützt, das sich ge­ra­de durch jene Schran­ken kon­sti­tu­iert. (158)

Ces li­mi­tes, nous sa­vons que dans sa vie Sade est pas­sé au-delà. (786)

Über sie ist Sade, wie wir wis­sen, in sei­nem Le­ben hin­aus­ge­gan­gen. (158)

Et cet­te épu­re de son fan­tas­me dans son œu­vre, sans dou­te ne nous l’aurait-il pas don­née au­tre­ment. (786)

An­ders hät­te er uns zwei­fel­los nicht die­sen Auf­riss sei­nes Phan­tas­mas in sei­nem Werk ge­ge­ben. (158)

Peut-être éton­ne­rons-nous à mett­re en ques­ti­on ce que de cet­te ex­pé­ri­ence réel­le, l’uvre tra­du­i­rait aus­si. (786)

Es mag er­stau­nen, wenn wir in Fra­ge stel­len, was zu­dem von die­ser rea­len Er­fah­rung das Werk über­mit­telt. (158)

A nous en tenir au bou­doir, pour un aper­çu as­sez vif des sen­ti­ments d’une fil­le en­vers sa mère, il res­te que la mé­chan­ce­té, si jus­tement si­tuée par Sade dans sa trans­cen­dance, ne nous ap­prend pas ici beau­coup de nou­veau sur ses mo­du­la­ti­ons de cœur. (786 f.)

Be­schrän­ken wir uns aufs Bou­doir zwecks ei­ner kur­zen, nach­drück­li­chen Be­mer­kung über die Ge­füh­le, die eine Toch­ter für ihre Mut­ter hegt, dann kann man wohl sa­gen, daß die Bos­heit, die Sade so tref­fend in ih­rer Tran­szen­denz er­faßt, uns hier nicht viel Neu­es über ihre Schwan­kun­gen des Her­zens lehrt. (158)

Une œu­vre qui se veut mé­chan­te ne sau­rait se per­mett­re d’être une mé­chan­te œu­vre, et il faut dire que la Phi­lo­so­phie prête à cet­te poin­te par tout un côté de bon­ne œu­vre. (787)

Ein Werk, das bös­ar­tig sein will, soll­te es sich nicht er­lau­ben, ein bös­ar­ti­ges Werk zu sein, und die­ser Poin­te kommt die Phi­lo­so­phie al­ler­dings entge­gen, steckt in ihr doch ein gut Teil von ei­nem «gu­ten» Werk. (158)

Ça prêche un peu trop là-dedans. (787)

Ein we­nig zu viel Pre­digt­ton dar­in. (158)

Sans dou­te est-ce un traité de l’éducation des fil­les [Anm.] et so­u­mis com­me tel aux lois d’un gen­re.

[Anm. JL:] Sade l’indique ex­pres­sé­ment dans son tit­re com­plet. 

(787)

Zwei­fel­los ist es ein Trak­tat zur Er­zie­hung der Mäd­chen [Anm.] und als sol­cher den Ge­set­zen ei­ner Gat­tung un­ter­wor­fen.

[Anm. JL:] Sade weist in sei­nem voll­stän­di­gen Ti­tel aus­drück­lich dar­auf hin.

(159)

Mal­gré l’avantage qu’il prend de mett­re au jour le « sa­di­que-anal » qui en­fu­mait ce su­jet dans son in­si­s­tan­ce ob­sédan­te aux deux siè­cles pré­cé­dents, il res­te un traité de l’éducation. (787)

Wenn es auch da­durch her­vor­sticht, daß es das «Anal-Sa­dis­ti­sche» of­fen zu­ta­ge legt, das dies The­ma mit sei­ner zwangs­haf­ten Be­harr­lich­keit in den bei­den Jahr­hunderten zu­vor ver­ne­belt hat­te, bleibt es ein Trak­tat zur Erzie­hung. (159)

Le ser­mon y est as­som­mant pour la vic­time, in­fa­tué de la part de l’instituteur. (787)

So un­er­träg­lich der Ser­mon für das Op­fer ist, so sehr ge­fällt sich dar­in der Leh­rer. (159)

L’information his­to­ri­que, ou pour mieux dire éru­di­te, y est gri­se et fait re­g­ret­ter un La Mo­the le Vay­er. (787)

Was an his­to­ri­scher In­for­ma­ti­on, oder ge­nau­er, an Fak­ten­ge­lehr­sam­keit dar­in­steckt, ist ziem­lich ver­schwom­men. Man ver­mißt ei­nen La Mo­the le Vay­er. (159)

La phy­sio­lo­gie s’y com­po­se de re­cet­tes de nour­ri­ce. (787)

Die Phy­sio­lo­gie ist ein Kon­glo­me­rat von Am­men­re­zep­ten. (159)

Pour ce qui en se­rait de l’éducation se­xu­el­le, on croit lire un opus­cu­le mé­di­cal de nos jours sur le su­jet, ce qui est tout dire. (787)

