Geneviève Morel: Die phallische Funktion

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Es ist re­duk­tio­nis­tisch, die Se­xu­ie­rung nur als eine Klas­si­fi­ka­ti­on nach Ge­schlech­tern (se­xes) auf­zu­fas­sen, bei der das Sub­jekt sich durch ein Merk­mal, ei­nen Si­gni­fi­kan­ten oder ein At­tri­but mit der ei­nen oder mit der an­de­ren Klas­se iden­ti­fi­zie­ren wür­de. Wie aber soll man Re­chen­schaft ab­le­gen von dem, was et­was an­de­res ist als die Iden­ti­fi­zie­run­gen, von dem, wo­durch das Ver­hält­nis des Sub­jekts zur Lust (jouis­sance)1 da­mit ver­knüpft ist, dass es sich auf der ei­nen oder auf der an­de­ren Sei­te ein­ord­net, auf der des Man­nes oder auf der­je­ni­gen der Frau? 

Die phallische Funktion

Für Freud ist die Dif­fe­ren­zie­rung von Mann und Frau ein kom­ple­xer Vor­gang, der mit der Ent­wick­lung des Se­xu­al­triebs ver­knüpft ist und re­la­tiv ver­zö­gert ab­läuft, da die bei­den Ge­schlech­ter bis zur phal­li­schen Pha­se nur eins sind. Das Er­geb­nis ist je­den­falls nie­mals rein – die Be­ob­ach­tung von männ­li­chen und weib­li­chen In­di­vi­du­en zeigt, „dass für den Men­schen we­der im psy­cho­lo­gi­schen noch im so­zio­lo­gi­schen Sin­ne eine rei­ne Männ­lich­keit oder Weib­lich­keit ge­fun­den wird“2, schreibt Freud 1915 in den Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie. Die Dif­fe­ren­zie­rung von Mann und Frau be­ruht auf der spe­zi­fi­schen zeit­li­chen Ver­knüp­fung von Ödi­pus­kom­plex und Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Der Jun­ge ver­lässt den Ödi­pus­kom­plex durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, das Mäd­chen ver­lässt den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, in­dem es in den Ödi­pus­kom­plex ein­tritt, und es strebt da­nach, dar­in zu blei­ben.

Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex dreht sich um den Phal­lus und um das Pen­is­or­gan, des­sen Si­gni­fi­kant er ist. Auf der Bahn, die beim Jun­gen vom Ödi­pus­kom­plex zum Kas­tra­ti­ons­kom­plex und beim Mäd­chen vom Kas­tra­ti­ons­kom­plex zum Ödi­pus­kom­plex führt, bleibt des­halb die Ana­to­mie ent­schei­dend. Zu­nächst die­je­ni­ge, von der das Kind aus­geht, und dann die des an­de­ren Ge­schlechts. Bei dem­je­ni­gen, der ei­nen Pe­nis hat, hat die Wahr­neh­mung der Ab­we­sen­heit des Pe­nis beim Mäd­chen zur Fol­ge, dass die vom Er­wach­se­nen aus­ge­hen­de Kas­tra­ti­ons­dro­hung ihr Ge­wicht er­hält. Was die­je­ni­ge an­geht, die kei­nen Pe­nis hat, so wird sie bei des­sen An­blick dem Pe­nis­neid ver­fal­len.

Wenn man sich, mit La­can, un­ter dem As­pekt der Lust (jouis­sance) und der Spra­che auf das Ge­schlecht (sexe) be­zieht und nicht mehr nur im Hin­blick auf die Ent­wick­lung, geht die Be­deu­tung der Ana­to­mie of­fen­kun­dig zu­rück – sie macht ei­nen Teil, aber nicht mehr das Gan­ze des Schick­sals aus. Der Fall von Jo­sia­ne hat uns ge­zeigt3, wie die Lust ver­mit­tels des Si­gni­fi­kan­ten „schlecht“ in das Sub­jekt und sei­ne Welt ein­drang. Das ver­weist uns auf die Not­wen­dig­keit, die Lust, vor al­lem die des Kör­pers, und ins­be­son­de­re das, was Freud als „Or­gan­be­tä­ti­gung“4 be­zeich­ne­te, ei­nem Si­gni­fi­kan­ten zu un­ter­wer­fen. Das Sub­jekt muss sei­ne se­xu­el­le Lust deu­ten. Beim spre­chen­den We­sen gibt es of­fen­bar die Not­wen­dig­keit, die­se Lust zu ver­ein­heit­li­chen, sie um ei­nen ein­zi­gen Si­gni­fi­kan­ten her­um zu ver­or­ten. Wenn das nicht ge­lingt, ist die Lust im Kör­per auf­ge­split­tert, die Or­ga­ne „spre­chen“. Das ist das, was Freud im Fal­le der Schi­zo­phre­nie als „Or­gan­spra­che“5 be­zeich­ne­te. In man­chen Fäl­len von Psy­cho­se sieht man, wie das Sub­jekt sich be­müht, die Lust durch den Si­gni­fi­kan­ten „die Frau“ zu ver­ein­heit­li­chen; La­can hat die­ses Vor­ge­hen als „Drang-zur-Frau“ (pous­se-à-la-femme)6 be­zeich­net.

Der Si­gni­fi­kant, der für die Lo­ka­li­sie­rung und Zen­tra­li­sie­rung der Lust uni­ver­sell auf­ge­ru­fen wird, ist der Phal­lus. Der Phal­lus ist si­cher­lich ein Si­gni­fi­kant, der mit dem männ­li­chen Or­gan ver­knüpft ist, wo­bei die­ses Or­gan we­gen sei­ner sicht­ba­ren Erek­ti­ons­fä­hig­keit aus­ge­wählt wur­de, wel­che die Hin­fäl­lig­keit an­de­rer Kör­per­an­hän­ge her­auf­be­schwört. Das Ab­schwel­len des Or­gans evo­ziert eben­falls die Hin­fäl­lig­keit und steht im Ge­gen­satz zur ewi­gen Erek­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, wie sie in Kin­der­zeich­nun­gen dar­ge­stellt wird, und die oft durch ei­nen ge­ra­den Strich re­prä­sen­tiert wird, der vom Kör­per ab­ge­trennt ist.7

Den Phallus haben

Das Ver­hält­nis des Sub­jekts zum Phal­lus ist nicht ein Ver­hält­nis zu ei­nem be­lie­bi­gen Si­gni­fi­kan­ten. Für Freud kommt der Phal­lus ver­mit­tels der phal­li­schen Pha­se und des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes ins Spiel: Wäh­rend der phal­li­schen Pha­se er­hebt das Sub­jekt sei­ne in­ti­me Lust zur Di­men­si­on ei­nes uni­ver­sel­len Si­gni­fi­kan­ten, des „Wi­wi­ma­chers“ des klei­nen Hans.8 Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex in­ter­ve­niert beim Jun­gen als eine Dro­hung, die sich auf das Or­gan rich­tet so­wie auf die Be­frie­di­gung, die er dar­aus ge­winnt. Die­se mas­tur­ba­to­ri­sche Be­frie­di­gung war zu­vor an ödi­pa­le Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen ge­bun­den. Im Kon­flikt zwi­schen dem nar­ziss­ti­schen li­bi­di­nö­sen In­ter­es­se am Pe­nis und der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung der El­tern, ist es das Ers­te­re, sagt Freud, was den Sieg da­von­trägt. Die­se Be­frie­di­gung ist also an et­was Uni­ver­sa­les und zu­gleich an ei­nen Kör­per­teil ge­bun­den. Sie geht au­ßer­dem mit ei­nem Ver­lust ein­her. Lust, uni­ver­sal, Ver­lust – das sind die Cha­rak­te­ris­ti­ka der phal­li­schen Lust.

