Graf des Begehrens

Das Verschwinden? des Grafen?

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Der Graf des Begehrens ist Lacans Alternative zu Freuds zweiter Topik, also zu dessen räumlicher Konzeption des seelischen Apparats mit den Instanzen Es, Ich und Über-Ich. Genauer gesagt: Der Graf ist die Antwort auf Freuds zeichnerische Darstellung dieser Topik, die sich am Modell der organischen Differenzierung orientiert. Eine erste Version von Freuds Strukturdiagramm findet man in Das Ich und das Es von 19231; eine überarbeitete Fassung, in der auch das Über-Ich seinen Platz erhält, in der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 19332.

Lacans Graf stützt sich nicht auf das Vorbild der organischen Differenzierung. Er entwickelt ihn in Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten, sowie in Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung; die dort vorgestellten Schemata sind zuerst von Jean-Baptiste Pontalis veröffentlicht worden, in dessen Zusammenfassungen der beiden Seminare im Bulletin de psychologie von 1958 und 19603. Die elaborierteste Version des Lacanschen Grafen findet man in Lacans Abhandlung Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens, die auf einem Vortrag von 1960 beruht und zuerst 1966 in den Ecrits veröffentlicht wurde.

Wie immer, wenn man die Spur eines Grafen kreuzt, stellen sich die folgenden beiden Fragen:
– Ist der Graf verschwunden? Und:
– Ist der Graf ein Graf?

Ist der Graf verschwunden?

Evans schreibt in seinem Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse:

„Lacan entwickelt den Graphen des Begehrens zum ersten Mal im Le Séminaire, Livre V (Lacan, 1957–58), um die psychoanalytische Theorie des Witzes darzustellen (siehe Freud, 1905c). Der Graph taucht in einigen der folgenden Seminare wieder auf (siehe Lacan, 1958–59 und 1960–61), verschwindet dann aber völlig aus Lacans Schriften.“4

Der Graf ist demnach ein verschwindendes Objekt. Und sein Abgang hat ein bestimmtes Datum: nach 1961 hat er sich nicht mehr blicken lassen. Stimmt das? Keineswegs. Der Graf ist für Lacan auf dem Weg der Theoriebildung einer der stabilsten Begleiter. Auch nach 1961 wird er in den Seminaren ständig herbeibemüht. Beispielsweise heißt es in Seminar 13 von 1965/66, Das Objekt der Psychoanalyse :

„Wir müssen infolgedessen die Wirkung des Anspruchs daraufhin prüfen, ob die durch unsere Graphik definierte Relation mit dem Begehren hier wiederzufinden ist.“5

Die Übersetzung ist hier missglückt (zumindest in der mir vorliegenden ersten Auflage von 1975).6 „Unsere Graphik“ ist die falsche Übersetzung von „nôtre graphe“, „unser Graf“; und „unser Graf“ – oder „mein Graf“ – ist Lacans übliche Bezeichnung für das Gebilde, das Evans als „Graf des Begehrens“ tituliert.

Zum letzten Mal lässt Lacan den Grafen in Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, auftreten. In der Vorlesung vom 19. März 1974 – also 13 Jahre nach dem von Evans behaupteten Verlustzeitpunkt – sagt er:

„C’est pas entre autres que j’ai inventé l’objet (a), entre autres machins, comme certains s’imaginent. Parce que l’objet (a) est solidaire – tout au moins au départ – du graphe . Vous savez peut-être ce que c’est ? J’en suis même pas sûr …¶ Mais enfin c’est un truc qui a une forme comme ça, avec deux machins qui traversent là, et puis en plus:ça. Je dis ça, parce que au point où nous en sommes c’est nécessaire.“

Zu deutsch:

„Ich hab das Objekt (a) nicht unter anderm erfunden, nicht unter andern Dingern, wie einige sich das vorstellen. Denn das Objekt (a) ist – zumindest zu Anfang – untrennbar verbunden mit dem Grafen. Sie wissen vielleicht, was das ist? Da bin ich mir gar nicht so sicher… Aber letztlich ist das eine Sache, die eine Form hat comme ça, mit zwei Dingern, die dort kreuzen, und dann außerdem: ça, es. Ich sage ça, es, denn an dem Punkt, an dem wir damit sind, ist das notwendig.“