Und in punc­to se­xu­el­ler Er­zie­hung glaubt man eins der me­di­zi­ni­schen Ela­borate von heu­te zum The­ma zu le­sen. Das sagt wohl ge­nug. (159)

Plus de sui­te dans le scan­da­le irait à re­con­naît­re dans l’impuissance où se dé­plo­ie com­mu­n­é­ment l’intention édu­ca­ti­ve, cel­le même cont­re quoi le fan­tas­me ici s’efforce : d’où naît l’obstacle à tout comp­te ren­du val­ab­le des ef­fets de l’éducation, puis­que ne peut s’y avou­er de l’intention ce qui a fait les ré­sul­tats. (787)

Mehr Kon­se­quenz in dem Skan­dal wür­de dazu füh­ren, in der Ohn­macht, in der sich ge­mein­hin die er­zie­he­ri­sche In­ten­ti­on entfal­tet, eben die­se selbst zu er­ken­nen, ge­gen die das Phan­tas­ma sich stemmt: dar­aus er­wächst das Hin­der­nis für jede gül­ti­ge Be­stands­auf­nah­me von Er­zie­hungs­ef­fek­ten, ver­mag sich doch von der In­ten­ti­on nur zu be­ken­nen, was zu Re­sul­ta­ten ge­führt hat. (159)

Ce trait eût pu être im­paya­ble, des ef­fets lou­ables de l’impuissance sa­di­que. (787)

Die­ser Zug hät­te von un­schätz­ba­rem Wert sein kön­nen, löb­li­che Ef­fek­te der Sa­de­schen Ohn­macht. (159)

Que Sade l’ait man­qué, lais­se à pen­ser. (787)

Daß Sade die­se ver­fehl­te, gibt zu den­ken. (159)

Sa ca­rence se con­fir­me d’une aut­re non mo­ins re­mar­quable l’œuvre ja­mais ne nous pré­sen­te le suc­cès d’une sé­duc­tion où pour­tant se cou­ron­ne­rait le fan­tas­me : cel­le par quoi la vic­time, fût-ce en son der­nier spas­me, vi­en­drait à con­sen­tir à l’intention de son tourmen­teur, voi­re s’enrôlerait de son côté pair l’élan de ce con­sen­te­ment. (787)

Sein Man­gel be­stä­tigt sich durch ei­nen wei­te­ren, der nicht min­der be­merkenswert ist; Nie­mals führt uns das Werk den Er­folg ei­ner Verfüh­rung vor, mit der sich das Phan­tas­ma schließ­lich doch noch krö­nen wür­de: eine Ver­füh­rung, bei der das Op­fer, und sei’s in sei­ner allerletz­ten Zu­ckung, der Ab­sicht sei­nes Pei­ni­gers zu­stim­men wür­de bzw. sich sei­ner­seits durch den An­trieb die­ser Zu­stim­mung die Fah­ne wech­seln wür­de. (159)

En quoi se dé­mont­re d’une aut­re vue que le dé­sir soit l’envers de la loi. (787)

Da­mit zeigt sich un­ter an­de­rem Ge­sichts­punkt, daß das Be­geh­ren die Kehr­seite des Ge­set­zes ist. (159)

Dans le fan­tas­me sa­di­en, on voit com­ment ils se sou­ti­en­nent. (787)

Am Sa­de­schen Phan­tas­ma wird of­fen­kun­dig, wie sie ein­an­der be­din­gen. (159)

Pour Sade, on est tou­jours du même côté, le bon ou le mau­vais; au­cu­ne in­ju­re n’y chan­ge­ra rien. (787)

Für Sade steht man ein für al­le­mal auf ei­ner Sei­te, der gu­ten oder der schlech­ten; dar­an ver­mag kei­ne Schmach et­was zu än­dern. (159)

C’est donc le triom­phe de la ver­tu : ce pa­ra­do­xe ne fait que re­trou­ver la dé­ri­si­on prop­re au li­v­re édi­fi­ant, que la Jus­ti­ne vise trop pour ne pas l’épouser. (787)

So fei­ert also die Tu­gend Tri­umph: erst durch die­ses Parado­xon stellt sich der ei­gen­tüm­li­che Hohn des er­bau­li­chen Bu­ches wie­der her, auf den die Jus­ti­ne all­zu di­rekt ab­zielt, wo­durch sie ihn ge­ra­de ver­fehlt. (159)

Au nez qui re­mue près, qu’on trouve à la fin du Dia­lo­gue d’un prêt­re et d’un mo­ri­bond, post­hu­me (avou­ez que voi­là un su­jet peu pro­pi­ce à d’autres grâces que la grâce di­vi­ne), le man­que dans l’œuvre se fait sen­tir par­fois d’un mot d’esprit, et l’on peut dire plus lar­ge­ment de ce wit, dont Pope, de­puis près d’un siè­cle avait alors dit l’exigence. (787)

Ab­ge­se­hen von ei­ner wa­ckeln­den Nase, die sich am Ende des post­hum er­schie­ne­nen Dia­lo­gue d’un prêt­re et d’un mo­ri­bond fin­det (man muß schon sa­gen, daß es sich hier um ein The­ma han­delt, das wohl kaum noch an­de­ren Gna­den als den gött­li­chen of­fen­steht), ver­spürt man in dem Werk bis­wei­len den Man­gel an Witz, all­ge­mei­ner viel­leicht je­nes wit, wie ihn Pope da­mals seit fast ei­nem Jahr­hun­dert ge­for­dert hat­te. (159 f.)