Für Freud schreibt sich die Pro­ble­ma­tik der Kas­tra­ti­on bei bei­den Ge­schlech­tern dar­in ein, „den Phal­lus zu ha­ben“. Beim Jun­gen ist dies die Ver­lust­dro­hung, die sich auf das Or­gan be­zieht. Für das Mäd­chen ist das die Hoff­nung, ihn ei­nes Ta­ges zu ha­ben (Pe­nis­neid oder Pe­nis­wunsch), oder der nost­al­gi­sche Glau­be, ihn ge­habt, aber ver­lo­ren zu ha­ben. Die Nost­al­gie kann in De­pres­si­on um­schla­gen oder Quel­le ei­ner un­de­fi­nier­ba­ren Trau­rig­keit sein. In bei­den Fäl­len sind wir im Re­gis­ter des Ha­bens: In der Ver­gan­gen­heit „habe ich ihn ge­habt und ich habe ihn ver­lo­ren“, in der Ge­gen­wart „bin ich der Ge­fahr aus­ge­setzt, ihn zu ver­lie­ren“, in Zu­kunft „wer­de ich ihn ei­nes Ta­ges ha­ben?“. Die­se Fra­gen, die­se Freud’schen For­mu­lie­run­gen mar­kie­ren die Ent­wick­lung des Kin­des und den Ab­lauf der Freud’schen Kur. Das Ver­hält­nis dazu, „den Phal­lus zu ha­ben“, ist auch das, wo­durch das Ende der Kur be­stimmt ist. Im letz­ten Teil von Die end­li­che und die un­end­li­che Ana­ly­se be­greift Freud das Auf­lau­fen der Kur auf den Fel­sen des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes in Ka­te­go­ri­en des Ha­bens. Man hat das Ge­fühl, sagt er, dass man „Fisch­pre­dig­ten“ hält, wenn man eine Frau da­von über­zeu­gen will, ih­ren Pe­nis­wunsch als un­rea­li­sier­bar auf­zu­ge­ben, oder ei­nen Mann da­von, dass nicht jede pas­si­ve Po­si­ti­on ge­gen­über ei­nem an­de­ren Mann eine Kas­tra­ti­on ist.9

Der Phallus sein

Seit 1958 hat La­can der Freud’schen Kon­zep­ti­on eine neue Pro­ble­ma­tik hin­zu­ge­fügt, die Pro­ble­ma­tik des­sen, „der Phal­lus zu sein“, wo­mit die ge­sam­te Seins­phi­lo­so­phie im Freud’schen Kas­tra­ti­ons­kom­plex wi­der­hallt und der Phal­lus dem grie­chi­schen lo­gos an­ge­nä­hert wird.10 Was die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Ge­schlech­tern an­geht, so schlägt er vor, sich an die Funk­ti­on des Phal­lus zu hal­ten – Treue ge­gen­über Freud –, je­doch so, dass die­se Be­zie­hun­gen sich dar­um dre­hen, der Phal­lus zu sein und ihn zu ha­ben, wo­bei er auf des­sen Funk­ti­on als Si­gni­fi­kant in­sis­tiert, im Un­ter­schied zum Or­gan. Die se­xu­ier­ten Po­si­tio­nen be­ru­hen dann auf Sät­zen, die „sein“, „ha­ben“ und „Phal­lus“ ent­hal­ten so­wie eine Ne­ga­ti­on: „der Mann ist nicht ohne ihn zu ha­ben“, „die Frau ist ohne ihn zu ha­ben“11, „man muss dar­auf ver­zich­ten, der Phal­lus zu sein, um ihn zu ha­ben“, „und dass der Mensch, ob männ­lich oder weib­lich, ak­zep­tie­ren muss, ihn zu ha­ben und ihn nicht zu ha­ben, aus­ge­hend von der Ent­de­ckung, dass er Phal­lus nicht ist“12.

Es ist si­cher, dass die weib­li­che Po­si­ti­on sich nicht dar­auf re­du­ziert, zu ak­zep­tie­ren, das Or­gan nicht zu ha­ben, den Pe­nis­neid an­zu­neh­men. Sie be­ruht viel­mehr auf ei­ner sub­ti­len Po­si­ti­on im Ver­hält­nis zum „Phal­lus sein“, auf ei­ner kom­ple­xen Po­si­ti­on, in der die Weib­lich­keit mit der Hys­te­rie kon­fron­tiert ist, aber auch mit der Psy­cho­se.

So meint „der Phal­lus sein“ in ei­ner ers­ten Be­deu­tung die phal­li­sche Mas­ke­ra­de, das Er­schei­nen (pa­raît­re), das auch ein „Da­ne­ben­sein“ (parêt­re)13 ist, das Ko­mö­di­en­spiel zwi­schen den Ge­schlech­tern. Die Frau wür­de all ihre At­tri­bu­te in der Mas­ke­ra­de ver­wer­fen14, wür­de we­gen dem ge­liebt und be­gehrt sein wol­len, was sie nicht ist. Hin­ter der Mas­ke zeich­net sich be­reits eine Lee­re ab, die La­can spä­ter so nen­nen wird: „die Frau exis­tiert nicht“15.

Aber „der Phal­lus zu sein“ kann auch mit dem Preis der se­xu­el­len Fri­gi­di­tät be­zahlt sein, wor­an zu se­hen ist, dass die­se Iden­ti­fi­zie­rung an die Lust an­grenzt. Es gäbe eine „ima­gi­nä­re Iden­ti­fi­zie­rung der Frau (in ih­rer Sta­tur als dem Be­geh­ren an­ge­bo­te­nes Ob­jekt) mit dem phal­li­schen Eich­maß […], wel­ches das Phan­tas­ma un­ter­stützt“16. Um von ei­nem Mann ge­liebt und be­gehrt zu wer­den, um sich das Phan­tas­ma des Man­nes an­zu­eig­nen, wür­de eine Frau sich phal­lisch auf­rich­ten, wo­durch sie für jede se­xu­el­le Lust un­zu­gäng­lich wür­de. Der Nut­zen für sie wäre nar­ziss­tisch: um ih­ren ei­ge­nen Lie­bes­an­spruch zu er­fül­len. Den Phal­lus mit der Ge­samt­heit des Kör­pers zu in­kar­nie­ren, mit sei­ner Sta­tur, wäre das Hin­der­nis für die Lust ei­nes Tei­les des Kör­pers, wür­de sie un­emp­find­lich ma­chen.

In ei­ner drit­ten Be­deu­tung wür­de „der Phal­lus sein“ die weib­li­che Hys­te­rie cha­rak­te­ri­sie­ren, durch eine Iden­ti­fi­zie­rung, die stär­ker un­be­wusst und we­ni­ger ima­gi­när wäre. Es wür­de sich nicht um die fri­gi­de Phal­lus-Frau han­deln, son­dern um eine se­xu­ell be­frie­dig­te Frau, die nicht auf­hört, sich mit dem Mann zu iden­ti­fi­zie­ren, um zu wis­sen, was er au­ßer ihr, über sie hin­aus, be­geh­ren könn­te. Und jen­seits die­ser Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Man­gel im an­de­ren, die von Freud als hys­te­risch be­zeich­net wird17, gäbe es eine letz­te Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Si­gni­fi­kan­ten des Be­geh­rens, mit dem Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten. Das Bei­spiel hier­für ist der Traum der „schö­nen Metz­gers­frau“ in der Traum­deu­tung, den La­can kom­men­tiert hat.18 Jen­seits der männ­li­chen Iden­ti­fi­zie­rung mit ih­rem Part­ner (wie kann mein Ehe­mann, den ich se­xu­ell er­fül­le, eine an­de­re be­geh­ren, die ihn nicht be­frie­di­gen wür­de?), iden­ti­fi­ziert sich das Sub­jekt mit dem We­sen des Be­geh­rens als ei­nem Ab­so­lu­ten, mit dem Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten. Im Traum wird er durch „et­was ge­räu­cher­ten Lachs“ bild­lich dar­ge­stellt und in den Rang des ver­schlei­er­ten Phal­lus der an­ti­ken Mys­te­ri­en er­ho­ben, sagt La­can.

