Freud und Fließ

Der einzige Andere

Christus als Triumphator, Kuppel der Klosterkirche Daphni bei AthenChris­tus als Tri­um­pha­tor, Kup­pel der Klos­ter­kir­che Daph­ni bei Athen, Mo­sa­ik, ca. 1100  (La­can be­zieht sich auf die­ses Bild in Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 119)

Auf wel­che Au­to­ren stützt sich La­can bei der Ent­wick­lung des Be­griffs des An­de­ren? Bis­lang dach­te ich: auf He­gel-Ko­jè­ve und auf He­gel-Ko­jè­ve-Sart­re, also auf Ko­jè­ves He­gel­vor­le­sung von 1933 bis 19391 und auf Sar­tres Haupt­werk von 1943, das wie­der­um von Ko­jè­ve in­spi­riert ist.2

In ei­nem Vor­trags­text von Mai We­ge­ner zur Rol­le des Pu­bli­kums für die Psy­cho­ana­ly­se sto­ße ich auf die­se Zi­ta­te aus Freuds Brie­fen an Wil­helm Fließ:

(…) wo ich den An­de­ren kaum ent­beh­ren kann und du der ein­zi­ge An­de­re, der al­ter, bist. (21.Mai 1894)
Ich hof­fe, jetzt bist du wie­der für lan­ge Zeit der Alte (!] und läßt Dich auch von mir als wohl­ge­neig­tes Pu­bli­kum wei­ter­hin miß­brau­chen. Ohne sol­ches kann ich ei­gent­lich doch nicht ar­bei­ten. (16. Mai 1897)
Ich bin so un­end­lich froh, daß du mir ei­nen An­de­ren schenkst, ei­nen Kri­ti­ker und Le­ser, und noch dazu von dei­ner Qua­li­tät. Ganz ohne Pu­bli­kum kann ich nicht schrei­ben, kann mir aber ganz gut ge­fal­len las­sen, daß ich es nur für Dich schrei­be. (18. Mai 1898)
Ich kann Dich aber, den Re­prä­sen­tan­ten des ‚An­de­ren‘, lei­der nicht ent­beh­ren und – habe wie­der 60 Blät­ter für Dich.“ (21.September 1899).

Eine drit­te In­spi­ra­ti­ons­quel­le für das Kon­zept des An­de­ren könn­te also Freud ge­we­sen sein. Der Brief vom 18. Mai 1898 wur­de zwar erst nach La­cans Tod ver­öf­fent­licht, in der voll­stän­di­gen Aus­ga­be der Fließ­brie­fe von 1985; die an­de­ren zi­tier­ten Brie­fe wa­ren je­doch be­reits in der 1950 er­schie­ne­nen Aus­wahl­aus­ga­be ent­hal­ten. (Die ers­ten bei­den al­ler­dings mit Kür­zun­gen; soll­ten aus­ge­rech­net die hier zi­tier­ten Pas­sa­gen ge­tilgt wor­den sein – ich kann das jetzt nicht über­prü­fen –, bleibt mir zur Stüt­zung mei­ner phi­lo­lo­gi­schen Spe­ku­la­ti­on im­mer noch der letz­te Brief, der 1950 voll­stän­dig ab­ge­druckt wur­de.)3

Freud wen­det sich an eine ge­staf­fel­te For­ma­ti­on von An­de­ren, wor­in Fließ die ers­te Li­nie bil­det und das an­ony­me Pu­bli­kum die zwei­te; zwi­schen die­sen bei­den Li­ni­en herrscht eine Re­prä­sen­ta­ti­ons­be­zie­hung.

Auch La­can adres­siert sich (darf man so sa­gen?) an ei­nen dop­pel­ten An­de­ren :
– ers­te For­ma­ti­on: die Teil­neh­mer sei­nes Se­mi­nars (eso­te­ri­scher An­de­rer, exo­te­ri­scher Stil),
– zwei­te For­ma­toin: das an­ony­me Pu­bli­kum (exo­te­ri­scher An­de­rer, eso­te­ri­scher Stil).

Die Un­ter­schie­de sprin­gen ins Auge.
. Freud: in­di­vi­du­el­ler Erst-An­de­rer,
.. La­can: Grup­pen-Erst-An­de­rer.
. Freud: Auf­ge­ben des Erst-An­de­ren bei Kri­se im Ver­hält­nis zum Erst-An­de­ren (Fließ-Kri­se),
.. La­can: Wech­sel des Erst-An­de­ren bei Kri­se im Ver­hält­nis zum Zweit-An­de­ren (neue Hö­rer­schaft beim Kon­flikt mit der In­ter­na­tio­nal Psy­cho­ana­ly­ti­cal As­so­cia­ti­on).
. Freud: Der Erst-An­de­re re­prä­sen­tiert Freud ge­gen­über den Zweit-An­de­ren.
.. La­can: Der Erst-An­de­re hat für den Zweit-An­de­ren die Funk­ti­on des La­can-In­ter­pre­ten und da­mit die Auf­ga­be, ge­gen­über dem Zwei-An­de­ren La­can zu re­prä­sen­tie­ren.
Und so wei­ter.

Den­noch: Zwei An­de­re.

NACHTRAG vom 16.1.2011:

In Rou­di­nes­cos La­can-Bio­gra­phie sto­ße ich auf fol­gen­des De­tail.

Von 1932 bis 1938 war La­can bei Ru­dolph Lo­ewen­stein in Ana­ly­se. Lo­ewen­stein hielt La­can für nicht ana­ly­sier­bar; La­can hielt Lo­ewen­stein für nicht in­tel­li­gent ge­nug, um ihn ana­ly­i­se­ren zu kön­nen (wie er Ca­the­ri­ne Mil­lot ein­mal an­ver­trau­te, die es Rou­di­nes­co an­ver­trau­te, die es uns an­ver­trau­te).

Doch in sei­nem Se­mi­nar, so füg­te er hin­zu, da habe er den Ein­druck, eine Ana­ly­se zu ma­chen.“4

Also nah­men die Se­mi­nar­teil­neh­mer für La­can die­sel­be Po­si­ti­on ein, wie Fließ ge­gen­über Freud.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Alex­andre Ko­jè­ve: In­tro­duc­tion à la lec­tu­re de He­gel. Leçons sur la Phé­no­mé­no­lo­gie de l’esprit, pro­fes­sées de 1933 à 1939 à l’École des Hau­tes Étu­des. Hg. v. Ray­mond Que­ne­au. Gal­li­mard, Pa­ris 1947; dt. (Teil­über­set­zung): He­gel. Eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung sei­nes Den­kens. Kom­men­tar zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. über­setzt von Iring Fet­scher. Kohl­ham­mer, Stutt­gart 1958; Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975
  2. Jean-Paul Sart­re: L’être et le néant. Es­sai d’ontologie phé­no­mé­no­lo­gi­que. Gal­li­mard, Pa­ris 1943, dt.: Das Sein und das Nichts. über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994
  3. Aus­wahl­aus­ga­be: Sig­mund Freud: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se: Brie­fe an Wil­helm Fließ. Ab­hand­lun­gen und No­ti­zen aus den Jah­ren 1887 – 1902. Hg. v. Ernst Kris. Ima­go, Lon­don 1950.– Un­ge­kürz­te Aus­ga­be: Sig­mund Freud: Brie­fe an Wil­helm Fließ 1887 – 1904 (1985). Hg. v. Jef­frey Mous­sai­eff Mas­son. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1986.
  4. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schich­te ei­nes Denk­sys­tems (1993). Aus dem Fran­zö­si­schen von Hans-Die­ter Gon­dek. Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln 1996, S. 123.

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