Évi­dem­ment, ceci s’oublie de l’invasion pédan­tes­que qui pèse sur les lettres françai­ses de­puis la W.W.II. (788)

Dies ist na­tür­lich über der In­va­si­ti­on der Pe­dan­te­rie, die seit W.W.II auf dem fran­zö­si­schen Schrift­tum las­tet, in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. (160)

Mais s’il vous faut un cœur bien ac­cro­ché pour suiv­re Sade quand il prô­ne la ca­l­om­nie, pre­mier ar­ti­cle de la mo­ra­lité à in­sti­tu­er dans sa ré­pu­bli­que, on pré­fé­re­rait qu’il y mît le pi­quant d’un Ren­an. (788)

Wenn es denn schon ei­nes ge­fes­tig­ten Her­zens be­darf, um Sade noch fol­gen zu kön­nen, wo er etwa die Ver­leum­dung preist, und zwar als den ers­ten Ar­ti­kel der Mo­ra­li­tät, die er in sei­ner Re­pu­blik ein­füh­ren will, wünsch­te man sich doch, er be­wie­se dar­in we­nigs­tens die Bis­sig­keit ei­nes Ren­an. (160)

« Fé­li­ci­tons-nous, écrit ce der­nier, que jé­sus n’ait ren­con­tré au­cu­ne loi qui pun­ît l’outrage en­vers une clas­se de ci­toy­ens. Les Pha­ri­si­ens eus­sent été in­viol­ab­les [Anm.]. » et il con­ti­nue: « Ses ex­qui­ses mo­que­ries, ses ma­gi­ques pro­vo­ca­ti­ons frap­pai­ent tou­jours au cœur.

[Anm. JL:] Cf. Vie de jé­sus, 17 éd., P. 339.

(788)

«Schät­zen wir uns glück­lich», schrieb die­ser, «daß Je­sus kein Ge­setz an­traf, das die Ver­höh­nung ei­ner Klas­se von Mit­bür­gern un­ter Stra­fe stellt. Die Pha­ri­sä­er wä­ren un­an­tast­bar ge­we­sen.» [Anm.] Und er fährt fort: «Die­se höchst sub­ti­len Spöt­te­lei­en, sei­ne pro­vo­zie­ren­den Toll­hei­ten tra­fen stets ins Schwar­ze.

[Anm. JL:] Vgl. Ren­an. Vie de Jé­sus. 17. Ausg., S. 339.

(160)

Cet­te tu­ni­que de Nes­sus du ri­di­cu­le que le juif, fils des Pha­ri­si­ens, traî­ne en lam­beaux après lui de­puis dix-huit siè­cles, c’est jé­sus qui l’a tis­sée par un ar­ti­fice di­vin. (788)

Je­sus war es, der mit gött­li­chem Ge­schick dies Nes­sus­hemd der Lä­cher­lich­keit web­te, das der Jude, Sohn der Pha­ri­sä­er, seit acht­zehn Jahr­hun­der­ten in Lum­pen hin­ter sich her­schleift. (160)

Chef-d’œuvre de hau­te rail­le­rie, ses traits se sont in­scrits en li­gne de feu sur la chair de l’hypocrite et du faux dé­vot. (788)

So zeigt es sich als Meis­ter­werk er­ha­bens­ten Spot­tes, und sei­ne Züge ha­ben sich in Feu­er­schrift in das Fleisch des Heuch­lers und des Bi­got­ten ge­sengt. (160)

Traits in­com­pa­ra­bles, traits di­gnes d’un Fils de Dieu l

Un­ver­gleich­li­che, ei­nes Got­tes­soh­nes wür­di­ge Züge! (160)

Un Dieu seul sait tuer de la sor­te. (788)

So ver­mag nur ein Gott zu tö­ten. (160)

So­cra­te et Mo­liè­re ne font qu’effleurer la peau. (788)

So­kra­tes und Mo­liè­re kit­zeln nur ein we­nig auf der Haut. (160)

Ce­lui-ci por­te jusqu’au fond des os le feu et la rage [Anm.]. »

[Anm. JL:] Op. cit., P. 346

(788)

Er aber dringt mit sei­nem Feu­er und sei­ner Rage bis ins Mark.» [Anm.]

[Anm. JL:] Ibid. S. 346.