Beschränkt sich der Graf nach 1961 darauf, in den Seminaren aufzutreten? Nein, auch in den veröffentlichten Texten wird er von Lacan lange nach diesem Zeitpunkt immer wieder herbeizitiert. Hier eine Liste mit Zeit und Ort seines Erscheinen7:

  • 1967/68: Proposition sur les psychanalystes de l’école (AE S. 249)
  • 1968/69: L’acte psychanalytique (AE S. 377)
  • 1970: Allocution sur l’enseignement (AE S. 303)
  • 1970: Préface à une thèse (AE S. 398)
  • 1973: L’étourdit (AE S. 468)

Ist der Graf ein Graf?

Aber nun zu einer wichtigeren Frage. Ist der Graf überhaupt ein Graf? Handelt es sich bei ihm um einen Grafen im Sinne der mathematischen Grafentheorie?

Ein Mathematiker erkennt einen Grafen daran, dass er Ecken und Kanten hat. Nun hat der Lacansche Graf aber tatsächlich Ecken und Kanten. Also ist der Graf ein Graf.

Dies sind seine Ecken:
– A (Anderer)
– $◊D (Subjekt im Verhältnis zum Anspruch – Formel für den Trieb)
– S(Ⱥ) (Signifikant des Mangels im Anderen)
– s(A) (Signifikat des Anderen)

Und dies seine Kanten:
– die Abschnitte auf der Linie der Intentionalität (der große Bogen von $ nach I(A))
– die Abschnitte auf der unteren Signifikantenkette (von Signifikant bis Stimme)
– die Abschnitte auf der oberen Signifikantenkette (von Genießen bis Kastration).

Der Graf kann also Anspruch darauf erheben, auch von den Mathematikern als Graf anerkannt zu werden. Um sich ihnen verständlich zu machen, könnte er sich folgendermaßen charakterisieren: Ich bin
– ein endlicher Graf (die Mengen meiner Ecken und Kanten sind endlich) ,
– ein orientierter Graf (meine Kanten sind Pfeile)
– und ein Multigraf (zwei meiner Ecken können durch mehrere Kanten miteinander verbunden sein).

Lacan, Graf des Begehrens, AusschnittKann dem Grafen also der mathematische Adelstitel verliehen werden? Nicht ohne einige korrigierende Maßnahmen in bezug auf die Titulierung. Worauf beispielsweise bezieht sich die Bezeichnung „Signifikant“ am Beginn der unteren Signifikantenkette? Auf den Startpunkt? Auf den ersten Abschnitt der Kette? Auf die Kette insgesamt? Eine ähnliche Frage stellt sich für den Beginn der Intentionalitätslinie. Meint $ (für „sujet barré“, durchgestrichenes/versperrtes Subjekt) genau den Anfangspunkt? Oder das erste Segment? Oder die gesamte Linie der Intentionalität? Wenn man den Lacanschen Grafen als Wesen von mathematischer Art anerkennen möchte, muss man sich, was die Bezeichnungen betrifft, zu einer Vereindeutigung zwingen. Was ist mit ihnen gemeint: Ecke oder Kante, und wenn Kante: von wo bis wo? Das ist möglich und wäre dem Ansehen des Grafen möglicherweise sogar dienlich.