Von der Ko­mik der In­sze­nie­rung zwi­schen den Ge­schlech­tern bis hin zur ge­hei­men Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem ab­so­lu­ten Si­gni­fi­kan­ten, auf dem Weg über die Tra­gik ei­nes die se­xu­el­le Emp­fin­dungs­fä­hig­keit ab­tö­ten­den Nar­ziss­mus zeigt sich hier eine all­zu gro­ße Po­ly­se­mie des Aus­drucks „der Phal­lus sein“.

Das wird da­durch ver­stärkt, wie der Aus­druck im Fal­le der Be­zie­hung des Kin­des zur Mut­ter ver­wen­det wird. Wel­chen Platz kann das Kind im Be­geh­ren der Mut­ter ein­neh­men, wenn die­ses Be­geh­ren durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ge­prägt ist? Die Mut­ter ist eine freu­dia­ni­sche Frau un­ter dem Ein­fluss des Pe­nis­nei­des, also gibt es ins­ge­samt ein Drei­eck: das Kind, der Phal­lus und sie. Die Psy­cho­se, in wel­cher der Phal­lus ver­wor­fen ist, im­pli­ziert, dass eine Er­satz­ant­wort er­fun­den wird, die im Fal­le von Schre­ber als „wahn­haf­te Me­ta­pher“19 be­zeich­net wird: „dass ihm man­gels des­sen, der Phal­lus sein zu kön­nen, wel­cher der Mut­ter fehlt, die Lö­sung bleibt, die Frau zu sein, wel­che den Män­nern fehlt“20. Der Aus­druck „der Phal­lus sein“ be­zeich­net hier die Po­si­ti­on, die das Sub­jekt im Be­geh­ren der Mut­ter ein­nimmt, vor dem tren­nen­den Ein­grei­fen des Va­ters, das sich nicht im­mer her­stellt.

Das Kon­zept „der Phal­lus sein“ er­mög­licht es also, eine Rei­he von Pro­ble­men zu lö­sen, die Freud of­fen ge­las­sen hat­te, lei­det je­doch un­ter ei­ner all­zu gro­ßen Viel­falt von Be­deu­tun­gen und Be­zü­gen.

Warum Freges „Satz mit Loch“?

Im Jah­re 1972, in L’Étourdit, be­vor er dort die phal­li­sche Funk­ti­on und sei­ne For­meln der Se­xu­ie­rung vor­stellt, ver­or­tet La­can die Se­xu­ie­rung zu­nächst im Rah­men von 1958, „der Phal­lus sein oder den Phal­lus ha­ben“: „Es hat kei­nes­wegs et­was Ex­zes­si­ves – im Hin­blick auf das, was die Er­fah­rung uns lie­fert –, wenn man aus dem Phal­lus sein oder Phal­lus ha­ben (vgl. mei­ne Be­deu­tung in den Schrif­ten) die­je­ni­ge Funk­ti­on macht, die für das se­xu­el­le Ver­hält­nis den haupt­säch­li­chen Er­satz bil­det.“21 War­um dann den Phal­lus als eine Funk­ti­on ein­füh­ren, die for­mal durch die Aus­sa­ge­funk­ti­on dar­ge­stellt wird, statt wei­ter­hin rhe­to­ri­sche For­meln zu ver­wen­den, mit Ne­ga­tio­nen, die sich dar­auf be­zie­hen, „der Phal­lus zu sein oder ihn zu ha­ben“?

Zu­nächst si­cher­lich auf­grund der Viel­zahl der Wer­te, die die Wen­dung „der Phal­lus sein“ an­ge­nom­men hat­te. Die­se Er­gän­zung der Freud’schen Theo­rie ge­stat­tet es ja nicht, die nar­ziss­ti­schen Iden­ti­fi­zie­run­gen des Ichs, die un­be­wuss­ten Iden­ti­fi­zie­run­gen des Sub­jekts und sei­ne Po­si­tio­nen in Be­zug auf die Lust zu dif­fe­ren­zie­ren.

Der positive Wert der phallischen Funktion: Lust an der Kastration

Wenn wir also fra­gen, war­um La­can sich in den 70er Jah­ren zur Neu­be­stim­mung des Phal­lus und der Se­xu­ie­rung auf die Aus­sa­ge­funk­ti­on22 be­zo­gen hat, fin­den wir drei haupt­säch­li­che Grün­de.

Der ers­te be­steht, wie ge­sagt, dar­in, dass der Phal­lus kein Si­gni­fi­kant ist, der mit an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten ver­gleich­bar wäre, und dass „phal­lisch sein“ nicht ein­fach als eine wei­te­re Iden­ti­fi­zie­rung an­ge­se­hen wer­den kann. Der Phal­lus ist also kein At­tri­but, er ge­hört nicht zur aris­to­te­li­schen Lo­gik der Klas­se, wie sie durch den Satz mit Sub­jekt, Ko­pu­la und At­tri­but de­fi­niert ist. Die Bio­lo­gie kann mit den raf­fi­nier­tes­ten kör­per­li­chen und ge­ne­ti­schen At­tri­bu­ten auf der Ebe­ne die­ser Lo­gik blei­ben; die Psy­cho­ana­ly­se je­doch muss, wenn sie das Rea­le des se­xu­el­len Nicht-Ver­hält­nis­ses be­rück­sich­ti­gen will, über die Iden­ti­fi­zie­rung durch das At­tri­but hin­aus­ge­hen.

Der zwei­te Grund be­steht dar­in, dass die Spe­zi­fik des Phal­lus mit sei­nem uni­ver­sa­len Ver­hält­nis zur Lust ver­bun­den ist; uni­ver­sal, das heißt von al­len an­er­kannt, von all de­nen, die zu ei­ner wei­ten Men­ge ge­hö­ren. Um rasch vor­an­zu­kom­men, könn­te man sie als die­je­ni­gen de­fi­nie­ren, die, wie der klei­ne Hans, zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt ge­glaubt ha­ben, alle hät­ten ihn, als die­je­ni­gen, die die­sem nor­ma­ti­ven Glau­ben – der „männ­li­chen Norm“ – an­ge­han­gen ha­ben, die also den se­xu­el­len Dis­kurs der Ge­mein­schaft ak­zep­tiert ha­ben. Wenn wir uns den drei Pha­sen der Se­xu­ie­rung zu­wen­den, wer­den wir dar­auf zu­rück­kom­men.23 Die Re­le­vanz des­sen, von ei­ner phal­li­schen Funk­ti­on zu spre­chen, be­steht dar­in, dass da­mit eine Funk­ti­on der Lust ein­ge­führt wird, die mit dem Kas­tra­ti­ons­kom­plex ver­bun­den ist. Die­ser wird für ge­wöhn­lich als eine Ne­ga­ti­vi­tät an­ge­se­hen, als eine Be­gren­zung. Aber zu­gleich emp­fin­det das Sub­jekt Lust von sei­ner Kas­tra­ti­on her und mit ihr. Das ist cha­rak­te­ris­tisch für die Neu­ro­se und, Freud zu­fol­ge, eben das Hin­der­nis am Ende der Ana­ly­se. Es geht also dar­um, mit dem Phal­lus so­wohl eine po­si­ti­ve Lust­funk­ti­on zu ver­bin­den als auch die ne­ga­ti­ve Funk­ti­on von Ge­setz und Ver­bot, die­je­ni­ge, die der Freud’sche Kas­tra­ti­ons­kom­plex mit dem Va­ter ver­bun­den hat­te. Die phal­li­sche Funk­ti­on hat also eine rea­le Sei­te, die Lust, und eine sym­bo­li­sche Sei­te, das Ge­setz und das Ver­bot, aus­ge­hend von der Kas­tra­ti­on.