(160)

Car ces re­mar­ques pren­nent leur val­eur de la sui­te que l’on sait, nous vou­lons dire la vo­ca­ti­on de l’Apôtre du rang des Pha­ri­si­ens et le triom­phe des ver­tus pha­ri­si­en­nes, uni­ver­sel. (788)

Wie treff­si­cher die­se Be­mer­kun­gen sind, zeigt sich an den be­kann­ten Fol­gen, näm­lich der Be­ru­fung des Apos­tels aus der Rei­he der Pha­ri­sä­er und dem uni­ver­sel­len Tri­umph der pha­ri­säi­schen Tu­gen­den. (160)

Ce qui, l’on en con­vi­en­dra, prête à un ar­gu­ment plus per­ti­nent que l’excuse plu­tôt pièt­re dont se con­tente Sade en son apo­lo­gie de la ca­l­om­nie : que l’honnête hom­me en triom­phe­ra tou­jours. (788)

Und dar­aus lie­ße sich, wie man wird zu­ge­ben müs­sen, ein Ar­gu­ment von an­de­rem Ka­li­ber schnit­zen als aus der eher kläg­li­chen Ent­schul­di­gung, mit der Sade sich bei sei­ner Apo­lo­gie der Ver­leum­dung be­schei­det: daß der recht­schaf­fe­ne Mensch doch stets dar­über tri­um­phie­re. (160)

Cet­te pla­ti­tu­de n’empêche pas la som­bre be­au­té qui rayon­ne de ce mo­nu­ment de dé­fis. (788)

Die­se Plat­ti­tü­de tut der düs­te­ren Schön­heit kei­nen Ab­bruch, wie sie aus die­sem Mo­nu­ment von Her­aus­for­de­run­gen er­strahlt. (160)

Cel­le-ci à nous té­moi­g­ner de l’expérience que nous cher­chons der­riè­re la fa­bu­la­ti­on du fan­tas­me. (788)

Sie be­zeugt uns die Er­fah­rung, die wir hin­ter der Fa­bu­lie­rung des Phan­tas­ma su­chen. (160)

Ex­pé­ri­ence tra­gi­que, pour pro­je­ter ici sa con­di­ti­on en un éc­lai­ra­ge d’au-delà tou­te crain­te et pi­tié. (788)

Eine tra­gi­sche Er­fah­rung, wie sie hier ihre Be­din­gung vor sich hin­wirft un­ter ei­ner Be­leuch­tung aus dem Jen­seits von Furcht und Mit­leid. (160)

Si­dé­ra­ti­on et ténèb­res, tel­le est au con­trai­re du mot d’esprit [Anm.] la con­jonc­tion, qui en ces scè­nes nous fa­sci­ne de sa bril­lan­ce de char­bon.

[Anm. JL:] On sait le dé­part que prend Freud du « Si­dé­ra­ti­on et lu­miè­re » de Heymans. 

(789)

Verblüffung/si­dé­ra­ti­on und Ver­fins­te­rung, dies ist im Ge­gen­satz zum Witz [Anm.] die Ver­bin­dung, die uns in die­sen Sze­nen durch ih­ren kohl­schwar­zen Glanz fas­zi­niert.

[Anm. JL:] Be­kannt­lich geht Freud von Hey­manns «Ver­blüf­fung und Er­leuch­tung» aus.

(161)

Ce tra­gi­que est de l’espèce qui se pré­cis­e­ra plus tard dans le siè­cle en plus d’une œu­vre, ro­man éro­tique ou dra­me re­li­gieux. (789)

Die­ses Tra­gi­sche hat in sei­ner Art erst spä­ter in die­sem Jahr­hun­dert in mehr als ei­nem Werk, im ero­ti­schen Ro­man so­wie im re­li­giö­sen Dra­ma, kon­kre­te­re Ge­stalt an­ge­nom­men. (161)

Nous l’appellerions le tra­gi­que gâ­teux, dont on ne sa­vait pas jusqu’à nous, sauf dans les bla­gues d’écolier, qu’il fût à un jet de pierre du tra­gi­que no­ble. (789)

Wir wür­den es das Kin­disch-Tra­gi­sche / tra­gi­que gâ­teux nen­nen, wo­von man, es sei denn in Pen­nä­ler­wit­zen, bis in un­se­re Tage hin­ein nicht wuß­te, daß es nur um Stein­wurf­wei­te von dem Er­ha­ben-Tra­gi­schen / tra­gi­que no­ble ent­fernt liegt. (161)

Qu’on se réfè­re pour nous en­tendre à la tri­lo­gie clau­dé­li­en­ne du Père hu­mi­lié. (789)

Man muß sich, um zu ver­ste­hen, was wir mei­nen, nur Clau­dels Tri­lo­gie des Père hu­mi­lié vor Au­gen hal­ten. (161)

(Pour nous en­tendre, qu’on sa­che aus­si que nous avons dé­mon­tré en cet­te œu­vre les traits de la plus au­then­tique tra­gé­die. (789)