Graf des Begehrens - imagiäre Linien rotDie Deutung des Lacanschen Grafen im Sinne der mathematischen Grafentheorie stößt jedoch an eine unüberwindliche Grenze. Sie wird durch die H-förmigen Pfeilkombinationen im unteren und im oberen Teil des Grafen errichtet, die ich im nebenstehenden Bild rot eingefärbt habe. Ein Pfeil verläuft hier so, dass er sich, nach anfänglicher Isolation, mit seinem Gegenstück berührt, eine gewisse Strecke mit ihm gemeinsam durchläuft und sich schließlich wieder von ihm trennt. Wenn man diese Art der Liaison beschreiben will, darf man sich nicht darauf beschränken, die Ecken anzugeben, die durch einen Pfeil verbunden werden, sowie die Richtung, die er hierbei einschlägt. Man muss darüber hinaus die Form beschreiben, die der Pfeil bei der Herstellung und Auflösung der Verbindung annimmt. Mit dieser Formgebundenheit verletzen die die H-förmig liierten Pfeile aber eine konstitutive Regel des mathematischen Grafenreglements. Für einen mathematischen Grafen ist verpflichtend, dass ihm Formfragen gleichgültig sind. Die Beziehungen der Nähe und der Ferne, wie sie von den H-förmigen Pfeilverbindungen realisiert werden, findet man im euklidischen Raum. Ein mathematischer Graf hat mit Räumlichkeiten dieser Art nichts zu schaffen, er stützt sich auf Nachbarschaftsbeziehungen ganz anderer Art.

In Seminar 5 sagt Lacan:

„Stellen Sie sich einmal vor, Sie nehmen mein kleines Netz und knüllen es zusammen, Sie machen eine kleine Kugel daraus und Sie stecken es in Ihre Tasche. Nun, im Prinzip bleiben die Relationen immer noch dieselben, eben weil es Ordnungsbeziehungen sind.“8

Stimmt nicht ganz (und darauf verweist vielleicht die Radio-Eriwan-Wendung „im Prinzip“). Eine Relation geht dabei verloren: die Überlagerung der beiden von mir rot gefärbten Pfeile in der unteren und in der oberen Etage des Grafen.

Der Lacansche Graf ist kein reiner Graf, sondern ein Bastard. Er ist der illegitime Abkömmling eines mathematischen Grafen und eines euklidischen Diagramms.

Ist das ein Fehltritt? Sicherlich, aber keineswegs eine Fehlleistung, sondern eine kalkulierte Provokation. Die Doppelpfeile stehen ja für das Imaginäre (im unteren Teil des Grafen beziehen sie sich auf das imaginäre Ich, im oberen auf die Fundierung des Begehrens durch das Phantasma). Das Imaginäre ist aber die Ordnung der Formen, der Gestalten, des euklidischen Raums. Mit der Unreinheit seiner Herkunft demonstriert der Lacansche Graf, dass das Begehren auf einer gemischten Verfassung beruht, darauf, dass das symbolische Register vom Imaginären gestützt und durchkreuzt wird.

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Anmerkungen

  1. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 273-330, das Diagramm findet man auf S. 293.
  2. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 447-608, darin die 31. Vorlesung Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, S. 496-516, Diagramm auf S. 515.
  3. Zusammenfassende Wiedergabe der Seminare vom April, Mai und Juni 1958, in: Bulletin de psychologie, 15. Dezember 1958, Band XII/4, Nr. 156.– Zusammenfassende Wiedergabe der Seminare vom November und Dezember 1958 sowie vom 7. Januar 1959 in: Bulletin de psychologie, 5. Januar 1960, Band XIII/5, Nr. 171.– Übersetzt in: Jean-Baptiste Pontalis: Zusammenfassende Wiedergabe der Seminare IV – VI von Jacques Lacan. Aus dem Französischen übersetzt von Johanna Drobnig, unter Mitarbeit von Hans Naumann und Max Kleiner. 2., durchgesehene Auflage. Turia und Kant, Wien 1999; die Diagramme findet man hier auf den Seiten 133 (Seminar 5) und 146 f. (Seminar 6).
  4. Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse (1996). Turia + Kant, Wien 2002, S. 126.
  5. Jacques Lacan: Die Wissenschaft und die Wahrheit. Eröffnungsvorlesung vom 1. Dezember 1965. In: Ders.: Schriften II. Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1975, S. 250.
  6. Gondek hat das in der Neuübersetzung der Schriften geändert; vgl. J. Lacan: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 421.
  7. Das Kürzel AE steht für: Jacques Lacan: Autres écrits. Editions du Seuil, Paris 2001.
  8. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 500.

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