Der drit­te Grund be­zieht sich auf die De­fi­ni­ti­on des Sub­jekts in der Psy­cho­ana­ly­se. Das Sub­jekt ist nicht das­je­ni­ge, wel­ches ist, wel­ches hat, wel­ches zu sein oder zu ha­ben glaubt. Wenn man sich für ei­nen Mann oder für eine Frau hält, wenn man sagt „ich bin ein Mann“ oder „ich bin eine Frau“, bleibt das eine Sa­che des „Ichs“ oder des Gen­der24 und be­sagt nicht viel über die Se­xu­ie­rung. In den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se ha­ben die Hys­te­ri­ke­rin­nen Freud ge­lehrt, dass man als Frau auf­tre­ten kann und sich gleich­zei­tig, bis hin zur Ver­ge­wal­ti­gungspan­to­mi­me, mit ei­nem Mann iden­ti­fi­zie­ren kann – wie bei be­stimm­ten hys­te­ri­schen An­fäl­len, „in de­nen die Kran­ke gleich­zei­tig bei­de Rol­len der zu­grun­de­lie­gen­den se­xu­el­len Phan­ta­sie spielt, also zum Bei­spiel wie in ei­nem Fal­le mei­ner Be­ob­ach­tung, mit der ei­nen Hand das Ge­wand an den Leib preßt (als Weib), mit der an­de­ren es ab­zu­rei­ßen sucht (als Mann)“25. Das Sub­jekt ist nicht das Sub­jekt des Aus­ge­sag­ten, es ist viel­mehr mit dem Äu­ße­rungs­vor­gang ver­bun­den, au­ßer­halb des gram­ma­ti­schen Sat­zes, es ist in den Lö­chern des Dis­kur­ses zu er­fas­sen, im ex­ple­ti­ven ne wie in „Je crains qu’il ne vi­en­ne“ (in etwa: „Ich fürch­te dass er viel­leicht kommt“), Schwan­ken, Zö­gern zwi­schen Furcht, Hoff­nung und Be­geh­ren. Das Sub­jekt ist Man­gel, Man­gel-an-Sein, Man­gel-an-Ha­ben, Ver­bin­dung bei­der. Die Lacan’sche De­fi­ni­ti­on des Sub­jekts – ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten ein Sub­jekt – im­pli­ziert, dass sich das Sub­jekt nur er­fas­sen lässt durch ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der es re­prä­sen­tiert, mit dem es sich iden­ti­fi­ziert, von dem es je­doch im­mer nur das Ver­schwin­den ist. Das Sub­jekt wird als durch­ge­stri­che­ner Si­gni­fi­kant ge­schrie­ben26, es ist eine Lee­re, die mit At­tri­bu­ten zu­ge­deckt wird; be­reits vor sei­ner Ge­burt war es ein „Pol von At­tri­bu­ten“27. Aus die­sem Grun­de ist das Sub­jekt nicht an sich se­xu­iert. Als Sub­jekt ist es nicht Mann oder Frau, au­ßer durch ei­nen Miss­brauch der Spra­che.28 Es se­xu­iert sich nur ver­mit­tels des Si­gni­fi­kan­ten, durch den es sich re­prä­sen­tie­ren lässt; nur durch den Si­gni­fi­kan­ten und die Spra­che hat die­ses lee­re Sub­jekt ein Ver­hält­nis zum Ge­schlecht. Aber mit wel­chem In­stru­ment kann man über die Lust die­ses Sub­jekts spre­chen?

La­can hat an den „Satz mit Loch“29 ge­dacht, also an die Aus­sa­ge­funk­ti­on. Sie wur­de 1879 von Fre­ge er­fun­den, der ihr den Na­men „Funk­ti­on“ gab30, spä­ter wur­de sie von Bert­rand Rus­sell in „pro­po­si­tio­nal func­tion“ um­ge­tauft, „Satz­funk­ti­on“ oder „Aus­sa­ge­funk­ti­on“31. Fre­ge hat eine neue Art er­fun­den, den Satz zu ana­ly­sie­ren, der sich von der aris­to­te­li­schen Zer­le­gung in Sub­jekt und At­tri­but (oder Prä­di­kat) un­ter­schei­det. Er hat ein neu­es Paar ein­ge­führt, „Funk­ti­on“ und „Ar­gu­ment“, das sich aus dem Satz her­lei­tet, wenn man ihn auf eine be­stimm­te Wei­se zer­legt. Im Satz „Was­ser­stoff­gas ist leich­ter als Koh­len­säu­re­gas“ kann man die Be­deu­tung (und auch den Wahr­heits­wert) da­durch ver­än­dern, dass man „Was­ser­stoff­gas“ durch „Sauer­stoff­gas“, „Stick­stoff­gas“ oder ein an­de­res Gas er­setzt. Man kann also an­neh­men, dass es in die­sem Satz „ei­nen blei­ben­den Be­stand­teil“ gibt, „der die Ge­samt­heit der Be­zie­hun­gen dar­stellt“, und das wäre dann die Funk­ti­on, die man als ei­nen Satz mit Loch schrei­ben kann, „__ ist leich­ter als Koh­len­säu­re­gas“.32 Die­ser Satz ent­hält nur ein ein­zi­ges Loch, er könn­te aber auch zwei ha­ben, „__ ist leich­ter als __“.33 Der Be­stand­teil, der an ei­ner Leer­stel­le ein­ge­setzt wer­den kann, nennt sich Ar­gu­ment oder auch Va­ria­ble. Der Satz wird dann fol­gen­der­ma­ßen ge­schrie­ben: Φ(A), wor­in Φ die Funk­ti­on ist und A das Ar­gu­ment, oder auch so: Φ(A, B), wenn es zwei Ar­gu­men­te gibt, A und B, usw. Es ist klar, dass ein und der­sel­be Aus­gangs­satz in meh­re­re un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen ver­wan­delt wer­den kann, je nach­dem, an wel­cher Stel­le man die Lö­cher ein­fügt. Auf die­se Wei­se löst die Lo­gik sich von der Gram­ma­tik.

Die Aus­sa­ge­funk­ti­on – ein Satz mit Lö­chern, der ei­nen Wahr­heits­wert (wahr oder falsch) an­neh­men soll  – ist ge­eig­net, um den Platz ei­nes lee­ren Sub­jekts zu ver­or­ten, im Ver­hält­nis zum Phal­lus, der die Po­si­ti­vi­tät ei­ner Lust und die Ne­ga­ti­vi­tät der Freud’schen Kas­tra­ti­on in sich ver­dich­tet. La­can be­dient sich die­ser Funk­ti­on in dem Mo­ment, in wel­chem er in der Lo­gik nach Werk­zeu­gen für eine Schreib­wei­se sucht, die es ge­stat­tet, sich auf das Rea­le als Un­mög­li­ches zu be­zie­hen, um das Rea­le von „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ mit Hil­fe ei­ner Funk­ti­on zu schrei­ben, der phal­li­schen Funk­ti­on, in der die Lust sich mit der Spra­che ver­kno­tet. In Fre­ges Be­griffs­schrift34 voll­zog die Lo­gik der Aus­sa­ge­funk­ti­on ei­nen Bruch mit der aris­to­te­li­schen Klas­sen­lo­gik, die von der Gram­ma­tik und den na­tür­li­chen Spra­chen ab­hängt. Wie man ge­se­hen hat, wur­de der Satz nicht mehr mit den Ka­te­go­ri­en des Sub­jekts und des Prä­di­kats bzw. At­tri­buts ana­ly­siert, son­dern mit dem neu­en Paar von Funk­ti­on und Ar­gu­ment. Fre­ge be­müh­te sich, eine for­ma­le Spra­che zu schaf­fen, die ge­eig­net wäre, die Ar­gu­men­ta­tio­nen der Arith­me­tik zu for­ma­li­sie­ren und zu be­schrei­ben, d.h. das Rea­le der Zahl zu kon­stru­ie­ren. Wir kön­nen ver­su­chen, eine Par­al­le­le zum Vor­ge­hen von La­can zu zie­hen, das dar­in be­steht, das Rea­le von „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ durch eine Lo­gik zu er­fas­sen, die nicht die des At­tri­buts und der Iden­ti­fi­zie­run­gen wäre, son­dern eine Lo­gik, die di­rekt das Ver­hält­nis des Sub­jekts zur phal­li­schen Lust auf­schreibt. Aus dem Phal­lus eine Aus­sa­ge­funk­ti­on zu ma­chen, ist auch des­we­gen von In­ter­es­se, weil es da­durch mög­lich wird, sich von der Quan­to­ren­lo­gik in­spi­rie­ren zu las­sen, die Fre­ge zur sel­ben Zeit er­fun­den hat wie die Funk­ti­on. La­can hat eine For­ma­li­sie­rung aus­ge­ar­bei­tet, der er die Form ei­ner neu­en „Quan­ti­fi­zie­rung“ ge­ge­ben hat und die sich von Fre­ges un­ter­schei­det, in­dem er für bei­de die­sel­be Funk­ti­on der Lust ver­wand­te, die phal­li­sche Funk­ti­on. Die­se Lacan’sche Quan­ti­fi­zie­rung um­fasst vier Quan­to­ren, näm­lich Alle (\forall ), Exis­tenz (\exists ), Nicht-Exis­tenz (\overline {\exists}) und Nicht-Alle (\overline {\forall}). In Ver­bin­dung mit der phal­li­schen Funk­ti­on ({\Phi \text {x}}) und de­ren Ne­ga­ti­on (\overline {\Phi \text {x}} ) er­hält man vier For­meln der Se­xu­ie­rung35, zwei für die Mann­sei­te (links) und zwei für die Frau­sei­te (rechts):

\exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}}        \overline {\exists \text {x}} \overline {\Phi \text {x}}

\forall \text {x} \Phi \text {x}        \overline {\forall \text {x}} \Phi \text {x}

Der Phallus als Aussagefunktion

La­can ent­lehnt die For­mu­lie­rung sei­ner phal­li­schen Funk­ti­on also Fre­ge. Er schreibt die phal­li­sche Lust wie ei­nen Aus­sa­ge­satz, Φ(x), mit ei­nem ein­zi­gen Ar­gu­ment bzw. mit ei­ner ein­zi­gen Va­ria­blen, x; der Satz wird so ge­le­sen: „x schreibt sich in die phal­li­sche Funk­ti­on ein“. Das Sub­jekt ma­ni­fes­tiert sich im Satz als Loch, als Lee­re, und als sol­ches kann es nicht Ar­gu­ment der Funk­ti­on Φ(_) sein. Die Va­ria­ble x re­prä­sen­tiert das Sub­jekt in sei­nem Ver­hält­nis zum Ge­schlecht. Das ist ein Si­gni­fi­kant, durch des­sen Ver­mitt­lung sich das Sub­jekt in die Funk­ti­on als ihr Ar­gu­ment ein­schreibt. Da­von kann es meh­re­re ge­ben, ihre An­zahl ist je­doch be­schränkt. Für das Sub­jekt sind es Si­gni­fi­kan­ten der Lust, die es re­prä­sen­tie­ren, wie „gut“ oder „schlecht“ im Fall von Jo­sia­ne. Aber we­der „gut“ noch „schlecht“ ha­ben es ihr er­mög­licht, sich in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­zu­schrei­ben, die für sie ver­wor­fen ist. Für Jo­sia­ne ist Φ(x) stets „falsch“, wel­ches auch im­mer der Si­gni­fi­kant sein mag, den man in x ein­schreibt. Man soll­te lie­ber sa­gen, dass sie sich nicht in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­schreibt oder dass sie ihre Lust nicht in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­schreibt, das sind äqui­va­len­te Ar­ten, das­sel­be zu sa­gen. Für Dora hin­ge­gen be­zeich­net der mehr­deu­ti­ge Si­gni­fi­kant „un­ver­mö­gend“ – das Wort ih­res Sym­ptoms – die Iden­ti­fi­zie­rung mit ih­rem Va­ter, in­so­fern er kas­triert ist.36 Die­ser Si­gni­fi­kant ge­stat­tet ihr also, ihre Lust in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­zu­schrei­ben. Man wird dem­nach schrei­ben kön­nen „un­ver­mö­gend ist ein Si­gni­fi­kant, der Dora re­prä­sen­tiert“. Die­ser Si­gni­fi­kant der Lust wird ihr von ih­rem Un­be­wuss­ten ge­lie­fert, so wie „schlecht“ durch das Un­be­wuss­te von Jo­sia­ne ge­lie­fert wird. Dem­nach gilt, „un­ver­mö­gend schreibt sich in die phal­li­sche Funk­ti­on ein“, und also ist „Φ(unvermögend)“ für Dora „wahr“.37 Im Fal­le von Dora sieht man, dass die phal­li­sche Funk­ti­on mit dem Kon­ver­si­ons­sym­ptom ver­knüpft ist. Die­ses, eine Apho­nie, wird durch das Wort „un­ver­mö­gend“ auf­ge­ho­ben, mit dem das Sym­ptom ge­deu­tet wird. Das Sym­ptom und die phal­li­sche Funk­ti­on sind durch Ver­mitt­lung die­ses Si­gni­fi­kan­ten mit­ein­an­der ver­knüpft. In der Neu­ro­se ist das im­mer wahr. Das Sym­ptom be­wahrt die Mar­kie­rung der Kas­tra­ti­on, was auf­grund der Ver­drän­gung oft­mals ver­kannt wer­den kann. Das ist kei­nes­wegs über­ra­schend, wenn man Freud in der Fra­ge der Sym­ptom­bil­dung folgt. Das Sym­ptom ent­steht ja durch die Ver­drän­gung, die durch die Kas­tra­ti­ons­dro­hung her­vor­ge­ru­fen wird; die­se Ver­drän­gung nö­tigt den Trieb dazu, sich eine Er­satz­be­frie­di­gung zu su­chen, das Sym­ptom. Die Kas­tra­ti­on prägt sich also dem In­halt des Sym­ptoms ein, je­doch auf ka­schier­te Wei­se – vom Pferd ge­bis­sen zu wer­den, In­halt des Sym­ptoms des klei­nen Hans, ist der de­for­mier­te Er­satz da­für, vom Va­ter kas­triert zu wer­den.38 Der Un­ter­schied zwi­schen den Fäl­len von Jo­sia­ne und von Dora weist uns dar­auf hin, dass sich hier für das Sub­jekt eine Wahl er­öff­net, eine Al­ter­na­ti­ve, näm­lich die, sich mit den Si­gni­fi­kan­ten sei­nes Ge­nie­ßens in die­se Funk­ti­on ein­zu­schrei­ben oder nicht ein­zu­schrei­ben. Die­se Al­ter­na­ti­ve deckt den struk­tu­rel­len Un­ter­schied zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se ab.39

Wenn wir wie­der die Fre­gesche De­fi­ni­ti­on der Funk­ti­on auf­grei­fen, „ein blei­ben­der Be­stand­teil, der die Ge­samt­heit der Be­zie­hun­gen dar­stellt“ – wel­chen Sinn könn­te das für die phal­li­sche Funk­ti­on ha­ben? Un­ter der Kon­stanz die­ser Funk­ti­on kann zu­nächst ihre Uni­ver­sa­li­tät ver­stan­den wer­den. Es ist die­sel­be Funk­ti­on für alle, un­ab­hän­gig vom Sub­jekt. Das Sub­jekt schreibt sich hier auf­grund des Be­geh­rens der Mut­ter ein. Die Mut­ter be­gehrt den Phal­lus und das Sub­jekt wird dazu ge­bracht, sich in funk­tio­na­ler Ab­hän­gig­keit von die­sem Be­geh­ren zu ver­or­ten. Die Uni­ver­sa­li­tät des Phal­lus wird vom Sub­jekt in Ge­stalt ei­nes „alle sind phal­lisch“ an­ge­nom­men, was die ers­te Freud’sche in­fan­ti­le Se­xu­al­theo­rie ist.40