(Um uns recht zu ver­ste­hen, soll­te man wis­sen, daß wir an die­sem Werk die Züge der Tra­gö­die in ih­rer au­then­tischs­ten Form nach­ge­wie­sen ha­ben. (161)

C’est Mel­pomè­ne qui est crou­lan­te, avec Clio, sans qu’on voie laquel­le en­t­er­re­ra l’autre.) (789)

Es ist Mel­po­me­ne, die mit Klio zu­sam­men­bricht, ohne daß man sähe, wel­che der bei­den der an­de­ren das Grab schau­feln wird.) (161)

Nous voi­là en­fin en de­meu­re d’interroger le Sade, mon pro­chain dont nous de­vons l’invocation à l’extrême per­spi­cacité de Pierre Klos­sow­ski [Anm.]

[Anm. JL:] C’est le tit­re de l’oeuvre pa­rue au Seuil en 1947. Di­sons que c’est la seu­le con­tri­bu­ti­on de not­re temps à la ques­ti­on sa­di­en­ne qui ne nous pa­rais­se pas en­t­a­chée des tics du bel es­prit. (Cet­te phra­se, trop élo­gieu­se pour les au­tres, fut mise d’abord dans not­re tex­te à l’adresse d’un fu­tur aca­dé­mici­en, lui-même ex­pert en ma­li­ces.)

(789)

Da­mit wä­ren wir denn end­lich so­weit, Sade, mei­nen Nächs­ten, zu befra­gen; den An­stoß dazu ver­dan­ken wir dem au­ßer­or­dent­li­chen Scharf­blick Pierre Klossowskis.[Anm.]

[Anm. JL:] So lau­tet der Ti­tel des 1947 bei Seuil er­schie­ne­nen Werks. Es ist wohl der ein­zi­ge Bei­trag un­se­rer Zeit zum Pro­blem Sade, der nicht durch die Ticks des Schön­geis­ti­gen be­su­delt ist. (Die­ser Satz, noch viel zu schmei­chel­haft für die an­de­ren, galt in un­se­rem Text ur­sprüng­lich ei­nem künf­ti­gen Aka­de­mie­an­wär­ter mit Er­fah­rung auf den Ge­bie­ten des Bö­sen.)

(161)

Sans dou­te la discré­ti­on de cet au­teur le fait-il ab­ri­ter sa for­mu­le d’une ré­fé­rence à saint Lab­re. (789)

Nun ist es zwei­fel­los der Dis­kre­ti­on die­ses Au­tors zu­zu­schrei­ben, daß er sei­ne For­mel hin­ter ei­ner An­spie­lung auf St. Lab­re ver­barg. (161)

Nous ne nous en sen­tons pas plus por­té à lui don­ner le même abri. (789)

Wir aber füh­len uns nicht mehr ver­an­laßt, ihr die­sel­be De­ckung zu ge­wäh­ren. (161)

Que le fan­tas­me sa­di­en trouve mieux à se si­tu­er dans les port­ants de l’éthique chré­ti­en­ne qu’ailleurs, c’est ce que nos re­pè­res de struc­tu­re ren­dent fa­ci­le à sai­sir. (789)

Daß das Sa­de­sche Phan­tas­ma sich eher den Stütz­pfei­lern der christli­chen Ethik ein­glie­dert als an­de­ren Ord­nun­gen, läßt sich an­hand der von uns auf­ge­wie­se­nen Struk­tu­ren leicht be­grei­fen. (161)

Mais que Sade, lui, se re­fu­se à être mon pro­chain, voi­là ce qui est à rap­pe­ler, non pour le lui re­fu­ser en re­tour, mais pour y re­con­naît­re le sens de ce re­fus. (789)

Sade aber, und das soll­te man dar­über nicht ver­ges­sen, wür­de es von sich wei­sen, mein Nächs­ter zu sein, und statt ihm die Zu­rück­wei­sung mit glei­cher Mün­ze zu­rück­zu­zah­len, soll­te man hier viel­mehr den Sinn der Zu­rück­wei­sung er­ken­nen. (161)

Nous cro­yons que Sade n’est pas as­sez voi­sin de sa prop­re mé­chan­ce­té, pour y ren­con­trer son pro­chain. (789)

Sade stand, wie wir mei­nen, sei­ner ei­ge­nen Bös­ar­tig­keit nicht nahe ge­nug, um dort sei­nem Nächs­ten be­geg­nen zu kön­nen. (161)

Trait qu’il par­ta­ge avec beau­coup et avec Freud no­tam­ment. (789)

Die­sen Zug teilt er mit vie­len, und ins­be­son­de­re mit Freud. (161)

Car tel est bien le seul mo­tif du re­cul d’êtres, aver­tis par­fois, de­vant le com­man­de­ment chré­ti­en. (789)

Dies ist näm­lich das ein­zi­ge Mo­tiv, aus dem bis­wei­len auch un­ter­rich­te­te We­sen vor dem christ­li­chen Ge­bot zu­rück­schre­cken. (161)

Chez Sade, nous en vo­y­ons le test, à nos yeux cru­ci­al, dans son re­fus de la pei­ne de mort, dont l’histoire suf­fi­rait à prou­ver, si­non la lo­gi­que, qu’elle est un des cor­ré­lats de la Cha­rité. (789)

Bei Sade se­hen wir die­sen un­se­rer An­sicht nach ent­schei­den­den Test in sei­ner Ab­leh­nung der To­des­stra­fe, de­ren Ge­schich­te aus­rei­chen wür­de zu be­wei­sen, daß sie eins der Kor­re­la­te, wenn nicht gar die Lo­gik der Barm­her­zig­keit ist. (161 f.)