In ei­nem zwei­ten Sinn hat die Kon­stanz der phal­li­schen Funk­ti­on für ein ge­ge­be­nes Sub­jekt zeit­li­chen, dia­chro­nen Cha­rak­ter: Die Ein­schrei­bung oder Nicht-Ein­schrei­bung ist eine Wahl des Sub­jekts, die ein für al­le­mal voll­zo­gen wird, es kann nicht wie­der dar­auf zu­rück­kom­men. Das ist die struk­tu­ra­lis­ti­sche Hy­po­the­se von La­can, die ihn dazu bringt, die Zu­rück­wei­sung der Ein­schrei­bung in die phal­li­sche Funk­ti­on durch das Sub­jekt als for­clu­si­on zu be­zeich­nen, als „Ver­wer­fung“, was der Wahl der Psy­cho­se ent­spricht.41 Die­se struk­tu­ra­lis­ti­sche Hy­po­the­se ist auch eine be­stimm­te Les­wei­se des­sen, dass der Kas­tra­ti­ons­kom­plex für Freud eine zen­tra­le Be­deu­tung hat. Wenn Freud über den Jun­gen sagt – wir ha­ben oben dar­auf hin­ge­wie­sen –, dass im Kon­flikt zwi­schen dem nar­ziss­ti­schen In­ter­es­se am Pe­nis und der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung der El­tern das nar­ziss­ti­sche In­ter­es­se am Pe­nis den Sieg da­von­trägt, dann im­pli­ziert dies, dass dem Or­gan ein für al­le­mal eine Li­bi­do­re­ser­ve vor­be­hal­ten bleibt42, und dies kor­re­liert mit ei­nem Ver­lust, mit der Zu­rück­wei­sung ei­ner an­de­ren Lust, die man als in­zes­tuös be­zeich­nen könn­te. An­ge­sichts der Wahl zwi­schen dem Pe­nis und der Mut­ter ist es nor­mal, den Pe­nis zu wäh­len. Die Kon­stanz be­steht in die­ser de­fi­ni­ti­ven Wahl, die den dop­pel­ten Wert der phal­li­schen Funk­ti­on in sich schließt. Sie hat also zu­nächst ei­nen po­si­ti­ven Wert, den der phal­li­schen Lust, der Aus­übung ei­ner Macht.

Negativer Wert der phallischen Funktion: Kastration und Verzicht

Der ne­ga­ti­ve Wert er­gibt sich auf der an­de­ren Sei­te der Kas­tra­ti­on – als Kas­tra­ti­on oder Pri­va­ti­on der Lust, eine rea­le Ope­ra­ti­on43, die weit hin­aus­geht über ihre ima­gi­nä­re Ver­bild­li­chung durch Dro­hung oder Neid in der Er­in­ne­rung des Sub­jekts. Die­ser ne­ga­ti­ve Wert ist zu­nächst der Tat­sa­che ge­schul­det, dass die Wahl, näm­lich die Ein­schrei­bung in die phal­li­sche Funk­ti­on, äqui­va­lent ist mit der un­be­wuss­ten An­er­ken­nung von „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ (wie wir in Ka­pi­tel I die­ses Bu­ches ge­se­hen ha­ben). Der Phal­lus ist so das ein­zi­ge Si­gni­fi­kat der Lust in der Spra­che.44 Das be­sagt, dass dann, wenn es um Lust geht, un­be­wusst sei­ne Be­deu­tung evo­ziert wird. Nun, das, was hier grund­le­gend auf­taucht, ist ein „Das ist es nicht“45, wo­durch die er­reich­te phal­li­sche ent­täu­schen­de Lust von der er­war­te­ten Lust un­ter­schie­den wird, die die­je­ni­ge des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses wäre, nach der das exi­lier­te spre­chen­de We­sen so et­was wie eine Sehn­sucht be­wahrt, nach der es ein un­be­stimm­tes Be­stre­ben hat, von der es ge­wis­ser­ma­ßen ei­nen Ap­pell er­hält, der von an­ders­wo­her kommt. Viel­leicht ist dies die Spur des Ver­zichts auf den In­zest mit der Mut­ter. An­ders ge­sagt, die Wahl der phal­li­schen Funk­ti­on im­pli­ziert, dass die Lust nur phal­lisch si­gni­fi­ziert wird. Das ist ein Ver­zicht. Es wird kei­ne an­de­re Be­deu­tung ge­ben als eine phal­li­sche. Das be­deu­tet nicht, dass das Sub­jekt kei­ne an­de­ren Lüs­te ver­spürt; in dem Mo­ment je­doch, in dem es sie sa­gen will, sie si­gni­fi­zie­ren will, sie durch die Spra­che hin­durch­ge­hen las­sen will, bleibt nicht mehr als die phal­li­sche Be­deu­tung, die re­du­zie­ren­den Cha­rak­ter hat. Al­les, was über die Lust ge­sagt wer­den kann, geht durch den phal­li­schen Fil­ter hin­durch, der es durch das Ver­hält­nis zu ei­nem an­de­ren Ge­nie­ßen ne­ga­ti­viert, das nicht exis­tiert, zu dem des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.

Über den ne­ga­ti­ven Wert der phal­li­schen Funk­ti­on kann man auch sa­gen, dass sie der Funk­ti­on selbst in­ne­wohnt. Die phal­li­sche Funk­ti­on, Φ(_), ist iden­tisch mit der Kas­tra­ti­ons­funk­ti­on. Der Aus­druck Φ(_) kann also auch ge­le­sen wer­den als „x ist phal­lisch“, „x ist kas­triert“, da „kas­triert sein“ nicht das Ge­gen­teil von „phal­lisch sein“ ist. Phal­lus und Kas­tra­ti­on sind eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Aber der Phal­lus ist nicht das Or­gan. Sich in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­zu­schrei­ben im­pli­ziert eine Ver­kno­tung zwi­schen Lust und Kas­tra­ti­on, die im Sym­ptom des Sub­jekts les­bar ist, ent­zif­fer­bar ist, wie man am Bei­spiel von Dora se­hen kann, aber eben­so bei je­der an­de­ren Neu­ro­se. Der Neu­ro­ti­ker emp­fin­det Lust aus­ge­hend von sei­ner Kas­tra­ti­on, mit sei­ner Kas­tra­ti­on und von sei­ner Kas­tra­ti­on. Dar­auf be­ruht die Neu­ro­se, ge­stützt auf den Va­ter, dem die Kas­tra­ti­on als Agent zu­ge­wie­sen ist. Wie emp­fin­det ein Sub­jekt von sei­ner Kas­tra­ti­on her Lust? Lässt sich die­se Lust mo­di­fi­zie­ren? Dar­um geht es in ei­ner Ana­ly­se, die im­pli­ziert, vom Sym­ptom des Sub­jekts aus­zu­ge­hen.

Quel­le: Ge­ne­viè­ve Mo­rel: „La fonc­tion phal­li­que“. In: Dies.: Am­bi­guïtés se­xu­el­les. Se­xua­ti­on et psy­cho­se. An­thro­pos, Eco­no­mi­ca Pa­ris 2000, S. 111–124. Alle Rech­te bei Ge­ne­viè­ve Mo­rel und dem An­thro­pos-Ver­lag. Über­setzt von Rolf Nemitz. Ver­öf­fent­li­chung auf die­ser Web­site mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Au­to­rin.

Über Geneviève Morel

Geneviève Morel 149 x 149 pxGe­ne­viè­ve Mo­rel ist Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin in Pa­ris und Lil­le und Mit­grün­de­rin von ALEPH (As­so­cia­ti­on pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire).

Zu ih­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hö­ren: Am­bi­guïtés se­xu­el­les. Se­xua­ti­on et psy­cho­se, Eco­no­mi­ca, Pa­ris 2000; Das Ge­setz der Mut­ter. Ver­such über das se­xu­el­le Sin­t­hom (2008). Über­setzt von Anna-Lisa Die­ter. Tu­ria und Kant, Wien 2017; Cli­ni­que du sui­ci­de (als Her­aus­ge­be­rin), Eres, Tou­lou­se 2010; Pant­al­las y su­e­nos. En­say­os psi­co­ana­li­ti­cos sob­re la imagen en mov­imi­en­toedi­cio­nes S&P, Bar­ce­lo­na 2011.