Sade s’est donc ar­rêté là, au point où se noue le dé­sir à la loi. (789)

An die­ser Stel­le, an dem Kno­ten­punkt zwi­schen Be­geh­ren und Ge­setz, hat Sade also an­ge­hal­ten. (162)

Si quel­que cho­se en lui s’est lais­sé re­tenir à la loi, pour y trou­ver l’occasion dont par­le saint Paul, d’être dé­me­s­u­ré­ment pé­cheur, qui lui jet­te­rait la pierre? (789 f.)

Soll­te et­was in ihm sich doch ans Ge­setz ge­klam­mert ha­ben, weil er dar­in die (790) Ge­le­gen­heit er­blick­te, von der der Apos­tel Pau­lus spricht, über alle Ma­ßen sün­dig zu sein, wer woll­te den Stein nach ihm wer­fen? (162)

Mais il n’a pas été plus loin. (790)

Wei­ter aber ist er nicht ge­gan­gen. (162)

Ce n’est pas seu­le­ment que chez lui com­me chez tout un cha­cun la chair soit fai­ble, c’est que l’esprit est trop prompt pour n’être pas leur­ré. (790)

Nicht nur, weil bei ihm wie bei ei­nem je­den das Fleisch schwach ist, son­dern der Geist zu wil­lig, als daß er sich kei­ner Täu­schung hin­gä­be. (162)

L’apologie du crime ne le pous­se qu’à l’aveu dé­tour­né de la Loi. (790)

Die Apo­lo­gie des Ver­bre­chens treibt ihn nur auf dem Um­weg dazu, sich zum Ge­setz zu be­ken­nen. (162)

L’Être su­prê­me est re­stau­ré dans le Malé­fice. (790)

Im Male­fiz wird das Höchs­te We­sen re­stau­riert. (162)

Écou­tez-le vous van­ter sa tech­ni­que, de mett­re en œu­vre aus­sitôt tout ce qui lui mon­te à la tête, pensant aus­si bien, en rem­pla­çant le repen­tir par la réité­ra­ti­on, en fi­nir avec la loi au-dedans. (790)

Man höre nur, wie er sei­ne Tech­nik rühmt, al­les, was ihm in den Kopf kommt, in die Tat um­zu­set­zen, in dem Glau­ben, er wer­de, wenn er an die Stel­le der Reue die Wie­der­ho­lung set­ze, dem Ge­setz im In­nern ein für al­le­mal ein Ende be­rei­ten. (162)

Il ne trouve rien de mieux pour nous en­cou­ra­ger à le suiv­re que la pro­mes­se que la na­tu­re ma­gi­que­ment, femme qu’elle est, nous cé­de­ra tou­jours plus. (790)

Und um uns zu er­mu­ti­gen, ihm zu fol­gen, fällt ihm nichts Bes­se­res ein als das Ver­spre­chen, daß die Na­tur auf ihre ma­gi­sche Art, Weib, das sie ist, uns im­mer wei­ter nach­ge­ben wer­de. (162)

On au­rait tort de se fier à ce ty­pi­que rêve de puis­sance. (790)

Man wäre schlecht be­ra­ten, in die­sen All­machts­traum Ver­trau­en zu set­zen. (162)

Il nous in­di­que as­sez en tout cas qu’il ne sau­rait être ques­ti­on que Sade, com­me P. Klos­sow­ski le sug­gè­re tout en mar­quant qu’il n’y croit pas, ait att­eint cet­te sor­te d’apathie qui se­rait « d’être ren­tré au sein de la na­tu­re, à l’état de veil­le, dans not­re mon­de [Anm.]», ha­bité par le lan­ga­ge.

[Anm. JL:] Cf. la note p. 94, op. cit.

(790)

Er zeigt uns in je­dem Fal­le zur Ge­nü­ge, daß kei­ne Rede da­von sein kann, Sade hät­te, wie Klos­sow­ski es se­hen möch­te, nicht ohne frei­lich zu er­ken­nen zu ge­ben, daß er selbst nicht dar­an glaubt, je­nen Grad von Apa­thie er­reicht, daß er schließ­lich «an den Bu­sen der Na­tur zurückge­kehrt wäre, im Wach­zu­stand, in un­se­rer» von der Spra­che be­wohn­ten «Welt» [Anm.].