Kon­takt: genevieve.morel.gm [at] gmail.com

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Anmerkungen

  1. An­mer­kung des Über­set­zers: „Lust“ steht im Fol­gen­den für jouis­sance, „Lust emp­fin­den“ für jouir, „Ge­schlecht“ für sexe.– Zum Pro­blem der Über­set­zung von jouis­sance vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.
  2. S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–145.
  3. Vgl. in die­sem Buch, S. 106–111 (nicht in die­ser Über­set­zung).
  4. S. Freud: Ei­ni­ge psy­chi­sche Fol­gen des ana­to­mi­schen Ge­schlechts­un­ter­schieds (1925). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 253–266, hier: S. 259.
  5. S. Freud: Das Un­be­wuss­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 119–174, hier: S. 157.
  6. L’Étourdit. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 449–495, hier: S. 466.
  7. Vgl. die Gi­raf­fen­zeich­nung in Freuds Ana­ly­se des klei­nen Hans; S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 9–122, hier: S. 19.
  8. Vgl. S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben, a.a.O.
  9. Vgl. S. Freud: Die end­li­che und die un­end­li­che Ana­ly­se (1937). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Er­gän­zungs­band: Schrif­ten zur Be­hand­lungs­tech­nik. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 351–392, hier: Teil VIII, S. 392.
  10. J. La­can: Die Be­deu­tung des Phal­lus. In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 192–204, hier: S. 202 f.
  11. J. La­can: Le Sé­min­aire, Li­v­re VI. Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­ti­on (1958/59). Hg. v. Jac­ques-Alain Mil­ler. La Mar­ti­niè­re, Pa­ris 2013, S. 258.
  12. J. La­can: Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht. In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text, a.a.O., S. 72–145, hier: S. 141.
  13. J. La­can: L’Étourdit, A.a.O., S. 488 f., 491. Wir ha­ben das am Ende von Ka­pi­tel I, S. 37 f., kom­men­tiert. Es han­delt sich um das Er­schei­nen (pa­raît­re), das sich zum Sein (être) ma­chen will.
  14. Vgl. oben, Ka­pi­tel I, S. 36.
  15. Vgl. J. La­can: Pré­face à L’Éveil du prin­temps“ (1974), in: Ders.: Au­tres écrits. a.a.O., S. 561–563: „Die Mas­ke wür­de nur am Ort der Lee­re ex-sis­tie­ren, an den ich Die Frau stel­le.“ (S. 563)
  16. J. La­can: Rich­tung­wei­sen­de The­men­vor­schlä­ge für ei­nen Kon­gress über weib­li­che Se­xua­li­tät. In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text, a.a.O., S. 239–253, hier: S. 249, Klam­mer-Ein­fü­gung von La­can.
  17. Vgl. S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61–134, hier: S. 100.
  18. Vgl. S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2001, Ka­pi­tel IV, „Die Traum­ent­stel­lung“, S. 162–166.– J. La­can: Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, a.a.O., S. 122; und J.-A. Mil­ler: Trio de Mélo. In: La cau­se freu­dien­ne, Nr. 31, 1995, S. 9–19.
  19. J. La­can: Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text, a.a.O., S. 9–71, hier: S. 64.
  20. Über eine Fra­ge, a.a.O., S. 50 f.– Eine Me­ta­pher ist für La­can die Er­set­zung ei­nes Si­gni­fi­kan­ten durch ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten.
  21. J. La­can: L’Étourdit, a.a.O., S. 458.– Mit Be­deu­tung ist der Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus ge­meint.
  22. Vgl. Gott­lob Fre­ge: Be­griffs­schrift, eine der arith­me­ti­schen nach­ge­bil­de­te For­mel­spra­che des rei­nen Den­kens. Ne­bert, Hal­le 1879, Kap. 1, § 9 und 10, „Die Funk­ti­on“, so­wie Bert­rand Rus­sell: Ein­füh­rung in die ma­the­ma­ti­sche Phi­lo­so­phie (1919). Mei­ner, Ham­burg 2006.
  23. Vgl. in die­sem Buch S. 141 ff. (nicht Teil die­ser Über­set­zung).
  24. Vgl. in die­sem Buch das Ka­pi­tel „Cri­tique du gen­re“ (Kri­tik des Gen­der), S. 70–73 (nicht Teil die­ser Über­set­zung).
  25. S. Freud: Hys­te­ri­sche Phan­ta­si­en und ihre Be­zie­hung zur Bi­se­xua­li­tät (1908). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 187–195, hier: S. 194 f., Ein­fü­gung in Klam­mern von Freud.
  26. $.
  27. J. La­can: An­mer­kung zum Be­richt von Da­ni­el Lag­a­che, „Psy­cho­ana­ly­se und Struk­tur der Per­sön­lich­keit“. In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text, a.a.O., S. 146–191, hier: S. 153.
  28. Ein Miss­brauch, den wir be­stän­dig be­ge­hen!
  29. Bild­haf­ter Aus­druck, um die „Funk­ti­on“ von Fre­ge oder die „Aus­sa­ge­funk­ti­on“ von Rus­sell zu be­zeich­nen, von J.-A. Mil­ler ver­wen­det, um die Theo­rie des Sub­jekts als Va­ria­ble dar­zu­stel­len, in sei­nem Se­mi­nar „Vom Sym­ptom zum Phan­tas­ma und zu­rück“ (1982/83, un­ver­öf­fent­licht), Sit­zung vom 8. De­zem­ber 1982, wo er sich auf eine Dar­stel­lung der Aus­sa­ge­funk­ti­on durch den Lo­gi­ker Jean van Hei­j­nenoort be­zieht.
  30. Fre­ge, a.a.O., S. 15.
  31. Vgl. Rus­sell, a.a.O, S. 174 ff.– In­zwi­schen spre­chen die Lo­gi­ker vom „Prä­di­ka­ten­kal­kül“.
  32. Fre­ge, a.a.O., S. 15.
  33. Vgl. oben den Fall Ma­ria, S. 132 (nicht in die­ser Über­set­zung), der mit ei­nem Satz ge­schrie­ben wird, der drei Lö­cher ent­hält (nicht in der Über­set­zung ent­hal­ten).
  34. A.a.O., S. 15 ff.
  35. Vgl. J. La­can: L’Étourdit, a.a.O., S. 458, und Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core. Text­her­stel­lung J.-A. Mil­ler, Über­set­zung Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger. Qua­dri­ga, Wein­heim 1986, S. 85.
  36. Vgl. S. Freud: Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 83–186, hier: S. 122.
  37. In der Pra­xis ist man nicht so for­ma­lis­tisch, aber es scheint uns nütz­lich zu sein, durch Bei­spie­le zu prä­zi­sie­ren, was Φ(x) be­deu­tet. Zu Dora vgl. oben S. 105 (nicht Teil die­ser Über­set­zung).
  38. Vgl. S. Freud: Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 227–310, hier: S. 252.– Vgl. auch oben Ka­pi­tel I, S. 31 f., und Ka­pi­tel III, S. 82 (nicht Teil die­ser Über­set­zung).
  39. Bei die­ser Auf­tei­lung ist die Per­ver­si­on auf die­sel­be Sei­te zu set­zen wie die Neu­ro­se, der­je­ni­gen der Ein­schrei­bung in die phal­li­sche Funk­ti­on, je­doch mit an­de­ren Mo­da­li­tä­ten.
  40. Vgl. S. Freud: Über in­fan­ti­le Se­xu­al­theo­ri­en (1908). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, B. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 169–184.