[Anm. JL:] S. Klos­sow­ski, Sade mon pro­chain. S.94.

(162)

De ce qui man­que ici à Sade, nous nous som­mes in­ter­dit de dire un mot. (790)

Über das, was Sade hier­zu fehlt, ha­ben wir es uns ver­sagt, auch nur ein Wort zu ver­lie­ren. (162)

Qu’on le sen­te dans la gra­da­ti­on de La phi­lo­so­phie à ce que ce soit l’aiguille cour­be, chè­re aux hé­ros de Bu­nu­el qui soit ap­pelée en­fin à ré­soud­re chez la fil­le un pe­nis­neid, qui se pose un peu là. (790)

Spürt man es nicht aber an der Stei­ge­rung der Phi­lo­so­phie, an der Tat­sa­che etwa der ge­bo­ge­nen Na­del, die den Hel­den Buñu­els so viel be­deu­tet, und die zu gu­ter Letzt her­bei­zi­tiert wird, um bei der Toch­ter ei­nen aus­sichts­lo­sen Pe­nis­neid zu be­he­ben. (162)

Quoi qu’il en soit, il ap­pa­raît qu’on n’a rien ga­g­né à rem­pla­cer ici Dio­t­ime par Do­man­cé, per­son­ne que la voie or­dinaire sem­ble ef­fray­er plus qu’il ne con­vi­ent, et qui, Sade l’a-t-il vu, clôt l’affaire par un Noli tan­ge­re ma­trem. (790)

Sei dem wie es sei, so scheint doch nichts da­durch ge­won­nen, Dio­t­i­ma hier durch Dol­mance zu er­set­zen, eine Ge­stalt, die der gewöhn­liche Weg über Ge­bühr zu er­schre­cken scheint, und die, wie Sade sah, die gan­ze An­ge­le­gen­heit durch ein Noli tan­ge­re ma­trem zum Ab­schluß bringt. (162 f.)

V …ée et cou­sue, la mère res­te in­ter­di­te. (790)

Getr… und zu­ge­näht, die Mut­ter bleibt un­ter­sagt. (163)

Not­re ver­dict est con­fir­mé sur la so­u­mis­si­on de Sade à la Loi. (790)

Da­mit bestä­tigt sich un­ser Ver­dikt über Sa­des Fü­gung un­ter das Ge­setz. (163)

D’un traité vrai­ment du dé­sir, peu donc ici, voi­re rien de fait. (790)

Von ei­nem Trak­tat, in dem es wirk­lich um das Be­geh­ren gin­ge, hier nur we­nig, prak­tisch gar nichts. (163)

Ce qui s’en an­non­ce dans ce tra­vers pris d’une ren­cont­re, n’est au plus qu’un ton de rai­son. (790)

Was sich auf die­sem Querweg/tra­vers nach ei­ner Be­geg­nung da­von an­kün­digt, ist al­len­falls ein ver­nünf­ti­ger Ton. (163)

R. G. Sep­tem­bre 1962 (790)

R.G., Sep­tem­ber 1962 (163)

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Anmerkungen

  1. Jac­ques La­can: Schrif­ten II. Aus­ge­wählt und her­aus­ge­ge­ben von Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag Ol­ten 1975, Sei­te 133–164.
  2. Anm. WF: Auf deutsch zu­erst ver­öf­fent­licht in un­kor­ri­gier­ter Fas­sung als Nach­wort zur «Phi­lo­so­phie im Bou­doir», Mün­chen (Ro­gner u. Bern­hard) 1972.– Anm. MW: La­can un­ter­schlägt in die­ser No­tiz, dass der nun fol­gen­de Text von der Erst­ver­öf­fent­li­chung 1963 ab­weicht. Ein Ver­sio­nen­ver­gleich 1963 / 1966 (= Écrits-Fas­sung) fin­det sich bei Jean All­ouch, Ça de Kant, cas de Sade. Pa­ris 2001.
  3. Anm. MW: Im Deut­schen ist die Ver­schlei­fung von «Ge­gen­stand des Ge­set­zes» (Kants Ter­mi­no­lo­gie) mit «Ob­jekt des Ge­set­zes / des Be­geh­rens» (La­cans Ter­mi­no­lo­gie) we­ni­ger ge­eb­net als im Fran­zö­si­schen, wo bei­de Ter­mi­ni «Ge­gen­stand» und «Ob­jekt» durch das­sel­be Wort ob­jet wie­der­ge­ge­ben wer­den. Hier im Fol­gen­den un­ein­heit­lich über­setzt.
  4. Anm. MW: Hier und im Fol­gen­den gilt: * = Deutsch im Ori­gi­nal.
  5. Wir ha­ben uns an den fran­zö­si­schen Text der durch­aus an­nehm­ba­ren Über­set­zung von Bar­ni, die auf 1848 zu­rück­geht (vgl. S. 247 ff.), bzw. an den deut­schen der Aus­ga­be von Vor­län­der (bei Mei­ner) ge­hal­ten, s. S. 86. (A 130)
  6. Vgl. die An­mer­kung zum Lehr­satz III des ers­ten Ka­pi­tels der Ana­ly­tik der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft. Vor­län­der, S. 31. (A 49,50)
  7. La Phi­lo­so­phie dans le Bou­doir. In Œv­res com­plè­tes du Mar­quis de Sade. Pa­ris 1966, Bd. 3, S. 501f.
  8. Anm. WF: Vgl. dazu Schrif­ten I, S, 226, Anm. 28.– Anm. MW: Tu es (Du bist) ist ho­mo­phon zu tuer (tö­ten).
  9. Anm. WF: Fran­zös. V (für vo­lon­té) mit zwei Äs­ten.
  10. An­ti­go­ne, V. 781.– Anm. MW: Erōs ani­ka­te ma­chan.
  11. Vgl. His­toire de Ju­li­et­te. Ed. Jean-Jac­ques Pau­vert. Bd. II, S. 196 ff.
  12. Sub­jek­ti­ver Dy­na­mis­mus: dem Wunsch nach dem zwei­ten Tod gibt der phy­si­sche Tod sei­nen Ge­gen­stand.
  13. Vgl. das Vor­wort Ren­ans zu sei­nen Nou­vel­les étu­des d’histoire ré­li­gieu­se von 1884.
  14. Man möge nicht glau­ben, wir schenk­ten hier der Le­gen­de Glau­ben, er hät­te sich in die Ge­fan­gen­schaft Sa­des per­sön­lich ein­ge­schal­tet. Vgl. Gil­bert Lély. Vie du Mar­quis de Sade. Bd. II, S. 577–580, so­wie die An­mer­kung auf der Sei­te 80.– Anm. M.W.: Vgl. Lély, Le­ben und Werk des Mar­quis de Sade, Düs­sel­dorf 1963, S. 428. Die­se An­mer­kung stand bis­lang (auch im frz. Orig.) an der fal­schen Stel­le und war da­her un­ver­ständ­lich.
  15. Chor des Ödi­pus, V. 1125.– Anm. MW: Mē phy­nai.
  16. Anm. MW: Im frz. Ori­gi­nal steht nur: a). Hier in­ter­pre­tiert als Druck­feh­ler für: (a). Vgl. dazu auch All­ouch, p.119.
  17. Mau­rice Gar­con. L’affaire Sade. J.-J.Pauvert. 1957. Er zi­tiert Ja­nin nach der Re­vue de Pa­ris von 1834, in sei­ner Ver­tei­di­gungs­re­de, S. 85–90. Zwei­te Be­leg­stel­le, S.62: J. Coc­teau als Zeu­ge schreibt, Sade sei lang­wei­lig, nicht ohne in ihm den Phi­lo­so­phen und Sit­ten­pre­di­ger an­er­kannt zu ha­ben.
  18. Anm. MW: Fiet­kau über­setzt mit «ab­künf­tig» und macht dazu die fol­gen­de An­mer­kung.– Anm. WF: Die Dop­pel­sin­nig­keit des Wort­spiels «dont il dé­ri­ve, dans les deux sens du ter­me» läßt sich im Deut­schen kaum mit der­sel­ben Be­deu­tungs­nu­an­ce wiederge­ben. Be­kannt­lich über­setzt La­can ge­le­gent­lich «Trieb» (franz. pul­si­on) mit «La dé­ri­ve».
  19. Es han­delt sich um die An­mer­kung zur zwei­ten Auf­ga­be zum Lehr­satz III im ers­ten Ka­pi­tel der Ana­ly­tik. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 35. (A 54)
  20. Vgl. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 90 (A 136).
  21. Lehr­satz II des ers­ten Ka­pi­tels der Ana­ly­tik. Edi­ti­on Vor­län­der, S. 25 (A 41)
  22. Sade weist in sei­nem voll­stän­di­gen Ti­tel aus­drück­lich dar­auf hin.
  23. Vgl. Ren­an. Vie de Jé­sus. 17. Ausg., S. 339.
  24. Ibid. S. 346.
  25. Be­kannt­lich geht Freud von Hey­manns «Ver­blüf­fung und Er­leuch­tung» aus.
  26. So lau­tet der Ti­tel des 1947 bei Seuil er­schie­ne­nen Werks. Es ist wohl der ein­zi­ge Bei­trag un­se­rer Zeit zum Pro­blem Sade, der nicht durch die Ticks des Schön­geis­ti­gen be­su­delt ist. (Die­ser Satz, noch viel zu schmei­chel­haft für die an­de­ren, galt in un­se­rem Text ur­sprüng­lich ei­nem künf­ti­gen Aka­de­mie­an­wär­ter mit Er­fah­rung auf den Ge­bie­ten des Bö­sen.)
  27. S. Klos­sow­ski, Sade mon pro­chain. S.94.

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