  41. For­clu­si­on ist La­cans Über­set­zung des Freud’schen Aus­drucks „Ver­wer­fung“, der eine Zu­rück­wei­sung be­zeich­net, die ra­di­ka­ler ist als die Ver­drän­gung. Sie ist ir­rever­si­bel. Die Ver­wer­fung der phal­li­schen Funk­ti­on kor­re­liert mit der Ver­wer­fung oder Zu­rück­wei­sung des Na­mens-des-Va­ters, wo­durch die Psy­cho­se im Lacan’schen Sin­ne des Aus­drucks ge­kenn­zeich­net ist. Denn die phal­li­sche Be­deu­tung ist die Be­deu­tung, die im Un­be­wuss­ten des Neu­ro­ti­kers durch den Na­men-des-Va­ters her­ge­stellt wird, als Fol­ge der „Va­ter­me­tapher“, die eine Um­schrei­bung des Ödi­pus­kom­ple­xes durch La­can im Jah­re 1958 ist. Die Va­ter­me­tapher be­steht dar­in, dass das Be­geh­ren-der-Mut­ter durch den Na­men-des-Va­ters er­setzt wird. Das Be­geh­ren der Mut­ter ist durch die Lau­nen der Mut­ter cha­rak­te­ri­siert, die ihre Lie­be und die sie sym­bo­li­sie­ren­den Ob­jek­te will­kür­lich gibt und zu­rück­zieht. Die Er­set­zung des Be­geh­rens-der-Mut­ter durch den Na­men-des-Va­ters hin­dert das Kind dar­an, das pas­si­ve Ob­jekt die­ser Lau­nen zu sein. Das In­zest­ver­bot und die Exis­tenz des vä­ter­li­chen Ge­set­zes er­set­zen die müt­ter­li­che Will­kür. Der Name-des-Va­ters und die phal­li­sche Be­deu­tung be­herr­schen das Un­be­wuss­te des Neu­ro­ti­kers.
    Für den Ter­mi­nus for­clu­sion be­zieht La­can sich, au­ßer auf den recht­li­chen Sinn des Aus­drucks (Prä­k­lu­si­on, Rechts­aus­schluss), auf die Gram­ma­ti­ker Jac­ques Da­mouret­te und Édouard Pi­chon: Des mots à la pen­sée. Édi­ti­ons D’Artrey, Pa­ris 1911–1940, Band 6, Ka­pi­tel „La for­clu­si­on“, S. 172: „die­se ver­wer­fen­den Stru­men­te (stru­ments for­clu­sifs) (pas, plus, point, ja­mais usw.) ha­ben die Funk­ti­on, das, was sie aus­drü­cken, aus dem Fel­de des­sen zu ver­trei­ben, was als real oder rea­li­sier­bar an­ge­se­hen wird“. Vgl. S. Apa­ri­cio: La for­clu­si­on, pré­his­toire d’un con­cept. In: Or­ni­car? Nr. 28, 1984, Na­va­rin, Pa­ris, S. 83, so­wie oben, Ka­pi­tel II, S. 42.
  42. Vgl. J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud’schen Un­be­wuss­ten (1960). In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text, a.a.O., 325–368, hier: S. 361; er spricht dort von die­sem Kör­per­teil als von dem, „was das In­ners­te der Au­to­ero­tik in sich zu­sam­men­zieht“.
  43. Vgl. J. La­can: Le Sé­min­aire, Li­v­re XVII, L’envers de la psy­chana­ly­se (1969/70). Hg. v. Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1991, S. 149.
    Wir ha­ben hier nicht im Ein­zel­nen die Vor­gän­ger des Phal­lus in der Leh­re von La­can kom­men­tiert, be­vor er in den 70er Jah­ren dar­aus die phal­li­sche Funk­ti­on macht. J.-A. Mil­ler hat die­sen Weg un­ter­sucht und re­kon­sti­tu­iert, in sei­nem un­ver­öf­fent­lich­ten Se­mi­nar L’orientation la­ca­ni­en­ne an der Ab­tei­lung für Psy­cho­ana­ly­se der Uni­ver­si­tät Pa­ris VIII, an dem wir teil­ge­nom­men ha­ben. Was man hier fest­hal­ten kann, ist das, was es tat­säch­lich an Neu­em gibt. Der „alte“ sym­bo­li­sche Phal­lus, den man bei­spiels­wei­se in den 60er Jah­ren in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud’schen Un­be­wuss­ten fin­det (a.a.O., S. 361–363), wird hier im­pli­zit bei­be­hal­ten. Die­ser sym­bo­li­sche Phal­lus, der mit Φ sym­bo­li­siert wird und als „Si­gni­fi­kant der Lust“ cha­rak­te­ri­siert wird, war das Sym­bol der Op­fe­rung des Ge­nie­ßens im Mo­ment des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes, wo­von wir hier be­reits ge­spro­chen ha­ben (Op­fe­rung des In­zests und der Au­to­ero­tik). Zu­gleich war er, am uni­ver­sa­len Ur­sprung des Be­geh­rens, die Stüt­ze für ei­nen Punkt des Man­gels im Sub­jekt, Man­gel-an-Sein, Man­gel-an-Ha­ben. Er stellt also die Ver­bin­dung dar zwi­schen ver­bo­te­ner Lust, oder Op­fe­rung der Lust durch das Sub­jekt, und Be­geh­ren als dem dar­aus her­vor­ge­hen­den Man­gel.
    Aber wenn er auch ei­nen po­si­ti­ven Wert als Sym­bol hat­te, blieb er doch im sym­bo­li­schen Re­gis­ter und re­prä­sen­tier­te nicht die ef­fek­ti­ve und rea­le Wirk­sam­keit ei­ner mit dem Sym­ptom ver­knüpf­ten Lust, wie es die phal­li­sche Funk­ti­on der 70er Jah­re tut. So ist die Be­deu­tung der Se­xu­ie­rungs­for­mel ∀xΦ(x), auf der Mann­sei­te, die fol­gen­de: „Die ge­sam­te se­xu­el­le Lust ei­nes Man­nes schreibt sich in die phal­li­sche Funk­ti­on ein“, und sie kann bei­spiels­wei­se den sym­pto­ma­ti­schen Wert ei­nes Hin­der­nis­ses für die Be­zie­hung zu ei­ner Frau an­neh­men.
    Der sym­bo­li­sche Phal­lus kann durch den ab­so­lu­ten Wert ex­em­pli­fi­ziert wer­den, den das Sub­jekt in be­stimm­ten Ak­ten dem Be­geh­ren ver­leiht, wie im Akt der jun­gen Ho­mo­se­xu­el­len von Freud, die sich vor ih­rem Va­ter von ei­ner Brü­cke stürzt, um ihm zu zei­gen, wor­in für eine Frau das wah­re Be­geh­ren be­steht, näm­lich in et­was, das zur Ord­nung der hö­fi­schen Lie­be zur Dame ge­hört (vgl. S. Freud: Über die Psy­cho­ge­ne­se ei­nes Fal­les von weib­li­cher Ho­mo­se­xua­li­tät (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 255–281; vgl. J. La­can: Das Se­mi­nar, Buch IV. Die Ob­jekt­be­zie­hung (1956/57). Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2003, S. 125 f.).
    Was den ima­gi­nä­ren Phal­lus be­trifft, so ha­ben wir dar­über be­reits ge­spro­chen, er ist die bild­haf­te Dar­stel­lung des Phal­lus, er ist also vom Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert, ganz an­ders als die Dar­stel­lung des Or­gans, das durch das Ab­schwel­len cha­rak­te­ri­siert ist. Als ein Bild, das auf ewig eri­giert ist und das vom Kör­per ab­ge­trennt ist, wie man es als Graf­fi­ti sieht, wird es nur durch die Spra­che und die dif­fe­ren­ti­el­le Struk­tur des Si­gni­fi­kan­ten er­mög­licht. Die­ses Bild fun­giert auch als Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens; im Un­be­wuss­ten des Jun­gen ist es häu­fig in den Ge­stal­ten des Phal­lus-Girls prä­sent.
  44. Vgl. J. La­can: Le sé­min­aire, Li­v­re XIX, … ou pire (1971/72). Text­her­stel­lung vom Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2011, Sit­zung vom 8. De­zem­ber 1971.
  45. Vgl. J. La­can, En­core, a.a.O., S. 121.

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